Die Halbe Gesellschaft

von Monklet
GeschichteFreundschaft / P12
Lucifer Mephisto Pheles OC (Own Character) Rin Okumura Yukio Okumura
01.02.2019
03.04.2020
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„Oh ja!“, meinte ich neugierig. Ich hatte vor lauter Sorgen und Ängste ganz vergessen, dass hier ein neuer Ort mit einer Menge neuer Leute auf mich wartete, und ich war noch nie in einem Bunker gewesen! Und ich wollte wissen, was Alexey und seine Leute aus dem alten Gebäude gemacht hatten.

Ruha lächelte, ich wusste nicht genau, warum. Der Fahrer griff nach den Koffern der zwei Frauen und ging hinter Alexey her. Der blieb neben der Tür stehen und schob eine Pflanze beiseite, die ein Tastenfeld verbarg. „1026.“, erklärte er uns knapp, gab den Code ein, die schwere Stahltür klickte und ließ sich mit Mühen aufziehen. Amon schnaubte amüsiert. „Das offizielle Gründungsjahr des Exorzistenordens… mit der Ironie bekommen die das nicht auf.“ „Die Exorzisten sind eben nicht für Humor bekannt.“, entgegnete der Russe hinterlistig.

Durch die Tür kamen wir in einen wenige Meter breiten Betongang, der eine steile Treppe hinunter, zu einer zweiten, noch massiveren Tür führte, die allerdings offen stand. Dahinter brannte Licht. Der Geruch von Gehenna und Assiah vermischte sich. Hier war es merklich kühler, wir waren schon mehrere Meter unter dem Erdboden. „Wie groß ist das hier?“ „Die oberste Etage, etwa zwei Hektar. Allerdings geht es noch weiter in die Tiefe, diese Lagen haben wir allerdings nur wegen der Statik besichtigt, gemacht ist da noch nichts.“

„Das ist viel, oder?“, fragte ich dämlich, Nasus Faust zuckte, ich hob unwillkürlich die Hände. „Hey, war nur ne Frage!“ „Kein Vergleich zur Heilig-Kreuz-Akademie, aber dafür, dass es komplett im Untergrund liegt, gigantisch.“, antwortete Ruha schließlich. „Wenn wir die unteren Stockwerke nutzbar machen, können wir problemlos alles hier unterbringen, was wir wollen. Was haben wir bisher hier oben?“

Alexey winkte uns voran, bis wir in einem breiten Gang standen. Dort liefen relativ viele herum, Arbeiter mit Baumaterial, aber auch Frauen und Kinder. Manche warfen uns neugierige oder vorsichtige Blicke zu. Ein kleiner Junge starrte mich mit offenem Mund an, bis seine Mutter ihn auf Russisch zusammenstauchte.

„Hier hinten ist die Cafeteria, ne ordentliche Mannschaftsküche konnte ich einer Kaserne abkaufen, die grade aufrüstet. Zwar etwas einfach, sollte aber fürs erste reichen.“, erklärte er und zeigte uns einen Raum mit langen Tischen und Bänken. Ich seilte mich unauffällig ab und warf durch die Durchreiche einen Blick in die Küche. Jetzt fiel auch meine Kinnlade und meine Augen begannen wahrscheinlich zu leuchten.

„Depp…“, murmelte Nasu hinter mir, während ich die komplett mit Edelstahl ausgestattete Küche bestaunte. Hier fand sich alles, was man sich nur erträumen könnte! Kühl- und Eisschränke, riesige Herde und Bratflächen, Gehänge mit allem möglichen Werkzeug. „Was ist los?“, fragte der Russe verwirrt. Ruha seufzte hörbar. „Unser Champion ist Hobbykoch. Und zwar ein ziemlich guter.“ „Und Ruha seine liebste Kundin“, lachte Itachi leise.

„Rin, wir wollen weiter, du kannst später dein neues Reich bestaunen.“, meinte Nasu und zog mich am Arm von der Durchreiche weg. Ich schob schmollend die Unterlippe vor. Woher sollte ich wissen, was ich kochen wollte, wenn ich nicht wusste, was für Zutaten es hier in Russland überhaupt gab? „Man, ihr seid echt verrückt.“, kommentierte Alexey kopfschüttelnd, führte uns weiter.

„Hier haben wir noch zwei gut ausgestattete Krankenzimmer mit je vier Betten und vollausgestattet mit Medikamenten für mindestens ein Jahr, und das auch nur wegen Verfallsdaten. Ach ja, ich hab zwei halbwegs anständige Ärzte unter meinen Leuten, haben allerdings beide die Promotion verloren… ihr kennt das ja.“ Erst nach einigen Sekunden verstand ich, dass er von dem Versteckspiel redete, dass die meisten Nephilim durchhatten und das ich gerade erst begann.

„Hier hinten haben wir Trainingsräume, abgesichert für die meisten dämonischen Fähigkeiten – auch wenn diese nicht über die Schmelztemperatur von Stein hinausgeht.“ Er warf mir einen deutlichen Blick zu. So viel zu meinem Training. „Außerdem wäre es besser, wenn Erddämonen mit Erdmanipulation draußen trainieren, dafür ist das Gebäude nicht ausgelegt. Ich kann es nicht gebrauchen, wenn jemand an der Statik herumwerkelt.“

Er ging weiter, öffnete die nächste Tür. Nasu keuchte. „Für unsere Wasserfreunde haben wir auch was anschaffen können, auch wenn es nicht ohne war, das hinzukriegen.“, grinste er. Nasu sah aus, als wollte sie direkt reinspringen. Diese irren Russen hatten tatsächlich ein ziemlich großes Schwimmbad eingelassen, mit Vorraum, falls jemand Überschwemmungen verursachte. Ein Traum für Wasserdämonen. Ausgenommen…

„Naaasuuuu!“, quietschte eine aufgedrehte Stimme, die Sirene verzog das Gesicht, als auch schon eine klatschnasse Meerjungfrau aus dem Wasser sprang und sie umnietete. „Charel, du Hohlbirne, geh runter von mir!“, fauchte die Grünhaarige, die tollpatschige Korallenbewohnerin lachte. „Mürrisch wie immer, Cousinchen.“ „Klappe, Seetangschädel, du saust mich ein!“

„Was macht sie denn hier?“, fragte ich irritiert. Charel warf mir einen schrägen Blick zu. „Ich wollte dich anrufen, aber du bist nicht rangegangen, also hab ich meine Familie angerufen und dann hiervon erfahren. Und dann wollte ich natürlich gleich kommen, ich will doch helfen!“ „Mein Handy ist weg…“, murmelte ich nur. Nasu schnaubte und zog sich ihr Shirt über den Kopf, wrang es aus. „Von wegen Hilfe. Du kannst ja kaum aus dem Wasser.“

„Wir finden für jeden, der helfen will, einen Zweck.“, intervenierte Amon den Streit der beiden. „Was haben wir noch, Alexey?“ „Quartiere und Baderäume für etwa zweihundert sind schon fertig, an dem Rest arbeiten wir noch. Wir haben Aufenthaltsräume und etwa zwanzig Prozent der Fläche geht im Moment für Lagerflächen drauf, zum Glück ist es nicht schwer, Baumaterial schwarz zu bekommen. Und sonst…“ Er grinste. „… haben wir noch die Räume, die nur für die Elite gedacht sind.“

„Elite? Was für ne Elite?“, fragte ich verwirrt, Ruha rollte mit den Augen. „Wir. Diejenigen, die alles angestoßen haben, und die restlichen Anführer größerer Gruppen. Alle, die wir garantiert auf unserer Seite brauchen, wenn wir etwas erreichen wollen. Und vorrangig, du.“ „Oh…“, murmelte ich nur, fühlte mich schlagartig unwohl. Sie taten ja so, als wären wir, als wäre ich irgendwas Besseres als die anderen. Das wollte ich nicht. Ich war mein Leben lang immer so behandelt worden, als… wäre ich weniger wert als andere. Der Gedanke, das umzukehren, ließ mich schaudern. So wollte ich nicht sein.

„Rin… Kommst du?“, fragte Itachi zögerlich, ich nickte abwesend. Nasu warf mir einen prüfenden Blick zu. Natürlich, sie wusste, was ich dachte. Das tötete allerdings nicht das Lodern in mir, das bei dieser kleinen negativen Emotion schon wieder schrie, alles zu Asche zu verbrennen.

Alexey beobachtete mich mit leichtem Misstrauen, als ich meinen Freunden folgte, bemüht, die Flammen unter Kontrolle zu behalten. Meine Sinne spielten gerade verrückt, ich roch alles, spürte alles. Von dem jungen Russen ging ein kaum merklicher, fauler Geruch aus, wie von altem Obst. Ein Fäulnisdämon, ohne Frage. Astaroth kam mir in den Sinn, heizte meine Wut noch mehr an.

„Rin, beherrsch dich, bis wir unter uns sind.“, knurrte Ruha plötzlich leise neben mir, ich spürte ihre kühle Hand auf meinem Arm liegen. Ich zuckte, als ihre Kräfte gegen meine ankämpften, die Flammen zischten. Wenigstens sah ich wieder, was vor mir war. „Okay… danke.“, sagte ich leise. Es wurde langsam zum Problem, das merkten wir alle. War es doch ein Fehler gewesen, mich wieder auf das Leben einzulassen?

„… Dann mal hier entlang.“, murmelte unser Gastgeber, sein Geruch stach in meine Nase. Er war bereit, jederzeit zu reagieren, denn er spürte unsere Anspannung. Nach einem weiteren Blick drehte er uns den Rücken zu und führte uns einen weiteren Gang entlang, tiefer in die Erde. Zu einer weiteren, codegesicherten Metalltür.

„Den Code am Eingang kennen alle. Den hier nur die Vertrauenswürdigsten… und die, die wir sowieso nicht aus den Augen lassen.“, erklärte er und gab wieder eine Zahlenfolge ein, diesmal selbst. Ein Klicken ertönte, die Tür ließ sich öffnen. „Der Code ist 200481.“ Amon runzelte die Stirn, sagte aber nichts dazu. Ich fragte mich, wie ich mir das alles merken sollte.

Mir klappte die Kinnlade auf, als wir eintraten und mich warmes Licht und ein Teppich begrüßte. Es erinnerte mich in seiner Freundlichkeit fast an das Goat’s Flask, mit Sofas und einem Billardtisch in der Mitte. An einer Wand hing ein Fernseher, auf dem englisches Fernsehen lief, und in zwei Richtungen gingen weitere Flure ab, die allerdings wenigstens gestrichen waren, in orange.

Eine Last fiel von meinen Schultern. Ich hatte mir den Bunker kälter vorgestellt, unangenehmer. Dass es hier so nett war, beruhigte sofort mich und damit auch meine andere Seite. Und dass ausnahmsweise mal nirgendwo Bannsiegel verteilt waren und die Kohletierchen einfach herumschwirrten, entspannte mich ebenfalls.

„Hier gibt es Zweier- und Viererzimmer, und es gibt private Badezimmer. Hier kommt niemand rein, der keine Erlaubnis hat. Ihr braucht euch also um nichts zu sorgen als die Mission.“, fuhr Alexey fort, dann zeigte er auf eine breite Tür, die zwischen zwei Sofas abging, aus Holz gemacht und in einem edlen Ton. „Das da ist die Tür zum Besprechungszimmer, direkt dahinter haben wir die Überwachung aufgebaut. Es gibt Kameras rund um die Ausgänge – es gibt mehrere, aber nur einen offensichtlichen Eingang – und in den Aufenthaltsräumen, sowie in den medizinischen. Wem wir das anvertrauen, müsst ihr dann selbst entscheiden.“

Ich sah zu meinen Freunden. „Itachi macht das, oder?“, meinte ich leise, immer noch geschafft von meinem Beinahe-Zusammenbruch. Das Wiesel lächelte mich an, die anderen nickten. „Keine Frage.“, kommentierte Nasu. „Er hat genug von den Schul-PCs repariert, um Ahnung von dem Kram zu haben.“ „Und wir vertrauen ihm, das ist das Wichtigste.“, gab Ruha dazu, ruhig und kühl wie immer.

„N-Nur für die eine Nacht bräuchte ich dann e-eine Vertretung…“, meinte Itachi mit gerötetem Gesicht, offensichtlich gerührt. Ich verstand nicht ganz, aber Nasu nickte – verständnisvoll. „Klar doch. Du sollst ja nicht im 24-Stunden-Betrieb arbeiten, sondern nur entscheiden, wem wir das anvertrauen können.“

„Stimmt. Blutmond, richtig?“, hakte Alexey nach, die Hand auf dem Knauf des Besprechungsraums liegend. Itachi nickte. „Ich weiß damit umzugehen, keine Panik.“ „Na dann.“ Der Russe öffnete die Tür, damit wir einen Blick in den einfachen, aber eleganten Raum werfen konnten. Eine große Holztafel stand in der Mitte, knapp dreißig Stühle sammelten sich darum, noch mehr Sitzgelegenheiten standen an den Wänden. Auf jedem Platz stand ein Bildschirm bereit, und an der hinteren Wand war ein großer Monitor, auf dem man sicherlich viel präsentieren konnte. Die Tür daneben fiel dagegen kaum auf – dahinter musste die Überwachung sein. Ein bisschen erinnerte es mich an den Orden, dass hier überall Kameras hingen, aber es war nur zu unserem Schutz.

Ob der Orden das genauso sah, wenn er über mein Leben debattierte?

Mir lief ein Schauer über den Rücken.

„Ihr habt euch hier ganz schön was aufgebaut. Zum Leben aber doch ziemlich fade auf Dauer…“, kommentierte Azazel ohne irgendwelchen Unterton. Klar, wenn man an die monströse verfallene Stadt dachte, die er regiert hatte, war das hier gar nichts. Aber er wurde ja auch nicht verfolgt. „Wir werden ja auch nicht mehrere Monate am Stück hier verbringen. Die Basis ist hauptsächlich für den Notfall und als Zentrum gedacht.“, erklärte Amon, seine Geduld war wirklich unendlich.

„Dann lasse ich euch mal alleine, wie ihr die Zimmer nutzt, ist euch überlassen, aber entscheidet lieber, bevor die anderen eintreffen. Wir sehen uns, ich werde wohl die meiste Zeit die Baustellen an den Großquartieren überwachen, bis sie beendet sind.“, verabschiedete sich Alexey und ließ die Tür zu unseren Räumen zufallen, damit niemand Unbefugtes mehr hineinkam.

„Er vertraut mir nicht.“, gab ich tonlos von mir, drückte mir mit den Fingern auf die Schläfen. „Kein Wunder, bei dem…“ „Rin, tick jetzt bloß nicht wieder aus.“, zischte Ruha, setzte sich aber gleichzeitig neben mich auf das Sofa und legte mir eine Hand auf den Rücken, strich beruhigend darüber. „Das ist doch kein Wunder, er kennt dich nicht und du bist einfach zu…“ „Gefährlich?“ „Zu mächtig, um sich gedankenlos darauf einzulassen. Es könnte ja sein, dass du gar nicht auf der Seite stehst, die er für richtig hält. Wenn das hier schiefgeht, setzen alle Nephilim ihre Leben aufs Spiel.“

„Und das alles nur, weil mir diese Scheiße passiert ist…“ „Wenn du jetzt zu zweifeln anfängst, hau ich dir eine rein!“, drohte die Lichtdämonin mit erhobener Faust, ich hob die Hände, kannte ich doch ihre Schläge. Das letzte Mal hatte ich kaum laufen können. „Ich will das hier doch auch, aber wir wissen doch alle, dass ich keine ihrer Erwartungen erfüllen kann. Zumindest nicht, solange ich mich nicht unter Kontrolle kriege. Und im Moment bin ich eine Totalkatastrophe.“

Zu meiner Verstörung grinste Azazel und kratzte sich am Bart. „Das merkt selbst ein Blinder. Du läufst aus wie ein morsches Fass. Aber wenn du mich bittest, helfe ich gerne…“
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