Das Projekt des Dr. Morrow

GeschichteAbenteuer, Mystery / P16
04.02.2019
28.04.2019
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Die Insel des Dr. Morrow


für Aurory, Raymond und loli



In einen unbequemen Plastikstuhl neben eine Familie mit ungefähr einer Million Kleinkindern gequetscht scrollte Seamus auf seinem Tablet durch das Inhaltsverzeichnis der neuesten Ausgabe des Nature-Journals, konnte sich aber ob des Lärms nicht einmal darauf konzentrieren, zu entscheiden, welche der Artikel für ihn interessant sein könnten. Seufzend steckte er sein Tablet wieder in dessen schützende Hülle und dann in seinen Trecking-Rucksack. Bei einem Blick durch die bodenhohen Fensterfront sah er mit Erleichterung, dass die Fähre, die ihn vom Festland nach Vancouver Island bringen würde, sich schon näherte. Er stand auf, auch wenn er damit rechnete, noch eine ganze Weile warten zu müssen – hauptsächlich, um dem Kind neben ihm zu entkommen, das nun an seinen Rucksackbändeln herumzuzwirbeln begann. Als er ihm vorsichtig seine Tasche entzog, wurde auch endlich die Mutter des Kindes aufmerksam und entschuldigte sich wortreich. Seamus rang sich ein knappes Lächeln ab. Er konnte einfach nicht mit Kindern, und auf der Fähre würde er sich einen Platz weit weg von dieser Familie suchen.

Nachdem die von der Insel kommenden Passagiere ausgestiegen waren dauerte es zum Glück auch nicht mehr lange, bis die Fähre, die den Namen Queen of Cowachin trug, zum Einsteigen bereit war. Nachdem der Steward seine Fahrkarte eingerissen hatte, schritt Seamus auf seinen langen Beinen rasch voran, einfach, um den Menschenmassen und dem Getümmel zu entkommen. Er suchte sich einen Platz am Fenster im Bordrestaurant, und genehmigte sich eine Portion Poutine – dieses kanadische Gericht bestand aus dicken Pommes Frittes, die mit Bratensoße und Käseraspeln übergossen wurden. Seine anfängliche Skepsis legte sich rasch und Seamus verdrückte seine Portion in einem Rekordtempo, wahrscheinlich auch deshalb, weil er seit der Mahlzeit im Flugzeug nichts mehr gegessen hatte, und in der Luft war sein Magen meistens zu aufgewühlt, als dass er wirklich viel zu sich nehmen konnte. Jetzt aber ging es ihm schon viel besser, und er sah mit Vorfreude auf den Küstenstreifen, den die Fähre ansteuerte.

Am Horseshoe Bay Fährenanlegeplatz stieg er mit den anderen aus und suchte die am Ausgang wartenden Leute nach Dr. Morrow ab. Er hatte sich dessen Portrait auf der Homepage der Vancouver Island University wiederholt angesehen, und hoffte, dass der Mann sich die schon ergrauenden schulterlangen Haare nicht zwischenzeitlich abgeschnitten hatte. Seamus war nicht gut darin, Menschen wieder zu erkennen, weshalb ausgefallene Frisuren immer ein wertvolles Erkennungszeichen waren. Doch er musste nicht lange suchen: Nicht nur sah der Mann aus, wie seinem Porträt entstiegen, er hielt auch ein Pappschild hoch, auf dem in Großbuchstaben nach „DR SAMUEL VAUGHN“ gesucht wurde. Samuel drängte sich durch einige Wiedersehensszenen, bis er direkt vor dem Mann stand, der ihm nur knapp über die Schulter reichte, was der große, schlaksige Seamus aber gewohnt war. Die Männer schüttelten sich die Hände, Morrow besonders überschwänglich, wobei er ein „du kannst mich Francis nennen!“ anfügte. Überrumpelt wie erfreut entgegnete Seamus: „Schön, dann nennen Sie … nenn‘ du mich auch Seamus!“
Nun per du liefen die beiden auf Francis‘ Wagen zu, dem anzusehen war, dass er oft durch schlammiges, unwegsames Gelände fuhr. Als Francis den Motor anließ dröhnte in ohrenbetäubender Lautstärke AC/DC durch den Wagen. Er drehte die Lautstärke etwas herunter, jedoch nicht so viel, dass eine Unterhaltung bequem möglich war, was Seamus ganz angenehm fand. So konnte er sich noch ein wenig von der Reise erholen und seinen Gedanken nachhängen, während er müde aus dem Fenster schaue und seinen Blick über zunächst Häuser und Pubs, später dann nur noch Bäume und ab und an Rehe gleiten ließ.

Er musste eingenickt sein, jedenfalls wurde er davon wach, dass ihm Francis jovial auf die Schulter schlug. „Samuel, Junge, wir sind da!“ Etwas irritiert davon, mit seinen 34 Jahren und als promovierter Biologe noch als „Junge“ bezeichnet zu werden, rappelte Samuel sich auf. Ihm war es etwas peinlich, eingeschlafen zu sein, doch nach fast 12 Stunden im Flugzeug, war das wohl nur verständlich. Sie waren auf einen kleinen Parkplatz gefahren, der umringt war von einigen langweilig, grau und offiziell aussehenden Gebäuden. Das war wohl das Gelände der naturwissenschaftlichen Fakultät. Noch etwas dösig krabbelte Samuel vom hohen Beifahrersitz des Geländewagens und sah sich um. Zu seiner Freude konnte er sehen, dass sich, wo sich der Kreis der Gebäude lichtete, schon wieder dunkler Wald zu sehen war. Nicht zuletzt wegen der beeindruckenden Landschaft des pazifischen Nordwestens hatte er Auftrag, für ein Jahr als Austauschwissenschaftler an der VIU zu unterrichten, dankend angenommen. Er folge Francis um ein Gebäude herum, das im Erdgeschoss hohe Fensterfronten aufwieß, während ihm ein Blick an der Fassade hinauf zeigte, dass in den oberen Stockwerken nur schmale Fenster auf Deckenhöhe eingelassen waren, als sollte niemand hineinsehen können.

„Hier ist das Gebäude, wo du meistens arbeiten wirst“, erklärte Francis ihm und Seamus drehte sich einmal um die eigene Achse. Das Erdgeschoss bestand aus einer Lobby und einer Caféteria der Kette Tim Horton's. Hinter einer Absperrung wie Seamus sie zum Beispiel von den Ubahnen in London kannte, befanden sich Aufzüge und ein Schild, das beschrieb, was auf den einzelnen Stockwerken zu finden war. Großteils schien das Gebäude Labore und Büros zu beherbergen, sowie einen Vorlesungssaal, der sich im Keller befand. „Bevor ich dir erkläre, was genau du zu tun haben wirst, lass‘ uns erst mal bei Timmies ein bisschen Zucker und Koffein tanken“, schlug Francis vor und Seamus folgte ihm gerne.

Jeder mit einem Kaffee beladen und Francis mit einem Sechserkarton Donuts in der Hand ließen sie sich an einem Tisch am Fenster nieder. Draußen sah es aus wie auf jeden beliebigen Universitätscampus: Studierenden schlenderten umher oder saßen auf den Grünflächen und lernten oder unterhielten sich. Der Kaffee war gut und Seamus stellte zufrieden fest, dass er es hier wohl angenehm aushalten würde.

Francis beobachtete ihn stumm und der Jüngere hatte mit einem Mal den Eindruck, dass etwas Abwartendes, Lauerndes im Blick seines Gastgebers aufgetaucht war. Um das plötzliche unangenehme Gefühl zu überspielen schenkte er ihm ein besonders freundliches Lächeln und begann zu sprechen. „Ich muss ja gestehen, Francis, dass die Jobbeschreibung, mit der sie mich hierher beordert haben, schon etwas vage war. Natürlich, wenn ein renommierter Wissenschaftler explizit nach meiner Mitarbeit fragt, liegt es mir fern, einfach abzulehnen! Doch ich muss sagen, dass ich immer neugieriger werde.“ Ein weiterer Grund für seine Zusage war es gewesen, dass eine Zusammenarbeit mit dem berühmten wie geheimnisvollen Dr. Morrow ihn auch beruflich voranbringen würde, und nachdem seinem Halbbruder, obwohl er einige Jahre jünger war als Seamus, schon eine Professorenstelle in Aussicht gestellt wurde, war es an Seamus, sich ein paar Stufen auf der Karriereleiter hinaufzuarbeiten. Das sprach er natürlich nicht laut aus. In seinen Jahren in der Forschung hatte er zwar inzwischen gelernt, dass ein Großteil der Interaktionen dem Networking diente, doch hatte man das ja nicht offen festzustellen – es gehörte zum guten Ton als waren es reinen Wissensgier und Begeisterung an der Wissenschaft, die durch die Kollaborationen angeregt wurden.

„Nun, Seamus, ich kann deine Neugier verstehen! Meine Briefe waren ja auch geheimnisvoll genug, was schlicht daran liegt, dass ich dir das, worum es hauptsächlich geht, besser zeigen als beschreiben kann.“
„Ja, so hast du geschrieben, und das hat ja auch gewirkt, mich neugierig zu machen – ich bin ja schließlich hier, nicht wahr?“, erwiderte Seamus etwas ungeduldig. „Aber, um es mal ganz direkt zu fragen: Warum hast du mich gebeten, mitzuarbeiten? Du hast geschrieben, ich sei ‚einer der besten Biologen und Biotechniker unserer Zeit‘, doch warum nicht gleich nach dem Besten fragen?“ Sein Mund war plötzlich ganz trocken und er schluckte.
„Du meinst also deinen Bruder.“ Morrow betrachtete ihn abschätzend und Seamus konnte nur stumm nicken.
„Fachlich hat er dir vielleicht einiges voraus, das kann ich nicht leugnen, und du wohl auch nicht. Doch was mir an Stephen missfällt ist sein humanitäres Auftreten. Alles was er forscht und erschließt dient dem ‚Weiterkommen der Menschheit‘, der ‚Rettung unseres Planeten‘, oder als was auch immer er es bezeichnen möchte. Du hingegen sprichst in deinen Vorträgen und Artikeln nicht von solchen hehren Zielen. Es scheint dir um die Wissenschaft an sich zu gehen, du hast deine Forschung nicht in den Dienst irgendeines Ideals gestellt“, erklärte Francis.
Seamus neigte den Kopf. „Soll das also heißen, dass sich dein Projekt ganz absichtlich nicht zum Wohl der Menschheit ausrichtet?“, versuchte er sich an einem Scherz.
Francis jedoch lachte nicht. „So ist es nicht – ich würde sogar sagen, dass das, was wir hier machen, mehr für die Menschheit und die Zukunft des Planeten tut, als alle Projekte deines Bruders. Doch das Problem ist, dass wohl die meisten Menschen das anders sehen würden. Ich habe über meine Arbeit schon einige Kollegen und Freunde verloren, da es doch viele gibt, die finden, dass das, woran ich arbeite … grausam ist.“
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