Masquerade

GeschichteAbenteuer, Romanze / P16
Barry Allen / The Flash Caitlin Snow Cisco Ramon Eobard Thawne / Reverse Flash Harrison Wells OC (Own Character)
06.02.2019
16.06.2019
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In den nächsten Tagen forschte Sam höchst konzentriert an ihrer Theorie. Es war das erste Mal seit einer gefühlten Ewigkeit, dass sie genügend Mut bewies, sich wieder der Wissenschaft zu widmen und an ein neues Projekt zu wagen. Seit Bette hatte sich die Brünette von der Dunklen-Materie-Forschung zurückgezogen, doch war der monatelange Durchhänger nun vorbei. Es war an der Zeit, nach vorn zu sehen und das Vermächtnis ihrer Freundin zu wahren, indem sie das schaffte, was ihr vorher nicht gelungen war: ein Heilmittel für Meta-Wesen.
Dr. Wells - Pardon - Harrison hatte nach wie vor Zugangsverbot zu ihrem Labor. Doch war Sam Willens, dieses Verbot am heutigen Tag zu beenden, denn hatte sie endlich ihren ersten, kleinen Durchbruch erzielt. Eine ihrer Theorien, sie schien sich zu bewahrheiten, weshalb sich die junge Frau in diesem Moment auf die Suche nach dem Wissenschaftler begab. Er war der Erste, dem sie davon erzählen wollte, er allein.
„Harrison?", fragte Sam, als sie ihren Kopf in den Trainingsraum streckte, in dem sie den Dunkelhaarigen vermutete, da er hier die letzten Tage über des Öfteren mit Barry trainiert hatte. Doch war der Speedster allein, auf seinem Laufband rennend, und blickte dabei fragend zu ihr.
„Harrison?", hakte er verdutzt nach, da er nicht gewohnt war, den Vornamen des Wissenschaftlers aus ihrem Munde zu hören. Ohnehin duzte niemand den Teamführer, Sam hingegen, aufgrund des kleinen Deals, den sie mit ihm ausgehandelt hatte, schon. Errötend blickte Sam zu Barry und winkte rasch ab.
„Nicht so wichtig, viel Erfolg noch!", erwiderte die Brünette rasch und zog von Dannen. Da sie den Wissenschaftler nicht in seinem Büro angetroffen hatte, vermutete sie ihn jetzt im Cortex. Er war ihre letzte Anlaufstelle. Wie zuvor streckte Sam ihren Kopf hinter dem Türrahmen vor, lernte dieses Mal jedoch aus ihrem Fehler, schließlich könnten Cisco oder Caitlin ebenfalls anwesend sein.
„Dr. Wells?", fragte sie daher und erblickte sogleich den Brillenträger, der am Pult saß und etwas las. Er drehte seinen Kopf zu ihr und hob mahnend eine Augenbraue.
„Harrison", korrigierte er sie, schenkte ihr ein entwaffnendes Lächeln und wandte sich mit seinem Rollstuhl zu ihr herum. „Oder hast du unsere Abmachung vergessen?", fragte er. Lachend fuhr sich Sam durchs braune Haar und schritt auf ihren Angebeteten zu.
„Nein, habe ich nicht", murmelte sie mit geröteten Wangen. Ihre Schritte waren federnd, was auch dem Wissenschaftler nicht entfiel, der sie neugierig musterte. „Ich muss Ihnen - dir etwas zeigen", korrigierte sie sich rasch und grinste schief.
„So?", hakte Harrison nach und klappte das Buch auf seinem Schoß zu. „Und das wäre?"
„Dafür müsstest du mit in mein Labor kommen", offenbarte Sam und deutete hinter sich. Überrascht sah sie der Dunkelhaarige an.
„Ich dachte, ich hätte Zutrittsverbot", erinnerte er sie. Die junge Frau lachte herzhaft.
„Ja, das ist jetzt aufgehoben. Also los, komm", wies sie ihn mit leichter Ungeduld an, denn konnte sie es kaum erwarten, ihn in ihren ersten Erfolg einzuweihen. So drehte sie sich auf dem Absatz herum und lief eiligen Schrittes los, wobei sie den Dunkelhaarigen wiederholt anwies, ihr zu folgen. Vergnügt schnaubte der Brillenträger, ehe er sich mit seinem Rollstuhl in Bewegung setzte.

Schwungvoll öffnete Sam die Tür zu ihrem Labor, als sie es erreichten und vollführte eine galante Handbewegung.
„Nach dir", sagte sie charmant und grinste. Harrison, dem die gute Laune seiner Schülerin nicht entging, hob schmunzelnd eine Augenbraue.
„Jetzt machst du mich neugierig", sagte er und fuhr in das Labor. Sam folgte ihm, wobei sie die Tür hinter sich schloss. Der Wissenschaftler fuhr an ihren Tisch heran, auf dem ein heilloses Durcheinander herrschte. Diverse Notizbücher lagen aufgeschlagen übereinander, daneben Wissenschaftsbücher sowie ihr Laptop. Harrison sah zur Brünetten, die auf ihn zugeschritten kam und konnte sich die folgenden Worte nicht verkneifen.
„Bitte, nimm Platz", sagte er und klopfte auf seine Oberschenkel. Die junge Frau reagierte wie erwartet. Empört öffnete sie ihre Lippen, verzog niedlich ihr Gesicht und errötete.
„Das ist ungerecht, wir hatten eine Abmachung!", schimpfte Sam und fuhr sich peinlich berührt über die Stirn. Harrison lachte leise.
„Unsere Abmachung lautete, dass ich mich mit Kommentaren zurückhalte, nicht jedoch, dass ich sie gänzlich sein lasse, wenn ich mich recht erinnere. Und ich halte mich zurück", sagte er ruhig. Spielerisch schlug ihm die junge Frau gegen die Schulter, kaum traf sie die Erkenntnis.
„Sie haben mich gelinkt!", beschwerte sie sich, denn war sich Sam sicher, dass er beim Schließen des Deals absichtlich das Wort ‚zurückhalten' benutzt hatte.
„Du", korrigierte er sie.
„Das ist total ungerecht", lachte Sam und nahm auf dem Stuhl neben ihm Platz.
„Das nächste Mal solltest du genau hinhören, wenn ich dir einen Deal vorschlage. Als kleiner Hinweis", kam es mit einem Zwinkern zurück. Seufzend vergrub die Brünette ihr Gesicht in ihren Händen und schüttelte ungläubig ihren Kopf. Jetzt musste sie also doch seine Neckereien ertragen, dabei hatte Sam geglaubt, davon gänzlich verschont zu bleiben. „Das muss dir wirklich nicht peinlich sein, Samantha. Ich fand es eigentlich sogar recht unterhaltsam, wie du an mir gehangen hast", fuhr der Dunkelhaarige ungeniert fort. Sam spürte, wie ihr jegliches Blut in die Wangen schoss. „Und ich habe eine ganz neue Seite an dir kennengelernt." Jetzt reicht's, dachte sich die Brünette. Es war an der Zeit, zurückzuschlagen. Langsam ließ sie ihre Hände sinken und offenbarte ihr tiefrotes Gesicht, während sie dem Wissenschaftler mit einem frechen Grinsen in die Augen blickte, das zu ihrer sonst schüchternen Erscheinung gar nicht so recht passte.
„Weißt du, dafür, dass du mich wegen meines Rauschs so aufziehst, muss ich aber sagen, dass dir die Annäherungen meinerseits doch ziemlich gefallen zu haben scheinen", platzte es aus ihr heraus. Harrison hielt inne und hob eine Augenbraue. „Du hättest mich schließlich jederzeit bitten können, von dir herunterzugehen, aber soweit ich mich erinnere, hast du das kein einziges Mal getan. Ganz im Gegenteil."
Die beiden Wissenschaftler sahen einander in die Augen. Harrisons Mundwinkel zogen sich in Zeitlupe nach oben, während sich Sams Wangen noch eine Nuance dunkler verfärbten. Mittlerweile reichte die Röte bis hin zu ihren Ohren, doch hielt sie seinem Blick stand.
„Was du nicht sagst", kam es herausfordernd zurück. Auch Sams Grinsen wurde breiter.
„Und dein Widerstand, dich zu mir ins Bett zu legen, war auch nicht allzu groß, wenn ich das so sagen darf", fuhr sie fort. Harrison fuhr sich lachend durchs Haar, eine Geste, die sie gleichermaßen anziehend wie süß fand.
„Touché", sagte er, sodass die junge Frau höchst zufrieden über ihren kleinen Sieg die Arme vor der Brust verschränkte. Einen Moment lang sahen sie einander in die Augen, ehe sich Sam auf ihrem Stuhl herum drehte und die Notiz- und Lehrbücher beiseite schob, um Platz für das Mikroskop zu machen, das sie anschließend zu sich heranschob. Mit zittrigen Fingern schob sie sich eine Haarsträhne hinters gerötete Ohr, derweil sie in das Mikroskop blickte und am Rädchen drehte, wobei sie der Wissenschaftler eingehend beobachtete.
„Also, was wolltest du mir zeigen?", wechselte Harrison zuvorkommend das Thema. Sam, die das Mikroskop eingestellt hatte, drehte sich auf ihrem Stuhl zu ihm herum und schlug ihre Hände gegeneinander.
„Ich glaube, ich habe eine erste Idee, wie ich den Meta-Wesen helfen kann", offenbarte sie. Überrascht blinzelte der Dunkelhaarige. Er wollte mehr hören, wollte wissen, was Sam herausgefunden hatte, weshalb er sie bat fortzufahren. Und das tat Sam. Mit einem strahlenden Lächeln, das den gesamten Raum füllte und die weißen Wände noch heller scheinen ließ, berichtete sie ihm über die Zellstruktur von Farooq Gibran. Über seine Zellen, die nach Energie verlangten und daher die Energie seines Körpers anzapften. Sie hatte eine Zellprobe entnommen und jenen Teil, der für den Energieraub zuständig war, isoliert, ehe sie ihn mit Barrys Zellen zusammengeführt hatte.
„Die Zellen haben sich an seine geheftet, wie ein Virus! Es ist Wahnsinn, sie finden die Zellen mit dunkler Materie und saugen sie aus, wie Vampire! Hier schau", animierte sie den Wissenschaftler und deutete auf das Mikroskop. Fasziniert fuhr der Dunkelhaarige mit seinem Rollstuhl zu Sam heran und beugte sich vor, um durch das Mikroskop blicken zu können. Zu sehen waren zwei Zelltypen, die aneinander geheftet waren, wobei er deutlich das von Sam beschriebene Phänomen beobachten konnte. „Farooqs Zellen könnten der Schlüssel sein! Schafft man es, aus ihnen eine Art Medikament zu entwickeln, einen gutartigen Virus, der sich lediglich an die Dunkle-Materie-Zellen heftet, dann kann man es schaffen, den Meta-Wesen so ihre Kräfte zu entziehen!", erklärte die junge Frau leidenschaftlich.

Eobards Augen weiteten sich, während er durch das Rohr blickte. Langsam richtete er sich wieder auf und sah zu Sam, die ihn mit einem breiten Grinsen und einem hoffnungsvollen Schimmern in den Augen besah. Für einen kurzen Moment fehlten ihm tatsächlich die Worte.
„Sam", begann er schließlich. „Das ist - das ist brillant."
„Du klingst so überrascht", lachte die junge Frau. Eobard betrachtete sie, betrachtete die Frau, die gerade ihren ersten, großen Schritt in Richtung Zukunft getätigt hatte. Er hatte es gewusst. Er hatte um das Potential, das in der Brünetten schlummerte, gewusst, die ganze Zeit über. Hatte gewusst, wie brillant, wie genial und wie scharf ihr Verstand war und das schon im jungen Alter. „Also glaubst du, es kann funktionieren?", fragte sie ihn erwartungsvoll und stützte ihre Hände auf den Stuhl unter sich.
„Ja, das glaube ich. Ich glaube, dass du gerade deinen ersten Durchbruch hattest", verkündete der Wissenschaftler, der stolzer nicht sein könnte. Jubelnd streckte Sam ihre Arme in die Luft, ehe sie sich schwungvoll vorbeugte und ihm in die Arme fiel. Eobard, im ersten Moment perplex, legte leise lachend seine Arme um die junge Frau, die ihn fest an sich zog. So fest, dass ihm umgehend ihr süßer Duft nach Vanille in die Nase stieg.
„Ich kann es noch gar nicht so recht glauben, mein erster Durchbruch!", sagte sie euphorisch und schlang ihre Arme noch etwas fester um seinen Nacken, wobei sie sich glücklich an ihn schmiegte.
„Ich kann es glauben. Ich habe es die ganze Zeit getan, Sam. Ich habe gewusst, dass du es schaffen würdest", raunte er ihr zu, wobei er seine Nase leicht in ihrem braunen Haar vergrub, das ebenso süßlich duftete wie die junge Frau selbst. Er hatte ihn vermisst, diesen Duft.
„Und nur deswegen habe ich es geschafft", hauchte die Brünette zurück. Ihre Stimme klang plötzlich seltsam träge. „Weil du immer an mich geglaubt und mir Mut gemacht hast", fügte sie wispernd hinzu und vergrub ihr Gesicht in seiner Halsbeuge. Eobards Hand schien ein Eigenleben entwickelt zu haben, denn fuhr sie ihren Rücken hinauf, langsam und zärtlich, bis in ihr weiches Haar. Er spürte Sams Herz gegen seine Brust donnern, sodass er abwesend lächelte. Er wusste, dass er diese Wirkung auf sie hatte und doch war es jedes Mal aufs Neue berauschend. „Danke", nuschelte Sam. Der Dunkelhaarige lächelte.
„Nicht dafür, Sam", raunte er. Als sich die Wissenschaftlerin langsam von ihm löste, streifte ihre Wange seine. Sie hielt inne, als sich ihre Gesichter nahe waren, sah ihn an. Eobard sah zurück und machte keinerlei Anstalten, sich von der Jüngeren zu entfernen. Er musterte ihre roten Wangen, die aussahen wie zwei herrlich reife Äpfel. Das Bedürfnis, über ihre Haut zu streicheln und ihre Hitze auf seinen Fingerspitzen zu fühlen breitete sich in ihm aus. Neugierde. Eine seiner ausgeprägtesten Eigenschaften und Sam weckte sie. Es war gefährlich, sehr gefährlich. Die junge Frau war eine verbotene Frucht, doch war es gerade das Verbotene, das den Speedster reizte. Die Brünette biss sich auf die Unterlippe, ehe sie den Blick senkte. Eobard beobachtete sie dabei. Anschließend lehnte sich Sam zögerlich wieder zurück, so als hätte sie sich soeben im Stillen selbst ermahnt und brachte Abstand zwischen ihn und sich. Eobard ließ sich ebenfalls zurück in seinen Rollstuhl sinken. Die beiden Wissenschaftler fuhren fort über Sams brillante Theorie zu sprechen, jenes, das soeben zwischen ihnen passiert war oder beinahe passiert wäre, nicht in einem Satz erwähnend.

Mit knurrendem Magen befreite Amber ihr heute Morgen auf die Schnelle zubereitetes Schinken-Käse-Sandwich aus seiner Folie und betrachtete es mit hungrigem Blick. Ihre lang ersehnte Mittagspause, die sie nun in Ruhe genießen würde. Sie hob das Sandwich an ihre Lippen und wollte soeben herzhaft hineinbeißen, als der lang ersehnte Frieden just endete.
„Hey Amber!", sagte Dunkin und nahm neben ihr auf der Bank Platz. Frustriert seufzend ließ sie das Sandwich wieder sinken und sah zum Braunhaarigen, der eine Pappschachtel auf seinen Schoß legte und den Deckel öffnete. Sie war bis zum Rand mit Pommes gefüllt.
„Ja Dunkin, setz dich ruhig und verbring deine Mittagspause mit mir", sagte sie sarkastisch. Die braunen Augen des Welpen wanderten zu ihr, er strahlte übers ganze Gesicht.
„Mache ich gern!", erwiderte er, den Sarkasmus vermutlich nicht einmal dann erkennend, wenn sie ihm ein Schild mit eben jenem Hinweis vor die Nase halten würde. Genervt stöhnte die Blondine auf, beließ es jedoch dabei und biss in ihr herbeigesehntes Mittagessen. Die Vögel sangen ihr Lied, die Sonne schien. Es war ein wunderschöner Frühlingstag, weshalb die Blondine beschlossen hatte ihre Pause draußen im Park nahe des CCPDs zu verbringen. Nur schien sie nicht als einzige die Idee gehabt zu haben, wie Dunkins Anwesenheit verriet. Wortlos stahl die Polizistin ihrem Banknachbarn ein paar Pommes, als Entschädigung dafür, dass sie sein Geplapper ertragen musste, denn begann der Jüngere über irgendetwas zu erzählen, doch hörte sie ihm nicht zu, sondern nickte nur hin und wieder.
„Amber, schau mal!", sagte Dunkin plötzlich und deutete auf Owen, der sich unweit von ihnen auf einer freien Bank niederließ und sich eine Zigarette ansteckte. Kurz musterte sie den Agenten von Kopf bis Fuß, ehe sie sich wieder auf ihr geklautes Essen konzentrierte. „Wollen wir uns zu ihm setzen? Das wäre so irre cool, mit IHM unsere Mittagspause zu verbringen, was sagst du?", schlug Dunkin begeistert vor.
„Ne, lass mal", schmetterte sie seinen Vorschlag sogleich ab. Sie musste schon genug Zeit mit dem Bartträger verbringen.
„Aber wieso nicht? Immer isst er allein. Ein wenig Gesellschaft würde ihn sicherlich freuen", argumentierte der Braunhaarige.
„Es gibt Menschen, die genießen Ruhe und Einsamkeit." Ein eindeutiger Hinweis an den Jüngeren, ebenso wie der mahnende Blick, den Amber ihm daraufhin zuwarf. Dunkin jedoch übersah auch diesen Wink, das Schlimmste daran war, dass er es nicht einmal absichtlich tat.
„Oh man, er ist so cool, findest du nicht? Und wir beide sind in seinem Team", schwärmte Dunkin und schob sich eine Portion Pommes in den Mund.
„Ja, aber nur, weil er gern kleine Lämmer um sich schart, die ihn anhimmeln", spekulierte sie augenrollend. „Er steht drauf, wenn er Leute in seiner Nähe hat, die zu ihm aufsehen. Der typische Macho", fuhr sie fort und sah von Neuem zu Owen.
„Also ich find ihn toll", sagte der junge Polizist neben ihr.
„Was du nicht sagst", kam es sarkastisch zurück. Er war die männliche Sam und Owen eine blonde, griesgrämige Variante von Harrison Wells.
„Jedenfalls möchte ich ihn beeindrucken", gestand Dunkin, woraufhin Amber zu ihm sah. Leidenschaft funkelte in den braunen Augen des Welpen. „Er soll es nicht bereuen, mich in sein Team geholt zu haben!", schloss er und hob demonstrativ seine Faust.
„Na dann halt dich mal ran", war Ambers Ratschlag an ihn, ehe sie sich mit ihrem halb aufgegessenen Sandwich erhob, um zurück ins CCPD zu gehen. Ihre benötigte Ruhe konnte sie ohnehin vergessen, da könnte sie auch direkt weiterarbeiten.

Sams Herz raste noch immer ohrenbetäubend in ihrer Brust, während sie neben Harrison den Gang entlang schlenderte. Sie war mit Riley verabredet und brach daher früher als gewohnt auf und der Wissenschaftler wollte wiederum Barry bei seinem Training unterstützen. Der Speedster war versessen darauf, schneller zu werden, seitdem er dem Mann in Gelb begegnet war und niemand aus dem Team würde ihn aufhalten. Sie alle standen hinter dem Braunhaarigen.
Unauffällig lugte Sam zu Harrison und musterte sein Seitenprofil, während der Moment zuvor in ihrem Labor einfach nicht aus ihrem Kopf weichen wollte. Dieses seltsame Gefühl, die elektrische Spannung, die den gesamten Raum gefüllt hatte. Bildete sie es sich ein, oder hatte er sie auch gespürt? Still ermahnte sich die Wissenschaftlerin. Sie halluzinierte, schon wieder. Es war ihre tiefe Sehnsucht nach ihm, ihre entflammte Liebe, die sie Dinge wie diese denken ließ. Sie wollte ihn berühren, wollte sich in seine Arme fallen lassen und ihn küssen. Es ließ sich nicht leugnen. Wie gern würde sie seine Lippen erneut auf ihren spüren, wo die Erinnerung an den Kuss zunehmend verblasste, ganz gleich, wie akribisch sie sie einzufangen versuchte. Sie glitt wie Rauch durch ihre Finger. Je mehr sie daran dachte, desto schwerer fiel ihr das Atmen, weshalb sie beschloss sich abzulenken und stattdessen eine andere Sache, die ihr im Kopf herumschwirrte, loszuwerden.
„Harrison?", fragte sie leise, hatte sich noch immer nicht ganz daran gewöhnt, ihn beim Vornamen zu nennen. Der Wissenschaftler blickte schmunzelnd zu ihr. Ihm schien es zu gefallen, die Art, wie sie ihn nun ansprach.
„Ja, Sam?", fragte er und musterte sie aufmerksam, so, wie er es immer tat, wenn er das Gefühl hatte, dass ihr etwas auf dem Herzen lag. Vor Barrys Trainingsraum angekommen hielt das Duo inne.
„Wegen dem Mann in Gelb", leitete sie ein und sah zögerlich auf den Boden vor sich. „Ich habe über ihn nachgedacht. Er ist an diesem Abend willentlich vor Barry und mir aufgetaucht. Er wusste, dass Barry Flash ist und er wusste auch, dass er ihm folgen würde, das habe ich im Gefühl." Harrison sah interessiert zu ihr auf und faltete seine Hände auf seinem Schoß. „Er könnte alle Mögliche über unser Team wissen, wer weiß, wie lange er uns vielleicht schon beobachtet. Er weiß sicherlich, wo Barry wohnt, schließlich scheint er seine Identität zu kennen Was, wenn er ihm etwas antut? Oder jemand anderem aus dem Team?", fragte Sam mit vor Sorge schwerer Stimme.
„Sam", sagte der Wissenschaftler besänftigend und streckte seine Hand vor, um ihr Handgelenk behutsam zu umfassen. Die Brünette sah zu ihrem Mentor. „Er hat sich all die Zeit damit zurückgehalten in Aktion zu treten. Hätte er Barry etwas tun wollen, oder sonst wem aus dem Team, dann hätte er es doch längst getan und das ohne sich vorher zu zeigen, denkst du nicht?" Sam ging in sich und musste feststellen, dass der Dunkelhaarige recht hatte. Zaghaft nickte sie, woraufhin Harrison warmherzig lächelte. „Siehst du. Er scheint ein anderes Ziel zu verfolgen, einen Plan. Noch wissen wir jedoch nicht, was genau er will, aber das werden wir herausfinden, das verspreche ich dir. Mach dir keine Sorgen", schloss der Brillenträger. Die junge Frau musste gestehen, es ging ihr jetzt etwas besser.
„Du hast wie immer recht", sagte sie und kam nicht umhin als leicht zu grinsen.
„Das weiß ich doch", erwiderte er selbstbewusst und entlockte Sam sogar ein Lachen. Kaum redete sie mit ihm, fühlte sie sich wieder gut, es war die reinste Magie. Oder einfach Liebe.
„Danke", sagte Sam und drückte schüchtern seine Finger.
„Nicht dafür", kam es zurück, ehe der Wissenschaftler seine Hand langsam sinken ließ. Tief sahen sie einander in die Augen. Sie wünschte, sie könnte ihm sagen, wie viel er ihr bedeutete. Dass er ihr erster Gedanke war, wenn sie morgens aufstand und ihr letzter, bevor sie einschlief. Dass er ihr Leben so viel schöner machte und dass sie ohne ihn nicht dort stehen würde, wo sie jetzt stand. Vielleicht würde sie es ihm sagen, eines Tages. Doch nicht heute.
So verabschiedeten sich die Wissenschaftler voneinander und gingen ihres Weges, wobei der Dunkelhaarige seiner Schülerin noch einen langen Moment nachsah.

Vom Labor aus nahm Sam den Bus, um in die Innenstadt zu gelangen, wo sie mit Riley verabredet war. Die Blondine wollte irgendetwas mit ihr bereden, doch hatte sie ihr bisher noch nicht gesagt, was genau das war. Sam wollte es einfach auf sich zukommen lassen.
In Hochstimmung, da sie nicht nur ihren ersten, großen Erfolg erzielt, sondern auch noch schöne Stunden mit dem Wissenschaftler verbracht hatte - Sam verdrängte die Erinnerung an jenes, das sich für einen kurzen Moment zwischen ihnen abgespielt hatte - kam sie vor dem Jitters zum Stehen, das Riley und sie für ihr Treffen ausgesucht hatten. Mit einem Lächeln auf den Lippen öffnete sie die Eingangstür und trat ein. Suchend ließ Sam ihren Blick schweifen, um herauszufinden, ob Riley schon anwesend war und tatsächlich. Sie erblickte die Kleingewachsene, die ihr schwungvoll winkte, um auf sich aufmerksam zu machen.
„Hey!", grüßte sie ihre Kommilitonin, als sie den runden Tisch links in der Ecke erreicht hatte und zog die auf einem Hocker sitzende Blondine in eine sanfte Umarmung. „Jetzt sind wir mal auf einer Augenhöhe", zog Sam sie umgehend auf und entlockte Riley ein Lachen.
„Sammy!", sagte sie gespielt empört und zwickte ihr kurz in die Seite. Als sich die beiden Freundinnen wieder voneinander lösten, nahm die Wissenschaftlerin gegenüber Platz und stellte ihre Tasche auf den freien Hocker neben sich. Danach zog sie ihre Jacke aus, da es im Jitters angenehm warm war, und legte sie darüber. „Wie war dein Tag?", wollte Riley wissen und schob Sam den von ihr vorher bestellten Cappuccino entgegen. Liebevoll dankend nahm sie das Heißgetränk entgegen und begann den Schaum zu löffeln.
„Gut", antwortete die junge Frau schließlich lapidar und musste über beide Ohren grinsen. Wissentlich verzog Riley ihr Gesicht.
„Gut? Nach nur ‚gut' siehst du aber nicht aus, Sammy", lachte die Kleingewachsene und beugte sich zu ihr vor. „Sag schon, ist was passiert? Zwischen Dr. Wells und dir?", fragte sie neugierig, woraufhin das Grinsen der Brünetten noch breiter wurde.
„Ich hatte meinen ersten wissenschaftlichen Durchbruch heute", verkündete sie stolz, die Nachfrage bezüglich Harrison bewusst ignorierend, woraufhin sich Rileys Augen weiteten, ehe sie freudig zu klatschen begann. „Sammy, das ist ja fantastisch!", jubelte sie. Einige neugierige Blicke von anderen Cafébesuchern glitten zu ihnen. Die beiden Freundinnen kicherten, während Sam die Kleinere ermahnte etwas leiser zu sein. „Ein Durchbruch worin genau? In welchem Gebiet?", fragte Riley aufgeregt, nachdem sie sich etwas beruhigt hatten. Die Brünette setzte ein schiefes Lächeln auf.
„Tut mir Leid, das darf ich dir doch nicht sagen", erinnerte sie die Studentin, die des Öfteren schon nachgefragt hatte, was genau sie in Star Labs eigentlich tat und Sams Antwort war immer wieder dieselbe gewesen.
„Oh man, ihr seid so geheimniskrämerisch in Star Labs. Mercury Labs passt zwar auch auf, dass nicht zu viel von der Forschung nach draußen gelangt, aber wenigstens ist es uns erlaubt über die groben Gebiete, zu denen wir forschen, zu reden", erklärte sie und fuhr sich nachdenklich durchs blonde Haar. Entschuldigend zuckte Sam mit den Schultern. Noch hatte sie keine Gelegenheit gefunden, Riley in ihre Forschung über Meta-Wesen einzuweihen. „Aber trotzdem, herzlichen Glückwunsch, Sammy", fuhr die Studentin fort und tätschelte lächelnd ihre Hand. „Das muss ein irre gutes Gefühl sein."
„Ja, das ist es", sagte sie, kam jedoch nicht umhin an jenes Gefühl zurückzudenken, das sie empfunden hatte, als der Wissenschaftler und sie einander ganz nahe gewesen waren. Es übertrumpfte alles Andere.
„Wo wir schon beim Thema Wissenschaft sind", sagte Riley gedehnt. Sam, die kurz mit ihren Gedanken abgedriftet war, sah nach vorn und musterte das puppenhafte Gesicht der Blonden, die ein schüchternes Lächeln aufgesetzt hatte. Scheinbar wollte sie nun auf den eigentlichen Grund für ihr Treffen zu sprechen kommen.
„Ja?", fragte Sam, um der Kleineren Mut zu machen ihr Anliegen an sie weiterzutragen und verschränkte ihre Arme auf dem Tisch.
„Ich hätte eine Frage an dich, Sammy", gestand Riley und spielte nervös mit ihren Fingern. „Und zwar habe ich mich jetzt gut in Mercury Labs eingearbeitet und schon viel im Bereich der praktischen Arbeit in der Biochemie gelernt. Dr. McGee ist wirklich eine hervorragende Lehrerin", schilderte sie. Sam lächelte warmherzig.
„Das freut mich wirklich für dich, Riles", sagte sie, wusste jedoch, dass dies noch nicht alles war, was ihre Freundin zu sagen hatte. Riley nickte zaghaft.
„Jedenfalls möchte ich mit dir über das Serum sprechen", fuhr sie fort. Sam hielt inne. Das Serum? Etwa jenes, dass - „Das Serum, das du damals mit der Hilfe der Wissenschaftler in Star Labs entwickelt hast, um meiner Mutter zu helfen." Überrascht weiteten sich Sams Augen. „Es ist noch nicht vollkommen, oder? Es ist nur ein Prototyp und lange nicht weit genug entwickelt, um auf den Markt gebracht zu werden, richtig?" Sam nickte.
„Ja, es befindet sich noch in der Testphase", beantwortete sie die Fragen ihrer Freundin. Allmählich wusste die Brünette, worauf Riley hinaus wollte und sie erahnte bereits jetzt die Zwickmühle, in der sie sich gleich befinden würde.
„Ich wollte dich fragen, ob du mich daran weiterarbeiten lässt, Sammy", offenbarte die Blondine leise. „Ich möchte es perfektionieren, damit Menschen, die es brauchen, geholfen werden kann. Ich möchte das Vermächtnis meiner Mutter weiterführen, wenn du es erlaubst." Nachdenklich presste Sam ihre Lippen zusammen. Es war nicht so, dass sie Riley nicht die Arbeit am Serum anvertrauen wollte, ganz im Gegenteil, die Idee war fantastisch. Doch war das Serum mit Speedster-Stammzellen gemischt, auf die Riley während ihrer Forschung stoßen würde. Es würde Fragen aufwerfen, viele Fragen und wäre es auch riskant, die Stammzellen einfach so an ein anderes Labor zu übergeben. „Du findest die Idee blöd", schlussfolgerte Riley kleinlaut, nachdem sie Sams Gesicht einen Moment lang gemustert hatte. Sogleich schüttelte die Brünette ihren Kopf und legte ihrer Hand auf die ihrer Freundin.
„Nein, nein absolut nicht, Riles, im Gegenteil. Ich finde die Idee super, es ist nur", Sam überlegte, wie sie es am besten ausdrücken könnte, „ich kann das nicht einfach so entscheiden, nicht jetzt auf gleich. Auch muss ich Dr. Wells zuerst fragen, bei ihm liegt die endgültige Entscheidung", erklärte sie.
„Das weiß ich doch, dass du es nicht von jetzt auf gleich entscheiden kannst, Sammy", erwiderte die Blondine lächelnd. „Ich wollte nur wissen, was du dazu sagst und ob du denkst, dass es möglich wäre."
„Das denke ich, auf jeden Fall. Gib mir nur etwas Zeit, das in Ruhe abzuwägen und vor allem mit dem Team darüber zu sprechen, in Ordnung?", bat die Wissenschaftlerin, woraufhin Riley nickte.
„Natürlich", sagte sie sanft. Innerlich atmete Sam auf. Sie vertraute Riley, vertraute darauf, dass sie das Serum weiterentwickeln könnte. Doch konnte sie sie in die Welt der Meta-Wesen einweihen? Eine neue, gefährliche Welt. „Sag mal", wechselte ihre Freundin nun das Thema und setzte ein seltsames Grinsen auf. Fragend sah Sam zu ihr. „Gibt es wieder was von dir und Harrison zu erzählen?", hakte sie neugierig nach. Sogleich errötete die Brünette, sodass Riley sich rasch vorbeugte. „Es gibt was zu erzählen!", schlussfolgerte sie aus Sams Reaktion. Diese fuhr sich peinlich berührt übers Gesicht und lachte. „Komm schon Sammy, raus damit! Du hast mir noch nicht mal erzählt, was genau während deines Drogen-Trips zwischen euch beiden abging", quengelte Riley.
„Ja, absichtlich! Es ist viel zu peinlich...", nuschelte die Wissenschaftlerin.
„Och komm schon, Sammy", feilschte Riley weiter und rüttelte sanft an ihrem Arm. Wieder lachte Sam.

Es herrschte Aufbruchsstimmung im Central City Police Department. Der langersehnte Feierabend war da und Amber, die sich in den vergangenen Tagen die Hände wund gearbeitet hatte, gönnte sich heute ihre wohlverdiente Pause. Ein paar Kollegen und sie würden etwas trinken gehen, darunter auch Dunkin, den sie ebenfalls eingeladen hatte, um ihn ins Team zu integrieren. Der Braunhaarige schwatzte soeben Joe voll, der jedoch gar nicht richtig zuzuhören schien, denn nickte er immer nur wieder. Amber konnte sich ihren dreisten Seitenkommentar nicht verkneifen.
„War wohl doch nicht so schlecht, mich an der Backe zu haben, oder Detective?", schnurrte sie und setzte ein fieses Grinsen auf. Mit erhobener Augenbraue blickte Joe zu ihr.
„Wie läuft es eigentlich mit deinem lang gewünschten Partner, Mason?", konterte er.
Touché, dachte sich die Blondine und verzog ihr Gesicht, so als hätte sie auf eine saure Zitrone gebissen. Doch war es keine Zitrone, die ihr ihre Stimmung in den letzten Tagen immer wieder vermieste, sondern ein blondhaariger, narzisstischer FBI-Agent, der soeben an ihnen vorbeigeschritten kam, auf dem Weg zur Kaffeemaschine. Amber wusste, er würde wohl wieder eine Nachtschicht einlegen. Hörte er denn nie auf zu arbeiten? Während ihr Blick auf Owen haftete, der wortlos vor der Maschine stand und auf sein Heißgetränk wartete, die Hände in den Hosentaschen vergraben, schossen ihr Dunkins Worte in den Kopf.
„Immer isst er allein. Ein wenig Gesellschaft würde ihn sicherlich freuen."
Er aß nicht nur allein, auch sonst schien Owen Madock die Gegenwart anderer Menschen, es sei denn, es handelte sich um polizeiliche Zusammenarbeit, zu meiden. Sie bevorzugte ebenfalls Ruhe und Stille, dennoch genoss sie auch das Beisammensein mit Anderen. Jeder Mensch suchte den sozialen Kontakt. Sie sah zu den männlichen Polizisten, die sich ausgelassen unterhielten und ihre Sachen nahmen, um zum Pub aufzubrechen, in dem sie verabredet waren. Ob jemand den Agenten überhaupt gefragt hatte? Selbst sein eigenes Team schien losgehen zu wollen.
„Scheiß drauf", murrte Amber zu sich selbst, wohlwissend, dass sie ihren kommenden Schritt vermutlich bereuen würde. Sie lief los und schlenderte lässig zum Agenten, der seinen Kaffeebecher an sich nahm. Als er sie bemerkte, hob er abschätzig eine Augenbraue und wollte an ihr vorbeigehen.
„Agent Madock", hielt sie ihn daher auf. Der Blonde hielt inne und drehte sich wieder zu ihr.
„Was?", fragte er monoton. Am liebsten würde sich Amber wieder umdrehen und gehen, doch nun hatte sie schon gewagt ihn anzusprechen, also würde sie es auch durchziehen.
„Ein paar Kollegen und ich gehen was trinken, den Feierabend ausklingen lassen", leitete sie ihr Anliegen ein und deutete hinter sich auf die Männerschar. „Falls Sie also Lust haben." Für einen kurzen Moment sah sie Überraschung in Owens blauen Augen aufflackern. Lässig vergrub er seine Hand in seiner Hosentasche.
„Nein danke, Mason. Ich passe", erwiderte er knapp. Nachdenklich verzog Amber ihre Lippen.
„Kommen Sie schon, etwas Spaß muss auch mal sein. Sie können doch nicht dauernd durcharbeiten."
„Ich bin hier, um zu arbeiten und ich vermische Arbeit und Privates nicht, daher lehne ich ab", erklärte Owen monoton.
„Es gibt aber keine Regel, die verbietet auch mal was mit seinen Kollegen zu unternehmen." Für einen kurzen Augenblick, so flüchtig, dass Amber fast glaubte, es sich eingebildet zu haben, zogen sich Owens Mundwinkel zu einem bedauernden Lächeln nach oben.
„Das nicht, aber es ist meine persönliche, oberste Regel", erwiderte der Agent ruhig. Die Blondine verschränkte ihre Arme vor der Brust. Polizisten waren die Vertreter der Gesetze, Regeln waren das A und O und doch hatte sie bereits gemerkt, dass der Anzugträger eine ganz eigene Affinität zu Regeln zu haben schien. Der Gedanke war ihr schon einmal gekommen: es glich beinahe einem Zwang. Auch hatte Roy Bivolo etwas Seltsames zu ihm gesagt.
„Was haben Sie nur immer mit Ihren Gesetzen und Regeln?", fragte sie daher und musterte den Bartträger eingehend.
„Haben Sie Spaß, Mason", erwiderte er ausweichend und nippte an seinem Kaffee. „Wir sehen uns morgen. Und kommen Sie nicht zu spät", fügte er hinzu und schritt an ihr vorbei. Verwirrt sah die Jüngere ihrem Vorgesetzten hinterher. Owen Madock war hier, um die Geheimnisse dieser Stadt zu lüften, doch war er selbst ein ebenso großes Mysterium.

Eine weiße Tür wurde aufgestoßen. Ein Pfleger in weißer Arbeitskleidung betrat Zimmer 1.43. Der Junge mit dem schwarzen, strubbeligen Haar saß wie am Tag zuvor und an jedem anderen davor auf seinem Bett und starrte ins Nichts. Der Bärtige mit dem runden Bierbauch vollführte seine Arbeitsroutine. Immer dieselben Schritte, immer dasselbe Prozedere. Er stellte seine Kiste ab, nahm das für den Patienten verordnete Medikament aus einem Behältnis und füllte einen Pappbecher mit Wasser. Cole Thompson stand auf der Akte, die er bei sich trug und kurz überprüfte. Eine Pille täglich.
Schweigend schritt der Pfleger zum Schwarzhaarigen und steckte ihm die Tablette in den Mund. Anschließend führte er den Becher Wasser an seine spröden Lippen, zog seinen Kopf unsanft an den Haaren nach hinten und goss die Flüssigkeit in seinen leicht geöffneten Mund. Der Adamsapfel des Jüngeren hüpfte auf und ab, Steve, der Pfleger, ließ von ihm ab.
„Bist du überhaupt noch da drinnen, Bursche?", fragte er und verzog abschätzig sein Gesicht. „Siehst nämlich nicht so aus." Er verpasste ihm eine schnelle Ohrfeige. Keine Reaktion. „Wenn du mich fragst, können sie dir gleich die Kugel geben, anstatt dich hier hin vegetieren zu lassen. Mir wäre es zumindest lieber", sagte er zynisch, drehte sich herum, stellte den Wasserbecher auf seinem Nachtschrank ab und nahm schließlich seine Sachen. Es kümmerte den Bärtigen nicht, wie er den Jungen behandelte. Er schien ohnehin längst nur noch eine leere Hülle, da nutzte Steve des Öfteren die Möglichkeit, seinen Frust an ihm auszulassen. Leise vor sich her grummelnd lief der Pfleger aus dem Zimmer und verschloss die Tür.
Kurz war es still. Dann plötzlich kehrte Leben in den Schwarzhaarigen ein. Seine dunklen Augen glitten zur Tür. Anschließend hob er seine Hand und spuckte die Tablette, die er unter seiner Zunge versteckt hatte, auf seine Handfläche. Er nahm die Pille zwischen Zeige- und Mittelfinger und beäugte sie für einen kurzen Augenblick. Dieses kleine Ding hatte ihn also all die Jahre schlafen lassen. Doch war er aufgewacht, als Steve eines Nachts unachtsam gewesen war. Die Wirkung des Medikaments hatte nachgelassen, Cole hatte sein Bewusstsein zurückerlangt. Wortlos krabbelte der Junge über sein Bett und öffnete den Bezug seines Kopfkissens. Er versteckte die Tablette darin, so, wie er es seit mehreren Tagen nun schon tat. Er hortete sie, sodass die Pfleger weiterhin dachten, er würde sie schlucken, jede einzelne. Im Schneidersitz setzte sich Cole auf sein Bett und blickte zu den Gittern, die sein Fenster zierten. Regen prasselte gegen die Fensterscheibe. Er mochte das Geräusch, mochte den wohltuenden Klang. Der Schwarzhaarige schloss seine Augen. Das Wasser im Becher neben ihm begann kleine Ringe zu schlagen. Der Becher vibrierte, das Wasser schwappte über. Cole öffnete seine Augen und beobachtete es dabei. Neugierig streckte er seine Hand aus, spreizte seine Finger. Er vollführte eine schnelle Handbewegung - der Becher fiel zu Boden. Wie Blut lief sein Inhalt über den glatten Boden in seinem Zimmer. Dabei hatte er den Becher nicht berührt, nicht eine Sekunde lang.

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P.S. Das nächste Kapitel folgt am Freitag. ❤️
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