Angel dies (Teil 3 der "Angels")

GeschichteAllgemein / P18
11.02.2019
18.03.2019
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Sie hatte tausende von Jahren still und unauffällig im Verborgenen existiert und musste jetzt einiges nachholen. - Zumindest konnte man das annehmen, wenn man nach der Geräuschkulisse urteilte, die seit einigen Jahren im Himmel herrschte.

It was great when it all began, I was Raguel, a Daddy fan“, verballhornte sie gerade ‚Rose tint my world‘ aus der Rocky Horror Picture Show, als sie über die Flure stolzierte. „But it was over when he had the plan to start working on the race of men. Now the only thing that gives me hope is my booze and a bag of dope. Rose tints my… - Naomi! Du! In zwei Stunden! Bei mir! Spießerfummel ausbenedeien! … Keine Widerrede! Ich Erzengel, Du nicht! … Schön, dann eben ein andermal! … So let the party and the sounds rock on. We're gonna shake it `til the grace has gone, gone, gone.
Rose tints my world keeps me safe from my trouble and pain
…-Oh, Baaaaaabyfeder!“

Raguel stieß, ohne anzuklopfen, die Tür zu Castiels Büro auf, der sie mit hochgezogenen Augenbrauen von oben bis unten musterte:
Sie trug ein viel zu kurzes, kariertes Faltenröckchen, das aus einem Hemd von einem der Winchesters genäht zu sein schien, darüber hatte sie eine weiße, kurzärmlige, weit ausgeschnittene Bluse gezogen, die von einem genauso weit dekolletierten, orangenen Pullunder bedeckt wurde. Ihre Füße steckten in knallroten Schnallenpumps, ihre Waden wurden bis unters Knie von schwarzen Strümpfen bedeckt und das bunte Haar hing ihr in zwei geflochtenen Zöpfen auf die Schultern. Eigentlich war sie für ihre Verhältnisse sogar einigermaßen bedeckt, sah aber trotzdem nicht weniger aus wie eine Prostituierte, was auch an dem üblichen, schweren Makeup liegen mochte.

„Na, wieder nüchtern?“, flötete sie. „Den halben Abend den Mund nicht aufbekommen und kaum mogelt Schwester Sündenpfuhl Dir was ins Glas, machst Du den Showmaster“, schwafelte sie weiter, ließ sich auf den Stuhl gegenüber dem Schreibtisch ihres kleineren Bruders fallen und schwang die Beine in gewohnter Manier auf die Tischkante. „Wo hast Du eigentlich ‚Tanz der Vampire‘ gesehen? Ich dachte, Du machst Dir nichts aus Musicals. Aber, Chapeau! Du hast mit Deinem Professor Abronsius glatt Samaels Graf von Krolock gegen die Wand gespielt. - Wie war eigentlich mein Herbert?“
„Äußerst überzeugend“, nickte Castiel. „Wenn auch John anderer Ansicht war. Sag, Raguel, täusche ich mich, oder hat auch Dean ein wenig verwirrt ausgesehen?“
„Neiiin!“ Die Zöpfe flogen um ihren Kopf, als sie ihn vielleicht ein bisschen zu nachdrücklich schüttelte. „Nein, auf keinen Fall! Der war nur nicht darauf gefasst, dass Du zum Partyanimal wirst, wenn man Dir das richtige verabreicht. Und niemand kriegt es besser hin als ich, Dir was zusammen zu mischen, das Dich in Stimmung bringt.“
„Das ist allerdings korrekt.“ Ihr Bruder nickte. „Der Abend hat mich ein wenig an das Gelage bei Lucius erinnert“, bemerkte er dann ein wenig verlegen.
„Welcher Lucius? Domitius oder Ragonius? - Moment!“ Raguel dachte kurz nach. Sie blinzelte einige Male ansynchron, wobei sie einen perlmuttfarben lackierten Zeigefinger an die Lippen legte. „Domitius war nicht das Gelage, sondern die Orgie, wenn mich nicht alles täuscht, da warst Du nicht dabei, oder? Ach, nicht so wichtig, die waren beide lustig.“ Sie grinste von einem Ohr zum anderen. „Aber wie sagt man so schön? Wer am Abend feiern kann, kann am nächsten Tag auch arbeiten. Wenn Du einen Kater hast sag Bescheid, ich hab was in meinem Giftschrank um das Problem zu lösen.“

Castiel runzelte verwundert die Stirn. „Ich habe keinen Kater“, klärte er sie auf. „Also besteht keine Notwendigkeit, ein Tier zu vergiften.“
„Na, dann ist ja alles in Ordnung!“ Raguel bemühte sich vergebens, ernst zu bleiben. „Keine Katzen, kein Gift! Bleibt mehr für mich.“ Sie kramte eine rostrote Pille aus ihrem Dekolletee, putzte sie kurz mit dem Finger ab und warf sie sich ein. „Hör mal, Babyfeder“, kaute sie dann, „der Großwesir ist mit seinen Räupchen wieder nach Hause gekommen. Gab einen kleinen Kollateralschaden bei Michael, aber nichts Ernstes. Jedenfalls wünscht Euer Durchlaucht, dass Du Dich um eine kleine Angelegenheit in Brasilien kümmerst. So wie es aussieht rennt Nariel da unten rum und lässt ein paar Dinge vom Stapel, die eigentlich Top Secret sind.“ Sie hatte auf einmal ein Post-It am Zeigefinger kleben, von dem sie scheinbar ablas. „Der Auftrag lautet: Finde ihn, bring ihn nach Hause und versohl ihm den Arsch!“
Castiel zog die Brauen zusammen. Irgendetwas schien ihm an dieser Aussage merkwürdig vorzukommen. „War das der genaue Wortlaut Vaters?“, fragte er schließlich skeptisch.
Raguel sah ihn einige Sekunden mit leerem Gesicht an. Dann zuckte sie kopfschüttelnd mit den Achseln und hob dazu in völliger Ahnungslosigkeit ihre Hände. „Weiß ich doch nicht! Bin ich seine Sekretärin und hör ihm genau zu? Ich heiß doch nicht Henoch! Aber zumindest läuft‘s darauf hinaus. - Das kriegst Du doch hin, oder?“
„Sicher. Ein einzelner Angelus sollte kein Problem darstellen.“ Ihr Bruder nickte, was sie zum Anlass nahm, mit zufriedener Miene aufzustehen und sich in Richtung Tür zu bewegen, doch Castiel verzog nachdenklich das Gesicht.

„Wo genau in Brasilien, sagtest Du noch, hält sich Nariel auf?“, erkundigte er sich, bevor sie gehen konnte. Raguel blieb stehen und zog den Kopf ein wenig ein. Dann zwinkerte sie ihm zu.
„Erwischt! Hab ich gar nicht gesagt und hab auch keine Ahnung, ob der Kontrollfreak das überhaupt erwähnt hat! Das musst Du selber rausfinden. - Jetzt flieg, mein Hübscher! Flieg!“, setzte sie mit theatralisch ausgestreckten Armen hinzu, was den rangniederen Engel wieder zu irritieren schien
„Ich kann mich doch teleportieren“, gab er zu bedenken.
Der Erzengel nickte, die Enden ihrer wippenden Zöpfe schlenkerten dabei umher. „Schon, aber ‚Jetzt teleportier Dich, mein Hüscher! Teleportier Dich!‘, klingt bescheuert.“ Sie schlug die Hacken dreimal zusammen. „Und ich hab heute extra meine roten Schuhe angezogen!“

„Bruder!“ Castiel schien der Verzweiflung nahe zu sein. „Ich verstehe dieses Gleichnis nicht!“

„Musst Du auch nicht. - Übrigens, wenn Du wieder zurück bist, dann sollten wir nochmal über unsere Pläne von gestern Abend sprechen.“
„Von welchen Plänen sprichst Du?“
Raguel blinzelte zeitversetzt. „Hat da jemand etwa einen Filmriss? Du verträgst echt nichts mehr, aber das ist ja auch kein Wunder, bei Jimminy Hülle, dem Langweiler! - Also gut, ich klär Dich auf: Nachdem unser Tanz der Vampire gestern auf so viel Anklang gestoßen ist, haben wir beschlossen, die Rocky Horror Picture Show zu proben, weißt Du das nicht mehr?“ Die euphorische Vorfreude in ihrer Stimme wurde nur noch übertroffen von dem Strahlen, das ihren ganzen Körper einzunehmen schien. „Alice und Du in der Rolle von Janet und Brad seid mit Sicherheit ganz hinreißend und Ramiel als Rocky wird auch der Wahnsinn.“

Das war augenscheinlich das letzte, was sie zu erklären gedachte, denn sie tanzte hüftschwingend und lauthals ‚Sweet transvestite‘ singend hinaus und selbst als sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, war ihr Johlen und Reden noch deutlich zu vernehmen:

Dad’s been making a man with blond hair and no tan and he’s good for increasing my… tension! - I’m just a sweet transvestite from aaaaasexual Angelmaniaaaaaa-haha! - Hit it! ... Hey! Samael! Da ist ja mein satanic mechanic, ich muss mal mit Dir unter vier Augen was klären…!“


Castiel sah noch eine Weile auf die Tür, hörte zu und schmunzelte dabei. Wie sehr er Raguels gute Laune vermisst hatte. Bevor sie gegangen war, hatte man überall ihre dunkle, heisere Stimme laut lachen, singen oder einfach nur unangemessene Worte verbreiten hören, danach aber hatte es sich angefühlt, als sei der Himmel in Schweigen erstarrt. Doch jetzt war sie wieder da und das Klackern ihrer Absätze und die Fröhlichkeit, die sie versprühte, machte den Himmel wieder zu einem Zuhause, in dem man sich gerne aufhielt. Und das durfte nie wieder aufhören, sie durfte nie wieder gehen. Jeder andere Engel konnte verschwinden und es wäre ein unsäglicher Verlust, doch ihr Fehlen käme einer Katastrophe gleich.


Noch während er sich aufmachte um Nariel zu suchen, schämte Castiel sich ein wenig für sich selber, weil er allen Ernstes gedacht hatte, dass jeder Angelus ruhig verschwinden könnte, solange Raguel blieb.
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