Die Halbe Gesellschaft

von Monklet
GeschichteFreundschaft / P12
Lucifer Mephisto Pheles OC (Own Character) Rin Okumura Yukio Okumura
01.02.2019
14.11.2019
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Ein Exorzist aus den hinteren Reihen schnaubte abfällig, ich schluckte, als ich ihn erkannte. Der bullige Kämpfer, der mich am Klosterfriedhof beinahe getötet hätte. Der massige Dolch, den ich in der Erinnerung direkt an meiner Kehle sah, hing an seinem Gürtel. „Rechte für Dämonen? Was soll das sein?“

Ruha warf ihm einen eisigen Blick zu. „Zuallererst, das alle unrechtmäßig gefangen gehaltenen Nephilim freigelassen werden. Alle Mitglieder unserer Gesellschaft, die grundlos verhaftet wurden oder als Experimente missbraucht werden, alle, die es nicht geschafft haben, sich aus eigener Kraft zu befreien.“ Oro knurrte den Exorzisten an, fletschte die Zähne, aber Espi hielt die Hündin am Halsband zurück.

Mephisto schürzte die Lippen, ein abfälliges Lächeln. „Wir würden niemals jemanden grundlos internieren. Spionage ist ein heftiger Verstoß gegen den Arbeitsvertrag, liebe Nichte.“ Ruha erwiderte das scheinheilige Grinsen. „Nun, verehrter Onkel, Spionage würde heißen, dass du die Halbe Gesellschaft als feindliche Organisation anerkennst und das hast du nicht. Oder?“ Samael war eindeutig nicht sehr begeistert. Anscheinend war ich wirklich eine Variable, die er nicht einschätzen konnte. Weshalb ich wohl auch die einzige Chance war, ihn zu überrumpeln…

„Keine Sorge, er wird sicherlich mit Freuden kündigen, wenn ihr ihn rauslasst.“, kommentierte Summer mit einem Lächeln. „Ihr braucht euch keine Sorgen zu machen, wir kümmern uns um Nephilim, die schlecht behandelt wurden.“

Angel gab ein wenig begeistertes Schnauben von sich. „Ihr fordert Rechte? Und was tut ihr? Sollen wir einfach tolerieren, wenn Dämonen weiter Menschen terrorisieren und töten? So dumm sind wir nicht, vergesst es.“

Ich hob die Augenbrauen. „Du weißt schon, wer hinter dir steht?“, kommentierte ich und zeigte auf den Zeitkönig, der nur mit den Augen rollte. „Also bitte, so nachtragend?“ „Ich habe nicht versucht, dich umzubringen.“, erwiderte ich bissig. Er hob eine Augenbraue. „Und vergesslich auch noch?“ Ich verkniff mir einen weiteren Kommentar, die Debatte war sinnlos. Er würde es nur gegen mich wenden.

„Wir sind bereit, für unsere Rechte auch dieselben Grundgesetze zu beachten. Wir sehen selbst das Problem mit Nephilim, die ihre Kräfte egoistisch gegen Menschen und andere Nephilim einsetzen. Diese sollten sich selbstverständlich einer Gerichtsbarkeit stellen.“, erhob Ruha das Wort, den Blick auf den Paladin fixiert. „Allerdings heißt das auch, dass niemand mehr ungerecht verurteilt wird. Wenn dieses Vertrauen nicht bestehen kann, bleibt die Gerichtsbarkeit bei uns, das müsst ihr leider verstehen.“

Einige Exorzisten raunten. „Das heißt, wenn wir auf diese Vereinbarung eingehen, würdet ihr die Bösartigen unter euch freiwillig ausliefern?“, hakte Angel nach, offen geschockt. Anscheinend traute er uns keinen gesunden Menschenverstand zu… was war dem eigentlich als Kind auf den Kopf gefallen?

Hinter mir hörte ich leise Schritte, meine Ohren zuckten. Irgendwer wollte sich aus dem Staub machen…? „Das kann doch nicht euer verdammter Ernst sein!“, hörte ich Kürschner zetern – die Schritte waren verstummt. Stattdessen hörte ich das Knurren unserer Hündin. Espi hatte sie von der Leine gelassen, und Oro hatte sich sofort dem Fäulnisdämon in den Weg gestellt, um ihn an einer Flucht zu hindern.

„Worte ohne entsprechende Taten gehören sich in der Diplomatie selbstverständlich nicht.“, fuhr Ruha fort und sah zu Kürschner, der eindeutig zu schwitzen begann. Jetzt verstand ich langsam: Der alte Deutsche hatte nur mitkommen dürfen, weil die anderen vorgehabt hatten, ihn auszuliefern. Als Argument für unsere Sache, denn dass er ziemlich viel auf dem Kerbholz hatte, wusste ich. Die Taktik machte mir zwar ein wenig Bauchschmerzen, aber… es war die einzige Lösung, wenn wir Susumu befreien wollten. Damit zwangen wir den Orden, einen Schritt in unsere Richtung zu machen.

„Ich hätte bei diesem Scheiß nicht mitmachen sollen.“, knurrte Kürschner und ballte die Fäuste, sein Anzughemd wirkte bei seiner bedrohlichen Haltung fehl am Platz. Summer hob eine Augenbraue. „Du hättest nicht denken sollen, dass wir deinen reinen Egoismus befürworten, Diedrich. Außerdem hast du genug Nephilim und Menschen für mehrere Leben auf dem Gewissen, auch wenn ich bezweifle, dass du wirklich eines besitzt. Deine Taten müssen ein Ende haben.“

„Ihr wollt mich doch nicht ernsthaft-…“ Oro knurrte, schnappte nach ihm und schnitt ihm so das Wort ab. Ruha lächelte den Paladin an. „Um unsere Verhandlungsbereitschaft zu zeigen, würden wir gerne Diedrich Kürschner, alias August Schneidhuber, den gesuchten Kriegsverbrecher, gegen den unrechtmäßig inhaftierten Exorzisten Yunokawa Susumu austauschen.“

„Verhandlungen mit Dämo-…“ Zu meiner Überraschung verbot Angel Samael mit einer Handbewegung das Wort. Anscheinend konnte man doch mit ihm reden. Er hielt sich eine Hand ans Ohr, an das Headset. Dann sah er zu einem unscheinbaren Mann im Pullover, der mit Händen in den Hosentaschen an der Wand lehnte. „Lightning, was hältst du davon?“ „Kein schlechtes Geschäft.“, erwiderte der nur schulterzuckend – und als sich sein Blick mit meinem traf und ein kurzes Lächeln an seinen Mundwinkeln zog, verstand ich. Angels engster Berater stand wirklich auf unserer Seite? Was zu Gehenna?

„Holt Yunokawa auf den Platz.“, befahl der Paladin in sein Headset, ich musste grinsen. Wir hatten es fast geschafft. Auch wenn ich bezweifelte, dass Susumu gerade gute Laune hatte, war ich wirklich froh, ihn gleich wiederzusehen. Angel warf uns einen ernsten Blick zu. „Wir werden auf euer Angebot eingehen, wenn ihr uns Schneidhuber übergebt. Zuerst.

„Amon?“, fragte Ruha, der Geisterdämon nickte und trat vor, packte den älteren Fäulnisdämon am Arm. Kürschner knurrte, worauf Oro einen drohenden Satz auf ihn zu machte. „Das werdet ihr bitter bereuen.“, zischte er. Dann richtete sich sein Blick auf mich, leuchtete in einer miesen Hoffnung auf. „Hey, Junge, wir sind doch alle Freunde. Das hier ist doch ungerecht, nicht?“ Ich biss die Zähne zusammen. Klar war es nicht gerecht, aber für wie naiv hielt er mich eigentlich? „Wie viele hast du getötet?“, fragte ich nur leise, Mitleid empfand ich keines. Seine Miene verzog sich zu einer angepissten Grimasse, fluchend versuchte er, Amon seinen Arm zu entreißen, aber Spyridon griff zu und half dem Geisterdämon.

Kürschner zeterte, fluchte, als die beiden ihn mit Oro im Rücken zu den Exorzisten schoben, die sich irritierte Blicke zuwarfen. Ich verzog das Gesicht, als ich den bekannten Runenring erkannte, den einer bereithielt. Kürschner ebenso, denn er bäumte sich mit einem Knurren auf, die Kohletierchen schwirrten um ihn herum, die Exorzisten wichen automatisch zurück, ich spürte, wie seine Kräfte aufwallten.

Oro bellte scharf, stemmte die Hinterbeine auf das Pflaster und sprang ihm mit voller Wucht in den Rücken, der Fäulnisdämon knallte mit dem Kopf auf den Boden. Der Höllenhund hockte mit ausgebreiteten Flügeln auf ihm, die Krallen in die Arme des Mannes gestützt und die Lefzen direkt neben seinem Ohr, knurrend, die Zähne gebleckt. Nicht einmal Kürschner wagte es noch, zu zucken.

Ruha nickte dem Exorzisten zu, der am nächsten stand. Er wurde totenbleich, nahm aber nach einem Wink vom Paladin die magische Fessel, ging um den knurrenden Höllenhund herum und schloss den Ring um Kürschners braunpelzigen Schweif. Der Fäulnisdämon schloss einen Moment die Augen, schien irgendwo zwischen Resignation und Explosion zu stehen.

„Oro, Beifuß.“, befahl ich nach einigen Sekunden, die Hündin hob augenblicklich den Kopf, hüpfte herunter und kam zu mir, rieb ihren riesigen Kopf an meinem Bein. „Brav“, sagte ich lächelnd und strich ihr über den Kopf. Von unserem Standpunkt in der Mitte des Platzes aus sah ich zu, wie die Exorzisten Kürschner auf die Beine zogen und den jetzt machtlosen Fäulnisdämon fesselten. Ich fühlte mich etwas unwohl dabei, aber er hatte es verdient.

„Wäre es nicht schlauer gewesen, ihn erst zu übergeben, wenn wir Yunokawa haben?“, wandte sich Summer leise an Ruha und mich. Meine beste Freundin schüttelte grinsend den Kopf. „Also bitte, wenn der Paladin sein eigenes Wort missachtet, wäre das doch eine wahre Schande für den Orden.“ Angel zuckte kurz, merkte wohl auch, dass die Vereinbarung hiermit galt. Wenn sie Susumu jetzt nicht freiließen, schossen sie sich ein Eigentor.

Azazel nickte nur auf Ruhas Worte hin. „Eines kann ich mittlerweile sagen – dieser Orden erfüllt nicht mehr den Zweck, für den wir ihn gegründet haben.“ Leichte Bitterkeit lag in seinen Worten. Wahrscheinlich begriff er jetzt, dass er weiter über die Nephilim hätte wachen müssen. „Sie sollten die Schwächeren schützen und nicht wahllos alle Dämonen töten…“, fügte er knurrig hinzu. Ich musste unwillkürlich grinsen. „Willkommen bei unserem Problem.“

„Schhht“, machte Ruha aufgeregt. Die Tür des nächstgelegenen Wohnheims ging auf, allerdings lag dahinter kein gemütlicher Eingang, sondern die kalten, steinernen Kerkerwände, die wir beide persönlich näher kannten als wir wollten. Wir alle waren erleichtert, als tatsächlich unser Kamerad aus der Tür trat – gefesselt und mit einer Laune wie der Grinch, aber lebendig und wohlauf. Und an seiner Seite… mein Herz tat einen Satz. Nicht nur die Wachen, sondern auch mein kleiner Bruder, der mich mit großen Augen ansah.

„Yukio…“, murmelte ich leise. Aber ein Gedanke freute mich – er schien eher besorgt zu sein als verärgert. Das hieß, ich hatte noch nicht alles wieder kaputtgemacht, was wir geschafft hatten, bevor ich gegangen war. Anscheinend hatte er sich genauso viele Gedanken gemacht wie ich. Ich musste unbedingt eine Möglichkeit finden, wieder mit ihm reden zu können, ohne dass er in Gefahr geriet…

„Yunokawa, Sie sind hiermit aus der Untersuchungshaft entlassen.“, sagte Angel schließlich, schien nicht ganz zufrieden damit. Eine der beiden Wachen zog einen Schlüssel aus der Hosentasche, löste Susumus Handfesseln, der nur das Gesicht verzog und sich die Handgelenke rieb. Dann setzte er wortlos seine Sonnenbrille ab und ließ sie mit einem Fingerschnipsen auf den Boden fallen, die Exorzisten raunten, als das Gestell in Flammen zerschmolz. Seine gelben Augen schweiften über den Platz. „Wurde auch langsam Zeit.“, grummelte er und kam zu uns herüber, unter den scharfen Blicken seiner eigentlichen Kollegen. „Ihr habt ganz schön lang gebraucht. Wehe, ihr habt derweil nichts geleistet.“

„Keine Sorge.“, meinte Ruha nur grinsend. „Darf ich dir Azazel vorstellen?“ Susumu nickte dem Geisterkönig zu, schmunzelte. „Na gut, ich sag ja schon danke.“ Er sah zu den Exwire, die ihn nur mit offenem Mund anstarrten. Anscheinend hatten sie nicht gewusst, warum ihr Lehrer auf einmal gefehlt hatte. Der Feuernephilim grinste. „Tut mir leid, Kinder, aber ich werde euch nicht weiter unterrichten.“ Sein Blick fiel auf Samael. „Und Pheles… betrachten sie das hier als informale Kündigung. Der Verein hier drüben gefällt mir leider besser.“

„Kann es sein, dass Untätigkeit dich noch sarkastischer macht?“, fragte Ruha amüsiert, er boxte ihr wortlos gegen den Arm. Er war uns nicht mal böse. Offenbar war ihm klargewesen, dass unsere Verbindung ans Licht kommen würde, sobald wir weg waren. Aber dass er nur wegen uns jetzt mehrere Wochen inhaftiert war… „Hey, guck nicht so, Kleiner.“, meinte er zu mir und grinste. „Alles gut.“ Ich zweifelte etwas daran, denn die Blicke vieler Exorzisten schrien quasi Verräter, wenn sie ihn und mich ansahen. Allerdings schienen sie auch beunruhigt davon, dass sich einer von ihnen sofort auf unsere Seite gestellt hatte.

„Wenn wir so weit wären, hätte ich noch eine Frage zu diesem Abkommen.“, warf Samael plötzlich mit einem süßlichen Grinsen ein. „Wenn wir auf diese Bedingungen eingehen würden, können wir doch sicher erwarten, dass sich alle von euch stellen, die sich dem Mord an Unschuldigen, ob Nephilim oder Mensch, Exorzist oder nicht, schuldig gemacht haben, nicht wahr, Ruha?“

Ich verstand nicht ganz, aber sie versteifte sich augenblicklich, den Kiefer angespannt. „Selbstverständlich.“, knurrte sie. „Allerdings ist die genauere Untersuchung solcher Fälle eine Frage, die wir zuerst in unserer Hoheit sehen und unter uns debattieren werden. Wenn ihr denn auf die Bedingungen eingeht.“

„Langsam wäre es Zeit, diese lustige Unterredung zu beenden.“, räusperte sich Amon und trat vor Ruha. Sie wandten sich ab, aber ich rief Angel noch grinsend zu: „Falls ihr noch hofft, dass ich mich stelle, könnt ihr übrigens lange warten.“



„Sammy ist noch ein größeres aufgeblasenes Arschloch als früher.“, kommentierte Azazel, kaum, dass wir mit einem Schlüssel das Gelände verlassen hatten. Interessanterweise lösten wir damit nicht mal die Barrieren aus, obwohl meine Flammen immer noch ziemlich frei um mich herumtanzten, seit Angel mich herausgefordert hatte.

„Was hat er da gerade gemeint, Ruha?“, fragte ich leise, sie verzog das Gesicht – schuldbewusst. „Wie du dir vielleicht denken kannst, hat er mich gemeint.“, antwortete sie seufzend. „Und… er hat Recht. Als ich von Hashima geflohen bin, habe ich die gesamte Insel versenkt. Auch diejenigen, die nicht in der Lage waren, zu fliehen. Ich… Wenn ihr mich dafür verurteilen wollt, werde ich mich fügen.“

Ich nahm sie in den Arm. „Ich wusste schon davon.“, sagte ich leise. „Ich wollte nur, dass du es mir selbst sagst. Darüber werden wir später noch reden müssen.“
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