the scars we carry

OneshotAngst, Schmerz/Trost / P12
12.02.2019
12.02.2019
1
3875
1
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
*wink*

Zu Beginn direkt:
SPOILER FÜR KINGDOM HEARTS III!

So, ich will hinterher ja keine Beschwerden hören. :D
Ich halte mich mal kurz:
In puncto Haarverfärbungen bleibe ich bei meinem Headcanon, dass es nicht so schlagartig läuft, wie KH es uns beibringen will und insgesamt weiß ich selbst nicht, was ich von diesem Ergebnis halten soll. Eigentlich bin ich zufrieden, aber irgendwie fehlt mir auch was? Ich weiß auch nicht.
(Mehr KH-Content ist auf jeden Fall in Planung, also hab ich noch Möglichkeiten, meine Unzufriedenheit auszugleichen, hehe. Und Gelegenheiten an den Charakteren zu feilen; dieses Fandom bereitet mir stellenweise irgendwie wirklich Probleme. Aber ich hab Spaß. Ist doch das Wichtigste. Und vielleicht schaffe ich es irgendwann ja auch mal wieder vom angst-content weg. xD)

angst und etwas fluff voraus, enjoy!
Und ich sag's nochmal, SPOILER!
~ Denny

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

  Terra & Aqua
     THE SCARS WE CARRY


Blumen aller Farben reckten ihre zarten Hälse der Sonne entgegen, einige noch geschlossen, andere bereits völlig aufgeblüht. Aqua seufzte und ließ ihre nackten Füße noch etwas weiter in das flache Wasser des Baches gleiten, ehe sie sich wieder dem Buch auf ihrem Schoß widmete.
Mit Xehanorts Ende war es einfach nur friedlich geworden; fast schon zu ruhig. Die Unversierten waren nach Vanitas' Verschwinden nicht wieder aufgetaucht und Herzlose und Niemande waren seltene Einzelfälle geworden. Für keinen der Schlüsselschwertträger gab es derzeit viel zu tun; ihre Hauptsorge war immer noch der verschwundene Sora, obwohl ihnen allen unterbewusst klar war, dass genau das geschehen war, was König Mickey befürchtet hatte: Sora hatte sich der Kraft des Erwachens zu oft bedient, er war in seinem Versuch, Kairi zu retten, zu weit gegangen. Kairi war zwar zurückgekehrt, aber von Sora fehlte jede Spur. Jeder wollte hoffen, dass er doch wieder auftauchte und sowohl Riku als auch Kairi suchten verzweifelt nach einer Lösung – unterstützt von Roxas, der sich seinem Jemand wohl verpflichtet fühlte, weil dieser so intensiv für seine Existenz gekämpft hatte –, aber abseits von ihnen sank die allgemeine Hoffnung immer weiter.
Aqua selbst war sich nicht sicher, ob es von dem Ort, an dem Sora nun war, überhaupt eine Rückkehr geben konnte, aber wenn sie helfen konnte, würde sie es tun. Sora hatte viel riskiert, als er sie aus dem Reich der Dunkelheit rettete.
Ihre Augen strichen teilnahmslos über die Seiten ihres Buches.
Vielleicht war die dunkle Bedrohung für den Moment aus der Welt geschafft, aber das schützte noch lange niemanden vor den eigenen Zweifeln und Sorgen.
Aqua sah die Nachwirkungen der letzten Kämpfe und letzten Jahre bei ihren Freunden. Sie waren zwar in ihrer Heimat etwas zur Ruhe gekommen, aber die Zeichen waren da, dass sie alle noch damit zu kämpfen hatten.
Ventus' Züge hatten in manchen Augenblicken etwas Betrübtes, als würde ihm etwas fehlen und Aqua fürchtete sich vor dem Gedanken daran, dass er diesen Eindruck erst auf sie machte, seit Vanitas von ihnen besiegt worden war. Er war immer noch der aufgeweckte Junge, den sie seit Jahren kannte und der für sie wie ein kleiner Bruder war, aber wenn er glaubte, dass niemand ihn beachtete und Chirithy nicht in der Nähe war, fiel sein Lachen das ein oder andere Mal und bei jemandem, dessen Herz der Inbegriff des Lichtes sein sollte, fühlte sich dieser Anblick schlichtweg falsch an. Er wirkte um Jahre älter, als er eigentlich war; als trüge er eine Last mit sich herum, die er in diesem Alter nicht stemmen sollte.
Terra dagegen drehte sich wie eine Fahne im umschlagenden Wetter. An manchen Tagen war er ganz der Alte, an anderen Tagen sprach er kaum ein Wort mit ihnen und mied sie schon beinahe. Und manchmal redete er ohne Unterbrechung, lachte und wich ihnen nicht von der Seite.
Und dann gab es da noch die Tage, an denen er sich zwar im Umgang mit ihnen normal verhielt, aber sich stundenlang in Trainingsübungen vertiefte, die er gar nicht mehr brauchte. Natürlich mussten sie in Form bleiben und trainierten regelmäßig, aber Terra trieb sich bis an die Grenzen.
Ein metallisches Klirren ließ Aqua aufblicken.
Heute war einer dieser Tage.
Terras Schlüsselschwert schlug unablässig auf die Trainingsgeräte am Fuße des Wasserfalls ein. Als hinge sein Leben davon ab. Dabei konnte sie selbst von oben erkennen, dass er bereits erschöpft war; seine Bewegungen waren nicht mehr alle sauber durchgeführt.
Aqua runzelte die Stirn. Sie wusste nicht, wer von ihren Freunden ihr mehr Sorgen bereiten sollte.
Ganz zu schweigen von ihr selbst.
Ihre linke Hand zuckte unwillkürlich zu ihren blauen Haaren, die Spitzen waren immer noch gräulich gefärbt. Ein Merkmal, das Terra mit ihr teilte, nachdem sie dreizehn Jahre mit der Dunkelheit konfrontiert gewesen waren – wenn auch auf unterschiedliche Weise.
Zu sagen, sie wäre völlig ohne bleibende Schäden aus dem Reich der Dunkelheit zurückgekehrt, wäre eine Lüge gewesen, auch wenn sie mit niemandem darüber redete. Die von finsteren Schlieren durchzogenen, zerstörten Welten und Unmengen an Bildern von Herzlosen aller Art beherrschten den Großteil ihrer Träume und sie war oft genug schreiend oder weinend aufgewacht; einerseits betend, dass jemand sie gehört hatte und sie beruhigen kam, aber andererseits auch immer hoffend, dass niemand kam, weil sie nicht darüber reden wollte, geschweige denn konnte.
Terra war nur einmal zufällig nachts auf dem Gang vor ihrem Zimmer gewesen und hatte sie gehört, aber nach ihrer Versicherung, dass alles in Ordnung war, war er nach kurzem Zögern und einem prüfenden Blick durch ihr Zimmer wieder gegangen. Aqua hatte es nicht über sich gebracht, ihn zu bitten, zu bleiben.
Seitdem beschwor sie jede Nacht aufs Neue eine Lichtkugel herauf, die ihren Raum ein wenig erhellte, weil sie die völlige Finsternis nicht ertragen konnte. Es brachte zu viele Erinnerungen zurück.
Leider half es jedoch kaum.
Schritte sorgten dafür, dass sich ihre Augen von Terra lösten, der ebenfalls innegehalten hatte und sich nach dem gehetzten Geräusch umsah. Nur Sekunden darauf sah Aqua Ventus den Weg hinaufrennen, er schien energiegeladen und gut gelaunt wie immer. Sie lächelte bei dem Anblick unwillkürlich. Terras Laune schien sich bei diesem Anblick ebenfalls zu heben und er ließ sein Schlüsselschwert sinken.
„Ven! Lust auf einen kleinen Kampf?“, rief er dem Jüngeren zu, doch Ven schüttelte im Laufen den Kopf.
„Sorry, ich kann nicht, Chirithy--“ Er ließ den Satz unbeendet in der Luft hängen und erklomm mit einigen geübten Sprüngen den Wasserfall, jagte durch den Bach an Aqua vorbei. Seine Schritte ließen das kalte Wasser aufspritzen und erwischten sie in einer ausreichenden Menge, um sie zum Aufschreien zu bringen.
„Ven!“, klagte sie und er drehte sich im Rennen halb zu ihr um.
„'Tschuldige!“ Und dann war er auch schon wieder den Pfad weiter hinauf geeilt und aus ihrem Sichtfeld verschwunden.
Sie musste erneut lächeln und schüttelte den Kopf, drehte sich wieder zurück und sah Chirithy, wie sie mit großzügigen Sprüngen die Felsvorsprünge hinaufkletterte, um ihrem Freund zu folgen. Niemand konnte sich erklären, woher Chirithy kam oder woher sie Ventus kannte, aber Terra und Aqua wussten, dass sich ihr Freund nicht an seine Vergangenheit erinnern konnte und hatten es nicht weiter hinterfragt. Ventus hatte offensichtlich eine Verbindung zu dem Geisterwesen und solange es ihm nicht schadete, hatten sie ausgemacht, es einfach ruhen zu lassen.
Das Wesen winkte Aqua zu und setzte mit einem eleganten Hüpfer über den Bach hinweg, um Ventus zu folgen.
Aqua seufzte und blickte zu Terra hinab, der plötzlich sämtliche Haltung verloren hatte. Die Spitze seines Schlüsselschwerts berührte beinahe den Boden und er blickte immer noch an Aqua vorbei, seinem jüngeren Freund hinterher. Sie ahnte wieso – er war zwar froh, dass Ven mit Chirithy ein Stück seiner Vergangenheit wiedergefunden hatte, aber es war offensichtlich, dass ihr kleiner Wirbelwind dadurch zurzeit nicht nur sein regelmäßiges Training das ein ums andere Mal verschob, sondern dass er auch einfach weniger Zeit mit ihnen verbrachte. Er trainierte noch, aber häufiger allein am Abend, wenn sie ihre Übungen schon seit Stunden abgeschlossen hatten und sich um das Essen kümmerten.
Terra wandte seinen Blick schließlich von dem Pfad ab und stieß mit seinem Schlüsselschwert lustlos gegen das Metall der Zielscheibe. Sein Wille, weiter zu trainieren, war offenbar verschwunden.
Aqua seufzte leise und legte ihr Buch beiseite, die Seiten waren noch mit Wassertropfen besprenkelt. Ein wenig Sonnenlicht würde ihnen beim schnellen Trocknen helfen; ihr Weiterblättern jedoch nicht. Warum also weiterlesen?
Sie zog die Füße aus dem klaren Wasser des Baches und schlüpfte in ihre Schuhe; dann stand sie auf und sprang leichtfüßig die Vorsprünge hinab. Unten angekommen materialisierte sie Meister Eraqus' Schlüsselschwert. Eigentlich war für heute kein Training angesetzt, aber sie konnte ihren ältesten Freund nicht in diesem niedergeschlagenen Zustand sehen. „Terra!“
Der Brünette warf ihr über die Schulter einen fragenden Blick zu und sie hob zur Antwort nur ihr Schwert. Seine Augen folgten der Bewegung und er lächelte. „Sicher?“
„Würde ich es dir anbieten, wenn ich mir nicht sicher wäre?“, fragte sie zurück und er wandte sich ihr endlich ganz zu.
„Denk dran, du wolltest diesen Kampf“, warnte er sie und verfiel in seine stabilisierende Kampfhaltung.
Aqua lächelte provokant. „Oh, bitte.“ Er trainierte seit Stunden; so schwer konnte es nicht sein, ihn dieses Mal zu übertrumpfen.
Sie nahm ebenfalls Haltung an und fokussierte ihren Blick auf ihn, auf seine bereits angespannten Muskeln, seine vom Wind aufgerauten Haare und seine lauernden Bewegungen, als wartete er auf einen Fehler ihrerseits, während sie begannen sich auf einer Höhe im Kreis zu bewegen, immer darauf bedacht, den ersten Angriff des anderen abfangen zu können.
Keiner von ihnen machte den ersten Schritt und eine gefühlte Ewigkeit schlichen sie auf diese Weise umeinander herum, die Spannung vor der Konfrontation wäre in einem richtigen Kampf Nerven zerreibend gewesen. Vielleicht war das ja seine Absicht, er wollte sie zermürben. Zu einem Fehler zwingen.
Nicht mit mir.
Aqua musterte ihn aufmerksam. Seine Deckung schleifte, weil er auf seine Kraft vertraute, wie üblich. Aber er musste nach all den Jahren wissen, dass sie darauf als erstes achtete und so versuchte, ihn dranzukriegen. Sie hatte über die Jahre alles ausprobiert und er war wiederholt auf die gleichen Finten hereingefallen, aber eine Sache hatte sie noch nie getan, soweit sie sich erinnern konnte – ihn zuerst angreifen lassen. Er vertraute auf seine Stärke und hatte einen offensiveren Kampfstil als sie, aber die Blauhaarige hatte über die Jahre immer ihre Wendigkeit ausgenutzt und zuerst zugeschlagen. Es war Zeit für etwas Neues.
Also wartete sie. Sie wartete, bis sie die Unruhe und Ungeduld bei ihrem Freund sehen konnte – ehe er schließlich das Warten aufgab und vorstürmte. Aqua wich seinem Angriff mit einem gekonnten Radschlag aus und ging zum Gegenangriff über, ihr Schwert zischte durch die Luft – und traf klirrend auf das Metall von Terras. Er stieß sie zurück und setzte eine Schlagabfolge nach, die sie mit Mühe blockte, da in jedem Schlag mehr Kraft steckte, als sie ihrem erschöpften Gegenüber noch zugetraut hatte. Terra setzte erneut zu einem kraftvollen Schlag an und Aqua brachte sich mit einem Rad rückwärts aus seiner Reichweite. Kaum trafen ihre Füße auf den Boden, warf sie sich ihm entgegen und er blockte den Angriff im letzten Moment, warf sie mit etwas Kraftaufwand einige Meter zurück. Aqua schlitterte auf dem erdigen Untergrund ein wenig, ehe sie wieder einen festen Stand finden konnte, doch Terra nutzte ihre Angreifbarkeit bereits aus und schoss mit einem Brüllen auf sie zu.
Erinnerungen an ihren Kampf gegen Terranort blitzten vor ihrem inneren Auge auf und irgendetwas in ihrem Kopf blockierte ihren Verstand schlagartig, sie dachte nicht einmal daran, dass ihre Barriere ihn noch stoppen konnte. Stattdessen erwischte ihr Freund sie mit voller Wucht und ihr halbherzig blockierend angehobenes Schlüsselschwert diente lediglich als Aufprallfläche, ehe sie zurückgeworfen wurde und hart auf dem Boden aufschlug, sie rollte durch den Schwung noch ein Stück und landete dadurch zum Teil im Wasser am Fuß des Wasserfalls. Das Schlüsselschwert ihres Meisters glitt aus ihren Fingern, während sie sich auf ihre angestrengte Atmung konzentrierte und versuchte, den brennenden Schmerz auszublenden, der bei dem Aufeinanderprallen ihrer Schwerter durch ihren rechten Arm geschossen war.
„Aqua!“ Schritte näherten sich ihr und eine Hand berührte sie an der Schulter, drehte sie herum und sie blickte auf in besorgte blaue Augen. „Alles in Ordnung?“
Aqua konnte nicht antworten, weil sie immer noch zu beschäftigt damit war, ihre Atmung wieder zu normalisieren. Sie erwiderte seinen Blick nur und griff mit ihrer linken Hand nach seinem Arm, um ihn irgendwie zu beruhigen, ihm irgendwie zu vermitteln, dass es ihr – den Umständen entsprechend – gut ging. Ihre Augen wanderten zu seinen grau auslaufenden Haarspitzen und wieder zurück zu seinen tief blauen Augen, die in diesem Moment viel mehr dem aufgewühlten Ozean glichen als einem spiegelglatten, ruhigen See.
„Das wollte ich nicht“, murmelte er und seine andere Hand strich ihr eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht. Er fixierte sie kurz und Aqua sah einen Schatten über sein Gesicht huschen, der ihr verriet, dass er diesen bleibenden, grauen Beweis ihrer beider Vergangenheit auch nicht allzu sehr schätzte.
„Ist schon okay, das weiß ich“, gab sie unter Anstrengung zurück und stemmte sich in eine sitzende Position. Der stechende Schmerz in ihrem Arm ließ langsam nach; ein wenig Vita-Magie würde später den Rest beheben.
Terras Hand legte sich auf ihren Rücken und stützte sie, während sie an sich hinab blickte. Sie war bis über die Knie nass, Wasser schwappte um ihre Beine, Eraqus' Schlüsselschwert lag noch neben ihr. Aqua ballte ihre rechte Hand zur Faust und öffnete sie dann wieder, ihre Gelenke schmerzten bei den Bewegungen noch.
„Wieso hast du nicht deine Barriere benutzt?“, hörte sie Terra fragen und sie schloss die Augen, als ihr dämmerte, dass sie ihn nicht anlügen sollte und vermutlich auch nicht konnte. Er kannte sie lange genug, um zu merken, wann sie log oder etwas verschwieg.
„Ich konnte nicht“, gab sie also zu und schlug die Augen auf, sah ihn direkt an. „Ich konnte nicht, weil ich an den Kampf auf dem Schlüsselschwertfriedhof denken musste.“
Terra knirschte mit den Zähnen. „Das war nicht ich.“
„Ich weiß. Aber es ändert nichts daran, dass es dein Körper war. Dein Gesicht.“ Sie kämpfte sich unter Schmerzen und Anstrengung auf die Beine, ihre Muskeln protestierten. Ihr alter Freund stützte sie und half ihr aus dem Wasser zu einer der Mauern am Rande der Fläche vor dem Wasserfall; sie ließ sich erschöpft dort nieder. Ihr Schlüsselschwert dematerialisierte sich derweil, gefolgt von Terras, der seines wohl ebenfalls am Wasser hatte liegen lassen.
„Glaubst du, ich mache mir nicht sowieso schon Vorwürfe?“, fragte er, unterdrückte Wut schwang in seiner Stimme mit.
„Terra, ich weiß, dass du keine Kontrolle hattest. Und niemand hier macht dir Vorwürfe für irgendetwas. Es ist nur in Kampfsituationen manchmal schwer zu vergessen, dass jemand mit deinem Aussehen versucht hat, uns... zu töten.“ Aquas Stimme senkte sich zum Ende hin und sie verstummte, während sie ihr Gegenüber dabei beobachtete, wie er seine Hand zur Faust ballte und den Boden anstarrte, als würde er sich wünschen, ein Abgrund würde sich auftun und ihn verschlingen. Lange Zeit schwieg er und sie wagte es nicht, die Stille zu durchbrechen.
„Trainiert Ven deswegen immer seltener mit uns?“
Aqua fing seinen Blick auf und er wirkte wieder so niedergeschlagen wie vor ihrem Kampf. „Nein“, entgegnete sie verwundert. „Ven beschäftigt irgendetwas Anderes. Er liebt dich, Terra, das hat sicher nichts mit dir zu tun.“
Terra erwiderte darauf nichts.
„Ich weiß, dass dir die letzten Jahre zugesetzt haben, aber du musst versuchen, es loszulassen. Du kannst nicht für alle Zeit zwischen Extremen hin und her springen, das macht dich nur kaputt.“ Sie legte den Kopf leicht schief, während er nur den Boden wieder fixierte.
„Ich will euch nicht wieder verlieren, nur weil ich zu schwach bin, Aqua“, sagte er mit gedämpfter Stimme.
Die Angesprochene schüttelte leicht den Kopf. „Du hast Xehanort dreizehn Jahre lang immer und immer wieder die Stirn geboten und als es darauf ankam, hattest du die Oberhand. Du bist stärker als die meisten von uns, Terra.“
Er schwieg, dann hob er den Blick und sah sie direkt an. „Was ist mit dir?“
Verwirrt erwiderte sie den prüfenden Blick seiner blauen Augen. „Was meinst du?“
„Ich weiß von deinen Albträumen.“
Aqua verkrampfte sich instinktiv, ihre Fingernägel kratzten über das Gestein der niedrigen Mauer. „Woher willst du das wissen?“
Er atmete tief durch. „Ich bin oft genug nachts im Schloss unterwegs.“
Er hat es doch gehört.
„Ich habe dich sehr viel öfter als dieses eine Mal schreien gehört, Aqua.“
Hat er selbst Albträume? Schläft er nachts nicht mehr?
Sie musterte ihn zum wiederholten Male und erst jetzt fielen ihr die dunklen Ringe unter seinen Augen auf, die müden Züge um seine Mundwinkel. Wie konnte ihr das wochenlang entgehen? „Worauf willst du hinaus?“
„Das weißt du.“
Ich bin vielleicht nicht der einzige, der die Vergangenheit ziehen lassen sollte, Aqua. So stand es in seinen Augen, so klar und deutlich wie nur möglich.
„...wie?“, fragte sie leise und er unterbrach ihren Blickkontakt.
„Sag du's mir.“
Aqua schwieg. Sie wusste es nicht. Sie wusste nicht, wie sie ihren Albträumen entkommen und weitermachen sollten, als wären diese dreizehn Jahre nie passiert. Aber vielleicht ging es auch gar nicht darum, ihre Existenz einfach zu ignorieren. „Es ist ein Teil von uns“, murmelte sie. „Vielleicht sollten wir es auch so behandeln.“
„Aber wie?“
Aqua schüttelte ratlos den Kopf, Terra seufzte nur.
„Womöglich gibt es dafür keine richtige Antwort“, sagte sie leise. „Wunden verheilen, aber Narben können auch für immer bleiben.“
Ihre Blicke kreuzten sich erneut und Aqua sah, wie sich in seinen Augen ihre eigene Angst davor widerspiegelte, das alles niemals loszuwerden.

^ ^ ^


Ein greller Schrei entfuhr ihr und sie riss die Augen auf, setzte sich hektisch auf ihrem Bett auf und  starrte so konzentriert wie nur möglich auf die Lichtkugel, die neben ihrem Bett in der Luft schwebte. Aqua schlang die Arme um ihren zitternden Leib und versuchte, ihre Atmung und ihren Puls wieder zu normalisieren.
„Du bist Zuhause“, flüsterte sie in den leeren Raum hinein. „Dir passiert hier nichts. Du bist in Sicherheit. Du bist nicht mehr im Reich der Dunkelheit. Alles ist in Ordnung.“
Langsam beruhigte sie sich wieder, doch ihr Zittern blieb. Die Ecken des Raumes, in die das Licht der magischen Kugel nicht reichte, kamen ihr immer noch unheimlich bedrohlich vor. Ein Teil ihres Unterbewusstseins wartete nur darauf, dass mindestens ein Paar gelber Augen sie ausdruckslos anstarrte und aus diesen Ecken heraus gekrochen kam, um sie zu attackieren.
Ein zaghaftes Klopfen an der Tür ließ ihren Puls wieder in die Höhe schnellen und sie grub unwillkürlich ihre Fingernägel in ihre eigene Haut, bis die Tür langsam aufgeschoben wurde und Terra hineinspähte.
„Hey“, raunte er in den Raum. „Alles in Ordnung?“
Aqua wollte nicken, aber sie schüttelte den Kopf. Als würde ihr Unterbewusstsein ihr sagen, dass er es doch sowieso wusste.
Terra warf einen langen, nachdenklichen Blick zu der Lichtkugel und schob die Tür dann ein Stück weiter auf, er lehnte sich gegen den Türrahmen und sah sie unschlüssig an. „Soll ich... hierbleiben...?“
Aqua unterdrückte den Drang zu lachen angesichts seines fast schon schüchternen Verhaltens, das eigentlich nur noch davon getoppt wurde, dass er außerhalb seiner Trainingskleidung wie ein anderer Mensch wirkte. Barfuß, lockeres T-Shirt, kurze Hose, verstrubbelte Haare – er hätte glatt aus einer anderen Welt stammen oder zumindest wesentlich jünger sein können. Sie selbst fühlte sich in diesem Moment auch nicht, als wäre sie schon erwachsen, aber das war sie nun mal. „Wie du willst“, antwortete sie nach einer Weile, in der er immer mehr gewirkt hatte, als würde er diese Frage im Nachhinein für unglaublich dumm halten.
Terra zögerte sichtlich, stieß sich dann jedoch vom Türrahmen ab und schob die Tür hinter sich ins Schloss, bevor er zu ihrem Bett lief und sich an ihrem Fußende sinken ließ. Er streckte seine Beine aus und Aqua folgte seinem Beispiel, lehnte sich am Kopfende ihres Bettes an. Ihre Beine berührten  einander nur kaum, beinahe flüchtig, aber dennoch genug, um Aqua eine gewisse Wärme und Sicherheit zu vermitteln, die schließlich auch das letzte unbewusste Zittern beruhigte.
„Wie geht’s deinem Arm?“
„Bestens. Vita-Magie wirkt Wunder“, entgegnete sie schlicht und er nickte zustimmend.
„Weißt du noch, wie oft wir das früher gemacht haben?“, fragte er unvermittelt, seine blauen Augen fixierten die Lichtkugel.
Aqua lächelte. „Das ist mehr als zwanzig Jahre her, aber ja.“ Sie warf einen Blick zur Decke, wo vereinzelt kleine Brandflecken von damaligen Experimenten mit ihren magischen Kräften zu sehen waren. „Und dann sind wir älter geworden.“
„Meister Eraqus hielt das wohl nicht mehr für angebracht.“ Terra schmunzelte. „Um fair zu sein, wenn wir so weiter gemacht hätten, hätten wir vielleicht irgendwann aus Versehen das Schloss abgebrannt.“
Aqua blickte ihn in dem dämmrigen Licht an und er erwiderte den Blick sofort. „Ich glaube nicht, dass das der Grund war“, bemerkte sie leise.
Terra sah sie einen Moment verwirrt an, dann schien ihm klar zu werden, was sie meinte und er räusperte sich, senkte den Blick. Aqua musste unwillkürlich lächeln und sie folgte dem inneren Drang, nach seiner Hand zu greifen. Sie beugte sich ein Stück vor, streckte ihre Hand nach ihm aus. Ihre schlanken Finger umschlossen seine raue Hand und er warf ihr einen verwunderten Blick zu, ließ sie aber gewähren. In manchen Momenten war er wirklich unschuldiger als Ventus.
„Warum bist du überhaupt noch wach?“, fragte sie nach einer Weile, in der er seinen Kopf in den Nacken gelegt und die Decke gemustert hatte, sein Daumen gedankenverloren und gleichmäßig über ihren Handrücken streichend, konstant Wellen wohliger Wärme durch ihren Körper schickend.
Terra atmete schwer auf, seufzte fast schon tief.
Aqua reichte das für den Moment als Antwort. Sie drückte seine Hand etwas fester und er sah sie an, ohne seine Haltung zu verändern. Ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Ein Austausch ohne Worte.
Ich bin froh, dass du hier bist.
Und zum ersten Mal seit Wochen plagten sie die restliche Nacht keine weiteren Albträume, in denen die Finsternis sie zu verschlingen drohte.
Review schreiben
 
 
'