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Glück ist nichts für die Ewigkeit

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / Het
Arzu Ritter Dr. Lea Peters Jenne Derbeck
28.01.2019
02.03.2019
12
29.039
3
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Dieses Kapitel
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12.02.2019 2.278
 
In den folgenden Tagen gab es für Lea viel zu tun. Sie hatte mit Elli und Hilger vereinbart, dass sie sich um die Beerdigungsformalitäten kümmern würde. Beigesetzt werden sollte Jenne in Schwerin. Seine Großeltern hatten diesen Wunsch vorsichtig vorgetragen, aber für Lea war das von vornherein klar gewesen. Leipzig war zwar jetzt sein Zuhause gewesen, Schwerin hingegen seine Heimat. Und sie musste sein Grab nicht in unmittelbarer Nähe haben, um sich Jenne nah zu fühlen. Das tat sie auch so.
Es gab auch noch weitere Behördendinge zu erledigen und sie musste sich um Tim kümmern, sodass Lea kaum zum Nachdenken kam. Zumindest am Tag. Die Nächte hingegen waren lang und von diesem einen Albtraum begleitet, der einen erholsamen Schlaf unmöglich machte.

Arzu musterte ihr Gegenüber besorgt. Sie schaute täglich nach Feierabend bei Lea vorbei und sorgte dafür, dass sie etwas zu sich nahm. Doch was die Ärztin dazwischen tat, wusste sie natürlich nicht. Ahnte aber, dass die Mahlzeiten keine Priorität bei ihr hatten.
„Sie scheinen täglich dünner zu werden, Lea. Wenn ich nicht hier bin, essen Sie wohl wirklich nichts. Nur eine Mahlzeit am Tag reicht nicht. Sie müssen an die Gesundheit von Baby D. denken!“ Den Namen hatte Arzu dem Baby gegeben, er stand für Baby Derbeck. Lea wollte das Geschlecht nicht wissen, sondern sich überraschen lassen. Namen hatte sie sich allerdings bereits überlegt, behielt diese aber für sich.
„Das weiß ich doch, Arzu. Aber ich schaffe es einfach nicht. Manchmal esse ich ein bisschen was mit, wenn ich Tim sein Essen zubereite und weiß, dass es nicht reicht.“ Lea drehte ihr Glas hin und her. „Damals, als es nach der Entfernung des Aneurysmas bei Jenne Komplikationen gab, schien ich all das verlernt zu haben, was ich eigentlich im Schlaf beherrsche. Danach trennte ich mich von ihm, weil ich das Gefühl hatte, nicht mehr ich selbst zu sein, wenn ich mit ihm zusammen bin. Genau dieses Gefühl habe ich jetzt auch wieder, und weiß nicht, was ich dagegen tun soll. Damals fühlte ich so, weil ich nicht wusste, wie ich mit Jenne leben soll. Es war mir zu viel Nähe. Heute, weil ich nicht weiß, wie ich ohne ihn leben soll, da mir diese Nähe so fehlt. Ich kann ihn einfach nicht loslassen. Das ist doch echt verrückt, oder?“
„Nein, ist es nicht. Weshalb haben Sie denn nichts gesagt?“
„Wozu? Damit Sie Ihre Familie noch mehr vernachlässigen und statt dessen Tag und Nacht bei mir verbringen, um Händchen zu halten? Philipp und Ihre Kinder würden sich bedanken.“
„Wissen Sie, Lea Derbeck, manchmal verspüre ich den unbändigen Wunsch, Ihnen einen gewaltigen Tritt in den Hintern geben“, seufzte Arzu frustriert. „Wann geht es endlich in Ihren Dickschädel, dass ich nichts vernachlässige, wenn ich mich um eine Freundin kümmere, die im Moment meine Hilfe mehr braucht als meine Kinder. Philipp sorgt schon sehr gut für sie. Außerdem verbringe ich auch so genug Zeit mit ihnen.“
„Den Eindruck habe ich nicht, dennoch möchte ich Sie um einen Gefallen bitten.“
„Nur zu.“
„Würden Sie morgen Abend hierbleiben? Ich weiß nicht, ob ich es in der Nacht alleine aushalte.“
Es war die Nacht vor der Beerdigung. „Natürlich werde ich das tun. Und Tim kann bei uns übernachten, dann brauchen wir ihn morgens nicht erst noch hinbringen.“
„Sie müssen aber nicht mit zur Beerdigung kommen. Einen Tag vor Weihnachten gibt es bei Ihnen daheim doch bestimmt noch genug zu tun. Es ist ein ungünstiger Termin, der nächste wäre allerdings erst im neuen Jahr gewesen. Solange wollte ich nicht warten, ich möchte es endlich hinter mich bringen.“
„Das würde mir genauso gehen“, meinte Arzu. „Natürlich müssten wir nicht kommen, aber sowohl Philipp als auch ich möchten es gerne. Wir kannten Ihren Mann immerhin, wenn auch nicht so gut. Dennoch möchten wir uns von ihm verabschieden und Ihnen zur Seite stehen. Um die letzten Vorbereitungen kümmern sich meine Eltern. Als sie von der Beerdigung erfuhren, haben sie sich sofort entschlossen, bereits heute, statt erst morgen, anzureisen, um auf die Kinder aufzupassen. Ansonsten hätte es Tina getan.“
„Es ist sehr nett von Ihren Eltern, dass sie auch auf Tim aufpassen. Und mit Ihrer Tina scheinen Sie viel Glück zu haben.“
„Meine Eltern machen das gerne und Tim kennt sie ja bereits, die verstehen sich gut. Und Tina ist wirklich ein Segen. Mit ihr haben wir einen richtigen Glücksgriff getan“, erwiderte Arzu. „Nicht zu jung, um noch Flausen im Kopf zu haben und nicht zu alt, um nicht mehr mit den Kindern herumtollen zu können.“ Sie räusperte sich, was Lea veranlasste, zu ihr zu schauen.
„Offenbar haben Sie etwas auf dem Herzen. Raus damit.“
„Sie hatten neulich erwähnt, noch auf der Suche nach jemandem zu sein, der Tim betreut, sobald Sie wieder arbeiten.“
„Ja, und?“
„Na ja, ich habe Tina gefragt, ob Sie es sich vorstellen könnte, auch Tim zu betreuen. Und sie hat sofort zugestimmt.  Das Sabbatical von Philipp ist bald vorbei, ab Januar arbeitet er wieder. Wenn wir gleichzeitig Dienst haben, können Sie Tim zu uns bringen, und wenn wir Tina nicht brauchen, weil einer von uns daheim ist, würde sie hierher kommen. Vorausgesetzt natürlich, Sie sind damit einverstanden.“
Lea schüttelte ungläubig den Kopf. „Ich weiß wirklich nicht, was ich mit Ihnen machen soll, Arzu. Mich über Ihre Fürsorge freuen oder sie verdammen.“
Arzu zuckte mit den Schultern. „Das müssen Sie selbst entscheiden.“
„Fürs Erste freue ich mich und natürlich bin ich einverstanden. Danke Arzu.“
„Kein Problem. Können wir jetzt essen?“
„Wir?“
„Ich lade mich heute kurzerhand selbst ein. Zuhause gibt es Spaghetti … das dritte Mal innerhalb der letzten fünf Tage. Philipp kann einiges, aber kochen gehört leider nicht zu seinen herausragendsten Fähigkeiten. Für die Kinder reicht es allerdings. Ich bin da doch etwas anspruchsvoller.“
„Okay, in dem Fall kann ich verstehen, dass Sie die Abwechslung suchen“, lächelte Lea. „Es schaut lecker aus.“
Dann hoffe ich, dass Sie heute nicht nur rumpicken wie ein Huhn. Auch wenn ich mich wiederhole … Sie müssen einfach mehr auf sich aufpassen. Auf sich und Ihr Baby!“
„Vielleicht wird es leichter, wenn übermorgen vorbei ist. Der Tag liegt mir ziemlich auf den Magen“, gab Lea zu.
„Verständlich.“
Die beide Frauen füllten sich etwas auf ihre Teller, wünschten sich einen guten Appetit und verbrachten die Mahlzeit ansonsten schweigend, was beide als sehr angenehm empfanden. Arzu freute sich, dass Lea tatsächlich mehr zu sich nahm, als die Tage zuvor.

„Sind Sie eigentlich mit dem Wagen hier?“, wollte Lea wissen, während sie das gebrauchte Geschirr in die Spülmaschine stellte.
„Nein, ich bin zu Fuß“, erwiderte Arzu. „So weit ist es ja nicht und ein kleiner Spaziergang kann nie schaden.“
„Sehe ich auch so, deswegen werden Tim und ich Sie nach Hause bringen und dann gemütlich zurückschlendern.“ Lea schaute kurz zu Arzu. „Es sein denn natürlich, Sie haben etwas dagegen.“
„Ganz im Gegenteil. Ich freue mich. Wenn Sie es nicht eilig haben, könnten wir noch auf dem Spielplatz vorbeischauen. Ich meine den bei uns. Dort gibt es eine Rutsche und eine Schaukel, die Tim besonders liebt.“
Lea war alles recht, was dafür sorgte, dass sie den Moment, bis sie in die leere Wohnung zurückmusste, hinauszögern konnte, daher nickte sie.

Wenig später machten sich die beiden Frauen mit dem kleinen Jungen auf den Weg. Lea und Arzu unterhielten sich über alles Mögliche, lachten über die Faxen, die Tim machte und Lea konnte ihren Schmerz und ihre Trauer endlich mal vergessen. Auf Fremde mussten die beiden wie zwei Freundinnen wirken, und nur wenn man ihnen zuhörte, konnte man aufgrund der Tatsache, dass sie sich nach wie vor siezten, eine gewisse Distanz erahnen.

Sie blieben eine halbe Stunde auf dem Spielplatz, dann wurde Arzu noch von Lea und Tim nach Hause begleitet. Vor der Tür verabschiedeten sie sich. Während Lea und ihr Sohn den Heimweg antraten, wurde Arzu von ihrem Mann und den Kindern freudig begrüßt. Pauline schlief bereits, und da es auch für Oskar und Max Zeit war, brachte Arzu die Jungs ins Bett, las ihnen noch etwas vor ging schließlich runter, wo Philipp auf sie wartete.
„Alles in Ordnung, Arzu?“, wollte Philipp wissen. Sie wirkte nachdenklich und das war ihm bereits aufgefallen, als sie nach Hause gekommen war.
„Ich mache mir Sorgen um Lea. Sie isst einfach zu wenig und ich denke, Schlaf bekommt sie auch nicht genug. Wenn das nach der Beerdigung nicht anders wird, müssen wir uns etwas überlegen, Philipp. Sie bat mich übrigens, morgen bei ihr zu übernachten, weil sie die Nacht nicht alleine verbringen möchte. Tim wiederum wird bereits hier schlafen.“
„Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet wir uns mal so um Lea kümmern würden. Vielmehr du.“
„Stört es dich, dass ich öfter bei ihr bin?“ Arzu musterte ihren Mann besorgt. Sollte Lea mit ihrer Befürchtung vielleicht gar nicht so falsch gelegen haben?
„Nein, wirklich nicht. Es erstaunt mich allerdings, dass Lea damit einverstanden ist.“
„Mich zugegebenermaßen auch. Eigentlich rechne ich jeden Tag damit, dass sie sagt, ich soll nicht mehr vorbeikommen, weil ich sie nerve. Doch es scheint, als würde sie sich freuen, auch wenn sie das natürlich nicht zeigt.“
„Du machst das nicht aus Mitleid, sondern weil du sie wirklich magst, oder?“
„Ja, das tue ich.“ Arzu zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht warum, Philipp, aber ich habe das Gefühl, uns verbindet etwas.“
„Vielleicht spürt Lea das auch. Könnte daran liegen, dass sie dir bei Paulines Geburt geholfen hatte. Es war eine besondere Situation, die schweißt zusammen. Oder die Tatsache, dass sie die Schuld auf sich genommen hatte, als du diesen verdammt großen Bock geschossen hast.“
Sie hatte, um das Leben eines Patienten zu retten, so getan, als wäre seine Tochter gestorben. Er musste dringend operiert werden, hatte sich aber geweigert, um seine Tochter nicht alleine zu lassen. Am Ende war alles gut ausgegangen, Tochter und Vater wurden gerettet und sie, Arzu, hatte Dr. Heilmann die Wahrheit gesagt.
„Kann sein. Keine Ahnung. Ich denke darüber auch nicht nach. Wichtig ist, dass Lea meine Hilfe annimmt, auch wenn sie sich noch immer etwas schwer damit tut.“ Arzu schaute zu Philipp. „Und es ist wirklich in Ordnung für dich, dass ich nach Feierabend immer erst zu ihr gehe? Bitte sei ehrlich.“
„Warum bist du deswegen auf einmal so besorgt?“
„Ach, Lea hat da heute so etwas gesagt und mich damit ein wenig verunsichert.“
Philipp setzte sich und zog Arzu auf seinen Schoss. „Ich habe wirklich nichts dagegen, Arzu. Was Lea jetzt durchmacht, ist fürchterlich. Ich mag gar nicht darüber nachdenken, wie es wäre, wenn ich dich verlieren würde. Sie ist eine starke Frau, aber auch sie hat ihre Grenzen und ich bin froh, dass sie deine Hilfe annimmt.“ Er gab Arzu einen Kuss. „Sollte es mir irgendwann zu viel werden, sage ich es dir.“
„Du bist doch der beste Mann, den eine Frau sich wünschen kann“, meinte Arzu.
„Solange du dir das merkst, ist alles bestens“, entgegnete er und dann vergaßen sie für einen kleinen Augenblick alles um sich herum …

~~~

Lea indessen war mit Tim langsam zurückgeschlendert. Er hatte vor sich hingeplappert, aber zum Glück keine Antwort von seiner Mama erwartet.
Zu Hause angekommen machte sie ihn bettfertig und schmuste noch eine ganze Weile mit ihm, bis er schließlich einschlief. Lea gab ihm noch einen Kuss, bevor sie rüber in den Wohnbereich ging. Sie war so müde, hatte aber Angst vorm Schlafen. Also schaute sie etwas fern und las danach noch Fachliteratur, bis ihr schließlich die Augen zufielen. Erst dann, es war bereits um die zwei Uhr rum, ging Lea schließlich ins Bett. Die restliche Nacht wurde wie die anderen seit dem Tod von Jenne … eine einzige Qual.

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Völlig erledigt erwachte Lea am nächsten Morgen und das Baby zeigte ihr deutlich, was es von diesen unruhigen Nächten hielt. Ihr war schwindlig und übel.
„Ich weiß“, flüsterte Lea und legte die Hand auf ihren Bauch. „Es tut mir leid, Baby D. Das hier war anders geplant. Dein Papa sollte hier sein, uns lieben und verrückt machen mit seiner Fürsorge. Und er wäre gerne hier, das musst du mir glauben. Er hat sich so auf dich gefreut.“ Eine kleine Bewegung ließ Lea lächeln, sie streichelte über ihren Bauch. „Ich vermisse ihn auch, Baby D, aber wir sind nicht alleine, weil wir Tim und Arzu haben. Eines kann ich dir heute schon versprechen … sie wird immer für dich und Tim da sein.“
Lea setzte sich langsam auf den Bettrand. Etwas schwindlig war ihr noch, zum Glück hatte die Übelkeit nachgelassen.
„Komm Baby D, lass mich nicht im Stich. Ich weiß, dass ich uns vernachlässige, aber ich gebe mir Mühe, dass es anders wird. Hilf mir dabei, bitte.“ Sie stand auf und stellte erleichtert fest, dass es ihr besser ging. Vorsichtig ging sie ins Bad, machte sich fertig und schaute dann bei Tim ins Zimmer. Der Kleine schlief noch, wie Lea erleichtert feststellte.

Wenig später saß sie am Küchentisch, vor sich einen koffeinfreien Kaffee und dachte darüber nach, was sie heute noch erledigen musste. Mit Arzu hatte sie ausgemacht, Tim vorbeizubringen, sobald dieser ausgeschlafen hatte.
Die Krankenschwester selbst würde nach der Arbeit zu ihr kommen. Lea fragte sich, wie sie das, was Arzu – und letztlich auch Philipp – für sie taten, jemals wieder gutmachen sollte. Vielleicht hätte sie noch länger darüber nachgegrübelt, wenn Tim nicht nach ihr gerufen hätte. Einen letzten Schluck, dann ging sie zu ihrem Sohn, und als er sie, noch schlaftrunken, anlächelte, wusste Lea, dass Arzu an dem Abend von Jennes Tod recht gehabt hatte … wenn man Kinder hat, konnte einem das Unmögliche gelingen.
Sie hob Tim aus dem Bett, gab ihm einen Kuss. „Du, Baby D. und ich … wir schaffen das.“ Lea machte sich nichts vor. Leicht würde es nicht werden. Im Gegenteil.

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Im nächsten Kapitel erfahrt ihr näheres über den Albtraum von Lea. Unter anderem. Also freut euch auf Samstag ;-)
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