Vogelfrei

GeschichteFamilie, Freundschaft / P16
Alea der Bescheidene Jean Méchant der Tambour Lasterbalk der Lästerliche Luzi das L
08.02.2019
20.02.2020
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Wie immer gilt, mir gehört nichts, außer die OCs und die Story Idee. Die Jungs von Saltatio Mortis gehören alleine sich und Geld will ich mit dieser FF erst recht nicht verdienen. Ich will eigentlich nur unterhalten!^^

Über jegliche Reviews würde ich mich wahnsinnig freuen. Zumal das erst mein zweiter richtiger Anlauf für eine Geschichte in der Ich-Perspektive, also mit Ich-Erzähler ist...
Schreibt doch mal, was ihr davon haltet. Auch Vermutungen, wie es weitergehen könnte, lese ich immer gerne. :)

Liebe Grüße und habt viel Spaß beim Lesen! ^^
Eure Ink

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Ich erinnere mich nur noch vage an die Zeit, als noch kein Halsband um meinen Nacken hing und keine Kette mich begleitete. Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor. Und dann… hat sich Alles schlagartig geändert, fast ohne jegliche Vorwarnung. Wild und frei und sorglos an einem Tag, am Nächsten lagen wir in Ketten. Meine gesamte Familie, meine Art, die Meinen… wir.
Als niedere Rasse beschimpft, wo wir vorher doch eine angesehene Form der Unterhaltung gewesen waren. Zumindest den Pöbel konnten wir immer gut erheitern. Der Adel war nicht immer gut auf uns zu sprechen gewesen. Was war also schief gelaufen? War es vielleicht ein einfacher Scherz gewesen, der zu weit gegangen war und des Königs Zorn auf uns gelenkt hatte? Ich könnte es mir vorstellen, es gab einige unter uns, die von Hochmut gepackt worden waren. Einige, die nie gelernt hatten, wann es genug war, wann sie eine Grenze überschritten. Und dennoch, wegen dem Fehler eines Einzelnen eine ganze Gruppe ausrotten? Es musste mehr dahinter stecken. Oder aber der König war doch nur ein grausamer Tyrann, der Spaß daran hatte, andere zu quälen. Ich wusste es nicht.

Ich seufzte und lehnte meinen Kopf gegen die harte Steinmauer hinter mir. Meine Ketten rasselten, wie auch die Ketten der wenigen Mitgefangenen. Sie allesamt hatten mich verhöhnt und ausgelacht. Doch als sie realisierten, dass ihnen der Galgen drohte und mir nicht, war ihnen das Lachen recht schnell vergangen. Nein, für mich war etwas Anderes geplant und für einen Spielmann war das vielleicht sogar noch schlimmer, als der Tod. Auf ewig sollte ich hier in diesem Kerker sitzen, in einem Käfig, umgeben von Mauern und Gitterstäben. Eine Kette am Hals und an den Handgelenken. Wie ein wildes Tier, das man eingefangen und in einen viel zu kleinen Käfig gesperrt hatte.

Es öffnete sich eine schwere Tür und mehrere Wachen traten ein. Sie gingen wortlos an meiner Einzelzelle vorbei. Lustlos wandte ich den Blick von dem kleinen Fenster ab, es war Segen und Fluch zugleich. Es zeigte mir, was ich am Meisten begehrte, doch was wohl für den Rest meines Lebens unerreichbar bleiben sollte. Auch fragte ich mich, wie viele von meinen Spielmannskollegen, meinen Brüder und Schwestern, wohl dasselbe Schicksal teilten? Konnte man daran sterben, wenn man der Freiheit beraubt wurde? Ich denke schon. Und ich wollte auch nicht wissen, wie viele der Meinen schon daran gestorben waren… oder wie viele man hingerichtet, gemeuchelt, getötet hatte. Ohne Grund, wie Vieh.
Die Wachen öffneten Zellentür nach Zellentür und scheuchten die paar Mitgefangenen, das bisschen Gesellschaft was ich bis jetzt noch gehabt hatte, hinaus. Manche von ihnen bettelten um ihr Leben, doch die Wachen, die Soldaten, interessierten sich dafür nicht. Sie taten nur ihre Pflicht und das mit grausamer Genugtuung. Man führte die gefangenen Verbrecher zum Galgen. Und auch wenn es vielleicht feige klang, so konnte ich nicht anders, als mir zu wünschen, dass ich unter ihnen war. Dann wäre meiner Folter wenigstens ein Ende gesetzt worden.
Die schwere Holztür, die den Eingang in den Kerker bildete, fiel hinter dem letzten Verbrecher, laut ins Schloss. Ich konnte sie von meiner jetzigen Position nicht sehen, wollte ich auch gar nicht.
Stattdessen seufzte ich und blickte wieder mit Sehnsucht hinaus zum Fenster. Wie lang war es schon her, dass ich dort draußen war, am Lagerfeuer saß, zusammen mit Lasterbalk und seiner Davul, Luzi und seinem Dudelsack, Elsi und seiner Schalmei, Till und seiner Bouzouki… Manchmal reisten wir eine ganze Weile zusammen, manchmal trennten wir uns. So war das Leben als Spielmann. Man band sich nicht, man war flexibel und wenn man zu lange mit derselben Gruppe reiste, schloss man sich bei nächster Gelegenheit der Nächsten an. Irgendwann begegnete man sich immer wieder.
Doch egal mit wem ich auch reiste, wohin es mich verschlagen hatte und wie viel wir verdienten, Lasterbalk und Luzi waren doch meine liebsten Kameraden gewesen, meine Brüder im Geiste, wenn schon nicht im Blute. Und mit ihnen war ich am meisten zusammen gereist. Nur nicht, als ich gefangen genommen worden war. Dementsprechend sorgte ich mich um sie. War ihnen ebenfalls etwas zugestoßen oder hatten sie sich verstecken und retten können? Lebten sie überhaupt noch oder ging es ihnen den Umständen entsprechend gut? Ob sie wohl ab und an auch an mich dachten? Ich hoffte es… von ganzem Herzen.

„Ihr seht aus, wie ein Vogel im Käfig.“ Ich erschrak und zuckte wegen der tiefen Stimme heftig zusammen. So hatte ich doch nicht erwartet, dass noch Jemand hier war. Oder war derjenige vielleicht gerade erst hineingekommen und ich hatte es nur nicht bemerkt?
„Vögel gehören in keinen Käfig“, gab ich zum Besten, als ich mich gefangen und meine Stimme wiedergefunden hatte. Ich blickte kurz auf und stockte, als ich sah, wer mich denn da besuchte.
Oft schon hatte ich ihn gesehen, aus der Ferne jedoch nur. Den Prinzen, der Stolz des Königs und des gesamten Königreiches, mit seinen blonden Haaren, die zur einen Seite länger waren. Einzelne Strähnen hatte er geflochten, oder vielleicht war es auch ein Diener gewesen. Dann hatte der junge Prinz auch noch einen Bart, einen ebenfalls geflochtenen Ziegenbart. Aber sein markantestes Merkmal waren wohl seine dunkelbraunen Augen, die eine Ruhe und Wärme ausstrahlten, aber auch gleichzeitig einen zu durchbohren schienen. Fast schon unheimlich.
„Und was ist mit Euch, gehört Ihr in einen Käfig?“
„Fragt Euren Vater, vielleicht kann er Euch sagen, warum ich eingesperrt bin, obwohl ich keine Federn habe und auch nicht fliegen kann.“
Der junge Prinz lachte kurz. „Das ist dann wohl dieser berühmte Spielmannshumor…“ er legte den Kopf schief. „Ich habe noch nie zuvor mit einem Spielmann verkehrt.“
Was wollte er? Es war mir ein Rätsel, warum der Kronprinz mit mir redete, geschweige denn seine Zeit mit mir vertrödelte. Sicherlich hatte er als Thronerbe weitaus wichtigere Dinge zu tun, als mit einem gefangenen Spielmann zu reden.
„Und Ihr werdet es wahrscheinlich auch nie wieder tun.“
„Wieso nicht? Ich meine, ich könnte doch wiederkommen.“
Ein bitteres Lachen entwich meiner Kehle. „Mit jedem Tag den ich hier verbringe, bin ich weniger ein Spielmann, weniger wild und frei, weniger… ich.“
„Man kann sich selbst verlieren?“ er klang erstaunt und auch in seinen dunkelbraunen Augen lag Neugierde.
Ich hätte am liebsten die Augen verdreht und ihm zum Teufel gejagt, doch ich konnte mich gerade noch so beherrschen. Stattdessen drehte ich mich von ihm weg, soweit es die kurzen Ketten zuließen. Viel Spielraum hatte ich nicht. Was, wie ich vermutete, die Absicht von dem Ganzen war. Eine weitere kleine Folter für Jemanden wie mich. Und wieder einmal fragte ich mich, wie viele von meiner Familie auf diese Weise ‚leben‘ mussten oder schon verendet waren. Denn das hatten wir den Vögeln dann wohl doch gemein, wir starben in Gefangenschaft.
„Wieso wendet Ihr Euch denn jetzt ab? Habe ich Euch gekränkt, Euch beleidigt? Entschuldigt, das wollte ich nicht.“
Doch ich antwortete nicht, auch wenn er aufrichtig klang. Was hatte ich denn auch schon davon? Einen Prinzen der sich für einen Spielmann interessierte? Dass ich nicht lachte. Wahrscheinlich hatte er das Talent für Schauspielern und Lügen schon in die Wiege gelegt bekommen und nun, nun versuchte er einfach auf Geheiß seines besessenen und verfluchten Vaters meine Schwachpunkte herauszufinden. Eine individualisierte Art der Folter. Das könnte ihnen so passen. Nichts würde das Prinzlein von mir erfahren, Nichts!
Ein Seufzer ertönte aus der Richtung der Gitterstäbe. „Verratet Ihr mir wenigstens Euren Namen, oder muss ich Euch weiterhin als ‚Vogel‘ bezeichnen?“
Der Adel hörte sich selbst gerne reden. Was zum Henker wollte er denn auch von mir? Dann sollte er mich halt ‚Vogel‘  nennen, wenn es ihm Freude bereitete. Er hatte doch selbst Einen.
„Ich merke schon, meine Anwesenheit ist nicht länger erwünscht… Ich bitte erneut vielmals um Entschuldigung, falls ich Euch in irgendeiner Weise gekränkt haben sollte…“ und mit diesen Worten schien das Prinzlein sich abzuwenden. Jedenfalls ertönten Schritte und sie erschienen mir infernal Laut in der sonstigen Ruhe.

Bis vor ein paar Momenten hatten meine Mitgefangenen wenigstens noch Geräusche gemacht, doch nun war er ruhig. Nachdem die schwere Tür hinter dem Adligen zugefallen war jedenfalls.
Und diese Stille, sie war… ruhig, beruhigend. Angenehm, ungewohnt und auch erleichternd. Ich hasste sie jetzt schon, doch was sollte ich denn dagegen tun? Ich war ein Gefangener, zu Unrecht verhaftet, nur weil ein dahergelaufener Monarch seine Männlichkeit nicht anders unter Beweis stellen konnte.

Fest kniff ich meine Augen zusammen und versuchte kontrolliert zu atmen. Ich durfte nicht weinen. Diese Genugtuung würde ich ihm nicht geben. Innerlich, innerlich weinte ich um meine verstorbenen und gefangenen Kameraden. Doch äußerlich musste ich den Schein waren, dass mich das hier Alles nicht interessierte. Vielleicht verlor man ja dann seinen Reiz an mir und man würde mich endlich aus dieser qualvollen Hölle befreien. Ich wünschte es mir, sehnlichst. Selbst wenn es meinen Tod bedeuten würde. Alles war besser als dieses Leben in Ketten…
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