Memoiren einer grauen Gestalt

von LadyDainn
GeschichteAngst, Schmerz/Trost / P18
Eddie Gluskin Jeremy Blaire OC (Own Character) Richard Trager Waylon Park
03.02.2019
12.02.2019
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Prolog


Eddie sah sich die Frau am Balkon aus einiger Entfernung an. Er wagte es nicht, sie anzusprechen. Irgendwie traute er sich nicht. Erinnerte sie sich überhaupt an ihn? Es war viel Zeit vergangen. Ihr kurzes, stark gelocktes und pechschwarzes Haar glänzte in der Abendsonne, als ob es eingeölt worden wäre. Von der Zigarette in ihrer Hand stieg weißlicher Qualm auf, der sich langsam den Weg zu den Wolken bahnte. Er hatte sie bisher nur wenige Male gesehen. Damals, als noch niemand auf seinem Tisch in der Näherei das bittere Ende gefunden hatte. Langsam drehte sie sich um, anscheinend spürte sie seine Blicke im Rücken. Eine Fähigkeit, die jeder nach dem Aufstand in Mount Massive zwanghaft entwickelt hatte.
Müde lächelte sie ihn an. „Guten Abend, Mr.Gluskin.“ Er nickte ihr zu, ein wenig überrascht darüber, dass sie ihn tatsächlich noch kannte, und näherte sich vorsichtig. Ihre Augen strahlten nicht mehr so intensiv lebendig wie damals, als er noch in Ketten hing. Er erkannte etwas in ihrem Blick, in ihrer Mimik, was er in sich selbst mal gesehen hatte. Als Jugendlicher, als er von der Realität erschlagen wurde.
Es waren die müden Augen eines Menschen, der mal geträumt hatte.

„Rauchen sie?“, fragte sie ihn. Dabei holte sie eine kleine Schachtel aus ihrer Jackentasche. „Nein, aber danke.“, antwortete er und winkte ab. Sie stieß sofort, ohne weitere Aufforderung, ihre Zigarette am Geländer aus und schmiss sie in den Mülleimer. Es hätte ihn nicht mal gestört, wenn sie weiter geraucht hätte, aber er war ihr trotzdem dankbar.
Für einen Moment herrschte Stille zwischen ihnen, was die fast 30.jährige Frau jedoch schnell unterbrach. „Sie haben ja einen hohen Status unter den Patienten erreicht. Sie dürfen sich ja sogar frei in der Anstalt bewegen! Wie geht es Ihnen?“ Es war keine Frage für Small-Talk, das spürte er sofort. Es interessierte sie wirklich. Es freute ihn etwas, dass sie ihr gutes Herz nicht verloren hatte.
„Gut. Also, naja... den Umständen entsprechend gut, wie Sie wohl verstehen.“ Er schenkte ihr ein ehrliches Lächeln. „Man lernt zu leben.“ Sie nickte nur und blickte auf ihn, als wäre sie eine besorgte Mutter. Irgendwo faszinierte es ihn. Ihre Empathie hatte sie nicht verloren und doch... doch wirkte es, als hätte sie sonst alles verloren. Sie wirkte so einsam. Nicht nur alleine, sondern einsam.
„Ich verstehe, was Sie meinen. Ach, was sollen die Förmlichkeiten. Nennen sie mich Rae.“- „Eddie“. Und so schnell konnte man beim „Du“ landen.
„Also bei dir geht die Therapie gut voran?“ Eddie nickte. „Ich bin froh, endlich eine richtige Therapie erhalten zu können. Die Doktoren hier sind so professionell und fürsorglich, es ist wunderbar. Das habe ich auch dir zu verdanken, Rae.“ Sie winkte ab und fühlte sich sichtlich unwohl. Eddie bereute es sofort, doch das musste er sich von der Brust reden. „Es ist einfach so. Sie haben viel auf sich genommen, um die Patienten aus der Anstalt zu kriegen. Sie und Waylon Park haben so viel geopfert... Das ist kaum vorstellbar.“

Für einen Moment musterte sie ihn nur und er bewunderte sie im Stillen. Sie war dunkelhäutig und trug ihre krausen schwarzen Haare in einem Teeny weeny afro. Ihre Nase war breiter und größer als bei den meisten hellhäutigen Menschen, doch sie war fein geschnitten, ebenso wie die Form ihrer großen grünen Augen (Beweis ihrer schottischen Wurzeln), die von dunklen Wimpern umrahmt wurden. Ihre Wangenknochen waren hoch, der Kiefer breiter als gewöhnlich und definiert. Sie war normal groß, wohl so um die 1,75m und sehr abgemagert. Offensichtlich schlug die Therapie ihr auf den Appetit.
„Waylon Park ist verheiratet und hat zwei Söhne. Er hat nicht nur sein Leben riskiert, als er die E-Mail schrieb. Er hat ALLES riskiert. Und ich? Ich hatte nichts zu verlieren. Ich habe die Falltür zur Hölle geöffnet. Der wahre Held hier ist Waylon.“
Eddie wusste, dass sie und Waylon gemeinsam gegen Murkoff vorgegangen waren. Die Beiden kannten sich und waren offensichtlich Freunde.
„Du bist bescheiden. Ich schätze aber auch, dass die Medien deinem Selbstbild zugesetzt haben.“ Überrascht riss sie die Augen auf. Er merkte, dass sie eine Erklärung brauchte.
„Ich habe gestern im Aufenthaltsraum mit Dennis eine Dokumentation gesehen: „Raelyn MacLean, die graue Gestalt: Heldin, oder Monster?“ Es scheint, als würde dir all dies ziemlich zusetzen.“
Rae schüttelte nur kurz den Kopf. Eddie erinnerte sich an eines der vielen Interviews, die in diese Dokumentation eingeblendet wurden.

Interviewer: „Mrs.MacLean, Sie haben beim Fall von Murkoff tatkräftig mitgeholfen und gesiegt. Was war Ihnen beim Aufbau der Nervenheilanstalt für die überlebenden Patienten besonders wichtig? Wie man hört, haben sie sogar mit den Architekten zusammen gearbeitet.“
Raelyn: „Ich wollte weite Gänge und helle Räumlichkeiten, das beste und vertrauenswürdigste Personal, zusammengestellt von den professionellsten Arbeitskräften unseres Kontinents und gutes Essen in der Kantine.“
Interviewer: „Die Patienten können froh sein, dass es Menschen wie Sie gibt. Oder ist das ein Weg der Wiedergutmachung für Sie?“
Raelyn: „Was meinen Sie?“
Interviewer: „Die einzige Person, die Ihre Unschuld beteuern konnte, war Waylon Park. Bis heute ist jedoch Ihre Rolle bei Murkoff nicht ganz geklärt. Was hatten Sie für ein Verhältnis zu Jeremy Blair?“
Raelyn: „Jeremy Blair sollte nicht Bestandteil dieses Interviews sein. Bitte keine Fragen dazu.“
Interviewer: „Ist es wahr, dass Sie mit ihm verlobt waren?“
Raelyn: „Jeremy Blair sollte nicht Bestandteil dieses Interviews sein. Bitte keine Fragen dazu.“
Interviewer: „Es gab Aussagen, dass Sie unter seinem Schutz standen. Ist das wahr?“
Raelyn: „ Sie arme Seele, seit wann haben sie Probleme mit Ihren Ohren? Erholen Sie sich gut, danke für das Interview.“

Rae blickte gedankenverloren in die Ferne. Dabei schien sie jedoch die schönen Gartenanlagen einfach zu übersehen, ja gar nicht wahrzunehmen. Eddie wusste, dass sie im Geiste in Mount Massive war. „Alle fragen sich, was ich bin. Dabei habe ich so viel geschauspielert, es so vielen Leuten recht gemacht, manipuliert und gelogen... ich weiß selbst nicht einmal mehr, wer ich bin.“ Eddie hörte die Unsicherheit in ihrer Stimme. Es schien nicht so, als würde sie häufig oder offen darüber reden. Aber wer konnte es ihr verübeln? „Ist es nicht merkwürdig, wie man lernt zu lügen, wenn man erwachsen wird, aber gleichzeitig realisiert, wie unglaublich wichtig Ehrlichkeit ist?“, flüsterte er gerade laut genug, dass sie ihn hören konnte.
„Das ist wahr. Da hast du gute Worte gefunden, Eddie.“ Es folgte erneut eine kurze Stille. „Danke, dass du nicht versuchst, mir einzureden, wer ich bin. Das ist... eine erfreuliche Abwechslung.“, meinte sie plötzlich und Eddie musste unwillkürlich kichern. „Das kannst nur du selbst wissen. Ich denke, wir machen uns alle nur Bilder voneinander. Du hast ein Bild von mir, ich hab ein Bild von dir... unsere Handlungen sagen, wer wir sind. Zumindest für andere. Doch wirklich wichtig und aussagekräftig dahinter sind unsere Motive. Der Wille zählt, wie man so gerne sagt. Was war dein Wille? Ich schätze das sagt, wer du wirklich bist.“
Rae schien einen Moment darüber nachzudenken. Ihre Augen fokussierten sich auf einen Mülleimer im Garten unter ihnen. Allmählich begannen auch die Grillen im trockenen Gras zu zirpen und die Luft wurde kühler. Der Sommer mit seiner erstickenden Hitze neigte sich einem weiteren Abend zu und der Himmel wandelte sich in eine warme, orangene Decke. Drei Jahre waren seit Mount Massive vergangen. In drei Jahren kann viel passieren. Eddie hatte überlebt und entwickelte sich jeden Tag weiter, doch Rae... sie schien in der Klinik stecken geblieben zu sein. „Rae... wie geht es dir?“, fragte er sie mit Bedauern in der Stimme. Eine Frage, die sie garantiert täglich von ihrer Therapeutin hörte. Und doch... wenn man ehrlich fragte und eine ehrliche Antwort erwartete, ohne, dass professionelle Hintergründe dahinter standen... dann war die Frage eine völlig andere. Eddie war kein Therapeut. Eddie war ein Verbrecher, der langsam den Weg zurück ins Leben fand, obwohl er niemals diese Anstalt verlassen durfte.

„Mir... geht es nicht so gut. Okay... Mir geht es furchtbar. Absolut dreckig.“ Er schwieg einen Moment und sie fuhr tatsächlich fort. „Ich schleppe mich von Tag zu Tag. Ich warte im Grunde genommen einfach nur. Das Schlimme dabei ist: ich weiß nicht einmal, worauf ich warte. Ich habe Angst, was es sein könnte. Worauf warte ich? Auf den Tod? Auf Besserung? Auf Erkenntnis? Ich habe aufgehört zu leben.“ Eddie hörte den Schmerz in ihrer Stimme. „Das tut mir ehrlich leid, Rae. Darf ich dich etwas fragen? Du musst auch nicht antworten, ich werde dich nicht drängen.“
„Du willst wissen, was mein Verhältnis mit Jeremy Blair war.“, stieß sie trocken hervor. Eddie blieb die Frage im Hals stecken.
„Hast du jemals darüber geredet? Mit deiner Therapeutin vielleicht?“ - „Nein.“, gab sie ehrlich zu. „Dr. Smith wollte das Thema mehrmals anschneiden, aber ich habe es immer abgelehnt.“ Eddie dachte über ihre Worte nach. „Du fürchtest dich vor Verurteilung, nicht wahr? Blair ist für alle das Böse in Person. Jeder würde sich fragen, was du an ihm gefunden hast. Du … hast ihn geliebt, oder?“ Es war ein Schuss ins Dunkle gewesen, doch in ihrem Gesichtsausdruck konnte Eddie sehen, dass er Recht hatte. „Man ist immer der Bösewicht in der Geschichte eines anderen. Blair hatte seine eigenen Motive in Mount Massive.“, murmelte sie schließlich. „Aber was weiß ich... vielleicht habe ich ihn auch nie verstanden. Ich bin vielleicht einfach ein dummes Mädchen, das nie dazu lernt.“
Ihre Worte hallten in seinem Kopf wieder. Er verstand diese Aussagen mehr, als ihm lieb war. „Es ist schwer, nicht wahr? Wenn man einen Menschen glaubt zu verstehen. Wenn man denkt, dass diese Person dir näher sein könnte, als alle Leute zuvor. Und wenn man das nicht zugeben kann... weil es falsch wäre.“ Rae musterte ihn mit Neugierde. Dann huschte ein Hauch von Erkenntnis über ihr Gesicht. Dann Verwirrung. Dann Verständnis. „Er war der Einzige, der dich überlebt hat, nicht wahr?“, sagte sie schließlich. In ihren Augen spiegelte sich Wärme. „Als ich Waylon das erste Mal sah, saß er an einem PC und entschied, ob ich in die Maschine könnte, oder nicht. Da er von mehreren Angestellten gezwungen wurde, blieb ihm schließlich nichts anderes übrig, als das Programm zu reparieren. Doch ich hatte ihn gesehen, durch die Glasscheibe hindurch. Er war nicht wie die Anderen, er wollte nicht da sein. Er wich zurück, er hatte Gewissensbisse in jeder Falte seines Gesichtes eingraviert. Und sein Gesicht war das, woran ich mich ab da immer erinnerte. Im Wahn des Antriebs hätte ich ihn fast umgebracht. Das hätte ich mir nie verzeihen können, niemals. Er ist unerreichbar für mich. Er hat eine Frau, er hat zwei Söhne, ich habe ihn zur Therapie getrieben, ja fast umgebracht und ich bin in einer Anstalt eingesperrt. Wegen meiner Obsession habe ich extra Therapiesitzungen. Auch heute noch. Aber der Weg, mir diese Obsession einzugestehen... darüber zu reden. Ich hatte so Angst vor der Verurteilung, das kannst du dir nicht vorstellen.“
„Doch. Das kann ich mir sehr gut vorstellen.“, antwortete Rae wie aus der Pistole geschossen. „Es tut mir leid, dass du da durch musst, Eddie.“ Für einen Moment fürchtete er, dass sie dieses Geständnis als Bitte auffassen könnte. Als Bitte, Waylon hier her zu bringen. Doch das tat sie nicht. Rae verstand, was er sagen wollte. „Du wurdest nicht verurteilt, nicht wahr?“, meinte sie schließlich. „Stimmt. Mir wurde nur Verständnis entgegen gebracht. Und Hilfe. Noch immer schleicht sich Waylon in meine Gedanken, doch es ist nicht mehr so schlimm, wie es damals war. Er ist... menschlich geworden. Und ich lerne, mich von ihm weg zu bewegen.“
Rae lächelte ein ehrliches Lächeln. Eddie spürte, dass er zu ihr durchgedrungen war. „Ich weiß nicht, wer du bist, Rae. Ich kenne deine Motive nicht. Aber ich weiß, dass du mir mein Leben in der Anstalt gerettet hast. Dass du diejenige warst, die mich von der Decke holte und meine Wunden schloss. Dass du diejenige warst, die gegen Murkoff kämpfte und mir schließlich indirekt eine Heimat gegeben hast. Ich kann das niemals gut machen, aber ich kann dir etwas zurückgeben. Einen Rat. Öffne dein Herz für andere und sie öffnen ihr Herz für dich. Sprich mit deiner Therapeutin, Dr.Smith, über Blair. Ich bin mir sicher, dass es dir gut tun wird.“
Mit diesen Worte klopfte Eddie der jüngeren Frau väterlich über den Oberarm und verließ dann den Balkon. Raelyn dachte lange nach, rauchte noch eine Zigarette und beobachtete die Dunkelheit, die sich langsam über die Anlagen senkte. Eigentlich könnte sie nach Hause fahren, sie musste nicht stationär in der Anstalt bleiben. Warum blieb sie? Sie fasste einen Entschluss und nahm allen Mut zusammen. Dr.Smith machte auch Notfallsitzungen. Wenn nicht jetzt, dann nie. Sie schmiss die gelöschte Zigarette in den Mülleimer und verließ den Balkon. Inzwischen war es Nacht geworden...
es würde eine lange Nacht werden.

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*Nanu, wo kommt das denn her? :D Ich haue mal wieder eine Ff zu Outlast raus. Die Idee ist mir einfach so gekommen, keine Ahnung, wieso. Wahrscheinlich durch die tolle Fanfiction von Larission (Im Ernst, gönnt euch das). Keine Ahnung, wie lang das wird, aber gut. Danke für's Lesen, ich hoffe, es mundet ;D Bin gerade voll im Schreibfluss und das nächste Kapitel ist unterwegs, also bis bald. *
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