Wiedersehen

von LostSalia
OneshotAllgemein / P16
08.02.2019
08.02.2019
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Hallo du da draußen :)
Hier folgt mein Beitrag zum Projekt 1 Beginn, 1 Ende, 1 Wort
Mein Wort war 'reich' und ich hoffe, ich habe es richtig umgesetzt. :)

Hier gilt eine Spoiler Warnung: Wenn du das Ende des Animes nicht kennst und ihn noch anschauen willst, dann bitte bitte lies diesen OS nicht! Immerhin baut das hier auf dem Anime auf.

so, ich denke, genug des Vorgeplänkels und der Warnungen.
Viel Spaß beim Lesen :)
Liebe Grüße
Salia



Reich an Schmerz, schoss mir durch den Kopf, als ich einen Mann mit goldblondem Haar sah, dessen olivgrüne Augen mich überrascht musterten. Er starrte mich förmlich an. Offensichtlich ebenso überrumpelt wie ich.
Unsere Beziehung konnte man auch nicht anders beschreiben: Geboren aus Schmerz und Einsamkeit; unerwiderter Liebe und Verlustängsten. Wir hatten uns damals aneinander festgehalten, als wir gefallen waren. So waren wir wenigstens nicht alleine auf dem kalten Boden der Realität gelandet. Gelandet sind wir trotz allem.
Manchmal wenn ich alleine war, wünschte ich mich noch immer in diese Arme zurück, auch wenn sie mittlerweile vermutlich nicht mehr so zart und wären, wie damals. Wie weich seine Haut war, wenn er neben mir gelegen hatte. Wie sanft er mich berührt hatte. Mit welcher Geduld.
Manchmal, wenn es ganz schlimm war, spürte ich seine zarten Berührungen auf meiner Haut und fuhr im nächsten Moment herum und verteufelte mich dafür.

Es war keine Liebe, die uns verbunden hatte.
Nicht dieses naive Bauchkribbeln und die Illusion, dass sie die einzig wahre bis ans Lebensende war. Diese Vorstellung, die wohl jedes Mädchen von der Liebe hat, wenn es jemals ein Märchen vorgelesen bekommen hatte.
Mugi war keiner dieser Prinzen; er war noch nicht einmal ein Ritter gewesen.
Wäre er in einem Märchen vorgekommen, wäre er der dreckige Straßenjunge gewesen, der lediglich Ärger mit sich brachte, wo auch immer er auftauchte.
Nein. Es war nichts dergleichen. Nichts derart einfaches.
Es war viel mehr der gleiche Schmerz, der uns aneinander gekettet hatte.
Der uns damals zu der Entscheidung gebracht hatte.
Der Entscheidung uns loszulassen, damit wir uns nach den Niederschlägen entfalten konnten.
Wie Raupen, die irgendwann zu Schmetterlingen wurden.
Verkrüppelte Raupen, die zu noch verkrüppelteren Schmetterlingen heranwuchsen.
Während unserer gemeinsamen Zeit, in der wir zu verdrängen versucht hatten, versteckten wir uns in Kokons. Igelten uns ein; nabelten uns von der Außenwelt ab. Verstrickten uns in die Lügen, die gesprochen wurden; Worte so belanglos wie das Fallen von toten Blättern.

Beim letzten Gespräch in diesem Lagerraum, wo wir uns gegeneinander entschieden haben, waren wir dann geschlüpft. Es war uns beiden klar, dass wir uns immer bloß an diese Zeit erinnern würden. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge.
Wir waren verkrüppelt geborene Schmetterlinge. Fehlende Fühler oder ein löchriger Flügel. Es war egal, wie man es in eine Metapher packte: Wir waren voneinander gebrandmarkt; gezeichnet; signiert. Abgestempelt. Und obwohl es vielleicht grob klang; ich wollte ihn nicht missen. Diesen flüchtigen Moment; diese Erfahrung.
Uns war klar, dass wir eines Tages zu einer verschwommenen Erinnerung verkommen würden. Eines Tages hätten wir uns vermutlich nicht einmal mehr erkannt, wenn wir uns begegneten.




Es war anders als damals mit Akane.
Sie hatte geheiratet und Kanai bereits einen wunderschönen Sohn geschenkt.
Ich hatte sie letztens erst im Einkaufszentrum gesehen. Natürlich hatte es geschmerzt, wie denn auch nicht? Sie war doch meine erste Liebe. Die erste Frau, für die ich durch die Hölle und wieder zurück gegangen wäre, ohne auch nur einmal den Grund zu hinterfragen. Ich war blind, naiv und dumm gewesen. Und hatte darüber hinaus jemanden verletzt, die vermutlich perfekt zu mir gepasst hätte.
Für den Gedanken an Akane hatte ich mich gehasst. Ernsthaft. Sie hatte es nicht verdient, dass ich auch nur eine Sekunde mit dem Gedanken an sie verschwendete. Mein Herz hatte sich trotzdem schmerzhaft verkrampft und meine Lungen hatten für mehrere Sekunden ihren Dienst quittiert. Doch Akane war glücklich gewesen.
Und der Junge war süß.
Das musste ich mir eingestehen.

Ich war jetzt zehn Jahre im Ausland gewesen. War geflohen, hatte außerhalb studiert und bin nun eigentlich bloß hier, um meine Mutter zu bestatten. Die alte Frau und ich hatten nie ein warmherziges Verhältnis genossen, doch trotz allem hatte sie mir geholfen das Austauschprogramm zu organisieren. Sie hatte nicht gefragt, damals.
Sie hatte bis heute nicht gefragt und mich einfach machen lassen.
Zur Entschädigung hatte ich sie einmal im Jahr besucht. Für einen Tag, an dem ich die Wohnung nicht verlassen hatte, was an sich schon feige war.
Das wusste ich.
Ich war kein Idiot.
Manchmal.

Unwillkürlich überfluteten mich Bilder. Bilder, die ich gekonnt verdrängt hatte.
Weil sie mich aus der Bahn warfen.
Weil sie mich verletzlich erscheinen ließen.
Jedes beschissene Mal.
Dabei wollte ich doch bloß noch einen Drink nehmen, bevor ich zum Flughafen aufbrach.
Bevor ich endlich wieder in die Normalität zurückkehren konnte.



Ich wollte doch bloß ein Kleid kaufen. Ein gottverdammtes Kleid, damit ich auf diesem Wohltätigkeitsball nicht wie der letzte Vollidiot aussah. Der Wohltätigkeitsball, zu dem mich Narumi eingeladen hatte. Und es war seine Organisation, die ihn veranstaltete. Wie konnte ich da nein sagen? Nach allem war er doch noch immer wie ein großer Bruder für mich. Ich konnte ihm das nicht einfach abschlagen.

Ich schluckte schwer, als mir klar wurde, dass Mugi mich ebenfalls gesehen hatte. Erkannte er mich noch? Dachte er gerade an unsere Zeit zurück? Ging es ihm genauso wie mir?
Ich schluckte noch einmal, als ich an mir herabsah und bemerkte, dass ich noch immer das Kleid trug. Am liebsten hätte ich die Arme vor der Brust verschränkt um es zu verstecken, doch Sanae hatte meine beiden Hände von mir gestreckt und betrachtete mich zufrieden. „Du siehst wunderschön aus!“, strahlte sie, doch ich konnte ihr nicht antworten. Als hätte ich meine Zunge verschluckt.
Auch Mugi blinzelte mehrfach.
Es sah süß aus. Erinnerte mich an damals.
Warum trug er einen Anzug? Warum sah er so traurig und müde aus?
Hätte Sanae meine Hände nicht in Beschlag genommen, hätte ich eine bestimmt nach ihm ausgestreckt.
Ein Reflex. Ein dummer, kleiner, vielsagender Reflex.
Etwas in mir, wollte seine Haut unter meinen Fingern spüren.
Etwas in mir, wollte seine Stimme hören.
Etwas in mir, wollte ihn betrachten.
Geschichten austauschen.
Erinnerungen teilen.
Doch das war nicht Teil der Abmachung von damals.
Das gehörte nicht zu unserem Deal.
Und doch...




Da stand ich also.
Wie gelähmt vom Anblick einer wunderschönen Frau. Nein, dieser wunderschönen Frau, die mir so vertraut und doch so fremd geworden war, dass mir schwindelig wurde. Ich war schlichtweg überrumpelt.
Sie war nicht mehr das Mädchen von damals. Dieses in ihrem Schmerz verlorene Mädchen, das ich kennengelernt hatte. Dieses Mädchen, das mich brauchte. Ja, damals hatte sie mich gebraucht. Es war nichts weiter. Ein Arrangement um unseren Schmerz auszuhalten; zu verarbeiten.
Das smaragdgrüne Kleid schmeichelte ihren dunklen Augen und Haaren. Egal wie zerzaust sie von den unzähligen Anproben aussahen. Hanabi war wunderschön.
Schöner als ich sie mir jemals vorgestellt hatte.
Und das hätte ich mir niemals öffentlich zugestanden.
Der Rotschopf, der mir zum Teil die Sicht nahm, musste Sanae sein.
Wenigstens eine Konstante war ihr geblieben.
Ich freute mich, ehrlich.
Doch da war auch Neid.
Denn Sanae und Hanabi hatten schon damals eine besondere Beziehung unterhalten. Waren sie mittlerweile-? Nein, ich wollte daran nicht denken. Wollte mir nicht ausmalen, dass Sanae und Hanabi nun glücklich waren. Zusammen.
Dafür hasste ich mich.
Als mir das bewusst wurde, senkte ich den Arm, den ich offenbar gehoben hatte.
Es war erbärmlich.
Ich war erbärmlich.




Sanae ließ eine meiner Hände los und fuchtelte mit ihrer vor meinem Gesicht herum.
„Was geht denn da drin ab?“
„Ich-“, stammelte ich.
Und dann ging Mugi weiter. Schüttelte seinen hübschen Kopf und ging.
Und ich konnte das nicht zulassen.
Natürlich nicht.
Sanae ließ ich verwirrt blinzelnd hinter mir, als ich mit diesem Kleid an meinem Körper – inklusive der Diebstahlsicherung – durch den Geschäftseingang stürzte. Hinter mir ertönte das durchdringende Schrillen des Alarms. Ich konnte das Schimpfen der Verkaufskraft hören; Sanaes beschwichtigende Worte drangen ebenfalls an mein Ohr, doch ich verstand sie nicht.
Was zählte, war dieser verdammte Blondschopf, der sich dort vorne durch die Menge schlängelte.
Und mich einfach ignorierte. Ich war mir so sicher, dass er es war.
„Mugi“, schrie ich aus voller Kehle, „Komm zurück! Mugi!“



Ihre Stimme ging mir durch die Knochen. Doch ich hielt den Kopf gesenkt.
Ihre Verzweiflung war beinahe greifbar.
Nach zwei weiteren Schritten stoppte ich.
Noch einmal hörte ich meinen Namen. Meinem Namen aus diesem hübschen Mund.
Ich atmete noch einmal tief durch. Machte mir die Situation bewusst.
Menschen wandten sich nach mir um, weil sie Hanabis Blick in meine Richtung verfolgten.
Ich wollte mich so unbedingt nicht umwenden, dass sich mein Herz verkrampfte.
Hatte ich mich nicht vorhin noch so danach gesehnt?
Hatte ich nicht einen Arm gehoben, ohne es bemerkt zu haben?
War das denn kein Zeichen von Sehnsucht?
War das Vorfreude, die durch meinen Bauch kribbelte?
Ich wusste es nicht mehr.
Darum wandte ich mich dann doch herum und lief weiter.
Setzte mich diesem gewohnten Schmerz aus; erinnerte mich daran, wie es damals geendet hatte, und ließ damit jede Chance auf Versöhnung verstreichen. Es war doch ohnehin besser so.
Vielleicht würde sie eines Tages denken, dass sie sich getäuscht hatte.
Dass sie in einem Anflug von Melancholie, ausgelöst durch ihr Treffen mit Sanae, irgendeinen wildfremden Mann mit dem Mugi von damals verwechselt hatte.
Ja genau.
Sie würde sich damit abfinden und mich wieder vergessen.
Deshalb ging ich wieder los, ohne mich noch einmal umzuwenden.
Tat was ich gut konnte.
Mich verletzen.
Reich an Schmerz; mehr würde es wohl niemals sein.