The night we met

OneshotSchmerz/Trost / P16 Slash
Cassander Hephaestion
03.02.2019
09.02.2019
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*Fanfaren ertönen*
Es ist mal wieder so weit. Der glückliche Tag der Geburt, wird mit einem Oneshot belohnt, der leider olympische Ausmaße angenommen hat ...
Anna hat das unglaubliche Glück ihren Geburtstag drei Tage lang zu feiern, weil ich sonst Frankensteins Oneshot Monster an einem Tag hochladen müsste und das ist natürlich einfach zu gewaltig und die Cliffhanger würden nicht so nerven ... Das ist halt echt keine Option.
Demnach gibt es drei Teile (Stand jetzt), die ich heute morgen und übermorgen hochladen werde. Es sind also drei Geschenke, streng genommen und Geschenke kriegt man nur am Geburtstag, also sind es drei Geburtstage.
Der Hammer.
Also, alles gute zum Geburtstag, lass dich von dem ersten Teil des Oneshots nicht runterziehen. Es wird besser. Spätestens ... vielleicht mache ich keine Versprechungen, die man nicht so ganz halten kann.



I had all and then most of you …


Ich kann noch genau sagen, wie es mit Hephaestion angefangen hat. Das alles. Es ist eine der prägenden Erinnerungen in meinem Leben und wenn ich nun darüber nachdenke, fällt mir auf, dass die meisten meiner prägenden Erinnerungen mit Hephaestion waren.
Er begleitet mich von meiner frühesten Kindheit, bis zu meiner Jugend, ins Erwachsenenalter und sicherlich noch bis darüber hinaus. Ich kann mir vorstellen, wie ich als alternder Mann mit dickem Bauch auf einer Bank sitze und der Blick aus seinen blauen Augen mich dann wie heute und damals fesselt.
Hephaestion hat Licht in mein Dunkel gebracht. Wortwörtlich.
Als wir nach Pella kamen, war die erste Prüfung für uns, zwei Nächte fern von zuhause in einem abgeschiedenen Wald zu nächtigen. Kleitos wollte uns aneinander gewöhnen, damit wir uns kennenlernen. Ich habe bis dahin keinen der Jungen gekannt, die mit mir trainiert werden sollen und ich war zum ersten Mal in meinem Leben auf mich alleine gestellt. Nicht umgeben von meinen Geschwistern, nicht im sicheren Schoß von Mutter.
Aber ich habe sehr schnell begriffen, dass es leichter ist, sich als der Stärkste der Gruppe hervorzutun. Ob man das nun tatsächlich ist oder eben nicht.
Ich bin es nicht. Ich war es auch nie.

Und so finde ich mich an meinem ersten Abend auf einem sehr wackeligen Ast eines Baumes wieder, unter mir die knurrende Wolfsmeute. Es sollte eine Mutprobe sein, ich habe getönt, ich könne natürlich auch ganz alleine im Wald zurecht kommen. Die anderen wollten Beweise und so bin ich mit schlotternden Knien aus dem Lager geschlichen ohne eine Fackel, um nicht lange danach, die Wege der Wölfe zu kreuzen.
Mein Herz rast vor Panik und ich blinzle in die Dunkelheit hinein, um in meiner Panik eine Möglichkeit zu finden, ihnen zu entkommen, bevor der Ast unter mir einfach bricht, was er unweigerlich bald tun wird, wenn ich sein Ächzen richtig deute.
Aber ich sehe nichts. Weder wie viele es sind, noch wo sie sich befinden und wie lange sie brauchen, um mich bis auf die Knochen zu verspeisen. Ich hebe den Kopf und blinzle in die Ferne, aber selbst wenn das Lager in dieser Richtung liegt (worin ich mir nicht sicher bin), kann ich den Schein des Feuers längst nicht mehr sehen. Demnach wäre auch jedes Rufen vollkommen sinnlos, so beschämend es auch wäre.
»Könnt ihr nicht einfach gehen?«, frage ich und spüre einen schweren Kloß in meiner Kehle aufsteigen. Mir stehen Tränen in den Augen, ich schniefe und wische sie mir mit dem Handrücken aus den Augen. Der Ast straft meine Bewegung mit einem scharfen Knacken und sofort erstarre ich. Es wird mein Ende sein, weil ich unbedingt meinen Mut beweisen wollte. Und was hat es mir nun gebracht? Ich werde von Wölfen gefressen und man bringt meiner Mutter nichts weiter von mir, als meine abgenagten Knochen und niemand wird mich jemals mutig nennen.
Ein Schluchzer steigt meiner Kehle empor, den ich nicht unterdrücken kann und im selben Moment gibt der Ast unter mir nach und lässt mich in die Tiefe stürzen.
Ich habe keine Zeit, den Schmerz zu betrauern, der mir durch die Glieder fährt, als ich auf dem Boden aufschlage, denn zur selben Zeit, ist einer der Wölfe über mir und sein heißer Atem steigt mir ins Gesicht, als er die Zähne fletscht und ein reißendes Knurren ausstößt.
»Ksscht!«
Ein Geräusch lässt den Wolf innehalten, er hebt den Kopf und im Schein einer Fackel sehe ich, wie der riesige Wolfskopf die Ohren angespannt aufstellt und einen Satz zurückmacht.
»Ksscht!« Dasselbe Geräusch, und die Fackel tritt an meine Seite. Ich höre einen Fuß auf dem Laub stampfen, ehe der Wolf winselt, sich abwendet und in den Schutz der Dunkelheit flüchtet. Panisch richte ich mich auf und schaue mich nach den anderen Wölfen um, aber ich kann keinen erkennen. Vielleicht war es die ganze Zeit über nur einer oder sie sind vorhin schon geflüchtet. Ich vermisse ihre Anwesenheit zumindest nicht.
»Bist du verletzt?« Der Fackelträger geht neben mir in die Knie und erst jetzt erkenne ich ihn als einen der Jungen aus meiner Gruppe. Ich habe seinen Namen vergessen, aber ich könnte keinen der anderen Namen nennen, wenn man mich danach fragen würde.
»Nein. Ich wollte nur …« Ich recke das Kinn und hoffe, ich sehe nicht zu sehr nach Angst und Tränen aus. »Ich habe mich nur ein wenig ausgeruht. Es war alles in Ordnung, es gab keine Notwendigkeit für dich einzugreifen.«
Der Junge blinzelt überrascht und für einen Moment frage ich mich, ob es der Schein der Fackel ist, der seine Augen in diesem hellen Blau Leuchten lässt, wie ich es noch an keinem je zuvor gesehen habe.
»Entschuldige bitte. Ich habe die Situation falsch eingeschätzt«, macht er kühl und richtet sich auf. »Ich werde gehen.«
Er dreht sich um und macht zwei Schritte und als der Schein der Fackel droht mich in der Dunkelheit zurückzulassen, überwiegt wieder meine Panik.
»Warte!«, stoße ich atemlos aus, springe ungeachtet meiner schmerzenden Glieder auf die Füße und eile ihm hinterher. »Es war nicht so gemeint. Ich danke dir, das wäre mit dem Wolf nicht gut ausgegangen, wenn du nicht geholfen hättest.« Der Junge bleibt stehen, mustert mich einen Moment und lächelt dann auf eine Art und Weise, dass ich mich urplötzlich wohl fühle.
»Ich bin Hephaestion«, sagt er. »Und ich bin brennend daran interessiert, zu erfahren, was dich in der Nacht hier raus auf einen Baum lockt. Von dem Wolf einmal abgesehen.«
Er ist offenbar keiner der Jungen, mit denen ich die Mutprobe beschlossen habe, das ist zumindest ein kleiner Lichtblick.
»Kassander«, erwidere ich und hebe die Schultern an. »Es war eine Mutprobe, nichts weiter. Ich hätte nur eine Fackel mitnehmen sollen, dann wäre nichts passiert.«
»Ich mag keine Mutproben«, erwidert Hephaestion und mit diesen Worten atme ich erleichtert auf und meine Anspannung fällt von mir ab. Er macht keine Mutproben und es scheint ihn dann auch nicht zu interessieren, wer stark ist und wer schwach ist. Also darf ich bei ihm schwach sein, ohne dass er mich auslacht. Und er hat mich gerade vor einem Wolf gerettet und bisher nicht einmal über mich gelacht.
»Du brauchst auch keine«, sage ich schließlich. Er sieht mich fragend an. »Weil du schon mutig bist. Es ist dunkel, du bist alleine in einem Wald und du scheinst keine Angst vor Wölfen zu haben. Das ist sehr mutig.«
»Ja«, macht er und lächelt wieder, gleich darauf senkt er jedoch ein Stück weit die Fackel und schüttelt den Kopf. »Nein … Vielleicht bin ich so voller Angst vor allem, dass ich mir eine Fackel genommen habe, um durch den Wald zu rennen, weil der Hof meines Onkels nicht weit von diesem Wald entfernt ist und ich feststelle, dass ich nicht eine Drachme auf das Königshaus und seine künftigen Generäle gebe und lieber … Fischer werde.«
Ich schaue ihn verdutzt an, nicht sicher, ob er gerade einen Scherz gemacht hat oder das tatsächlich in seiner Absicht lag.
»Du willst Fischer werden?«, frage ich ihn dann und er lacht leise und wenig amüsiert.
»Nein. Ich will kein Fischer werden, ich weiß nicht, was ich werden will«, gibt er zu und daraus schließe ich, dass seine Worte vorhin dicht an der Wahrheit lagen.
»Du solltest nicht weglaufen.« Hephaestion setzt seinen Weg fort und ich folge ihm, dicht an seiner Seite. »Wir sind gerade einmal zwei Tage am Hof, du kannst noch gar nicht einschätzen, ob es dir nicht gefällt.«
»Das kann ich sehr wohl. Es gefällt mir nicht. Es ist ungemütlich, ich kenne keinen der anderen und ich bin überhaupt nicht stark genug.«
»Du kennst jetzt mich«, sage ich aufheiternd. Er schaut zu mir herüber und schnaubt.
»Ich bin dir begegnet. Aber ich kenne dich nicht.«
»Natürlich kennst du mich, ich bin Kassander, derjenige dem du genug vertraust, um ihm zu sagen, dass du keine Drachme auf das Königshaus gibst, obwohl schon Menschen wegen weitaus weniger ihren Kopf gelassen haben.«
Er bleibt wieder stehen und ich grinse schnell, um ihm zu bedeuten, dass ich nicht vorhabe, ihn für seine Worte zu verurteilen. Aber Hephaestion sieht gar nicht aus, als wäre er erschrocken, stattdessen mustert er mich lauernd.
»Du bist der Junge, der gestern den Königssohn dümmer als ein Schaf genannt hat«, gibt er zu bedenken und hier muss ich ihm zustimmen.
»Eigentlich ist es keine Kritik am König. Er kann nichts dafür, dass sein Sohn dümmer als ein Schaf ist«, überlege ich. Hephaestion lacht und schüttelt amüsiert den Kopf.
»Kennst du ihn denn?«, fragt er dann. Kleitos hat uns gestern eröffnet, dass der Königssohn an unserem Unterricht teilhaben wird, wenn er mit seiner Mutter von einer Reise zurückgekehrt ist und nicht nur ich bin darüber nicht begeistert.
»Ich muss ihn nicht kennen. Er ist der Sohn des Königs. Die denken immer, sie wären etwas besseres und brauchen nichts zu lernen, weil ihnen alles in die Wiege gelegt wird.« Ich schnalze mit der Zunge und Hephaestion schweigt für eine Weile. Er scheint offenbar nicht einer von denen zu sein, die sich leichthin dazu entschließen, jemanden nicht zu mögen, sonst hätte er, wie die anderen Jungs gestern, schon mit eingestimmt.
»Vielleicht irrst du dich und er ist ganz nett?«, fragt er nach einer Weile.
»Vielleicht irrst auch du dich und er ist ein Schaf.«
Hephaestion lächelt wieder und bleibt erneut stehen.
»Wir sollten wohl bleiben, wenigstens um zu sehen, wer von uns beiden recht hat«, sagt er und ich habe das Bedürfnis ihn fest zu umarmen, als er mir so gegenübersteht und seine blauen Augen lediglich auf mich gerichtet sind.
»Wir sollten bleiben, weil wir jetzt zu zweit sind. Und wenn wir es nicht mehr aushalten, dann gehen wir beide.«
Ich fühle mich leichter, als wir zurück ins Lager kehren und wenn ich daran zurückdenke, habe ich mich immer gefragt, warum Kleitos so fest am Lagerfeuer schläft und lächelt.

Hephaestion und ich sind Freunde. Wir sind eine Einheit. Wir verstehen uns und wenn wir uns Mühe geben würden, dann würden wir jeden anderen in den Schatten stellen. Aber wir geben uns keine Mühe. Wir verpassen die ein oder andere Lehrstunde mit Aristoteles, drücken uns vor dem Kräuterunterricht und kommen sogar zu Kleitos Kampftraining viel zu spät.
»Hephaestion, Kassander. Wie nett, dass ihr uns mit eurer Anwesenheit beehrt. Wahrscheinlich habt ihr heute einfach wichtigeres zu tun gehabt nicht?«, fragt er und ich weiß, es ist eine Fangfrage, weil Kleitos glaubt, es gebe kaum etwas Wichtigeres als unsere Ausbildung und wenn ich so die Grasflecken auf Hephaestions Chiton beschaue, bin ich mir sicher, dass Kleitos es nicht als wichtiger empfinden würde, sich einen hohen Grashügel runterrollen zu lassen. »Eure Lehrer haben mir einen Stapel an Nacharbeitung für euch gegeben, darum könnt ihr euch in eurer Freizeit kümmern.«
Ich presse die Lippen zusammen und senke den Kopf. Ich bin mir sicher, sie haben an Aufgaben nicht gegeizt, das wird uns den restlichen Tag beschäftigt halten, würden wir uns dazu hinreißen lassen, die Aufgaben tatsächlich zu erledigen. Ich weiß, jeder andere hier, würde sich mit Scham und Eifer an die Arbeit machen, denn die meisten sind dankbar, dass sie hier sein dürfen. Hephaestion und ich sind es nicht. Das ist der Unterschied. Würde Kleitos entscheiden, wir sollten nach Hause zu unseren Familien zurückkehren, würde das zwar Ärger mit unseren Vätern nach sich ziehen, aber letztendlich hätte uns Kleitos damit eine Entscheidung abgenommen.
Andererseits würde ich Hephaestion möglicherweise nicht wiedersehen und ich weiß nicht, ob ich das momentan riskieren will. Ich mag es, Zeit mit ihm zu verbringen.
»Wie ich gerade schon erwähnte, Alexander ist euch im Kampftraining einiges voraus und wird von nun an, mit euch zusammen lernen. Ich möchte, dass ihr euch seine Techniken anseht und mir anschließend sagt, wie ihr sie selbst einsetzen könnt. Dafür benötige ich einen Freiwilligen, der bereit ist sich mit Alexander zu messen.«
Ich schaue zu dem Königssohn, der mit roten Wangen, einen starken Kontrast zu seinem hellblonden Haar gibt und sehr unköniglich auf seiner Unterlippe kaut. Ich grinse leicht, lege eine Hand an Hephaestions Rücken und gebe ihm einen kleinen Schubs nach vorne.
Hephaestion taumelt einen Schritt vor, fängt sich kurz vor Kleitos wieder und wirft mir über die Schulter hin einen wütenden Blick zu.
»Hephaestion, du hast also doch Interesse daran, etwas zu lernen. Wie schön«, sagt Kleitos trocken und bedeutet ihm, vor Alexander zu treten. »Ihr ähnelt euch von der Statur her, das ist gut. Es bedeutet, keiner von euch ist kräftemäßig im Vorteil. Ihr werdet sehen, wie viel ihr mit der richtigen Technik erreichen könnt. Hephaestion, versuch so lange wie möglich auszuhalten.« Kleitos schaut zu ihm und er nickt knapp. Vielleicht werde ich ihn nachher etwas damit aufziehen, dass er von dem Königssohn Prügel bezogen hat.
Der Kampf beginnt und man sieht Alexander an, dass er weiß, was er tut, während Hephaestion ein wenig ungelenk, aber instinktiv reagiert und versucht, Alexanders Angriffe abzuwehren. Und ich muss zugeben, dass er nicht schlecht darin ist. Alexander versucht, ihn abzulenken, während er gleichzeitig ein Bein hinter Hephaestions stellt, um ihm das Gleichgewicht zu nehmen und ihn zu Boden zu werfen. Aber im selben Moment, als Hephaestion droht zu stürzen, schlingt er die Arme um Alexanders Nacken und reißt ihn herum, sodass sie beide stürzen, Hephaestion nun aber über ihm thront. Ich sehe Fassungslosigkeit in Alexanders Blick, was mich in Hochstimmung versetzt und sehe zu Kleitos herüber, der mit wachsendem Staunen die beiden Jungen auf dem Boden betrachtet. Hephaestion nutzt seinen Vorteil und gibt Alexander gar nicht erst die Gelegenheit, sich wieder aufzurichten. Er schlingt seine Beine um Alexanders Oberkörper, als dieser versucht, sich zu wehren und drückt ihm die Luft ab. Alexander keucht auf, versucht Hephaestions Beine um sich zu lösen, aber es scheint Hephaestion nicht einmal viel Mühe zu kosten, seinen Griff beizubehalten.
»Stopp … Bitte«, bringt Alexander röchelnd hervor und Hephaestion entlässt ihn sofort aus seinem Griff. Er richtet sich auf die Knie und reicht Alexander eine Hand, um ihm aufzuhelfen. Alexander schnappt einen Moment lang nach Luft, reibt sich die schmerzende Stelle an seinem Oberkörper und ergreift schließlich mit einem leichten Zögern Hephaestions Hand. Meine Freude über Hepheastions siegt, als ich den Blick sehe, mit dem Alexander ihn mustert. Erstaunen und Bewunderung. Als wäre Hephaestion jemand, auf den er lange gewartet hat. Ich kenne diesen Blick. Es ist derselbe, mit dem ich ihn ansehe, weil Hephaestion es einem mit seiner Art unmöglich macht, nicht so auf ihn zu reagieren.
»Nun, wie mir scheint, haben wir heute ein Naturtalent entdeckt«, sagt Kleitos und klopft Hephaestion anerkennend auf die Schulter. Hephaestion atmet schwer, seine Augen immer noch auf Alexander gerichtet, der seinen Blick erwidert und mindestens genauso schwer atmet. Ein Gewicht, schwer wie ein Fels, legt sich auf meine Brust, als ich das Lächeln sehe, dass Alexander ihm schenkt.

Es wäre gelogen, würde ich behaupten, ich wüsste nicht, wann sich das alles zwischen uns geändert hat. Ich könnte es auf den Moment schieben, als ich Hephaestion mit Alexander draußen im Gras sitzen sah. Als er mich fragte, ob ich mich zu ihnen setzen will und als ich mit einem wütenden Blick in Alexanders Richtung lediglich den Kopf geschüttelt habe.
Rückblickend habe ich vieles falsch gemacht und Hephaestion mehr als einmal zurückgestoßen, obwohl ich es weder das eine noch das andere Mal tun wollte.
Ich war in meinem Stolz verletzt und ich glaube mein Stolz ist etwas, dass meinen Charakter entscheidend prägt und dafür sorgt, dass Hephaestion mich eigentlich hassen müsste. Ich habe nie aufgehört ihn zu mögen, unter all den Gemeinheiten, die ich ihm zuwarf, nachdem er sich mit Alexander angefreundet hat, war immer der tiefe Wunsch danach, ihn weiter an meiner Seite haben zu dürfen.
Aber Hephaestion mochte Alexanders Gesellschaft. Vielleicht ist es meine Schuld, weil ich ihm den nötigen Schubs gegeben habe, der dafür gesorgt hat, dass sie sich anfreunden. Aber vielleicht wäre es ohnehin passiert, weil Hephaestion ein guter Mensch ist und niemanden von der Ferne beurteilt. Ich bin sicher, die ganze Welt würde ihn lieben, würden sie ihn nur richtig kennen und sich nicht auf das Verlassen, was ich über Hephaestion erzählt habe. Ich habe einen großen Einfluss auf die anderen Jungen bekommen, weil Hephaestion nicht verraten hat, wie kläglich meine Mutprobe verlaufen ist und weil ich irgendwie gelernt habe, vorzugeben ein anderer zu sein. Das macht sie nicht zu echten Freunden, aber ich habe selbst entschieden, wie dicht ich sie an mich heranlasse.

»Dürfen wir mit euch spielen?« Ich sitze mit Ptolemaios und den anderen am Fluss und ziehe meine Sandalen aus. Es ist ein heißer Tag und wir haben beschlossen uns am Flussufer etwas abzukühlen. Ich sehe auf und blinzle der Sonne entgegen. Hephaestion steht über mir und sieht zu mir herab. Seine blauen Augen funkeln in der Sonne und er schenkt mir ein Lächeln, das mein Herz schneller schlagen lässt. Ich hätte sofort genickt, hätte er nicht im selben Moment hinter sich gedeutet. Ein wenig abseits von uns steht der Königssohn und schaut zu uns herüber, nicht sicher, ob er sich uns nähern kann, ohne von uns lächerlich gemacht zu werden. Mein Gesicht verdunkelt sich und ich wende den Blick ab.
»Du schon, aber er nicht.« Ich wage es nicht, zu Hephaestion aufzusehen, denn ich spüre, wie sich seine Stimmung verändert und ich will es nicht sehen.
»Er ist nett. Nur weil er der Prinz ist, muss man ihn nicht ablehnen«, widerspricht mir Hephaestion. Ich seufze laut, stehe auf und schaue zu Hephaestion, der meinen Blick stoisch erwidert.
»Wir dürfen uns aussuchen, mit wem wir unsere Zeit verbringen. Keiner von uns hat es nötig, sich mit dem Prinzen anfreunden zu müssen. Wir können uns auf unsere echten Leistungen verlassen«, sage ich ihm und mir ist im selben Moment bewusst, dass ich nichts dergleichen von Hephaestion denke und es nicht hätte sagen sollen.
Ich sehe, wie er die Zähne zusammen beißt und kurz darauf schwer schluckt.
»Genau deshalb würde ich niemals mit jemandem spielen wollen, der so gemein ist, wie ihr«, sagt er verärgert, dreht sich um und geht zu Alexander zurück. Ich schaue nicht zu ihnen. Ich will nicht sehen, wie er bei Alexander Trost findet, weil ich ihn ablehne.

Es gab viele dieser Momente zwischen uns und doch ist es keiner von ihnen, die ich so sehr bereue und dafür verantwortlich mache, dass wir von tiefer Freundschaft zu eiskalter Ignoranz übergegangen sind.
Alexander hat sich irgendwann die Freundschaft von fast allen einfach so erschlichen. Meine natürlich nicht. Ich respektiere ihn als Prinzen, aber ich würde niemals darüber hinausgehen. Hephaestion jedoch ist an seiner Seite zu einem Schatten verschmolzen und hat sich vollends von allen anderen zurückgezogen. Ich würde sagen, ich habe nichts dazu beigetragen, aber das ist nicht wahr. Ich habe nicht viel dazu beigetragen. Aber doch das ein oder andere und irgendwann hat Hephaestion aufgehört, sich mit anderen umgeben zu wollen und sich vollends auf Alexander eingelassen.
In dem Übergang, in dem wir noch nicht ganz Mannes waren, aber bereits dem Kindesalter entwachsen, habe ich eine Veränderung an Hephaestion beobachtet. An der Art, wie er Alexander ansieht, wie er sich auf die Unterlippe beißt, wenn er ihn betrachtet. Ich kenne die Art seines Blickes. Es ist dieselbe Art, auf die ich Hephaestion ansehe.
Schon immer. Und auch wenn ich es zu Anfang nicht habe deuten können, so konnte ich es, als ich älter wurde und feststellte, dass diese Gefühle für ihn immer schon da waren und sie weit mehr bedeuten, als ich geglaubt habe. Ich versuche, sie zu überspielen, so wie ich allen anderen vormache jemand zu sein, der ich nicht bin, so kann ich auch das. Und doch weiß ich, dass es mir nicht ganz gelingt.
Immer wieder muss man mich anstoßen und zurückrufen, wenn Hephaestion an uns vorbeigeht. Wenn er alleine ist und uns begegnet, nimmt er eine leicht geduckte Haltung ein, als würde er signalisieren wollen, dass er nicht bereit für eine Diskussion ist. Und doch scheint sich für mich in diesen Momenten die Zeit zu verlangsamen. Mein Blick folgt ihm. Nimmt die Bewegung in sich auf, die seine Haare im Wind schlagen und ich bin wie festgeeist, solange ich ihn vorbeigehen sehe und ich war mir sicher, es würde mit jedem Tag ein bisschen mehr werden.
Manchmal sitzt er mit seinen Schriftrollen unweit von uns auf einer Bank, kaut gedankenversunken auf seiner Unterlippe herum und streicht immer wieder eine Haarsträhne zurück, die ihm jedes Mal erneut nach vorne fällt. In diesen Moment, würde ich gerne seine Hand nehmen, damit er innehält und mich aus diesen hellblauen Augen ansieht. Er weiß es nicht, aber ich wäre unfähig ihm etwas abzuschlagen, würde er mich darum bitten und es hätte nichts mit Alexander zu tun. Ich bin ihm verfallen, obwohl er rein gar nichts tut, um mir in irgendeiner Art Hoffnungen macht. Es war immer so gewesen.
Und sehe ich ihn dann mit Alexander, erfasst mich diese blinde Wut und ich wünsche dem Prinzen eine Krankheit, die ihn niederstreckt und meinetwegen die gesamte Königsfamilie ins Unglück stürzt. Manchmal erschrecke ich mich selbst vor meinen Gedanken, aber ich weiß, dass ich für Hephaestion vor nichts zurückschrecken würde.
Ich sehe das Lächeln, das er dem Prinzen schenkt. Wie er ihn ansieht und wie er rasch seine Hand loslässt, sobald sich jemand ihnen nähert. Ich weiß, was es bedeutet und es macht mich rastlos vor Wut.

»Wir möchten ein Fest feiern. Zu Ehren Alexanders«, sagt Hephaestion zu uns. Ich sehe, wie sich seine Lippen bewegen, aber es dauert eine Weile, bis ich es schaffe, seine Worte auch zu hören. Seine blauen Augen wandern zu Nearchos, der die Augenbrauen hebt, dann zu Ptolemaios, dessen Blick auf mich gerichtet ist und wieder zu mir, denn offenbar, warten sie alle darauf, dass ich ihm die richtige Antwort gebe. Aber ich bin abgelenkt, weil er mich ansieht. Weil seine blauen Augen mich sehen und ich zu gerne vortreten würde, um ihn einfach zu küssen. »Wir möchten ihn überraschen. Wir haben ein paar Aktivitäten geplant und möchten auch Geschenke sammeln …«, spricht er weiter, als ich keine Anstalten mache zu antworten.
Alexander ... Es ist immer Alexander. Hephaestions gesamte Welt scheint sich ausschließlich um Alexander zu drehen.
»Reicht ihm dein Geschenk nicht aus?«, frage ich ihn, noch bevor ich weiß, ob ich das überhaupt sagen will. Hephaestion hält inne und sieht mich verwundert an.
»Was meinst du?«, fragt er leise. Ich habe in den folgenden Sommern oft über diesen Moment nachgedacht. Mir in Erinnerung gerufen, wie er mich angesehen hat. Und ich habe mich gefragt, wie ich weitersprechen konnte, nachdem ich die Andeutung des leichten Lächelns auf seinen Lippen gesehen habe. Wie ich so etwas sagen konnte, nachdem er mich so unwissend und neugierig angesehen hat - nicht ahnend, wie ich den Glanz in seinen wundervollen blauen Augen im nächsten Moment einfach vernichte.
Wahrscheinlich habe ich all das nicht wahrgenommen, denn es geschah alles im Bruchteil eines Wimpernschlags. Im ersten Moment steht er vor mir, wie die glänzende wunderschöne Schale eines Glaskünstlers - im nächsten Moment zerschellt sie auf dem Boden.
»Ich frage mich, ob es ihm nicht ausreicht, wie du ihm als seine persönliche Hure deinen Körper darbietet. Das ist doch dein Geschenk für ihn oder nicht?« Meine Worte schlagen ein, wie eine Erkenntnis, die schon lange in den Hinterköpfen schlummerte, aber nie hervorkam. Hephaestion starrt mich an, unfähig meine Worte zu verdauen, etwas zu erwidern oder sie einfach an sich abprallen zu lassen. Alle Blicke sind auf ihn gerichtet. Jeder mustert ihn lauernd. Philotas und Perdikkas treten sogar näher an uns heran, um sicherzugehen, dass sie recht gehört haben und kein weiteres Wort verpassen.
Hephaestion ist verletzt. Ich sehe es in seinen Augen. An seiner Mimik. Er hat nicht damit gerechnet, diese Worte von mir zu hören und ich habe selbst nicht damit gerechnet. Es tut mir leid, kaum dass ich es ausgesprochen habe. Ich will mich selbst maßregeln und mich vor ihm in den Staub werfen und um Verzeihung bitten, als ich die Tränen in seinen Augen aufsteigen sehe.
Aber ich tue nichts dergleichen.
Hephaestion tut in seiner Hilflosigkeit und Verletzlichkeit, das Schlimmste, was man tun kann, wenn man der hungrigen Meute ausgeliefert ist. Er sagt nichts, dreht sich lediglich um und versucht so schnell wie möglich aus unserer Reichweite zu fliehen.
Ich fühle mich nicht gut, als das Gelächter ertönt, auch nicht, als die ersten mir anerkennend auf die Schulter klopfen, als wäre es besonders toll Hephaestion vorzuführen, für Dinge die niemanden von uns etwas angehen.
Die ersten Stimmen ertönen, dass sie es ja schon die ganze Zeit über vermutet haben und es nun mit Gewissheit sagen können.
Mir wird flau im Magen und die Worte der anderen dringen nur als dumpfes Rauschen zu mir hindurch. Ich möchte mich übergeben, in der Hoffnung, mich wieder besser zu fühlen. Doch ich weiß, ich werde die dunklen Dämonen, die sich langsam in meinem Inneren ausbreiten nicht mehr loswerden.
Ich habe Hephaestion verletzt. Mit voller Absicht.
Ich habe den einzigen Menschen von mir gestoßen, bei dem ich der sein konnte, der ich bin. Ich habe den einzigen Menschen verletzt, von dem ich reinen Gewissens sagen kann, dass ich ihn mehr liebe, als alles andere auf dieser Welt.
Das ist der ausschlaggebende Moment gewesen, in dem ich Hephaestion verloren habe.
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