... und der Teufel macht Urlaub

von Samael
GeschichteRomanze, Übernatürlich / P18
02.02.2019
10.08.2019
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… und der Teufel macht Urlaub



Kapitel 1

Jenny folgte dem schneebedeckten Pfad hinauf zum Berg.
Dicke Schneeflocken fielen vom pechschwarzen, sternenlosen Himmel herab und sie fror. Zitternd schaute sie an sich hinab und wunderte sich, wieso sie bei dieser eisigen Kälte, nur ein dünnes Shirt und eine von Sorins Boxershorts trug. Aber die wichtigere Frage sollte wohl lauten, wo zum Teufel war sie?
Die Fackel in ihrer Hand, knisterte leise und die dunklen Flecken, die sie vor sich im weißen Schnee ausmachen konnte, beunruhigten sie. Sie wusste nicht wieso, aber sie wusste, dass sie nichts Gutes zu bedeuten hatten.
Wieso war sie hier? Nichts an diesem Ort kam ihr bekannt vor und niemand weit und breit, den sie hätte fragen können. Sie wusste nur, dass sie diesem Pfad folgen musste. Warum, wusste sie nicht, nur das sie es tun musste. Irgendwas tief in ihrem Inneren zwang sie dazu. Es war ein Gefühl, als ob ihr zukünftiges Leben davon abhinge.
Also folgte sie dem beschwerlichen rutschigen Pfad ins Ungewisse weiter.
Etwas Dunkles streifte ihren Augenwinkel. Schwer nach Luft ringend blieb sie stehen und sah auf. Hoch auf dem Bergvorsprung konnte sie eine Mauer erkennen, aber vielleicht war es auch ein Haus. Der Schnee fiel mittlerweile so dicht, dass sie es nicht genau erkennen konnte. Sie wusste nur, das war ihr Ziel. Dort würde sie auf all ihre Fragen Antworten bekommen. Während sie wieder zu Atem kam, fragte sie sich verwirrt, auf welche Fragen, sie überhaupt antworten suchte?
Sie warf einen Blick nach hinten. Waren die kleinen hellen Lichtpunkte, die sie am Anfang des Berges erkennen konnte, Häuser oder das Feuer von brennenden Fackeln?
Durch das Schneegestöber drangen leise Worte an ihr Ohr und sie richtete den Blick wieder hinauf zum Bergvorsprung. Sie konnte nicht verstehen, was gesprochen wurde, doch die Stimme, der Person die gesprochen hatte, kam ihr vertraut vor.
Wenn es antworten auf Fragen gab, an die sie sich nicht erinnern konnte, dann lagen sie da oben. Sie atmete tief die feuchte Schneeluft ein und setzte ihren Weg fort.
Während sie dem immer beschwerlich werdendem Pfad, durch Zuhilfenahme einer Hand, mit der sie in dem kalten Schnee versuchte halt zu finden, mühsam fortbewegte, musste sie an ihre Zwillinge denken. Sie liebte die beiden mehr als ihr eigenes Leben. Aber wenn sie daran dachte, wie sie die beiden, nachdem sie damals von ihrer ungewollten Schwangerschaft erfahren hatte, abgelehnt hatte, schauderte sie. Die Fackel zischte leise, als sie nach vorne fiel und ihre Hand im hohen Schnee versank. Sie stieß den angehaltenen Atem aus. Zum Glück fiel sie nach vorne. Nicht vorzustellen, wenn sie nach hinten gefallen wäre und zum Glück brannte die Fackel noch, als sie die Hand aus dem Schnee zog. Sie beschloss, eine kleine verschnaufende Rast einzulegen. Niemand würde es etwas nutzen, wenn sie den Berg hinunter kullerte.
Ja, die Zwillinge waren im wahrsten Sinne des Wortes, ein Geschenk des Teufels. Ein Geschenk, weil Jenny nicht so mitgespielt, wie der gefallene Engel sich das vorgestellt hatte. Damals hielt sie das noch für eine Strafe, heute allerdings für einen Segen. Und wenn sie jetzt so darüber nachdachte … sie würde es sofort wieder tun.
Vielleicht hatte der Teufel ja damals recht und die schicksalhafte Begegnung mit Sorin, der ihr anfangs schreckliches Leid zugefügt hatte, war von wem auch immer, vorbestimmt. (Wer mehr darüber lesen will: Teil 1: Die Kriegerin, Teil 2: Der Vampir, Teil 3: Die Zwillinge und Teil 4: Die Götter). Heute jedenfalls liebte sie Sorin und konnte sich ein Leben ohne ihn, nicht mehr vorstellen. Sorin war der Deckel, der perfekt auf den Topf passte. War sie die Sonnenseite, war er die Mondseite. War sie gut, so war er böse. War sie böse, war er gut. Wie zwei Magnete, die sich abstoßen, aber dennoch immer wieder versuchen zusammen zu kommen. Weil sie genau wussten, das sie eigentlich zusammen gehören.
Schließlich kraxelte sie weiter. Sie wollte antworten. Antworten auf Fragen, die sie nicht kannte, aber wissen musste. Vielleicht hatte es ja mit Sorins merkwürdigem Verhalten in der letzten Zeit zu tun. Ihre noch kurze Beziehung war immer offen. Sie redeten über alles, egal wie heikel oder schlimm es auch war. Doch neuerdings nicht mehr. Sorin zog sich immer mehr zurück. Brodelte im Stillen vor sich hin und weigerte sich, mit ihr darüber zur reden. Was ihr schwer zu schaffen machte. Wenn sie wüsste, was ihn beschäftigte, könnte sie vielleicht helfen. Oder es zu mindestens versuchen. Aber sein beharrliches, nervtötendes Schweigen, ließ das nicht zu.
Manchmal, wenn sie nachts wach lag, nicht mehr schlafen konnte und nachgrübelte, fragte sie sich, ob sie vielleicht das Problem war. Schließlich war sie es, die Sorin, aus seinem bisherigen, unbekümmert langen Leben heraus gerissen und in ein völlig anderes, für ihn ungewohntes Leben gezwängt hatte. Er sagte zwar, er wollte es, aber in diesen schlaflosen Nächten, zweifelte sie an seinen Worten. An seiner Liebe, für sie und die Zwillinge, hatte sie nicht den Hauch eines Zweifels, nur an der Umsetzung, die wie ein ICE über ihn hinweg gedonnert war und sein bisheriges Leben total auf den Kopf gestellt hatte. Vielleicht hätte sie ihm mehr Zeit geben sollen, in ruhe darüber nach zu denken. Aber vielleicht hatte sie auch genau davor Angst. Vielleicht hätte er dann nein gesagt und wäre aus ihrem Leben verschwunden.
Als Jenny wieder halt machte, um zu verschnaufen, konnte sie mehrere Kleine und eine große Gestalt am Ende des Berges ausmachen. Wer lässt seine Kinder, bei solch einem scheußlichen Wetter nur draußen herum laufen, fragte sich Jenny und rieb sich über die, mit einer dicken Gänsehaut überzogenen Arme.
»Hallo?«, rief sie.
Weder die Kleinen, noch die große Gestalt reagierte auf ihr Rufen.
Bestimmt war sie noch zu weit von ihnen entfernt, damit sie ihr rufen hören konnten.
»Was jetzt passiert, hättet ihr verhindern können.«
Jenny gefror das Blut in den Adern. Nicht weil die Temperatur weit unter dem Gefrierpunkt lag, sondern weil die Stimme, die zu ihr herunter schallte, Sorin gehörte.
»Sorin?!«, schrie sie, doch die Gestalten reagierten noch immer nicht auf sie. Vielleicht verschluckt der dicht fallende Schnee meine Worte, dachte sie und ging weiter.
Je näher sie den Gestalten kam, je mehr konnte sie erkennen. Das waren keine Kinder, sondern Erwachsene Menschen, die im Schnee knieten und der Mann, der vor ihnen stand, war Sorin.
»Sorin?«, rief sie, doch er reagierte nicht. Er muss mich doch hören, dachte sie verzweifelt und überwand die letzten Meter.
Jetzt stand sie direkt neben ihm. »Sorin? Was tust du hier?«, fragte sie, aber er tat so, als wäre sie gar nicht anwesend.
Sie warf einen Blick auf die fünf Menschen, die vor ihm knieten. In ihren Augen konnte sie nackte Angst erkennen. Aber wovor hatten sie Angst? Ihr Herzschlag setzte für einen Schlag aus, als ihr klar wurde, dass sie vor Sorin Angst hatten. Und als ihr das klar war, wusste sie auch, dass sie in Wirklichkeit gar nicht hier war, sondern in einer von Sorins Erinnerungen. Aber wie war das möglich? Sorins Fähigkeiten waren doch mit seinem alten Leben verschwunden. Oder nicht? Hatte Sorin ihr das etwa verheimlicht? Aber wieso? Das ergab doch alles keinen Sinn.

*

Sie hörte das typische Knirschen des Schnees, als sich jemand näherte und drehte sich um.
Ein großer kräftiger Mann, in schwarzer Kleidung und einem dicken Umhang näherte sich. Er blieb auf der kleinen Anhöhe stehen und blickte zu ihnen herunter. Er hatte die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, aber Jenny konnte die Narbe, die quer über sein Gesicht lief trotzdem noch erkennen. Er sah zum Fürchten aus und das eine heile Auge blickte voller Hass auf Sorin herab. Wer war diese Schreckensgestalt? Und was wollte er von Sorin? Angst ließ ihr Herz schneller schlagen. Irgendwas an diesem Mann ließ ihre Alarmglocken schrillen.
Sie drehte sich zu Sorin um. Doch Sorin schien gar nicht zu bemerken, dass er von diesem finsteren Mann beobachtet wurde.
Was soll ich nur tun? Sie war ja eigentlich gar nicht hier, nur ein Zuschauer und dadurch konnte sie Sorin auch nicht helfen.
Sorin sprach zu den Gestalten im Schnee. Seine Lippen bewegten sich, aber Jenny konnte plötzlich kein Wort mehr hören. Das ist doch verrückt.
Sie drehte sich wieder zu dem Mann um und sah, wie er sie mit seinem einen Auge finster taxierte. Konnte er sie etwa sehen?
»Wer sind Sie?«
Ein kratziges Lachen erklang und jagte Jenny einen eiskalten Schauer über den Rücken.
»Niemand.«, antwortete er. Sein Auge richtete sich wieder auf Sorin. »Niemand.«
»Wieso können Sie mich sehen?«
Erneut dieses schreckliche kratzige Lachen. »Weil ich es so will.«
Das irritierte sie. Wieso konnte er sie sehen und sogar mit ihr reden, wenn sie doch in Sorins Erinnerung war? Oder war sie vielleicht gar nicht in Sorins Erinnerung? Aber wo dann?
Und was zum Teufel ging hier vor?
»Du wirst mit mir kommen.«, krächzte der Mann.
Was? Nie im Leben. »Warum sollte ich?«
Wieder dieses furchtbare Lachen. »Weil dein Mann sonst sterben wird.«
Jenny schüttelte den Kopf. »Das ist unmöglich. Das hier ist nicht real. Wir sind nur in einer Erinnerung. Du kannst ihn nicht töten.«
»Glaubst du das wirklich? Wieso kannst du dann mit mir reden, wenn ich nur eine Erinnerung bin? Und wieso sieht Sorin mich nicht?«
Eine gute Frage, auf die sie aber keine Antwort hatte.
»Was willst du von Sorin?«
Er schnaubte abfällig. »Komm her! Und sie dir an, was für ein Monster du zum Mann hast.«
»Ich kenne Sorins Vergangenheit und weiß das er kein Engel war.«, antwortete sie.
Das schien ihn tatsächlich zu überraschen. »Interessant. Na dann wirst du ja keine Probleme damit haben, ihm dabei zuzuschauen.«
Doch das hatte sie, aber das würde sie diesem komischen Kauz, nicht unter die Nase reiben.
Aber was sie dann tat, war verrückt. Sie kraxelte den kleinen Hügel rauf, stellte sich neben den finsteren Mann und blickte nach unten.
»Sieh genau hin! Kannst du die Angst in ihren Augen sehen?«
Und wie sie das konnte und wünschte sich, Sorin würde sie endlich aus dieser schrecklichen Erinnerung raus holen.
Sorin zog ein Messer aus seinem Stiefel.
»Siehst du die beiden in der Mitte? Die beiden die sich so krampfhaft gegenseitig festhalten? Mein Bruder Dimitar und seine Frau Radka.«, sagte er in einem gleichgültigem Ton, in dem keinerlei Emotionen lagen.
»Warum hilfst du ihnen nicht?«, fragte sie, obwohl sie doch genau wusste, wie idiotisch das war. Was sie mit ansehen musste, war Vergangenheit und schon längst geschehen.
Der finstere Mann antwortete auch gar nicht darauf.
»Dara.«, hauchte er und diesmal glaubte Jenny ein funken von Gefühl in diesem Wort gehört zu haben. »Meine geliebte Frau. Schau sie dir an. Ist sie nicht wunderschön? Bis zum Schluss kämpfte sie wie eine Bärin, die um jeden Preis ihr Junges beschützen will.«
Da außer seiner Schwägerin nur noch eine Frau im Schnee kniete, konnte das nur seine Frau sein. Sie war keine typische Schönheit, aber wie sie Sorin entgegenblickte, eine sehr stolze Frau.
Als Sorin in seine Manteltasche griff und der Kelch, in seiner ursprünglichen Trinkbecherform, zum Vorschein kam, hätte Jenny am liebsten laut geschrien.
Plötzlich drehte Sorin sich um und Jenny hatte das Gefühl, als würde er sie direkt ansehen.
»Sorin?«, rief sie, aber wieder reagierte er nicht.
Als er sich wieder abwandte und mit dem Messer in einer und dem Kelch in der anderen Hand, auf die knienden Menschen zuging, schloss Jenny die Augen.
Es gab keine Schreie, kein flehendes Betteln und niemand versuchte zu fliehen, als der Henker sein Werk antrat. Nur gurgelnde, blubbernde Geräusche, als Sorin ihnen die Kehle durchschnitt und es war schneller vorbei, als Jenny befürchtet hatte.
Als es neben ihr raschelte, öffnete sie die Augen. Der finstere Mann hatte sich abgewandt und ging auf die dunkle Mauer zu.
»Boris.«, hörte sie ihn sagen.
»Ich verstehe nicht.«, rief sie ihm nach. »Wer ist Boris?«
»Niemand.« Er ließ sein kratziges Lachen ertönen. »Er wird es wissen. Sag ihm, die Zeit ist gekommen.«
Sie verstand nicht, was hier vor sich ging. Zuerst sagte er, sie müsse mit ihm kommen, weil Sorin sonst sterben würde und jetzt ging er einfach ohne sie.
Schließlich lief sie ihm nach. »Warte.«
»Jenny?«
Als sie Sorin ihren Namen rufen hörte, stoppte sie abrupt und drehte sich um. Mit traurigen Augen sah er sie an, doch bevor sie reagieren konnte, zog ein grauer Nebel auf und nahm sie mit sich.

*

Mit einem Satz war Jenny aus dem Bett.
Draußen zwitscherten die ersten Vögel und kündigten den Tag an. Ihr Herz raste, als sie sich zum Bett umdrehte. Sorin schien zu schlafen. War das alles nur ein schrecklicher Traum? Aber wieso kam es ihr dann so vor, als wäre es real gewesen.
Sie setzte sich auf den Sessel vor dem Fenster. Aber egal ob Traum oder eine von Sorins Erinnerungen, sie musste mit ihm reden. Und diesmal würde sie nicht eher aufgeben, bis sie wusste, was mit ihm los war.
Leise stand sie wieder auf, verließ das Schlafzimmer und ging hinunter in die Küche. Die Kaffeemaschine hatte sich schon eingeschaltet, was bedeutete, dass Sorin auch bald aufstehen würde, um die morgendliche Arbeit in den Pferdeställen zu verrichten.
Doch bevor Sorin aufstand, hatte sie noch etwas Zeit, um ihre verwirrten Gedanken zu ordnen. Sie nahm sich eine Tasse aus dem Schrank, setzte sich an den Küchentresen und zog die halb volle Kaffeekanne aus der Maschine. Es zischte leise, als der immer noch laufende Kaffee auf die Warmhalteplatte tropfte und sie die Tasse bis zum Rand füllte. Wer war Boris? War das vielleicht der Mann mit der Narbe? Und was wollte er von Sorin? Fast hätte sie laut gelacht. Na das war ja wohl die blödeste Frage, die ihr einfiel. Wenn es diesen Mann wirklich gab, dann wollte er nur eins und zwar Rache. Schließlich hatte Sorin seinen Bruder, mit Frau und auch seine eigene geliebte Frau getötet. Aber wenn es ihn wirklich gab, wieso dann erst jetzt? Wieso hatte er so lange gewartet? Sie wusste nicht, wann es passiert war, aber wenn der Kelch noch in Sorins Besitz war, war es schon eine halbe Ewigkeit her. Was sie nur noch mehr verwirrte. Wieso lebte dann dieser Mann noch? War er vielleicht auch ein Vampir? Aber wieso hatte dann Sorin seine Familie getötet? Ach das ergab doch alles keinen Sinn. Sie schob die unberührte Tasse von sich. Wenn das alles wirklich passiert war, dann konnte nur Sorin ihr die passenden Antworten geben.
Keine dreizig Sekunden später, betrat Sorin nur in Boxershorts und mit wirrem abstehendem Haar, die Küche. Und selbst so Verschlafenen und verkrumpelt, sah er immer noch verdammt sexy aus.
Als er die unberührte Kaffeetasse vor ihr stehen sah, blieb er abrupt stehen. »Ist der für mich?«, fragte er vorsichtig nach. »Oder hab ich wieder Bockmist gebaut?«
Allem Ärger zum trotz, musste sie grinsen. Sorin kannte sie mittlerweile ziemlich gut und wusste ihre Neigungen zu deuten. Sie hasste nämlich Kaffee und nur wenn sie nervös war oder etwas beschäftigte, trank sie Kaffee.
»Wir müssen reden.«, meinte sie.
Er zeigte auf die Tasse. »Kann ich den haben?«, fragte er und sie nickte. Er stellte sich auf die andere Seite des Küchentresens und nahm die Tasse in die Hand. »Über was reden?«
»Über dich.«
Er trank einen Schluck. »Fang bitte nicht schon wieder davon an. Es gibt nicht´s zu reden.«
»Irgendwas beschäftigt dich, über das du nicht mit mir reden willst. Und diesmal lass ich mich auch nicht von dir abwimmeln. Ich will endlich wissen, was los ist!«
»Nichts ist los!«, meinte er nicht gerade freundlich und knallte die Tasse auf den Tresen.
Jetzt war sie ebenfalls sauer. »Du lügst.«
Er verdrehte schnaubend die Augen. »Jenny versteh doch. Ich kann´s dir nicht sagen.«
»Warum?«, schrie sie ihn an. »Was für schreckliche Dinge beschäftigen dich, von denen ich nicht´s wissen darf?«
»Das Gespräch ist beendet.«, meinte er und trat um den Tresen herum.
Sie sah ihm wütend nach. »Wer ist Boris?«, fragte sie, bevor er aus der Küche trat.
Er blieb wie vom Donner getroffen stehen und sie sah, wie sich seine Rückenmuskeln anspannten. »Niemand.«
»Genau das selbe, hat der Mann mit der Narbe im Gesicht auch gesagt.«, sagte sie.
Er blieb zwar stehen, schwieg aber weiterhin.
»Ich war da Sorin. Ich habe alles gesehen und mit ihm gesprochen. Ich hab gesehen, wie du seine Frau getötet hast.« Das entsprach zwar nicht ganz der Wahrheit, war ihr aber in diesem Moment egal. »Ist der Mann mit der Narbe Boris?«
Er schwieg noch immer und das brachte ihre aufsteigende Wut nur noch mehr zum Kochen.
»Er will Rache, für das was du ihm angetan hast, stimmt´s? Ist er ein Vampir?«
»Ich sagte dir doch, er ist ein Niemand.« Und mit diesen Worten verließ er die Küche und ihr blieb nichts anderes übrig, als ihm wütend nachzuschauen.
»Verdammter Sturkopf.«, schrie sie in die leere Küche hinein und fegte mit einer wütenden Handbewegung, die Tasse mit Kaffee vom Tresen, wo sie auf dem Boden aufschlug und in hundert kleine Scherben zerbarst.


*


Den ganzen Morgen wuselte Jenny wütend durchs Haus, erledigte, was zu tun war und fragte sich, wieso Sorin sich nur so hartnäckig weigerte, mit ihr zu reden.
Gerade als sie Waschpulver in die Waschmaschine füllte, klickte das Babyfone und kurz darauf, hörte sie auch schon Brian quengeln.
Es blieb ihr gerade noch Zeit, die Gläschen für die Raubtiere warm zu machen, als das Geschrei in der oberen Etage auch schon losging.
Brian hatte die Decke weggestrampelt, als sie ins Zimmer kam und sein kleines Gesichtchen, war schon ganz rot vom anstrengenden Schreien.
Emma hingegen, die ihrem Zwillingsbruder um einiges voraus war, stand im Bett und wippte fröhlich an den Gitterstäben ihres Bettchens auf und ab. Neugierig beobachtete sie, wie Jenny Brian, der sofort verstummte, als sie ihn auf dem Arm hatte, aus dem Bettchen nahm und auf den Stuhl setzte, um das Raubtier zu füttern.
Sobald Brian gefüttert war, zog sie ihm eine frische Windel an und setzte ihn auf den Boden. Brian kabbelte sofort los, um die Gegend zu erkunden und Jenny nahm Emma aus dem Bettchen.
Emma war ein ausgesprochen liebes, stilles und auch sehr ernstes Kind. Sie weinte nur selten und um ihr hübsches Gesicht lächeln zu sehen, musste man Glück haben. Nur wenn Sorin sie auf den Arm nahm, strahlte ihr Gesicht wie die Sonne.
»Du hast soviel von deinem Daddy.«, meinte Jenny ihre Tochter anlächelnd. »Hoffentlich nicht auch seinen Dickschädel.«
Emmas Augen, die die gleiche intensive smaragdgrüne Farbe, wie die von Sorin hatten, blickten zu ihr auf. Manchmal, wenn Jenny in ihre Augen sah, hatte sie das Gefühl, ein uraltes wissendes Wesen schaute sie an. Was verrückt war, da Emma und Brian gerade mal neun Monate alt waren.
Als auch Emma gefüttert war und eine frische Windel anhatte, nahm sie die beiden mit nach unten und kümmerte sich um das Essen, während die zwei den Küchenboden mit ihren Spielsachen pflasterten.
Als das Mittagessen schließlich fertig und Sorin noch immer nicht vom Stall zurück gekehrt war, erfasste sie ein ungutes Gefühl.
Vorsichtig, damit sie nicht auf eins der Spielzeuge trat, ging sie zum Telefon und drückte die Eins, für Annas Nummer, die im Anbau ihres Hauses, eine kleine Wohnung hatte.
»Hallo«, meldete sich Anna fröhlich.
Emma kam angekrabbelte und zog sich an ihrem Bein hoch, bis sie schließlich stand. Jenny schloss die Hand um ihren Arm, falls sie hingefallen wäre.
»Kannst du mal rüber kommen«, sagte sie in den Hörer.
»Bin gleich da«, flötete Anna und Jenny hängte den Hörer zurück auf die Gabel.
Emma streckte ihr den Arm entgegen. »Da … da?«
Jenny hob sie hoch und drückte sie an sich. »Daddy kommt gleich.«
Emma fing zu strampeln an. »Dada!«, quengelte sie und stemmte die Arme gegen Jennys Brust. »Dada!«
Ihr energischer Tonfall in der Stimme beunruhigte Jenny und als sie Emma ein Stück weghielt, damit sie ihr ins Gesicht schauen konnte, erschrak sie über die Tränen, die sich in ihren Augen gesammelt hatten.
»Dada!« Schließlich liefen ihre Augen über und die erste Tränenflut kullerten ihr über die Wangen. »Dada?«
Jenny kämpfte nun selbst mit den Tränen. »Du weißt mehr, als du solltest, stimmt´s?«, fragte sie und wunderte sich nicht einmal, das sie einem neun Monate altem Kind, so eine Frage gestellt hatte.
»Dada?«
»Ich verspreche dir mein Schatz, ich lasse nicht zu, dass deinem Daddy was geschieht.«
Emma ließ schluchzend den Kopf an ihre Brust fallen. Ihr kleiner Körper zitterte, als Jenny sie fest an sich drückte.
Sowie Anna da war, rannte sie, als wäre der Teufel höchstpersönlich hinter ihr her, zu den Pferdeställen, die beim Haus ihrer fast ehemaligen Schwiegereltern lag.
Der Stall war leer, als sie eintrat. »Sorin?«
Als sie keine Antwort bekam und ihr Herz schmerzhaft gegen die Brust klopfte, ging sie weiter hinein.
Faster wieherte laut und sie drehte den Kopf zu seiner Box. Das weiße Blatt, das neben Fasters Box angebracht war, konnte nichts Gutes bedeutet. Mit leicht zittriger Hand zog sie das Blatt vom Nagel und klappte es auf.
Es tut mir Leid.
Mehr stand da nicht, aber das brauchte es auch nicht.
Sie zerknüllte wütend das Blatt und verließ den Stall.
Mit Tränen in den Augen regte sie den Kopf zum Himmel. »Mike? Wenn du mich hörst. Ich brauche deine Hilfe.«
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