Die Halbe Gesellschaft

von Monklet
GeschichteFreundschaft / P12
Lucifer Mephisto Pheles OC (Own Character) Rin Okumura Yukio Okumura
01.02.2019
10.10.2019
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Ganz verstand ich den Sinn dahinter nicht, aber nach der Reihe ziemlich kleiner Portionen war ich doch irgendwie satt – und das Dessert, irgendein Schokomousse mit Schokolade aus der Schweiz, war echt lecker gewesen. Am liebsten hätte ich nach dem Rezept gefragt.

Ich nahm einen Schluck von meiner Cola, spürte, wie das Flugzeug langsam in Landeanflug ging. Die Landschaft unter dem Fenster war etwas anders, als ich sie kannte. Zwar erstreckte sich direkt unter uns die riesige Stadt Moskau, dafür grenzte in der Ferne ein gigantischer Wald an, der sich bis zum Horizont zu erstrecken schien. So platzverschwendend hätte man in Japan nie gebaut – ich meine, wir stapelten die Häuser mittlerweile.

Mir fiel etwas ein. „Sagt mal, wie kommen wir überhaupt durch die Grenzkontrollen? Ich meine, in Dalansalat sind wir ja ohne zu fragen abgehoben, aber wenn die jetzt nach unseren Pässen fragen, weiß der Orden ja sofort, dass wir hier sind.“ Und dann hätten wir uns die aufwendige Flucht auch sparen können, denn ich hätte sie schon wieder am Hals. Oder direkt Samael, der sich für die Nacht rächen wollte, die er selbst verzapft hatte.

Ruha lächelte wissend. „Wir haben Möglichkeiten, das zu umgehen. Das Rollfeld ist zwar eingezäunt, aber es könnte sein, dass an einer Stelle zufällig ein Loch aufgetaucht ist, durch das wir zu einer Limousine kommen, die uns bis an den Stadtrand bringt. Außerdem ist dieser Flug übrigens als Leerflug gelistet, dementsprechend wundert sich auch niemand, wenn am Terminal keiner auftaucht.“

Ich überlegte kurz. Wenn meine Freunde – und ihre unglaublichen Fähigkeiten, was Organisation anging – nicht wären, hätte mich der Orden schon lange wieder gefasst, und ich würde in einer kalten Zelle auf meine Hinrichtung warten. Eine Gänsehaut lief mir über die Arme, so heftig, dass es fast schmerzte. Ich musste mich unbedingt wieder unter Kontrolle bekommen und ihnen allen beweisen, dass die Angst vor mir, der Hass, unbegründet war.

Und ich musste meine Freunde aus dem Kolleg um Vergebung bitten, für das, was ich am ersten Tag meines Lebens verbrochen hatte.

Ohne dass ich den Senkflug wirklich mitbekommen hatte, setzte das Flugzeug auf dem russischen Landefeld auf, rollte bremsend zum Stand. Wir packten unsere Taschen zusammen, die Stewardess verabschiedete uns, als wir über die heruntergeklappte Treppe das Flugzeug verließen. Kalte Luft kam mir entgegen, im Verhältnis zu dem, was ich in letzter Zeit erlebt hatte. Die Hitze der Wüste Gobi, selbst die kühle Herbstluft daheim in Japan.

Ich schüttelte mich, versuchte, die Gänsehaut loszuwerden. Ruha und Espi liefen bereits zielstrebig auf den Zaun zu, der das Rollfeld eingrenzte, weg von den großen Terminals. Itachi grinste. „Wir dürfen uns bloß nicht ohne Visa erwischen lassen, das gibt sicher Ärger…“

„Dafür gibt es Lösungen.“, meinte Nasu kalt und blieb hinter Ruha stehen, die den Zaun musterte. Nirgendwo ein Loch. „Und wie…“ Ich beendete meinen Satz nicht, Ruha hob die Hand und ihre schwarze Kraft verschluckte ohne Anstrengungen einen türgroßen Teil des Zauns. Es war immer wieder unglaublich, wie selbstsicher und fraglos sie ihre Macht einsetzte. Ganz anders als ich.

„Glotz nicht so, los!“, stieß mich die Sirene an, ich folgte ihnen durch den Zaun. Wenige Meter dahinter verlief eine schmale Landstraße, auf der tatsächlich bereits eine schwarze Limousine mit hinten getönten Gläsern wartete. Irgendwie, nach Privatjet und Chauffeur, kam bei mir das Gefühl auf, dass die älteren Nephilim, die es geschafft hatten, zu überleben, in vollkommen anderen Dimensionen dachten als ich. Zumindest hatten sie um Welten mehr Geld.

Amon öffnete die hinteren Türen und hielt sie offen, ließ zuerst die beiden Frauen unter uns einsteigen, dann Itachi, der Azazel bei sich trug. Espi mit Oro und ich mit Kuro kletterten auf die Sitze gegenüber, Amon stieg vorne ein, um dem Fahrer Anweisungen zu geben. Das Auto setzte sich in Bewegung, und ich zog unwillkürlich den Kopf ein, als ich neben der Ausfahrt des Flughafens einen Wagen der Polizei sah. Wie gut waren eigentlich die Beziehungen von Orden und Ordnungsamt? Gab es Kopfgelder auf mich und die anderen? Oder ließen die sich lieber von den Illuminati schmieren?

Ein raues Gähnen mit darauffolgendem Schmatzen war zu hören. Azazel zuckte und schlug die Augen auf – rotbraun, wie Shiros. Erst jetzt schlug der Gedanke auf mich ein, dass Vater der Klon dieses Typen gewesen war. Dabei sahen die beiden sich kaum ähnlich, und charakterlich waren sie wie unterschiedlich wie Tag und Nacht. Amon und Kuro – die beiden Angehörigen des Geisterreiches – hoben augenblicklich die Köpfe, ersterer drehte sich um, sodass er den hinteren Bereich sehen konnte.

Ruhig sah Azazel sich um, sein Blick blieb an mir hängen – offenbar erkannte er mich, wusste noch, was passiert war. „Wo bin ich?“ „In Moskau, der Hauptstadt Russlands.“, antwortete ich knapp. Er zuckte mit den Schultern. „Das sagt mir weniger als ein quietschendes Kohletierchen.“, entgegnete er mit regungsloser Miene. Er sah zu Amon.

„Eine Großstadt der Menschen in der nördlichen Hemisphäre, Hauptstadt des größten Landes der Erde.“, erklärte dieser ruhig und gehorsam. „Wir haben in der Nähe unsere Basis errichtet.“ Nasu rollte mit den Augen, ich schmunzelte. „Willst du behaupten, du wärst besser, wenn es um Egyn geht?“ Sie schnaubte nur und verschränkte bockig die Arme vor der Brust. „Nervensäge.“, hieb sie mir in Gedanke entgegen.

„Und was ist das hier?“, fragte der Geisterkönig tonlos und zeigte nach unten – auf das Auto, das ruhig durch die Straßen fuhr, uns langsam sichtlich an die Ränder der Stadt brachte. „Äh…“, kam es wenig ausdrucksvoll von mir. Die anderen waren ebenso ratlos, was eine Erklärung anging. „Ein Transportmittel. Ein Auto.“, fasste ich schließlich alles zusammen, was ich wusste. Azazel nickte und lehnte sich zurück. Das Gespräch verstummte. Auch toll.



Wir näherten uns dem Wald, und trotzdem machte mich irgendetwas unruhig. Die Limousine fuhr an die Seite, wir stiegen aus, Itachi bezahlte den Chauffeur – mit dickem Trinkgeld, für die Verschwiegenheit. Er fuhr davon, das Kribbeln hörte nicht auf.

Wenige Minuten später fuhr ein anderer Wagen vor, von Schlamm bespritzt und verbeult. Dafür mit eindeutig genug Stauraum, um Leichen unterzubringen. Diese gruseligen Gedanken kamen definitiv von Nasu… immerhin hatte sie auf dem Flug mit genug verstörenden Geschichten aufgewartet.

Als das Beifahrerfenster heruntergekurbelt wurde, fiel mir allerdings ein Stein vom Herzen. „Da sind unsere Helden ja endlich mal in Realität, habt ja lange genug gebraucht.“ „Alexey.“, grüßte Ruha ihn – und hatte ihr Mundwinkel gerade gezuckt? Anscheinend schienen die beiden sich besser zu kennen als gedacht.

Der Blick des Russen fiel auf mich. „Und du bist also der neue Dämonenkönig, von dem sich das Prinzesschen so viel verspricht? Im Vergleich zu den anderen Baal wirkst du ein bisschen… naja, zu normal.“ „Rin Okumura.“, stellte ich mich vor, zuckte mit den Schultern. „Ist im Moment noch irgendwas normal?“

Der junge Mann mit der glattgestriegelten Frisur grinste. „Dann steigt mal ein, Leute, in Alcatraz wartet man schon angespannt. Und wie ich gehört habe, hat zumindest die Polente Wind von den Unstimmigkeiten am Flughafen gekriegt, angeblich fehlt ein ganzer Zaun.“ „Spar dir die dämlichen Kommentare.“, entgegnete Ruha augenrollend, zog die hintere Tür des Wagens auf und stieg ein. Wir folgten, Itachi schüttelte amüsiert den Kopf.

Ich setzte mich auf den Boden des Wagens, auf eine Decke, mein Blick fiel auf eine offenstehende Kiste hinter dem Fahrersitz, in der wenig versteckt Waffen lagen. Messer und Handfeuerwaffen bis hin zu Gewehren, die einen Menschen zu Schweizer Käse verarbeiten könnten. Die Ausmaße unseres Vorhabens kamen mir wieder in den Sinn.

„Eine Stunde durch den Wald, macht’s euch bequem!“, lachte der Russe auf dem Beifahrersitz und das Auto fuhr ruckartig an. Worauf hatte ich mich bloß eingelassen?



„Rin, kann es sein, dass du etwas nervös bist?“, schmunzelte Nasu, je näher wir der Basis kamen, desto zappeliger wurde ich nämlich. Ich verzog das Gesicht. „Nenn mir einen Grund, warum ich nicht nervös sein sollte. Du kommst ja nicht dahin mit der Voraussetzung, dass jeder ein Wunder von dir erwartet.“, antwortete ich etwas quengelig. Kuro maunzte. „Du schaffst das schon, Rin. Wir sind doch da.“

„Der Kater hat recht.“, nickte Ruha. „Die einzige Person, die dich ziemlich sicher auf die Probe stellen will, ist Kürschner, und der bekommt bald genug sein Fett weg.“

„Ihr habt euch da ganz schön in irgendwas verstrickt, oder?“, gähnte Azazel und zwirbelte seinen langen Bart, Sand rieselte zu Boden. Ich wusste nicht so recht, ob ich ihn leiden konnte oder nicht. Bisher schien er nur zu schlafen oder desinteressiert daneben zu sitzen. Nasu rollte genervt mit den Augen, aber Amon antwortete schneller. „Nun, Rin und Ruha werden verfolgt, zudem handeln wir entgegen den Vorstellungen der Mächtigen. Kein Wunder also, dass wir uns Gedanken machen müssen.“

„Dafür, dass du mitkommen wolltest, scheint dich das ziemlich wenig zu jucken.“, schnaubte ich genervt. Azazel hob die Augenbrauen, lehnte sich zurück und verschränkte die Arme im Nacken. „Das hier ist nicht mehr meine Welt. Ich bin hier als Zuschauer. Ich will nur sehen, was aus meiner Idee geworden ist, mehr nicht.“

Ich warf Amon einen eindeutigen Blick zu. Das war eine unglaublich beschissene Idee. Nasu stieß mir den Ellenbogen in die Seite. „Jetzt heul nicht rum, der kriegt sich schon ein, wenn er die Situation versteht. Außerdem haben wir vorgesorgt.“

„Festhalten, Ladies, wir sind da!“, meldete sich Alexey plötzlich, der Fahrer ging voll in die Eisen, ich knallte mit dem Kopf gegen seinen Sitz. Nasu prallte voll gegen mich, der Russe lachte, als er uns durcheinander liegen sah, ein stöhnender Haufen Körper. Er stieg aus, öffnete uns die Tür, ich war der Erste, der mit seinem Rucksack und dem Koffer in der Hand heraus stolperte. Kuro hüpfte mir eleganter hinterher.

Mein Blick wanderte durch die Gegend, der Geruch des Waldes stieg mir in die Nase, ließ mich tief durchatmen. Ich erkannte den Bunkereingang von dem Foto wieder, allerdings hatte ihn mittlerweile jemand mit Pflanzen und Farbe getarnt, sodass er im Dunkeln wohl gar nicht auffiel. Die Wahrscheinlichkeit, dass uns jemand zufällig entdeckte, war fast null.

„Sieht von außen gar nicht so beeindruckend aus, was?“, fragte mich Alexey mit einem verschmitzten Grinsen, mir fiel die Narbe auf, die er am Kinn hatte. Außerdem war sein rechtes Auge seltsam trüb… Abgelenkt nickte ich. „Sag mal, warum sprichst du eigentlich so gut Japanisch?“, fragte ich, unsicher, ob ich so locker mit ihm reden konnte. Schließlich wollten mich einige hier noch prüfen, nur wusste ich nicht, wer.

„Oh, Yunokawa und ich waren früher gute Kumpels, als er zwischendurch in Sankt Petersburg stationiert war. Er hat’s mir beigebracht, und ich finde, je mehr Sprachen man kann, desto weniger Mist können andere über einen reden.“, erklärte er locker, steckte sich eine Zigarette an und ließ eine Hand in der Hosentasche verschwinden. Als er sich zum Transporter umdrehte, lief mir ein Schauer über den Rücken, denn in seinem Hosenbund sah ich deutlich den Abdruck einer Pistole.

„Wie lange braucht ihr denn?“, rief er, Ruha warf ihm einen genervten Blick zu, denn Itachi und Espi versuchten gerade zwecklos, Oro aus dem Fahrzeug zu bekommen. Ich räusperte mich. „Oro, Beifuß!“ Was letztens in der Küche schon funktioniert hatte, funktionierte auch jetzt wieder. Die Hündin hob den Kopf, bellte und schmiss mit ihrer gigantischen Körpermasse Espi um, als sie aus dem Kofferraum sprang. Vor mir landete sie auf dem Boden und senkte den Kopf, hechelte mich von unten an.

„Was zu Gehenna?“, entfuhr es Ruha, die Stirn gerunzelt. Ich zuckte mit den Schultern. „Seit dem hier…“ Ich wies auf meinen Körper. „… funktioniert das. Auch Familiars von Tamern verziehen sich, wenn ich sie böse angucke.“ Okay, ein böser Blick hatte nicht gereicht, aber ich bekam es hin.

Sprachlos waren meine Freunde, beeindruckt Alexey. „Lassy hier hat nicht untertrieben, als sie von dir berichtet hat.“, meinte er und legte kumpelhaft einen Arm um Ruha, die ihn böse ansah. Amon schmunzelte. „So hat sie sich genannt, als wir früher mal hier waren. Lassy und Donald.“ „Ein Wunder, dass der dämliche Trick überhaupt funktioniert hat, eigentlich erkennen die Bullen gefälschte Pässe. Die meisten von denen fälschen selber.“, kommentierte der Russe.

Nasu räusperte sich, sie und Itachi konnten sich ein Grinsen nicht verkneifen. Von der Abenteuerreise unserer beiden Kameraden hatten wir alle schon gehört. Die Sirene unterbrach das freundliche Beisammensein jedoch schließlich.

„Wie wäre es, wenn wir uns unser neues Hauptquartier dann mal ansehen?“
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