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Josephine Klick - Fortsetzung (Staffel 3)

von Jessa
Kurzbeschreibung
GeschichteLiebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Alexander Mahler Dr. Tereza Srna Fritz Munro Josephine Klick Karin Langkamp Karl Amann
30.01.2019
16.04.2019
5
11.175
1
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Dieses Kapitel
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16.04.2019 1.884
 
Sie schlief die ganze Nacht unruhig, wälzte sich im Bett hin und her und schwankte in ihren wachen Momenten zwischen Wut und Sorge. Sicher wäre ein normaler Mensch in ihrer Situation mehr wütend als besorgt gewesen, aber bei ihr liefen die Dinge eben nicht normal, wie die Ereignisse der letzten Monate bewiesen. Und nach allem, was sie durchlebt hatte, wie sollte sie sich da nicht mehr Sorgen machen als der Durchschnittsmensch?

Gegen fünf Uhr gab sie es schließlich auf, stand auf, zog sich an und lief ins Bad, um sich die Zähne zu putzen. Sie schaute zum hundertsten Mal auf ihr Handy, wobei sie sich inzwischen wirklich bescheuert vorkam. Das Frühstück ließ sie aus und verbrachte die Zeit stattdessen mit Wotan. Die Stunden bis sie ins Büro fahren konnte, ohne auffällig früh dort aufzutauchen, zogen sich wie Kaugummi. Als sie es schließlich nicht mehr länger aushielt, griff sie sich die Autoschlüssel und fuhr los.



Trotz der Tatsache, dass sie ihren Aufbruch lange herausgezögert hatte, war sie mehr als eine Stunde zu früh da. Gut, die Kollegen von der Nachtschicht würden sich sicherlich über Verstärkung freuen, aber es war wirklich ungewöhnlich für Josephine nicht nur pünktlich, sondern sogar vor allen anderen da zu sein. Gedankenversunken, müde und ungeduldig zu gleich stieg sie die Treppe empor und lief durch den Flur zu ihrem Büro, als eine Hand sie am Arm packte und in einen leeren Raum zog. Ihr Herz setzte einen Moment aus, bis sie Fritz erkannte. Dann schlug es so rasend schnell weiter, dass ihr für eine Sekunde schwindelig wurde. Oh, sie war mehr als gespannt, was er ihr zu sagen hatte! Tausend Gedanken jagten ihr durch den Kopf. Wieso war er schon hier? Wieso hatte er sich verdammt nochmal gestern nicht gemeldet, wenn es ihm doch gut ging? Ging es ihm denn gut? Oh, nein, offensichtlich nicht, denn er sah ziemlich schlecht aus, seine Haare standen ihm wild vom Kopf ab, er hatte dunkle Ringe unter den Augen, war ansonsten sehr blass und trug die gleiche Kleidung wie am Tag zuvor. Hatte er nicht geschlafen? War etwas passiert?

Doch noch bevor sie auch nur eine dieser Fragen laut aussprechen konnte, hatte Fritz die Tür hinter ihnen zugeschlagen und sie stürmisch an sich gezogen. Jetzt presste er sie mit seinem Körper gegen die geschlossene Tür und küsste sie mit einer verzweifelten Heftigkeit, die Josephine noch nie erlebt hatte. Zuerst wollte sie ihn abwehren, wollte ihn wegstoßen und protestieren, eine Antwort verlangen! Aber als sie ansetzte etwas zu sagen, nutzte er das leichte Öffnen ihres Mundes, um den Kuss noch weiter zu vertiefen. Er schmeckte nach Minze, musste sich wohl eben noch die Zähne geputzt hatten, aber das leichte Brennen der Zahnpasta störte sie nicht, ganz im Gegenteil. Sie stöhnte leise, all die Gedanken, die sie eben noch überwältigt hatten, vergessen. Das Geräusch schien ihn nur noch weiter anzustacheln, denn er fuhr mit einer Hand an ihrer Hüfte herab zu ihrem Oberschenkel und schlang ihn um seine Hüfte, sodass sie sich noch näher waren, während er seine andere Hand in ihre Haare wühlte. In dieser Position konnte sie deutlich spüren, wie sehr er sie wollte und unwillkürlich hob sie ihm ihr Becken entgegen, konnte dem vertrauten Ziehen in ihrem Unterleib nicht widerstehen.



Draußen erklang das Heulen einer Sirene. Sie erschraken beide und mit einem Schlag wurde Josephine ihre Situation bewusst. Was zur Hölle tat sie denn hier? Entschlossen und dieses Mal mit entschieden mehr Kraft löste sie sich von Fritz und stieß ihn von sich. Einen Moment lang sahen sie sich nur an, immer noch schwer atmend. Gott, er sah furchtbar aus, müde, abgespannt und irgendwie… unglücklich? Irgendetwas sah sie in seinen Augen und sofort waren ihre Befürchtungen wieder da. Was war denn los? Sie stand immer noch mit dem Rücken an der Tür und er war ihr weiterhin sehr nahe, wenn auch gerade so viel Distanz zwischen ihnen war, dass sie sich gerade so nicht berührten.

Sie wollte eben etwas sagen, da nahm er ihr Gesicht in seine Hände und legte seine Stirn an ihre. Er murmelte etwas, aber sie konnte es über das Rauschen ihres Blutes, das ihr noch in den Ohren klang, kaum verstehen. Es klang wie „Ich will das nicht“, also hakte sie nach, endlich in der Lage einen klaren Satz zustande zu bringen: „Was willst du nicht, Fritz? Was ist hier los? Wo warst du gestern, und warum hast du dich nicht gemeldet!?“

Dieses Mal war er es, der Abstand zwischen sie brachte. Er schloss unglücklich die Augen vor ihrem fragenden Blick und atmete einmal tief durch. Als er sie wieder öffnete, war der traurige Ausdruck darin verschwunden. Stattdessen wirkte er jetzt gefasst und kontrolliert. „Das hier. Dich“, versetzte er und sie brauchte einen Moment, um zu begreifen, worauf er antwortete.

„Du willst mich nicht?“ Schockiert versuchte sie, diese Worte zu verarbeiten.

„Nein. Will ich nicht. Hör mal, das macht doch keinen Sinn mit uns. Wir haben beide zu wenig Zeit für eine Beziehung, wir arbeiten zusammen! Das würde uns im Job nur im Wege stehen. Gerade ist einfach ein beschissener Zeitpunkt.“

„Das ist doch jetzt nicht dein Ernst, Fritz! Was sind das denn für Argumente? Wir haben es doch in der letzten Woche auch gut geschafft uns zu sehen! Und das mit der Arbeit sehe ich überhaupt nicht ein, das können wir doch genauso gut trennen wie bisher auch.“

„Ach ja?“ Mit spöttischer Mine machte er eine Handbewegung, die ihre aktuelle Situation erfasste. „Ist das, was wir hier eben gemacht haben etwa normaler Berufsalltag für dich? Dann habe ich dich wohl ganz falsch eingeschätzt.“

Oh, versuchte er jetzt sie zu provozieren? Nein, so leicht wollte sie es ihm nicht machen. Wovor hatte er Angst? Sie hatte sich doch das, was in den letzten Monaten zwischen ihnen entstanden war, nicht eingebildet!

„Fritz, was soll das? Du kannst doch unmöglich jetzt auf einmal solche Probleme damit haben, dass wir zusammen arbeiten! Wir sind schon lange nicht mehr unbefangen, das hat doch nicht erst damit angefangen, dass wir miteinander geschlafen haben! Da waren vorher schon Gefühle im Spiel, aber trotzdem hat es funktioniert! Was also ist hier wirklich los?“

Fritz antwortete zunächst nicht. Stattdessen gab er einen frustrierten Laut von sich, fuhr sich mit der Hand durch die Haare (kein Wunder, dass sie so durcheinander waren, das konnte heute nicht das erste Mal gewesen sein) und lief hinüber zum Fenster, weg von der Tür und damit auch von ihr. Mit dem Rücken zu ihr blieb er stehen, starrte hinunter in den Hof und umklammerte dabei so fest die Fensterbank, dass seine Knöchel weiß waren. Überhaupt war sein ganzer Körper angespannt. Josephine konnte deutlich die Muskelstränge an seinen Armen und am Rücken erkennen und sah, wie verspannt sein Nacken war. Er glich einem in die Enge getriebenen Tier, das um sich biss, weil es verunsichert und ängstlich war. So änderte sie ihre Taktik und ging vorsichtig einen Schritt auf ihn zu, bevor sie ihn behutsam erneut ansprach. „Fritz…“ – weiter kam sie nicht.

Er schnellte herum, die Fäuste geballt und durchquerte den Raum bis zu ihr mit wenigen Schritten. War er ihr zuvor angespannt vorgekommen, so hatte sie jetzt wirklich fast ein bisschen Angst vor ihm. Unwillkürlich wich sie zurück um den Abstand zwischen ihnen wieder zu vergrößern. Seine Körperhaltung war nun drohend und sie hatte zwar keine Angst vor ihm, aber der Ausdruck seiner Augen ließ ihr den Magen in Richtung Kniekehle sinken. Sie waren kalt. Kalt und offenbar sehr, sehr wütend. Er baute sich vor ihr auf und knurrte: „So, du glaubst mir also nicht? Gut, denn du hast Recht. Es liegt nicht an der Arbeit. Ich wollte dir die Wahrheit nicht sagen, aber du kannst ja nichts einfach auf sich beruhen lassen! Nein, in Wahrheit liegt es an dir! Ich. Will. Dich. Einfach. Nicht. Mein Gott, wie du dich anhörst! ‚Da waren schon vorher Gefühle im Spiel‘“, äffte er sie mit albern hoher Stimme nach. „Wirklich, du hast echt ein Problem! Es ist ja schon krankhaft, wie sehr du unbedingt einen Mann willst! Ja, okay, ich habe dich ein paar Mal ordentlich durchgevögelt. Und? Zu welchem Zeitpunkt hattest du denn den Eindruck, dass das irgendetwas mit Gefühlen zu tun hat?“ Er spuckte das Wort aus als hätte es einen widerlichen Geschmack. „Mach dir mal klar, wie lächerlich du dich aufführst! Wir führen keine Beziehung. Und das werden wir auch nie. Jetzt lass mich endlich in Ruhe oder fahr am besten gleich zurück in dein beschissenes kleines Kuhdorf!“

Mit diesen letzten Worten schob Fritz die in ihren Grundfesten erschütterte Josephine unsanft zu Seite, riss die Tür auf und knallte sie hinter sich wieder zu.

Sie hielt sich noch genau so lange aufrecht, bis sie die volle Bedeutung dessen, was er ihr da an den Kopf geworfen hatte, begriff. Dann hielten ihre Beine sie nicht länger. Sie schwankte, traf mit dem Rücken an die Wand und ließ sich daran heruntersinken. Ihr Gehirn hatte alle Mühe, das eben Geschehene zu verarbeiten. Konnte sie sich so getäuscht haben? Noch nie hatte jemand ihr etwas Derartiges entgegengeschleudert. Fahrig fuhr sie sich mit der Hand durch die Haare und bemerkte dabei, dass sie zitterte. Aber sie weinte nicht. Sie fühlte sich nicht traurig, sondern leer. Es war, als hätte sie sich bei Fritz‘ Worten aus ihrem eigenen Körper verabschiedet und würde sich jetzt interessiert, aber etwas teilnahmslos selbst betrachten, wie sie dort auf dem Boden saß. Ihr war klar, dass sie verletzt sein musste, verletzt und gedemütigt, aber sie fühlte es nicht. War das ein schlechtes Zeichen? Nein. Sie wollte diese Gefühle ja auch jetzt nicht haben. Stattdessen würde sie sie wegschieben, das hatte sich bewährt. Sie würde sie wegschieben und in den Teil ihres Bewusstseins sperren, wo auch alle ihre anderen Ängste und Erinnerungen hinter Schloss und Riegel saßen. Dort gehörten sie hin, in jenen dunklen Teil ihrer Seele, wo ihr Verlobter sie vor den Augen aller ihrer Kollegen betrogen hatte, wo sie aus ihrer Heimat gerissen worden war, wo sie von einem Verrückten entführt worden und fast gestorben war und wo jetzt der Mann sie zurückgewiesen hatte, mit dem sie bereit gewesen war, das Risiko erneut einzugehen.

Es dauerte nur eine halbe Stunde, dann hatte sie sich soweit gefasst, dass sie aufstehen konnte. Ihr erstes Ziel war die Damentoilette, die sich zum Glück genau nebenan befand und aufgrund der Uhrzeit völlig leer war. Dort putzte sie sich die Nase und betrachtete sich dann genauestens im Spiegel über dem Waschbecken. Sah man ihr etwas an? Nein, entschied sie. Gut, die Neonröhren ließen sie blass wirken und machten unschöne Dinge mit ihrer Haut, aber das war immer so und hatte nichts mit speziell diesem Morgen zu tun. Sie hatte nicht geweint, also hatte sie auch keine geröteten Augen. Wenn man genau hinsah, waren auf ihrem Hals rote Flecken erkennbar, die sie rasch überschminkte, aber sonst sah sie aus wie immer. Keiner würde bemerken, dass ihr Herz vor einigen Minuten einen Schlag in die Magengrube bekommen hatte, nur um bereits am Boden liegend noch die darauffolgenden Tritte ertragen zu müssen. Das war gut, keiner sollte sehen, wie es ihr ging. Am allerwenigsten er. So viel hatte sie schon beschlossen: sie würde sich nie wieder von einem Mann ihren eigenen Alltag zerstören lassen. Entschlossen straffte sie die Schultern und verließ das Büro, um sich dem kommenden Tag zu stellen.
 
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