Forever is composed of Nows - Part 2

von Sisu
GeschichteDrama, Romanze / P16 Slash
30.01.2019
22.02.2019
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Kapitel 5: Die Ablenkung

Ich erinnere mich. Wir saßen in einer dieser Bars an einer dieser Abende, an dem die Jagd so leicht von der Hand gegangen war, so schnell und erfolgreich beendet wurde, dass es nicht einmal wert war es nachzuerzählen. Sam spielte mit der Flasche in seiner Hand und hörte zu, wie du und Rick die Geschichte revue passieren ließen, die wir alle miterlebt hatten. Und ich, ich konnte nur beobachten. Ihr lachtet und machtet Witze und saht euch immer wieder an, wenn ihr euch nicht entscheiden konntet, wer zuerst redet. Eure Augen trafen sich so oft, ich hatte nicht einmal mehr das Gefühl wirklich hier zu sein. Das Leuchten in deinen Augen galt nicht mehr mir, nicht einmal mehr den Vampiren, die ihr gerade besiegt hattet, nur noch ihm.

Ich versuchte zu zählen, wie oft ihr euch gegenseitig anfasstet, denn, wie auch immer, ich versuchte krampfhaft ihm nicht an die Kehle zu springen. Immer wieder berührte deine Hand seine Schulter, blieb dort liegen, bis du sie sanft von ihm streiftest. Und ich kochte, ich kochte so sehr, ich konnte es mir nicht einmal selbst eingestehen. Denn es war so irrational und unlogisch und ich wollte nicht so sein. Ich wusste wer ich war und was ich dir bedeutete. Aber die schiere Anwesenheit dieser Person ließ mich all das vergessen und ich hatte Angst, dass es nicht mehr zählte, dass ich hier in deinem Leben war, für immer und schon so lange Zeit, und er nur jetzt und gerade.

Wir hatten ein Zeichen gesetzt, das hatten wir. Unser Kuss, so lange her er sich auch anfühlte, war ein Zeichen dafür, dass wir zusammen gehörten, dass wir eins waren. Und vor allem dafür, dass du das auch wusstest, nicht nur ich. Und egal wie viel wir auch schon durchgemacht hatten, egal wie viel wir füreinander waren und taten, egal was wir alles teilten, dieser simple kurze Augenblick deiner Ablenkung schien es, zumindest in meinem Kopf, alles zunichte zu machen. Ich konnte dich nicht festhalten, wenn du nichts dafür tatest, und wenn dieser Rick alles dafür tat, dass unser Band zu reissen drohte.

Und ich fragte mich wirklich, was war los mit dir? Ich hielt dich, ich beschützte dich, ich tat alles für dich. Ich war hier, um dich zu retten, von all der Angst und Panik, von dem Disaster deines Lebens, von deinen Albträumen und nicht zuletzt von dir selbst. Von dir, deinem Leben, und vor all dem. Während du, unausweichlich und nicht abzustreiten, dachtest, dass du es nicht verdient hattest gerettet zu werden. Stattdessen schienst du beschlossen zu haben, dass es einfacher war sich jemandem hinzugeben, der dich nicht retten konnte. Denn viel wichtiger war, dass du ihn auch nicht retten musstest. Und es zerstörte mich, dass ich hier war, um über dich zu wachen, und du mich nicht ließest.

„Die Zeichen, die Menschen setzen, sind viel zu oft Narben.“
(John Green, „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“)


Viel zu viele Stunden später verabschiedeten wir uns endlich von Rick und fuhren zu unserem Motel. Morgen würden wir wieder nach Hause fahren, und all das hier wäre hoffentlich vergessen. Du und Sam, ihr ward fertig mit Rick, zumindest fertig damit mit ihm zusammenzuarbeiten. Ich hingegen, ich war es nicht. Ich konnte nicht zulassen, dass er uns irgendwann in der Zukunft noch einmal in die Quere kommen würde. Und ich konnte nicht zulassen, dass du dich noch ein weiteres Mal so leichtfertig und blind in etwas stürzen könntest, das zwar einfach für dich war, und vieles einfacher machte, aber niemals so gut und wichtig sein könnte wie das, was wir hatten. Es war nicht gesund für dich, dich von etwas ablenken zu lassen, das dir nicht half, sondern alles nur auf irreführende Art und Weise grau verschleierte, wie eine Illusion aus Wohlbefinden, aus der du früher oder später doch nur wieder ausbrechen musstest. Denn so sind Illusionen, sie geben dir so lange ein gutes Gefühl, bis du irgendwann bemerkst, dass sie nicht real sind. Und dann, unausweichlich und nicht abzustreiten, kommst du wieder zurück in die Realität und hast die falsche Erkenntnis, dass alles viel schlechter ist als es tatsächlich ist. Ich musste das verhindern. Ich tat es für dich. Ich tat es wegen dir.

Als ich also in eurem Zimmer saß und ihr tief und fest schlieft, du und Sam, ergriff ich die Chance und schlich mich leise nach draußen. Ich wusste, wo ich Rick finden würde, und der Alkohol in seinem Blut würde alles für mich noch einfacher machen. Alles lief wie geplant, und wirklich, dieser Plan war das Einzige, dass mich davon abgehalten hatte, den gemeinsamen Abend in der Bar mit ihm, so sehr es mir selbst auch widerstrebt hatte, nicht zu stören oder künstlich zu verkürzen. Ich wollte dir den Moment lassen, dir eine glückliche Erinnerung an Rick schenken, die du für immer behalten konntest. So viel war ich dir schuldig.

Ich stand in mitten seiner Hütte in einem Raum, der wohl sein Wohnzimmer sein sollte, und starte ihn an. Benebelt und müde saß er auf der Couch und sah in den Fernseher. Als er mich endlich bemerkte, hatte ich bereits jede mögliche seiner Bewegungen bedacht und war perfekt vorbereitet. Wirklich, er hatte nicht einmal den Hauch einer Chance. Verwirrt und sichtlich irritiert stand er vor mir, als ich meine Hand auf seine Wange legte. Er fiel auf seine Knie, in seinen Augen nackter Horror und Panik und Schmerz. Und es machte mir keinen Spaß, nicht einmal ein kleines bisschen.

„Es tut mir leid“, sagte ich. Es ist fast absurd, die Tatsache, dass man erst, wenn man weiß, dass jemand sterben wird, die wahre Größe und den Mut fasst, alles zu sagen, was man denkt. Und das konnte ich, ich konnte ihm alles sagen, denn er würde nicht mehr die Möglichkeit haben irgendwem davon zu erzählen. Ich sagte ihm, dass es nicht an ihm liegt, er aber dennoch ein Problem für mich und dich darstellt. Ich sagte ihm, dass ich ihn opfern musste, damit du und ich wachsen konnten. Und ich sagte ihm, dass er nichts hätte tun können, um irgendetwas an dieser Tatsache zu ändern. Kurz darauf schlossen sich seine Augen. Tot. So schmerzlos wie es mir möglich war. Die Eifersucht in mir sagte lass ihn leiden, das Herz jedoch sagte lass ihn gehen. Ich wusste seine Seele würde im Himmel in Frieden ruhen und dass er, irgendwann, vielleicht verstehen würde, dass sein Tod nicht das schlimmste in seinem Leben war.

Ein Teil von mir wusste, dass es nicht richtig war zu töten. Aber ich konnte mir nicht helfen. Wie sie, so viele meiner Brüder und Schwestern, gesagt hatten, ich habe diese eine Schwäche. Ich mag dich. Das hab ich von Anfang an. Es ging mir immer nur um die Rettung dieses einen speziellen Menschen. Dich. Ich wollte dich retten, und ich würde alles dafür tun. Egal wie verrückt und chaotisch und verwirrend verdreht es werden würde, ich würde niemals nachgeben und niemals zurückweichen. Und ich hatte immer gewusst, dass es eine Schwäche darstellte, dass ich Macht und Respekt einbüßte und noch so viel mehr als das, dass ich meine ganze Welt um mich verlor und fiel und fiel und ich nicht zurück konnte und ich mir so viel Schmerz und Last aufgebürdet hatte, und all das nur, um bei dir zu sein. Und dennoch, die wahre Natur dieser Schwäche offenbarte sich erst jetzt. Ich war verliebt. So unglaublich und vollkommen verliebt, dass ich nie wieder etwas anderes fühlen wollte.

Ich wusste, du würdest früher oder später herausfinden, dass Rick tot ist. Und du würdest dem nachgehen, du würdest versuchen alle Antworten zu finden, die da draußen auf dich warteten. Und es würde wehtun, ihn tot zu wissen, zu wissen, dass du ihn verloren hast. Und dann wäre ich wieder hier, wie immer, hier für dich und würde dich auffangen und dich trösten und dir dabei zuhören, wie du nicht aufhören kannst dich aufzuregen und zu schreien und wütend zu sein und dir über deine eigene Sterblichkeit bewusst zu werden. Und es würde furchtbar und schwer, aber ich wäre da. Und ich würde es wieder gut machen, ich würde dich okay machen, so wie ich es immer tat. Denn gute Dinge passieren wirklich, Dean. Das tun sie. Und du würdest Worte sagen und befürchten und Angst haben, um alles und jeden, und dich und mich, und die Welt an sich. Aber es würde sich legen. Denn du hattest immer noch mich. Ohne Ablenkung und ohne einfache Illusionen, in die du dich flüchten konntest. Denn am Ende bin ich das Einzige, das du wirklich brauchst.

„Vielleicht gibt es da etwas, das du Angst hast zu sagen, oder jemanden, den du Angst hast zu lieben, oder einen Ort, den du Angst hast zu betreten. Es wird wehtun. Es wird wehtun, weil es etwas bedeutet.“
(John Green/David Levithan, „Will&Will“; frei aus dem Englischen übersetzt)
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