Die Schwesternkönigin

von Lillilea
GeschichteAllgemein / P16
Aragorn Arwen Celebrían Eomer Eowyn
08.02.2019
10.11.2019
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4.Kapitel Die Königin kehrt Heim

Der Anblick der Goldenen Halle Meduseld überwältigte mich. Der Name bedeutete „Methalle“, die „Goldene Halle“. Man hatte mir Porträts von dieser Halle gezeigt und mich über jedes Detail seiner Geschichte belehrt. Das Dach schimmerte im Licht der abendlichen Frühlingssonne tatsächlich golden. Eine lange, in den Stein gebaute Treppe führte in zwei Abschnitten zum Eingang, der von zwei Männern in voller Rüstung bewacht wurde. Erst als ich das Ende der Treppe erreicht hatte, sah ich, dass der eigentliche Eingang erst einige Meter hinter den reich verzierten Torbögen lag. Die beiden Wachen nahmen sofort Haltung an, als sie mich erblickten. Ich blieb stehen und musterte die beiden Männer. Ihre Helme reichten ihnen bis über die Wangenknochen, daher war ausser zwei Augenpaaren und Bärten nicht viel zu erkennen.

Ich hätte gerne mit ihnen gesprochen, aber das Protokoll liess etwas Derartiges nicht zu, ausserdem wartete Mutter zusammen mit der Dienerschaft auf uns. Théodred stand neben mir und nahm meine Hand. «Bereit?» Ich nickte, atmete tief durch und liess mich von ihm in das Innere der Halle führen.
Es dauerte einige Sekunden, bis meine Augen sich an das Dämmerlicht gewöhnt hatten. Der steinige Boden leuchtete in orangetönen und hatte einige helle Musterungen. Als nächstes sah ich zu der Dienerschaft, die sich rechts und links entlang der Säulen aus Holz versammelt hatten. Sie waren allesamt hochgewachsen und in grün und Brauntönen gekleidet. die Frauen hatten ihre hellen Haare zu einem Knoten hinter dem Nacken zusammengefasst. Aber anders als es in Arnor üblich war, trugen sie keine Hauben, um ihre Haare zu bedecken, sondern nur ein feines Haarnetz.  

Zwei Stufen führten zu dem kunstvoll gearbeiteten Thron, an der Wand dahinter hingen vier lange Banner, doch keines davon zeigte mein Wappen, geschwiege denn das Wappen von Arnor. //Das werde ich noch zu ändern wissen. //

Ähnlich wie in Helms Klamm wurde die kleine Zeremonie hauptsächlich zur Darstellung von Demut und Gottesfürchtigkeit genutzt.
Wie es die Tradition verlangte, kniete ich zusammen mit Mutter und Théodred vor dem Podest mit dem Thron nieder und stimmte leise ein Gebet an, dass Eru um seinen Schutz und Segen bat.

Meine Zofe war wenige Stunden später gerade damit beschäftigt, mir aus meinen dicken Reisekleidern zu helfen, als die Tür zu meinem Schlafzimmer regelrecht aufflog und Théodred eintrat. Dem armen Mädchen fiel vor Schreck meine Halskette aus den Händen. Sie knickste eilig, hob das Schmuckstück vorsichtig auf und verliess das Zimmer, nachdem sie mir einen dünnen Mantel über mein Unterkleid gestreift hatte.
„Théodred, könnt Ihr mir erklären, warum Ihr so spät in meine Gemächer kommt, als ginge es um Leben und Tod?“ Diese Vorstellung schien ihn sichtlich zu belustigen. „Erstens seid Ihr meine werte Gemahlin, daher habe ich jedes Recht der Welt auch aufzusuchen. Und zweitens.“ Er zog einen Brief aus seinem Wams hervor und drückte ihn mir in die Finger. Ich drehte den Umschlag um und erkannte etwas verwundert das Wappen Gondors auf dem blutroten Siegel. //Wahrscheinlich ist er von Tariél.
„Ist der Brief für mich?“, fragte ich überflüssigerweise. „Laut dem Boten ist er an uns beide adressiert, doch gehe ich schwer davon aus, dass er an Euch gerichtet ist.“

Ich setzte mich auf die Bettkannte, brach das Siegel und begann vorzulesen: „Allerwerteste Nichte, was für eine freudige Nachricht deine Hochzeit für uns alle ist! Wenn Ihr diesen Brief lest, seid Ihr gewiss schon wohlbehalten in Edoras angekommen. Ich freue mich noch mehr, dir mitzuteilen, dass wir deine Einladung zu deiner Krönung in zwei Monaten annehmen. Ich kann dir noch nicht versprechen, dass Eldarion auch kommen wird, er überwacht die Rekrutierung praktisch Tag und Nacht. Ich werde so schnell es geht abreisen, so Eru will zusammen mit meinem Mann und deiner werten Cousine, Sienna. Ihr beiden habt das gleiche Alter und wie du wird sie eines Tages den Thron erben. Es mangelt ihr nicht an Verehrern, aber wie mein seeliger Bruder bin ich nicht bereit, meine Tochter vorschnell zu verheiraten. Wir freuen uns sehr über diese wunderbare Einladung, die Freundschaft zwischen unseren Königreichen zu erneuern. Mit besten wünschen, Tariél, Königin von Gondor.“

„Wenn das so ist, werden wir deine Krönung wohl in Helms Klamm abhalten müssen.“, bemerkte Théodred trocken. Ich faltete das Papier säuberlich zusammen und sah zu ihm. „Wie kommt Ihr darauf? Die Krönung findet hier statt, Edoras ist der Sitz des Königs.“ „Versteht Ihr das denn nicht? Wenn jede Adelsfamilie unserer Verbündeten diese Zeremonie miterleben will, haben wir hier keinen Platz.“ Ich hatte wegen dem Begriff „Zeremonie“ protestieren wollen, liess es dann aber sein und widmete mich dem wichtigen Teil seiner Aussage. „Es stimmt schon, Meduseld ist kleiner als Helms Klamm, aber daran wird es nicht scheitern. Eine Krönung ist nicht wie ein gewöhnliches Volksfest, es ist eine Jahrhundertealte Tradition, und diese sehen zu dürfen ist den engsten Verwandten vorbehalten.“

Théodred runzelte die Stirn, liess das Thema aber für den Augenblick ruhen. Sein Blick wanderte langsam über meinen Körper, dann setzte er sich neben mich. „Wir kennen uns noch nicht, aber das können wir ändern. Schliesslich sind wir beide jung, nicht?“ Es war sicher wohlwollend gemeint, mir würde diese Aussage noch Kopfzerbrechen bereiten.
Er hatte sich mir gegenüber stets umsichtig und rücksichtsvoll verhalten und so war auch in unserer Hochzeitsnacht zu mir gewesen. Trotzdem wurde ich das Gefühl nicht los, dass etwas nicht so war, wie es zwischen Frau und Mann sein sollte. Es gab noch keine Anzeichen für eine Schwangerschaft, das störte mich aber vorerst auch nicht.

„Deine Familie aus Gondor scheint sich sehr auf deine Krönung zu freuen.“ Ich schmunzelte und hob den Kopf etwas, um in seinen grünen Augen sehen zu können. „Ja, das tun sie, schliesslich ist eine Krönung ein aussergewöhnliches Ereignis“ Ruhiger fügte ich an: «Allerdings verkehren wir üblicherweise nicht miteinander. Es mag das gleiche Blut in unseren Adern fliessen, aber ihr Hochmut wird früher oder später ihr Niedergang sein.»
«Gib auf deine Worte Acht, meine Gemahlin. Ein loses Mundwerk ist eine gefährliche Waffe.»

«Ein loses Mundwerk? Gondor ist nicht unser Verbündeter! Wisst ihr, wie die Gelehrten über Gondor schreiben?»

Gondor, Sindarin für «Land der Steine» ist ein grosses Dúnedain-Königreich im Nordwesten Mittelerdes. Nach dem Untergang Númenors gegründet, erlebte es in der ersten Hälfte des Dritten Zeitalters eine Blütezeit und wurde zu einem der grössten und mächtigsten Reich der Menschen. Durch innere Konflikte und Kriege mit verfeindeten Völkern verfiel seine Herrlichkeit jedoch nach und nach. Nach der finalen Schlacht am Ende des Zeitalters wurde Gondor mit Arnor verbrüdert und stieg unter König Elessar zu alter Stärke auf.

«Zu alter Stärke. Bis sie wieder gierig wie Zwerge sein werden.»
Bei dem Gedanken an die Selbstherrlichkeit und dem sündhaften Prunk in unserem Schwesternreich musste ich schmunzeln. //Numenor ist daran zerbrochen, Gondor wird auch daran scheitern.

Es gab noch so vieles über dieses Land zu sagen. Dass sie seit Menschengedenken (oder seit sie aus Númenor geflohen waren) immer wieder versucht hatten, Arnor zu annektieren. Wir waren ihnen stets einen Schritt voraus gewesen und hatten schon vor vielen Jahrzehnten eine Allianz mit Rohan geschlossen.

Dann war der Ringkrieg über Mittelerde gekommen und alles hatte sich geändert.
Die Rohirim waren in der Schlacht auf dem Pelennor grausam niedergemetzelt worden. Théoden hatte gewusst, dass es so kommen würde das hatten alle. Trotzdem war das Volk meines Vaters Saurons Armee gegenübergetreten, genau wie die Soldaten Arnors und Gondors. Eine verzweifelte Armee verschiedenster freier Völker gegen den dunkeln Herrscher.

Das Königreich war danach in der Schuld von König Éomer gestanden, und mit einem Krieg nach Arnor hätten sie den hart erkauften Frieden wieder vernichtet. Nun, der Frieden war zerbrechlich gewesen, aber besser als nichts. Nach dem Krieg hatte man König Eomers Tochter, Tariél, mit dem zukünftigen König Gondors, Eldarion verheiratet.
In Gedanken ging ich meinen Stammbaum durch, ich kannte ihn auswendig.
Das Problem an der Verbindung meiner Eltern war nie der Stand gewesen. Alyndra war die rechtmässige Herrscherin Arnors, sondern die Distanz. Mutter hatte die ersten Jahre in Rohan gelebt, nach meiner Geburt war sie nach Arnor zurückgekehrt.

Ich zuckte erschrocken zusammen, als Théodred mit einer Hand meinem Hals entlangfuhr und mir mit der anderen um die Taille fasste. «Habt keine Furcht, ich werde Euch kein Leid zufügen.»
Meinen zögerlichen Protest erstickte er sogleich in einem Kuss und machte sich gleichzeitig daran, mich zu entkleiden. Zuerst versuchte ich noch, ihn davon abzubringen, gab es jedoch schnell auf und liess ihn gewähren.