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Glück ist nichts für die Ewigkeit

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / Het
Arzu Ritter Dr. Lea Peters Jenne Derbeck
28.01.2019
02.03.2019
12
29.039
3
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Dieses Kapitel
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03.02.2019 1.991
 
Obwohl Lea seit Stunden daheim war, hatte sie sich noch immer nicht umgezogen. Lediglich eine Strickjacke trug sie über ihren Kasack. Irgendwann hatte sie Licht gemacht, weil mittlerweile die Sonne untergegangen war.
Sie saß am Küchentisch, vor sich ein Glas Wasser. Daneben lag ihr Handy. Lea weinte nicht. Dazu fehlte ihr die Kraft, sie kam sich wie betäubt vor. Sie starrte einfach nur auf das Handy.
Als es an der Tür klingelte, zuckte Lea zusammen. Langsam ging sie auf den Flur und öffnete. Erstaunt sah sie Arzu und Philipp im Treppenhaus stehen.
„Wir waren der Meinung, Sie sollten jetzt nicht alleine sein“, erklärte Arzu und es klang wie eine Entschuldigung. Vermutlich wartete sie darauf, dass Lea sie abwimmeln würde, doch die junge Frau dachte nicht daran. Die Stille in der Wohnung war so unendlich laut, dass sie froh über den Besuch ihrer Kollegen war.
„Das ist nett von Ihnen. Aber Sie wollten doch heute zu einem Konzert. Ich hörte, wie Sie am Morgen mit Kris darüber sprachen“, meinte Lea zu Arzu.
„Das stimmt, aber es gibt Dinge, die sind wichtiger“, erwiderte diese und bekam dafür ein kaum wahrnehmbares, dankbares Lächeln.
„Und Ihre Kinder?“
„Werden bestens von Herrn Brenner betreut“, meinte Philipp.
Erst jetzt bemerkte Lea, dass die beiden noch vor Tür standen. Sie trat beiseite. „Kommen Sie bitte herein.“
„Gerne.“
Abwesend nahm Lea zwei Bauklötze, die auf dem Flurschrank lagen, und ging voraus Richtung Wohnküche, ihre Gäste folgen ihr. „Tim schläft. Er war ziemlich unruhig.“ Lea schluckte die Tränen runter. „Ich wusste nicht, was ich ihm sagen sollte, also schwieg ich. Aber er merkte natürlich, dass etwas nicht stimmt.“ Lea schaute zu ihrem Handy, Arzu und Philipp folgen ihrem Blick. „Es ist eine Nachricht von Jenne drauf. Die muss er kurz vor dem … Unfall draufgesprochen haben.“
„Sie haben sie sich noch nicht angehört?“, erkundigte sich Philipp und Lea schüttelte den Kopf.
„Ich wollte es … in der Klinik, aber da bekam Dr. Hoffmann den Anruf wegen des hereinkommenden Notfalls. Und jetzt … ich konnte es bisher nicht. Die ganze Zeit starre ich nur auf dieses verfluchte Handy. Aber davon wird es auch nicht leichter.“ Lea setzte sich, nahm das Handy. „Irgendwann muss ich es hinter mich bringen.“
„Möchten Sie, dass wir draußen warten?“, wollte Arzu wissen, doch Lea schüttelte sofort den Kopf und deutete auf die weiteren Stühle, die am Tisch standen. „Nein, bitte nehmen Sie Platz. Ich … ich weiß nicht, ob ich das alleine schaffe.“ Sie atmete durch, suchte die Nachricht und spielte sie ab.
Arzu und Philipp fühlten sich dabei nicht ganz wohl, da anzunehmen war, dass es ein sehr privater Anruf sein würde. Vielleicht mit Sätzen, die nicht unbedingt für ihre Ohren bestimmt waren. Doch das schien Lea nicht zu stören oder sie dachte nicht daran.
Sie schluckte, als die Stimme von Jenne ertönte. Fröhlich, lachend … voller Leben.


„Hey Lea, ich weiß, du möchtest nicht, dass ich während des Autofahrens telefoniere, aber stell dir vor. Unser Sohn hat gerade Mama und Papa gesagt. Ist das nicht irre? Das musste ich dir doch schnell mitteilen, dann hast du auch etwas zum Freuen. Vielleicht sagt er es ja noch einmal.“ Man hörte, wie Jenne versuchte, den Kleinen zum Sprechen zu bringen, der lachte jedoch nur und Jenne seufzte. „Typischer Vorführeffekt. Na, dann hörst du es eben heute Abend. Ach und was Weihnachten betrifft … da reicht mir auch ein Tannenzweig auf dem Tisch. Wichtig ist nur, dass wir zusammen sind. Als Familie. Ich liebe dich, Dr. Derbeck. Uhi, das klingt echt super“, lachte Jenne. „Bis später.“
Er schickte noch einen Kuss durch die Leitung, dann war das Gespräch beendet.


Vorsichtig legte Lea das Handy wieder beiseite. Sie würde die Nachricht speichern und niemals löschen. Die letzten Worte ihres Mannes. Sie schaute hoch, sah die verwirrten Blicke ihrer Kollegen und nickte leicht.
„Jenne und ich haben tatsächlich geheiratet. Letzte Woche bei seinen Großeltern. Ohne viel Tamtam. Standesamtlich, mit einer kleinen Feier auf dem Hof. Es war sehr schön.“ Lea hielt einen Moment inne, dann fuhr sie fort. „Bisher wissen nur Sie davon. Eigentlich hatte ich es heute Vormittag den Kollegen in der Teamrunde erzählen wollen, aber die war ja aufgrund verschiedener Notfälle ausgefallen. Dabei hatte ich mich schon auf die überraschten Gesichter gefreut.“
„Die wären Ihnen sicher gewesen“, murmelte Philipp, wofür er einen Rippenstoß von Arzu bekam, aber Lea hatte es gar nicht mitbekommen.
Sie strich leicht über ihren Bauch. „Und ich bin schwanger, elfte Woche. Es war nicht direkt geplant, ich habe aber auch nichts getan, um es zu verhindern“, erklärte Lea weiter. „Es sollte wohl so sein.“ Ein kleines Lächeln stahl sich auf ihr sonst so maskenhaftes Gesicht. „Ich hatte das Ultraschallbild in der Anzugjacke von Jenne versteckt, und als er bei der Trauung den Ring rausholen wollte, fand er es. Zuerst schaute er ziemlich verwirrt, dann sprang er vor Freude rum wie ein Flummi. Ich habe noch niemals so einen glücklichen Menschen gesehen und in diesem Moment beschloss ich, entgegen meines eigentlichen Vorhabens, den Namen von Jenne anzunehmen und bereue es nicht. Ich bin stolz, seine Frau zu sein. Oder vielmehr es gewesen zu sein“, fügte Lea leise hinzu. „Sehr lange war ich es ja nicht.“
Hochzeit und Baby. Das haute die Brentanos gänzlich um und Philipp konnte grad noch ein <Donnerwetter> unterdrücken.
„Sie bleiben es immer, Dr. Derbeck. Auch über den Tod hinaus.“ Der neue Name kam Arzu wie selbstverständlich von den Lippen und jetzt fiel ihr auch der Ring an Leas Hand auf. Ein ungewohntes Bild, da die Ärztin normalerweise, außer einer Uhr, keinen Schmuck trug.
Lea, die gerade hochgeschaut hatte, deutete den nachdenklichen Blick von Arzu richtig. „Ich habe den Ring heute Vormittag getragen, allerdings an einer Kette. Es sollte ja nicht gleich jeder sehen, dass ich verheiratet bin. Und Sie haben recht, Schwester Arzu. Jenne ist ein Teil von mir geworden, daran ändert sein Tod nichts. Ich werde immer seine Frau bleiben. Dabei habe ich mal voller Überzeugung gesagt, heiraten käme für mich grundsätzlich nicht infrage. Allerdings wollte ich auch nie ein Kind. So kann man sich irren.“ Lea strich erneut über ihren Bauch. „Im Moment weiß ich zwar noch nicht, wie ich das schaffen soll … alleine mit zwei Kindern … aber anderen Frauen gelingt es schließlich auch.“
Arzu und Philipp waren erstaunt über Leas Offenheit. Das war eine neue Seite an ihrer Kollegin, die ihnen durchaus gefiel.
„Sie haben auf jeden Fall die Kraft dazu“, erwiderte Philipp ehrlich.
„Fühlt sich im Moment nicht so an“, gab Lea zu und schaute eher zufällig zur Uhr. „Vielen Dank, dass Sie gekommen sind. Es hat mir gutgetan. Aber ich denke, nun sollten Sie heimfahren und noch etwas Ihren Feierabend genießen, wenn Sie schon das Konzert wegen mir haben sauen lassen. Und Herr Brenner hätte sicher auch nichts dagegen, nach Hause zu fahren.“
„Ach, um den brauchen Sie sich keine Sorgen machen. Sobald er die Kinder ins Bett verfrachtet hat, legt er sich immer auf die Couch oder schaut fern. Er weiß die Zeit jedenfalls gut zu nutzen.“
Lea merkte, dass Arzu sie ungern alleine lassen wollte. Das rührte sie irgendwie. „Sie können jetzt ruhig gehen, Schwester Arzu. Ich komme schon klar.“
„Sicher?“
Lea atmete durch. „Nein, natürlich nicht. Eine Wahl hab ich jedoch nicht. Irgendwie muss ich schließlich damit klarkommen. Je eher, desto besser.“
„Aber nicht heute Nacht“, bestimmte Arzu. „Sofern Sie mich nicht hochkant rausschmeißen, werde ich bleiben. Morgen haben Sie bestimmt einiges zu tun, da kann ich mich um Tim kümmern.“
Lea schaute sie überrascht an. „Aber Sie haben morgen doch Dienst.“
Arzu schüttelte den Kopf. „Ich habe mir freigenommen.“
„Meinetwegen?“, erkundigte sich Lea ungläubig.
„Es erschien mir richtig“, entgegnete Arzu lediglich. „Sind Sie einverstanden?“
Ein Teil von ihr wäre jetzt lieber alleine, der andere Teil sehnte sich nach Gesellschaft, ohne den Zwang auf Small Talk. Eines wusste Lea genau … Arzu würde ihr kein Gespräch aufdrängen, zu dem sie nicht bereit war. Aus diesem Grund fiel ihr die Entscheidung nicht schwer. „Die Couch ist sehr bequem.“
Philipp, der die Unterhaltung bisher seiner Frau überlassen hatte … die mögliche Übernachtung von ihr bei Lea hatten sie im Vorfeld natürlich bereits besprochen … meinte trocken.
„Darüber müssen Sie sich keine Sorgen machen, Lea. Sie könnten Arzu auch auf den Tisch legen und sie würde schlafen.“
Arzu schlug ihrem Mann auf den Arm. „Das musst du gerade sagen.“
Lea hörte dem Geplänkel amüsiert und traurig zugleich zu. Sie und Jenne hatten auch … sie schüttelte leicht den Kopf. Nur nicht daran denken.
„Ich würde dennoch die Couch empfehlen“, meinte sie mit einem leichten Lächeln, welches ihre Augen jedoch nicht erreichte. „Sollten Sie in Ihrer Handtasche nicht gerade Nachtutensilien versteckt haben … was ich Ihnen durchaus zutrauen würde … kann ich Ihnen eine neue Zahnbürste sowie ein Schlafshirt geben. Es ist gewaschen, aber noch nicht getragen.“
„Ich habe doch nicht geplant, hier zu übernachten“, erwiderte Arzu.
Lea zog eine Augenbraue in die Höhe. „Sie verzeihen, wenn ich Ihnen das nicht so ganz glaube.“
Arzu fühlte sich ertappt. „Geplant nicht, aber darüber nachgedacht“, gab sie schließlich zu. „Wenn Sie es sich überlegt haben, bleibe ich natürlich nicht.“
„Nein, habe ich nicht.“
„Da sich die Damen einig sind, werde ich losziehen und den guten Hans-Peter erlösen.“ Philipp stand auf, verzichtete aber darauf, Arzu einen Kuss zu geben, um in Lea keine schmerzlichen Erinnerungen zu wecken.
Seine Frau ahnte seinen Gedanken und nickte ihm kurz zu.
„Wir sehen uns morgen.“
„Ich bringe Sie noch zur Tür.“ Lea ging voran und reichte Philipp zum Abschied die Hand. „Danke, dass Sie gekommen sind, Philipp. Trotz unserer, nun ja, gelegentlichen Differenzen.“
„Die sind doch jetzt völlig nebensächlich, Lea. Ich hoffe, Sie können ein wenig schlafen und sollten Sie mal meine Hilfe gebrauchen können, zögern Sie nicht, mich darum zu bitten. Das ist kein Zeichen von Schwäche.“
Lea nickte leicht. „Das lerne ich auch gerade.“
Sie schloss die Tür und ging zurück in die Wohnküche. Sie war müde, hatte aber Angst vor dem Einschlafen.
„Möchten Sie vielleicht ein Glas Wein? Sozusagen als Entschuldigung, weil ich Ihnen und Philipp gar nichts angeboten hatte. Das tut mir leid.“
„Muss es nicht. Wir sind ja nicht gekommen, um uns bewirten zu lassen. Aber jetzt hätte ich gegen ein Glas Wein nichts einzuwenden.“
„Setzen Sie doch auf die Couch, dort ist es bequemer als hier. Ich komme gleich.“
„In Ordnung. Soll ich was mitnehmen?“
„Die Gläser vielleicht.“ Lea holte sie aus dem Regal und reichte sie Arzu, die damit in den Wohnbereich ging. Als Lea die Flasche Wein aus dem Schrank holen wollte, zuckte sie zusammen. Dort standen noch zwei Flaschen von dem Bier, welches Jenne am liebsten getrunken hatte. Sie selbst mochte kein Bier. Mit zittrigen Händen nahm Lea die Flaschen raus, öffnete sie und goss den Inhalt in die Spüle. Dann warf sie die Flaschen weg. Mülltrennung war ihr gerade so was von egal.

Es fiel Arzu, die das Ganze beobachtet hatte, natürlich nicht schwer, den Grund für diese Handlung zu erahnen. Über kurz oder lang würde es noch anderen Dingen, die Jenne gehörten oder an ihn erinnerten, so ergehen. Einige würde Lea behalten. Weniger als Erinnerung für sich selbst, sie trug ihre im Herzen, sondern in erster Linie für ihre Kinder.

Lea hatte ihre Besucherin für einen Moment vergessen. Sie ließ das Wasser laufen, um die letzten Spuren des Bieres zu beseitigen und konnte nicht glauben, dass zwei eigentlich harmlose Flaschen sie so aus der Bahn werfen konnten. Wie sollte das erst werden, wenn sie sich mit den wirklich persönlichen Dingen von Jenne beschäftigten musste? Die Ärztin schaute zum Fenster, und als sie dort die Spiegelung der offenen Schranktür sah, fiel ihr Arzu wieder ein. Sie griff schnell nach der Weinflasche und ging rüber in den Wohnbereich.

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Schon wieder vorbei ;-)

Für alle, die die Serie nicht gucken - verheiratet und schwanger ist Lea nur in meiner Geschichte. So weit sind die Drehbuchautoren nicht gegangen.
Arzu und Philipp kamen am Abend tatsächlich zu Lea - geblieben ist Arzu aber in der Serie nicht.

Habt noch einen schönen Sonntag.  Bis Mittwoch zum nächsten Kapitel.
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