Umnachtung

GeschichteHorror, Übernatürlich / P16
11.02.2019
17.02.2019
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Väter, die in Särgen schlafen, erwachen nur sehr selten wieder. Metas verdammte Base hatte ihren Onkel nicht schlafen lassen wollen: In seinem besten Anzug, mit gefalteten Händen und geschlossenen Augen, hatte sich Metas Vater, umgeben von Verwandten und Freunden, zur Ruhe gebettet. Und Antonia hatte in ihrer kindlichen Dummheit tatsächlich versucht, den Onkel wieder aufzuwecken.
„Meta“, so hatten sie zu Margaretha gesagt, „nimm Antonia und geh nach draußen mit ihr.“ Und Meta war gegangen, es war ihr nicht wirklich etwas anderes übrig geblieben, ohne sich von ihrem geliebten Vater verabschieden zu können. Weil ihre verdammte Base sich nicht benehmen konnte, nur heulte und schrie, und dann auch noch den Toten hatte wecken wollen. Und nur deswegen musste Meta auch jetzt, mitten in der Nacht, noch einmal zurück in diese Kapelle.

Sie hatte es gewusst. Sogar noch einen winzigen Moment bevor die Tür tatsächlich hinter ihr ins Schloss gefallen war, hatte Meta gewusst, dass sie eingeschlossen war.
„Kann mich jemand hören?!“, Meta schlug mit der Faust gegen die dunkle Holztür, „Bitte! Ist da irgendwer?“ Sie hämmerte gegen das alte Holz, schrie, und rüttelte an der Klinke. Zwecklos, einzig das Echo ihrer eigenen, verzweifelten Schreie war zu hören und hämmerte aus allen Himmelsrichtungen zurück. Das Mädchen verstummte und ließ sich an der rauen Tür entlang zu Boden gleiten, fühlte, wie jede Unebenheit des Holzes durch das Nachthemd an ihrem Rücken entlangscheuerte und spürte schließlich die eisig Kälte des Steinbodens. Sie war allein, niemand würde sie hören. Wie denn auch? Es war mitten in der Nacht, und die Kapelle stand abseits des Schlosses auf dem Friedhof des riesigen Geländes. Niemand, der noch ganz bei Sinnen war, würde nachts herkommen.

Meta war nicht ganz bei Sinnen. Tränen, die sie versiegt geglaubt hatte, rannen ihr nun in Sturzbächen wieder über die Wangen. Nur durch einen Schleier konnte sie das finstere Kirchenschiff erkennen, die dunklen , schlichten Holzbänke, den spartanischen Altar mit dem Herrn Jesus am Kreuz darüber, der stumm sein Leid ertrug und dabei mit traurigen Augen auf das weinende Mädchen herabblickte. Man hatte die kleine Kapelle für den Trauergottesdienst mit einigen schwarzen Schleifen und weißen Rosen geschmückt, deren Blüten im kalten Mondlicht fahlweiß schimmerten. Allmählich beruhigte sich das Mädchen wieder.

Margaretha Winterhalter rappelte sich aus ihrer hockenden Position auf und ging den Gang zwischen den Bankreihen entlang. Ihre leisen Schritte donnerten durch die nächtliche Kapelle und Meta war sich sicher, jeden Toten auf dem Friedhof damit aufzuwecken. Unsicher blickte sie zurück zur Tür. Unverändert, geschlossen. Von außen konnte also auch niemand hereinkommen, außerdem war ihr Vater ja hier um sie zu beschützen.
Meta hielt lauschend inne. Raschelte und kratzte da nicht etwas um das Gebäude? Unwillkürlich hielt sie die Luft an. Nun, wo sie selbst aufgehört hatte, zu weinen und zu schreien, war sie sich sicher, ungleichmäßige kratzende, raschelnde Geräusche zu vernehmen. Unmöglich, hier war niemand. Oder doch? Angestrengt lauschte sie. Nichts, es herrschte Totenstille in und um die Kapelle.
Auf Zehenspitzen schlich sie weiter, um nur nichts aufzuschrecken, was dort draußen Ruhe gefunden hatte. Das spärliche Licht, das durch trübe Fensterscheiben in die Kapelle fiel, erleuchtete gerade so viel, dass Meta die ihr vertrauten Möbelstücke erkannte, Schatten waberten jedoch in dunklen Ecken, in denen sich alles oder nichts verbergen konnte. Bei Nacht war es anders hier, Meta konnte es fühlen, ähnlich wie dieses charakteristische Kribbeln im Nacken, wenn man beobachtet wird, nur unterschwelliger, dumpfer. Nur noch wenige Schritte, dann würde sie den Sarg hinter den Bänken erkennen, dann konnte sie sich endlich von ihrem Vater verabschieden.
Stocksteif blieb Meta stehen: Der Sarg war verschlossen. Man hatte den steinern Sargdeckel daraufgelegt, um den Toten gleich am nächsten Morgen, nach einem Gottesdienst, endgültig in dem dunkeln Ungetüm zu beerdigen. Zur ewigen Einsamkeit verdammt würden sie ihn in die Familiengruft einschließen und Metas geliebten Vater dort unten verrotten lassen. Es war widerlich.
Eine kleine Mädchenhand strich über den dunklen Stein der Sargplatte, als käme sie dadurch dem Mann darunter näher. Das Material war glatt und eiskalt. Tot, so wie Metas Vater auf der anderen Seite unter dem Deckel.

Einem plötzlichen Impuls folgend klopfte Meta sachte gegen den Sarg und schrie auf, als es von irgendwoher zurück klopfte. Erschrocken stolperte sie zurück und stürzte über eine Holzbank zu Boden. Sie schlug sich das Knie auf, spürte einen brennenden Schmerz und unterdrückte einen weiteren Schrei. Irgendwo raschelte und kratzte es. Leises Klopfen ertönte erneut. Meta schrie auf und verstummte, hielt die Luft an und sich selbst Augen und Ohren zu. Wenn Meta niemanden sehen konnte, konnte umgekehrt auch niemand sie sehen, oder? Kaum waren die Geräusche um Meta herum verstummt, herrschte in der Kapelle wieder eine trügerische Stille.
„Vater?“, wisperte das Mädchen mit hoher Stimme und nahm die Hände vom Gesicht. Ein gleichmäßiges Klopfen war die Antwort, ein Röcheln ertönte, es klang nach mühsamen Atemzügen.
„Vater!“ Metas Stimme hatte an Sicherheit gewonnen. Die Geräusche kamen aus dem Sarg! Ihr Vater lebte! Antonia hatte Recht gehabt, er musste bewusstlos gewesen sein. Und nun hatten sie ihn in diese furchtbare Kiste gesteckt, um ihn lebendig zu begraben! Meta erhob sich eilig, sie musste ihrem Vater helfen.

Neben dem Totenschrein kniend, zog und zerrte Margaretha kräftig am Sargdeckel. Immer wieder rutschten ihre Finger an der glatten Oberfläche ab und schrammten schmerzhaft über die Kanten. Das Mädchen spürte es kaum, doch nach wenigen Versuchen hatte sie sich die Fingerknöchel bis aufs Blut aufgeschürft. Die kleinen Hände schimmerten feucht im fahlen Mondlicht. Meta fluchte, dass die Mutter ihren Mund mit Seife ausgewaschen hätte. Ratschend riss sie sich das dünne Nachthemd vom Leib und wickelte die Fetzen um ihre geschundenen Hände. Jetzt zwar nackt, packte sie trotzdem ohne zu zögern erneut zu und drückte mit aller Kraft gegen den Deckel. Sie konnte den Stein nun besser greifen, dennoch bewegte der sich keinen Millimeter.
„Ich bin hier, ich hole dich raus! Ich bin es, Meta!“, kratzend und röchelnd versuchte ihr Vater aus dem Holzkasten zu antworten. Schnell sah Meta sich um: „Warte hier! Ich bin gleich zurück!“ Meta verfluchte sich für ihre Dummheit, wo sollte ihr Vater auch hingehen? Er war eingesperrt!

Margaretha griff nach einem Kerzenständer und brach die dicke Wachskerze ab. Den Ständer als Keil benutzend, versuchte sie, den Deckel aufzuhebeln. Ihr Vater bekam sicher keine Luft dort drinnen, wenn sie nicht schnell genug einen Weg fand, den Deckel zu öffnen, erstickte er womöglich noch in seinem eigenen Sarg! Mit einem wütenden Schrei warf Meta das nutzlose Eisenstück von sich, scheppernd krachte es gegen eine Säule und fiel zu Boden, um von dort einige Meter weiter zu rollen. Das Klopfen ertönte weiterhin gleichmäßig, das Röcheln war leiser geworden. Es blieb nicht viel Zeit.
Margaretha stürzte zur Tür, die sich, wie durch ein Wunder, plötzlich wieder öffnen ließ. Die Luft der heißen, stickigen Sommernacht traf Meta wie eine Wand, als sie ins Freie auf den Friedhof hinaus rannte.
„Hilfe! Hört mich denn niemand?!“, schrie sie aus Leibeskräften. Doch niemand würde kommen, das Schloss war zu weit weg. Panisch blieb das Mädchen stehen und sah sich nach allen Richtungen um. Es herrschte diese absolute Windstille vor einem Gewitter, weit und breit war niemand zu sehen. Nur die Bäume des Waldstückes beobachteten stumm aus einiger Entfernung die Ereignisse auf dem Gräberfeld, während Meta schreiend zwischen den Kreuzen und Denkmälern umherirrte, nach irgendeinem Gegenstand suchend, mit dem man einen Sarg öffnen konnte. Immer wieder warf sie dabei verstörte Blicke in alle Richtungen, plötzlich hatte sie das intensive Gefühl, beobachtet zu werden: „Hallo, Hilfe! Bitte, helfen Sie mir, mein Vater ist eingesperrt!“
Stille war die einzige Antwort. Mausoleen, Bäume, Gräber, alles lag still und verlassen da, wann immer sie sich umblickte. Sie entdeckte einen liegengebliebenen Spaten, den sie als Hebel benutzen wollte. Als sie sich aber bückte, um die Schaufel aufzuheben, kam urplötzlich ein starker Wind auf, der den Spaten in die Lüfte schleuderte, Meta damit einen Schlag versetzte und ihr so das Gleichgewicht nahm.
Das nackte Mädchen taumelte rückwärts und stolperte über einen Stein, der eben dort ganz sicher noch nicht gelegen hatte. Hart schlug sie auf, brach durch den Boden und stürzte in die Tiefe. Ein markerschütternder Schrei ertönte, als sie bemerkte, dass sie in ein frisch ausgehobenes Grab gestürzt war. Sollte dies das Ende ihres kurzen Lebens sein? Gestorben im Grab eines anderen?

Das Grab konnte noch nicht fertig sein, es war nicht tief genug, um jemanden darin zu beerdigen. Meta sprang immer wieder nach oben und versuchte, sich mit den Händen am Rand der Grube festzuhalten und hinaufzuziehen, rutschte aber ein ums andere Mal an der feuchten Erde ab. Eine beträchtliche Ladung Dreck schaufelte sie sich dabei selbst ins Gesicht und hustet. Erde spuckend versuchte Margaretha, wieder zu Atem zu kommen. Das alles dauerte schon viel zu lange. Endlich fand sie eine dicke Wurzel im Boden und zog sich daran hinauf. Von dort konnte sie aus dem Grab steigen. Gehetzt blickte Meta sich um: Wenige Meter weiter lag ganz unschuldig der Spaten, von einem Wind war nichts mehr zu spüren. Sie konnte sich das doch nicht eingebildet haben...
Ängstlich blickte sie zwischen Spaten und Kapelle hin und her. Sie traute dem Spaten nicht, was, wenn der sie noch einmal angreifen würde? Lächerlich. Erneute flaute ein starker Wind auf, das Gewitter kam. Es zerrte an Metas Haaren, riss an den Bäumen am Waldrand und jaulte herzzerreißend um die Kapelle. Berge aus Erde, Gräsern, totem Laub und abgebrochenen Blüten bäumten sich um Meta herum vom Boden auf, flogen an ihr vorbei zum Grab und beerdigten sich darin selbst. Ein Blitz zerriss den Himmel, der Wind schrie wehklagend.
Margaretha konnte ihren Puls auf der Zunge schmecken. An ihren Vater denkend, stürzte sie sich auf die Schaufel und rannte, als wäre der Teufel persönlich hinter ihr her, über den Friedhof zurück. Sie stolperte ein paar Mal und stürzte schließlich über einen Grabstein. Der Länge nach schlug Meta auf dem Grab ihrer Großmutter auf, deren harte, tadelnde Worte Meta begleiteten, während sie augenblicklich wieder aufsprang und zur kleinen Kapelle floh.
Mit einem lauten Knall warf Meta schließlich die schwere Holztür diesmal bewusst zu und lauschte beruhigt auf das Klicken des Schlosses. Wieder hatte sie sich eingeschlossen, und war sich sicher, was auch immer sie verfolgt hatte, damit auch ausgeschlossen zu haben.

„Ich bin wieder hier, Vater, ich hole dich heraus!“, das Mädchen lauschte auf Klopfgeräusche, Rascheln und Stöhnen, doch alles blieb stumm, während sie das Kirchenschiff durchquerte. Sie war zu spät gekommen... Ihr Vater war erstickt. Meta würgte, plötzlich hatte sie das Gefühl, zu ersticken. Irgendwas schnürte ihre den Brustkorb zu, als hätte man den steinernen Deckel des Sarges darauf abgelegt. Hatte die Panik das Mädchen eben noch über den Gräbergarten gehetzt, so lähmte die Angst sie nun.
Ein kraftloses, leises Stöhnen ertönte plötzlich aus der Richtung, in welcher der Sarg stand, und erlöste Meta aus ihrer Starre. Sie beschleunigte ein weiteres Mal ihre Schritte, plötzlich hatte sie Schmerzen: Die blutenden Hände, das Knie, und vom Sturz in das Grab schmerzte nun auch ihr Rücken. Das verletzte Mädchen quälte sich durch die Kapelle, erreichte endlich den Sarg und klemmte die Schaufel des Spatens zwischen Deckel und Boden des Totenschreins. Meta warf sich mit ihrem ganzen Gewicht dagegen. Die Marmorplatte glitt zur Seite und rutschte vom Sarg. Mit einem ohrenbetäubenden Donnern schlug sie auf dem Steinboden der Kapelle auf, im selben Moment öffnete der Himmel seine Schleusen und die Sintflut ergoss sich über dem Gelände um Schloss Winterhöhe. Der Sarg jedoch war leer.
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