Momentaufnahmen

von Telana
KurzgeschichteAbenteuer, Drama / P12
Der Wächter (männlich) Der Wächter (weiblich) Duncan
08.02.2019
04.03.2019
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Opferbereit im Tode

Es mag edel klingen, zum Orden der Grauen Wächter zu gehören. Vielleicht liegt es daran, dass der Orden viele Jahrhunderte alt ist und das ganz Thedas in seiner Schuld steht. Oder aber es liegt daran, dass die, die sich ihm anschließen, bereit sein müssen, alles aufzugeben. Das Opfer, das beim Beitritt gebracht wird, ist für jeden ein Großes. Einige verlieren ihr Leben beim Beitrittsritual. Die, die es überstehen, opfern ihr bisheriges Dasein auf und infizieren sich willentlich mit der Verderbnis, die sie von jenem Moment an zu verzehren, ja, aufzufressen beginnt. Das sind die großen Opfer eines Wächters. Gewiss, da wäre noch ein finales Opfer: Ein Erzdämon kann nur dann getötet werden, wenn ein Wächter es tut. Dieser verliert dabei sein Leben. Wie glorreich dies doch klingt. Es erinnert an die Heldengeschichten aus den Märchen, die wir alle in unserer Kindheit so geliebt haben. Eines von drei Opfern ist es, das hoch geschätzt wird, das betrauert wird und zu dem aufgesehen wird. Die anderen beiden sind ungesehen. Sie werden als gegeben, als nahezu selbstverständlich hingenommen. Ein Wächter zu sein bedeutet, niemand mehr zu sein. Es anonymisiert uns und macht uns von der Rasse, der Herkunft und der Erfahrung her gleich. In einer Welt, in der zwischen Reichtum und Armut große Kluften bestehen und in der Kriege aufgrund von Rasse und Hautfarbe gefochten werden, klingt dies wie ein Fiebertraum. Aber es ist wahr für die Wächter. Jedoch nicht, weil diese Weise und erhaben sind. Nein, ein Werkzeug ist ein Werkzeug, gleich, wie es aussieht und wie es genau funktioniert, solange es nur den gewünschten Effekt erzielt. So ist es und nicht anders. Wir sind alle gleich im Orden, auch, damit kein Raum eingenommen wird von Streitigkeiten, Uneinigkeit und Hass. Wir müssen einander vertrauen. Können wir das nicht, werden wir scheitern. Untergehen. Die Gemeinschaft, die blau-silberne Masse von denjenigen, die bereit waren, alles zu opfern, macht uns stark. Sie zeichnet uns aus.
Ich will nicht von Reue sprechen, denn ich bereue es nicht. Ich bereue nicht, den Greifen auf meiner Brust zu tragen und ich bereue nicht, dass mein Kampfschrei den Wächtern gilt. Auch weine ich nicht dem Leben nach, das ich vorher gelebt habe, denn es ist zum einen lang vergessen und zum anderen wäre es, gäbe es keinen Orden wie diesen, lang verloren ob der Bedrohungen, die diese Welt heimsuchen. Vielleicht liegt also auch ein wenig Dank in dieser Selbstlosigkeit. Dank denen gegenüber, die bereit waren, ihre Identität und ihr Leben zu geben, um das meine zu ermöglichen. Um die Leben vieler zu ermöglichen. Dieser Gedanke barg etwas Tröstendes.
Um mich herum Schlachtgetümmel. Es riecht nach verkohltem Holz und verkühltem Fleisch. Es stinkt nach frischem Blut, nach Eisen. Auch stinkt es faulig, es stinkt nach Verwesung. Der Lärm ist angeschwollen, sosehr, dass er mich taub macht. Ich höre die Schreie nicht mehr, die von Wut, Kampfeslust oder Schmerz durchtränkt sind. Das Gebrüll der Monster, der verderbten Gestalten der Dunklen Brut, höre ich auch nicht mehr. Kein Klingenschlag, metallisch und hart, dringt mehr an mein Ohr, obgleich doch Tausende seiner Art erfolgen, wieder und wieder. Eines höre ich: Den Schrei des Erzdämonen. Ich höre ihn physisch schreien und ich höre ihn in meinem Kopf. Nichts mehr ist in meinem Geiste außer seinen Ruf. Ich sehe die große Gestalt, wie ein fauliger Drache, groß und unwirklich. Seine Schuppen sind schwarz, ein wenig violett manchmal, und die Verderbnis benetzt ihn wie Morgentau die Felder meiner Heimat. Ich sehe ihn und er sieht mich. Hunderte kämpfen um uns, Hunderte von den meinen und Hunderte von den seinen. Doch wir sehen uns an und um uns herum beginnt alles andere zu schwinden. Ich sehe die Intelligenz in seinen bösen Augen und ich sehe, dass er weiß was ich weiß: Wir werden kämpfen, er und ich, sind füreinander als Opponenten bestimmt. Bin ich unachtsam, erschlägt er mich. Bin ich erfolgreich, erschlage ich ihn und gebe mein Leben hin, um ihn für alle Zeit vom Antlitz dieser Welt zu tilgen. Das dritte Opfer.
Ich habe mich immer gefragt, was die Wächter antreibt in solchen Momenten. Zwei Optionen und beide beinhalten, dass ich sterbe. Die Aussicht ist also so oder so eine finstere. Und doch kann ich nicht zögern, kann nicht stillstehen oder umdrehen und rennen. Ich nehme eine Entschlossenheit in mir wahr, von der ich nicht wusste, dass ich über sie verfüge. Sie wird von Liebe genährt. Liebe für die, die mir einst nahestanden, Liebe für meine Brüder und Schwestern im Orden und Liebe für jede Seele, die Thedas ihr Zuhause nennt. Ich fühle mich nicht mehr weltlich und obgleich ich niemals fromm war, spürte ich, dass der Erbauer über mich wacht. Ich bin nicht allein und ich werde es niemals wieder sein.
Dieses Mal ergeht kein Kampfschrei meinerseits. Ich umfasse den Griff meines Schwertes, reiße meinen Schild hoch und stürme los. Geschickt manövriere ich mich durch die Kämpfenden hindurch und durchquere das Schlachtfeld. Sie wissen nicht, was mein Ziel ist. Die einen würden mir ansonsten helfen, die anderen würden versuchen, mich aufzuhalten. Doch nur ich weiß es und der Erzdämon selbst. Das muss genügen. Ein Tritt in den verwesten Schädel einer soeben zu Boden fallenden Kreatur der Dunklen Brut, ein Pfeil, den ich mithilfe meines Schildes abwehren kann, er bleibt in diesem stecken. Doch es schert mich nicht. Ich stürze nach vorn und dann stehe ich vor ihm, dem Erzdämon. Ein alter Gott soll er sein, verseucht ob der Sünden der Menschen, die in Form von der Brut zu ihm getragen wurden. Ich ducke mich, renne unter dem schuppigen Leib entlang und stoße meine Klinge in diesen. Den Schild lasse ich fallen, ich nutze beide Hände, um die Klinge tiefer und tiefer in den Körper zu treiben und heißes, fauliges Blut ergießt sich über mich. Die Kreatur brüllt und schreit, schlägt mich fort und ich verliere mein Schwert, denn es bleibt im Bauch stecken. Ich werde über den Boden geschleudert, überschlage mich mehrfach und bleibe mit gebrochenen Rippenknochen liegen. Es ist nicht genug, ich weiß es. Rasch stehe ich wieder auf beiden Beinen – gerade rechtzeitig genug, um einem mächtigen Schwanzhieb auszuweichen und gleich danach einer feurigen Kaskade, die sich aus dem Maul des Dämons ergießt. Ich packe ein fremdes Schwert, eine entstellte rostige Klinge der Brut, und wieder greife ich an. Ich springe auf und ramme die Klinge in die Brust des Wesens, dann ziehe ich mich hoch, nutze sie als Trittbrett und erklimme den Hals der drachenartigen Kreatur, der sich unter meinen Kletterversuchen windet. Sie will mich abschütteln, will, dass ich stürze. Sie hebt ab. Die breiten, ledernen Flügel schlagen so laut, dass mir mein Trommelfell zu platzen droht, und kurz darauf rauscht der Nachtwind nur so an mir vorbei. Gelöste Haarsträhnen schlagen mir ins Gesicht und ich muss einem Klauenhieb ausweichen, der mich von seinem Körper lösen und in die Tiefe stürzen lassen sollte. Zweifellos wäre dies mein Ende gewesen. Sein Ruf ist laut und ich schreie mit ihm. Mein Hirn schmerzt und ich fühle, wie mir warmes Blut aus der Nase und aus den Ohren zu rinnen beginnt. Ich ziehe mich das finale Stück hoch und sitze nun auf dem Hals der drachenartigen Kreatur. Die einzige Waffe, die mir geblieben ist, ist mein Stiefeldolch. Der verseuchte Leib unter mir windet sich und ich weiß, dass die Kreatur Schmerzen leidet. Ich höre es durch das verderbte Blut in meinen Adern. Zu den Wunden an Bauch und Brust gesellen sich unzählige Pfeile und Bolzen, die nun von unten abgefeuert werden. Von meinen Brüdern und Schwestern. Ein Feuerball, beschworen von einem derjenigen, die den magischen Künsten zugetan sind, trifft den Dämon an der Seite, er verliert die Kontrolle über die Flugrichtung und stürzt einige Meter in die Tiefe, vor Schmerz heulend. Beinahe wäre ich abgestürzt, doch die Erkenntnis, dass ich es schlichtweg nicht darf, treibt mich voran. Immer wieder ramme ich den Dolch in den etwas weicheren Hals und klettere weiter nach vorne, gelange über die blutigen Schuppen endlich zum Kopf. Nun umfasse ich meinen Dolch so fest wie niemals zuvor und ramme ihn in das Auge des Dämons. Ich ramme die Klinge, das Heft, meine geballte Faust in den Schädel der Kreatur hinein und sie brüllt, als ihr Augapfel platzt und auch der Schädel reißt. Im Inneren zerschneide ich die faulige Hirnmasse, will jede Faser dieser bösartigen Kreatur vernichten.
Wir stürzen ab. Die Spitze meines Dolches bohrt sich von innen nach außen und ich sehe ein Stück des Metalls aus dem Schädel des Dämons kommen. Ich ziehe kräftig und reiße diesen auf. Eine gewaltige Druckwelle wirft mich zurück, reißt mir meinen Arm, der noch im Schädel steckt, ab und schleudert mich durch die Luft. Licht. Ein grelles Leuchten ist das Letzte, was ich sehe. Ich falle und falle, doch als ich aufkomme, hat der Tod mich schon eingeholt.
Ich habe das finale Opfer gebracht. Ich habe den Erzdämon erschlagen und als Lohn erhalte ich den Tod dafür. Der Handel ist alles andere als gerecht, doch ich wusste darum, ebenso wie meine Brüder und Schwestern es wussten. Vielleicht finden sie meinen Körper, der auf nacktem Stein zerschellt ist. Sie wissen, dass nicht der Aufprall, nicht der Verlust des Armes ihn haben sterben lassen, sondern dass das Privileg, einen Erzdämon zu erschlagen, seinen Preis hat. Ob einige von ihnen froh sein werden, dass nicht sie ihn zahlen mussten? Gewiss, wir alle wissen um die Risiken, wissen um den höchsten Preis, doch wir alle sind auch nur fühlende und denkende Wesen. Angst ist uns ein Begleiter, ob wir es wollen oder nicht. Ein Opfer zu bringen, von dem kaum einer außerhalb des Ordens etwas weiß, ist eine seltsame Angelegenheit. Ich beneide die, die nun übrig sind, nicht, denn sie werden versuchen, versuchen müssen, mit meinem Namen das Bestehen der Wächter zu fordern. Wie leicht könnten wir Lügner sein!
Ich glaube, ich bin gerne so gestorben. Es liegt Trost darin, dass es heldenhaft war. Wie in den Märchenbüchern. Der Gedanke, in vielen Jahren einmal mit einem Leib, der das Verrotten begonnen hat, in die Tiefen Wege zu ziehen und auf meinen Tod zu warten, birgt nichts Reizvolles. Besser so. Oder vielleicht will ein Teil von mir, der nun auch nicht mehr ist, dies zumindest glauben.