Riches & Refugees

GeschichteDrama, Romanze / P16
28.01.2019
16.02.2019
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Einige Tage ließ das Thema des Flüchtlings uns in Ruhe, die Aufregung um das Mündel der Muehlers schien zumindest bei uns Zuhause einigermaßen uninteressant geworden zu sein – schließlich hatte er sich als Mann aus Fleisch und Blut herausgestellt, der ruhig in der Ecke gestanden, gelächelt und genickt hatte – und zwar ohne uns den Koran aufzuzwingen, das Spanferkel zu verfluchen oder fremde Oberhäupter zu bewerben.
Mittwochabend brach es dann doch noch überraschend über mich hinein. Ich hatte mir gerade von Olga einen heißen Kakao in die Bibliothek bringen lassen, als mich das Klingeln meines Handys aus meiner Geschichte riss.
„Hallo?“
„Hey, Julia, hast du Zeit?“
„Viola?“ Ihre Stimme war todernst! „Was ist los?!“
„Mir fällt hier echt die Decke auf den Kopf, meine Mutter ist nur am Heulen, schreit alle an!“
„Scheiße … warum?!“
„Später. Können wir uns nicht treffen?“
Mein Blick streifte kurz das Buch und den warmen Kakao, ließ mich echt zögern… aber wenn Viola mich schon anrief, dann musste es echt ernst sein. „Natürlich. Wann soll ich wohin kommen?“
„So bald wie möglich! Ort kannst du dir aussuchen, ich will nur raus.“
„Ich hole dich ab, bis gleich.“ Lächelnd trennte ich die Verbindung, nahm meinen Kakao und verließ das Zimmer. Wenn Viola schon sagte, ich könnte mir einen Ort aussuchen, dann wollte ich es auch gerne ausnutzen – schließlich war sie meist die bestimmende Kraft, die uns zu Veranstaltungen und Ortschaften zitierte; und wenn sie schon einmal das Zepter aus der Hand gab, wollte ich sie natürlich nicht enttäuschen.
„Darcy!“, rief ich, als ich das Wohnzimmer durchquerte, in der Hoffnung, er wäre hier irgendwo. Vermutlich in der Küche, wo auch sein Fressen stand. Oder im Keller bei Olga,  oder – was fatal wäre, weil ich eigentlich sofort aufbrechen wollte! - mit ihr beim Gassigehen!
Ich fand sie tatsächlich in der Küche, alle beide.
Olga ließ sofort die fertig gelesene Zeitung meines Vaters sinken und sah mich mit großen Augen an. „Stimmt was nicht, Julenka?“
„Nein, alles super.“ Wie zur Demonstration nahm ich einen großen Schluck aus meiner Tasse, wobei der Inhalt nur noch lauwarm war. „Aber ich muss noch einmal los, ein spontanes Treffen mit Viola.“
Sie lächelte diabolisch. „Ist doch was vorgefallen mit dem Hübschen?“
„Abzuwarten.“ Ich grinste und spürte sofort die Neugierde aufflammen – was erwartete mich eigentlich bei ihr? Kurz bekam ich ein schlechtes Gewissen, dass ich mich das nicht früher schon gefragt habe – schließlich hatte unser letztes Telefonat kurz nach dem hässlichen Streit mit ihrem Ex stattgefunden, der letztlich auch ihre letzte Konversation geblieben war. „Aber ich wollte Darcy mitnehmen. Er muss ja eh raus.“
„Gute Idee.“ Olga nickte zufrieden, während Darcy sofort aufblickte, als er seinen Namen hörte. „Dann wünsche ich euch viel Spaß.“
„Mal gucken, klang recht ernst.“ Ich warf ihr einen bedrückten Blick zu, um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen, und wandte mich dann zu Darcy, um ihm zu meinem Auto zu bringen, das in einer kleinen Garage nebenan stand. Mein Liebling kannte das ganze Vorgehen schon, sobald ich den Kofferraum geöffnet hatte, sprang er hinein und legte sich brav hin. „Ja, fein!“, flüsterte ich und gab ihm ein Leckerli, schon im Voraus für seine Geduld. Wenn ich von heute so zurückblicke, so hatte Darcy vermutlich den weit besseren Abend als ich …

Als Viola mir die Tür öffnete, staunte ich nicht schlecht, als nicht nur sie sich im Foyer in dicke Jacken kleidete, sondern auch Djamal, der Flüchtling. Und während Viola in sich in einem dicken Pelzmantel verhüllte, trug Djamal eine einfach gesteppte Jacke mit einem Fellkragen, der dieselbe Farbe trug wie Violas Mantel.
Als wären sie Geschwister, dachte ich belustigt und wollte gerade einen Kommentar ablassen, als meine Freundin mir zuvor kam: „Ja, wir nehmen ihn mit. Auf Muttis Befehl hin. Und Papas Wunsch, was letztlich ausschlaggebend war.“ Sie schenkte mir einen bitteren Blick, schulterte ihre lange Handtasche und stolzierte durch die Tür hinaus, direkt an mir vorbei. Ich sah ihr verwirrt hinterher, unschlüssig, ob ich ihr folgen sollte, und sah noch einmal zu Djamal zurück. Er zog sich eine graue Beanie-Mütze über und lächelte mich verlegen an. „Hallo.“, sagte er, diesmal schon lauter als beim letzten Mal.
„Hey.“ Ich erwiderte das Lächeln, aber aufrichtig und freundlich, und nickte zu meinem Auto herüber. „Möchtest du mitkommen?“
Er überlegte lange und verzog sogar das Gesicht dabei, zuckte aber die Schultern und sah wieder verlegen auf den Boden. „Nicht verstanden.“
„Nicht schlimm.“ Ich winkte, schüttelte lächelnd den Kopf und zog die Tür hinter ihm zu. „Kannst du Auto fahren?“, fragte ich ihn, als wir durch den Vorgarten auf mein Auto zuschlenderten. Viola wartete bereits ungeduldig dort, natürlich an der Tür des Beifahrers.
Djamal zuckte wieder nur mit den Schultern, grinste aber breit, als ich pantomimisch das Steuern eines Lenkrades und das Treten eines Pedals vormachte. „Ja, ja!“
„Kommt ihr jetzt bitte?!“ Viola hüllte sich noch tiefer in ihren Mantel, bis sie aussah, als wäre sie ein menschliches Schaf geworden. „Es ist bitterkalt!“
„Der Wagen läuft, brauchst nur einsteigen!“, rief ich und lachte. Ich hatte für Darcy extra ein Fenster offen gelassen, weil er die Fahrt über meine Heizung ertragen hatte, und deshalb den Schlüssel nicht gezogen.
„Ich hab doch eben ...“ Viola versuchte demonstrativ, ihre Tür zu öffnen und erschrak, als sie sich tatsächlich öffnete. „Oh … okay.“ Sofort verschwand sie im Innern des Autos, und ich beobachtete, wie sie an meinen Armaturen die Heizung wieder einschaltete. Dabei bewegte sie unaufhörlich ihre Lippen – entweder sprach sie mit Darcy, oder sie fluchte laut vor sich hin. War beides nicht unwahrscheinlich.
Djamal neben mir lächelte auch, obwohl er sicherlich kein Wort verstanden hatte. „Dein?“, fragte er und nickte zu meinem Auto herüber. Ich nickte stolz, und nutzte die kurze Gelegenheit, ihn wieder zu mustern – er sah wieder richtig gut aus, seine markanten Gesichtszüge traten durch die Mütze deutlich hervor, und sein Grinsen hatte etwas furchtbar ansteckendes. Denn das zeigte er gerade. „Schön.“, sagte er und streckte mir seinen Daumen entgegen.
„Danke sehr.“ Ich lächelte geschmeichelt und öffnete ihm die Tür für die Rückbank. „Vorsicht: Hund!“, warnte ich ihn noch und klopfte leicht gegen die Scheibe, die zum Kofferraum gehörte.
Er warf einen kurzen Blick hinein und nickte. „Schön.“
Ich stutzte kurz über die Wiederholung, lächelte aber und warf die Tür wieder zu, als er sich gesetzt und angeschnallt hatte. Ich bin wie ein Chauffeur!, dachte ich belustigt und atmete tief durch, als ich auf den Fahrersitz rutschte. „Willkommen an Bord der Behrens-Streetline. Nächster Halt: Weihnachtsmarkt.“, predigte ich in künstlich tiefer Stimme und grinste, aber Djamal sah im Rückspiegel eher verstört aus, und auch Viola war nicht zu Witzen aufgelegt.
Sie seufzte und ließ die Schultern zucken. „Einfach raus, Julia.“
„Okay, okay!“ Ergeben schüttelte ich den Kopf und verließ das Grundstück der Muehlers. In den oberen Fenstern brannte noch immer Licht, und ich sah deutliche Schatten, die über die Vorhänge glitten. Unheimlich, dachte ich bei mir und räusperte mich leise, ehe jemand das Radio wieder lauter stellen konnte. „Was ist passiert?“
„Hat dein Vater dir nichts erzählt?“ Viola musterte mich abschätzig, als hätte ich die Frage extra boshaft gestellt. „Von dem ganzen Ärger im Rat? Von den Beschwerden? Der Demonstration?“
Doch, hatte er. Aber nicht sehr detailliert. Über Frau Muehler baumelte das Damoklesschwert, da die Bewohner der Stadt sie alleine für das Auftauchen der Flüchtlinge in unserer Stadt verantwortlich machten – und das, obwohl keiner der Vorsitzenden je etwas alleine entscheiden durfte! Beschwerden wurden laut; Beschwerden über sie und direkt an sie gerichtet. Aber eine Demonstration? Ich berichtete ihr kurz meinen Wissensstand, was sie wütend nicken ließ.
„Ja, eine Demonstration. Der Rat hat doch schon vor Längerem entschlossen, das Flüchtlingsheim auf dem Sportplatz der Grundschule zu bauen. Einige übermäßig engagierte Eltern  und Lehrer gehen jetzt auf die Barrikaden und meinen, der Sportplatz besäße viel zu viel Bedarf, als dass man ihn dauerhaft sperren dürfe.“
„Dafür zettelt  man keine Demonstration an.“, meinte ich skeptisch und lenkte den Wagen Richtung Innenstadt. Der Jahrmarkt befand sich genau im Zentrum, nahe des Rathauses.
„Weil das auch nur der Vorwand ist.“ Viola rollte mit den Augen. „Sie haben Angst. Angst vor den Flüchtlingen, Angst um ihre Kinder. Die Extremsten unter ihnen führen immer wieder Köln als abschreckendes Beispiel an!“
Ich erschauderte. Die Kölner Silvesternacht hatte vor einiger Zeit für einigen Aufruhr gesorgt, und das nicht ohne Grund. Schnell warf ich einen Blick in den Rückspiegel, aber Djamal warf immer Blicke über die Schulter, zu Darcy in den Kofferraum, und ließ seine Hände über die ledernen Sitze gleiten. Er schien sich ziemlich wohl zu fühlen, und auch nichts von unserem Gespräch mitzubekommen. „Das ist krass.“, sagte ich und schwieg eine Weile, ebenso wie Viola. „Aber irgendwo verständlich.“
„Natürlich ist das verständlich!“, rief sie aufgebracht und ließ alle Anwesenden vor Schreck zusammenzucken. Darcy bellte sogar einmal laut. Und während Viola  sich weiter ihrer Wut hingab, griff ich an einer roten Ampel ein Leckerli aus meiner Handtasche und gab es Djamal, der zum Glück verstand, worum es sich handelte. „Das macht es ja so schlimm! Meine Mutter ist fix und fertig mit den Nerven! Das ganze Flüchtlingsprogramm lastet jetzt auf ihren Schultern, und warum?! Weil sie ihn da ...“ Sie machte eine angewiderte Kopfbewegung in Richtung der Rückbank. „... mit offenen Armen aufgenommen hat! Hätten wir das mal vorher gewusst! Hätten wir gewusst, was das für Ärger gibt, dann -“
„Das Problem hätte ja trotzdem bestanden!“, fiel ich ihr schnell ins Wort und sah sie wütend an. „Die Muttis hätten sich trotzdem beschwert, warum die Container dort aufgestellt werden sollen! Daran hat sich ja wegen des Mündels nichts geändert!“
„Aber sie ist jetzt der Buhmann für die ganzen Bewohner! Alle geben ihr die Schuld, alle halten sie für die Verantwortliche; schon jetzt! Und dabei ist erst er hier!“, zischte sie und nickte abermals zur Rückbank. „Was soll geschehen, wenn die Horden hier ankommen? Wenn wirklich etwas passiert?“
„Das wird schon nicht passieren -“, versuchte ich, wurde aber sofort wieder unterbrochen.
„Natürlich wird das passieren! In jeder Herde wird es schwarze Schafe geben, und du kannst nicht über hundert Menschen aufnehmen und hoffen, es seien alles Heilige!“
„Trotzdem ist es noch zu früh -“
„Und wer wird dann die ganze Schuld tragen?! Wir! Weil wir mit dem ersten Stein geworfen haben!“
„Der Rat besteht nicht nur aus deiner Mutter, Viola, das -“
„Achja?! Wo sind sie denn? Wo ist denn Armin? Oder Lukas Eltern?! Die sind doch froh, dass nur meine Alte dafür beschuldigt wird! So verliert nur sie ihre Stimmen, das passt denen doch perfekt ins Geschäft! No risk, full fun!“
Ich konzentrierte mich wieder auf den Verkehr. War das wirklich die Wahrheit? Hielten sich Armin und die Höhners deshalb so aus der Affäre? „Aber sie müssen doch alle zusammen abstimmen, Vorgehensweisen ausarbeiten ...“
„Was glaubst du, macht Mutti schon seit Tagen?!“ Viola funkelte mich wütend an, als hätte ich den Mob aufgehetzt. „Sie versucht das alles zu bewältigen und schafft es nicht alleine! Seit Tagen ist sie auf hundertachtzig, schreit uns nur an und verliert sich in der Arbeit, Julia.“ Ihre Stimme nahm rapide an Härte ab und selbst Violas harte Miene wurde weich. „Deswegen musste ich raus heute. Es wird mir echt zu viel Zuhause – es ist halt nicht mein Problem, aber bei den Ausmaßen, die das Problem annimmt, bedroht es ja unsere ganze Existenz!“
„Hey, dein Vater ist noch immer der Besitzer des Theaters!“ Mein kleiner Scherz wurde mit einem resignierten Blick quittiert. Ich seufzte. „Es ist erst eine Demonstration. Der Rat wird schon einen Weg finden, die Bürger wieder zu beruhigen, da bin ich mir ganz sicher.“
Sie murrte leise. „>Ganz sicher<, als würdest du mit einem Kind sprechen, Julia.“
Ich zuckte mit den Schultern und sah langsam die Lichter des Weihnachtsmarktes auftauchen. „Da ist er!“, rief ich und deutete mit einem Finger darauf, damit auch Djamal verstand, dass unser Ziel erreicht war. Violet nickte nur, völlig in Gedanken versunken, aber vom Rücksitz hörte ich ein beeindrucktes Ausatmen. Da Djamal auf der falschen Seite des Wagens saß, hatte er sich so weit die Gurte es erlaubten hinübergelehnt und sah mit großen Augen durch das Fenster hinaus.
Durfte ja eigentlich sein erster Besuch auf einem Jahrmarkt sein, überlegte ich und fühlte Stolz in mir aufwallen. Schließlich war er in meinen Plan überhaupt nicht involviert gewesen!

Ich parkte hinter dem Rathaus auf dem Stellplatz meines Vaters und lud Buddy aus dem Kofferraum. Er streckte sich, was mit einem lauten Ächzen noch untermalt wurde. „Komm her, Großer.“, flüsterte ich ihm zu, als ich seine Leine befestigte und ihm ein weiteres Leckerli reichte. „Guter Junge.“
Djamal und Viola standen etwas abseits, aber mehrere Schritte voneinander entfernt und völlig verfremdet. Kein Wort wechselten sie miteinander, sahen sich nicht einmal an. Dafür war Djamal aber auch viel zu gefesselt von dem Ausblick auf die bunten Lichter, die Menschenmengen und die antik-angehauchten Holzhütten, deren Dämpfe bis hierher wehten und Versprechungen von Lagerfeuern, Würstchen und Glühwein mit sich brachten.
Als ich sie mit Darcy erreichte, kam endlich Bewegung in die beiden. Viola sicherte sich sofort den einzigen Platz neben mir und hakte sich bei mir ein. Damit waren die Besitzansprüche geklärt, aber ich wollte den Jungen nicht dermaßen außen vor lassen und hielt ihm lächelnd die Leine hin – Darcy war gut erzogen, da sollte eigentlich nichts passieren. „Willst du?“
„Ich?“ Er musterte mich skeptisch, dann aber, etwas weniger skeptisch, den Hund. „Ja?“
„Ja, klar.“ Ich grinste und gab ihm das Ende der Leine. „Festhalten.“, sagte ich und zog sie stramm genug, dass keine überschüssige Leine über den Boden schleifen konnte. Darcy befehlte ich „Bei Fuß!“ und deutete auf Djamal, in der Hoffnung, er verstünde, was ich meinte.
Und so tauchten wir in die Menschenmengen des Weihnachtsmarktes.
Djamal blieb immer dicht vor oder hinter uns, schob sich zwischen den Leuten hindurch und erntete mehr als genug verwunderte oder missachtende Blicke. Mir entging keiner von ihnen, aber wohl Viola, die mir weiterhin ihr Leid klagte. Aber diesmal war Djamal selbst der große Problemfall. „Und du weißt gar nicht, wie schwer es ist, mit ihm zu leben! Er kommt zu jedem Abendbrot zu uns, und dann versuch mal, dich mit ihm zu unterhalten! Es geht mir dermaßen auf den Geist! Immer nur dieses >Schön<, >Schön<, >Schön< - ist es das einzige Wort, dass dieser scheiß Deutschkurs ihm beibringt?!“
Ich zuckte mit den Schultern, fühlte aber eine leise Abneigung in mir aufsteigen. Aber nicht gegenüber dem Jungen, wie sie es wohl beabsichtigte, sondern gegen sie. Denn je mehr sie über ihn lästerte, desto mehr verdiente er mein Mitleid. Dass er kein Schwein aß und deshalb Speisen ablehnte, war eine Sache, die man so oder so interpretieren könnte – nicht, dass ich sie negativ auffassen würde! -, aber seine fehlenden Sprachkenntnisse oder seine Neugierde gegenüber ihrem Leben zu verurteilen … das war krass. Und ungerechtfertigt.
Mein Blick haftete sich wieder an ihn und Darcy – Djamal ging völlig lässig vor uns her und schien uns nicht zu hören. Die Hände hatte er in den Taschen vergraben, ebenso wie meine Leine, aber Darcy hatte noch immer genug Freiraum, um Abstand zu nehmen. Darcy selbst lief neben ihm her, als wäre Djamal sein Besitzer – brav und hörig, ohne ihn jemals vor die Füße zu geraten. Fast schon harmonisch die Beiden, dachte ich belustigt und blendete Viola für einen Moment aus. So ganz ohne Gesellschaft und die Konfrontation mit seinem fehlenden Sprachverständnis wirkte er ja richtig selbstsicher! Irgendwas musste es mit seiner Gangart zu tun haben – nicht zu stramm, nicht zu locker, sondern … schwer zu beschreiben. Heute würde ich ihm eine starke Körperspannung zusprechen, die er bewusst zu kontrollieren wusste, aber damals fiel mir so etwas nicht ein. Für mich wirkte es damals nur erwachsen … und als Anzeichen einer Männlichkeit, die in all seiner Verlegenheit beinahe untergegangen war.
„ … echt zum Kotzen, als hätten wir nicht genug um die Ohren!“, schnatterte Viola und stieß mich plötzlich mit dem Ellenbogen an. Sie deutete auf einen großen Stand zu unserer Linken, wo sich Unmengen an Leuten zu einer massiven Schlange aufgereiht hatten. „Wie wär's mit Glühwein? Ich gebe eine Runde aus!“
„Gute Idee.“, seufzte ich, als sie mich losließ und sich durch die Menschenmengen kämpfte. Schnell eilte ich etwas weiter und rief Djamal, damit er uns nicht davonlief. „Wir möchten gerne was trinken.“, erklärte ich ihm, wieder unterstützt von einigen Handzeichen und schauspielerischen Versuchen.
„Trinken.“, wiederholte er und nickte lächelnd. „Was?“
„Glühwein.“, grinste ich stolz, spürte aber das kleine Pochen im Hinterkopf – ich hatte etwas vergessen! „Trinkst du Alkohol?“
Er schwieg einen Moment, um über meine Worte und Gesten nachzudenken und wog den Kopf von einer Seite zur Anderen. „Wenig.“
Erleichtert atmete ich auf und schüttelte den Kopf. „Wir stoßen einfach auf deine Ankunft an. Nur wir drei.“
Natürlich hatte er es wieder nicht verstanden, das hatte ich mir aber schon beim Aussprechen gedacht. Ziemlich schwer, immer umdenken zu müssen, ob man dem Niveau entsprechend sprach oder nicht!
Wir suchten uns einen freien Stehtisch und warteten dort auf Viola und unsere Getränke. Ich behielt wieder unsere Mitmenschen im Auge und bemerkte wieder die ganzen Blicke, die der Flüchtling hier so abbekam. Was ich aber vorhin nicht bemerkt hatte, war, dass Djamal all die negativen Blicke eiskalt erwiderte. Die meisten brachen dann den Blickkontakt ab oder verloren ihren negativen Anblick, aber andere blieben hartnäckig und hielten das Blickduell aufrecht, bis sie ihn passiert hatten.
„Hey.“, sagte ich schließlich, als ein weiteres Duell sein Ende genommen hatte. „Scheiß auf die.“
Er zog skeptisch eine Augenbraue hoch und musterte mich fragend. Offenbar hatte er das schon einmal gehört. Also deutete ich auf den Typen, der ihn eben noch angestarrt hatte und winkte ab. „Egal!“ Dann tippte ich mir an die Stirn und rollte mit den Augen.
Djamal lachte, was dumpf im Gemurmel der Massen unterging. „Gut.“ Er grinste noch eine Weile und sah wieder auf Darcy hinunter, der sich vor seine Füße gesetzt hatte. „Hund ist schön.“, sagte er schließlich, aber ziemlich leise. Vermutlich eher zu sich, als zu mir.
„Darcy.“, sagte ich und umrundete den Tisch, um neben den beiden stehen zu können. „Sein Name.“, fügte ich hinzu, als er mich wieder verständnislos musterte.
„Darcy ...“, wiederholte er leise, wobei es bei seinem Akzent fast völlig anders klang. „Schwer.“
„Ich weiß.“ Ich lächelte aufmunternd, was er sogar zu verstehen schien, denn er erwiderte es sofort. „Möchtest du ihn streicheln?“, fragte ich und machte ihm die entsprechenden Bewegungen vor.
Er überlegte kurz, musterte den Hund kurz kritisch und sah mir wieder unsicher in die Augen. „Ja?“
„Okay.“ Ich hockte mich neben Darcy auf den Boden, kurz darauf tat er es mir nach. Aber ich brauchte ihm nicht zeigen, was er machen sollte – er hielt Darcy von ganz allein die Hand vor die Schnauze, damit er ihn beschnüffeln konnte – was nach ihrem vorangegangenen Spaziergang sicherlich unnötig war, aber sicher ist sicher! -, und begann dann, ihn vom Nacken abwärts zu streicheln. Dabei wirkte er wieder so selbstsicher wie vorhin beim Führen. Ob er in der Heimat auch einen Hund gehabt hatte?
„Julia, ja?“
Überrascht sah ich auf, direkt in sein Gesicht, und konnte ein plötzliches Erröten nicht unterdrücken. Es war das erste Mal, dass er meinen Namen aussprach, und dabei klang es komplett anders! Statt ein weiches J auszusprechen, wie es eigentlich alle taten, ließ sein Akzent daraus ein „Sch“ oder „Tsch“ machen, irgendeinen weichen Zischlaut … was mir sofort eine Gänsehaut bescherte. „Ja, ja.“, sagte ich schnell, um ihn nicht zu beunruhigen. „Richtig.“
Er nickte zufrieden. Aber trotzdem wirkte er ernst, als wir uns wieder erhoben und uns auf den Tisch lehnten. „Viola … Böse?“
„Böse?“ Ich stockte. „Nein, nicht böse. Wütend.“ Glaubte ich zumindest. „Oder ängstlich.“
Natürlich hatte er es nicht verstanden. „Sie böse … ich?“
Ich musterte ihn skeptisch – diesmal war ich es wohl, die nichts verstand. „Was?“
„Bei Auto. Viola böse.“
Ich nickte langsam – er meinte sicherlich die Autofahrt. Viola war ja nicht zu überhören, und noch weniger zu ignorieren gewesen.
„Böse ich?“ Als ich immer noch nicht verstand, schüttelte er den Kopf und bot mir mit einem Finger Geduld. Ich stockte über seine plötzliche Autorität, nickte aber. Er streckte sich und deutete auf sich. „Viola.“ Dann zeigte er auf Darcy. „Djamal.“ Plötzlich schien er mit dem Hund zu schimpfen, aber auf seiner Sprache, die niemand verstand. Darcy bekam es überhaupt nicht mit, er hechelte fröhlich vor sich hin und sah anderen Passanten hinterher.
Es dauerte eine Weile, bis ich verstand, was er meinte. „Nein! Nein!“, rief ich plötzlich, und vielleicht auch viel zu laut, denn die Leute von den Nachbartischen drehten sich verwundert zu uns um. Aber darauf achtete ich nicht. „Nein, Djamal.“
Als ich seinen Namen so wiederholte, wie er ihn eben ausgesprochen hatte, sah er überrascht auf und lächelte – meiner Reaktion eben gar nicht so unähnlich. „Nein?“
Ich schüttelte schnell den Kopf. „Sie ist nicht böse auf dich. Alles gut.“
„Alles gut?“
Abermals nickte ich.
Djamal grinste und schüttelte den Kopf. „Puh.“ Er legte sich eine Hand aufs Herz, und ich sah förmlich, wie die Last ihn verließ.  „Warum?“, fragte er plötzlich und ich brauchte wieder eine Weile, um den Kontext zu verstehen. Warum Viola wütend war?
„Egal.“ Ich winkte ab und schüttelte den Kopf. „Unwichtig.“
Er grinste, richtete seine Mütze neu und trommelte ungeduldig auf dem Tisch herum.
Und so schwiegen wir, bis Viola kurz darauf mit drei Bechern Glühwein wiederkam. „So, Kinder, auf die Politik, und wie scheiße sie doch ist.“
Djamal prostete ihr fröhlich zu, als hätte sie eine freudige Verkündung gemacht, und stieß sogar mit mir an. Als ich mein heißes Getränk genoss – das ich als Entschädigung für den halben Kakao ansah, den ich Zuhause weggießen musste! -, beobachtete ich den Jungen bei seiner ersten Kostprobe. Er verzog schon nach dem ersten Schluck die Miene, trank aber tapfer weiter und versuchte, sein Lächeln konstant glaubwürdig zu halten.
Süß, dachte ich und sah zu Viola hinüber, die sich um gar kein Lächeln mehr bemühte. Die Spannungen von Zuhause und das ewige Warten in der Schlange zeigten deutliche Spuren an ihr. Zumal mit ihr in einem solchen Zustand nicht viel anzufangen war, wie ich sie kannte. Hatte sie erst einmal schlechte Laune, so ging es auch eine ganze Weile nicht mehr bergauf.
„Brennt dir noch mehr auf der Zunge?“, fragte ich sie schließlich.
„Mehr als ich zugeben möchte.“, brummte sie und leerte ihre Tasse rasch. Ihre Wangen röteten sich leicht, und feine Dampfwolken entsprangen ihren Lippen. „Aber ich will mich da nicht reinsteigern.“
„Worein?“
„In meine Angst.“ Sie rollte mit den Augen und winkte ab. „Ich weiß, wie auch die Studenten an der Hochschule reden. Die Flüchtlinge sind doch auch gerade das große Thema bei den Rauchern, oder?“
Eigentlich waren es nicht nur die Flüchtlinge, sondern die ganze Politik, die dahintersteckte. Da bald das Heim hier öffnete, schien das Thema plötzlich alle zu interessieren. Aber dass sie gezielt über ihre Mutter sprachen, erzählte ich ihr wohl lieber nicht. „Hier und dort ist das Thema immer präsent.“ Ich zuckte mit den Schultern, als wäre das völlig nebensächlich. „Es ist wie Herr Klausens Glasauge – man spricht es immer wieder an, wenn das Gespräch ins Stocken gerät und rettet es dann, in dem man dann diskutiert, welches seiner Augen unecht ist.“
„Nur dass dieses Thema ganz aktuell ist. Das Glasauge hat so einen Bart.“ Sie zeigte mir eine übertriebene Länge, und lächelte dabei nicht einmal. „Ich will nicht das Gespött der Hochschule werden. Aber Mutti macht mich gerade dazu. Und nicht nur in der Schule, sondern überall.“
„Hier hat uns noch niemand angesprochen.“
„Sie sind ja auch zu sehr von dem Maskottchen der Muehlers abgelenkt!“, rief sie verächtlich und winkte in Djamals Richtung. „Meinst du, ich merke nicht, dass er wie ein buntes Pferd hier herumläuft?!“
„So schlimm ist es nicht.“, sagte ich schließlich und stemmte die Hände in die Hüften. „Und jetzt sei nicht so fies zu ihm. Er hat dir nichts getan.“
„Er schadet meiner Familie – mit jedem Tag etwas mehr.“
„Dem Ansehen deiner Familie!“, korrigierte ich ihre Aussage hitzig, denn langsam bereute ich es, Djamals Befürchtungen abgestritten zu haben. „Und das ist nur eine Phase! Die Leute brauchen immer einen Buhmann; mal ist es Trump, dann Erdogan, jetzt ist es eben deine Mutter, aber das geht auch -“
„Oh, danke, dass du sie gleich auf eine Stufe mit diesen Verrückten stellst!“, giftete Viola über den Tisch hinweg. „Dann weiß ich ja, woran sie bei dir ist.“
Ich seufzte. „So war das nicht gemeint ...“
„Ich kann mir vorstellen, wie du das meintest.“ Sie warf ihre Haare zurück und nahm plötzlich Abstand vom Tisch. „Ich hab keinen Bock auf so einen Mist. Fahr nach Hause. Und nimm ihn da ...“ Sie winkte wieder abwertend in Djamals Richtung. „ … mit. Ich will ihn nicht mehr sehen.“
„Es geht aber nicht nur um dich, Violet!“
„Heute schon!“, schrie sie, und scherte sich nicht darum, dass wir langsam der Mittelpunkt des Glühwein-Standes wurden. „Seit dieser Wahnsinn mit diesem Mündel anfing bin ich nur ein Spiegel meiner Mutter und ihrer Politik! Und damit sollte heute ausnahmsweise mal Schluss sein; ich dachte, wir machen uns einen super Abend … aber das wohl von vorneherein zum Scheitern verurteilt gewesen.“, fügte sie hinzu und warf dem Jungen einen weiteren giftigen Blick zu. „Ich will euch heute nicht mehr sehen.“
„Gut.“ Ich ließ mir ein Zopfgummi vom Handgelenk gleiten und band meine Haare zu einem einfachen Zopf zusammen – sie machten mich vor Aufregung ganz verrückt, zumal mir auf einmal unglaublich warm war. „Dann gehen wir.“ Ich griff nach Darcys Leine und bedeutete Djamal mit einer Armbewegung, mir zu folgen. „Und du beruhigst dich hoffentlich wieder.“
„Wiedersehen!“, rief sie mir noch hinterher, völlig frei von Gut und Böse.
Ich schüttelte nur den Kopf, ließ Darcy neben mir hertrotten und marschierte zielstrebig durch die Menschenmengen zurück zum Rathaus. Djamal folgte mir wieder schweigend, was mir aber auch besser gefiel – gerade hatte ich echt keinen Nerv, ihn wieder alles zu erklären und zu überlegen, wie ich ihm alles vorspielen könnte.
Er öffnete mir den Kofferraum für Darcy und folgte mir ins Auto. Diesmal saß er auf dem Beifahrersitz.
Wütend umklammerte ich das Lenkrad und starrte die Backsteinmauer vor uns an. Was fiel ihr denn bitte ein?! Ich hatte nur versucht, ihr zu helfen; hatte mir nur die ganze Fahrt über und den ganzen Besuch auf dem Weihnachtsmarkt hinweg ihren Kummer angehört! Und dann wagt sie es, mich zu verstoßen? Nur weil ich eine – zugegeben, sehr unpassende! - schlechte Bemerkung gemacht hatte?!
Und dann diese ganze Wut, die sie Djamal gegenüber hegte!
Unglaublich!, dachte ich und umfasste das Lenkrad noch fester. Ihre Angst galt doch ganz allein ihrem Ansehen, dem Ansehen ihrer Familie und ihrer Zukunft in ihrer Residenz! Es war ihr nie um Djamal gegangen, nie um das Wohl ihrer Mutter oder dem Wohl der Flüchtlinge – nur ihr eigenes; ihr eigenes kleines Wohlbefinden in den Wänden ihrer großen Villa.
Als Djamal unbehaglich auf seinem Sitz herumrutschte, konzentrierte ich mich wieder auf unsere Situation – er musste nach Hause. Aber ich würde ihn ganz sicher nicht zu den Muehlers bringen – wer weiß, ob er dort den nächsten Sonnenaufgang noch erleben würde?! „Wo wohnst du?“, fragte ich ihn, als ich mit viel Ächzen und Seufzen versuchte, auszuparken.
„Wohnung?“
„Ja.“
Er nannte mir eine Adresse, die tatsächlich nicht weit von mir und Viola war. Die Gegend war bekannt für ihre Mehrfamilienhäuser mit den teuren, aber großflächigen Wohnungen. War klar, dass die Muehler ihm auch hier das Beste des Besten finanzierten. „Wir fahren dorthin, okay?“, fragte ich ihn, und nach einem langen Moment des Überlegens nickte er.

Den ganzen Weg über sprachen wir nicht – Violas Ausbruch hing aber die ganze Zeit wie eine dunkle Gewitterwolke über uns. Djamal spielte irgendwann an meiner Anlage herum, schaltete durch die Sender und sah bald meine CD's durch, jedoch immer mit einem Auge meine Reaktionen abwartend. Ich nickte aber immer nur, oder lächelte abwesend; noch immer viel zu aufgewühlt, als mich jetzt um so einen Mist kümmern zu können. Irgendwann warf er „Humanz“ von Gorillaz rein und wippte seinen Kopf im Takt der Musik, bis wir auf dem Parkplatz seines Wohnhauses rollten. Da stellte er die Musik wieder leiser.
„Du, Djamal ...“
„Mhm?“
„Es tut mir Leid, was du da mit angesehen musstest.“, sagte ich schnell und konnte auch die nächsten Worte nicht mehr unterdrücken. „Das solltest du nicht mitkriegen. Viola ist nur super gestresst von all den Umständen, denen sie mit ihren Eltern ausgesetzt ist, und das ist heute einfach … übergeschwappt. Das hat nichts mit dir persönlich zu tun – ich glaube, sie würde dich echt mögen, wenn sie dich nicht mit ihrem sozialen Abstieg verbinden würde. Aber es ist nun einmal, wie es ist, und ich hoffe, du nimmst es nicht allzu ernst. Das … war trotzdem ein schöner Ausflug.“ Ich seufzte, als mein Redeschwall endlich endete und ich ihn wieder ansehen konnte. Er nickte nur und lächelte, als würde er mich verstehen, aber der Rest seiner Mimik spielte nicht mit und verriet sein fehlendes Verständnis. Ich schüttelte nur den Kopf und lachte bitter – wie konnte ich auch erwarten, dass er all das verstand?!
Djamal zeigte kurz nach draußen, vermutlich sollte dies Viola bedeuten, tippte sich an die Stirn und rollte mit den Augen – dieselbe Bewegung, die ihm vorhin gezeigt hatte! „Egal.“, sagte er und grinste stolz.
Das traf mich so unerwartet, dass ich laut zu lachen begann und die Sorge der ganzen Heimfahrt auch einmal verlor. „Sehr gut.“, brachte ich noch heraus, ehe ich mich eine Weile nicht einkriegen konnte. Für eine Dame war das natürlich unschicklich, aber vor Djamal brauchte ich mir wohl am wenigsten Sorgen machen, oder? War ja nicht so, als würde er zum nächsten Ratsvorsitzenden laufen und meine durchgebrannten Nerven erwähnen.
Djamal grinste breit, mit einer großen Portion Stolz und stieg aus, als ich tief Luft holen musste. „Julia ...“, sagte er wieder in seinem schönen Akzent, der meinen Namen so toll klingen ließ. „Danke.“
Ich musterte ihn fragend, weil ich nicht wusste, was er damit meinte. „Gerne.“, sagte ich schnell, ehe es unhöflich wirkte, und lächelte grundlos.
„Gute Nacht.“, wünschte er mir noch, was wieder etwas unbeholfener klang, und warf die Tür zu.

Ich sah ihm eine Weile nach, ehe ich nach Hause fuhr – wie er zu seinem Treppenhaus ging, die Tür aufschloss und im matten Innern des Gebäudes verschwand. Er ist gar nicht so unbeholfen, wie er auf mich wirkt, dachte ich bei mir und verstand endlich, was so lange schon so offensichtlich war: er sprach nur unsere Sprache nicht! Das bedeutete nicht, dass er noch nie auf der Erde gewandelt war – nur noch nie auf deutschem Boden. Und das schien ich immer zu vergessen – immer wieder wirkte er wie ein Kind auf mich, dass noch rein und unschuldig war … dabei war er gar kein unbeschriebenes Blatt Papier mehr. Die tabula rasa war bereits beschriftet mit 22 Jahren Lebenserfahrungen, ebenso wie meine …
Dieser Gedanke beschäftigte mich noch bis Zuhause. Ich ließ Darcy im Foyer von seiner Leine und gab ihn noch zwei Leckerlis für sein tolles Verhalten auf dem Weihnachtsmarkt, dann schleppte ich mich hinauf in mein Zimmer. Natürlich schliefen bereits alle – es war inzwischen schon 1 Uhr, und auch das emsigste Kindermädchen hatte mal Feierabend. Passte mir aber auch gut, ich hatte keine Lust, jemanden die ganze Geschichte wieder zu erzählen und wieder so wütend zu werden.
Zumal ich dann auch von meinen Erlebnissen mit Djamal berichten müsste.
Und das wollte ich noch weniger.
Sie waren meine Erlebnisse, meine Erkenntnisse.
Und je mehr Leute davon erführen, desto mehr Leute würden mir erzählen wollen, dass dort eine bestimme Chemie bestand, dass ich vielleicht seine Mentorin gewesen sei, oder deutlich irgendwelche Spannungen zu spüren seien … und das war ja mal lächerlich.
Ich schmunzelte bei dem Gedanken,der mich gleichzeitig in einen tiefen Schlaf übergehen ließ. Einen tiefen Schlaf, der glücklicherweise traumlos verlief ...
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