Bolder - Du gehörst mir (Arbeitstitel)

von Peppy1602
GeschichteDrama, Romanze / P18
30.01.2019
22.02.2019
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Sarah liegt eng an William gekuschelt auf ihrem Sofa und betrachtet still sein Gesicht.
Es ist noch immer voller Sorgenfältchen und die Frische, die ihn sonst so strahlen lässt, hat sich verabschiedet.
Nachdem sie sich ängstlich und drängend einander hingegeben haben, herrscht nun eine fast unheimliche Stille.
Sie spürt, dass er immer noch mit sich ringt, dass seine Gedanken weit weg sind.
Aber sein Herz ist bei mir, denkt sie und vergräbt ihr Gesicht an seiner Brust.
Wein nicht, Sarah. Reiß dich bitte zusammen.
Er braucht dich. Sei stark!, schwört sie sich innerlich ein.
Aber sie kann nicht leugnen, dass diese Situation ihr einfach eine riesengroße Angst macht.
William ist im Begriff alles zu verlieren. Sogar seine Freiheit.
Dieser Gedanke schneidet ihr tief ins Fleisch, sie atmet tief ein.
Williams Arme drücken sie stärker an sich, als würde er merken, dass sie unheilvollen Gedanken hinterher hängt.
Erträgst du das, Sarah? Schon wieder?, fragt sie sich still.
Vor der Antwort hat sie Angst. Und sie wehrt sich innerlich dagegen, dass solch eine Situation erneut über sie einbricht.
Was habe ich an mir, dass ich mich in jeder Beziehung mit solchen Fragen beschäftigen muss, denkt sie verzweifelt.
Scheiße, hast du sie noch alle?, schimpft sie sich aus.
Du kannst doch jetzt das eine nicht mit dem anderen vergleichen.
William hat sich nichts zu Schulden kommen lassen. Danny hingegen war nicht oft genug erwischt worden.
Es sind zwei völlig verschiedene Paar Schuhe, Baby!, versucht sie sich erklären.
Aber auch wenn sie das weiß, das Endergebnis ist das gleiche: sie ist allein.

William ist so anders. Wieso passiert das? Womit hat er das verdient?
Bei Danny war es offensichtlich, ja.
Daniel Livingston war so schön, wie unberechenbar. Aber sein aufbrausender Charakter, der am Anfang noch so aufregend auf sie gewirkt hatte, brachte sie beide immer wieder in unmögliche Situationen.
Zunächst war Sarah gefangen von Dannys Wildheit, es erregte sie, dass er so hart und zu ihr so weich sein konnte. Seine Fehler übersah sie, nahm sie in Kauf. Danny war halt ein Freigeist, ein harter Kerl, der im Innern eine große Zärtlichkeit verbarg.
Als sie 17 war, war es für sie wie ein Aphrodisiakum. Jede ihrer Freundinnen hatte sie um Danny beneidet, hatte ihr vorgeschwärmt, was für ein toller Typ er doch sei.
Sarah liebte es. Sie liebte es, dass er nicht korrekt war, dass er Grenzen überschritt und nur bei ihr seine warme, fürsorgliche Seite zeigte.
Der klassische Rebell, den sie, Sarah Miller, zähmen und auf die richtige Bahn bringen würde. Sie würde sein Leben verändern.
Es schüttelte sie bei diesem Gedanken.
Gott, deine Naivität war grenzenlos, dachte sie und versuchte die Gedanken an Danny wegzuwischen, sie auszublenden.
Aber sie hielten sich hartnäckig, saßen ihr im Nacken.
Konzentrier dich auf William, auf das hier und jetzt!, sagt sie sich und blickt William an.

William liegt neben ihr, ruhig, aber nicht entspannt. Er blickt zur Decke und streichelt zart ihren Arm.
„Was wirst du tun?“, fragt sie ihn schließlich.
Rumliegen und alle paar Minuten miteinander vögeln, wird hier keine Lösung sein, denkt sie und hofft, dass William seine Offenheit beibehält. Das sein Herz bei ihr bleibt.
Er blinzelt und hört auf sie zu streicheln.
Er wischt sich mit der Hand über das Gesicht und seufzt.
„Ich weiß es nicht.“, gibt er schließlich zu. Seine Stimme ist fast leblos, als wäre sie weit weg.
Sarah wartet, sie antwortet nicht, hofft, dass er von sich aus beginnt.
Aber William bleibt still, starrt zur Decke und schließt sie aus.
Wie würdest du reagieren, Baby, fragt sie sich.
Du redest ja nicht mal über vergangene Dinge, über das was dir passiert ist. Was dich verändert hat. Warum erwartest du dann, dass er redet?
Sarah kaut auf ihrer Lippe. Sie kann verstehen, was er gesagt hat. Sie versteht, dass er kurz davorsteht, sein Unternehmen zu verlieren, dass er seine Freiheit verlieren könnte.
Aber wie verhindert man etwas, dass man nicht greifen kann?
Warum tut sein Vater ihm das an?, fragt sie sich und ihr wird klar, dass sie über diesen Teil seines Lebens gar nichts weiß.

Sarah, du weißt überhaupt nichts über sein Leben!, zischt es sofort in ihrem Hinterkopf.
Wieder wird ihr bewusst, dass sie diesen Mann, der zwar all diese Gefühle in ihr weckt und den sie liebt, eigentlich gar nicht kennt.
Sie weiß nichts über ihn, über seine Familie, seine Leidenschaften. Sie kennt ihn gar nicht.
Wie kannst du jemanden lieben, den du nicht kennst?, fragt sie sich gehässig.
Verzweifelt schließt sie ihre Augen und versucht auch diese Gedanken loszuwerden.
Sie weiß, was sie fühlt. Sie weiß, dass sie William liebt, dass sich alles von ihr nach ihm verzehrt. Sarah will bei ihm sein, und sie gehört ihm. Alles von ihr.
Wie kann das sein, wenn wir nichts voneinander wissen?
Die Frage ist unangenehm, ätzt sich in ihre Gedanken.
William küsst ihre Stirn, als würde er merken, dass dahinter ein unendlicher Wirrwarr entstanden ist.
Sie krallt sich an seiner Schulter fest, versucht noch näher an ihn heranzurücken, in ihm zu versinken.
Sie reicht ihn, spürt ihn. Fühlt seine starken Muskeln und die weiche Haut, fühlt wie sein Herz schlägt und hört seine Atemzüge.
Sie will ihn kennen, sie will ihn verstehen. Sie will bei William sein, egal was passiert, wird ihr klar.
Sie kann vielleicht nicht erklären, warum sie ihn liebt. Warum sie sich innerhalb von vier Tagen so in diesem Mann verloren hat, aber sie weiß, dass sie nicht zurück will.
Sarah schlägt die Augen auf, drückt sich von ihm weg, so dass sie seine Augen sehen kann.
Sein Blick ist traurig, aber voller Wärme und seine tiefblauen Augen umfangen sie wie ein Mantel, der sie wärmen soll.
„Egal was passiert, William, ich bin für dich da. Ich bleibe bei dir, ok? Ich will dir helfen, dass zu überstehen, ok?“ sagt sie, ohne nachzudenken. Sie hält sich nicht zurück, schüttet ihre Gedanken über ihm aus.
„Ich liebe dich, William. Ich weiß nicht, wieso das so schnell passiert ist. Warum ich dich lieben kann, ohne dich zu kennen. Aber ich will dich kennen lernen, ich will alles über dich wissen. Ich will dir helfen. Ich will bei dir bleiben.“
Williams Augen werden ein wenig größer, als sie die Worte aus sich sprudeln lässt.
„Oh Sarah, ich liebe dich.“, raunt er und küsst sie voller Hingabe.
Es ist kein Kuss, der Verlangen oder Leidenschaft weckt. Er küsst sie, weil er sie liebt. Liebt sie wirklich mit diesem Kuss.
William löst sich aus dem Kuss und streicht mit dem Zeigefinger über ihre Wange.
„Ich will das du bleibst. Ich hoffe, dass du bleibst.“, sagt er und küsst zart ihre Nasenspitze.
Sarah schließt die Augen und seufzt.
Sie weiß, sie müssen einen Schritt weitergehen.
Aber bevor sie etwas sagen kann, beginnt William zu sprechen.
„Ich glaube nicht, dass du mir helfen kannst, Sarah. Und ich weiß nicht, ob ich dir schon alles erzählen kann. Ob ich dir erklären kann, warum das alles geschieht.“, sagt er leise.
„Es… es ist schwer darüber zu sprechen.“
Gebannt schaut Sarah ihn an, sieht wie der Schmerz in seinem Gesicht zurückkehrt.
Nein, betet sie innerlich, hör nicht auf!
Bleib bei mir!

Sie stützt sich auf den Ellbogen und lässt ihren Kopf auf ihre Hand sinken.
Nervös kräuselt sie die Lippen und spielt mit den Fransen der Decke, die er über sie ausgebreitet hatte.
Sie hört William atmen und versucht ihre Gedanken zu ordnen.
Wenn du willst, dass er redet, dann rede selbst, sagt sie sich und schließt die Augen.
Gott, dass es so schwer sein würde!
Tief atmet sie ein und wappnet sich für den Kampf, den sie innerlich mit sich austragen muss.
„Davids Vater war… ist… er ist..“, beginnt sie, doch die Worte wollen ihr nicht über die Lippen kommen. Sie spürt, dass William sie anschaut, aber sie kann die Augen nicht öffnen.
Du musst das schaffen, Sarah, sagt sie sich.
William streicht ihr zart über den Arm, als wolle er sie ermutigen.
Hilf ihm, rede!, fleht sie sich an.

„Danny war einfach nicht gut mich.“, beginnt sie schließlich. „Ich war 17, als ich ihn kennengelernt habe. In den letzten Wochen vor dem Abschluss. Er war irgendwie, ja er war der Bad Boy schlecht hin. Hielt sich nicht an Regeln, prügelte sich, hat auf alles und jeden geschissen. Nur nicht auf mich. Bei mir konnte er nett, lieb und wirklich einfühlsam sein. Er hatte keinen Plan fürs Leben und damals war das… es war faszinierend. Er war frei und ich fühlte mich mit ihm frei. Es hatte was von einem romantischen Liebesfilm der Achtziger.“
Sie öffnet die Augen, starrt aber auf Williams Brust.
Ich will nicht sehen, wie dein Blick sich verändert, wenn du all das von mir weißt, denkt sie.
Sie schluckt schwer.
„Auf jeden Fall ging es dann so weiter, wie gedacht. Ich machte meinen Abschluss, wurde schwanger. Wir hatten keine Ahnung vom Leben, wussten nicht wie wir irgendeine Rechnung bezahlen sollten. Auf einmal war es vorbei mit der Romantik und den Liebesfilmen. Danny scherte sich nicht darum, was passiert, wenn das Baby kommt. Nicht einen einzigen Job nahm er an oder bemühte sich irgendwie Geld heranzuschaffen. Ich war auf mich allein gestellt.“
Sarahs Blick wird finster und sie spürt, wie der alte Zorn in hier hochsteigt.
„Ich habe Gelegenheitsjobs bis zum Ende der Schwangerschaft angenommen. Danny hat sich betrunken und lieber Schnapsläden ausgeraubt, Einbrüche begangen oder sich ganz einfach sternhagelvoll in Bars mit allen möglichen Leuten geschlagen.“
Sie reißt jetzt förmlich an den Fransen der Decke. William bleibt ganz still, sie fühlt seine Augen auf ihr.
„Als David geboren wurde, wurde es erst etwas besser. Er sagte mir, er würde alles für uns ändern. Er würde sich einen Job suchen. Dann aber, kurz darauf, betrank er sich immer häufiger und wenn er nach Hause kam, war er unberechenbar. Ich wusste…. wusste…“, stockt sie.
William streicht ihr zärtlich über die Wange, hebt an ihrem Kinn ihren Kopf nach oben, so dass Sarah in seine blauen Augen schaut.
Sie sind voller Wärme und Mitgefühl. William schaut sie einfach nur an, als wolle er ihr Mut machen, weiter zu reden.
Komm schon, Sarah, denkt sie. Noch ein kleines bisschen.
„Er… er… Wenn er heimkam, hat er oft seine Wut an mir ausgelassen.“, sagt sie leise. Ihre Stimme bricht und sie muss mit den Tränen kämpfen.
Williams Haltung ändert sich sofort. Sie spürt, dass er unter Hochspannung steht.
„Hat er dich … etwa..“, fragt er mit einer tiefen Stimme, die keinen Zweifel daran lässt, dass er sehr böse ist.

Sarah schließt schnell die Augen, aber ihre Tränen laufen unter den geschlossenen Lidern her.
„Ja,“, sagt sie leise. Es ist fast ein Flüstern. „Je größer David wurde, um so öfter hat er mich geschlagen. Zum Schluss war es fast täglich. Ich… ich.. habe versucht mich zu wehren. Aber das hat es nur schlimmer gemacht.“, schluchzt sie und vergräbt ihr Gesicht in seiner Brust.
Sie weint bitterlich, es erschüttert sie bis ins Mark, diese Dinge laut zu sagen.
Sie zu hören.
Sie fühlt sich, als wäre sie wieder dort, in ihrer alten, schäbigen Wohnung.
Angsterfüllt und starr vor Schreck, wenn der Schlüssel im Schloss gedreht wird.
Sie liegt wieder da, auf dem Boden, gekrümmt vor Schmerzen. Betet wieder, dass er nicht ins Schlafzimmer geht, wo David schläft. Das er nicht zu ihrem Kind geht.
Sie fühlt wieder die Tritte in die Rippen, hört seine tiefe, schneidende Stimme brüllen: „Du elendiges Miststück! Du verdammte Hure!“
Spürt den Schmerz am ganzen Körper und den noch schlimmeren Schmerz in ihrem Herzen.
Das sie sich so getäuscht hatte, dass sie so schwach war, nicht zu gehen.
Das sie von der Angst beherrscht wurde.
William presst sie fest an sich.
„Oh nein, nein!“, flüstert er, „Sarah, es ist alles gut. Ich bin da. Ich bin hier.“
Aber Sarah kann nicht aufhören zu weinen, sie lässt los, lässt den Schmerz raus.
Sarah, denkt sie. Du bist nicht dort.
Du bist hier. Du bist in Brooklyn, in deiner Wohnung.
Du bist bei William.
Du bist hier!, schreit es in ihr.

Es fühlt sich an, als würde sie stundenlang an Williams Brust weinen.
Er streicht ihr zart über die Haare, hält sie fest und sagt immer wieder:
„Ssch, ich bin hier.“
Sarahs Gedanken rasen, sie versucht innerlich diese Gefühle zu unterdrücken, die Erinnerungen an Danny weit weg zu schieben.
Beruhig, dich!, schreit sie sich an. Aber nichts vermag zu helfen.
Sie kann diesen Strom von Tränen nicht unterdrücken. Es ist, als wollten die letzten Jahre aus ihr herausfließen.
„Oh Sarah, ich werde nicht zulassen, dass dir nochmal jemand weh tut, hörst du?!“, flüstert William an ihrem Ohr und die Zärtlichkeit in seiner Stimme erfasst sie.
Trifft sie ins Herz und holt sie zurück.
Sie schluchzt und wischt sich die Tränen weg.
Sarah glaubt ihm einfach.
So wie er es gesagt hat, glaubt sie ihm einfach. In seinen Armen fühlt sie sich sicher.
Bei ihm ist sie sicher.
Vielleicht passiert es deswegen alles so schnell, schießt es ihr durch den Kopf.
Weil er der erste Mann ist, bei dem du dich sicher fühlst.

„Es ist lange her, William.“, sagt sie und schluckt.
William schaut ihr tief in die Augen, seine Augen sind ernst und entschlossen.
„Ich werde es nicht zulassen, verstehst du?“, sagt er mit seiner samtigen tiefen Stimme.
Sarah nickt nur und William streicht eine Träne von ihrer Wange.
Er lehnt sich zurück und zieht sie wieder an sich, presst ihren Kopf an seine Brust, als wolle er sie für immer festhalten.
Sarahs Arme legen sich um seinen warmen Körper und sie spürt wie die Anspannung in ihr etwas nachlässt.
Du hast es geschafft, sagt sie sich.
Es fühlt sich irgendwie tröstlich an, ihm diesen Teil erzählt zu haben.
Eine ganze Weile liegen sie so da und Sarah hört Williams Herzschlag zu, der ruhig und beständig ist.

„Meine Familie hat sich in den letzten Jahren selbst zerstört.“, sagt William auf einmal völlig unvermittelt.
Was?, denkt Sarah, aber sie bewegt sich keinen Millimeter.
Ihr Herz setzt kurz aus.
Mein Gott, er redet, denkt sie.
Sie spürt, dass William sich wieder verkrampft, aber er spricht weiter.
„Mein Vater hat vor Jahren die Firmenleitung mir übergeben müssen, weil mein Großvater ihn erwischt hat, wie er sich die Taschen mit Kundengeldern gefüllt hat.“
Sarah hält die Luft an.
William räuspert sich. Sie hat Angst, dass er verstummt, daher imitiert sie seine Geste und streicht jetzt ihm zart über den Arm.
Sie hofft ihn so zu ermutigen, weiter zu sprechen.
„Damit war für meinen Vater klar, dass ich verantwortlich bin und hat mir gesagt, dass ich für ihn gestorben bin. Das ich schuld bin. Und dass er sich wieder holt, was ihm gehört.“, sagt er leise und Sarah hört Zorn in seiner Stimme.
Das ist es also? Eine alte Familienfehde?, fragt sie sich.
Mit einem Schlag wird ihr bewusst, dass es hier um viel, viel Geld gehen wird und um ein verletztes Ego.
Glaubst du, William würde sich das gefallen lassen?, stichelt die kleine Stimme.
Aber sie vertreibt den Gedanken.
William ist anders. Er würde nie in eine solche Situation kommen.
Doch dann kommt ihr in den Sinn, dass er wohl gerade genau in solch eine Situation gekommen ist. Nicht absichtlich, dennoch: Er steht vor dem Aus.
„Aber er hat nicht nur mich verstoßen, sondern auch meine Mutter.“, flüstert William. „Er war nicht treu, das kann ich rückblickend sagen. Aber zum Schluss, nachdem ihm das genommen wurde, was seiner Ansicht nach ihm gehörte, hat er sie fertig gemacht. Erniedrigt. Immer wieder.“
Oh Gott, mehr kann sie nicht mehr denken.
Eine leise Vorahnung sagt ihr, dass das Ganze schlimmer ist, als ein jahrelanger Streit zwischen Vater und Sohn.
William spannt sich jetzt vollends an. Kein Muskel seines Körpers ist jetzt noch ruhig.
Sie spürt wie sein Körper zittert und sie drückt sich an ihn. So fest, als versuche sie ihn damit irgendwie zu beruhigen.

„Ich habs nicht gesehen. Ich war beschäftigt. Ich musste die Firma leiten. Ich… ich…“ Plötzlich stockt er.
Sarah schaut zu ihm auf und sieht wie sich seine Augen mit Tränen füllen.
„William,“, sagt sie leise. „Es ist ok.“
William vergräbt sein Gesicht in seiner Armbeuge
„Nichts ist ok!“, presst er hervor. „Ich war nicht da. Ich hab ihr nicht geholfen!“
Sarahs Herz füllt sich mit Angst und Mitgefühl.
Mein Gott, was ist nur passiert?, denkt sie und hat ihre eigenen Sorgen gänzlich hinter sich gelassen.
Sie dreht sich auf ihn und legt ihre Wange an die seine.
„Ich bin hier.“, haucht sie.
Williams Körper wird übermannt von seinen Gefühlen und sie spürt ihn zucken und wie seine Tränen ihre Wange befeuchten.
„Oh William“, flüstert sie.
„Sie.. sie… sie hat gesagt, er darf nicht gewinnen. Ich musste es versprechen. Ich wusste doch nicht, dass sie sich verabschiedet.“, heult er auf.
Noch nie hat Sarah einen Menschen solche Höllenqualen leiden sehen.
Es schockiert sie, es zerreißt ihr Herz.
William, der Mann, den sie so sehr liebt, liegt hier und leidet. Und es gibt nichts was sie tun kann.
„Sie… sie…“, schluchzt er. „Ich habs ihr versprochen. Ich musste es versprechen. Ich musste versprechen, dass ich alles rette. Damit er nicht gewinnt. Und ein paar Tage später ist sie.. hat sie..“
„Sssch, William. Es ist ok, ich bin hier.“, sagt sie erneut.
Ihre Stimme ist kaum zuhören.
Fast möchte sie nicht, dass er weiterspricht. Sie ahnt, was jetzt kommt.
Aber Sarah weiß auch, dass es wichtig ist, dass er es sagt.
Dass er es ihr sagt.
„Oh Sarah, hätt ich doch nur gewusst, dass sie sich umbringen will. Ich hätte alles getan! Warum hab ich es nicht gewusst?“

Seine Stimme ist schrill, sein Körper bebt und Sarah kann nichts machen außer ihn halten.
Bei ihm sein und ihn halten während er den Schmerz rauslässt.
Mein Gott William, es tut mir so leid, denkt sie.
William weint, und irgendwie weiß Sarah, dass das sehr untypisch für ihn ist.
Und erneut wird ihr bewusst, dass sie zwar unendlichen Schmerz ertragen musste, aber dass sie damit nicht allein ist.
Auch William, der augenscheinlich alles hat, musste Dinge erleben, die man nicht erleben möchte.
Muss mit einer Schuld leben, die er mit niemandem teilen kann.
Sarahs Herz pulsiert und zerspringt fast.
Es ist als hätte sie noch nie so viel Liebe für einen Mann empfunden wie in diesem Moment.
Es ist kein Mitleid, dass sie so überwältigt.
Es ist einfach nur Liebe.
Sie haben sich angenähert, das schlimmste einander offenbart.
Und was übrig bleibt ist keine Scham, kein Mitleid, kein Bereuen.
Es ist einfach Liebe.
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