Der Doktor

GeschichteRomanze / P16
28.01.2019
15.04.2019
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Alles Liebe.

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Wütend schleuderte ich meinen Rucksack neben die Flurgarderobe und fluchte lautstark über meinen dämlichen Chef.
„Dieser Fitzgerald ist so ein aufgeblasener Affe. ‚Meinen Sie, ich lade jeden zum Kaffee ein?‘“ Ich schälte mich aus meiner Jacke, die meinem Rucksack direkt Gesellschaft leistete. Angelockt von meiner miesen Laune kam wie auf magische Art ein Glas Wein um die Ecke, sodass ich ein Schmunzeln nicht unterdrücken konnte.

„Oh, das wilde Tier ist besänftigt.“ Jamie schaute vorsichtig aus der Küche und hielt mir das Glas Wein hin. „Trink das. Das perfekte Mittel gegen einen beschissenen ersten Tag.“
Dankend nahm ich ihm das Glas ab und drückte ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange. „Der Tag war eigentlich nicht beschissen. Ohne meinen neuen Chef wäre er sogar super gewesen.“
Jamie folgte mir in die Küche, wo ich mich geschafft auf einem Stuhl sinken ließ. Staunend betrachtete ich den gedeckten Tisch und die dampfende Lasagne. Augenblicklich lief mir das Wasser im Mund zusammen.

„Nach Mums Rezept?“, fragte ich ihn mit strahlenden Augen. Lachend nickte er und füllte mir etwas auf. Unsere Mum hat das Rezept mal einem italienischen Restaurantbesitzer abgeluchst, nachdem der Grappa in Strömen floss.

„Also, berichte mir von deinem Höllentag.“ Breit grinste mir mein Bruder entgegen und stieß mit seinem gegen mein Glas.

„Oh nein, es soll nicht sofort um mich gehen. Bauen wir lieber noch etwas Spannung auf. Wie war denn dein Tag?“ Ich nahm einen großen Schluck von dem Supermarktwein, den Jamie besorgt hatte. Vermutlich hatte er nicht einmal aufs Etikett geguckt, um zu überprüfen, was er da kaufte oder ob der Wein zur Lasagne passte.

„Das Übliche. Kopf auf, Tumor raus, Kopf zu.“ Ich schaufelte das Essen in mich rein, da ich kurz vor dem Verhungern stand. „Und nun spuck’s aus. Wieso ist dein Chef so fies zu dir? Hast du dich wieder von deiner besten Seite präsentiert?“

Ich stöhnte frustriert auf. Es lag auf der Hand, dass mein Bruder auf meine tollpatschige Art anspielte. „Er ist einfach ein Arsch. Er denkt wohl, mit seinen zwei Doktortiteln und seinen Tausend Papern sei er etwas besseres.“

Verächtlich schnaubte ich, auch wenn die Lasagne mich etwas milder stimmte.
„Wie ist sein Name?“, fragte Jamie mit vollem Mund. Hoffentlich aß er so nicht in der Kantine, wo ihn seine Kollegen sahen.
„Samuel Fitzgerald.“, zischte ich und spürte die sich anbahnenden Kopfschmerzen und das unerträgliche Pochen, wenn ich seinen Namen aussprach. Mein Bruder hielt inne und sah mich wie vom Blitz getroffen an. Ihm hing sogar noch der Käse aus dem Mund, weil dieser leicht offen stand.

Samuel Fitzgerald?“, hakte er noch einmal ganz genau nach. Er wischte sich mit der Serviette - er hatte an alles gedacht - die Essensreste vom Kinn und schien völlig geschockt zu sein. So erlebte ich ihn eigentlich selten. Mein Bruder war immer der gefasstere von uns beiden.

„Ja, was ist denn mit ihm?“ Jamie lehnte sich zurück und ließ den Kopf in den Nacken fallen.
„Gott, den hatte ich ja völlig vergessen. Ist er also immer noch so arrogant, ja?“ Mein Bruder verschränkte die Arme hinter dem Kopf und schien kurz in der Vergangenheit abzutauchen.

„James Theodore Hopkins! Woher kennt ihr euch?“ Angesprochener setzte sich wieder aufrecht hin und sah mir verärgert in die Augen.

„Wir waren zusammen in Oxford, in den gleichen Kursen und haben gemeinsam den Abschluss gemacht.“ Fragend sah ich ihn an. Da war noch mehr, von dem er mir nicht sofort erzählen wollte. Als er meinem Blick auch noch auswich, hatte ich die Bestätigung. Also bohrte ich weiter und lehnte mich leicht über den Tisch. Ich kannte ihn doch ganz genau. „Und er hat mir die ein oder andere Nummer versaut. Nicht nur, dass er alles besser wissen musste, nein. Er musste auch noch besser bei den Frauen ankommen!“

Oh, da lag der Hund begraben. Bei Männern ging es doch immer nur darum: Erfolg und Erfolg bei Frauen.
Belustigt grinste ich meinen Bruder an, denn das wurmte ihn nur noch mehr. „Was war denn seine Masche? Die muss ja besser gewesen sein als deine ‚Ich bin Arzt‘-Schiene.“

„Tja, er hat die Frauen erst links liegen gelassen und sie dann auf einen Kaffee eingeladen. Frag mich nicht, wieso, aber die Mädels liebten ihn. Die fuhren total auf diese Nummer ab. Je weniger er sich für sie interessiert hat, umso mehr strengten die sich an. Und ich konnte nur dabei zusehen.“ Wie ein kleiner bockiger Junge verschränkte er die Arme vor der Brust. Moment. Das war seine Masche? Ich glaubte es ja wohl nicht. Genau das hatte er bei mir doch auch abgezogen!
Entrüstet atmete ich aus und trank den billigen Supermarktwein in einem Zug aus. Jamie durchschaute meine Reaktion natürlich sofort, ich hatte es nicht anders erwartet.

„Oh, er hat es bei dir auch versucht. Dieser Arsch, wenn ich den zu fassen kriege.“, drohte er statt sich darüber lustig zu machen. Klar, es klang verlockend, doch das war absolut nicht in Ordnung. Beschwichtigend legte ich meinem Bruder also meine Hand auf seine, wobei ich fast sein Glas umstieß.

„Jamie, das lässt du bleiben. Weißt du, ich kriege das auch allein hin. Ich bin nicht wie die anderen Mädchen und außerdem schon ein gutes Stückchen älter.“ Versöhnend lächelte ich ihm zu und tätschelte seinen Handrücken. Gespielt eingeschnappt sah er zur Seite, doch ich wusste, dass er mir nicht lange böse sein konnte.

„Ich vergesse das ständig.“ Entschuldigend blickte er mir in die Augen. Er sah mir so ähnlich, dass man meinen könnte, wir wären Zwillinge. Doch uns trennten satte sieben Jahre, was man meinem Bruder auch ansah. Die ersten Falten waren an seinen Augen zu erkennen. Fremde Frauen, die nicht ich waren, mochten ihn sicher sogar als attraktiv bezeichnen. Mit seinen stahlgrauen Augen und den gut liegenden weißblonden Haaren. Er  hatte etwas von Draco Malfoy, nur sah er bei weitem nicht so verbraucht aus. „Noch Wein?“

***


Es war ein ausgelassener Abend. Jamie hatte lang und breit und völlig fasziniert von einer Operation am wachen Patienten erzählt. So etwas wäre in der Herz- und Thoraxchirurgie niemals denkbar.
Über Fitzgerald sprachen wir nicht mehr, wofür ich meinem Bruder wirklich dankbar war.
Jener Frauen verschlingende Held stand mir nun wieder am OP-Tisch gegenüber. Diesmal übernahm er die ausführende Rolle und ich hielt nur die Haken oder verödete hier und da Gefäße, damit er freie Sicht hatte. Er erklärte mir nichts, sondern schwieg durchgehend. Schon bei der Visite war er abweisend zu mir. Zwar hörte er sich an, was ich zu sagen hatte, als ich die Nachuntersuchungen bei den gestrigen Patienten durchführte. Keine Fragen, keine Kommentare. Aber das sollte mir recht sein. Wenn er Kritik hatte, würde er sie schon äußern.

„Sie verhalten sich kindisch.“ Und es war raus. Bisher war ich so gut durch den Tag gekommen. Keine tollpatschigen Eskapaden, keine Flecken auf der Dienstkleidung. Ich hatte sogar an mein Namensschild gedacht.
Fitzgerald hielt inne. Die Prothese in der einen Hand, eine Pinzette in der anderen. Seine blauen Augen stachen in seinem sonst verdeckten Gesicht hervor.

„Entschuldigung?“ Sein Blick war fassungslos und streng. Was hatte ich mir nur dabei gedacht? Ich musste lebensmüde sein.
„Vergessen Sie’s.“ Ich sah stur auf den offenen Patienten vor uns. Die Herz-Lungen-Maschine erzeugte das einzige Geräusch, das zu hören war. Das restliche Personal blieb ruhig, da sie sich vermutlich nicht trauten etwas zu sagen. Nicht gegen Dr. Samuel Fitzgerald.

„Hopkins, fühlen Sie sich etwa verletzt?“ Ich hasste diesen subtilen Spott in seiner Stimme, der meine Finger krampfen ließ. Nein, ich war garantiert nicht verletzt. Ich wünschte mir nur Erklärungen zum Eingriff.

„Vielleicht könnten Sie mir genauer erklären, was Sie machen.“ Es war noch wenige Sekunden still, dann räusperte er sich.

„Machen Sie sich nicht lächerlich. Sie haben funktionierende Augen. Sehen Sie hin.“ Ich schluckte den Groll, den ich gerade hegte, einfach runter. Das gab es doch nicht. War er überhaupt irgendwie aus der Ruhe zu bringen? Wieso tat er das? Warum stellte er sich so gegen mich? Es konnte doch nicht einzig und allein daran liegen, dass ich ihn gestern versetzt habe.

„Ist es wegen des Kaffees?“ Nun starrte ich ihn doch wieder an.

„Seien Sie nicht albern.“ Konzentriert arbeitete Fitzgerald weiter. Eine OP-Schwester räusperte sich, als wäre es ihr unangenehm, dieses Gespräch mit anzuhören.

„Ich bin albern? Wer ist denn der schlechtere Ausbilder von uns beiden?“ Auf einmal hielt er doch wieder inne und durchbohrte mich mit seinem Blick. Das Grün der Operationskleidung intensivierte sein Blau nur noch und vermittelte den Eindruck der grünblauen rauen See. Ja, rau passte gut zu Samuel Fitzgerald.

„Okay, Hopkins. Wenn Sie denken, dass Sie besser sind, leiten Sie mich durch diese OP. Sagen Sie mir jeden Schritt laut und deutlich an.“ Tief durchatmend rang ich um Beherrschung. War ja klar, dass er es sich einfach machte. Doch ich wollte mich weiter beweisen und nicht feige klein beigeben. Das hatte ich noch nie getan und jetzt war sicher nicht das erste Mal. Ich straffte also meine Schultern und leitete ihn durch den weiteren Eingriff.

Sobald der Patient zugemacht war, eilte Fitzgerald aus dem OP-Saal. Anscheinend hatte er es ziemlich eilig, weshalb ich mich sputen musste, um hinterherzukommen. Achtlos entsorgte ich die Kleidung und lief ihm hinterher - wie sein Schoßhündchen. Energisch schüttelte ich den Kopf. Nein, das war ich ganz sicher nicht.

„Dr. Fitzgerald, Sir!“, rief ich ihm hinterher. Mein fordernder Ton zeigte Wirkung, denn er blieb stehen und drehte sich um. Die Haube in der Hand musste leiden, als er sie zur Faust ballte. „Was sollte das?“

„Sie fragen zu viel, Flecki.“ Jetzt war ich wieder Flecki? Konnte dieser Typ sich mal entscheiden?
„Sie finden sich wohl besonders toll. Warum demütigen Sie mich so? Es war doch ganz klar, dass ich die Schritte nicht kenne. Das war Ihre Methode.“ Abschätzig musterte er mich, wobei er sogar noch attraktiv aussah. Na toll, ich wurde also schon am zweiten Tag verrückt.

„Wenn Sie Ihre Abende nicht mit Jamie verbringen würden, hätten Sie mehr Zeit, meine Paper zu lesen.“ Schon wollte er sich wieder zum Gehen wenden, doch ich griff nach seinem Arm und stoppte ihn damit. Als wäre ich ein widerwärtiges Insekt starrte er meine Berührung an.

„Hätte ich den gestrigen Abend nicht mit ihm verbracht, sondern mit Ihnen, wäre ich auch nicht schlauer.“, fauchte ich. Doch mein Gegenüber blieb unbeeindruckt. Lediglich die Nähe schien ein Problem für ihn zu sein. Naja, und seine nervige Untergebene.

„Seien Sie nicht so unverschämt dreist.“, herrschte er mich an. Sein Geduldsfaden wirkte gerade zum Zerreißen dünn. Ich musste aufpassen. „Was denken Sie, was passiert wäre?“

Seine blauen Augen funkelten mich argwöhnisch an. Oh, wenn ich jetzt etwas falsches sagte, säße ich verdammt tief in einem riesigen Misthaufen.
„Man munkelt, Dr. Fitzgerald.“ Und damit ließ ich ihn einfach stehen. Mit erhobenem Haupt ging ich an ihm vorbei Richtung Umkleidekabine. Diesen Schlagabtausch hatte ich gewonnen.

Zumindest dachte ich das. Als ich mich nach der Mittagspause für die zweite Operation des Tages umziehen wollte, stellte ich mit einem zufälligen Blick auf die Tafel fest, dass ich gestrichen wurde. Sowohl heute als auch für den Rest der Woche. Fitzgerald fühlte sich wohl in seinem Stolz verletzt und wusste sich nicht anders zu helfen. Was für ein Kindergarten, in den ich hier geraten war.
Genervt schleuderte ich meine Haube durch die Luft, doch sie kam nicht weit. Fitzgerald kam um die Ecke, offenbar gut gelaunt, denn er wirbelte seine eigene Haube am Finger umher. Meine landete an seiner Brust und blieb dort hängen, weil sie sich offenbar in einem Knopf seines Kittels verfing. Abrupt hielt er inne und musterte den Fremdkörper, der ihn belagerte.

„Haben Sie es so nötig, Hopkins?“ Gott, jetzt kannte er plötzlich wieder meinen Nachnamen.
„Entscheiden Sie sich endlich, wie Sie mich nennen. Flecki oder Hopkins!“ Ich konnte mich kaum beherrschen. Ich war außer mir vor Wut. „Wieso haben Sie mich gestrichen? Wie soll ich dann etwas lernen?“

„Gegenfrage: Wieso sollten Sie praktizieren, wenn Ihnen die theoretischen Grundlagen fehlen?“ Lässig kam er auf mich zu und drückte mir die Haube in die Hand. „Die brauchen Sie erst wieder am Wochenende. Sie haben Dienst.“

Ich wollte so gerne etwas erwidern, doch er gab mir nicht die Möglichkeit, denn er lief einfach an mir vorbei und schnurstracks weiter zu den Umkleiden. Stattdessen blieb ich wütend zurück und fuchtelte wild mit den Armen. So ein aufgeblasener Affe!
Ich stampfte zurück zum Fahrstuhl, dem ich erst einmal einen saftigen Tritt verpasste. Nur machte ich die Rechnung ohne die massive Wand, die sich gegen meinen Fuß stellte.
Der Schmerz schoss durch mein Bein bis in meinen Unterbauch. Der größte Tollpatsch Britanniens war zurück. Und das alles nur dank dieses eingebildeten Arschlochs. Aber ich wollte positiv bleiben. Tief in mir drin war ich doch optimistisch, wenn auch nur in zaghaften Ansätzen. Dennoch wollte ich daran glauben, ich musste.

Alles würde besser werden!
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