Bis(s) dass der Tod uns scheidet

von Maybe44
GeschichteKrimi, Romanze / P12
Dr. Anja Licht Franz Hubert
01.02.2019
01.03.2019
9
18044
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Der Schein des kugelrunden Vollmondes erhellte die dunkle Nacht. Die ungewöhnliche Helligkeit hatte einige Vögel so durcheinander gebracht, dass sie eifrig jetzt schon ihre Lieder sangen. Ein Fuchs schnürte durch den Wald, in der Hoffnung auf eine erfolgreiche Jagd. Plötzlich blieb das Tier stehen, seine Nase erzitterte, als ihm ein bekannter Geruch in die Nase stieg. Blut. Offenbar war ein anderer Jäger in dieser Nacht bereits erfolgreich gewesen.
Da knackte es am Rande des Waldes im Unterholz und eine ganz in schwarz gekleidete Gestalt bahnte sich eilig ihren Weg über die am Waldrand gelegene Wiese. Kurz hielt sie inne und lauschte, dann hastete sie eilig weiter, ihre Beute fest an sich gedrückt wie einen kostbaren Schatz.
Die Vögel verstummten ehrfurchtsvoll. Der Fuchs zog sich lautlos in das Dickicht des Waldes zurück. Mit diesem Jäger würde er sich nicht messen. Er hatte gelernt, Menschen zu meiden.

***

Einige Stunden später, nun im hellen Licht des gerade angebrochenen Frühlingstages, waren es die Polizeiobermeister Hubert und Staller, die sich ihren Weg durch das Unterholz bahnten.

"Da vorn muss es sein!" rief Hansi und deutete enthusiastisch in die Ferne.

Hubsi kniff angestrengt die Augen zusammen. Tatsächlich erblickte er in etwa 400 Metern Entfernung einen dunkelgrünen Jeep. "Hansi?! Jetzt sag ned das mer da direkt hätten hifoahrn kenna?!"

"Mei" grinste sein Partner entschuldigend "des kann scho sein, aber die Sonne scheint so schee."

Hubert konnte es nicht fassen. "Die Sonne scheint so schee? Die Sonne? Und deswegen rennen mir hier durch die Wallachei. Glaubstes!"

Staller verteidigte sich leicht beleidigt. "Außerdem is der Wagen 3 koa Geländewagen. Der is für die Straße gemacht, ned für den Wald. Der is sensibel!"

Eine entsprechend sensible Antwort von Hubert blieb Staller erspart, da sie in diesem Moment den am Rande einer Lichtung geparkten Landrover erreicht hatten. Ein bärtiger Mann Mitte Vierzig in Gummistiefeln und Lodenjacke blickte ihnen erwartungsvoll entgegen, zu seinen Füßen lag ein großer schwarzer Hund.

"Servus, sie sind der Herr Pichl?" begrüßte ihn Hansi. "Wo is sie denn, die tote Anneliese?"

"Servus, freili, l bin der Pichl Hannes. Da vorn liegts. Heit in der Früh hab ich sie gefunden. Schlimme Sache. Kommts mit."

Während sie dem Mann und seinem Hund folgten, flüsterte Hansi Hubsi halblaut zu "Immerhin müssen wir diesmal koa Todesnachricht überbringen, wenn der sei Anneliese scho selbst gefunden hat!"

Da blieb Hannes Pichl so abrupt stehen, dass Staller ihn fast über den Haufen rannte. Die Polizisten blickten irritiert auf den vor ihnen am Boden liegenden toten Körper.

Hubert wandte sich angeekelt ab. "Anneliese, ja? I fass es ned. Hans, wir gehen!"

"Sie bleiben fei schee da! Die Anneliese is umgebracht worden! Und sie is ned die Erste. Letzte Woche hat's scho die Elfriede erwischt und vor drei Tagen die Friederike. Da is a Serienkiller am Werk!" motzte Pichl.

Hin und her gerissen zwischen seinem sich bereits wieder entfernenden und misslaunig vor sich hin schimpfenden Kollegen und dem aufgebrachten Mann, der neben der Leiche stand, rief Hansi "Hubsi jetzt wart halt. Mir schaun uns wenigstens mal den Tatort an."

Hubert blieb stehen. "Es gibt hier keinen Tatort. Des is a totes Schaf!"

Natürlich war Staller letztendlich nicht davon abzubringen gewesen, sich der Sache anzunehmen. Eifrig wuselte er um das tote Schaf herum und suchte die Wiese ab, argwöhnisch beäugt von Pichl und seinem Schäferhund.

Hubert hatte sich derweilen ein Stück entfernt an einen Baumstamm gelehnt und blinzelte in die Sonne. In diesem Punkt musste er seinem Partner Recht geben: Es war schön, die ersten warmen Sonnenstrahlen nach einem langen Winter nun wieder auf der Haut zu spüren.

Hansis Stimme zerstörte den entspannten Moment. "Hubsi, mir müssen die Anja anrufen! Die muss gucken weger der Todesursache. Auf den ersten Blick kann l nix finden, koa äußere Verletzung oder so."

Der Schäfer wandte ein "I hab ihna doch die Stelle am Hals gezeigt. Des is ganz sicher a Bisswunde. Die anderen zwoa Schafe ham genauso ausgeschaut."

"Na na, des is doch viel zu winzig, des sind bestimmt nur Insektenstiche."

"Hansi, was soll der Schmarrn? Der Pichl sagts doch selber. Des Viech is totgebissen worden. Fall gelöst. Gemma."

"Na na, des kann ned sein, Hubsi, schau doch." Er fummelte am Hals des toten Schafes herum und entblößte zwei winzige Kreisrunde Male. "Des is maximal a Biss vom Holzbock. Welcher Räuber hier aus'm Wald soll sonst mit zwei spitzen Zähnen umeinander laufen und Schafe tot beißen?"

"Ich weiß es nicht Hans, und ehrlich gsagt isses mir auch wurscht." motzte Hubert. Dann ergänzte er "Vielleicht war's a wildgewordenes Eichkatzerl. Oder a Fledermaus."

Pichl, der dem Austausch der beiden Beamten stumm gelauscht hatte, schüttelte ungläubig den Kopf und polterte los "Herrschaft, wollts ihr zwoa mich eigentlich verarschen? Irgendwer oder irgendwas bringts mir am laufenden Band mei Viecher um und ihr sabbelt saubleed daher, statt was zu unternehmen!"

Hansi bedachte Hubsi mit seinem Ich-habs-dir-doch-gesagt Blick.

Dieser verdrehte nur genervt die Augen. "Dann ruf halt die Anja an, wenns du unbedingt willst. Aber ich sag dir glei, die Frau Doktor wird ned begeistert sein wenn sie die Leich da sieht..."

Und Hubert sollte Recht behalten, das Donnerwetter ließ nicht lange auf sich warten. Keine halbe Stunde, nachdem Hansi die Wolfratshauser Pathologin herbeigerufen hatte, stand sie in ihrem unförmigen weißen Spurensicherungsoverall mit ärgerlich hochgezogenen Augenbrauen und verschränkten Armen vor den beiden Polizisten. "Ja sag mal, spinnts ihr jetzt völlig? I lass alles stehen und liegen um zu eurem Tatort und eurer Leich zu kommen und ihr präsentierts mir a totes Schaf?! Meints ihr denn l hab nix gscheits zu tun in der Pathologie?"

Jetzt war es an Hubsi, einen Ich-habs-dir-doch-gesagt Blick in Richtung Hansi zu schicken.

Hansi blickte schuldbewusst zu Boden. Dann setzte er seinen Hundeblick und sein "schönstes" Lächeln auf "Aber, liebe Anja, jetzt wo du eh scho da bist, magst ned mal einen kurzen Blick auf die Anneliese werfen?"

Anja fragte irritiert "Wer is jetzt die Anneliese?"

Hubert seufzte "Des is des tote Viech. Anja, sei so gut und schau halt mal kurz. Sonst gibt der Hans koa Ruh."

Anja blickte zweifelnd zwischen ihrem Exmann und Hansi, der immer noch breit - aber mittlerweile ziemlich angestrengt - lächelte, hin und her. Schließlich seufzte auch sie lautstark und atmete tief durch. "Sei's drum. Wo l jetzt eh scho den ganzen Weg da naus gefoahrn bin..."

Dann schnappte sie sich ihren Koffer und begann mit der Untersuchung des toten Schafes.

Hubert beobachtete seine Exfrau verstohlen aus einigen Metern Entfernung, wie sie konzentriert ihre Arbeit verrichtete und dabei gekonnt Hansi ignorierte, der eine hanebüchene Theorie zur möglichen Todesursache nach der anderen zum Besten gab und ihr dabei ständig im Weg herumfuchtelte.

Er hatte nie verstehen können, wie selbstverständlich Anja mit ihren Leichen arbeiten konnte. Immerhin wies das Schaf keinerlei äußere Verletzungen auf und nirgendwo war auch nur ein Tropfen Blut zu sehen. Da war es nämlich regelmäßig vorbei mit seinem Pokerface.

Kurze Zeit später erhob sich Anja mit nachdenklicher Miene. "S schaut so aus als wäre das Schaf komplett ausgeblutet."

Hubert schaute kritisch. "Da is doch nirgendwo Blut. Isses wo anders getötet worden?"

Anja zuckte mit den Schultern. "Alles was ich euch nach der kurzen Untersuchung sagen kann is, dass des Schaf mehr oder weniger komplett blutleer is. Die beiden Stellen am Hals könnten von Einstichstellen herrühren." Sie machte eine bedeutungsvolle Pause und schob dann nach "Wenn's ihr mir des Schaf in die Pathologie bringt, schau l mir das nochmal genauer an."

"Dankeschön Anja, bist die Beste!" freute sich Hansi und Hubsi äffte ihn halblaut nach "...bist die Beste. Pfff."

Anja, die gerade dabei war, ihre Utensilien zusammenzupacken, drehte sich um. "Hast was gsagt Hubsi?"

"I? Na." erwiderte dieser mit einem aufgesetzt lieblichen Lächeln.

Anja quittierte dies mit einer hochgezogenen Augenbraue. Als sie dann ihren Weg zum Auto antreten wollte, ergriff Schäfer Pichl beherzt ihre beiden schweren Koffer. "Wartens, l helf ihna."

"Mei, wie lieb, Dankeschön!" flötete Anja und fuhr kurz darauf durch den Wald davon.

Zurück blieben die beiden Polizisten und ein sichtlich angetaner Schäfer Pichl. "Also l muss scho sagen, eure Frau Doktor is a ganz a patentes Weibsbild. Is die verheiratet?"

"Na, nimmer." antwortete Hansi grinsend und warf Hubsi einen erwartungsvollen Seitenblick zu.

Hubert tat ihm nicht den Gefallen zu antworten und gab nur ein unbestimmtes Brummen von sich. Dann machte er auf dem Absatz kehrt und marschierte los. Im Gehen deutete er auf das tote Schaf. "Hans, vergess des Viech ned."

Auf dem Rückweg zu Wagen 3 brodelte es in Hubsi. Er konnte es auf den Tod nicht ausstehen, wenn andere Männer sich für Anja interessierten. Früher war er nicht eifersüchtig gewesen. Nie. Jetzt, nach ihrer Scheidung, stand es ihm nicht mehr zu, Anspruch auf seine Exfrau zu erheben. Und umso mehr packte ihn die Eifersucht ein ums andere Mal auf's Heftigste. Das hatte sich in den ganzen Jahren, in denen sie nun schon getrennt waren, nicht verbessert. Im Gegenteil, es schien ihm fast so, als würde es immer schlimmer. Und trotzdem gelang es ihm fast nie, ein freundliches Wort an Anja zu richten. Dabei schien sie sich ehrlich darüber zu freuen, wenn es ihm denn doch einmal gelang, und schenkte ihm regelmäßig ein umwerfendes Lächeln, das ihm dann tagelang nicht mehr aus dem Kopf ging.

Kurze Zeit nach ihm erreichte auch Hansi den Streifenwagen - allerdings ohne das Schaf.

"Wo isn des tote Viech?" fragte Hubert.

"Der Pichl hat angeboten dass er die Anneliese mit seinem Jeep direkt zur Anja in die Pathologie bringt." verkündete Hansi stolz.

Hubert war fassungslos. "Bitte was? Spinnst jetzt total?"

"Wieso regst dich jetzt so auf? S is doch total praktisch für uns. Mir versauen uns ned des Auto und haben jetzt endlich Zeit für an Kaffee." verteidigte sich Hansi. "Oder passts dir vielleicht ned dass der Pichl dei Anja so bald wiedersieht?" fügte er vielsagend hinzu.

"Des is mir völlig wurscht. Außerdem isses ned mei Anja." zischte Hubert wutentbrannt. Wieder einmal hatte Hansi genau ins Schwarze getroffen. Es passte ihm ganz und gar nicht, dass Hannes Pichl, der so offensichtliches Interesse an Anja gezeigt hatte, diese gleich wiedersehen würde. Wer weiß was diesem Schäfer noch einfallen würde!
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