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Glück ist nichts für die Ewigkeit

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / Het
Arzu Ritter Dr. Lea Peters Jenne Derbeck
28.01.2019
02.03.2019
12
29.039
3
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Dieses Kapitel
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31.01.2019 1.940
 
Als Lea nach der, erfolgreichen, Operation, ins Ärztezimmer kam, sah sie aus den Augenwinkeln, dass Kathrin am Computer saß und Dr. Hoffmann telefonierte. Sie selbst schaute auf ihr Handy und bemerkte mit einem Lächeln, das eine Nachricht von Jenne eingegangen war. Bevor sie diese aber anhören konnte, hatte Dr. Hoffmann sein Gespräch beendet und berichtete, das ein Polytrauma mit schwersten Verbrennungen in wenigen Minuten eingeliefert werden würde. Lea steckte ihr Handy in die Kitteltasche und folgte ihren Kollegen in die Notaufnahme.

Der Patient wurde sofort in den Schockraum gebracht, wo sich die drei Ärzte um ihn kümmerten. Er hatte am ganzen Körper schwere Verbrennungen, sein Gesicht war rotbraun verkrustet. Die ersten Untersuchungen zeigten, dass es nicht nur die äußeren, sondern auch schwere innere Verletzungen gab. Es gab eigentlich nichts, was nicht in irgendeiner Weise verletzt war.
„Am meisten machen mir die systemischen Auswirkungen der Verletzungen sorgen“, meinte Kathrin, während Lea und Arzu dem Patienten Schuhe und Strümpfe auszogen. Die Füße waren der einzige Körperteil, welcher keine Brandverletzungen aufwiesen.
Während Dr. Hoffmann und Kathrin den Schockraum verließen, um in den OP vorauszugehen, fiel Lea eine Verletzung an der linken Fußsohle des Patienten auf, die ihr seltsam vertraut vorkam.
„Was haben Sie?“, fragte Arzu, die das Zögern der Ärztin bemerkte.
„Diese Narben hier .. die stammen nicht von dem Unfall. Die sind älter.“ Lea hob den Kopf. Ihre Augen waren weit geöffnet, in ihnen war dieser vage Verdacht zu erkennen. Und die Hoffnung, sich geirrt zu haben. „Die sind von einem Blitzschlag.“ Langsam ging sie zum Kopfende der Fahrtrage und ließ ihren Blick über den Patienten wandern. Es gab nichts, woran man diesem Mann identifizieren könnte … außer diesen kleinen, speziellen Narben auf der Fußsohle und deren Seltenheit letztlich keine Zweifel zuließen. Die ihren Verdacht bestätigten und ihre Welt zum Einsturz brachten. Völlig geschockt hob Lea die Hände an den Mund, während Arzu über die Reaktion der Ärztin völlig überrascht war.
„Dr. Peters, was ..?“
„Verstehen Sie nicht?“, rief Lea verzweifelt. „Das ist Jenne!“ Ihr kamen die Tränen. Der Lärmpegel in dem Schockraum ließ Dr. Hoffmann zurückkommen.
„Was ist denn los?“
Lea deutete auf den Patienten. „Das ist Jenne! Er war mit Tim unterwegs. Wo ist Tim? Was ist mit ihm?“
„Was reden Sie denn?“ Dr. Hoffmann wusste nicht, was er von dem Ausbruch seiner sonst so beherrschten Kollegin halten sollte.
„Ja. Das ist er!“, rief Lea, schon fast hysterisch, weil sie sich so hilflos fühlte. Inzwischen war auch Kathrin wieder da und bemühte sich, zusammen mit Arzu, Lea zu beruhigen. „Wo ist mein Sohn. War da noch jemand am Unfallort? Ein Kind?“ Lea schrie und weinte, zitterte am ganzen Körper.
Mit Mühe gelang es Arzu schließlich, Lea aus dem Raum zu führen. Dr. Hoffmann und Kathrin waren geschockt, doch sie durften jetzt nur an den Patienten denken. Egal wer er war … sie mussten ihn den Operationssaal bringen, sollte er überhaupt eine Chance haben, zu überleben.

~~~

Zu der gleichen Zeit, als ihre Kollegen begannen, um das Leben von Jenne zu kämpfen, versuchte Lea noch immer rauszufinden, was mit ihrem Sohn geschehen war. Doch bisher gab es keine Spur. Die Polizei hatte ihr gesagt, am Unfallort sei kein Kind gewesen und den Notarzt, der Jenne in die Klinik gebracht hatte, konnte sie nicht erreichen. Immerhin hatte sie erfahren, wie es überhaupt zu diesem Unglück gekommen war – Jenne war auf einen verunglückten Wagen zugekommen, hatte angehalten, Polizei und Notarzt verständigt und den Autofahrer aus dem Wagen gezogen. Dann kam zu einer Explosion, bei dem Jenne schließlich verletzt worden war.

Als der Assistenzarzt Hans-Peter Brenner mit einem Patienten, der im Bett lag, den Fahrstuhl verließ, registrierte Lea dies nur am Rande, zu sehr waren ihre Gedanken bei der Frage, wo sich Tim befand. Und sie ärgerte sich, bei der Polizei nicht den genauen Unfallort erfragt zu haben, würde dies aber sofort nachholen.
„Frau Dr. Peters?“
„Nicht jetzt“, erwiderte sie etwas unwirsch und wollte weitereilen.
„Nur kurz. Herr Kessler fragt, wie es dem Brandopfer geht.“
Das hielt Lea zurück. „Wieso?
„Offenbar war das Brandopfer am Unfallort, um Herrn Kessler zu helfen und hat ihm dadurch vermutlich das Leben gerettet.“
In Lea erwachte die Hoffnung, nun etwas über den Verbleib ihres Sohnes zu erfahren. Sie trat an das Bett.
„Wo ist mein Sohn?“
Julian Kessler schaute die Ärztin irritiert an. „Ich verstehe nicht.“
Lea verlor die Beherrschung, sie schüttelte Julian an den Schultern und rief. „War ein Kind am Unfallort? Wo?“
Nach einer Sekunde des Schreckens, versuchten der Arzt und Kris sie von dem Patienten fortzuziehen.
„Dr. Peters hören Sie auf! Was soll das denn?“
„Jenne war mit Tim unterwegs“, erklärte sie aufgebracht. „Das war Jenne, der diesen Mann aus dem Wagen gezogen hat.“ Sie wandte sich wieder an Julian. „Wo war der Unfall?“
„Ich weiß es nicht.“
„Wo?!“, rief sie.
Er zuckte zusammen und dachte kurz nach. „Das war auf der Landstraße. In der Nähe von Tepitz.“
Lea lief sofort los und Hans-Peter Brenner forderte Kris auf, ihr zu folgen. Er selbst hatte keine Zeit, sich mit dieser Schreckensnachricht auseinanderzusetzen, weil er den Anruf bekam, dass man ihn dringend im Operationssaal drei erwartete. Er übergab Julian Kessler an zwei Pflegern, die ihn aufs Zimmer bringen sollten, und eilte davon.

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Kris steuerte den Wagen von Lea zügig, aber ruhig auf der Landstraße Richtung Unfallort. Beide trugen ihre Dienstkleidung, denn natürlich hatte Lea nicht die Nerven gehabt, sich erst noch umzuziehen und Kris entsprechend keine Zeit dazu.
Kris passierte einen Feldweg und steuerte auf den Polizeiwagen zu, der einige Meter vor ihnen zu sehen war, als Lea rief, er solle zurückfahren.. Das verstand Kris zunächst nicht, immerhin lag der Unfallort vor ihnen, doch Lea erklärte, sie hätte den Wagen von Jenne gesehen. Also fuhr Kris rückwärts zurück, und noch bevor er vollständig angehalten hatte, sprang Lea raus und rannte los. Kris schnappte sich schnell eine Decke und folgte ihr.

Als Lea den Geländewagen erreichte, riss sie die Tür auf, löste mit zittrigen Fingern die Halterung am Kindersitz und holte Tim heraus.
„Tim“, flüsterte sie und drückte den Kleinen fest an sich. Der Junge weinte und rief Mama.
Mittlerweile war auch Kris am Wagen angekommen und legte die Decke um die Schultern von Lea, deren Anspannung langsam wich. Sie schluchzte hemmungslos, flüsterte immer wieder den Namen ihres Sohnes und lehnte sich gegen den Wagen, weil sie sonst zusammengesackt wäre. Kris, der hinter ihr stand, streichelte beruhigend ihre Schultern.
„Kommen Sie Dr. Peters, lassen Sie uns in die Klinik zurückfahren.“
Lea nickte und ließ es zu, dass Kris sie leicht stützte, während sie zum Wagen zurückgingen.

--

Im Eilschritt steuerte Lea, mit Tim auf dem Arm, den Eingang an. Kris folgte ihr. Arzu kam gerade von der Anmeldung, als die beiden die Klinik betraten.
„Wie geht es Jenne?“, wollte Lea sofort wissen.
„Sein Zustand ist weiter kritisch“, erklärte Arzu, wobei sie sich gewünscht hätte, etwas anderes sagen zu können.
„Ich muss zu ihm. Passen Sie auf Tim auf?“ Lea übergab Arzu ihren Sohn, sah kurz zu ihrem Begleiter. „Danke Kris“, dann lief sie los.
„Alles in Ordnung?“, wollte Arzu von dem Pfleger wissen, da sie bemerkte, wie er der Ärztin gedankenverloren hinterherschaute.
Er zuckte mit den Schultern. „Wie lange will Dr. Peters das durchhalten? Die Anspannung, die Angst um Tim, die Angst um ihren Freund.“
„Genau so lange, wie sie es muss, Kris. Für ihren Sohn und für Herrn Derbeck.“ Sie strich dem Kleinen über die Wange. „Kommen Sie mit auf Station oder brauchen Sie eine kleine Pause?“
„Nicht nötig“, erwiderte Kris und folgte Arzu den Gang entlang Richtung Fahrstuhl.

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Nachdem Lea sich umgezogen hatte, betrat sie einen Raum, von dem aus man durch eine Scheibe in den Operationssaal sehen konnte. Ihr Blick fiel auf den verkrusteten Kopf von Jenne, der unter den grünen Operationstüchern hervorschaute. Sie sah, wie ihre Kollegen verbissen um das Leben ihres Freundes kämpften, und spürte, wie es langsam aus seinem Körper entwich. Sie konnte ihm nicht helfen. Niemand konnte es. Sie waren keine Halbgötter in Weiß, sondern Menschen und selbst die besten Ärzte stießen irgendwann an ihre Grenzen.
Lea schloss ihre Augen, nahm die Haube ab und schmiegte den Stoff für einen Moment an ihr Gesicht, bevor sie sich schließlich abwandte und mit leerem Blick den Raum verließ, ohne noch einmal in den Operationssaal zu schauen.

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Dr. Hoffmann hatte sich bei einer Schwester erkundigt, ob sie wüsste, wo er Dr. Peters finden könnte. Ihm zog es das Herz zusammen, als er sie tatsächlich in dem Gang sitzen sah. Um sie herum liefen die Pfleger und andere Personen hin und her, aber Lea schien nichts davon mitzubekommen. In diesem Moment fühlte sie sich vermutlich wie der einsamste Mensch auf der Welt. Und an ihm war es nun, sie noch ein Stück weiter in diese Einsamkeit zu stoßen.
Schweigend setzte er sich neben Lea, suchte nach den richtigen Worten, doch seine Kollegin kam ihm zuvor.
„Jenne ist tot“, sagte sie regungslos und Dr. Hoffmann nickte. Sie ahnte es mehr, als das sie es sah, denn ihr Blick war weiterhin starr auf den Boden gerichtet. Lea schloss kurz die Augen, stand auf, zog ihren Kasack zurecht und entfernte sich. Ihr Gang war steif, wie ferngesteuert. Nach wenigen Metern stützte sie sich kurz an einer Wand ab und übergab sich. Dann ging sie weiter.
Dr. Hoffmann schaute ihr hinterher und fühlte sich miserabel. Er wusste, sie hatten alles getan, was irgend möglich war und vielleicht sogar noch ein wenig mehr. Doch es fühlte sich an, als hätten sie völlig versagt.

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Lea ging, ohne sich wieder umgezogen zu haben, ins Schwesternzimmer, wo sich Arzu mit dem kleinen Tim beschäftigte. Einen Moment blieb die junge Ärztin in der Tür stehen. Sie musste daran denken, dass sie ihren Sohn zunächst nicht hatte haben wollen. Abtreibung und Adoption in Betracht gezogen hatte. Wie fern erschien ihr diese Zeit. Inzwischen konnte sie sich ein Leben ohne ihren kleinen Sonnenschein nicht vorstellen. Er würde sie für immer mit Jenne verbinden. Über den Tod hinaus.
Sie riss sich von den Gedanken los und ging ins Zimmer.
„Ich habe mir für den Rest des Tages freigenommen.“ Leas Stimme war leise, strahlte nichts von der so selbstsicheren Ärztin aus, als die man sie kannte.
Arzu, die auf dem Boden gekniet hatte, stand auf. „Und was machen Sie jetzt?“, wollte sie mitfühlend wissen.
Lea hob den Kleinen hoch. „Wir fahren nach Hause. Danke, dass sie sich um Tim gekümmert haben.“
„Das war selbstverständlich und Dr. Peters … ich bin immer für Sie da. Jederzeit. Zum Reden, zuhören, wenn Sie mit jemandem zusammen schweigen möchten oder Betreuung für Tim gebrauchen.“
Früher hätte Lea sicherlich sofort kühl dankend abgelehnt, jetzt schaute sie Arzu nur ein wenig überrascht an. Dann nickte sie. „Das weiß ich, Schwester Arzu. Auch wenn ich nicht weiß, wieso. Ich war schließlich nie besonders … entgegenkommend zu Ihnen.“
Arzu zuckte mit den Schultern. „Ich mag Sie. Fragen Sie mich nicht warum. Aber das spielt auch überhaupt keine Rolle. Sie haben eine schwere Zeit vor sich und ich möchte für Sie da sein. Sofern Sie mich lassen.“
Lea kam nicht dazu, ihr zu antworten, weil ein Patient klingelte. Arzu bat Lea, auf sie zu warten und eilte los. Die Patienten hatten Vorrang. Immer. Das verstand niemand besser als Lea. Sie nahm Tims Sachen vom Tisch, dann ging sie.

Arzu hatte gehofft, Lea wäre noch im Schwesternzimmer, dass dem nicht so war überraschte sie allerdings nicht.

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Was soll ich tröstendes schreiben? Es ist ja nicht auf meinen Mist gewachsen, dass Jenne sterben musste.  ;-((
Allerdings brachte mich das dazu, diese FF zu schreiben. Vorher war ich ja überhaupt gar nicht auf den Gedanken gekommen.

Nun denn - in drei Tagen geht es weiter. Habt ein schönes Wochenende - wir lesen uns zum Sonntagskaffee.
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