Retter des Verborgenen Reichs

von Bellina
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P18 Slash
08.02.2019
13.04.2019
9
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Mäßig interessiert beobachtete Myrias, wie der junge Mann auf seinem Schoß versuchte, ihn zu erfreuen. Verzweiflung, Angst und Schmerz standen ihm ins Gesicht geschrieben, und obwohl er es schon eine Weile versuchte, gelang es ihm noch immer mehr schlecht als recht, sich zu bewegen.
   Myrias suchte Zerstreuung, um nicht mehr an das zu denken, was ihm in Corilys‘ Villa klargeworden war. Es gab nur eine Möglichkeit, wie das Verborgene Reich diese Krise überstehen konnte, doch dieser Plan war so gewagt, dass Myrias Angst hatte, seine Theorie überhaupt laut auszusprechen. Acorus würde nicht erfreut sein, und was, wenn das auf ihn zurückfiel? Wenn jemand einen Vorschlag machte, sollte er schließlich auch bereit sein, ihn in die Tat umzusetzen — aber genau das war Myrias auf keinen Fall.
   Da bot dieses Kennenlernfest eine willkommene Abwechslung, wenngleich es ihm nicht wirklich gelang, die Gedanken in seinem Kopf zum Schweigen zu bringen. Er nahm einen großen Löffel aus dem Fass Honig zu seiner Linken, während er die freie Hand im üppigen Busen der Schönheit rechts neben sich vergrub.
   »Ich mag es, mit deinen Brustwarzen zu spielen. Gefällt dir das auch?«, fragte der Drachenmann in höhnischem Tonfall und zwirbelte die Nippel der Frau bewusst zu fest, sodass sie vor Schmerz quiekte.
   »Ja, Herr!«, stieß die Frau aus, sichtlich bemüht, sich ihm nicht zu entziehen.
   »Dachte ich mir«, spöttelte Myrias und malträtierte die geröteten Brustwarzen weiter. »Ich höre die Lust förmlich aus jedem einzelnen Quieken.«
   Inzwischen machte der Kerl auf ihm ein Päuschen. Er hockte mit zusammengekniffenen Augen auf Myrias und atmete stoßweise.
   »Was ist? Wolltest du nicht unbedingt an diesem Fest teilnehmen, um mir zu zeigen, dass du der Richtige für mich bist? Mir scheint, wir beide passen nicht zueinander«, sagte Myrias mit gespieltem Bedauern.
   Nach diesen Worten kam wieder Bewegung in den Burschen. »Vergebt mir, Herr! Ich werde Euch beweisen, dass ich Eurer würdig bin!«, stammelte er und bewegte seine Hüften nun endlich so schnell auf und ab, dass Myrias etwas davon hatte.
   »Wie ist es?«, fragte Myrias, obwohl er genau wusste, welche Antwort er bekommen würde.
   »Wundervoll! Einfach wundervoll! Es fühlt sich herrlich an!« Das Gesicht des jungen Mannes sagte jedoch etwas ganz anderes. Myrias hatte kein Mitleid — weder mit ihm noch mit den anderen erbärmlichen Heuchlern, die dieses Fest besuchten.
   Während das Spielzeug auf seinem Schoß sich mit zusammengebissenen Zähnen und tränennassen Augen ungelenk auf und ab bewegte, ließ Myrias seinen Blick durchs Zimmer schweifen. Einige seiner Gäste lagen müde und benutzt auf den weichen Teppichen und Kissen herum, andere warteten auf ihre Gelegenheit und wieder andere führten aus, was er ihnen aufgetragen hatte. So befand sich eine junge Frau auf allen Vieren auf dem Boden und spielte die Hure für jedermann, wobei sie es immerhin schaffte, drei Männer auf einmal zu erfreuen. Die drei Bastarde wirkten zufrieden, doch das würde sich vielleicht ändern, wenn Myrias ihnen anschließend befahl, einander zu vögeln.
   Plötzlich verließ den jungen Mann, der ihn ritt, die Kraft und er lehnte sich nach vorne, um sich mit den Händen auf Myrias abzustützen. Dabei landete seine rechte Hand auf dem geschuppten Bereich in Myrias‘ Flanke, der genau den gleichen Rotton wie seine Haare aufwies. Augenblicklich schoss Myrias‘ Hand vor und schloss sich wie ein Schraubstock um das Handgelenk des jungen Mannes. Er riss ihn so energisch von sich, dass das Kerlchen sich beinahe nicht auf Myrias‘ Schoß hätte halten können.
   »Ich habe euch gleich am Anfang erklärt, dass es keinem von euch gestattet ist, meine Schuppen zu berühren! Fass da noch mal hin und ich brech dir jeden Finger einzeln! Hab ich mich diesmal klar genug ausgedrückt?!« Unter Myrias‘ Fingern knackte das Gelenk des Mannes verdächtig.
   »Ja, Herr! Ja! Ich verspreche, es wird nicht mehr vorkommen! Bitte verzeiht mir!«
   Knurrend lockerte Myrias seinen Griff. Wie konnte der Bengel es nur wagen, ihn an dieser Stelle zu berühren? Myrias hasste das. Aus Rache packte er den Übeltäter an den Hüften und übernahm nun selbst die Führung, indem er seien Frust regelrecht in ihn hineinstieß. Dass seinen Opfer ob der groben Behandlung schrie und ihm bereits Tränen übers Gesicht liefen, interessierte Myrias nicht. Hätte der Dummkopf eben aufpassen müssen, was er mit seinen Händen anstellte.
   Kurz bevor Myrias  ein bisschen Erleichterung vergönnt wurde, klopfte es an der Tür. Welcher lebensmüde Idiot würde es wagen, ihn auf seiner Suche nach Ablenkung zu stören? Nach einem Wort von Myrias trat einer seiner Diener so widerwillig ein, als hätte er Angst, augenblicklich gegrillt zu werden.
   »Verzeihung, Herr. Der werte Ratsherr Acorus ist soeben eingetroffen«, stammelte der Diener schwitzend.
   »Ich wollte ihn morgen sprechen, nicht heute. Geh und sag ihm das!« Wenigstens eine Nacht voller Zerstreuung wollte Myrias sich gönnen, ehe er seinen Entschluss fasste, wie auch immer der ausfiel.
   Der Bedienstete rang die Hände und trat von einem Bein aufs andere. »Ich bin untröstlich, Herr, doch der werte Ratsvorsitzende hat deutlichgemacht, dass diese Sache keinen Aufschub duldet. Er ersucht sofort um eine Audienz.«
   »Den Tag, an dem dieser Spielverderber jemanden um etwas ersucht, möchte ich erst einmal erleben«, brummte Myrias und schmiss den Jungen von seinem Schoß.
   Er warf sich eine fließende, dunkelrote Seidenrobe mit goldenem Saum über und knotete den reich bestickten Gürtel zu. Dem Schnitt nach eine ganz normale Hausrobe, wie man sie im Verborgenen Reich in jedem etwas besseren Haushalt trug, in der Ausführung aber mehr Wert als so manches Haus.
   »Ihr da«, wandte er sich beim Hinausgehen an zwei Männer, die davor schon Spaß mit einem anderen gehabt hatten, »Kümmert euch in meiner Abwesenheit um diesen verlogenen Diener!« Dieser riss erschrocken die Augen auf. Es war nie gut, der Überbringer schlechter Neuigkeiten zu sein.

   Acorus erwartete Myrias in der Eingangshalle.
   »Wir waren für morgen verabredet, Acorus!«, sagte Myrias vom oberen Ende der Marmortreppe aus und verschränkte die Arme vor der Brust.
   »Myrias, es tut mir leid, dass ich dich so plötzlich überfalle, doch aufgrund der aktuellen Lage sind vor allem viele der niedrigeren Drachenmenschen verunsichert und ich muss ihnen im Regierungsgebäude Rede und Antwort stehen, wenn ich Panik in der magiebegabten Bevölkerung vermeiden möchte«, erklärte er Myrias und schritt über den roten Teppich voran in den Salon, als wäre das hier sein Haus. Er machte eine kreisförmige Bewegung aus dem Handgelenk, und augenblicklich erstrahlten mehrere in die Wand eingelassene Kristalle, die den Salon in silbriges Licht tauchten.
   »Und mal wieder sind alle anderen wichtiger als ich«, murmelte Myrias, vielleicht in der Hoffnung, dass Acorus diese Bemerkung gar nicht hörte — oder vielleicht eben doch, so genau wusste er das selber nicht. Ihm blieb jedenfalls nichts anderes übrig, als Acorus zu folgen. Nachdem der Ratsvorsitzende platzgenommen hatte, setzte auch Myrias sich mit trotzigem Gesichtsausdruck in einen Ohrensessel mit Samtbezug.
   »Ganz im Gegenteil, Myrias. Ich nehme dein Anliegen sogar so ernst, dass ich mit diesem Gespräch auf keinen Fall bis übermorgen warten möchte.« Acorus wollte schon weiterreden, da vernahm er die unverkennbaren Geräusche aus dem direkt über dem Salon liegenden Schlafzimmer. Augenblicklich verfinsterte sich sein Gesichtsausdruck.
   »Du missbrauchst schon wieder irgendwelche unschuldigen Menschen«, stellte Acorus mit jeder Menge Frost in der Stimme fest, während von oben die gequälten Laute des unglücklichen Dieners und die der jungen Frau, die Myrias zur Sau erklärt hatte, zu hören waren. irgendwo weinte auch jemand leise.
   Myrias zuckte die Schultern. »Was heißt hier missbrauchen? Sie haben sich alle für dieses Kennenlernfest beworben und waren froh, als Teilnehmer erwählt zu werden.« Der Bedienstete, dem Myrias diese Aufgabe übertragen hatte, hatte wirklich ganze Arbeit geleistet und mit jedem einzelnen Gast seinen Geschmack getroffen. »Wie du ja weißt, habe ich meinen Seelengefährten noch immer nicht gefunden.« Myrias setzte seine schönste Unschuldsmiene auf, doch Acorus konnte er nicht täuschen.
   »Ich nehme an, wie immer hast du dabei rein zufällig zu erwähnen vergessen, dass die wenigsten Drachenmenschen ihre Gefährten bei einer wilden Orgie kennenlernen? Die meisten von uns veranstalten ihn ihrer Sturm- und Drangzeit ein paar derartige Feiern, doch bei dir zieht sich das schon über Jahrzehnte und scheint überhaupt kein Ende zu nehmen.«
   »Du weißt selbst, dass es für ungebundene Drachenmenschen schwierig ist, ihre Triebe im Zaum zu halten.«
   »Dann fang endlich an, ernsthaft nach dem richtigen Partner zu suchen. Hast du eigentlich schon ein einziges Mal etwas anderes mit Menschen getan, als ihnen Befehle zu erteilen oder sie für Liebesdienste zu benutzen? Es ist kein Wunder, dass du deinen Seelengefährten so nicht findest — aber das willst du ja auch gar nicht. Du spielst lieber mit den Hoffnungen dieser jungen Leute. Die meisten von ihnen sind arm und wünschen sich nicht sehnlicher als den sozialen Aufstieg durch die Verbindung zu einem Drachenmenschen, und nicht wenige von ihnen werden von ihren Familien unter Druck gesetzt.« Acorus ritt nicht zum ersten Mal darauf herum. Unnötigerweise, wohlgemerkt, denn Myrias kannte die Regeln ihrer Gesellschaft. »Der Myrias, den ich aufgezogen habe, hat nicht zum Spaß unschuldige Menschen gequält.«
   Myrias hasste den anklagenden Ausdruck in Acorus‘ eisblauen Augen und den Tonfall, der ihm das Gefühl gab, ein ungezogener Junge zu sein.
   »Der Myrias, den du aufgezogen hast, hat dein Haus vor fünfzig Jahren verlassen und führt seither sein eigenes Leben. Und seit du deinen ach so tollen Seelengefährten und deine wunderprächtigen Kinder hast, ist für mich doch sowieso kein Platz mehr«, sagte Myrias und verspürte ein plötzliches Aufwallen von Selbsthass, weil er es einfach nicht schaffte, Acorus bei diesen trotzigen Worten in die Augen zu sehen.
   »Aber wie auch immer«, sagte er dann rasch, um Acorus an einer Erwiderung zu hindern, »Bist du dann endlich damit fertig, meinen Lebenswandel zu kritisieren?« Zumindest hoffte er, dieses Thema damit vom Tisch zu bekommen.
   »Ja, bin ich. Das schaffst du ohnehin ganz gut allein. In Wahrheit fühlst du dich elend bei dem, was du tust.«
   Myrias ballte die Fäuste. Hatte er richtig gehört? Elend? Wie sollte man sich elend fühlen, wenn man mit den schönsten Männern und Frauen des Landes so viel Spaß haben konnte, wie man wollte? Die Luft um ihn herum begann bedenklich zu flirren. »Wenn du es genau wissen willst, hat es sich sogar verdammt gut angefühlt, ehe du mich gestört hast!«
   Während um Myrias herum immer mehr Hitze entstand, bis man Angst haben musste, dass demnächst eines der Möbelstücke in Flammen aufgehen würde, strahlte Acorus eine Kälte aus, die die Temperaturschwankung neutralisierte. Er winkte einen von Myrias‘ Bediensteten herbei. »Entlasse die Gäste deines Herrn und sorge dafür, dass ihnen eine angemessene Entschädigung zukommt.«
   Der Diener blickte zu Myrias, der seinen Angstschweiß riechen konnte. Er traute sich offensichtlich nicht, dem höchsten Mann im Reich zu widersprechen, aber er wusste, dass es ihm auch nicht gut bekommen würde, gegen den Willen seines Herrn zu handeln.
   »Mach, was er verlangt«, sagte Myrias mit einer schmissigen Handbewegung. Er gab es ungern zu, doch Acorus‘ Kälte hatte wirklich geholfen, nicht nur das Mobiliar vor Brandschäden zu bewahren, sondern auch sein Gemüt ein wenig abzukühlen.
   Nun, wo er nachgegeben hatte, bedachte Acorus ihn mit einem sanfteren Blick. »Also. Was quält dich so, dass du es für notwendig erachtest, es an diesen Menschen auszulassen? Du warst schon nach dem Gespräch in Corilys‘ Villa so still.«
   Myrias kaute auf seiner Unterlippe herum. Wenn er es erst ausgesprochen hatte, konnte er es nicht mehr zurücknehmen. Wovor hatte er eigentlich mehr Angst? Davor, dass Acorus einen Vorschlag als vollkommenen Blödsinn ablehnen würde, oder davor, dass er eben genau das nicht tat? Erst Acorus‘ Hand, die kurz seine Schulter drückte, brachte ihn zum Sprechen. Er entschied sich jedoch dafür, sich langsam zum Knackpunkt hinzuarbeiten. »Kalseas Leute suchen schon seit zwanzig Jahren nach Leandras, und sie hat gesagt, dass sie schon alle Maßnahmen ergriffen hat, die ihr zur Verfügung stehen.«
   »Was meinst du damit? Sie hat schickt seit zwanzig Jahren alle Spione Richtung Osten, die sie entbehren kann. Aber es ist natürlich nicht einfach. Als Leandras und seine Mutter verschwunden sind, hatten wir im Verborgenen Reich zwar den schönsten Frieden, jenseits unserer Grenzen herrschte jedoch ein Krieg, der die Landkarten neu gezeichnet hat. Es lässt sich zwar ungefähr einschätzen, wohin es die beiden verschlagen hat, doch wir wissen ja gar nicht, nach wem wir überhaupt suchen. Wir haben keine Ahnung, wie Leandras aussieht, wir wissen ja noch nicht einmal, dass es wirklich ein Leandras ist und keine Leandra, und genau so wenig wissen wir, ob er oder sie die erste Wandlung bereits vollzogen hat. Hinzu kommt, dass es langsam kritisch wird. Wenn Leandras die erste Wandlung durchgemacht hat, müsste jetzt bald die nächste kommen. Das passiert vielleicht in zwei Jahren, vielleicht aber auch noch heute.«
   »Und ohne seinen Drachen kann er diese Wandlung unmöglich überleben«, schloss Myrias, dem sich die Kehle bei diesem Gedanken zuschnürte. »Was passiert, wenn Leandras stirbt?«
   »Da können wir nur spekulieren. Beim Durchsehen der Chroniken bin ich auf Fälle gestoßen, in denen die Kinder gestorben sind, ehe sie den Blutschwur leisten konnten. Dann wurde das Blut der toten Kinder verwendet und es ist ein neues geboren worden. Ich weiß allerdings nicht, ob das nur eine Sicherheitsmaßnahme war, oder ob es unbedingt nötig ist. Sollte es so sein, wäre unser Schicksal in dem Moment besiegelt, in dem Leandras‘ zweite Wandlung einsetzt.«
   »Das heißt, das Zurückbringen von Leandras sollte oberste Priorität haben.«
   Acorus stieß einen Seufzer aus, der das Leid der Welt auf sich zu tragen schien. »Ja, sollte es. Doch diese Rebellen sind nicht zu unterschätzen. Immerhin haben sie ein Ratsmitglied getötet. Wir können unmöglich noch mehr von Kalseas Leuten losschicken. Ich denke, wir haben alles getan, was in unserer Macht steht und müssen den Rest dem Schicksal überlassen.«
   Myrias kam nicht umhin, die Augen zu verdrehen. Schicksal. Er konnte es nicht mehr hören und schon gar nicht verstehen. Sein Volk hatte sich mit mächtigen Drachen zusammengetan, beherrschte Magie und verfügte über ein Wissen, mit dem es dem Rest der Welt um Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte voraus war — und dennoch legte man im Zweifelsfall gerne die Hände in den Schoß und schob die Verantwortung dem Schicksal zu. Allerdings konnte Myrias es den Drachenmenschen nicht verdenken. Durch seinen Fortschritt war das Verborgene Reich stets allen Bedrohungen gewachsen gewesen, und die meisten Krisen hatten sich aussitzen lassen. Doch nun sah das Reich sich einer neuen Bedrohung gegenüber.
   Myrias brauchte eine Weile, ehe er sich zu einer Antwort durchringen konnte. Er hypnotisierte den Teppich zu seinen Füßen, zupfte an der Nagelhaut seines Daumens herum und litt plötzlich unter einem extrem trockenen Mund. Sollte er es wirklich aussprechen? Er wollte nicht, doch er musste.
   »Nun ja«, begann er, »Es gibt eine Möglichkeit, die Kalsea noch nicht ausgeschöpft hat. So viele Leute auch losgezogen sind, um Leandrass zu suchen: Kein einziger davon war ein Ratsmitglied. Dabei sind wir die einzigen, die die Anwesenheit von unseresgleichen spüren können.«
   Zu gerne hätte Myrias ein Bild von Acorus‘ Gesichtsausdruck gehabt. Der sonst so unterkühlte Mann, der dem Eisdrachen alle Ehre machte, sah aus, als hätte man ihn mit einem Brett auf den Kopf geschlagen. »Ein Ratsmitglied losschicken? Bist du des Wahnsinns? Es ist zu siebt schon nicht einfach, die Kristalle für den Nebelwall im Süden zu speisen. Wenn da nun noch jemand fehlt … Und wer von uns sollte denn das machen?«
   Da war sie — die Frage, die Myrias letzte Nacht den Schlaf geraubt hatte. Es gab eigentlich nur eine Möglichkeit, und die gefiel Myrias nicht. Acorus verwaltete das Reich, Kalsea sorgte für die innere Sicherheit, Daucon und Astrania kümmerten sich um das Militär. Mahonerys war für die Bewirtschaftung der Felder zuständig und Anthemis würde nach Corilys‘ Tod wohl neben dem Forschungsbereich auch noch den Bildungsbereich übernehmen. Und Myrias hatte lediglich die Verwaltung der Kultureiteinrichtungen über. Da er mit Musik und Theater nicht viel anfangen konnte, hatte er jemanden angestellt, der diese lästigen Aufgaben für ihn übernahm. Zugegeben, der Mann machte seine Arbeit großartig und alle hielten Myrias für einen begnadeten Literatur- und Kunstkenner, doch abgesehen davon, dass sie gerade etwas ganz anderes brauchten als ein bisschen Kleingeld für ein neues Opernbühnenbild, sah die Wahrheit nun mal anders aus.
   Myrias schluckte. Durch seinen Kopf rauschten die Worte, die Daucon gestern dagegengeworfen hatte: der nutzloseste Ratsherr aller Zeiten. Ja, als der würde er in die Geschichte eingehen.
   Acorus schien seine Gedanken zu riechen. Er musterte ihn eine Weile, dann sagte er: »Es ehrt dich, dass du nach einer Lösung suchen willst, doch in diesen schwierigen Zeiten braucht unser Volk seine Herrscher. Die Stimmen, dass der Rat geschwächt ist und bald nicht mehr sein wird, werden immer lauter. Wir müssen die Stellung halten und den Menschen ein Gefühl von Stabilität vermitteln.« Das stimmte, und Myrias hatte Verständnis für die Verunsicherung in der Bevölkerung. Da der zehnköpfige Rat der Drachenmenschen seit fast zwei Jahrtausenden an der Macht war, kannten die Menschen im Verborgenen Reich nichts anderes. Dieses unantastbare Gremium göttlicher Natur sorgte für Sicherheit und Wohlstand, und die Krise brachte ihr ganzes Weltbild ins Wanken. Wahrscheinlich zweifelte auch bereits der eine oder andere an der Göttlichkeit der Drachenmenschen.
   »Und selbst, wenn wir auf ein Ratsmitglied verzichten könnten«, fuhr Acorus fort, »so hätte dieses nicht die geringste Chance, Leandras zu finden. Bedenke, unsere Macht ist in der Nähe unserer Drachen am stärksten, und wir können einander hier auch über viel weitere Entfernungen spüren als irgendwo in weiter Ferne. Wie sollte denn ein einzelner ganze Länder durchkämmen?«
   »Keine Ahnung«, sagte Myrias. Er schmeckte Blut und bemerkte, dass er sich die Lippe aufgebissen hatte. »Ist wahrscheinlich eine dumme Idee.«
Ja, bestimmt hatte Acorus recht.
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