Die Macht des Alchemisten

GeschichteFreundschaft, Horror / P16
OC (Own Character)
31.01.2019
31.01.2019
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Man kann diese Geschichte als Fortsetzung von „Die Stadt des Bösen“, aber auch als eigene Geschichte ansehen.

Einige Wochen vor der Handlung

Es war eine dunkle Nacht. Aber nicht für das junge Mädchen, welches von den Soldaten bewacht wurde. Von ihren eigenen Soldaten, zumindest noch bis vor kurzem. Sie überragte jeden der Soldaten um gut und gerne einen Kopf. Und die Nacht war weder für sie noch die Soldaten dunkel, weil sie alle Drowblut in ihren Körpern hatten. Drow lebten im Unterreich, wo es stets dunkel war, viel dunkler als nachts an der Oberfläche.
„Wir rasten hier!“ befahl Uskper, der Anführer dieses Trupps, „Bindet die Halbdrow an einem Felsen fest, damit sie nicht entkommt!“
Ridairu, welche mit Seilen gefesselt war, wurde grob zu einem Felsen gezerrt, und das Seil welches sie hielt, wurde an dem Felsen befestigt. Es waren gleich zwei Seile, welche sie hielten. Ein gewöhnliches Seile, welches um ihre Handgelenke gebunden war, und an welchem sie gezogen wurde. Und ein magisches Seil, welches um ihre Hüfte gebunden war, und ihre magischen Kräfte unwirksam machte.
Ridairu sah die Soldaten mit einer Mischung aus Hass und Verachtung an, hatte aber noch genug Stolz, um sich nichts anmerken zu lassen. Die Soldaten machten ein Lagerfeuer, und aßen, tranken und lachten. Natürlich bekam Ridairu nichts. Die Halbdrow war wütend, dass Männer es sich herausnahmen, sie so zu behandeln, standen sie doch weit unter den Frauen. Und noch dazu unter den adeligen Frauen.
Doch Halbdrow, egal welchen Geschlechts, standen unter den Drow. Im Unterreich waren sie kaum höhergestellt als Sklaven. Doch Ridairu würde nicht in die Sklaverei verkauft werden, man würde sie direkt töten. Sie hatte sich als Drow ausgegeben, um eine Priesterin Lolths zu werden. Lolth schätze Betrug, und belohnte ihn, wenn dieser nicht aufflog. Doch genau das war passiert. Dennoch stand es den Priesterinnen Lolths zu, über Ridairu zu richten, und nicht diesen... Männern.
Die Soldaten wussten das, und wagten es deshalb nicht, Hand an sie zu legen. Keiner von ihnen war so dumm, und zog den Zorn der Priesterinnen auf sich. Und wenn Ridairu es geschickt anstellte, konnte sie eine Möglichkeit zur Flucht finden.
Ein kleiner Bach lief genau neben dem Felsen entlang, und Ridairu konnte ihr Spiegelbild in dem Wasser erkennen. Sie hatte lange, weiße Haare und eine dunkle Haut. Ihre mandelförmigen Augen waren grün, und sie hatte auch spitze Ohren. Allerdings war sie ein gutes Stück größer und auch etwas massiger als eine Drow. Sie hatte eher die Proportionen einer Menschenfrau. Doch wie es für Drow und Halbdrow nicht ungewöhnlich war, war sie überaus hübsch. Und natürlich auch spärlich bekleidet. Wenn man schön anzusehen war, warum sollte man diese Schönheit denn verstecken?
Obwohl Ridairu erst siebzehn Winter gesehen hatte, war sie von ihrer Mutter zu einer wahren Drow erzogen worden. Sie hatte in einer Drowstadt gelebt, welche sich in einer großen und weiten Höhle befand. Sowohl Magie als auch handwerkliche Kunst hatten diese Stadt errichtet. Ihrer Familie gehörte einer der höchsten Türme, von welchem aus sie die ganze Stadt hatten überblicken können.
Ihre Familie war mächtig und einflussreich gewesen. Sie hatten große Reichtümer angehäuft und viele Sklaven besessen. Ridairu hatte ihre eigenen Lustsklaven gehabt, sowohl Oberflächenelfen als auch Drow, welche in die Sklaverei geraten waren. Ihre Mutter hatte von den drei Schwestern gefordert, dass diese sich ihr bewiesen, dass sie ihren Wert zeigten, und dass diejenige unter ihnen die am würdigsten war, das edle Haus alsbald übernehmen würde.
Ridairu hatte mit Chaera gewetteifert, und schließlich gewonnen. Sie hatte sich vor Lolth bewiesen, und war eine ihrer Priesterinnen geworden. Chaera war hingegen in eine Drinne verwandelt worden, in ein Ungetüm, welches den Unterkörper einer Spinne hatte, jedoch den Oberkörper einer Drow... nun ja, in ihrem Fall, den einer Halbdrow.
Viel weniger Ärger hatte dagegen Ciara gemacht. Zumindest hatte Ridairu das stets angenommen. Aus irgendeinem Grund war ihre jüngste Schwester niemals so wie ihre Mutter, oder wie Ridairu und Chaera. Grausamkeit und Sadismus widerten sie an, ebenso wie die Vorstellung von der Überlegenheit der Drow gegenüber allen anderen Rassen. Sie hatte die Sklaven gut behandelt, und sich Geschichten von dem Leben auf der Oberfläche erzählen lassen. Sie hatte sogar niemals ein Attentat vorbereitet, oder anderweitig gezeigt, dass sie Interesse an Macht hatte.
Ridairu hatte angenommen, dass sie Ciara eben eines Tages töten würde, wenn sie erst das Haus anführen würde, damit den anderen Häusern dieser Schandfleck ihrer Familie verborgen bleiben würde. Doch Ciara war stattdessen einfach geflohen. An die Oberfläche. Das taten viele Drow und Halbdrow, welche nicht so böse wie die Drow waren. Doch um ihre Macht zu beweisen, war Ridairu damit beauftragt worden, Ciara zu finden und zu töten.
Von da an war alles schiefgegangen. Ciara hatte offenbar Verbündete gefunden, welche sie und die Drowsoldaten besiegt hatten. Und Ciara hatte enthüllt, dass Ridairu ebenfalls eine Halbdrow war. Kaum waren sie und ihre Freunde wieder abgezogen, wollte Ridairu die Soldaten töten, damit niemand sonst davon erfahren würde. Doch diese waren einfach schneller. Und mit dem magischen Seil um ihrer Hüfte, würde sie keine Magie wirken können.
Ridairu sah sich um. Sie befanden sich nicht weit von einem Waldrand entfernt. Wenn sie ihre Fesseln lösen konnte, würde sie dorthin fliehen können. Natürlich würde man sie auf der Oberfläche als Halbdrow nicht akzeptieren. Aber das war immerhin eine Chance, nicht getötet zu werden.
Doch wie sollte sie einen der Soldaten dazu bringen, ihr zu helfen? Die meisten dieser Soldaten kamen aus anderen Häusern, meist aus denen, die ihr Haus besiegt hatte. Sobald ersichtlich wurde, dass das Haus für das sie kämpfen, nicht gewinnen kann, liefen Drow zum Gewinner über. Das wurde in ihrer Gesellschaft so erwartet und auch belohnt. Und im Laufe der Zeit hatte Ridairus Haus unter der Führung ihrer Mutter Chadista, einer mächtigen Hohepriesterin Lolths, eine Menge Soldaten auf diese Weise gewonnen. Darunter sogar einen Draegloth. Dieser wurde ausgeschickt, um Ciara zu töten, doch es war ihr irgendwie gelungen, ihn zu töten, ihr, oder ihren Begleitern.
Doch gerade weil Drow sich gegenseitig verrieten, um Vorteile davon zu gewinnen, konnte sie keinen der Soldaten dazu bringen ihr zu helfen, wenn es für ihn keinen ersichtlichen Vorteil gab.
Als wären Ridairus Überlegungen ein Stichwort gewesen, näherte sich ihr nun ein eher junger Drow. Vermutlich hatte er vor, sie zu verhöhnen. Er war einer der Soldaten, welche sich ihrem Haus erst kürzlich angeschlossen hatten. Dazu kam, dass er nicht sehr erfahren war. Ridairu würde ihn mit Glück und Geschick überlisten können.
„Weidest du dich an dem Anblick einer gefesselten Gefangenen?“ fragte sie.
„Ich bin bloß neugierig zu sehen, wie eine Halbdrow aussieht.“ erwiderte der Soldat, „Welcher Drow lässt sich denn ernsthaft eine niedere Rasse ein und verdünnt sein Blut mit dieser Rasse? Das wäre schon schlimm genug, doch dann wagt es dieser abscheuliche Mischling, sich als edle Drow auszugeben, und eine Priesterin Lolths zu werden!“
Wäre Ridairu noch seine Herrin, würde sie ihn schon für diese Worte töten. Nicht töten lassen, selber zu töten bereitete ihr viel mehr Vergnügen. Doch um freizukommen, musste sie vorgeben, dass sie ihm unterlegen war.
„Warst du nicht einer von denjenigen, die erst die magischen Seile um mich legten, damit ich meine Magie nicht gegen euch einsetzen konnte?“ redete sie, „Ist dir das denn nicht schon Triumph genug? Wieso verhöhnst du mich nun?“
„Ich werde erst dann genug haben, wenn sie dich hingerichtet haben.“ erwiderte der Drow.
„Ein wahrer Anhänger Lolths.“ redete Ridairu weiter, „Die Göttin kann auf solche wie dich stolz sein. Und womöglich entscheidet sie sich ja dafür, mich zu verschonen. Das kann sich auch für dich lohnen. Ich sehe, dass du mehr bist als die anderen Soldaten. Du kannst höheres erreichen. Nur leider erkennst du deine Chancen nicht. Es ist einfach zu bedauerlich.“
„Meine Chancen?“ fragte der junge Soldat neugierig.
Ridairu hatte ihn geködert. Innerlich lächelte sie böse. Doch nun galt es, den jungen Drow in ihrem Sinne handeln zu lassen.
„Löse meine Fesseln und vereine dich mit mir.“ redete sie, „Wenn die edle Göttin mir vergibt, werde ich in mein Haus zurückkehren, und inmitten der Reichtümer schwelgen. Und ich habe noch keinen männlichen Gefährten.“
Das war das beste, worauf ein Mann unter den Drow hoffen konnte. Als Gefährte einer Adeligen auserkoren zu werden, brachte ihn in eine hohe Stellung. Dieser Soldat wusste das... und war gleichzeitig nicht erfahren genug, um zu erkennen, dass die anderen Drow niemals eine Halbdrow als ihresgleichen akzeptieren würden.
„Dachtest du, dass dieser Trick bei mir funktionieren würde?“ fragte der Soldat verächtlich, „Sobald ich deine Fesseln löse, kannst du wieder deine Magie benutzen.“
„Ich rede doch nicht von den magischen Fesseln.“ erklärte Ridairu, „Sie können an Ort und Stelle bleiben. Schneide einfach meine gewöhnlichen Fesseln ab. Ohne Magie bin ich bloß eine gewöhnliche Halbdrow.“
Der Soldat zögerte. Und Ridairu trieb das Spiel weiter.
„Ich irrte mich in dir. Du erkennst deine Chancen, doch du hast nicht den Mut, sie zu ergreifen.“ redete sie, „Auch wenn die Priesterinnen mich töten, so besteht keine Gefahr für dich. Du wirst immer noch das Vergnügen einer Vereinigung gehabt haben. Aber wenn du dich vor einer Frau fürchtest, die nicht einmal eine ganze Drow ist, kann wohl sogar Lolth selbst nichts mehr daran ändern.“
Nun trat der junge Drow vor und schnitt mit einem Dolch die Fesseln durch, welche die ehemalige Priesterin an den Felsen gebunden hatten. Diese näherte sich ihm aufreizend... und zog dann schnell den anderen Dolch aus seinem Gürtel hervor.
Sie stach zu... und der Soldat fing ihren Hieb ab.
„Glaubtest du, dass ich mit diesem Trick nicht gerechnet hatte?“ fragte er böse grinsend, „Die Priesterinnen Lolths wollen dich lebend, nicht unversehrt.“
„Es gibt etwas ganz anderes, was du nicht weißt.“ erwiderte die Halbdrow und drückte die Klinge immer näher an den jungen Drow heran, „Alle Halbelfen sind stärker als Elfen, seien es die abscheulichen Oberflächenelfen oder die Drow. Nicht viel stärker, nur so stark wie ein Mensch. Aber auch ein wenig kann manchmal schon ausreichen... wie du es nun am eigenen Leib feststellen wirst!“
Der Drow bemerkte entsetzt, dass der Dolch ihm immer näher kam, und er nicht stark genug war, den Angriff weiter abzublocken. Schließlich stieß Ridairu die Klinge in seinen Bauch, gefolgt von vier weiteren Stichen. Der Soldat erschlaffte und brach zusammen... und ringsum ertönte ein wildes Gelächter.
Die übrigen Drow hatten sich um Ridairu versammelt, und einige von ihnen richteten ihre Armbrüste auf sie. Und jeder von ihnen war von dem was er gesehen hatte, amüsiert. So waren Soldaten eben, ob es nun Drow, Orks oder Menschen waren, sie liebten das Töten sosehr, dass es sie sogar amüsierte, wenn einer von ihnen getötet wurde.
„Bevor zu die Fesseln durchschneidest, die deine Magie fernhalten, solltest du wissen, dass mehrere Armbrüste auf dich gerichtet sind.“ sagte Uskper triumphierend, „Glaubst du, dass du schneller bist als diese Schützen?“
Die Halbdrow zischte vor Wut, Ärger und Enttäuschung, und sogar vor ein wenig Angst, ließ jedoch nicht den Dolch fallen.
In diesem Moment wurde einer der Drow von einem Flammenball getroffen, und ein wilder Kampf brach los.

Ridairu kam wieder zu sich. Ein Golem trug sie durch einen langen Gang. Einen Moment lang wusste sie nicht, wo sie sich befand, und was vorgefallen war, dann fiel ihr wieder alles ein. Drei Magier hatten die Drow angegriffen, gerade als diese sie in die Falle gelockt hatten. Die Magier waren mächtig genug, um gegen mehrere Drow anzukommen, und hatten den Kampf offenbar für sich entscheiden können. Die meisten Drow waren getötet worden, einige wurden jedoch auch lebend gefangen.
Ridairu sah sich vorsichtig um. Sie schienen sich in einem großen Raum zu befinden. Vor, neben und hinter ihr gingen andere Golems, welche jeweils einen bewusstlosen Drow trugen. Es war jedoch keine Höhle durch die sie gingen, denn die Wände waren deutlich geschmückt, und aus Steinen zusammengesetzt worden.
Die Halbdrow sah sich genauer um. Der Gang musste dunkel sein, und nirgends war eine Fackel zu sehen. Doch das machte einer Halbdrow nichts aus. Mit der Dunkelsicht konnte sie nicht bloß in der Nacht so gut wie am Tag sehen, sondern auch bei völliger Dunkelheit, wenn auch in letzterem Fall nur in schwarzweiß.
Und so sah Ridairu die Regale mit den vielen, vielen Gläsern, und den Inhalten, welche diese Gläser enthielten. Nämlich Körperteile von verschiedenen Spezies, und nicht bloß tierischen. Sie sah die spitzen Ohren eines Elfen, die Hörner eines Tieflings, die Pfote eines Wertieres, und viele, viele andere Körperteile.
Neben mehreren Gläsern lagen fast immer auch einige Bücher oder Schriftrollen. Sie enthielten verschiedene, magische Formeln. Offenbar gehörte dieser Ort den drei Magiern, welche sie gefangengenommen hatten. Und sie konnten nichts gutes mit ihr vorhaben. Es gab jedoch keine Möglichkeit, sich zu befreien, denn der Golem hielt sie fest.
Nun gingen die Golems einen Gang hinab. Sie blieben plötzlich stehen. Dank ihrer feinen Sinne hörte Ridairu, wie sich drei Personen den Golems näherten. Sie beschloss, sich weiterhin bewusstlos zu stellen und vorerst abzuwarten, was als nächstens geschehen würde.
Drei Menschen näherten sich den Golems. Ridairu wartete ab, bis sie an ihr vorbeigegangen waren, drehte dann vorsichtig den Kopf in ihre Richtung, und öffnete ihre Augen. Einer der Menschen war ein älterer Mann, bestimmt hatte er schon mehr als sechzig Winter gesehen. Und seine Haut war so bleich, dass es regelrecht ungesund aussah. So sahen auch die menschlichen Sklaven in den Drowstädten aus, wenn diese schon viele Jahre nicht mehr das Tageslicht zu sehen bekommen hatten.
Die beiden anderen Menschen, ein Junge und ein Mädchen, sahen deutlich weniger bleich aus. Der Junge sogar fast überhaupt nicht. Und sie alle drei trugen eine dicke, schwarze Kutte, in welcher verschiedene, magische Symbole enthalten waren. Die Aura die von ihnen ausging, kündete Grausamkeiten und Unheil an, und zeigte, dass sie etwas düsteres, verschlagenes an sich hatten.
„Meister Aldrod, seid Ihr zufrieden mit der Ausbeute?“ fragte das Mädchen.
„Das bin ich, Tinqua.“ erwiderte der alte Mann, „Du hast gute Arbeit geleistet, diese Drow auszuspähen, und mir davon zu berichten.“
„Darf ich einen von ihnen für meine... persönlichen Zwecke haben?“ fragte sie hoffnungsvoll.
„Wir haben reiche Ausbeute gemacht, und ich gestatte es dir gerne, meine Schülerin.“ erwiderte der alte Magier.
Das Mädchen freute sich, und ging sogleich von Golem zu Golem, um sich einen Drow auszusuchen.
Der Junge gab ein verärgertes Geräusch von sich. Ridairu erkannte, dass dieser missmutig zu sein schien. Doch sie war nicht die einzige, die es bemerkt hatte.
„Hast du mir etwas mitzuteilen, Vereg?“ fragte der alte Magier.
„Wieso gestattet Ihr es Tinqua stets, einen der Gefangenen für sich zu beanspruchen?“ fragte er, „Sie wird ihn foltern, und dann bei lebendigem Leib seine Innereien herausschneiden. An machen Jungen vergeht sie sich vorher manchmal auch. Damit verschwendet sie unsere Gefangenen. Wir können sie für nützlichere Dinge benutzen.“
„Welche würdest du vorschlagen, mein Schüler?“ fragte der Magier.
„Ihr könntet mich endlich lehren, Magie zu gebrauchen.“ schlug Vereg vor, „Ich bin schon lange bereit dafür.“
Ridairu sah, die der alte Meister seinem Schüler heftig ins Gesicht schlug. Dieser stieß einen Schmerzlaut aus und wischte sich mit der Hand über das Gesicht, um das Blut fortzuwischen.
„Wann du bereit bist, entscheide immer noch ich.“ fuhr Aldrod auf, „Und wenn du dich nicht in die Objekte einreihen möchtest, dann tust du was ich sage, und wann ich es dir sage, und du lernst, dass dein Platz unter Tinqua ist. Denn sie ist viel talentierter und gehorsamer als du.“
„Verstanden!“ antwortete Vereg, doch sein Blick sprühte regelrecht vor Hass.
„Diese hier nehme ich.“ sagte plötzlich eine Stimme direkt hinter Ridairu.
Diese schloss ihre Augen, und ärgerte sich einen Moment lang. Wenn diese beiden Menschen nicht so laut gewesen wären, hätte sie die Schritte des Mädchens schon vorher gehört. So war ihr Trick beinahe aufgeflogen. Sie ließ es sich gefallen, dass das andere Mädchen ihr durch die Haare strich, und sie auch überall woanders anfasste, als wäre sie ein Stück Ware, welches zum Verkauf steht.
„Vereg wird sie in die Kammer tragen.“ befahl der Meister.
Ridairu erkannte, dass das den Jungen noch weiter demütigen sollte. Und einen Moment später fühlte sie seine Hände, wie er sie vom Golem nahm, als dieser sie losließ. Das Mädchen ging vor, und der Junge folgte ihr.
Sie gingen durch ein Treppenhaus. Ridairu wusste, dass es den Jungen ein wenig anstrengte, sie zu tragen. Magier und Hexen waren nun einmal nur selten körperlich stark. Doch um seine Würde zu wahren, ließ er sich nichts anmerken. Schließlich betraten sie einen Raum, und er legte sie auf dem steinernen Boden ab.
„Sie sollte bald zu sich kommen.“ sagte das Mädchen hoffnungsvoll, „Dann kann ich wieder ein wenig Spaß haben.“
Die beiden Menschen gingen, und mit einem lauten Knall fiel die hölzerne Tür hinter ihnen ins Schloss. Sofort richtete Ridairu sich auf. Als ihre scharfen Sinne ihr verrieten, dass die beiden Menschen nicht mehr nahe genug waren, um sie zu hören, stand sie vollends auf. Sie nahm eine demütige Position ein, und richtete ihre Gebete an Lolth.
Es dauerte nicht lange, da quoll dichter, dunkelvioletter Raum auf, und offenbarte eine Drinne. Nur scheinbar eine Drinne, denn es war tatsächlich Lolth, welche die Gestalt einer Drow mit dem Unterkörper einer Spinne angenommen hatte.
„Du wagst es, mich zu rufen?“ begrüßte die Göttin sie.
„Ich war Euch stets ergeben, und eine mächtige Priesterin in Eurem Gefolge.“ erwiderte Ridairu, „Ermöglicht meine Flucht, und Ihr werdet es nicht bereuen.“
„Einer Halbdrow helfen? Noch dazu einer, die das nicht verbergen konnte? Das käme mir niemals in den Sinn.“ erwiderte die Göttin, „Du hast versagt. Und solltest du dich jemals wieder an mich wenden, töte ich dich.“
Der dunkelviolette Rauch verschwand wieder, zusammen mit der Erscheinung der Göttin. Ridairu stieß einen verärgerten Laut aus. Sie hatte schon geahnt, dass Lolth sie verstoßen würde, aber einen Versuch war es einfach wert gewesen.
Schritte näherten sich der Tür, und sie wurde geöffnet. Der Junge stand im Türrahmen. Er trug einige Utensilien bei sich, die er offenbar in den Raum bringen sollte. Es war ein Sammelsurium der verschiedensten Foltergeräte. Als er sah, dass die Halbdrow bereits wach war, wirkte er überrascht. Er ließ die Foltergeräte fallen und streckte seine Hand in ihre Richtung aus.
„Wenn du auch nur einen Schritt näher kommst, wirst du es bereuen.“ warnte er sie.
„Werde ich das?“ gab Ridairu zurück, „Wirst du mit der Magie angreifen, über die du überhaupt nicht verfügst?“
Vereg sah sie entsetzt an, und die Halbdrow fügte hinzu: „Ich habe alles gehört.“
Ridairu ersann einen Plan. So würde sie vielleicht alles zu ihren Gunsten wenden können.
„Sei unbesorgt, denn ich habe in dir etwas erkannt, was den anderen beiden völlig abgeht.“ redete sie, „Du hast wirklich das Potential zu einem mächtigen Magier. Doch dein Meister erkennt es einfach nicht, und behandelt dich kaum besser als einen niederen Diener. Mehr noch, ihm hast du deine zahlreichen Verletzungen zu verdanken.“
„Du hast die Wahrheit erkannt.“ gab Vereg zu, „Nur wird dir das nichts nützen. Ich habe schon oft genug gesehen, was Tinqua von ihren Opfern übriglässt.“
„Ich habe etwas, was dir und mir mehr nutzen wird, als du glaubst.“ erwiderte Ridairu, „Magie. Wahre Magie. Ich kann dir mehr lehren, als dein Meister es jemals könnte.“
Zum Beweis streckte sie eine Hand aus, und über ihrer Hand schwebte plötzlich eine leuchtende Kugel. Diese strahlte regelrecht Magie aus. Ridairu schloss die Hand, und die Kugel verschwand wieder.
„Es ist deine Wahl.“ sagte sie, „Wählst du einen Platz an meiner Seite, oder an der Seite deines Meisters?“

Tinqua ging auf die Kammer zu, in welcher die Gefangene lag. Sie kicherte boshaft bei dem Gedanken, wie sie sie foltern und töten würde. Doch die Kammer stand nicht bloß offen, Vereg stand schon im Türrahmen. Und die Gefangene stand aufrecht in der Kammer.
„Sie ist schon wach.“ bemerkte die Magierin, „Das wird ein riesiger Spaß.“
„Wohl wahr, jedoch nicht für dich.“ redete die Gefangene.
Sie hob die Hand, und ein magischer Strahl schoss heraus und verbrannte Tinqua. Zuerst brachte er ihre Kleidung zum Schwelen, schließlich fing sie Feuer, und auch der Körper des Mädchens verbrannte. Tinqua schrie vor Pein, bis der magische Strahl sich schließlich durch ihren Körper gebohrt hatte, und sie zusammensackte.
Vereg nickte Ridairu zu, und die beiden gingen los, um seinen Meister aufzusuchen. Nun ja, seinen ehemaligen Meister. Es dauerte nicht lange, bis sie die Ritualkammer erreichten. Ridairu trat ein. Aldrod hatte ihr den Rücken zugewandt.
„Brauchst du etwas? Ich dachte, du würdest dich schon amüsieren. Ich habe den Schrei gehört.“ redete er, ohne sich umzudrehen.
„Ich fürchte, deine Schülerin braucht nie wieder etwas.“ erwiderte Ridairu, „Denn der Schrei den du gehört hast, hat sie ausgestoßen.“
Wütend wandte sich der Magier der Halbdrow zu. Er warf einen Flammenball auf sie. Doch als Halbdrow war Ridairu deutlich schneller als ein Mensch. Sie wich mühelos aus und warf ihrerseits eine magische Kugel auf den Magier. Diese durchbohrte ihn und riss ein Loch in seinen Körper, durch welches eine geballte Faust gepasst hätte. Er taumelte noch einige Schritte weit, und fiel schließlich zu Boden.
„Das war beeindruckend.“ lobte Vereg und trat nach ihr in die Kammer, „Du hast beide besiegt.“
„Ich finde es auch beeindruckend.“ sagte eine weitere Stimme.
Ridairu wandte sich kampfbereit der neuen Stimme zu. Eine Gestalt stand mitten im Raum, welche zuerst menschlich aussah. Doch die Halbdrow erkannte eine Gottheit, wenn sie eine sah. Und Vereg schien überhaupt nicht überrascht zu sein.
„Ihr zeigt Euch nur selten, mein Herr.“ sagte der Junge, und stellte ihn der Halbdrow vor, „Das ist Cyric, Gottheit von Streit, Mord und Konflikten.“
„Ein Moment wie dieser ist es mir einfach wert, zu erscheinen.“ erwiderte die Gottheit, „Ich bin stolz auf euch beide. Du hast dich von deinem närrischen Meister abgewandt, als du die Chance hattest, dich mit jemandem zu verbünden, der mächtiger ist. Und das Mädchen hat List, Tücke und Stärke gezeigt.“
„Was wollt Ihr hier?“ fragte die Halbdrow.
„Ich wünsche mir, dass du meine Anhängerin wirst, denn du erfüllst alles, was ich von meinen Anhängern verlange, und sogar noch mehr. Und nachdem Lolth dich verstoßen hat, wäre ich geehrt, wenn du fortan in meinem Namen böses säst.“ erwiderte Cyric.
Er lächelte sie verschlagen, jedoch auch einladend an. Und Ridairu erwiderte dieses Lächeln. Ja, das war etwas, was ihr gefiel.
„Ich nehme an.“ sagte sie.
Ridairu war guter Dinge. Sie sah aus dem Fenster der Burg, in der sie sich befanden und lächelte dabei böse. Ebenso wie ihre Schwester hatte sie sich auf der Oberfläche zurechtgefunden, doch im Gegensatz zu ihr, war sie an Macht gelangt. Und das ganz ohne die Hilfe von... Kreaturen, die zu einer niederen Rasse gehörten.
Was Ciara wohl an der Oberfläche tat? Vielleicht würde sie ihr eines Tages begegnen... und dann würde sie sie töten können.
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