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Glück ist nichts für die Ewigkeit

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / Het
Arzu Ritter Dr. Lea Peters Jenne Derbeck
28.01.2019
02.03.2019
12
29.039
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21.02.2019 3.457
 
Hilger führte sie in den Schuppen, wo ein Boot aufgedockt stand.
„Daran hat Jenne die letzten Monate gearbeitet. Es sollte sein Weihnachtsgeschenk für dich werden“, erklärte er Lea. „Du hast ihm wohl in einem besonderen Augenblick mal erzählt, dass du viele glückliche Momente als Kind auf einem Boot verbracht hast.“
„Ja, das stimmt.“ Sanft strich sie über das Boot. Das war so typisch Jenne gewesen. „Aber was soll ich jetzt damit?“
„Dir wird schon etwas einfallen“, entgegnete Hilger. „Ich lasse dich jetzt alleine.“
Lea schaute ihm nach, dann betrachtete sie das Boot genauer. Es war schön. Und es war von Jenne. Sie würde es fertigstellen lassen und dann kleinere Touren unternehmen. Auf dem See, an dem ihre Liebe ihren Anfang nahm. Mit Tim, wenn er etwas älter war. Sie ging langsam um das Boot herum, weil sie das Gefühl hatte, etwas gehört zu haben. Und es war keine Einbildung, denn auf einmal richtete sich Jenne auf und lächelte sie nervös an.
„Gefällt es dir? Ich war so gespannt, was du dazu sagen wirst.“ Lea sagte gar nichts, sie verschränkte die Arme vor der Brust und schaute ihn einfach nur an. „Du siehst wütend aus.“
Lea nickte. „Natürlich bin ich wütend. Sehr wütend und ich werde dir das niemals verzeihen! Du hast versprochen, bei uns zu bleiben!“
„Ich werde immer bei euch sein, Lea.“ Er legte die Hand auf sein Herz. „Hier drin.“
„Das reicht mir nicht.“
Jenne ging einen Schritt auf sie zu. „Lea.“
Sie wich zurück. „Warum bringst du dich so in Gefahr?“ Sie begann zu weinen. „Hast du dabei auch nur einmal an Tim oder an mich gedacht?“
„Ich denke immer an euch.“
„Der Mann war doch selbst schuld“, flüsterte Lea.
„Ich weiß, aber ist das jetzt nicht egal?“
Lea schüttelte vehement den Kopf. „Nein ist es nicht. Absolut nicht.“
„Was sagst du denn da, Lea? Meinst du, ich hätte einfach vorbeifahren und den Mann seinem Schicksal überlassen sollen, nur weil er den Unfall selbst verschuldet hatte … was ich ja damals noch gar nicht wusste.“
„Keine Ahnung.“ Lea schluchzte auf. „Ja.“ Jenne versuchte, sie in seine Arme zu ziehen, doch Lea wehrte sich und schlug mit den Fäusten auf ihn ein. „Ich hasse dich, ich hasse dich.“ Jenne ließ Lea gewähren, bis sie nachgab und er sie an sich ziehen konnte.
„Weil du mit Wut besser klarkommst als mit Trauer“, meinte Jenne leise und streichelte ihren Rücken.
„Und wenn man die nicht aushalten kann, Jenne?“
Nun weinte Lea hemmungslos und Jenne hielt sie ganz fest.


Lea schreckte auf. Völlig verwirrt schaute sie sich um. Sie war in keinem Schuppen, sondern in ihrem Schlafzimmer. Im Bett. Alleine. Es war nur ein Traum gewesen. Ihre Wangen waren noch feucht von den Tränen, so realistisch war es gewesen. Sie vermisste Jenne so sehr. Niemals hätte sie für möglich gehalten, das Trauer so weh tun und einen richtig lähmen konnte. Damals, als die Frau von Dr. Heilmann gestorben war, hatte sie einerseits natürlich schon seine Trauer verstehen können. Andererseits auch wieder nicht. Für sie war klar gewesen, er müsste nur wie gewohnt seiner Arbeit nachgehen, dann käme sein Leben auch wieder ins Lot. Wie sehr er wirklich gelitten hatte, und es in gewisser Weise auch heute noch tat, begriff sie erst jetzt. Und sie erkannte, dass er recht hatte – Trauer und Arbeit passten einfach nicht zusammen. Sie würde sich die Zeit nehmen, die sie brauchte. Wie lange das letztlich auch immer sein würde. Doch eine Sache musste sie vorher noch erledigen.

Nachdem ihr das durch den Kopf gegangen war und sie einen Entschluss gefasst hatte, stellte Lea ihren Wecker, rutsche auf die Seite, wo Jenne immer gelegen hatte, und war kurz darauf wieder eingeschlafen.

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Als der Wecker Lea aus dem Schlaf riss, gab sie einen wenig damenhaften Fluch von sich und zog die Bettdecke über ihren Kopf … bis ihr einfiel, weswegen sie den Wecker gestellt hatte. Mit einem Seufzer reckte und streckte sie sich, stand auf und tapste, noch ein wenig schlaftrunken, ins Badezimmer.

Eine Stunde später kam sie in der Klinik an. Sie hatte Arzu und Philipp so früh am Morgen nicht stören wollen, weswegen sie Tim, der für diese frühe Uhrzeit erstaunlich munter war, mitgenommen und auf die Kinderstation gebracht hatte. Dort, das wusste sie, war er in den besten Händen.

Im Ärztezimmer standen Kathrin und Dr. Hoffmann beisammen. In der Nacht hatte es bei Julian Kessler Komplikationen gegeben, die eine sofortige Operation unumgänglich machte und ein Ersatz für Lea war noch nicht gefunden worden.
„Ich möchte, dass Sie die Anästhesie übernehmen.“
„Trauen Sie sich die OP zu?“, wollte Kathrin von ihrem Kollegen wissen. „Ich meine, bei der Lage des Kavernoms?“
„Wir haben kaum eine andere Wahl. Wenn wir nichts tun, stirbt er. Ansonsten hat er wenigstens eine Chance. Aber ich gebe zu, mir wäre bedeutend wohler, Dr. Derbeck wäre hier und …“
„Ich bin hier.“
Überrascht schauten die beiden Ärzte zur Tür, wo Lea stand. Sie sah müde, aber entschlossen aus.
„Dr. Derbeck.“ Die Überraschung war Dr. Hoffmann anzuhören. Und die Erleichterung. Auch Kathrin atmete durch. „Ich habe es mir überlegt“, erklärte Lea. „Ich werde ihn operieren.“
„Sie schickt der Himmel“, gab Dr. Hoffmann zu.
„So ungefähr“, meinte Lea und schaute auf den Monitor. „Aktuelle Bilder?“
„Ja, es gibt eine neue Situation.“
Lea sah sich die Bilder an und wusste natürlich sofort, was ihr Kollege meinte. „Wir müssen uns beeilen.“
Dr. Hoffmann nickte und die beiden machten sich auf den Weg. Kathrin war bereits vorgegangen, um alles in die Wege zu leiten.

Während sich Lea für die Operation wusch, kam Roland herein.
„Sie operieren doch, habe ich gehört?“
„Ja, ich habe mich umentschieden.“
„Wie kommt es? Gestern war es für Sie unvorstellbar Herrn Kessler zu operieren. Was ich im Übrigen sehr gut verstehen konnte. Was ist in den letzten Stunden geschehen oder hat sich geändert, dass Sie zu dieser Kehrtwende veranlasst hat?“
„Eine Begegnung der besonderen Art“, erwiderte sie wie zu sich selbst und dann, an ihren Chef gewandt. „Ich weiß jetzt, dass ich für Herrn Kessler verantwortlich bin. Und das ich mich in gewisser Weise genauso verhalten würde wie er nach seinem ersten Anfall, wenn ich ihn nicht operiere. Er wusste, er hätte zum Arzt gehen müssen, weil er sonst nicht nur sein Leben, sondern auch das anderer riskiert, wenn er weiterfahren würde. Ich wiederum weiß, dass er ohne meine Hilfe sterben wird. Zwei verschiedene Situation mit dem gleichen Ergebnis. Abgesehen davon … wenn ich ihn jetzt sterben lasse, wäre Jennes mutiger Einsatz und sein Tod umsonst.“
„Da ist was Wahres dran“, nickte Roland. „Die Frage ist jedoch … schaffen Sie es wirklich, Dr. Derbeck? Sie sind ein Mensch, keine Maschine. Und Sie haben Gefühle, auch wenn Sie diese meistens wahrlich geschickt zu verstecken verstehen.“
„Dass es leicht wird, habe ich nicht behauptet, Dr. Heilmann. Aber ich werde es schaffen, weil ich es muss.“
Nachdenklich schaute Roland zu seiner Kollegin, dann nickte er. „Ja, das werden Sie wohl. Dr. Hoffmann assistiert?“
„Ja.“
„Ich ebenfalls.“
Lea verzog ein wenig die Mundwinkel. Amüsiert oder spöttisch wusste Roland nicht zu sagen. „Als Aufpasser oder als Motivator?“
„Beides, wenn es sein muss.“
„Na dann.“ Lea war mit der Reinigung fertig. „Wir sehen uns im OP. Und danach nehme ich mir die Auszeit, die Sie mir empfohlen haben.“
Roland schüttelte den Kopf, während er sich gründlich Arme und Hände wusch. Er wurde aus dieser Frau einfach nicht schlau.

--------

Nach der Operation, die erfolgreich verlaufen war, hielt sich Lea nicht mehr lange in der Klinik auf, sondern holte Tim von der Kinderstation und fuhr nach Hause.

Dort hatte sie mit ihrem Sohn gespielt und nicht nur für Tim eine Mahlzeit zubereitet, sondern auch für sich. Zum ersten Mal seit diesem verhängnisvollen Tag verspürte sie ein Hungergefühl und echten Appetit.
Ihr ging durch den Kopf, dass Arzu vermutlich Purzelbäume vor Freude schlagen würde, wenn sie es wüsste.

Nach dem Essen wurde Tim etwas quengelig, weswegen ihn Lea zum Mittagsschlaf hinlegte. Später würde er seine Geschenke bekommen, mehr Weihnachten war sie einfach nicht in der Lage ihm dieses Jahr zu geben.
Weil sie selbst auch ein wenig erschöpft war, legte sich Lea auf die Couch. Ein wenig die Augen schließen und etwas dösen, würden Baby D. und ihr sicher gut bekommen …


Unschlüssig stand Lea vor einem Fenster und schaute hinein … sie sah Hilger mit Tim auf dem Arm vor dem Weihnachtsbaum stehen, während Elli gerade ein Tablett hereintrug. Der Kleine jauchzte, er schien glücklich und das ließ Lea lächeln. Sie drehte sich ab, blieb jedoch stehen und schaute über die Schulter, als sie eine bekannte Stimme vernahm. „Warum gehst du nicht rein?“, wollte Jenne wissen.
Lea zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Ich habe das Gefühl, nicht dazuzugehören.“
Jenne schaute sie erstaunt an. „Obwohl die beiden dich bereits mit offenen Armen empfangen und dir versichert haben, dass du ihre Enkelin bist?“ Er nahm ihre Hand. „Dort drinnen ist deine Familie, Lea. Sie lieben dich.“
„Hier draußen ist es schon kaum auszuhalten, weil mich alles an dich erinnert. Im Haus werde ich dich noch schrecklicher vermissen. Ich weiß nicht, ob ich das schaffe.“ Sie drehte ihren Kopf zu Jenne.
„Lass dich darauf ein. Es geht vorbei. Irgendwann gewinnen andere Gefühle die Oberhand. Die Erinnerung an alles Schöne, was wir miteinander erlebt haben.“
„Das sagte Arzu auch.“
„Dann glaube uns, Lea.“
„Ich versuche es, wirklich, aber es ist so schwer.“
Lea schmiegte sich an ihn und schloss für einen Moment die Augen, während Jenne die Arme um sie legte und sanft ihren Rücken streichelte.
„Lässt du mich jetzt gehen?“, fragte Jenne nach einer Weile leise. „Lea?“
Zögernd löste sich Lea von ihm und nickte leicht. Ihre Augen waren feucht, während sie ihn anschaute. Jenne erwiderte ihren Blick, hob ihre Hände zu seinen Lippen und küsste sie. Noch ein inniger Blick, dann ging er langsam rückwärts und zog dabei seine Hände aus ihren. Er drehte sich und um schritt davon.
„Ich liebe dich, Jenne“, flüsterte Lea ihm hinterher. Tieftraurig sah sie zu, wie er sich immer weiter entfernte. Jenne drehte sich noch einmal zu ihr um, dann ging er weiter. Sie war alleine.
Lea senkte den Blick, holte tief Luft und wischte sich die Tränen von den Wangen, bevor sie sich umdrehte und zur Haustür ging.


Lea machte die Augen auf. Sie war offenbar eingeschlafen und hatte wieder geträumt. Und wie in der Nacht waren ihre Wangen feucht. Aber sie fühlte sich gut. Wie befreit.
Auf dem Rücken liegend dachte Lea über die beiden Träume nach. Jenne war ihr nicht nur deshalb erschienen, weil sie ihn nicht hatte loslassen wollen, sondern um ihr auf diese Weise eine Botschaft zu übermitteln. Genauer gesagt zwei.

Die Erste hatte sie verstanden und entsprechend gehandelt. Auch jetzt wusste sie, was zu tun war.
Lea schaute auf das Bild von Jenne, welches auf ihrem Nachttisch stand. Zärtlich strich sie über den Rahmen. „Danke Jenne.“ Dann stand sie auf, packte ein paar Sachen und ging rüber ins Kinderzimmer, wo Tim gerade dabei war aufzuwachen.
„Komm, mein Kleiner. Du wirst ein schönes Weihnachtsfest erleben, das verspreche ich dir.“ Lea zog ihren Sohn an, packte auch für ihn einiges ein und wenig später machten sich Mutter und Sohn auf den Weg. Mitgenommen hatte sie natürlich auch seine Geschenke.

Elli und Hilger konnten ihr Glück kaum fassen, als sie einen Wagen vorfahren hörten und sahen, dass es Lea und Tim waren. Freudig wurden sie begrüßt und in die warme Stube geführt. An der Tür stoppte Lea einen Moment, doch dann überwand sie sich und trat ein. Die Erinnerung an Jenne kam sofort, aber sie tat nicht so weh, wie sie befürchtet hatte. Sie war ja nicht alleine, sondern mit ihrer Familie zusammen.

Tim war glücklich, er strahlte mit dem Weihnachtsbaum um die Wette und für Lea gab es noch eine besondere Überraschung. Nach dem Essen führte Hilger sie in den Schuppen – dort stand ein Boot, welches Jenne für sie gebaut hatte und es sah genauso aus wie in ihrem Traum …


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Sechs Monate waren seit dem verhängnisvollen Unfall mittlerweile vergangen. Zwei Monate hatte ihre Auszeit gedauert, die von Frau Marquardt ohne Weiteres genehmigt worden war. Lea vermutete, dass sie Roland Heilmann daran einen gewissen Anteil zuschreiben musste.
In dieser Zeit hatte Lea es genossen, sich einfach nur um Tim und sich selbst zu kümmern und ansonsten nichts zu tun. Ein völlig neues Gefühl für sie. Ihre Angst, sie könnte sich schnell langweilen erwies sich als unbegründet. Arzu kam nach Feierabend oft vorbei oder sie trafen sich gelegentlich in ihrer Mittagspause in der Krankenhaus Cafeteria. Ihre Freundschaft hatte sich weiterentwickelt, war fester und für Lea sehr wichtig geworden.

An den Wochenenden war Lea während dieser zwei Monate eigentlich immer in Schwerin gewesen und verbrachte diese, sofern sie nicht arbeiten musste, auch jetzt noch dort. Dann besuchte sie das Grab von Jenne und verlebte einige schöne Stunden mit Elli und Hilger. Und für Tim war es sowieso immer eine Freude, wenn er merkte, sie fuhren wieder zu den Urgroßeltern.

Dass sie sich verändert hatte, war Lea selbst gar nicht bewusst, ihren Kollegen hingegen war dies bereits an ihrem ersten Arbeitstag nach der Auszeit aufgefallen. Sie war zugänglicher, auch den Patienten gegenüber. Sie ging nach wie vor in ihrem Job auf, gab alles und die beiden Worte <unmöglich machbar> gab es in ihrem Wortschaft auch jetzt noch nicht. Überstunden allerdings wurden nur noch gemacht, wenn es sich wirklich nicht vermeiden ließ.
Zu behaupten, Lea würde den privaten Kontakt zu ihren Kollegen suchen, wäre wahrlich übertrieben. Aber sie mied ihn auch nicht mehr, sondern nahm gelegentlich sogar Einladungen, zum Beispiel zu einer Geburtstagsfeier, an. Meistens dann, wenn auch Arzu eingeladen war.

Lea hatte sich also in ihrem Leben ohne Jenne eingerichtet, doch es verging kein Tag, an dem sie ihn nicht vermisste und sich wünschte, die Zeit zurückdrehen zu können. Es gab so vieles, was sie dann anders machen würde.
Jeden Abend, wenn sie im Bett lag, nahm Lea sein Bild in die Hand und sprach mit Jenne. Sie erzählte ihm von ihrer Arbeit, davon was Tim wieder ausgeheckt hatte und was die Untersuchungen beim Frauenarzt ergaben. Es war zu einer Gewohnheit geworden, welche sie nicht mehr missen wollte, auch wenn sie sich selbst manchmal ein wenig albern dabei vorkam. Aber es tat ihr gut und nur das zählte doch.

************

Unruhig wälzte sich Lea im Bett umher, bis sie aufwachte.
„Oh nein, nicht gerade jetzt“, murmelte sie und atmete kurz darauf einmal scharf durch. „Baby D. du hast ein wirklich mieses Timing.“
Eigentlich konnte man das nicht behaupten, denn das Baby hielt sich ziemlich genau an den Geburtstermin .. es war nur zwei Tage zu früh.
Es gab zwei Möglichkeiten, die Lea nun zur Auswahl standen. Ihre Entscheidung traf sie aus dem Bauch heraus.
Mühsam stand sie auf und zog sich an. Dann nahm sie Tim aus seinem Bett, es war mal wieder ein Segen, dass der Kleine einen wirklich tiefen Schlaf hatte, wickelte ihn in eine Decke, schnappte sich ihre Handtasche mit den Papieren, die kleine Reisetasche, die sie erst vor zwei Tagen gepackt hatte, den Autoschlüssel und verließ die Wohnung, was sich wesentlich leichter anhörte als es in ihrer Situation war.

Arzu hatte es sich längst zur Gewohnheit gemacht, ihr Handy abends mit ins Schlafzimmer zu nehmen, falls Lea mal ihre Hilfe benötigen würde. Das war bisher dreimal vorgekommen, weil sie nachts zu einem Notfall in die Klinik gerufen worden war und Tim vorher schnell bei ihrer Freundin vorbeigebracht hatte.

Als Lea nun von unterwegs anrief, dass sie gleich vorbeikommen würde, erwartete sie ihre Freundin bereits an der
Tür und dachte, auch diesmal müsse sie als Babysitter einspringen. Wäre sie nicht noch so verschlafen gewesen, wäre Arzu sicher eingefallen, dass Lea ja längst im Mutterschutz war und der Grund für ihr Kommen somit ein anderer sein musste.
Welcher es war, dämmerte Arzu genau in dem Moment, als sie Lea ins Gesicht sah. Sofort nahm sie ihr den noch immer schlafenden Tim ab.
„Ich bringe dich in die Klinik“, sagte sie anstatt einer Begrüßung im Flüsterton.
Lea biss die Zähne zusammen. „Zu spät. Da hat es jemand auf einmal sehr eilig. Ich hätte vielleicht direkt in die Klinik fahren oder besser noch den Krankenwagen rufen sollen, aber der Weg zu dir war näher. Bis eben war es noch gut auszuhalten. Und wo hätte ich Tim …“ Die nächste Wehe kam und Lea holte Luft.
„Okay dann ab mit dir ins Wohnzimmer. Ich bringe Tim eben nach oben.“
Lea schüttelte den Kopf. „Ich möchte nicht, dass die Kinder etwas mitbekommen. Wir wissen doch nicht, wie lange es dauert und stell dir vor, sie kommen runter.“
Arzu überlegte. „Kannst du noch Treppen steigen?“
„Wird schon gehen.“
„Dann in den Keller. Offenbar haben wir beide ein Faible für Geburten in den untersten Räumlichkeiten.“
Lea versuchte ein Lächeln, das dank einer nächsten Wehe ziemlich misslang.
Inzwischen war Philipp aufgewacht und wunderte sich, dass Arzu nicht neben ihm lag. Das Klingeln des Handys hatte er zwar vernommen, aber nicht wirklich registriert, da es nicht sein Klingelton gewesen war. Als er das Schlafzimmer verließ, um nach seiner Frau zu schauen, hörte er leise Stimmen von unten. Er folgte ihnen und sah erstaunt auf die Szenerie, die sich ihm bot.
„Was ist denn hier los?“
„Das Baby kommt. Könntest du Tim nach oben bringen?“
Philipp nahm seiner Frau den Jungen ab, der zwar noch schlief, aber etwas unruhiger wurde. „Der kleine Mann hat echt ein gesegneten Schlaf.“ Er schaute die beiden Frauen an. „Braucht ihr mich?“
Arzu schüttelte den Kopf. „Das bekommen wir sicherlich alleine hin. Geh du schnell wieder nach oben, damit Tim nicht doch noch aufwacht oder unsere Rabauken.“
„Ich bemühe mich, leise zu sein“, meinte Lea, die gerade einmal durchschnaufen konnte.
„Mach keine Versprechungen, die du nicht halten kannst“, grinste Philipp. „Viel Glück.“ Er ging die Treppe wieder hoch, während die beiden Frauen nach unten in den Keller gingen … der gleiche Keller, in dem Lea damals Arzu geholfen hatte, Pauline auf die Welt zu bringen. Nur das er seinerzeit nicht so komfortabel ausgebaut war. Der Raum, in dem Arzu auf einem verstaubten Sofa gelegen hatte, war jetzt ein gemütliches Gästezimmer und dorthin brachte sie Lea.

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Vier Stunden später war der zweite Derbeck Nachwuchs da. Lea war glücklich, aber natürlich ziemlich erschöpft.
„Schaut auf den ersten Blick gut aus“, versicherte Arzu ihr. „Alles dort, wo es hingehört und nichts bei übrig.“ Sie legte Lea das Baby in den Arm. „Wie soll die kleine Schönheit denn heißen?“
„Jenna.“
Ihre Freundin nickte verstehend. „Gefällt mir sehr. Kann ich euch jetzt einen Moment alleine lassen?“
„Natürlich.“
„Gut. Dann werde ich duschen, mich anziehen und euch dann mit in die Klinik nehmen.“
Erst jetzt schaute Lea auf die Uhr und erschrak. „Du musst zum Frühdienst und warst die ganze Nacht wach.“
Arzu winkte ab. „Das kenne ich doch. Außerdem war es mir eine Freude, mich auf diese Weise für deine Hilfe damals bei Paulines Geburt zu bedanken.“
Philipp klopfte leise an die Tür und trat ein. „Na, ist der neue Erdenbürger angekommen?“
„Eine Erdenbürgerin“, erwiderte seine Frau. „Eine kleine Jenna.“
Der Arzt trat näher. „Das haben Jenne und du gut hinbekommen, Lea. Sie ist niedlich.“
„Danke Philipp.“ Für einen Augenblick schloss Lea die Augen, weil ihr bei der die Erinnerung an Jenne die Tränen kamen. Er wäre so ein stolzer Vater gewesen. Und ein toller war er ja sowieso.
Arzu wollte ihrer Freundin ein paar Minuten mit ihrer kleinen Tochter alleine geben. Sozusagen zum gegenseitigen Kennenlernen.
„Würdest du uns einen Kaffee kochen, Philipp? Das Frühstück muss ausfallen, aber für eine schnelle Tasse ist noch Zeit. Ich dusche derweil. Und Lea möchte sich anschließend bestimmt auch noch etwas frisch machen.“
„Das wäre toll“, bestätigte Lea.
„Einmal Kaffee für die Damen kommt sofort“, meinte Philipp, bevor er und Arzu das Zimmer verließen.

Nachdem sich auch Lea ein wenig frisch gemacht hatte, waren sie in die Klinik gefahren. Dort war die Überraschung, aber vor allem die Freude, natürlich groß. Lea und Jenna wurden untersucht, dann auf ein Zimmer gebracht.
Die Nachricht von dem neuen Derbeck Nachwuchs machte schnell die Runde und erreichte Roland, als er die Klinik betrat. Er ließ es sich nicht nehmen, sofort zu Lea zu gehen, um ihr zu gratulieren und die Kleine zu begrüßen.

Drei Tage später konnten Lea und Jenna nach Hause, wo alles für ihre Ankunft vorbereitet war. Arzu hatte eingekauft, was man für ein Baby brauchte und Philipp das Bettchen aufgebaut, welches Jenne damals für Tim besorgt hatte.
Die erste Nacht verbrachte Arzu bei Lea, aber sie stellte schnell fest, dass ihre Freundin gut mit der Situation – Baby und Kleinkind – zurechtkam. Außerdem, das wusste Lea, war Arzu immer nur einen Telefonanruf weit entfernt.

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Lea lebt ihr Leben ja so gut es gut und der Nachwuchs ist nun auch angekommen. ;-)

Im nächsten Kapitel wird es kleinen Cliffhanger geben. Vorher erneut einen Zeitsprung

Habt ein schönes Wochenende
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