Notizen eines Toten

OneshotAllgemein / P12
11.02.2019
11.02.2019
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Er mochte keine Beerdigungen. Besonders, wenn Leute starben, die er kannte.
Vor zwei Jahren war es sein Vater. Dieses Mal sein Lieblingsautor, Gordon Edgley. Zwei Tote in drei Jahren. Man könnte meinen, da Cam Cudd der Partner von einem lebendigen Skelett sei, wäre er an Tote gewohnt. Skulduggery Pleasant war aber anders. Er redete, witzelte und ließ sarkastische Bemerkungen los. Etwas, was sein Vater und Gordon nicht mehr machen konnten.

Vielleicht war es aber auch gewollt, dass Gordon starb. Vielleicht wollte das Schicksal, dass Cam auf sie traf und das auf einer Beerdigung. Ja, es musste Schicksal gewesen sein. Noch nie in seinem jungen Leben sah er ein so schönes Mädchen wie sie. Dieses lange dunkle Haar und die braunen Augen...
Als alle am Grabe standen, blickten diese dunklen Iriden zu Skulduggery, welcher abseits von den anderen Trauergästen unter einem großen Baum stand. Wie jeden Tag trug er auch heute einen Anzug, der Sterblichen vorgaukeln sollte, er habe einen fleischlichen Körper, sowie seine Verkleidung. Cam sah, wie Skulduggery schließlich durch die Grabsteinreihen davon ging. Er hat sicher bemerkt, wie das Mädchen ihn beobachtete. Kein Wunder. So jemanden, wie Skulduggery sah man auch nicht alle Tage.

Nach der Trauerfeier fuhr Cam mit Skulduggery in dessen Bentley zu Gordons Haus. Auf dem Weg dorthin sprach Cam ihn wegen des Mädchens an.
“Sie ist eine von Gordons Nichten. Stephanie, denk ich", sagte Skulduggery. Stephanie. Ein schöner Name für ein schönes Mädchen.

Skulduggery drehte leicht den Kopf zu ihm.
“Warum fragst du? Bist du interessiert an sie?”

Cams Gesicht fühlte sich wärmer an und er drehte seinen Kopf zum Fenster. “Darf man etwa nicht mehr nachfragen?”

Er hörte Skulduggery glucksen. “Doch, natürlich. Sie ist aber nicht das erste Mädchen, dem du begegnest, seit du bei mir bist. Es ist aber das erste Mal, dass du scheinbar interessiert scheinst."

Cam blies die Wangen auf. “Ich bin nicht interessiert! Sie hat lediglich meine Aufmerksamkeit erregt, weil sie dich angestarrt hat.”

“Ah, jetzt verstehe ich."

Verwirrt wandte er Skulduggery den Kopf zu. Was verstand er?
“Du bist eifersüchtig. Eifersüchtig darauf, dass sie mich dir wegnehmen könnte.”

“Blödsinn.” Cam verschränkte die Arme vor der Brust und sah auf die Straße. Für ihn war das Gespräch beendet und er schwieg, bis Skulduggery den Bentley vor dem riesigen Anwesen parkte und sie beide ausstiegen.
Genau wie am Grab ließ er seinen schwarzen, knie-langen Kapuzenmantel im Wagen.

Bislang war Cam nur einmal hier gewesen, als Skulduggery ihm Gordon vorstellte. Aber anders als damals schüchterte ihn das Anwesen nicht mehr ein. Im Gegenteil, es beeindruckte ihn nur noch.
Im Haus gab es Tee, Drinks wurden ausgeschenkt und kleine Sandwiches auf Silbertabletts gereicht. Cam nahm sich nichts von alldem und von den Drinks durfte er mit dreizehn sowieso nichts. Stattdessen beobachtete er die Trauergäste, die die Räumlichkeiten genaustens unter die Lupe nahmen und sich vor allem über das Testament unterhielten.

Dann traf sein Blick auf braune Augen. Stephanie erwiderte den Blick und ging auf ihn zu. Sie waren ungefähr gleich groß und ungefähr gleich alt.
“Hallo”, sagte sie. “Warum hast du mich beim Grab die ganze Zeit beobachtet?”
Cam blinzelte kurz auf. Hatte er sie wirklich beobachtet? War ihm gar nicht aufgefallen. Gedanklich wog er seine nächsten Worte sorgfältig ab. Er fing mit einem kleinen Lächeln an.
“Hab ich das? Dann tut es mir leid. Ich wollte dich nicht so auffällig anstarren.”
Idiot. Unauffällig wollte er sie auch nicht anstarren.

Er merkte, wie Stephanie kurz sein Aussehen begutachtete - beginnend bei seinen dunkelbraunen Locken, den blau-grünen Augen und über sein kurzärmliges weißes Hemd, bis ihr Blick auf der schwarzen Hose hängen blieb, an welcher die dunkelvioletten Hosenträger herabhängen, sowie den schwarzen Schnallenstiefeln. Dann sah Stephanie wieder in sein Gesicht.

“Warum trägst du eine kurze Hose und Stiefel während einer Beerdigung?”

Perfekt. Jetzt konnte er mit einem Spruch Eindruck schinden.
“Die Toten kümmert es doch eh nicht, in welchen Klamotten wir trauern. Ich hätte auch in Pullover und Jogginghose kommen können. Gordon hätte sicher gelacht. Vermutlich als Einziger, aber er hätte gelacht.”

“Du kanntest meinen Onkel?”

“Gordon ist mein Lieblingsautor.", Cam lächelte, “Sprich ruhig in der Gegenwart von ihm. Sein Körper mag tot sein, die Erinnerungen an deinen Onkel leben weiter und das für immer. Hier drin.” Mit dem Finger deutete er auf ihr Herz.

Stephanie kicherte. “Für dein Alter sprichst du echt poetisch, ähm-”

“Cam Cudd.”

“Merkwürdiger Name”, erwiderte Stephanie und stellte sich ebenfalls vor. Dann schlug sie einen Rundgang durchs Haus vor. Diesen Vorschlag nahm Cam direkt an.

Cam fuhr ihr Gespräch währenddessen fort: “Hast du deinen Onkel lieb gehabt?”
Aus dem Augenwinkel sah er sie nicken. “Ja, auch wenn Onkel Gordon durchaus verantwortungslos war. Aber er war ein guter Onkel.” Ihre Worte ließ Cam an seinen verstorbenen Vater denken. Ted verhielt sich manchmal auch nicht wirklich erwachsen und doch war er für ihn da, wenn er ihn brauchte.

“Vor drei Jahren starb mein Vater”, erzählte Cam. Sein Blick haftete auf den Bildern, die den langen Flur schmückten, durch welchem sie gingen.

“Mein Beileid. Wie ist er gestorben?”

Cam zuckte die Schultern und sah geradeaus. “Weiß ich nicht. Dad war im Ausland unterwegs. Seine Leiche fand man nie.”

“Woher weiß man dann, ob er wirklich tot ist?”

“Man ging einfach davon aus, weil er sich nicht mehr meldete.”

Sie schwiegen sich an.
“Also könnte es theoretisch sein, dass dein Vater noch immer lebt und nur verschollen ist. Auf einer einsamen Insel zum Beispiel.”
Abrupt blieb Cam stehen. An diese These hatte er noch gar nicht gedacht.

Cam ließ eine verwirrte Stephanie im Flur stehen, ging eilig aus dem Haus und wartete am Bentley auf Skulduggery. Mit jeder Minute, die verstrich, wurde er ungeduldiger. Cam hasste es zu warten, aber mehr hasste er langes Sitzen. Cam brauchte einfach viel Bewegung, ansonsten wurde er hibbelig.
Schließlich verließ Skulduggery das Haus und Cam saß als Erster im Wagen, als Skulduggery diesen aufschloss.
“Warum plötzlich so motiviert?”, fragte Skulduggery, als er hinter dem Steuer platz nahm und vom Grundstück fuhr.

“Ich möchte nach Hause, Skul”, erwiderte Cam.
“Hat deine Entscheidung einen Grund?”
“Ja.”
“Wirst du ihn mir verraten?”
“Noch nicht.”
Skulduggery seufzte. “Hätte ich mir denken können.”

* * *


Fast eine Woche war Cam nun wieder zu Hause in Wales. In dieser Zeit befand er sich nur im Geheimzimmer vom Arbeitszimmer seines Vaters und las sich etliche Notizen zu Teds Fällen durch. Bislang ohne Erfolg. Er gab aber nicht auf.
Direkt nach dem Frühstück begab sich Cam wieder ins Arbeitszimmer. Unter dem Schreibtisch betätigte er einen Knopf, woraufhin sich das mittlere Bücherregal wie eine Tür nach außen öffnete und einen Gang frei gab. An beiden Seiten des Ganges hingen Fackeln, die sich von selbst entzündeten, wenn jemand in den Gang trat und sich das Bücherregal schloss.

Cam ging den Gang entlang, bis er das Geheimzimmer betrat. In diesem befanden sich lediglich Regale mit verschieden farbigen Ordnern. Die Ordner in den Regalen links und in der Mitte hatte er bereits alle durch. Nun blieb ihm lediglich das Regal rechts. Als er vor diesem stand, fiel ihm eine Schale in Klauenform auf. In dieser lag ein Stein. Cam wusste, was das für ein Stein war. Skulduggery erzählte ihm davon. Cam tippte den Echo-Stein an und riss vor Überraschung die Augen auf, als aus diesem ein Abbild seines Vater vor ihm erschien.

Echo-Ted sah genauso aus wie der Echte. Von den Locken bishin zur Kleidung. Schnell wischte sich Cam aufkommende Tränen aus den Augen.
“Du brauchst doch nicht zu weinen”, sagte Echo-Ted lächelnd.

“Ich weine nicht”, erwiderte Cam. “Ich hab nur was im Auge.”

Echo-Ted lacht auf. "Und das soll ich dir glauben?”
Cam wollte ihn boxen, doch ging seine Faust durch Echo-Ted hindurch. Er murrte, verschränkte die Arme.

“Jetzt sag mal”, begann Echo-Ted. “ich bin gestorben, oder?”

Cam wurde traurig. “Ja... also der Sarg war eigentlich leer-”

Echo-Ted unterbrach ihn. “Verstehe, ich bin nicht wieder gekommen.” Auch er blickte nun traurig drein.  Das Abbild seines Vaters hatte den Nagel auf den Kopf getroffen.
Cam atmete tief ein und aus. “Deshalb bin ich hier. Ich möchte etwas über deinen letzten Fall in Erfahrung bringen, Dad.”

Echo-Ted zögerte. “Tut mir leid dich enttäuschen zu müssen, aber darüber verfüge ich keine Informationen.” Enttäuscht ließ Cam den Kopf hängen. Eine Woche. Er vergeudete eine ganze Woche. Für Nichts!

“Hey, lass den Kopf nicht hängen”, versuchte Echo-Ted ihn aufzumuntern. “Zu seinem letzten Fall kann ich nichts sagen, aber ich weiß Namen von Personen, die dir weiterhelfen könnten.”
Cam sah auf. “Wirklich?”
“Wirklich. Also schnapp dir ein Blatt und ein Stift. Es sind so einige.”

* * *


Nach einer halben Stunde endete Echo-Ted mit der Namensaufzählung und den Orten, wo sich die Personen aufhielten. Die Meisten hielten sich im Ausland auf, unter anderem Frankreich, Deutschland, Italien und auch Russland. Wenn Cam alle suchen wollte, brauchte er Hilfe. Das Abbild seines Vaters kam auf die gleiche Idee.

“Ich wüsste jemanden, wen du fragen könntest. Ich hab dir doch von ihm erzählt.”

“Du meinst Skulduggery. Ich war die letzten zwei Jahre sein Partner.”, Cam schüttelte den Kopf, “Aber nein, Skul frag ich nicht."

“Hast du jemanden anderen im Kopf?”

“Ja, Dexter Vex.”

Echo-Ted nickte. “Gute Wahl." Er lächelte. “Bevor du gehst, erzähl, was du seit meinem Ableben getrieben hast.”

Cam nickte und setzte sich auf den Boden.
“Alles begann, als ich Skulduggery traf...”


~ Ende ~
 
 
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