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Aus dem Leben eines Autors

von Funkensee
OneshotHumor / P12 / Gen
07.02.2019
07.02.2019
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Eine schmächtige Gestalt stolperte aus der Tür eines Mehrfamilienhauses. In der einen Hand hielt sie einen Stapel losen Papiers, mit der anderen raufte sie sich durch die ohnehin schon völlig zerzausten Haare, die vermutlich einige Jahre keinen Friseur mehr gesehen hatten.
Der junge Mann trug eine Brille, auf die Harry Potter neidisch gewesen wäre. Hinter ihr verbargen sich furchterfüllte, verwaschen braune Augen.
Es war früh am Morgen, dunkle Augenringe zeichneten sich unter den Rändern der Brille ab. Die logische Folgerung: Der Mann hatte wahrscheinlich nicht geschlafen, dementsprechend unkonzentriert und fahrig waren seine Bewegungen, als er seine Brille zurechtrückte. Er atmete heftig und zitterte unter den Windstößen, die drohten, ihm das Papier aus der Hand zu fegen. Einige Momente verharrte er zwischen Tür und Angel und drehte hektisch den Kopf hin und her, sein Blick bohrte sich in die dunkelsten Straßenecken, auf der Suche nach einem kleinen, beinahe unsichtbaren Wesen, das sich dort irgendwo verbergen musste.
Endlich hatte er augenscheinlich gefunden, was er suchte. Ohne sich die Mühe zu machen, die Tür wieder zu verschließen, stürzte er in irgendeine dunkle Seitengasse, wo er eine Bewegung wahrgenommen hatte.
"Bleib hier!", rief er mit manischem, verzweifeltem Grinsen, das eindeutig auf Schlafmangel zurückzuführen war. Das Wesen, das er verfolgte, dachte jedoch nicht im Entferntesten daran, seinem Befehl zu folgen. Es hoppelte weiter so schnell es seine Beine trugen, während der junge Mann es verfolgte.

Jeder, der vielleicht in dieser Herrgottsfrühe aus dem Fenster schaute, würde nur einen Mann im Studentenalter mit falsch zugeknöpftem Hemd sehen, der ein kleines, buntes Kaninchen verfolgte.
Doch so verhielt es sich nicht ganz. Denn das Bild, das sich jenem unerkannten Zuschauer bot, ist das eines unglücklichen jungen Autors, auf der Jagd nach einem sogenannten Plotbunny. Richtig, dieses kleine Kaninchen ist die Personifikation einer Idee, einer schlichten Idee, die dem Gehirn des zu bedauernden Autors entsprungen und wortwörtlich davongelaufen ist. Tja, Pech. Passiert, oder?
Ja, passiert. Gedanken, Ideen laufen davon. Warum sie sich dann ausgerechnet als Kaninchen manifestieren, das ist ein Rätsel, das wohl auch auf ewig eines bleiben wird. Und trotzdem wird jeder Autor alles dafür tun, um sein persönliches Kaninchen, wenn es einmal davongelaufen ist, zurückzuholen.
Dementsprechend verfolgte unser Autor weiterhin verzweifelt das Kaninchen, aus dessen Körper es in sanften Blautönen herausleuchtete.

Das Kaninchen schoss so schnell es zu laufen vermochte um abrupte Ecken und über Mülltonnen, doch der Autor verfolgte es ohne Rücksicht auf Verluste. Verzweifelt hielt der
junge Mann seine Brille fest, das Papier hatte er sich unter den Arm geklemmt, um es ja nicht zu verlieren, trotzdem flatterten ihm Trauben von Blättern davon.
Hoffnungslos keuchend stolperte der Autor dahin und verfluchte seine fehlende Ausdauer, denn er hatte schlicht keine Zeit, um großartig Sport zu treiben, schließlich war es wichtiger, Tag und Nacht vor einem Computer zu sitzen und zu schreiben; wenn er auch fürchtete, sein mittelalterliches Gerät würde bald den Geist aufgeben, ein neueres konnte er sich nämlich nicht leisten.

Als der Mann seinen Plotbunny beinahe erreicht hatte, hörte er hinter sich einen leisen, aber Unheil verkündenden Donner. Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend warf er einen Blick hinter sich, das Schlimmste befürchtend - und tatsächlich, die Katastrophe war der Fall.
Hinter ihm hatte sich eine pechschwarze Gewitterwolke aufgetürmt, die sich ihm drohend näherte, schneller als er jemals laufen konnte.
Entsetzt keuchte der Autor auf. Das hatte er befürchtet, wenn er den Plotbunny nicht schnell genug einfangen konnte. Ihn verfolgte das von allen Autoren Gefürchtete, das KreaTief. Der Autor wusste, wenn er in das KreaTief hineingeriet, würde ihm der Plotbunny und damit eine wichtige Idee endgültig entkommen.
Der Autor stieß einen Laut aus, den er für einen Kampfschrei hielt, der sich aber in Wirklichkeit eher anhörte wie ein sterbendes Huhn. Das KreaTief, davon nicht im Geringsten beeindruckt, schwebte gelassen weiter vorwärts, während sich ein Sturm darin zusammenballte, der alles um sich herum aufzusaugen drohte, allem voran die Gedanken und Ideen des jungen Mannes.
"Du kriegst meinen Plotbunny nicht!", schrie dieser in das Unwetter hinein. Selbiges schien nur noch bestimmter den wertvollsten Besitz des Autors ergreifen zu wollen.
Der bedauernswerte Autor rannte schneller. So schnell, dass er prompt über den Deckel einer Mülltonne - weiß Gott, wo der auf einmal herkam - stolperte und einen Schuh verlor. Er ließ ihn liegen wo er war. Sollte das KreaTief ihn haben, solange es nur nicht den Plotbunny bekam.
"Friss den Schuh!", kreischte er der Gewitterwolke hinter ihm zu. Seine Stimme überschlug sich und er unterdrückte einen Hustreiz, immer bemüht, den Plotbunny ja nicht aus den Augen zu verlieren.

Immer noch jagte der junge Mann japsend und keuchend durch enge, verwinkelte und vor allem dreckige Gassen der schlafenden Stadt, während hinter ihm schon dicke, schwere Regentropfen aus seiner persönlichen Gewitterwolke platschten.
Auch das Kaninchen geriet zunehmend in Panik. Sein Blau leuchtete weniger stark als vorher, es stolperte immer öfter. Aber ebenso verlor der Autor an Kraft. In seinen vor Anstrengung verdrehten Augen leuchteten unzählige rote Äderchen - er sollte wirklich mehr schlafen -, sein Hemd war zerrissen und seine Handflächen zerkratzt und blutig, wo er sich an den Wänden der Häuser abgestützt hatte.
Nur das KreaTief verlor nicht an Kraft, im Gegenteil, es wuchs und ließ mehr Regen fallen, umso verzweifelter sein Opfer versuchte, zu flüchten.
Dieses fing an, wahllos zu irgendwelchen Göttern zu beten und hoffte, dass sie nicht sauer auf ihn waren, wenn er zu denen anderer Religionen gebetet hatte.

Doch schließlich nahte die Rettung. Auch wenn sie zuerst nicht aussah wie die Rettung.
Sie bestand aus einigen hundert Menschen, die gerade dabei waren, eine Mauer umzustürzen, die dem Autor im Weg stand. Eine gnadenlos fiese Ausstrahlung von dem grauen Beton vibrierte auf seiner Haut. Binnen Sekunden erkannte der gepeinigte Mensch die Schreibblockade - noch gefürchteter und grausamer als das KreaTief.
Aber gerade als der Plotbunny drohte, gegen die Mauer zu laufen, hatte die Ansammlung an Menschen es geschafft, sie zu zerstören. Anschließend gruppierten sie sich in einem Kreis um das KreaTief und schirmten es so von dem Autor ab.
Selbiger brauchte einige Momente um zu realisieren, wer diese Menschen waren. Hauptsächlich Mädchen im Teenager-Alter standen da und beschützten ihn vor der Gewitterwolke. Mit gesenkten Köpfen und Haaren, die Schatten auf ihre Gesichte warfen, sodass jedes kleine Geistermädchen aus einem Horrorfilm stolz auf sie gewesen wäre, standen sie da und starrten ihn aus großen, mit beachtlichen Ringen versehenen, Augen an.
"Danke", wisperte der Autor mit zitternden Lippen als er den Plotbunny einsammelte, der aus Schock beschlossen hatte, sich totzustellen.
Die Mädchen nickten simultan. Obwohl sie alle ungefähr genauso fertig und verschlafen wirkten wie der Autor selbst, ging eine fast unbegreifliche Stärke von ihnen aus. Der Autor wusste, sie hatten Macht, aber er wusste immer noch nicht, wer sie waren.
"Gerne", wisperte eines der Mädchen. Die anderen fielen mit ein. Dann begannen sie, zu flüstern, und in der schieren Flut an Worten konnte der junge Mann doch einige erkennen.
Romione.
Percabeth.
Solangelo.
Larry.
Destiel.
Phan.
Drarry.
Und dann erkannte der Autor, wer die Mädchen waren. Vor ihm standen die Shipper. Er versuchte, all sein Wissen über diese Gruppe Menschen aus den Ecken seines Gedächtnisses zusammenzuklauben.
Die Shipper - größtenteils weibliche Teenager - waren besessen von einem fiktiven Pärchen, komme dieses in einem Buch, Film, oder wo auch immer vor, oder auch manchmal von einem Paar aus realen Personen.
Noch einmal bedankte der junge Mann sich bei ihnen während er sich mit einer fahrigen Bewegung durch die Haare fuhr, dann machte er, dass er wegkam. Ihm waren diese Mädchen unheimlich - und das zurecht. Er hatte nicht unbedingt Lust darauf, sich von ihnen die Ohren vollkreischen zu lassen, welches Pärchen jetzt das süßeste, beste, oder dämlichste war.
Er hielt seinen Plotbunny fest im Arm und machte sich auf den Weg dorthin zurück wo er hergekommen war. Inzwischen war die Sonne über den Horizont gestiegen und er spürte, wie die Müdigkeit sich in seinen Gliedern einnistete.
Daheim angekommen sperrte der Autor den Plotbunny wieder zurück in seinen Käfig, wo er hingehörte, zusammen mit den anderen Kaninchen, die in allen Farben des Regenbogens glühten.
Nur eines fehlte. Er wusste ganz genau, dass er einen gelb-orangen Plotbunny besaß. Aber den konnte er nirgends entdecken. Was nur bedeuten konnte - der junge Mann spähte aus dem Fenster. Hinter einer Mülltonne leuchtete es gelb.
Mit einem tiefen Seufzer warf er sich auf sein Bett und murmelte in Richtung der Kaninchen: "Fickt euch doch alle"
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