Days Of Our Lives

von Evenstar
GeschichteDrama, Freundschaft / P16
06.02.2019
08.04.2019
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„Der hat sie doch nicht mehr alle beisammen! Was ist denn verdammt nochmal mit dem Studio in London nicht okay gewesen?“, regte Roger sich auf und warf den Stummel seiner inzwischen mindestens zwanzigsten Zigarette in eine mit Wasser gefüllte Kaffeetasse.
„Das Ding kannst du hinterher in die Tonne werfen, Abspülen wird da nicht mehr viel helfen“, kommentierte John leicht angewidert das umfunktionierte Trinkgefäß, was seinen Kollegen jedoch gar nicht zu interessieren schien.
„Juckt doch keinen“, grummelte der Schlagzeuger und stellte genervt fest, dass seine Schachtel nun tatsächlich leer war.
Nachdem Alana die Band bereits deutlich früher, zu einer Party an Silvester, wiedergesehen hatte, machte sie vor guten drei Monaten tatsächlich ihr Versprechen wahr und begleitete die Musiker ins deutsche München, wo sie ab Februar den Rest ihres kommenden Albums „The Game“ aufnehmen wollten. Die Idee kam von Freddie Mercury, der seit dem Vorjahr seinen Hauptwohnsitz in der Metropole an der Isar angesiedelt hatte, nun jedoch derjenige war, der entweder fortwährend zu spät kam, oder an manchen Tagen gar nicht erst im Studio auftauchte. Auch an diesem Freitag glänzte der Leadsänger bisher durch Abwesenheit und war auch weder zuhause, noch an seinen anderen üblichen Anlaufstellen am Telefon zu erreichen.
Die Musicland-Studios der bayrischen Landeshauptstadt befanden sich im Erdgeschoss des Arabella-Hochhauses im Stadtbezirk Bogenhausen und man hatte den seit drei Monaten anwesenden bekannten Musikern aus England wirklich alle möglichen Annehmlichkeiten zugestanden. Eine eigene Lounge, immer volle Kühlschränke, mehrere Fernseher und Telefone. Das alles änderte jedoch nichts daran, dass Mercury seine Bandkollegen zunehmend hängen ließ, um sich seinen Ausschweifungen im Münchner Nachtleben zu widmen.

„Was zur Hölle ist DAS denn?“. Roger starrte ungläubig auf den Fernseher, in welchem er soeben sinnlos zwischen allen Kanälen gezappt hatte und an einer deutschen Musiksendung hängen geblieben war. „Roland Kaiser? Muss man den kennen?“, runzelte er die Stirn und lauschte zumindest der Melodie, des von einem langhaarigen Schnulzensänger vorgetragenen Liedes“.
Auch die anderen blickten auf, konzentrierten sich kurz auf die Szenerie auf dem Bildschirm und schienen sich nicht so ganz sicher zu sein, was sie davon halten sollten. Sicher, der deutsche Sänger hatte eine recht annehmbare Stimme, aber die Umsetzung machte schon einen sehr schwülstigen und etwas übertriebenen Eindruck.
„Was ist Santa Maria überhaupt?“, schwafelte Roger vor sich hin, der ja weiter nichts verstand, als diese beiden Worte, die tatsächlich auch den Songtitel bildeten.

„Er singt von einer Südseeinsel – Santa Maria -  und einem Mädchen, das er dort kennengelernt hat. Sie denkt wohl darüber nach, ihm seine Jungfräulichkeit zu opfern, weil beide vollkommen verrückt nacheinander sind. Am Ende verabschieden sie sich tränenreich, weil er wieder zurück in die Heimat muss. Typisch deutscher Schlager eben“, erklärte Alana beiläufig und versuchte dann wieder einige Griffe an der Gitarre, die sie in der Hand hielt.
„So ungefähr?“, fragte sie an Brian gerichtet, der knapp vor ihr saß und zuvor einiges über das Saiteninstrument erklärt hatte.
„Hallo?“, machte sie noch einmal auf sich aufmerksam, als ihr auffiel, wie der Gitarrist sie nur verwundert ansah – und die anderen beiden taten es ihm gleich.
„Du hast das verstanden?“, war es nun John, der als erstes sprach und die Blonde nickte nach einem kurzen Zögern langsam.
„Ich habe als Kind vier Jahre in Deutschland verbracht. In Stuttgart und hier in München. Mein Vater war Ingenieur bei Mercedes Benz“, wollte die Juristin das Thema relativ schnell abhandeln, doch die Jungs schienen neugierig geworden zu sein.
„Deshalb hast du im Hotel auch immer alles so schnell geregelt, wenn du ihre Sprache sprichst“, bemerkte Roger, der sogar seinen Ärger für einen Moment vergessen hatte.
„Der Song ist trotzdem ganz übler Kitsch“, legte der Schlagzeuger nach und alle schmunzelten.
„Ich verstehe es besser, als das ich es sprechen kann“, gab Alana sich bescheiden und widmete sich dann wieder der Gitarre. Sie untertrieb zwar ein wenig und war der deutschen Sprache recht gut – wenn auch nicht akzentfrei -  mächtig, doch Prahlen war einfach nicht ihre Art.

Ohne Mercury konnten sie mit den Aufnahmen nicht weiter machen und so war es auch relativ gleich, womit sie sich die Zeit vertrieben.
„Ich finde das tatsächlich schwieriger als die Griffe an der Geige“, gestand die Anwältin stirnrunzelnd, auch wenn es wohl vorwiegend damit zusammen hing, dass sie ein Instrument eben schon lange kannte und das andere nun erst wenige Male in der Hand gehabt hatte.
„Du musst mit dem Ellbogen nicht festhalten. Lass sie einfach nur auf deinem Bein aufliegen“, erklärte er.  
„Und die Hand am Hals darf nicht klammern, sonst hast du zum Greifen zu wenig Freiraum. Es ist eigentlich nicht viel anders als bei deiner Violine, nur größer und die Haltung ist anders“. Flüchtig griff er nach ihrer besagten Hand und lockerte den Griff der Selbigen ein wenig. Leichter gesagt, als getan, er war schließlich der Profi und sie versuchte sich nur mangels besserer Beschäftigung – und ja, natürlich auch aus Interesse – aktuell daran.
„Shit, noch so ein Schnulzensänger“, seufzte Roger und veranlasste Alana dazu, dass sie wieder zum Fernseher sah, um dem Text eines deutschen Sängers namens Peter Maffay zu folgen.
„Er ist ein 16-Jähriger Teenager, lernt eine 31-Jährige Frau kennen, von der er sofort vollkommen angetan ist. Sie treffen sich irgendwo am Strand und dann verbringt er die erste intime Nacht seines Lebens mit ihr, bis zum Sonnenaufgang“, erklärte die Blonde, als sie ein Stück von dem Liedtext gehört hatte und Roger fing an zu prusten.
„Was haben die Deutschen denn bitte mit diesen Entjungferungen in ihren Songs? Ist ja abartig. Da soll noch mal einer sagen, ICH wäre pervers“, meinte er vergnügt.
„Du BIST pervers!“, betonte Brian deutlich und sah zur Tür, die gerade von Jim geöffnet wurde.
„Was für Themen habt ihr denn wieder?“, erkundigte der Manager sich stirnrunzelnd und sah in die Runde.
„Lieder von Peter Kaiser und Roland Maffay“, versuchte Deacon zu erklären, auch wenn er vorher nur halbherzig zugehört und stattdessen an seinem Bass herumprobiert hatte.
„Ich hab keine Ahnung, wo Freddie abgeblieben ist. Ernsthaft, zur Zeit ist er schwerer zu hüten, wie ein Sack Flöhe“, zeigte Jim sich wenig begeistert und sah dann zu Alana.
„Dich musste ich in deiner Teenager-Zeit weniger erziehen als ihn im Erwachsenenalter. Und du warst wirklich auch nicht ganz einfach“. Mit dieser Aussage erregte er nun auf ganz andere Weise die Aufmerksamkeit der Anwesenden.
„Warum musstest DU sie denn bitte erziehen?“, war der Schlagzeuger wieder mal der erste, der den Mund offen hatte und blickte neugierig zwischen den beiden hin und her.
„Das ist jetzt keine gute Idee“, versuchte der Manager sofort, das Thema abzuwimmeln, doch Taylor war einfach zu neugierig, was die Angelegenheiten anderer Leute betraf.
„Stellt euch nicht so an, wird ja nicht so ein wahnsinniges Geheimnis sein?“, bohrte er weiter und veranlasste Alana damit, recht eilig von ihrem Stuhl aufzustehen.
„Da Freddie wohl sowieso nicht mehr auftaucht, geh ich ins Hotel und werde noch ein wenig arbeiten. Ruft mich an, wenn es etwas Neues gibt“, gab sie sich kurz angebunden, reichte Brian dann seine Gitarre zurück und war auch schon verschwunden.
„Was hab ich denn jetzt wieder gesagt...?“, war Roger sich abermals keiner Schuld bewusst. Und dieses mal vielleicht sogar zurecht, denn keiner der drei Musiker verstand, was eben überhaupt passiert war, auch wenn der Schlagzeuger es mit der Neugier eindeutig wieder mal übertrieben hatte.

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„Er sagt, man isst das ohne Besteck und muss das innere praktisch heraus saugen“, übersetzte Alana den Anderen einige Stunden später am Tisch im Restaurant des Hotel „Bayrischer Hof“, in dem sie seit mehreren Wochen in München wohnten. Es ging um Weißwurst, süßen Senf und Brezen dazu, nachdem man einstimmig beschlossen hatte, nach Wochen mit Pizza, Burgern und anderem Fastfood doch noch etwas Regionales zu probieren. Ein Kellner hatte soeben die Essgewohnheiten dieser Speise erklärt. Die Anwältin hatte sich selbst von dem Gericht ausgenommen, denn sie kannte Weißwurst bereits und hatte keinen großen Bedarf danach.
Seit ihrem etwas merkwürdigen Abgang im Studio war sie eher still, sprach gerade so das notwendigste und war nun sehr darauf konzentriert, sich ihrem Essen zu widmen. Ganz schlicht Schnitzel mit Pommes. Auch Brian bildete eine Ausnahme, da er ohnehin Vegetarier war und sich zu so etwas wie Wurst nicht überreden ließ.
Der Anblick war tatsächlich ganz lustig, wie sie ungeschickt mit dem Essen hantierten, doch sie hatten ihren Spaß dabei und das war die Hauptsache.
„Irgendwie sieht das ganz schön ordinär aus“, kommentierte Jim und wischte sich die Hände an einer Serviette sauber. Der Geschmack schien ihm aber zugesagt zu haben.
„Eigentlich essen die Einheimischen das sogar zum Frühstück. Oder sowas wie Brunch, irgendwo zwischen Früh und Mittag“, erzählte Alana knapp weiter und trank einen Schluck von ihrem Wein, als ein Mann vom Hotelempfang auftauchte und Jim in sehr vom Dialekt eingefärbtem Englisch erzählte, dass jemand von „EMI“ ihn am Telefon dringend sprechen wollte. Seine Begeisterung darüber hielt sich schwer in Grenzen, als er sich von seinem Stuhl nach oben stemmte.
„Dann gehe ich mal und werde mir von eurem Plattenlabel den Kopf dafür abreißen lassen, dass ihr nicht in die Gänge kommt“, räusperte er sich und zog sein Jackett zurecht.
„Kommen wir sehr wohl! Wir waren im Studio, nur Fred kriegt seinen scheiß Arsch nicht hoch und lässt ihn sich lieber von irgendwelchen Fetischisten versohlen“, knurrte Taylor und wischte sich Senf aus dem Gesicht, während Deacon ihn finster ansah. „Ich esse!“, wollte er von bestimmten Spielchen ihres Sängers wirklich nichts hören, während er noch den Mund voll hatte.
„Ihr entschuldigt mich?“, trat Alana auch jetzt wieder relativ schnell die Flucht an und war auf und davon, bevor jemand auch nur zu einer Antwort ansetzen konnte.

„Ich hab nichts getan!“, rechtfertigte Roger sich sofort und sah, sich keiner Schuld bewusst, zwischen seinen zwei Kollegen hin und her.
„Jetzt nicht, aber vorhin wärst du besser gefahren, deine neugierige Nase nicht zu weit in alles hinein stecken zu wollen“, äußerte Brian seine Sicht der Dinge und der Schlagzeuger widersprach ihm nicht einmal, zuckte nur entschuldigend mit den Achseln.
„Du weißt, wie ich bin. Ich mein das ja nicht böse und interessiere mich nur für meine Mitmenschen. Reines und aufrichtiges Mitgefühl. Ich werde nur ständig falsch verstanden und beim Entschuldigen bin ich ganz schlecht. Du kannst das viel besser“. Bekräftigend nickte er und zog wieder mal ein Gesicht, als könnte er kein Wässerchen trüben.
May erhob sich augenrollend und warf seinem Gegenüber die Stoffserviette ins Gesicht. „Das ist das letzte Mal, dass ich den Mist in Ordnung bringe, den du verbockt hast!“, warnte er gleich vorab und ließ die anderen beiden dann am Tisch zurück. Wenigstens einer von ihnen musste ja ein vernünftiger Mensch sein.

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Es war ja nicht einmal so, dass Roger großartig etwas dafür konnte. Es fiel ihr schlicht und ergreifend nur einfach schwer, über das Thema zu sprechen, welches der Musiker im Studio angeschnitten hatte. Zwar lag diese Sache gute 10 Jahre in ihrer Vergangenheit, doch leichter war es dadurch leider nicht geworden, im Detail darüber nachzudenken. Die Blonde hatte genaugenommen auch keine wirklichen Freundschaften und war über all die Jahre fast ausschließlich mit Jim und seiner Frau Claudia zusammen gewesen.
„Warte mal bitte!“, hörte sie hinter sich die Stimme von Brian und blieb dann stehen, um sich zu ihm zu drehen.
„Roger ist ein neugieriger Idiot und du sollst bitte wieder zurück an den Tisch kommen“, erklärte er rasch und sah die Juristin dann abwartend an.
„Das hat er über sich selbst gesagt? Klingt nicht nach ihm“, fiel ihr sofort auf und er machte ein ertapptes Gesicht.
„Nein, hat er nicht, das ist von mir“, gab er ein wenig verstohlen grinsend zurück und ließ auch Alana damit leicht schmunzeln, während sie langsam weiter gingen.
„Ich habe mir das Ganze, die Arbeit mit euch, im Vorfeld tatsächlich anders vorgestellt“, gestand sie und setzte ihre Schritte gemächlich fort.
„Sind wir so unerträglich?“, hakte er relativ gut gelaunt nach und sie musterte ihn von der Seite.
„Darum geht es nicht, aber es ist eben nicht nur ein Job. Keine Arbeit, zu der man morgens hin fährt und am Abend wieder nach Hause geht. Wir verbringen alle sehr viel Zeit zusammen, wir essen gemeinsam, planen unsere Tage und Wochen durch“
Sie schien nicht zu wissen, ob der Gedanke, der in ihrem Kopf spukte zum Aussprechen geeignet war.
„Außer mit Jim bin ich einfach nicht gewohnt, Dinge über mich mit anderen Menschen zu teilen. Aber das alles hier mit euch hat fast ein bisschen was von...“
Sie musste ihren Satz nicht zu Ende sprechen, da er von May vervollständigt wurde. „Familie?“, fragte er lächelnd und sie nickte.
„Ich hätte immer gerne Geschwister gehabt, aber ich bin leider ein Einzelkind geblieben. Für mich sind die Jungs inzwischen tatsächlich fast wie Brüder, auch wenn jeder von uns eindeutig seine Macken hat“, erzählte er völlig unverkrampft über das, was er empfand.
„Meine Eltern kamen bei einem Unfall ums Leben als ich 14 war. Deswegen lebe ich seither bei Jim und Claudia. Er ist 13 Jahre älter als ich, war somit schon erwachsen, als das alles passierte. Ich hab mir über die Jahre einfach irgendwie angewöhnt, Dinge mit mir selbst auszumachen und es fällt mir schwer, gegenüber anderen über mich selbst zu sprechen“
Mit so etwas schien er nicht gerechnet zu haben und nun schwankte sein Blick irgendwo zwischen Entsetzen und Mitgefühl.
„Scheiße. Alana, ich hatte keine Ahnung. Das tut mir leid“, äußerte er nach kurzem und sie nickte angedeutet.
„Es ist zwar der vermeintlich normale Lauf der Welt, dass unsere Eltern vor uns gehen müssen, aber nicht in so jungen Jahren. Nun ist mir auch klar, warum ihr beide einander so viel bedeutet“, fuhr er leise fort.
„Ich habe auch Cousins und Cousinen, aber die sehe ich, wenn es hoch kommt, vielleicht ein mal im Jahr. Ich könnte dir nun nicht einmal auswendig ihre Namen aufzählen. Und ich würde auch sicher nicht für sie meine ganze Lebensplanung auf den Kopf stellen“.
Alana tastete in der Gesäßtasche ihrer Jeans nach den Zigaretten, während sie ihre Schritte durch die Eingangshalle auf den Haupteingang zu lenkte.
„Das habe ich nicht nur für Jim getan“, war sie in dem Punkt recht kurz angebunden und er war sich nicht so ganz sicher, wie er es einordnen sollte.

„Du hast sicher F....“, wollte sie gerade nach dem silbernen Zippo fragen, als er es bereits in ihre Richtung hielt und sie damit tatsächlich ein wenig amüsierte.
„Kannst du behalten“, sagte er schlicht, klappte es dann zu und legte es ihr in die offene Handfläche.
„Richtig. Bei dir sieht Rauchen sowieso eher aus, wie bei einem Zwölfjährigen“, neckte sie ein wenig und blies den Rauch nach dem ersten Zug langsam aus.
„Warum hast du das Teil überhaupt?“, interessierte Alana sich dafür, warum ein eigentlicher Nichtraucher ein Feuerzeug brauchte.
„So ein wenig kennst du Freddie inzwischen. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann muss er er sofort umsetzen. Irgendwo hat er Feuerzeuge mit Wappen drauf gesehen, drei Tage später hat er uns welche mit dem Logo der Band in die Hand gedrückt. Und ich hab immer das Gefühl, er will mich zum Rauchen verleiten“.
Ja, so war das eben manchmal mit exzentrischen Rockstars. Was sie unbedingt haben wollten das bekamen sie meist auch. Mercury konnte man eben niemals wirklich kontrollieren, völlig egal, wer sich daran versuchte.
„Versteh das jetzt bitte nicht falsch, aber ich bin froh, dass du hier bist“, äußerte der Musiker nach einigen Minuten und sah seitlich zu Alana, wobei ihr tatsächlich ein wenig warm wurde. Nicht etwa aus romantischen Gefühlen, doch sie hatte ansonsten in der Tat keine Kontakte, die nicht mit der Arbeit zu tun hatten. Ach ja richtig, das hier WAR ja inzwischen eigentlich ihre Arbeit.
„Wenn ich dir jetzt sage, dass ich dich auch ganz gut leiden kann, bildest du dir doch nichts darauf ein, oder?“
Kurz überlegend stellte er sich leicht breitbeinig hin und steckte proletenhaft die Hände in die Hosentaschen.
„Mann, was willst du denn, bin ich Roger, oder was?“, imitierte er die Stimme seines Freundes und sie grinsten sich an.
„Du hast hier früher eine Weile gelebt, sagtest du vorhin?“, erkundigte er sich nach Kurzem und Alana nickte zustimmend. Schön, dass ihr doch jemand wirklich zuhörte.
„Wir sind fast drei Monate hier, aber außer dem Flughafen, dem Studio, dem Hotel und den Weg zwischen diesen drei Orten, haben wir eigentlich überhaupt nichts gesehen. Wenn du dich auskennst, könntest du mir ein Wenig von der Stadt zeigen“, schlug er kurzerhand vor und eigentlich fand Alana die Idee auf Anhieb recht gut.
„Vielleicht sollten wir Bescheid geben, dass wir irgendwo hin gehen“. Mal wieder andere Orte sehen als immer nur die, von denen auch May eben gesprochen hatte, war wirklich kein übler Gedanke.

„Weg gehen? Geil!“, tauchte Roger wieder mal im absolut passenden Moment auf und sah unternehmungslustig von einem zum anderen. „Wohin gehen wir?“, faselte er geradewegs weiter und schien es gar nicht erwarten zu können, mehr über den vermeintlichen Ausflug zu erfahren, während John, den er im Schlepptau gehabt hatte, einfach nur schweigend zuhörte.
„Hat irgendjemand erwähnt, dass wir dich mitnehmen wollen?“, gab Brian zu bedenken, dass Taylor sich wohl wieder mal einfach selbst einlud.
„Wow, was geht denn bei dir?“, hatte der Schlagzeuger mit einer so deutlichen Ansage wohl nicht gerechnet.  
„Uuuh ach du scheiße, ihr wollt allein sein! Also so RICHTIG allein“, platzte er gleich darauf ergänzend heraus und wusste nicht, ob er grinsen oder doch eher entsetzt sein sollte über die Erkenntnis, die er glaubte, gerade erlangt zu haben.
„Oh mann“, schnaubte Alana und verschränkte die Arme, um gleich darauf den Kopf zu schütteln. Als könnten Männer und Frauen nicht völlig platonisch Zeit zusammen verbringen, ohne dass es gleich im Bett – oder wo auch immer – enden musste.
„Ich bin nicht du, Roger“, gab Brian relativ gelassen zur Antwort und musterte seinen Kollegen dann. Sollte heißen, dass er, im Gegensatz zu dem blonden Drummer nicht jede Frau, die er irgendwie kannte, gerne in sein Bett zerren wollte.
„Und wolltest du eigentlich nicht noch etwas anderes sagen?“, fuhr er fort und deutete ein Nicken in Richtung der Anwältin an.
„Verräter“, knurrte Taylor, der ja zuvor ausdrücklich den anderen vorgeschickt hatte, um bei Alana wieder gut Wetter zu machen.
„Okay! Tut mir leid, wenn ich mich da in was eingemischt habe, was mich nichts angeht. Auch wenn ich immer noch gerne wissen würde...“ Der strenge Blick, den er sich einfing schien seine Wirkung nicht zu verfehlen.
„Jaah, es tut mir ungemein leid. Entschuldigung? Können wir uns jetzt bitte alle vertragen und dann den Ausflug machen oder wovon auch immer ihr geredet habt?“
Die Juristin tat so, als müsste sie darüber tatsächlich erst länger nachdenken, richtete ihren Blick scheinbar überlegend zur Decke, sah dann zum Boden und entschloss sich letztlich doch, ihn nicht mehr länger zappeln zu lassen.
„Ausnahmsweise... Entschuldigung akzeptiert. Und jetzt kommt mit, ich hab da eine Idee. Lass vorher bitte einer von euch noch eine Notiz für Jim an der Rezeption da.“ Auch vermeintliche Superstars musste man hin und wieder ein wenig einspannen.

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„Natürlich ist das eine Kirche!“, bestand Roger gegenüber Brian felsenfest auf seiner Meinung, als sie auf dem Münchner Marienplatz standen und sich ein großes Gebäude ansahen. Der Schlagzeuger war extra dichter an das architektonische Werk heran getreten, weil er wohl glaubte, wenn er eifrig daran hinauf starrte, würde das irgendwas bewirken. Er blätterte in einem kleinen Heft in seiner Hand, eine Art Touristenführer, von welchem sie sich an einem Stand jeder einen zugelegt hatten. Leider war das Schriftstück auf Deutsch und nutzte den englischen Musikern nur wenig, außer ein paar ganz netten Fotos.
Alana besah sich das Ganze eine Weile stumm schmunzelnd, trat dann, als Roger es gerade nicht sehen konnte, neben Brian und zupfte kurz an seinem Ärmel. Sie zog ihn so ein Stück hinab und flüsterte ihm etwas ins Ohr, wobei sie nebenher auf einige Zeilen im Reiseführer deutete, nur um sich schließlich wieder etwas abseits zu stellen, als hätte sie der Unterhaltung überhaupt nicht zugehört.
„Es ist keine Kirche, sondern das Rathaus von München“, erklärte Brian sehr überzeugend und tat dabei so, als würde er dies gerade aus dem Heft in seiner Hand ablesen.
„Erbaut im neugotischen Stil in drei Bauabschnitten von 1867 bis 1909“, fuhr er fort und ließ seinen Finger über die Zeilen wandern, so dass man wirklich glauben konnte, er zitiere einfach nur aus den verfassten Sätzen. Roger wiederum hatte sich zwischendurch umgedreht und starrte seinen Freund mit offenstehendem Mund an. „Alter...“, schnappte er und runzelte dann die Stirn.
„Was kannst du eigentlich noch alles? Deutsch? Echt jetzt?? Streber, ich sag's ja ständig“, schien er ein wenig angefressen, über die offensichtlichen Geheimnisse, die der Gitarrist von ihm hatte.
„Schau doch mal da drüben, ob auf der Tafel irgendwas in Englisch steht!“, rief Alana zu Roger hinüber und deutete in eine Richtung. Natürlich ließ er sich das – neugierig wie er war – nicht zweimal sagen und scheuchte Deacon, dass er mit ihm kommen sollte.

„Rausgehen war eine richtig gute Idee“, erklärte May irgendwann, beobachtete zuerst Roger und John, die erfolglos versuchten, die Worte von der Tafel abzulesen, nur um schließlich zu Alana zu sehen, die gerade einen sehr merkwürdigen Blick aufgesetzt hatte.
„Woran denkst du?“, erkundigte er sich und trat einige Schritte näher zu ihr – nicht aufdringlich, nur um nicht so laut sprechen zu müssen.
„An Früher“, gab sie leise zur Antwort und drehte sich ein wenig. „In diese Richtung ist der Viktualienmarkt. Jeden Samstag bin ich mit meiner Mutter dort gewesen und es gab einfach alles. Unzählige Stände mit Essen. Kleidern, Taschen. Aufbauten mit Blumen, frischem Obst, alles, was du dir nur vorstellen kannst“, erzählte sie weiter und ihr Blick machte fast den Eindruck, als befände sie sich gerade in einer völlig anderen Welt – oder viel eher in anderen Zeit.
„Es war alles so einfach damals. So unbeschwert als Kind, weißt du?“, fuhr die Juristin fort und kam dann wieder etwas zu sich, als sie seine Hand leicht auf ihrer Schulter spürte.
„Das soll nun nicht wie Roger klingen, aber falls du jemals das Bedürfnis hast, über alles zu sprechen, dann würde ich zuhören“, sagte er schlicht und man konnte allein am Ton hören, dass Brian nicht die Neugier als Hintergrund für sein Angebot hatte. Sie tauschten ein kurzes Lächeln aus.
„Da steht auch nur alles auf Deutsch“, beschwerte sich Roger, als er mit John zusammen wieder zurück kam. Doch noch etwas anderes, schien ihn zu stören.
„Was habt ihr ständig ohne uns zu besprechen?“, murrte er und kramte in seiner Tasche wieder mal nach Zigaretten.
„Dinge für Erwachsene“, wurde er von Brian geärgert, worauf hin John zuerst auch grinste, dann jedoch ganz eilig ernst drein sah, als Roger seinen Blick auf ihn lenkte.
„Ja, irgendwie nicht nett von euch!“, stimmte er zunächst zu, schnitt Roger aber hinter dessen Rücken dann kurz eine Grimasse, als selbiger nicht hin sah. Der Schlagzeuger war in manchen Dingen ein wenig wie ein Kind und so konnte er furchtbar bockig sein, wenn ihm etwas nicht passte, oder er sich vernachlässigt fühlte.

„Wir haben uns auch nur über das Rathaus unterhalten, mehr nicht“, schwindelte Alana ein wenig und sah dann kurz auf die Uhr.
„Ich kenne noch was, das könntet ihr eventuell interessant und lustig finden“, kommentierte sie ihr nächstes vorhaben, hüllte sich jedoch in Schweigen, worum genau es ging. Auch dann als sie mit Fragen darüber gelöchert wurde.
„Nun wartet ab. Wir müssen ein wenig gehen, halber Kilometer ungefähr. Ist nicht weit. So um die 6 Minuten, wenn ich das richtig in Erinnerung habe“.
Es lohnte sich durchaus, wie jetzt, nach Einbruch der Dunkelheit durch die Altstadt von München zu gehen und abgesehen davon, wäre es ein Umweg gewesen und hätte tatsächlich länger gedauert, mit U- oder S-Bahn dort hin zu fahren.
Die Aufschrift an dem Gebäude, auf welches Alana zusteuerte, sagte den Musikern zwar etwas, denn das „Hofbräuhaus“ war weltbekannt, doch darunter vorstellen konnten sie sich so lange nichts, bis sie das Innere betreten hatten. Die Musik, die dort aus Lautsprechern dröhnte, war nicht gerade das, was man sich als Mitglied einer Rockband jeden Tag anhören würde, doch um etwas von der Kultur der Stadt mitzubekommen, fand Alana diesen Besuch durchaus geeignet. Wie fast immer, war der Bierpalast gut besucht und so brauchte es eine Weile, bis sie einen freien Tisch fanden, der für vier Personen ausreichte.
In einer großen Stadt wie München schien die Möglichkeit, von Leuten erkannt zu werden, nicht all zu abwegig und so war der erstaunte Blick des ein oder anderen Besuchers wohl tatsächlich darauf zurück zu führen, dass bemerkt worden war, wer sich hier unters Volk gemischt hatte.

„Krass!“, machte Roger große Augen, als er drei Kellnerinnen vorbei gehen sah, deren Arbeitskleidung aus einem typisch bayrischen Dirndl mit nicht gerade kleinem Ausschnitt bestand.
„Ob Dominique das auch so krass finden würde, wenn du dir hier leicht bekleidete Mädchen anschaust, während sie hochschwanger zuhause sitzt?“, gab Deacon zu bedenken und erinnerte Roger damit an seine Freundin in London, bei der die Geburt des ersten Kindes vermutlich noch in diesem Monat anstand.
„Schaut euch das an, die sind ALLE so“, konnte er das Leuchten in seinen Augen kaum unterdrücken und hatte seinem Kollegen auch nicht wirklich zugehört. Erst recht nicht, als eine der Damen an ihren Tisch kam, um die Bestellung aufzunehmen und die drei anderen bei seinem starrenden Blick plötzlich grinsten.
„Lasst mich mal“, übernahm Alana sofort das ganze und bestellte auf Deutsch bei der Bedienung etwas, das die anderen nur halbwegs verstanden.
„Was für ein Bier?“, erkundigte Deacon sich, denn zumindest dieses Wort klang in beiden Sprachen fast gleich.
„Weißbier. Das ist vom Aussehen her so ziemlich das genaue Gegenteil von Guinness“, teilte sie schmunzelnd ihr Wissen mit den Jungs und bemerkte fünf junge Frauen an einem Tisch, wovon zwei öfter zu ihnen herüber sahen.
„Ich glaub, da drüben kennt man euch“, bemerkte Alana schmunzelnd, doch ihre Begleiter waren vorerst ausreichend damit beschäftigt, das fremde Bier in „komischen Gläsern“ - Weizenbiergläser – skeptisch zu betrachten.
„Oh nun stellt euch aber an!“, schimpfte die Anwältin, als von allen Seiten zuerst nur merkwürdig an der trüben Flüssigkeit geschnuppert wurde.
„Danke, John!“. Er war der erste, der sich traute und nachdem er nicht röchelnd von der Bierbank kippte, kamen die anderem seinem Beispiel nach.
„Das ist tatsächlich gut“, kommentierte nun auch Brian und betrachtete das Wappen auf dem Glas.
„Pass auf, da ist bestimmt Weißwurst drin. Das ist nichts für Pflanzenfresser“, frotzelte Roger und wischte sich mit dem Handrücken Bierschaum von der Oberlippe.
„Übrigens muss ich mal eben weg!“, hatte er es mit einem Mal sehr eilig, sprang von seinem Platz auf, nahm sein Glas mit und schlenderte zu dem Tisch mit den jungen Frauen hinüber, die sie seit geraumer Zeit neugierig beobachtet hatten.

„Hören die hier immer diese Art von Musik?“, wollte Deacon wissen und lauschte der Blaskapelle aus dem Lautsprecher, bis Alana zu einem kleinen Podest, etwas entfernt deutete.
„Nein, manchmal wird das auch Live gespielt“, lachte sie und brachte die anderen beiden damit auch zum Grinsen.
„Echt Irre, wie viele Leute hierher kommen, ist das immer so voll?“, war nun auch May interessiert am Besucherandrang des Lokals, während er sich die reichlich bemalte Decke besah.
„Das ist sogar noch leer heute. Ich war einmal mit meinem Vater hier, da gab es nicht mal mehr Sitzplätze und in den Zwischengängen kam man auch kaum noch durch“.
Weißbier schien jedenfalls ihren Geschmack zu treffen und es wurde einstimmig beschlossen, ein paar Flaschen davon mit nach Hause zu nehmen, in sofern der Zoll am Flughafen sich da nicht sträubte.
„Ey Al! Kannst du mal rüber kommen?“, wurde die Blonde von einigen Tischen entfernt gerufen und verzog leicht das Gesicht. „Uff, ich befürchte, ich muss jetzt seine Baggerversuche Dolmetschen. Darf ich mal eben?“ Sie kletterte geschickt über Brian, der neben ihr saß und widmete sich dann dem unvermeidlichen, denn Taylor würde sowieso keine Ruhe geben.
„Ich versteh' nicht, was die mir sagen. In unserer Sprache kriegen sie nur eine Begrüßung hin und die Frage, wie es mir geht“, grinste er und zwinkerte den Mädels dann abwechselnd zu.
Nur kurz musste Alana den Fremden zuhören, drehte sich dann zu Roger und räusperte sich kurz. „Das sind Lisa, Eli, Franzi, Anna und Katharina. Sie kommen aus Ausgsburg, stehen total auf eure Musik und wollten Fragen, ob sie ein Foto machen dürfen, in sofern Brian und Roger auch mit aufs Bild kommen...“  Aus irgendeinem Grund amüsierte es Alana, wie der Schlagzeuger mit den Augen rollte, dann jedoch nickte. Fünf Frauen auf einmal konnte er doch keinen Wunsch abschlagen.

Gesagt, getan, kehrte die Juristin zu ihrem vorigen Tisch zurück und wartete dort, bis die Fans vermeintlich zufriedengestellt waren. Eigentlich ganz entspannend, dass solche Sachen an ihr vorüber zogen und sie sich in Ruhe ihrem Weißbier widmen konnte, bis die Musiker irgendwann auch wieder auftauchten. Roger hatte sogar – auch wenn Alana ihn dafür zurechtwies – eine Telefonnummer abgestaubt. Ihres Erachtens nach waren die Mädchen, wenn überhaupt, gerade mal so volljährig gewesen, er bereits über 30 und das ging nun wirklich nicht, zumal er in Kürze zum ersten Mal Vater werden würde. Natürlich gab er nur rein freundliche und völlig keusche Absichten vor – als ob!

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„Ich weiß nicht, ob DAS eine gute Idee ist“, formulierte John Deacon einige Zeit später seine Gedanken, als sie vor dem Gebäude Stollbergstraße 2 standen und an der Fassade entlang nach oben blickten.
„Und mir wird er vermutlich den Kopf abreißen, dass ich euch die Adresse überhaupt verraten habe“, seufzte Alana und schien zu überlegen, wie sie das alles angehen wollten.
„Schieb es auf uns. Du kannst unserem Charme einfach nicht widerstehen. Oder eben dem von Dr May hier, aber das wissen wir ja alle“, spielte Roger wieder einmal darauf an, dass Brian und Alana scheinbar etwas füreinander übrig hatten – auch wenn diese Sympathie nur völlig platonisch war und sie einfach von Beginn an einen guten Draht zueinander gefunden hatten.
„Irgendwann stopfe ich dir deine Kippenschachtel in den Hals...“, warnte der Gitarrist und sie bemerkten erst etwas verspätet, dass die Anwältin bereits die nur angelehnte Haustür aufgeschoben hatte, um das Gebäude zu betreten.
„Al, hier steht aber kein Mercury an den Briefkästen!“, wusste Roger zu berichten, der sich die Namen noch kurz angesehen hatte, bevor er den anderen gefolgt war.
„Wäre ja auch schön blöd von ihm, wenn er das so offensichtlich an eine Haustür schreiben würde“, kommentierte Alana weiter, während sie die Wohnungstüren in den einzelnen Stockwerken abklapperten und schließlich vor einer mit dem Namen „Valentin“ an der Klingel stehen blieben.
„Hat er sich jetzt noch einen anderen Namen gegeben?“, hakte Deacon nach, doch bekam von der Juristin dafür einfach nur ein Kopfschütteln, bevor sie die Klingel drückte.

Es dauerte nur Sekunden, bis eine Blondine, geschätzt Anfang 40 und mit üppiger Oberweite, ihnen die Tür öffnete. Roger hätte sicher auf ihr Dekolletee gestarrt, wenn die Dame nicht eine dermaßen übermächtige Autorität ausgestrahlt hätte. Eher unerwartet schien sie eine sehr freundliche Person zu sein.
„Schau nur, Freddie, deine Freunde besuchen dich!“, rief sie auf Deutsch gut gelaunt in die Wohnung hinein, besah sich die Bandmitglieder dann genauer und grinste herzlich. „Geh, seid ihr hübsche Kerle, noch besser als im Fernsehn. Der Freddie hat ned gelogen“, ging es weiter mit einem unüberhörbaren Wiener Dialekt, während sie John breit lächelnd die Wange tätschelte.
„Wollts ihr den Freddie besuchen, des ist ja lieb von euch“, ging es weiter und Alana lächelte, während die Männer nur entgeistert auf die Frau in der Tür starrten, da sie nicht einmal im Ansatz verstanden, was sie eigentlich sagte.
„Ach gott, ihr verstehts kein deutsch“, fiel ihr dann ein und sie strahlte die Jungs überschwänglich an. „Aber du verstehst mich?“, richtete sie an Alana und die – sowas wie – Managerin nickte leicht.

„Darlings, was für eine fabelhafte Überraschung!“, kam Freddie aus dem inneren der Wohnung heran gehuscht und zog Einen nach dem Anderen am Arm durch die Tür. Brian, John und Roger schienen erleichtert, dass sie sich nun wenigstens wieder auf Englisch unterhalten konnten.
„Feiert ihr ein wenig mit uns?“, ging es gleich weiter und der Leadsänger legte einen Arm um die Hüfte seiner Busenfreundin, der diese Wohnung gehörte.
„Wir sind nicht zum Feiern hier, Fred“, war es nun Brian, der das Wort ergriff, denn – von Mercury selbst einmal abgesehen – schien er sowas wie der Wortführer der Band zu sein, zumindest in ernsten Angelegenheiten. Er hatte das ganze ja immerhin mit der Gründung von „Smile“ auch begonnen.
Tatsächlich folgten sie aber in die Wohnung, wo Barbara Valentin sie bis zum Wohnzimmer geleitete und Roger beim Anblick eines gewissen Anwesenden sofort wieder seine bereits gekannten Würgegeräusche zum besten gab.
„Schau an, Trolli ist auch hier“, kommentierte der Schlagzeuger nur trocken, als Paul Prenter von irgendwo aus der Wohnung direkt hinter Freddie auftauchte.

„Ach seht nur. Die „Möchtegern-Beatles“ sind gekommen. Dort ist auch seit Anfang an völlig klar gewesen, dass eigentlich nur Lennon der Star war“, gab er sofort wieder deutlich zu verstehen, wie unwichtig er den Rest der Band im Vergleich zu seinem Lover fand.
Brian war ansonsten eher der gelassene Typ, doch ein Kotzbrocken wie Prenter brachte selbst ihn zur Weißglut. Ansonsten für ihn völlig untypisch, positionierte der Gitarrist sich direkt vor dem persönlichen Assistenten von Freddie und sah auf ihn hinab, der einen guten Kopf kleiner war.
„Tu mir einen gefallen, Paul und halt dein Maul, ganz im Ernst!“, entfuhr es ihm, und der Blick, mit dem er sein gegenüber musterte, hätte wirklich töten können. Sogar Prenter selbst war davon einigermaßen überrascht und schien nichts sagen zu können.
„Ich weiß nicht, was du hier abziehst und ich bin ansonsten kein aggressiver Mensch, aber allein der Gedanke an dich bringt mich dazu, mir eine scharfe Waffe in die Jackentasche stecken zu wollen! Und Fred, was zur Hölle? Warum bewegst du deinen scheiß Hintern nicht in das verdammte Studio? Wir müssen das verfluchte Album fertig kriegen?“.
Selbst Alana war von dieser Aussage,  den vielen Schimpfworten und der Energie, die darin lag ungemein überrascht, doch ihre Wirkung schien sie nicht zu verfehlen. Erneut wandte der Gitarrist sich an Paul Prenter.
„Du redest von den Beatles? Wie wäre es mit einem Künstlernamen für dich YOKO! Wir haben zwei verdammt gute Anwälte als Manager, also überleg dir genau, was du jetzt sagst!“, warnte er den Nordiren und verschränkte die Arme.
„Wartets mal“, mischte Barbara Valentin sich ein und sah von Brian zu Freddie und dann zu Prenter.
„Das ist sein Job und den hat er zu machen. Ich war stoned as hell und bin trotzdem zu den Dreharbeiten aufgetaucht, die Fassbinder von mir verlangt hat“, erzählte die Schauspielerin dieses mal auf Englisch von ihrer eigenen Erfahrung und musterte den persönlichen Assistenten eindringlich.
„Junge, was läuft bei dir denn schief? An deiner Stelle würde ich nun zusehen, dass ich meinen Arsch aus dieser Wohnung kriege, ansonsten passiert was, das ist mein Ernst!“.
Prenter fühlte sich wieder mal ganz furchtbar ungerecht behandelt, wollte sich dann auch noch verteidigen, als die üppige Blondine ihn bereits aus der Wohnung komplimentierte.
„Denk erst mal über deine Aufgabe nach, Kleiner. Du sollst ihn unterstützen und nicht alles kaputt machen“. Ein Rumms und damit war die Tür zu. Und speziell Roger Taylor stellte fest, dass er die Österreicherin durchaus verehrenswert fand, auch wenn er ein wenig Angst vor ihr hatte.
„Freunde...“, seufzte Mercury und war ganz eindeutig weder nüchtern, noch clean von anderen Dingen.
„Ihr brauchts keine Angst haben, der Freddie ist Morgen bei euch im Studio, des garantier ich euch persönlich. Und wenn ich ihm morgen früh um fünf den Kopf mitm kalten Wasser waschen muss. Der Paul hat immer behauptet, ihr habts grad keine Termine im Studio. Aber der Kerl ist mir eh schon immer komisch vorkommen“, erklärte Barbara Valentin auf Deutsch in Richtung Alana, bevor sie sich schließlich verabschiedeten. Und ja, sie glaubten der drallen Österreicherin durchaus, dass sie dazu im Stande war, denn etwas abgestürzten Freddie bis zum nächsten Tag fit zu kriegen.

„Holy Shit, Brian, was ist in dich gefahren?“, freute sich Roger ungemein, dass der Gitarrist Prenter so ordentlich den Marsch geblasen hatte. „Und diese Tante ist doch bestimmt schon gut über vierzig, sie ist der Hammer“.
„Und du bist dabei trotzdem noch ruhig genug geblieben, ihn nicht mit dem nächstbesten Brieföffner abzustechen“, ergänzte John den Rest des Satzes und Alana drückte Brian kurzerhand an sich, was die anderen zu einem dummen Gesichtsausdruck veranlasste.
„Du bist einfach fabelhaft“, lobte die Juristin, sie sahen sich zuerst gegenseitig etwas länger an und erst im Nachhinein zu den beiden anderen.
„Nein, Rog, da läuft absolut nichts“, fuhr May ihm sofort in die Parade, kaum dass sein Kollege auch nur den Mund geöffnet hatte.
„Ihr seid wohl sowas wie Busenfreunde. Wenn Al sich jetzt noch eine Dauerwelle machen lässt, dann wird es gruselig“, stichelte Taylor, blickte schließlich in die Runde und bekam allerseits ein Augenrollen als Reaktion. Freunde? Waren sie das schon in dem Umfang bereits nach relativ kurzer Zeit? Manchmal passte es eben einfach zwischen zwei Menschen.
„Nicht so gruselig wie Fred und Paul. Ist euch aufgefallen, dass er sich jetzt auch so einen Schnauzer stehen lässt?“, erinnerte John sich an den Anblick der ihnen kurz zuvor geboten worden war.
„Wenn er sich unbedingt den Stempel aufdrücken lassen will... sein Problem“, faselte Roger und suchte abermals nach der – längst im Studio leer gerauchten – Zigarettenschachtel.
„Jesus, das ist ja nicht mit anzusehen mit dir“, seufzte Alana und hielt ihm ihre eigene entgegen, worauf hin sich beide anschließend eine anzündeten.
„Darf ich mal? Danke“, klinkte Brian sich ein, zog der Blonden ihre Kippe aus der Hand und nahm einen Zug davon, um sie anschließend wieder zurück zu geben und dann halb unterdrückt zu husten. Wie üblich wirkte er dabei einfach wie ein Teenager, der aus Vaters Schachtel eine Zigarette geklaut hatte, um sie heimlich irgendwo im Wald zu konsumieren.

„Meint ihr, er taucht morgen wirklich im Studio auf?“, warf Deacon noch einmal ein und sah dabei nachdenklich aus.
„Also wenn DIE Frau mich scheuchen würde, dass ich zur Arbeit gehe, dann hätte nicht mal ICH genug Arsch in der Hose, ihr zu widersprechen“, nuschelte Roger hinter der Zigarette und die anderen grinsten. Man würde sehen. Aber speziell aus seinem Mund wollte das schon was heißen.
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