Deep in our hearts

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18 Slash
02.02.2019
23.03.2019
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Kapitel 7 – Innerer Kampf

Eren folgte Levi, der sich mit Anlauf abstieß und gekonnt auf dem nächsten, etwas tiefer gelegenen Hausdach landete, ohne seine Manöverausrüstung zu benutzen. Eren tat es ihm gleich. Zu seinem Glück standen die Häuser hier dicht beieinander und er lief nicht Gefahr in die Tiefe zu stürzen. Auf diese Weise überholten sie die Männer schnell, ohne sich durch die Geräusche ihres Manöverapparates zu verraten. Nun entdeckte Eren auch das kleine Mädchen, das sich auf ihrer Flucht hastig durch die Gassen bewegte und immer wieder schlagartig abbog, um ihre Verfolger abzuhängen. Von hier oben aus hatten sie allerdings einen guten Blick auf sie.
„Du schnappst dir die Kleine“, ordnete Levi an. Eren nickte. Er sah den blonden Schopf des Mädchens gerade in einer engen Spalte zwischen zwei Häusern verschwinden. Diesmal benutzte er seine Manöverausrüstung, um sicher und schnell zum Boden zu gelangen. Er begann sich in den engen Spalt zu quetschen und bezweifelte, dass auch nur einer der Männer, ihr hierher hätte folgen können. Hinter den beiden Häusern war nur die felsige Höhlenwand zu sehen. Wo also wollte das Mädchen hin? Und wo steckte Levi? Er folgte ihm offenbar nicht.  Aber Befehl war Befehl und wie er wusste kam Levi auch sehr gut alleine zurecht.
Eren ächzte. Verdammt, das wurde ja immer enger. Und niedriger. Inzwischen musste er den Kopf einziehen und ein wenig in die Knie gehen. Dabei bewegte er sich langsam seitwärts.
„Hey!“, rief er dann leise, weil er das Mädchen, das er inzwischen nicht mehr sehen konnte, mit seiner Anwesenheit nicht verschrecken wollte. Er erreichte die Höhlenwand und entdeckte einen Spalt am Boden. Er würde zwar hindurchpassen, aber er würde krabbeln müssen. Der Gedanke mit dem Kopf voraus in eine dunkle Höhle zu kriechen, ohne zu wissen, was ihn dort erwartete, behagte ihm nicht. Schließlich wusste er nicht, ob das Mädchen alleine war und wie er aus seiner eigenen Vergangenheit wusste, konnten auch Kinder gefährlich werden, wenn sie sich bedroht fühlten. Und wenn Eren einfach in ihrem Versteck auftauchte, würde sie sich bedroht fühlen. Es war ebenfalls nicht auszuschließen, dass sich auch Erwachsene hier aufhielten. Eren dachte an die abgemagerten Gestalten, denen sie heute begegnet waren. Sie wären bestimmt problemlos in die Höhle gelangt.
Der junge Mann kniete sich mit einigem Abstand vor das Loch.
„Ich bin keiner von denen. Ich möchte dir helfen“, rief er dann in die Dunkelheit.
Stille.
„Ich kann dir etwas zu Essen geben. Du brauchst wirklich keine Angst zu haben.“
„Verschwinde!“ Die helle Stimme des Mädchens hallte von den Höhlenwänden wieder. „Ich will dein Essen nicht.“
„Aber du hast doch heute Essen gestohlen, oder nicht?“, vermutete Eren. Er hatte zwar nur gesehen, dass sie einen schmutzigen Beutel bei sich trug, aber so abgemagert wie sie war, konnte er sich vorstellen, dass sie nicht viel zwischen die Zähne bekam und sich ihr Essen stehlen musste.
Das Mädchen beantwortete seine Frage nicht, stattdessen drohte sie: „Ich hab eine Waffe, also verschwinde endlich.“
Eren seufzte. „Na schön, ich werfe es dir rein.“ Er löste seinen Proviantbeutel von der Hüfte. Normalerweise trugen sie so etwas nicht bei sich, aber Levi hatte angeordnet, dass sie heute eine Ausnahme machen sollten. Und es erwies sich als äußerst nützlich.
Eren konnte das Reißen von Stoff hören.
„Es gehört dir“, sagte er. „Aber dafür möchte ich wissen, wie du heißt.“
Einen Moment war es still.
„Nami.“
„Ich heiße Eren. Ich komme von oberhalb.“
Plötzlich tauchte das Gesicht des Mädchens in Erens Blickfeld auf. Sie hatte große blaue Augen und aschblondes Haar. Sie war zwar dünn, wirkte aber bei genauerem Hinsehen nicht, als wäre sie dem Hungertod nah. Ihr Gesicht war angespannt und ihre Züge weniger kindlich als sie eigentlich sein sollten. Eren musste schlucken als er an seine eigene eigentlich sehr schöne Kindheit zurückdachte.
„Aus der Oberwelt?“, fragte das Mädchen und ihre Augen funkelten ihn neugierig an.

Levi beobachtete Eren, wie er dem Mädchen hinterherjagte und sprang dann seinerseits vom Dach. Er landete elegant auf dem schmutzigen Kopfsteinpflaster, lauschte kurz auf die sich nährenden Schritte und lehnte sich dann entspannt gegen die nächste Hauswand. Er verschränkte die Arme vor der Brust und wartete. Diese Kerle waren echt langsam. Missmutig schnalzte er mit der Zunge.
Schließlich bogen sie keuchend um die Ecke. Mit so vielen Muskeln rannte es sich wohl schlecht. Levi betrachtete die Kerle. Sie waren alle größer als er. Natürlich. Und breiter. Aber offenbar fehlte es ihnen an Agilität und Ausdauer. Besonders intelligent sahen sie auch nicht aus. Aber das würde sich noch herausstellen.
„Hey“, machte Levi gleichmütig auf sich aufmerksam. „Die Kleine ist schon weg.“
Die Männer blieben stehen.
„Wieso hast du sie nicht festgehalten? Sie ist eine Diebin!“, schnauzte der Größte von ihnen, der in der Mitte stand, und machte einen Schritt auf Levi zu.
„Und ihr seid Verbrecher. Das Tattoo da kenne ich doch.“ Levi deutete auf den Arm des Mannes vor ihm. Dort war in schwarzer Tinte die obere Hälfte eines Totenschädels abgebildet, in dessen linken Auge ein Messer steckte. Stillos, wie Levi fand.
„Jeder kennt das“, knurrte der Riese.
„Boss, schau mal, die Uniform.“ Der Kleinste von ihnen, der Levi am nächsten stand, deutete auf ihn.
Der Große lachte schallend. „Oho, Aufklärungstrupp. Das Militär, die Deppen vom Dienst!“
Levi ärgerte sich nicht über diesen Kommentar. Früher einmal, als er noch hier gelebt hatte, hatte er ganz ähnlich gedacht. Er kramte eine Münze aus seiner Tasche und warf sie dem Riesen vor die Füße. „Hier. Als Entschädigung für das, was auch immer sie euch gestohlen hat. Und jetzt verschwindet. Ich übernehme das.“
„Moment mal“, meldete sich nun auch der Dritte zu Wort. Er war etwa in Levis Alter und ein wenig drahtiger als die anderen. Durch sein Gesicht zog sich eine wulstige Narbe, die in seinem rechten Auge endete, das seltsam trüb aussah. Wahrscheinlich war der Kerl auf diesem Auge blind. Levi schaute noch genauer hin. Er kannte diesen Mann. Diese Narbe hatte er damals noch nicht gehabt, aber er war ihm auf jeden Fall schon einmal begegnet.
„Das ist doch Levi. Levi Ackermann“, beendete das Narbengesicht seinen Satz.
„Levi Ackermann?“, fragte der Anführer und betrachtete ihn. „Ich habe von ihm gehört. Aber ist der Kerl hier nicht etwas klein? Und er ist Soldat…“.
„Ackermann ist irgendwann einfach verschwunden“, erwiderte das Narbengesicht und spuckte auf den Boden. Widerlich. „Zwei Zähne hat er mir rausgeschlagen und ein paar Rippen hat er mir gebrochen!“
„Ach ja?“ Die Augen des Riesen begannen zu funkeln. „So geht man natürlich nicht mit uns um.“ Levi ahnte, dass ihm nichts Gutes bevorstand. Der abrupte Stimmungswechsel konnte nur bedeuten, dass dieser hünenhafte Kerl beschlossen hatte, ihm ordentlich die Fresse zu polieren. Wer konnte schon von sich behaupten einen Soldaten des Aufklärungstrupps krankenhausreif geprügelt zu haben. Und dann auch noch einen, der selbst in der Unterwelt aufgewachsen war.
„Das ist schon lange her. Und er hatte es verdient.“ Levis Körper spannte sich an, doch er rührte sich nicht vom Fleck.
Das Narbengesicht lachte. „Was meinst du, Boss? Sollen wir ihm vielleicht auch ein paar Rippen brechen? Soldaten haben hier unten schließlich nichts verloren.“
„Tch.“ Es lief wohl wirklich auf einen Kampf hinaus. Er hoffte, dass Eren sich nicht beeilte und erst zurückkehrte, wenn er sich um die Sache gekümmert hatte.
Der Große grinste und deutete auf die am Boden liegende Münze. „Du hast doch sicher noch mehr davon. Her damit und wir belassen es vielleicht bei einem blauen Auge.“
Levi und der Boss der Bande starrten sich einige Sekunden lang an. Dann begann der Größere wieder zu lachen. „Gut. Wie du willst, Levi Ackermann. Dann zeig uns mal, ob du dem Namen, den du dir vor so langer Zeit gemacht hast, gerecht wirst.“
Levi schwieg erneut und überlegte, wie er die Sache jetzt am besten anpackte. Es konnte nicht mehr viel Zeit vergehen, dann würde Eren aus dem Spalt zu seiner Linken auftauchen, wahrscheinlich mit einem kleinen Mädchen im Schlepptau. Und die Sache hier würde er nicht mehr friedlich klären können. Einmal abgesehen davon, dass es unmöglich war, wollte er es auch nicht. Er hatte diese Kerle schon immer gehasst. Sie stolzierten umher, nahmen sich, was sie wollten und schreckten vor nichts zurück. Gerade diese Bande. Mehr als einmal hatten sie Mitglieder der Gruppe, der Levi damals angehörte, übel zugerichtet. Einmal hatten sie sogar Isabel erwischt. Dafür waren unter anderem die Zähne und die Rippen des Narbengesichtes gewesen. Und auch das hatte Levi nicht gereicht. Hätte Furlan ihn damals nicht aufgehalten, er hätte ihn vielleicht getötet. Ihre Gruppen hatten immer rivalisiert und diese Schweine hatten sie nicht in Ruhe gelassen. Der Gedanke, dass diese rücksichtslosen Brutalitäten bis heute kein Ende genommen hatten, trieb ihn zur Weißglut und er verspürte einen regelrechten Hass auf die Männer, obwohl er nur einen von ihnen kannte.
Plötzlich gingen sie, wie auf Kommando, gleichzeitig auf ihn los. Levi hatte damit gerechnet und bereits im Vorfeld nach der Steuerung seiner 3D-Manöverausrüstung gegriffen. Zischend strömte das Gas aus dem Apparat, als er sich abstieß und in die Höhe schnellte. Die Stahlseile waren an der Wand des Hauses verankert, auf dessen Dach er zuvor mit Eren gestanden hatte. Einen Moment lang hing er da, die Füße an die Wand gestützt und blickte gelassen zu seinen Angreifern hinunter, um ihnen Zeit zu geben, die Geschehnisse zu verarbeiten. Wie erwartet handelte es sich hier nicht gerade um die schnellsten Denker. Sie starrten einfältig zu ihm hoch, ratlos, was als nächstes zu tun war. Doch Levi würde sie nicht enttäuschen. Sie würden schon noch die Gelegenheit bekommen, ihm eine runterzuhauen. Zumindest theoretisch.
Levis Mundwinkel zuckte, bevor er sich erneut abstieß, die Stahlseile löste und zum nächsten Haus schießen ließ. Er selbst schnellte hinterher. Ihm kam das Ganze allerdings ziemlich langsam vor. Natürlich war es bei derartig kurzen Strecken schwierig, wirklich Tempo aufzunehmen. Und er wollte ihnen ja auch nicht davonlaufen, sondern sie nur ein Stück weglocken, damit Eren und das Mädchen unbeschadet aus ihrem Versteck kommen konnten.
Lautlos landete er auf dem Boden. Er hatte den Schlägern den Rücken zugewandt, eines seiner Stofftaschentücher hervorgeholt und polierte nun seine Steuerungselemente. Er freute sich jetzt schon auf eine ausgiebige Dusche am Abend, wenn das alles hier endlich vorbei war…
Das Nabengesicht erreichte ihn zuerst. Levi konnte es hören, denn seine Schritte waren leichter als die der anderen. Er wich der Faust, die von hinten auf ihn zu schnellte mit einem winzigen Schritt nach rechts aus. Dann packte er den Arm des Mannes, nutzte seinen Schwung, indem er ihn näher zu sich zog und fegte ihn dann mit einem gekonnten Tritt von den Beinen. Was darauf folgte, hätte er gerne eleganter gelöst, doch die anderen beiden waren ihm bereits gefährlich nahe gekommen. Mit einem Ruck riss er den Arm des Mannes, den er immer noch festhielt, nach oben, während er seinen Körper mit dem linken Fuß fixierte. Es krachte unangenehm, als er ihm die Schulter auskugelte. Dann schickte er ihn mit einem gezielten Tritt gegen die Schläfe in die Ohnmacht. Nicht unbedingt die feine Art, aber andererseits war Levi nicht derjenige gewesen, der diesen Kampf initiiert hatte. Außerdem befand er sein Handeln für fair. Sie waren zu dritt, er alleine und er ließ seine Klingen stecken.
Der bullige Kleine erreichte ihn. Offenbar überließ ihr Boss seinen Handlangern gerne die Drecksarbeit.
Levi machte es sich einfach, indem er sich unter dem nahenden Schlag hinwegduckte und seinem Gegner die Faust in den Magen rammte. Mit einem unterdrückten Stöhnen entwich die Luft aus dessen Lunge und nach einem Moment begann er zu keuchen. Levi packte ihn am Kragen und stieß ihn grob beiseite.

Das Mädchen hatte Eren schließlich in die Höhle gelassen. Nun hockte er in der Dunkelheit und betrachtete bestürzt das Lager, das aus einem alten Schlafsack und anderen schmutzigen Stofffetzen bestand. Darauf lag ein kleiner Junge, vielleicht fünf Jahre alt. Er war dünn und auch in der Dunkelheit konnte Eren erkennen, dass er sehr blass war. Gerade schlief er, doch sein Atem ging unregelmäßig und klang angestrengt. Zwischendurch röchelte er leise.
„Deswegen waren sie so sauer.“ Betreten zog das Mädchen einen kleinen Beutel aus ihrer Hosentasche und reichte ihn Eren. Nach dem sie ein paar Worte miteinander gewechselt hatten, befand sie Eren offenbar für vertrauenswürdig. Zu seiner großer Erleichterung. Er wollte die Kinder so schnell wie möglich von hier fort bringen und ärztlich behandeln lassen.
Zögerlich öffnete er den Knoten und lugte in den Stoffbeutel.
„Tabletten“, murmelte er.
Sie nickte ernst. Er schätzte sie auf sieben, höchstens acht Jahre. Dafür wirkte sie sehr erwachsen. „Ich habe auch Essen gestohlen, aber diese Schmerzmittel sind hier nicht leicht zu bekommen. Sie sind keine Apotheker, aber sie verkaufen sie. Ich wusste das und habe mich in ihr Versteck geschlichen.“
„Schmerzmittel?“ Eren betrachtete die kleinen runden Pillen eingehender.
Wieder nickte sie. „Sie senken das Fieber. Und er hat Schmerzen.“
Eren betrachtete den Jungen, auf dessen Stirn er einen dünnen Schweißfilm erkennen konnte.
„Was hat er?“
„Ich weiß es nicht.“ Sie schluckte. „Er muss andauernd husten und kann schlecht atmen.“
Eren nickte zögerlich, dann griff er nach ihrer Hand. Sie zuckte kurz zurück, doch entzog sich ihm nicht.
„Ich helfe euch. Ich bringe euch nach oben. Wir bringen deinen Bruder in ein Krankenhaus.“
Sie blinzelte. „Das ist unmöglich. Wir dürfen nicht nach oben. Es ist verboten.“
Eren schüttelte den Kopf und erklärte ihr mit eindringlicher Stimme: „Jetzt nicht mehr. Die Königin hat mir erlaubt, euch mit nach oben zu nehmen. Du willst doch, dass es deinem Bruder bald wieder besser geht, oder?“
Beide blickten auf den kleinen Jungen, der im Schlaf immer wieder hustete. Entschlossen, aber misstrauisch legten sich die Augen des Mädchens wieder auf Eren. „Die Königin? Du legst mich nicht rein, oder?“
Heftig schüttelte Eren den Kopf. „Nein, ich verspreche es!“
„Schwör es!“, forderte das Mädchen und streckte ihm ihren kleinen Finger entgegen. „Schwör es bei dem, was dir am wichtigsten ist!“
Kurz flackerte ein Bild von Levi vor seinem inneren Auge auf, das ihm einen warmen Schauer über den Rücken laufen ließ. Dann dachte er an Armin und Mikasa. Und mit Gedanken an diese drei Menschen erwiderte er die Geste des Mädchens und sagte: „Ich schwöre es.“

Es stellte sich als mühsam heraus, sich mit dem Jungen im Arm zwischen den Hauswänden hindurchzuschieben. Der Kleine hatte die Arme um seinen Hals gelegt und atmete so schwer, dass es Eren beinahe das Herz zerriss. Er hatte die gleiche Haarfarbe wie seine Schwester und auch ihre Augen ähnelten sich. Er hatte Eren kurz angesehen, als er ihn hochgehoben hatte, doch er war so erschöpft, dass er sie kaum offen halten konnte. Nami hatte ihm verraten, dass sein Name Henry war.
Als Eren die Straße erreichte, lugte er vorsichtig um die Ecke. Levi ging gerade die Straße entlang, direkt auf sie zu, sodass Eren sich sicher dabei fühlte, die Gasse zu betreten. Er winkte das Mädchen hinter sich her und erklärte freundlich: „Das ist Levi. Er wird mit uns kommen und euch beschützen. Er guckt zwar finster, aber er ist eigentlich sehr nett.“
„Hey“, knurrte Levi, blieb stehen und musterte ihn. „Was ist das für ein Junge?“
„Ihr Bruder“, erklärte Eren. „Er ist krank. Wir müssen ihn so schnell wie möglich zu einem Arzt bringen.“
Levi nickte.
„Komm schon. Bringen wir euch hier raus.“ Er streckte Nami mit finsterem Blick die Hand entgegen, die sie aber nach kurzem Zögern ergriff.

Als Levi an diesem Abend unter der Dusche stand, machte sich ein Zustand elendiger Erschöpfung in ihm breit. Er hatte gar nicht bemerkt, wie sehr dieser Tag ihn gefordert hatte. Nicht körperlich, sondern mental. Kurz bevor Eren mit den Kindern auf die Straße gekommen war, hatte er dafür gesorgt, dass ihre Angreifer außer Gefecht gesetzt waren. Er hatte sie an Ort und Stelle liegen gelassen und war Eren und den Kindern entgegen gegangen. Seine Nerven waren zum Zerreißen gespannt gewesen. Auch, wenn man es ihm nicht angesehen hatte, hatte es ihn einige Mühe gekostet, wieder in diese Hölle hinab zu steigen. Aber er hatte es getan, weil er sich verpflichtet fühlte. Die Kinder, die sie an die Oberfläche brachten, würden nicht enden wie er. Sie hatten noch eine Chance, wenigstens einen Teil ihrer Kindheit in Frieden zu verbringen. Und als er Eren dann gesehen hatte, mit diesem kleinen Jungen auf dem Arm, hatte sich doch tatsächlich ein Kloß in seinem Hals gebildet. Was wäre gewesen, wenn jemand ihn damals fortgebracht hätte? Wie wäre heute? Wäre er vielleicht wie Eren?
Levi schloss die Augen und hielt sein Gesicht unter den heißen Wasserstrahl. Eren… Es hatte gut getan, ihn heute bei sich zu haben. Als sich ihre Finger berührt hatten, hatte Levis Körper nur durch diese winzige Berührung zu kribbeln begonnen. Und auch jetzt sehnte er sich nach Erens Nähe. Die Erinnerung, wie er ihn in seinem Fieberrausch im Arm gehalten hatte, war zurückgekehrt und ließ ihn schier wahnsinnig werden. Er wollte das wieder haben, doch gleichzeitig verbot er sich, ihm je wieder so nahe zu kommen. In seinem Inneren tobte ein Kampf. Die Berührung auf dem Dach hatte er in einem schwachen Moment zugelassen, aber ab jetzt konnte er sich so etwas nicht mehr erlauben. Es war einfach zu  gefährlich. Wenn er den Jungen zu nahe an sich heran ließ, würde er es nicht ertragen, wenn er ihn wieder verlor.
Er verließ die Dusche, trocknete sich ab und streifte sich eine Boxershorts und ein Shirt zum Schlafen über. Er musste wirklich mit dieser Grübelei aufhören.
Gerade hatte er sich auf seinem Bett niedergelassen und zu einem Buch gegriffen, als es an der Tür klopfte. Levis Blick schnellte in die Höhe und fixierte seine Zimmertür. Seltsamerweise wusste er genau, dass es Eren war, der dort darauf wartete, dass Levi ihn einließ.
Mit leicht zittrigen Händen legte er das Buch wieder beiseite. Er war hin- und hergerissen. Er wollte Eren sehen, aber gleichzeitig wünschte er ihn ans andere Ende der Mauer Rose.
Es klopfte erneut und wie mechanisch stand Levi auf und öffnete schließlich die Tür. Sofort schlug ihm Erens Geruch entgegen und er hätte die Tür am liebsten sofort wieder zugeschlagen, so sehr verwirrte es ihn. Eren hatte offenbar ebenfalls geduscht, denn sein Haar war noch feucht und er roch verführerisch sauber.
Ohne ein Wort öffnete Levi die Tür noch einen Spalt breiter und tappte dann zu seinem Bett.
„Wie geht es Ihnen, Sir?“, erkundigte sich Eren, trat ein und schloss die Tür hinter sich.
„Ach, lass das doch“, murrte Levi erschöpft. „Du nennst mich doch sowieso beim Vornamen, wenn es dir gerade passt.“
Erens Augen weiteten sich in stummer Überraschung, dann begannen sie zu funkeln, als Eren breit grinste. Levi hätte am liebsten stöhnend das Gesicht in den Händen begraben.
„Dann ist Levi in Ordnung?“ Ihm dieses Strahlen aus dem Gesicht zu wischen hätte Levi jetzt ohnehin nicht zustande gebracht, deswegen nickte er einfach.
„Wie geht es dir?“, wiederholte Eren seine Frage. Anscheinend der Grund, wegen dem er hier war. Levi war hundemüde. Es ging ihm nicht schlecht, aber sein Kopf war vollgestopft mit Erinnerungen und Gedanken.
„Levi?“, hakte Eren nach, als Levi nicht antwortete und brachte Levis dummes Herz dazu, schneller zu schlagen. Wer hätte gedacht, dass er, Levi, so verdammt idiotisch sein konnte.
Plötzlich war er auf den Beinen, packte Erens Arm und zog ihn in eine enge Umarmung. Er lehnte seinen Kopf an Erens Schlüsselbein und drückte sein Gesicht an seinen Hals. Seine rechte Hand hielt immer noch Erens Handgelenk gepackt, sein anderer Arm hatte sich um seine Taille geschlungen.
Es vergingen ein paar Sekunden, in denen Eren wie erstarrt da stand, dann spürte Levi wie sich zwei kräftige Arme um ihn legten und ihn näher zogen. Das war der Moment, in dem Levi die Augen schloss, alle Gedanken losließ und sich nur auf das Klopfen seines Herzens und Erens herrlichen Duft konzentrierte.
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