Wrong Soul or just wrong Body?

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18 Slash
28.01.2019
30.09.2020
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Wrong Soul or just wrong Body?

Kapitel 1: I’m like you

Er stand abseits des Sportplatzes an einen Baum gelehnt. Beobachtete das rege Treiben, welches sich dort abspielte. Auf dem großen Platz, spielten einige ältere Jungen und Mädchen Fußball. Dahinter befand sich ein kleinerer Platz mit einem Basketballkorb, an welchem drei Jugendliche versuchten, ein paar Körbe zu werfen. Auf dem Spielplatz nebenan, spielten mehrere kleine Kinder. Auch aus größerer Entfernung konnte man die Schreie und Rufe noch hören, welche diese hin und wieder von sich gaben.
Seufzend schloss der Junge die Augen und lehnte den Kopf gegen den dicken Stamm des Baumes. Er spürte den leichten Wind, lauschte den verschiedenen Geräuschen. Vögel zwitscherten, die jugendlichen stritten über die Gültigkeit eines Tores, ein paar vorbeifahrende Autos, ein bellender Hund und das Rascheln der Blätter in den Bäumen.
Corry, so war der Name des Jungen, wusste dass er nicht mehr lange dort bleiben konnte. Es war schon recht spät. Bald würden auch die Kinder und Jugendlichen den Platz verlassen und sich nach Hause begeben. Doch der 17-jährige wollte nicht. Er wusste genau, was ihn dort erwarten würde. Vorwürfe, Verachtung, Unverständnis. Sie würden ihn niemals akzeptieren. Sie würden ihn niemals verstehen. Sie konnten es gar nicht. Sie wussten nicht, wie schwer es für ihn war, oder was er fühlte. Sie wollten es wohl auch gar nicht wissen, denn sie hatten nie auch nur versucht, ihn zu verstehen. Tag täglich musste er sich immer dieselben Dinge anhören. Seit er sich geoutet hatte, behandelte ihn keiner mehr normal.
Wie oft hatten sie ihm gesagt, dass er kein Junge sei? Dass er sich das nur einbildete? Wie oft hatten sie sich über ihn lustig gemacht? Hatten ihm gesagt, er solle doch dieses blöde Getue lassen und sich wie ein normales Mädchen benehmen. Tausende Male hatte er Beleidigungen ertragen müssen. Es reichte ihm. Er war einfach kein Mädchen. Egal, wie sehr sich seine Familie das auch wünschte. Egal, wie sehr sie sich dagegen wehrten. Sie konnten ohnehin nicht verhindern, dass er eines Tages auch den Körper eines Jungen haben würde.
Corry war Transsexuell. Ein Junge, im Körper eines Mädchens. Er wusste es schon, seit er denken konnte, doch hatte sich nie getraut es auszusprechen. Bis vor ein paar Wochen. Seine Mutter hatte wieder einmal versucht, ihn in ein Kleid zu stecken und hatte ihm gesagt, welch ein wunderschönes Mädchen er doch war. Wie schön er doch mit langen Haaren und in weiblicheren Klamotten aussehen würde. Er war einfach durchgedreht und hatte ihr in seiner Wut entgegen geschrien, dass er niemals so sein würde. Dass er kein Mädchen war und auch nie eines sein würde. Seine Mutter hatte ihn zunächst nur geschockt angesehen, doch auch sie war dann laut geworden. Sie schrie ihn an, dass das nicht wahr sei. Dass er das alles nur erfunden hatte. Corry würde wohl niemals wieder vergessen können, was sie ihm alles an den Kopf geworfen hatte.

,,Scheiße“, entfuhr es ihm wütend. Rasch öffnete er die Augen, biss die Zähne zusammen und fuhr sich aufgebracht durch die kurzen, blonden Haare. Was sollte er nur tun? Er konnte diesem Körper nicht entkommen. Genauso wenig, wie seiner Familie. Er wollte so gerne, dass sie ihm glaubten. Dass sie verstanden, dass er schon immer so fühlte und sich das niemals ändern würde. Aber er kannte seine Familie dafür zu gut. Sie verstanden ja nicht einmal, wieso es Leute gab, die auf ihr eigenes Geschlecht standen. Sie glaubten immer, diese Leute würden es sich aussuchen, ihr eigenes Geschlecht zu mögen. Sie sprachen immer, als ob es gegen die Natur wäre und meinten, diesen Leuten fehle nur der richtige Mann, oder die richtige Frau, um sich wieder zu ändern. Im Grunde genommen, eine durch und durch Homophobe Familie.
Unmöglich, ein normales Gespräch über solche Dinge zu führen. Über Dinge, die eigentlich völlig normal waren und auch als normal angesehen werden sollten. Es war immerhin nichts Schlimmes daran, anders zu sein. Anders war gut. Es war eben nicht jeder gleich.

,,Probleme?“, fragte eine männliche Stimme und ließ den Blonden zusammenzucken. Er hatte nicht mit Gesellschaft gerechnet.
,,Ich wüsste nicht, was dich das angeht.“
Sein Ton klang unfreundlicher, als beabsichtigt, aber er war im Moment nicht in der Stimmung, um mit irgendwem zu reden. Erst recht nicht, mit einem Fremden. Ganz besonders nicht über seine Probleme. Die würde dieser sowieso nicht verstehen.
,,Eigentlich gar nichts, aber einen so hübschen Jungen, kann ich nicht einfach links liegen lassen.“
Corrys Augen wurden größer. Hatte der Typ ihn gerade wirklich als Jungen bezeichnet? Trotz seiner viel zu hohen Stimme und den Brüsten, die sich leicht unter dem Pulli abzeichneten? Trotz des so weiblich wirkendem Gesichtes? Es erfüllte ihn mit Stolz und doch war er skeptisch. Jeder andere hätte ihn sofort als Mädchen eingeordnet.
,,Woher…?“
,,Ich weiß was du durchmachst. Irgendwann bekommt man ein Gefühl für die Menschen, die so sind, wie man selbst. Es dauert zwar eine Weile, aber dann erkennt man so etwas eigentlich sehr schnell.“
Jetzt verstand er gar nichts mehr. Dieser Kerl war einen guten Kopf größer als Corry selbst. Er besaß kurze, dunkelbraune Haare, einen leichten Bartansatz und eine tiefe Stimme. Sein Oberkörper war flach und unter dem T-Shirt zeichneten sich leichte Muskeln ab. Was hatte dieser Kerl schon mit ihm gemeinsam? Ihm wollte beim besten Willen nichts einfallen.
,,Du solltest mal dein Gesicht sehen. Du schaust, als wäre ich total bescheuert und hätte jeglichen Verstand verloren.“
,,Hast du ja anscheinend auch. Inwiefern sollten wir uns schon ähnlich sein?“, fragte der Blonde und verschränkte die Arme vor der Brust. Dass man dabei noch deutlicher sah dass sein Oberkörper alles andere als flach war, interessierte ihn in diesem Moment nicht.
Grinsend zog der Braunhaarige sein graues Shirt nach oben. Nach und nach gab er damit den Blick auf Muskeln und einen flachen Oberkörper frei. Allerdings auch auf zwei Narben, die sich auf seiner Brust befanden. Corry blieb der Mund offen stehen. Der Größere ließ das T-Shirt daraufhin wieder los und steckte lässig seine Hände in die Hosentaschen seiner blauen Jeans.
,,Du bist auch…“
,,Das habe ich dir ja versucht zu sagen. Ich bin wie du. Ein Junge, geboren im falschen Körper.“

Ungläubig starrte Corry den Kerl einfach weiter an. Er wollte etwas sagen, doch kein Wort verließ seinen Mund. Er war einfach nicht fähig, irgendetwas zu sagen. Noch nie war er persönlich jemandem begegnet, der das gleiche Schicksal teilte und er hätte auch nicht geglaubt, dass dies in naher Zukunft geschehen würde. Vor allem nicht in diesem Dorf, auch wenn es offiziell eine Kleinstadt war. Hier gab es einfach viel zu wenig Leute, die sich trauen würden, so etwas offen zuzugeben. Im Grunde genommen, gab es an diesem Ort nur Spießer.
,,So wie du schaust, hast du gerade entweder einen Herzinfarkt, oder du glaubst zu träumen. Sag mir bitte Bescheid, wenn es der Herzinfarkt ist. Dann ruf ich einen Arzt, bevor du stirbst.“
,,Du... Wie... Ich meine...“, Mehr als gestotterte Wörter brachte er nicht hervor. Den schlechten Witz überging er einfach. Er konnte schon nichts auf die erste Aussage erwidern, da machte es keinen Sinn, auch nur zu versuchen, auf einen Witz zu antworten. Einen Witz, der ohnehin nicht sonderlich seinen Geschmack traf.
,,Ich nehme an, du hattest noch nicht so viel Kontakt zu Jungs, die so sind, wie du. Oder generell zu Leuten, aus unserer Community, was?“
Ohne dem Größeren in die Augen zu sehen, schüttelte er langsam den Kopf. Es war ihm etwas peinlich dies zugeben zu müssen.
,,Schon gut. Es hat leider nicht jeder das Glück, sich großartig mit Gleichgesinnten unterhalten zu können. Dafür musst du dich auch nicht schämen“, gab der Braunhaarige lächelnd von sich und machte einen Schritt auf den Kleineren zu. Er legte ihm eine Hand auf die Schulter und wartete, bis dieser ihn ansah, um dann weiterzusprechen., ,Jetzt hast du ja mich.“
,,Meinst du das ernst?“
Corry wusste nicht, woher auf einmal die Kraft kam, etwas zu sagen, doch er war auch froh, dass er endlich ein paar Worte herausgebracht hatte. Dieser Kerl, den er nicht einmal kannte, wollte offenbar für ihn da sein. Bislang hatte es keinen interessiert, ob er jemanden zum Reden hatte. Jemanden, der ihm half und ihm Tipps gab. Er hatte ja nicht einmal Freunde, denen er seine Probleme anvertrauen konnte. Und nun war da plötzlich dieser Fremde, der genau wusste wie es war, im falschen Körper geboren worden zu sein und er wollte auch noch für ihn da sein. Wie standen die Chancen, dass so etwas je wieder passieren würde? Oder, dass so etwas einem überhaupt je passierte?
,,Jeder braucht irgendwen, der ihn versteht und so wie du hier stehst, kannst du dringend jemanden gebrauchen. Ich wäre kein guter Mensch, wenn ich dich einfach hier stehen lassen würde, obwohl ich genau sehe, dass es dir nicht gut geht.“
,,Wow... Das ist... Danke.“
Der Blonde lächelte und langsam bahnten sich Tränen ihren Weg über sein Gesicht. Er wollte nicht weinen, doch es machte ihn glücklich endlich jemanden zu haben, der ihn verstehen konnte.
,,Hey! Kein Grund zu heulen!“, sagte der Größere überrascht und machte einen letzten Schritt nach vorn. Er stand nun genau vor dem Jungen, welcher einen ganzen Kopf kleiner war, als er selbst. Vorsichtig wischte er ihm mit der Hand die Tränen aus dem Gesicht.
,,Ich bin übrigens Silas. Darf ich wissen, wie du heißt?“
,,Corry“, beantwortete er knapp die Frage und fühlte sich dabei richtig glücklich, das ihn endlich jemand so nennen würde. Bei seinem Namen. Dem Namen, den er für sich selbst auserwählt hatte. Nicht bei dem Namen, den seine Eltern für ihn gewählt hatten. Den Namen, den er am liebsten nie wieder hören wollen würde.
,,Na dann Corry, freut mich dich kennenzulernen.“

***

Erstellt: 28.01.2019

Beta: 29.01.2019 LSFox
03.02.2019 mondschatten55