Die Halbe Gesellschaft

von Himalaja
GeschichteFreundschaft / P12
Lucifer Mephisto Pheles OC (Own Character) Rin Okumura Yukio Okumura
01.02.2019
30.06.2020
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30.06.2020 2.058
 
„Dämonenkönig der Fäulnis, zu deinen Diensten, Yukio Okumura. Oder auch kleiner Bruder, auch wenn ich dem nicht ganz glauben kann.“ Irritiert erkannte ich Astaroth in der Tür – und wurde knallrot, als auch Azazel mich mit rot verheultem Gesicht sah. Hey, vor ihm brauchte ich eine halbwegs anständige Stellung! Wenn ich zugab, ein emotionaler Teenager zu sein…

„Habt ihr euch ausgeklärt oder hat Rin nur endlich geheult?“, fragte der Geisterkönig trocken, ich klappte fast um vor Scham, als Yukio mit den Schultern zuckte. Azazel seufzte, sah mich augenrollend an.
„Also ehrlich. Wenn du nicht endlich Klartext redest, rede ich mal ein Wort mit deinem Zwilling, capisce?“ Ich nickte hastig. Yukio sollte bitte all seine Körperteile behalten!


Astaroth gab ein begeistertes Quietschen von sich.
„Unsere Otoutos sind ja wirklich Zwillinge, wie niedlich… Azzy, wir müssen die jungen Herren um jeden Preis beschützen...“
„Sprich für dich, Psycho“, haute ihm der Ältere grummelig eine runter. „Rin, du weißt genau, dass über deine schlechtere Hälfte hier noch nicht das letzte Wort gesprochen ist.“


Ich schob die Unterlippe vor, ließ Yukio los und stand wackelig auf.
„Hey, das ist Yukios Wohnung und hier passiert ni-… ni-… Was ist… ? Ah...“ Die Realität verschwamm vor meinen Augen, mehrere Hände griffen nach mir, als alles schwarz wurde und mein Körper sich vom Geist trennte.



„Er hat kaum geschlafen. Dazu das im Vatikan, sein Ausraster bei der Zerstörung der Basis, und dass er das Gehennator geöffnet hat…“
„Mein Bruder hat was?!
„Wird Rin das überstehen? Lord Azazel, bitte helft ihm doch...“

Ich fürchte doch, der junge Lord wurde vergiftet, hehe...“
„Vergiftet? Red keinen Scheiß, Rothy, wann sollte er denn...“


Ich murrte leise, konnten sie nicht einfach still sein? Mein ganzer Körper schmerzte bis in die letzte Zelle, ich war erschöpft bis zum geht nicht mehr, meine Flammen flackerten klein und unkontrolliert. Mit letzter Kraft wälzte ich mich zur Seite und übergab mich neben das Bett.
„Guuut, dass ich den Eimer empfohlen habe.“
„Bild dir bloß nichts ein, Rothy.“


Meine Haut war verschwitzt und klebte, ich fühlte mich fürchterlich.
„Seid still...“, brummte ich gequält, Galle brannte in meinem Hals, mein Kopf pochte. Irgendwas roch salzig.
„Rin, du bist wach?“, fragte Yukio mich leise, ich blinzelte schwer meine verklebten Lider auf, musterte unbeweglich meinen Bruder.
„Bin ich krank?“, brachte ich leise und mühsam hervor. Azazel schnaubte.
„Eher weniger. Wahrscheinlich wurdest du vergiftet. Nichts tödliches, aber wir passen gut auf, dass niemand in deine Nähe kommt.“


„Hier, trink das.“, hielt mir Yukio eine Schüssel hin, neben meinem – seinem – Bett kniend. Es roch vertraut. Gemüsebrühe, mit… mit Ei, wie Shiro sie immer gemacht hatte, wenn wir krank waren. Viel mehr traute ich meinem Zwilling in der Küche auch ehrlich nicht zu. Zögerlich, auch wenn die Übelkeit dagegen sprach, griff ich nach der Brühe, nippte vorsichtig daran. Es ging. Wenigstens hatte ich so etwas im Magen. Ich fühlte mich fürchterlich.

Ein Gewicht landete in meinem Bett, rollte sich neben meinem Magen zusammen und fing beruhigend an zu schnurren. Als ich nach unten sah, erkannte ich Kuro, und Oro, die auf meinen Füßen schlief. Dick verpackt in Yukios Bettdecke, auch wenn es bestimmt 25 Grad hier waren. Ich schwitzte und fror gleichermaßen, fühlte mich vollends erschöpft. Die Energie, die dauerhaft durch meinen Körper geflossen war, war wie verschwunden – die Flammen zuckten nicht mehr, ihre Abwesenheit machte mir Angst.

Als meine Brüder gehen wollten, griff ich hilflos nach ihnen, packte Azazels Handgelenk. Panisch sah ich ihn an.
„Wa-Was ist mit mi-mir?“, fragte ich stammelnd, verängstigt. „Meine Flammen, sie, sie sind… s-sie…“ Mit beiden Händen packte er mein Gesicht.
„Beruhige dich, Kleiner. Deine Flammen sind schwach, aber noch da. Solange du lebst werden sie ein Teil von dir sein. Du bist gerade zu erschöpft, um sie zu benutzen.“


Schwer atmend, zitternd, klammerte ich mich an Kuro, wie ein kleines Kind, das Halt brauchte. Am Rande bemerkte ich, wie Yukio die Zähne zusammen biss, ertrug, wie vertraut Azazel mit mir umging. Astaroth klickte mit der Zunge.
„Gifte, die Nephilim von ihrer anderen Hälfte trennen sollen, sind nichts Neues. Jedes einzelne zielt auf den Tod des Opfers ab, kein Wunder, sie reißen das Ziel metaphysisch entzwei. Es wäre enttäuschend, würde der junge Lord das nicht überstehen...“


Ich keuchte, was nur dazu führte, dass ein schrecklicher Husten meinen Körper durch die Mangel nahm. Wie ein gelähmtes Wrack, das mir nicht mehr gehorchte… Angst erfasste mich.
„Wieso… Wer…?“, röchelte ich, Schweiß stand auf meiner Stirn. Azazel seufzte.
„Das wüsste ich auch zu gerne, Kumpel.“ Klar, weil du denjenigen einen Kopf kürzer machen würdest, dachte ich mit einem angedeuteten Augenrollen.


Yukio nahm ein Tuch, fuhr mir damit über die Stirn – es war angenehm kühl.
„Du hast den Orden gespalten, Rin… Es gibt heftige Diskussionen zwischen der Fraktion, die euch unterstützen will, und denen, die dagegen sind. Einem findigen Doctor würde ich durchaus zutrauen, dich irgendwo zu vergiften. Wahrscheinlich bei eurem Besuch im Petersdom. Oder...“ Sein Blick flog zu Astaroth, geprägt von Misstrauen. Ich schüttelte leicht den Kopf.
„Er w-war nicht…“ Der Husten ergriff mich wieder, obwohl ich nur sagen wollte, dass Astaroth noch gar nicht in der Nähe war, als das anfing.


Der Dämonenkönig der Fäulnis gab ein abwertendes Knurren von sich.
„Ist das wirklich der junge Lord, Azzy? Seine Flammen sind klein und er stinkt nach Schwäche.“ Ich konnte nicht widersprechen – erstens hatte er recht und zweitens hing mir der Magen in der Kehle, Galle brannte auf meiner Zunge.


Yukio stellte sich schützend vor mich, als Azazel den anderen Baal grob am Kragen packte.
„Jetzt hör mal zu, Astaroth. Mir scheißegal, ob du Satan am liebsten die Stiefel lecken würdest, aber lass uns aus deiner irren Scheiße raus. Und wage es ja nicht, Rin vorzuwerfen, dass er schwach wäre. Er mag vielleicht ein paar Jahrtausende jünger sein, aber im Gegensatz zu dir kann er sich mit Samael und Lucifer auf Augenhöhe anlegen. Red nochmal so ne Scheiße und du kannst dir wieder in Ägypten die Zeit vertreiben.“


Astaroth blinzelte – und grinste dann breit.
„Oh, Ägypten war eine schöne Zeit. Quasi Beelzebubs Junggesellenabschied. Du überrascht, Azzy. Unser jüngstes Geschwisterlein hat es dir ja ziemlich angetan.“ Azazel ließ ihn schnaubend auf den Boden fallen.
„Und wenn schon. Er hat mich darum gebeten. Außerdem hat er mehr Anstand und ist höflicher als der Rest von euch.“


Yukio hüstelte.
„Wir reden hier aber schon noch von Rin, oder?“
„Ey…!“, murrte ich, stieß ihn wahrscheinlich kaum merklich mit der Hand an. Er lächelte leicht.
„Stimmt doch, wenn man deine Lehrer fragt.“
„Du meinst dich...“, wisperte ich kraftlos, brachte noch ein Augenrollen zustande.
„Ruh dich aus, Bruder. Wir passen solange auf.“


Ich nickte müde, zog Kuro an mich und schloss die Augen. Wenn Yukio und Azazel hier waren, dann… konnte ich ja…


Laute Gespräche in der Küche weckten mich. Mir war immer noch hundeelend und ich wollte eigentlich dringend ins Bad und den Schweiß loswerden, aber… was ich hörte, war gerade zu interessant.
„Unser jüngstes Familienmitglied also, richtig? Dafür gibst du erstaunlich wenig her.“

„Ich bin nicht mit euch Dämonen verwandt, bildet euch nichts ein! Mein Vater war Fujimoto Shiro!“ Offenbar nahmen Azazel und Astaroth Yukio in die Mangel. Eigentlich sollte ich ihm helfen… allerdings konnte ich kaum aufstehen; und ich wollte irgendwie wissen, wozu das führte. Denn Azazel würde ihn ja nicht verletzen, weil er wusste, wie wichtig mir mein Zwilling war.

„Wer du nun glaubst, wer dein Vater war, ist mir scheißegal, Knirps.“, knurrte der Geisterkönig dumpf hinter der Wand. „Wir haben einen gemeinsamen Bruder, und egal was du sagst, da solltest du nichts anderes behaupten.“ Yukio schnaubte abweisend. Ich hörte Astaroth leise lachen.
„Azzyyy, weißt du etwa etwas, das ich nicht weiß?“ Mir wurde kalt – noch kälter als vom Schüttelfrost. Susumu, warum hast du ihm das bloß erzählt?

„Könnte man so sagen“, hörte ich den Bärtigen durch die Wand brummen. „Was der hier Familie nennt, ist einfach verkorkst, selbst für deine Begriffe, Rothy. Wenn Rin nicht zwischen ihm und mir stünde, würde sein Name direkt hinter Sammys stehen, was die Abreibung angeht.“
„Ich weiß nicht, wovon du redest“, murmelte Yukio abweisend. „Und behaupte nie wieder, dass wir eine Familie wären. Rin ist alles an Familie, das ich noch habe.“ Ein Keuchen, irgendwas prallte gegen die Wand. Ich wollte aufspringen, aber mein Körper reagierte nicht. Ansonsten würde ich wortwörtlich längst zwischen Yukio und Azazel stehen.
„Was zum…?“
„Ich glaube, dass wir uns ausnahmsweise mal einig sein dürfen, Rothy“, hörte ich den Geisterkönig brummen, stützte mich hoch. Ich musste in die Küche kommen, bevor Gehenna losbrach!

„Ich weiß gar nicht-“
„Du weißt gar nichts?“, knurrte mein großer Bruder. „Nun, aber ich. Du hast Rin verletzt, und zwar tief. Körperlich, ja, aber was du seiner Seele angetan hast ist weit schlimmer. Von einem Familienmitglied verletzt zu werden kann einen jungen Dämon dauerhaft schädigen, und du hast es mit voller Absicht getan. Und wir wissen beide, dass er empfindlicher ist, als er tut. Das war bösartig.“

Ein paar ziehend lange Sekunden herrschte Stille in der Küche. Yukio hatte gerade meinen tiefsten Respekt, denn die Ausstrahlung der beiden Baal verursachte selbst mir eine Gänsehaut, und ich war nicht das Ziel ihres Zorns.
„Ihr wisst es?“, fragte Yukio, durch die Dämmung kaum hörbar. „Woher? Wer?“
„Das tut zwar nichts zur Sache, aber… dieser Yunokawa Susumu.“, knurrte Azazel nur. „Und ich habe das Gefühl, dass er ziemlich gut Bescheid wusste, aber nicht alles gesagt hat.“

Wieder ein Schweigen, meine Beine zitterten. Eigentlich sollte ich mich hinlegen, aber ich wollte es hören.
„… es stimmt“, gab mein Zwilling leise zu, ich hielt den Atem an. „Ich habe Rin verletzt. Nach Vaters Tod habe ich ihn sogar gehasst. Ich habe ihn angebrüllt, ihn runtergemacht und auf ihn... geschossen. Habe getan, was der Orden wollte, und ihn so klein wie möglich gehalten. Er hat so gut wie nichts gesagt, kaum widersprochen, anders als früher. Und auch wenn er wütend war, hat er immer gesagt, dass er mich beschützen würde.“

Stille, ich konnte die Anspannung riechen.
„Aaaazzy?“, fragte Astaroth. „Du hast doch sicher nichts dagegen, oder?“ Ich erstarrte, kämpfte mich auf die Füße, riss die Tür auf. Azazel grummelte.
„Am liebsten würde ich ihm genauso den Schädel einschlagen. Verdient hätte der kleine Bastard es. Dem gutherzigen Idioten so etwas anzutun...“

„N-Ni-Nicht…!“, ächzte ich, klammerte mich mühselig an den Türrahmen. Meine nackten Füße froren eisig auf dem Fußboden, obwohl es wahrscheinlich 25 Grad waren, und mir war so schwindelig, dass ich kaum die Decke vom Boden trennen konnte.
„Rin!“, „Junger Lord!“, kam es aus drei Kehlen, jemand eilte an meine Seite und stützte mich. Der Haarfarbe nach Astaroth, es überraschte mich bei seiner Statur, mich welcher Leichtigkeit er mein ganzes Gewicht auf seiner Schulter ablud.

„Tut… Tut Yukio nichts...“, murmelte ich kraftlos, meine Augen fielen zu. Ein bekanntes Seufzen.
„Warum schützt du ihn so? Ich versteh es nicht, wirklich. Wenn es wenigstens nur wäre, weil er ein Nephilim ist, aber nein, du bestehst auf dieses komische alte Versprechen.“ Verständnislosigkeit klang tief in Azazels Stimme mit, ich brummte irritiert. Yukio…? Ein Nephilim…? Er war doch ein Mensch, oder…? Oder… er… er war auch Satans Sohn, wie ich. Aber… ugh…

„Du musst wieder ins Bett, Rin! Du klappst doch jede Sekunde um, wenn du dich nicht endlich ausruhst!“, flüsterte mein Zwilling besorgt, aber seine Finger zuckten zurück, als Azazel ihn anknurrte.
„Lass ihn“, wisperte ich kaum hörbar, mir war schlecht, die Welt drehte sich um mich. Ich wehrte mich nicht, als Astaroth unter meine Knie griff und mich hochhob. Im Schlafzimmer wickelte er mich wie eine Sushirolle in die Bettdecke. Irgendwer legte mir ein feuchtes Tuch auf die Stirn, ließ mich erleichtert seufzen.

„Sein Zustand wird nicht besser!“, klagte Yukio zweifelnd. Azazel brummte.
„Vielleicht ist es doch schlimmer als gedacht. Ich kenn mich mit so was nicht aus, ich bin nicht Amaimon oder Beelzebub, die jedes mögliche und unmögliche Gift kennen, außerdem bezweifle ich, dass viele Dämonen oder Menschen ein Gift kennen, das selbst den stärksten Nephilim umhaut. Aber Ruhe kann ihm nur helfen, und bis dahin suchen wir jemanden, der ihn heilen kann.“

Als sie gehen wollten, griff ich mit letzter Kraft nach Yukios Hand.
„Rin?“, fragte er zögernd. Ich atmete schwer.
„Yuki...o… Hasst… Hasst du mich noch?“ Er umschloss meine Hand mit beiden Händen, seufzte streng.
„Nein, Rin. Ich hasse dich nicht m-“

Aber ich war weg vom Fenster, bevor er seinen Satz zu Ende bringen konnte.
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