Die Halbe Gesellschaft

von Monklet
GeschichteFreundschaft / P12
Lucifer Mephisto Pheles OC (Own Character) Rin Okumura Yukio Okumura
01.02.2019
03.04.2020
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Schweigend hielt ich mich an Iblis fest, die lachend und mit einem irren Tempo über die Dünen raste. Meine Freude saßen hinten in dem gläsernen Schlitten, insgeheim erleichtert darüber, dass unser Gewaltmarsch durch die Hitze beendet war.

Nach einigen Minuten konnte ich nicht mehr stillhalten. „Sag mal, Iblis, du gehörst doch zu den Illluminati, oder? Warum hilfst du uns?“

Ich konnte ihr Augenrollen förmlich spüren. „Mein Bestie Iggy hat mich zu so `ner Art Ehrenmitglied der Lichtfanatiker ernannt. Aber eigentlich krieg ich nur Kohle und so weiter, damit ich ihnen nicht auf die Nerven gehe und mich in irgendwas einmische. Ich meine, als würde ich mich freiwillig mit diesem arroganten Arschloch von Zeit und Raum einlassen. Also, nimm es einfach als einen selbstlosen Akt meinerseits. Und ganz ehrlich, so wie Iggy von dir redet, nimmt er mir das in tausend Jahren nicht übel.“

Die Königin des Feuers war echt ein interessanter Charakter. Niemand, dem ich sofort vertrauen würde, aber ich mochte sie. „Also machst du so eine Art Abenteuertour um die Welt, denke ich mal?“ Ein Lachen – ihr Lachen war echt schön, kein Wunder, so oft, wie sie lachte. War es das, was die Menschen am Feuer faszinierte? „Im Prinzip ja. Ich mach das, worauf ich Bock habe, ob Tauchen im Amazonas, Party in Vegas oder eben Quad fahren mitten in den Wüsten Chinas. Nur nicht diese stoischen katholischen Länder wie Italien, das kann ich nicht ab.“

Eine ewige Weltreise mit unbegrenzten Geldmitteln? Iblis hatte ein verdammt beneidenswertes Leben. Und das schien sie auch zu wissen. Sie konnte spontan sein, wie sie wollte, denn sie war stark und hatte zwei andere Dämonenkönige hinter sich stehen (mehr oder weniger). Ein bisschen neidisch machte das schon.

„So schweigsam plötzlich, Kleiner?“, schmunzelte Iblis, ich brummte. „Du hast es echt gut. Einfach so machen was du willst…“ Sie seufzte. „Oh Mann, anscheinend wird in Sammys Gegenwart wirklich ausnahmslos jeder zum Miesepeter. Du hast es doch eigentlich gar nicht so viel anders, oder?“ „Hä…?“ „Deine Kumpels da hinten geben doch alles für dich, und an Mitteln hapert es euch ja wirklich nicht. Ansonsten hättet ihr es nie bis zu Azzy geschafft. War übrigens mal Zeit, dass der Langschläfer aus seinem Nickerchen gekickt wird.“

Okay… Ihre Gedankengänge wiesen doch auf einen ziemlichen Fall von psychischem Schaden hin. Hoffentlich wurde ich nicht irgendwann so wie die anderen Dämonenkönige.

„Da vorne ist es! In der Oase solltet ihr auch jemanden finden, der euch nach Dalangsadgad fährt.“ „Dalansalat? Was ist das?“ „Dalansadgad. Zu dem Flughafen wollt ihr doch, richtig? Keine Panik, ich sag Luce auch nichts.“

Ohne Vorwarnung ging Iblis in die Eisen, ich klammerte mich an sie, während wir durch den Sand schlitterten und schließlich zum Stehen kamen. Vor uns eine kleine, rudimentäre Siedlung, die um eine winzige Wasserquelle genestelt war. Keine Spur von Zivilisation, wie ich sie kannte, nur ärmlich bekleidete Kinder und ein paar Autos aus dem vorigen Jahrhundert.

„So, das war’s, ich muss jetzt weiter. Alle absteigen!“, rief sie, ich taumelte etwas benommen von ihrem Quad. Meine Kameraden kletterten aus dem Glasschlitten und wischten sich Sand aus dem Gesicht, der sie beim Bremsen erwischt hatte. Amon trug den immer noch schlafenden Azazel auf den Armen, anscheinend hatte er ihn bei der Fahrt etwas vom Gestein befreit, was gegen seinen verzottelten Bart nicht wirklich geholfen hatte.

Iblis zog mich an sich und drückte mir zwei schnelle Küsschen auf die Wangen. „Und du passt auf dich auf, Brüderchen. Immerhin wollen wir ja sicher nochmal zusammen Spaß haben!“ Einen Moment hielt sie inne. „Weißt du was? Wenn du was Lustiges vorhast, ruf mich an. Meine Nummer…“ „Ich hab kein Handy.“, gab ich zu, zuckte mit den Schultern, gerade als sie ihres hervorkramte. Sie hielt inne, eine Augenbraue gehoben.

„Echt jetzt?“ Ich nickte. Sie sah auf das Gerät in ihrer Hand, irgendein High-End-Smartphone der neusten Generation. Dann drückte sie es mir in die Hand. „Dann nimm das hier, Luce und Iggy überfluten mich mit den Dingern. Kannst es behalten, meine Nummer steht drin, die wird über die Leitung der Bruderschaft geführt. Viel Spaß euch noch!“

Während ich noch perplex mein neues Telefon anstarrte – das verdammt nochmal fünfzig Preisklassen höher lag als mein altes – brannte sie das Seil durch, dass den Glasschlitten anband, und brauste ohne Abschiedsworte an die anderen Nephilim auf ihrer Maschine davon.

Iblis war fraglos ein Einzelfall.



Schweigend standen meine Freunde und ich da. Nasu räusperte sich, schmunzelte. „Anscheinend finden geistige Sparflammen ja gut zusammen.“ „Ey!“, murrte ich.

Ruha seufzte. „Iblis hat sich kein bisschen verändert. Wenn wir das Thema jetzt hätten, lasst uns mal einen Fahrer finden, der uns zum Flughafen bringt. Wer spricht am Besten Mongolisch?“ „Ich wahrscheinlich.“, meldete sich Itachi zögerlich. Mit seiner chinesisch-koreanischen Abstammung nicht verwunderlich. Eher seltsam, dass überhaupt jemand diese Sprache sprach.

„Mongolisch?“, fragte Espi stirnrunzelnd nach. Amon nickte. „Der Privatflughafen, wo unser Flugzeug wartet, heißt Dalangsadgad und liegt hinter der Grenze zur Mongolei. Von hier aus etwa zweihundert Kilometer, wird also eine lange Fahrt.“ „Vielleicht wacht er dann endlich auf.“, murmelte Ruha mit Blick auf Azazel – Azzy, wie Iblis ihn genannt hatte.

Itachi seufzte. „Dann such ich uns mal einen fahrbaren Untersatz. Bis gleich.“



Knapp vier Stunden später, die Sonne hatte ihren höchsten Punkt hinter sich (mein Magen knurrte langsam, das Frühstück hatten wir immerhin auch ausgelassen), kamen wir mit schmerzenden Hintern auf einem spröden Rollfeld an, das von einem winzigen Terminal gesäumt wurde. Der alte Truck, mit dem wir gefahren wurden, hatte keine Sitze, weshalb wir uns mit unserem Gepäck auf dem Anhänger breitmachen mussten. Und nach einigen Stunden sehnte man sich nach einem Kissen.

„Also unter „Flughafen“ würde ich das nicht abbuchen.“, kommentierte Nasu trocken. „Eher wie die provisorischen Hinterhofrollbahnen, mit denen die Camorra damals schon ihre Geschäfte abgewickelt hat.“ Ruha rollte mit den Augen. „Wir sind mitten in der Wüste. Was hast du erwartet?“

„Nicht das.“, unterbrach ich die beiden mit großen Augen. Die einzige Maschine, die hier stand, war ein weißer, hochglanzpolierter Privatjet, völlig unpassend zu der brüchigen Rollbahn. Gesäumt von kleinen Fenstern stach er von der Wüste hervor. Und da standen wir, in unseren verschwitzten, dreckigen Klamotten, mit den paar Koffern und Rucksäcken und einem schnarchenden Dämonenkönig. Gegenüber dem geschniegelten Piloten und der knapp uniformierten Stewardess, die bei unserem Anblick unter ihrem geübten Lächeln etwas zu zweifeln schienen.

„Miss Nerissa und Herr Bassanio?“ Ruha stieß mich an. „Bassanio ist der Code für dich.“, flüsterte sie, bevor sie ein breites Lächeln aufsetzte und den beiden zuwinkte. „Himmel, was ein anstrengender Tag das war. Hoffentlich ist es im Flugzeug kühl!“ Pilot und Stewardess warfen sich immer noch irritierte Blicke zu. Anscheinend waren wir nicht ganz das, was sie erwartet hatten.

„Sie sprechen Deutsch. So viel wie „Als der Chef was von weißen Haaren erzählt hat, habe ich eigentlich einen alten Mann erwartet…“ Tja Rin, du alter Sack.“, meldete sich Nasu, ich wurde rot bei ihrer Andeutung. Warum musste sie ihre Anwandlungen immer an mir auslassen? Jedenfalls ließen sie uns einsteigen – und wir atmeten kollektiv auf.

„Das ist wirklich das Paradies.“, seufzte Itachi, während ich mich fühlte, als hätte man mich in ein Eisfach gestopft – ein ziemlich schönes Eisfach, wohlgemerkt. Die Deutschen mochten es ja angeblich etwas frischer, und nach der heißen Wüste war es ein Genuss. Auch hier drinnen war alles in einem eleganten Weiß gehalten, von den drehbaren, lederbezogenen Sesseln zu den Tischen, auf denen Getränke in Kühlern und feine Gläser bereitstanden. Fast fürchtete ich, dass wir mit unserer dreckigen Kleidung hier alles schmutzig machen würden.

„Herr Kürschner hat darum gebeten, Ihnen frische Kleidung zukommen zu lassen.“, sprach uns die blonde Flugbegleiterin lächelnd an, öffnete einen Schrank neben der Tür zum Cockpit, in dem sich Kleidung in unterschiedlichen Größen, Farben und Stilen sammelten. Alles brandneu, soweit ich das erkennen konnte. „Kürschner hat ihnen gesagt, dass wir reiche japanische Kiddies auf Abenteuertour durch Gobi sind, die zum Abendessen nach Moskau fliegen. Der arrogante Mistkerl macht sich nur lustig über uns.“, murrte Ruha leise, betrachtete die verschiedenen Kleider.

„Wenn sie wollen, können sie nach dem Abheben auch das Bad im Heck nutzen, um zu Duschen. Also, wenn sie wollen.“, betonte die Stewardess mit Blick auf unsere verschmutzten Klamotten. Anscheinend sollten wir dringend duschen.

Ich griff mir zögerlich eine kurze Hose und ein blaues T-Shirt – beide schienen von irgendwelchen teuren Designermarken zu sein. „Okumura, du gehst zuerst. Dir klebt noch der Sandsturm im Gesicht.“, meinte Nasu, ich schnaubte. „Okay, danke.“ Auch wenn sie es natürlich wieder in Sticheln verpacken musste.

Wir alle setzten uns zögerlich – seufzten auf, als wir in die sündig weichen Polster sanken – und warteten auf den Abflug. Abgesehen von der holprigen Landebahn, war kaum etwas zu spüren. Der Pilot flog sanft und kaum merklich, auch Geräusche gab es kaum. Fast wie schweben.

„Beeilst du dich?“, bat Ruha, wollte sicherlich auch noch duschen. Ich nickte, stand auf, erleichtert, keine Flecken hinterlassen zu haben, und verzog mich in das Badezimmer – wo ich von Luxus erschlagen wurde. Wären keine Fenster an den Wänden, durch die ich die Wolken sehen konnte, hätte ich nie geglaubt, in einem Flugzeug zu sein. Alles war edel designt, die Kanten glatt nach neuster Mode. An einer Wand stand ein Regal mit fluffigen Handtüchern, Waschbecken mit bodentiefem Spiegel für das Ego, Toilette mit Seidenpapier, eine Dusche mit runder Glaswand und eine verdammte Badewanne. Wie wurde das hier betrieben? Riesige Wassertanks?

Kopfschüttelnd legte ich meine neue Kleidung auf den Wannenrand, meine alte landete, wie Ruha mir geraten hatte, im Mülleimer. Nach dem Sandsturm war sie sowieso nicht mehr zu retten. Ich stellte mich unter die Dusche und genoss das heiße Wasser, das auf meinen Kopf prasselte und als braune Brühe in dem Abfluss verschwand. Sogar teures Shampoo und Duschbad stand bereit, in verschiedenen Ausführungen. Keine Ahnung.

Schließlich nahm ich eines der weichen Handtücher und trocknete mich ab, Reste von Sand rieselten aus meinen weißen Haaren. Bei meinem Anblick im Spiegel zuckte ich kaum noch. Weiß und blau, das war ich. Jetzt fiel mir auch irgendwie auf, dass meine Gesichtszüge nicht ganz Japanisch waren. Etwas Fremdes steckte darin – Gehenna. Kopfschüttelnd rubbelte ich meinen Schweif trocken und ließ ihn locker herabhängen, damit er trocknen konnte. Meine Laune, ihn zu verstecken, hielt sich in Grenzen.

„Oh, das ging aber schnell.“, meinte Ruha, als ich die Tür öffnete, und huschte an mir vorbei. Nasu knurrte. „Dieses kleine Biest muss sich auch immer vordrängeln!“ „Reg dich nicht auf, dein Gesicht wird durch ne Dusche auch nicht besser, alte Hexe.“, murrte Espi und warf einen Blick auf Azazel, den Amon in einem der Sessel angeschnallt hatte. Und immer noch schlief. So viel zu seiner Intention, die aktuelle Welt sehen zu wollen.

Nasu griff seufzend nach einer der Flaschen in dem Kühler, ignorierte die Gläser und trank den teuren Wein direkt aus der Flasche. „In einem hat Kürschner wirklich Geschmack.“, murmelte sie und leckte sich über die Lippen. Itachi seufzte. „Sauf dich bitte nicht zu.“ „Bis Moskau bin ich wieder nüchtern.“, entgegnete die Sirene knapp. „Außerdem muss man das doch mal ausnutzen.“

Ich lehnte mich zurück, und ohne dass ich etwas dagegen tun konnte, fielen mir die Augen zu.



Grummelnd drückte ich mein Gesicht in den Stoff, als mir jemand in die Seite piekte, lachte. „Aufwachen, Schnarchnase, es gibt Essen.“ Ich brummte widerwillig, worauf mein Magen nur mit Grummeln antwortete, denn jetzt roch ich es auch. Müde öffnete ich die Augen – und merkte, dass ich offenbar an Itachis Schulter gelehnt geschlafen hatte. Langsam erinnerte ich mich, dass wir in einem Privatflugzeug nach Moskau saßen, draußen hatte sich die Sonne schon etwas gesenkt.

Ich gähnte und streckte mich. Anscheinend hatten sich die anderen mittlerweile auch geduscht, selbst Azazel sah ordentlicher aus – vielleicht hatte sich Amon darum gekümmert, dass er nicht mehr wie der letzte Penner wirkte.

Meine Augen fielen auf das, was mein Magen längst entdeckt hatte – einen kleinen Servierwagen mit Tellern darauf, neben dem mich die Stewardess abwartend anstarrte. Lächelnd, natürlich. „Herr Kürschner hat veranlasst, dass Ihnen vor der Ankunft in Moskau in drei Stunden noch ein Abendessen serviert wird. Das heutige Menü ist…“

Ich hörte gar nicht mehr zu, starrte nur ungläubig auf den winzigen Happen, den sie mir auf den Platz stellte. Irgendein Blättchen zierte irgendein Stückchen Brot mit irgendeiner Paste und Krümeln darauf. „Is‘ das jetz‘ wirklich alles?“ Dieser Kürschner war wohl wirklich so grausig, wie die anderen behaupteten.

„Au!“, japste ich, als Nasu mir rücksichtslos mit der Faust auf den Schädel schlug. „Hör doch zu, Idiot.“ Das Lächeln der Flugbegleitung wackelte. „Wie eben gesagt, wird heute Abend ein Fünf-Gänge-Menü serviert. Genießen Sie in Ruhe die Vorspeise, ich werde in wenigen Minuten mit der Vorsuppe zurückkommen.“

Nasu schüttelte seufzend den Kopf. „So viel dazu, dass wir ihnen weißmachen wollten, dass ihr beiden reiche Kiddies seit. Toll gemacht, Flämmchen.“
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