Gottesbeschenkte

von Nike1106
GeschichteFantasy / P12
11.02.2019
13.02.2019
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Der Traum beginnt wie jedes Mal. Ich öffne die Augen und finde mich in einer dunklen Gasse wieder. Auf dem Boden liegend werde ich von mehreren Personen umkreist. Ich weiß weder, wer sie sind, noch wie sie aussehen, stattdessen kann ich nur verschwommene Gestalten erkennen. Plötzlich beginnt es. Erst ärgern sie mich nur mit Worten, beleidigen mich. Irgendwann fängt einer an und schlägt mit seinen Händen auf mich. Die anderen bleiben hingegen weiter in einem Kreis stehen, wahrscheinlich auch, um mir die Möglichkeit zur Flucht zu versperren. Dabei wirkt es auch noch so, als würde er von den anderen angefeuert werden. Als er wieder zurücktritt, kommt der nächste vor und lässt seiner Wut freien Lauf. So geht es immer weiter. Ich merke, wie ich anfange zu bluten, doch ich spüre keine Schmerzen. Trotzdem schreie ich. Ich weiß nicht einmal, wann ich damit begonnen habe. Meine Schreie und das gehässige Lachen der anderen vermischen sich miteinander. Diese Geräusche sind das Einzige, was die Stille durchbricht. Schließlich hören sie auf. Sie werfen mir noch einen kurzen Blick zu, ehe sie sich daran machen, wegzulaufen. Nach und nach verschwindet jeder von ihnen und sie lassen mich hier ganz alleine zurück.
Doch ich weiß, dass das ist nur die Ruhe vor dem Sturm, denn erst jetzt wird es schlimm. Ich schaue an mir hinab, ich bin von blauen Flecken übersät und blute aus mehreren Stellen. Plötzlich nimmt mir der Schmerz fast meine Sinne, so unerwartet stürzt er auf mich ein. Während ich mich vor Qualen krümme, die ich versuche, zu verdrängen, flüstert eine Stimme in meinem Kopf die ganze Zeit, dass ich aufgeben soll. Die Schmerzen zulassen und mich ihnen ergeben. Dem hingeben, was danach kommt, ob der Tod oder die erlösende Rettung. Aufgeben. Ein schönes Wort, es klingt so verlockend wie die ganzen vorherigen Male. Verlockend, wie die ersten Sonnenstrahlen nach einem sehr, sehr langen und tiefen Winter. Verlockend wie ein kühles Getränk mitten im Hochsommer. Ich bin fast dazu geneigt, nachzugeben, doch ich kann und will nicht aufgeben. Also zwinge ich mich dazu, nicht mehr zu schreien. Ich versuche, die Qualen zu verdrängen, und richte mich mühsam auf. Als ich auf beiden Beinen stehe, erscheint plötzlich ein weißes Licht, sodass ich die Augen schließen muss.
Als ich sie wieder öffne, liege ich wieder auf dem Boden. Diesmal aber auf einer Wiese. Meine Hände sind stramm nach hinten gebogen und ein scharfer Schmerz zuckt durch meine Schulter. Der Strick, mit dem ich gefesselt bin, schneidet mir jede Sekunde tiefer in mein Fleisch. Doch viel beängstigender ist das Szenario, dass sich vor mir abspielt: Vor meinen Augen tobt ein Kampf. Die Geräusche, der aufeinander treffenden Schwerter verursachen bei mir eine Gänsehaut und ich richte meine Aufmerksamkeit auf die Kämpfenden. Wieder sehe ich mehrere Personen, über die ich absolut nichts weiß, die meisten kann ich nur verschwommen erkennen. Doch zu manchen spüre ich so etwas wie Vertrautheit oder Zuneigung. Sofort weiß ich, dass es meine Freunde sind. Während meine Freunde um ihr Leben kämpfen, werde ich gnadenlos ignoriert. Ich muss mit ansehen, wie sie verletzt werden, auf die Knie fallen und sterben. Nein, sterben ist das falsche Wort, sie werden unnachgiebig ermordet, abgeschlachtet. Abgeschlachtet, wie Mörder, die die Todesstrafe erwartet. Abgeschlachtet, wie Schweine, die zu Wurst verarbeitet werden. Als ich sehe, wie einem meiner Freunde ein Schwert in den Bauch gestoßen wird, wird mir mit einem Mal bewusst, dass ich schreie. Nach meinen Freunden, nach Hilfe, nach Erlösung. Schließlich liegen meine Freunde um mich herum. Tot. Jetzt wenden sich die überlebenden Personen mir zu. Als die meisten von ihnen stehen bleiben, kommt eine weiter auf mich zu und kurz vor mir bleibt sie stehen. „Das ist alles deine Schuld. Sieh dich um. Der Kampf, deine toten Freunde. Alles deine Schuld. Gib auf.“ Ich schaue mich um und schlucke krampfhaft. Meine Augen brennen und meine Kehle ist mit einem Mal unglaublich trocken. Ich schließe die Augen, um meine Umgebung, die Leichen meiner Freunde, nicht mehr zu sehen. Nachdem ich die Augen wieder geöffnet habe, blicke ich der Person in die Augen. Sie sind so schwarz wie der Tod. Ich würde nie aufgeben, selbst nicht, wenn es so gut wie aussichtslos scheint. Aus diesem Grund nehme ich meine ganze Kraft zusammen. „NEIN!“

Mit einem Schlag wache ich auf, setze mich ruckartig aufrecht hin und hebe vorsichtig meine Hand. Sie zittert immer noch wie verrückt und mein Puls rast. Wie sehr ich diese Träume doch hasse. Langsam schaffe ich es, meinen Atem wieder zu beruhigen, lasse mich erschöpft erneut zurück in mein Kissen sinken und lausche der Stille. Mit geschlossenen Augen höre ich, wie sich eine Tür öffnet und schließt, das Gespräch zwischen zwei Nachbarn und ein Auto, das die Straße entlangfährt. Manchmal, wenn ich einfach nur daliege und diese vielen Geräusche höre, frage ich mich, was für Geschichten sind die Leute imstande zu erzählen, die ebendiese Geräusche verursachen. Führen sie ein aufregendes oder ein eher ruhigeres Leben? Wie sieht ihres überhaupt aus? Doch ich weiß, dass ich darauf wahrscheinlich nie eine Antwort erhalten werde. Dennoch helfen mir diese Gedanken immer wieder, mich zu beruhigen.
Als ich nach einigen Augenblicken nichts mehr gehört habe, schweift mein Blick zu dem Wecker neben meinem Bett. Mit einem Seufzen muss ich feststellen, dass es gerade mal sieben Uhr ist. Viel zu früh fürs Wochenende. Was würde ich bloß dafür tun, um diese verdammten Alpträume loszuwerden? Erneut drehe ich mich nochmal auf die andere Seite, schließe die Augen und versuche einzuschlafen. Es klappt nicht wirklich. Irgendwann halte ich es nicht mehr im Bett aus und springe auf. Ich ignoriere die kühle Luft, wegen der ich mich am liebsten wieder unter der Bettdecke verkriechen möchte und mache mich fertig. Als ich das Erdgeschoss betrete, empfängt mich Dunkelheit, was nur bedeuten kann, dass meine Eltern immer noch schlafen. So wie jedes Wochenende. Schnell packe ich mir mein Handy, nachdem ich meinen Akku überprüft habe, mitsamt Kopfhörern ein und verlasse das Haus. Trotz meiner Daunenjacke spüre ich die Kälte und beim Ausatmen entstehen kleine Atemwölkchen. Gleichzeitig merkt man aber auch, dass der Frühling naht. Es ist jetzt schon heller als vor wenigen Tagen und in den meisten Vorgärten kann man schon die ersten Frühlingsblumen erkennen. Während die kleinen Schneeglöckchen schon mitten in ihrer Blütezeit sind, kommen die gelben Narzissen erst hervor. Langsam schlendere ich den Weg entlang, mit den Händen in den Jackentaschen und begutachte meine Umgebung. Wie immer sind zu dieser Zeit eher wenige Autos unterwegs und auch Menschen begegnet man kaum. Alles ist so ruhig und friedlich. Auf gewisse Weise scheint es sogar perfekt, und aus diesem Grund liebe ich den frühen Morgen. Die Zeit, wenn ich die Ruhe genießen kann und mit meinen Gedanken ganz alleine bin. Um nichts in der Welt würde ich diese kleinen, entspannenden Spaziergänge aufgeben, selbst, wenn ich später an die Vorträge meiner Eltern denke, wenn sie bemerken, dass ich nicht in meinem Zimmer bin.
Schließlich erreiche ich meinen Lieblingsplatz. Ein kleines Waldstück am Rand meiner Heimatstadt, wenn man es überhaupt so nennen kann. Das Rauschen der Blätter und das Zwitschern der Vögel sind mir fast so vertraut wie die Stimmen meiner Eltern. Den Weg zu meinem Ziel kenne ich schon blind, so oft bin ich ihn entlanggelaufen. Nach ein paar Minuten höre ich das Plätschern von Wasser, kurz bevor ich den kleinen Bach erreiche, der sich seinen Weg durch das Wäldchen gebahnt hat. Langsam bücke ich mich, als ich unter den Felsvorsprung krabbele, wo ich mich auf dem Boden niederlasse. Während ich so dasitze, taucht vor meinem inneren Auge eine Erinnerung auf, die ich bis jetzt in den hintersten Winkel meines Kopfes verbannen konnte.
Mittlerweile ist es gut sieben Jahre her, doch immer noch erscheint sie mir so präsent. Ich bin von drei Jungen, alle älter und größer als ich, verfolgt worden, nachdem sie mich nach der Schule abgefangen hatten. Ich habe ihre Namen nicht gekannt, schließlich sind sie einige Jahrgänge über mir gewesen. Doch ich bin ihnen scheinbar damals wirklich recht gekommen. Dadurch, dass ich schon immer eine Einzelgängerin gewesen bin, hat es damals niemanden wirklich interessiert, wenn ich auf einmal ein blaues Auge hatte oder einen blauen Fleck mehr. Ich bin erst einmal so überrascht von ihnen gewesen, dass ich nicht wusste, wohin, bin einfach losgelaufen. So habe ich durch Zufall das kleine Waldstück entdeckt. Ich wusste zwar, dass es existiert, habe es aber nicht wirklich gekannt. Im Waldstück haben sie mich aber trotzdem noch weiterverfolgt. Irgendwann habe ich nicht mehr weitergewusst, und genau in diesem Moment habe ich den Bach und diesen Felsvorsprung erreicht, der sich als meine Rettung herausgestellt hat. So schnell wie möglich, bin ich unter den Stein gekrabbelt und habe mich an die Wand gedrückt. Keine Sekunde zu früh, denn jetzt haben auch meine Verfolger den Bach erreicht, wo sie sich wahrscheinlich verwirrt umgesehen haben.
„Kommt, sie kann nicht weit gekommen sein!“, hat der Anführer seine beiden Freunde angeschrien. „Am besten teilen wir uns auf. Ihr lauft da lang und ich hier lang.“ Seine Freunde hatten ihm eben kurz zugestimmt, ehe die drei sich aufgeteilt haben und in verschiedene Richtung gelaufen sind. Immer wieder sind Geräusche der drei Jungen zu mir durchgedrungen und aus lauter Angst, dass sie mich doch noch bekommen könnten, bin ich den restlichen Tag und sogar noch für einige Stunden der Nacht in der kleinen Höhle geblieben. Nach diesem Ereignis wurde der Felsvorsprung nicht nur mein Rückzugsort, dort verbrachte ich von nun an den Hauptteil meiner Zeit. Langsam öffne ich wieder die Augen, vergrabe die Erinnerung in meinem Kopf, stecke mir die Kopfhörer in die Ohren und lasse mich von der Musik in eine andere Welt entführen.
Ich weiß nicht, wie lange ich dort jetzt schon sitze, doch irgendwann fängt mein Handy an zu klingeln und reißt mich aus meinen Träumereien. Genervt seufze ich auf, als ich auf dem Display sehe, wer mich anruft. Meine Mutter. Schnell nehme ich das Telefonat an, da sie es überhaupt nicht leiden kann, wenn jemand ihren Anruf ignoriert oder gar auf die Idee kommt, ihn wegzudrücken.
„Hi Mum und wie geht es dir? Ist irgendwas los?“, melde ich mich, wobei ich versuche, so freundlich wie möglich zu klingen.
„Darf man vielleicht mal erfahren, wo du steckst, junges Fräulein?“, schnauzt meine Mutter mich schon direkt an, „Wir sind gerade aufgewacht und du warst einfach weg, spurlos verschwunden. Hättest du keine Nachricht hinterlassen können? Stell dir mal vor, du hättest entführt werden können.“ Eigentlich ist meine Mutter die Ruhe selbst, nach außen hin wirkt sie seriös und höflich, doch sobald sie einmal die Kontrolle verliert, macht sie selbst dem Teufel Konkurrenz. Deswegen verdrehe ich auch einfach nur die Augen, während ich mir anhören muss, wie „besorgt“ sie und mein Vater doch gewesen sind, als sie mich nicht finden konnten. Alles nur Lügen. Sie hat einfach nur Angst, dass sie mich nicht mehr kontrollieren kann, aber diesen Gedanken behalte ich besser für mich und versuche, so freundlich, wie möglich zu klingen.
„Okay, dann kann ich dich hiermit beruhigen. Ich bin nicht entführt worden und lebe noch. Ist sonst noch irgendwas?“
„Komm bitte sofort nach Hause. Dein Vater und ich möchten mit dir reden“, befiehlt sie mir schon fast. Jetzt ist sie wieder in ihrem Element, da sie alles wieder unter ihrer Aufsicht hat. Das kann sie sich zumindest einreden. Ich seufze, nachdem sie aufgelegt hat, packe mein Handy weg und klettere wieder unter dem Felsvorsprung hervor. Ich bin schon wirklich gespannt, was meine Eltern mit mir bereden wollen. Wahrscheinlich wird es wieder darauf hinauslaufen, dass ich den ganzen Tag das Haus nicht mehr verlassen darf, weil sie mich ja so nicht mehr kontrollieren können.
Als ich wieder aufrecht stehen kann, verharre ich für ein paar Sekunden so mit geschlossenen Augen und genieße diese Ruhe, weil sie gleich wahrscheinlich wieder verschwunden sein wird. Wie aus dem Nichts wird diese Stille von einem knackenden Ast unterbrochen und blitzschnell öffne ich die Augen, sehe mich um und erblicke eine Person im Gestrüpp. Es scheint ein Junge in meinem Alter zu sein. Er ist weder sonderlich groß oder kräftig, eher so im Normalbereich. Seine schwarzen Haare fallen ihm ein bisschen ins Gesicht, aber nicht so sehr, dass sie seine braunen Augen verdecken könnten. Völlig überrascht, kann ich meinen Blick nicht von ihm lösen, bleibe wie angewurzelt stehen und wage es kaum zu atmen. Immer noch wie erstarrt vor Überraschung öffne ich langsam den Mund, doch kein Ton dringt über meine Lippen und ich schließe ihn wieder, unfähig irgendwas zu tun. Auf einmal kommt ein frischer Wind auf, der mich frösteln lässt und als ob er mich endlich aufgetaut hätte, zögere ich keine weitere Sekunde und sprinte ich los, als wäre der Teufel hinter mir her.
Ich weiß nicht, wie lange ich dort gestanden habe, aber es kommt mir vor, wie eine halbe Ewigkeit und während ich so durch die Straßen renne, die eben noch Ruhe und Frieden ausgestrahlt haben und aus Angst, dass die braunen Augen mich weiterverfolgen könnten, drehe ich mich kein einziges Mal um. Während ich laufe, weiche ich ab und zu einer Straßenlaterne aus oder einem einsamen Spaziergänger, aber ansonsten nehme ich meine Umgebung nicht wahr, stattdessen fliegt sie nur so an mir vorbei, wobei mir der Weg nach Hause auf einmal unendlich lang erscheint. Endlich erreiche ich mein Zuhause und komme knapp vor der Haustür zum Stehen. Erleichtert atme ich auf, als ich in meiner Umgebung keine braunen Augen sehe oder eine andere Person. Gerade drehe ich mich wieder zu der Haustür und will diese öffnen, als hinter mir ein Quietschen ertönt, mein Herzschlag wird schneller und blitzschnell drehe ich mich in die Richtung, aus der das Quietschen gekommen ist.
„Hallo“, begrüßt der Nachbar von gegenüber mich, der grade das Gartentor hinter sich schließt, als er mich bemerkt. Als ich ihn nach einigen Sekunden immer noch anstarre, runzelt er die Stirn und widmet sich einfach wieder der Gartenarbeit. Ich brauche noch ein paar Sekunden, ehe ich die Haustür öffne und das Haus betrete, wo ich im Flur schon von meiner Mutter empfangen werde.