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Glück ist nichts für die Ewigkeit

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / Het
Arzu Ritter Dr. Lea Peters Jenne Derbeck
28.01.2019
02.03.2019
12
29.039
3
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Dieses Kapitel
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24.02.2019 1.836
 
„Ist es wirklich okay, wenn Tim bis Montag bei euch bleibt?“, wollte Lea von Arzu wissen. „Sonst nehme ich ihn mit, obwohl ich ihm die gedrückte Stimmung bei Elli und Hilger, die zumindest zeitweise sein wird, gerne ersparen würde. Jenna bekommt davon ja zum Glück noch nicht viel mit.“
„Natürlich ist es okay“, versicherte Arzu ihr. „Du weißt doch, dass wir den Kleinen gerne bei uns haben. Und wenn wir morgen und Montag arbeiten, sind Tim und Pauline bei Tina gut aufgehoben. Abgesehen davon sind Oskar und Max ganz aus dem Häuschen, weil er vier Tage bleibt. Sie haben bereits Pläne gemacht, was sie alles spielen könnten und wenn es danach geht, müsste Tim eigentlich ein halbes Jahr bei uns bleiben. Minimum.“
„So lange möchte ich auf meinen Sohn nicht verzichten“, lachte Lea. „Ich finde es toll, wie sich Oskar und Max mit Tim beschäftigen, obwohl er so viel jünger ist. Eigentlich würde er ja besser zu Pauline passen, sie ist ja nur ein paar Monate älter.“
„Aber er ist ein Junge“, erwiderte Arzu trocken. „Das reicht schon. Die beiden lieben ihre Schwester heiß und innig, aber manchmal wäre ihnen Tim als Geschwisterchen sicherlich lieber.“
„Da muss ich wohl aufpassen, dass sie ihn Montag nicht irgendwo verstecken, wenn ich ihn abholen möchte“, meinte Lea amüsiert.
„Könnte passieren“, nickte Arzu, dann musterte sie ihre Freundin und wechselte das Thema. „Kommst du klar?“
„Je näher der Tag kommt, je schwieriger wird es“, gab Lea zu. „Ich kann nicht glauben, dass Jenne übermorgen bereits ein Jahr tot ist.“
„Geht mir genauso. Die Zeit ist so schnell vergangen.“
„Ja, aber manchmal habe ich das Gefühl, es sei erst gestern gewesen.“ Lea sah zu ihrer Freundin. „Ich vermisse ihn noch immer, Arzu. Und manchmal ist diese Sehnsucht kaum auszuhalten.“ Und wie immer wenn sie an Jenne dachte, kamen ihr die Tränen.
„Ich weiß.“ Arzu legte ihre Hand auf die von Lea.
„Er hatte versprochen, immer für uns da zu sein. Er hatte es doch versprochen.“
Arzu erinnerte sich, dass Lea diese Worte am Tag von Jennes Tod schon einmal gesagt hatte. Offenbar war dieses Versprechen etwas, was sie einfach nicht vergessen konnte.
„Jenne hat sein Versprechen nicht gebrochen, Lea. Es ist nicht seine Schuld, dass er es nicht einhalten kann.“
Obwohl Lea wusste, dass Jenne richtig gehandelt hatte, als er Julian Kessler aus dem Wagen rettete, war da immer dieses Gefühl, dass er noch leben könnte, wenn er einfach weitergefahren wäre.
„Das zu wissen hilft mir auch nicht“, erwiderte sie. „Ich wollte gar kein Kind, wie du weißt. Ich wollte auch keinen Mann. Um nicht ständig Angst um jemanden haben zu müssen. Und was hab ich jetzt, Arzu? Schmerz, weil ich meinen Mann verloren habe und Angst, dass meinen Kindern etwas passiert. Und das wird nie aufhören.“
„Nein, das wird es nicht“, stimmte Arzu ihr zu. „Man hat immer Angst um seine Kinder. Selbst wenn sie später einmal erwachsen sein werden. Aber sag mir eines, Lea … wenn du die Wahl hättest. Würdest du wirklich auf Tim und Jenna verzichten? Oder auf die Zeit, die du mit Jenne zusammen verleben durftest?“
„Ich weiß es nicht“, gab Lea zu. „Mit dem Wissen von heute?“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß es wirklich nicht.“
„Ich aber“, erwiderte Arzu bestimmt. „Du würdest nicht verzichten. Niemals. Du liebst deine Kinder und du liebst Jenne. Ja, er ist nicht mehr da. Aber Lea … du hast die Erinnerung und die kann dir niemand nehmen.“
„Die wärmt mich nachts aber nicht. Die nimmt mir nicht die Angst. Die hilft mir auch nicht, wenn ich unsicher bin oder nimmt mich einfach mal in den Arm, wenn ich Geborgenheit gebrauche“, erklärte Lea. „Aber du hast recht. Ich könnte nicht auf Tim und Jenna verzichten. Und die Zeit mit Jenne möchte ich auch nicht missen.“
Ein Moment schwiegen die Freundinnen, hingen ihren Gedanken nach, dann brach Arzu das Schweigen.
„Ich könnte heute hierbleiben oder möchtet ihr vielleicht bei uns übernachten?“
Lea schüttelte den Kopf. „Nein, du fährst jetzt schön zu deiner Familie nach Hause und morgen früh bringe ich Tim vorbei.“ Sie bemerkte Arzus zögern, stand auf und zog ihre Freundin mit hoch. „Los jetzt. Ich komme schon klar.“
Arzu seufzte. „Es hat sich viel verändert im letzten Jahr, aber stur bist du noch immer.“
„Danke, das Kompliment kann ich zurückgeben.“
Mittlerweise waren sie in den Flur gegangen, wo Arzu sich ihre Jacke anzog und dann Lea umarmte. „Morgen früh sind Philipp und ich ja schon außer Haus, wenn du kommst, also fahr vorsichtig und rufe an, wenn du in Schwerin bist.“
Lea erwiderte die Umarmung. „Mach ich. Wir sehen uns Montag, wenn ich Tim abhole. Am frühen Abend denke ich.“
„Möchtest du noch mit uns essen?“
„Gerne.“
„Gut, dann werde ich jetzt gehen. Grüß Elli und Hilger bitte von mir. Ich kann unseren nächsten Besuch bei ihnen kaum abwarten. Die Kinder lieben die beiden und natürlich den Hof.“
„Werde ich ihnen ausrichten. Das wird sie freuen. Sie mögen euch und die Kinder sehr“, versicherte ihr Lea, dann schloss sie die Tür hinter Arzu und ging zum Fenster, öffnete es und schaute raus. Sie wohnte ziemlich hoch, konnte Arzu unten aber gut erkennen. Diese schaute nach oben, die beiden winkten sich zu, dann ging Arzu davon und Lea schloss das Fenster wieder.

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Am Abend, als die Kinder im Bett waren und Arzu mit Philipp auf der Couch saß, kam sie auf Lea zu sprechen.
„Ich glaube, Lea ist auf einem guten Weg und ich wünsche mir, dass sie irgendwann wieder einem Mann begegnet, der ihr Herz erobern kann.“
„Das würde ich ihr auch wünschen“, meinte Philipp. „Allerdings glaube ich nicht daran. Lea hat sich im vergangenen Jahr wirklich zu ihrem Vorteil verändert, ist offener geworden und geht mit Gefühlen lockerer um. Aber ihr Herz hat sie fest verschlossen. Das merkt man an ihrem Umgang mit den männlichen Patienten. Es gibt da schon den ein oder anderen, der mit ihr flirtet. Na ja, es jedenfalls versucht. Aber Lea reagiert darauf überhaupt nicht. Sie ist freundlich, aber um einiges zurückhaltender als zu den Patienten, die sich ihr gegenüber, sagen wir, normal verhalten. Ich denke, sie gehört zu den Frauen, die nur einmal lieben. Und ihre große Liebe war Jenne Derbeck.“
Leas Zurückhaltung gegenüber einigen männlichen Patienten war Arzu auch bereits aufgefallen. „Vermutlich hast du recht. Lea hat mir vorhin erst erzählt, wie sehr sie Jenne noch immer vermisst.“ Sie seufzte tief. „Wie das Schicksal so spielt … ein Unfall brachte sie zusammen, ein Unfall trennte sie auch wieder.“
„Klingt irgendwie etwas makaber, aber trifft … leider … den Kern.“ Er zog Arzu an sich. „So gern ich Lea auch habe … könnten wir uns jetzt mit etwas anderem beschäftigen? Mit uns zum Beispiel?“
„Mhm, denkt der Herr an etwas Bestimmtes?“
„In der Tat.“ Philipp stand auf, hob Arzu auf seine Arme und verließ das Wohnzimmer. „Zeit ins Bett zu gehen.“
Lachend kuschelte sich Arzu an ihren Mann, während er sie nach oben trug …

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Zur gleichen Zeit, wo im Hause Ritter/Brentano die Lichter gelöscht wurden, lag Lea noch wach. Die Nachttischlampe eingeschaltet, Jennes Bild in der Hand. Sie hatte alles gepackt, was sie für Jenna und sich benötigte, während sie in Schwerin waren. Und natürlich auch eine kleine Tasche für Tim für seine Zeit bei Arzu und ihrer Familie. Lea freute sich darauf, Elli und Hilger wiederzusehen, weil sie aus Zeitmangel einen Monat nicht dort gewesen war. Wenn nur der Anlass ein anderer gewesen wäre. Der erste Todestag von Jenne. So lange her und doch immer noch so präsent. Und schmerzhaft.
„Es wird nie einen anderen Mann für mich geben“, meinte sie zu seinem Bild. „Auch wenn ich weiß, dass du dir etwas anderes für mich wünschen würdest.“ Sie stellte es zurück auf den Nachttisch und löschte das Licht.

Am nächsten Morgen brachte Lea ihren Sohn zu den Brentanos, wo er von deren Kindern bereits sehnsüchtig erwartet wurde, dann fuhr sie nach Schwerin.

******

Roland kam gerade aus dem OP und freute sich auf eine kleine Pause in der Cafeteria, doch die Freude wurde zunichtegemacht, als Schwester Miriam an seinen Tisch trat.
„Dr. Heilmann, tut mir leid, dass ich stören muss, aber vor ihrem Büro warten zwei Herren auf Sie.“
„Warum denn dort?“
Miriam zuckte die Schultern. „Ich habe keine Ahnung. Ich war gerade am Empfang, als sie kamen und nach Ihnen fragten. Ich erklärte, dass Sie im OP seien und sie in der Cafeteria warten könnten. Wollten sie aber nicht. Also brachte ich sie nach oben. Ich hoffe, das war in Ordnung?“
„Klar“, beruhigte Roland sie. „Wie sahen die Herren denn aus?“
„Irgendwie … offiziell.“
„Aha.“ Roland seufzte. „Na, dann will ich die Herren Offiziell nicht länger warten lassen.“ Mit einem wehmütigen Blick auf seine Tasse Kaffee und das leckere Stück Torte stand er auf und verließ die Cafeteria.

Als er den Fahrstuhl verließ, sah er die beiden Herren gleich und musste Schwester Miriam recht geben. Die sahen wirklich offiziell aus.
„Meine Herren, ich bin Dr. Heilmann. Man sagte mir, dass Sie auf mich warten.“
„Ja, wir würden gerne mit Ihnen sprechen.“
Roland schloss sein Büro auf. „Kommen Sie doch bitte rein.“

Keine fünfzehn Minuten später verabschiedete Roland die beiden Männer bereits wieder.
„Vielen Dank, dass Sie mich informiert haben.“
Er sah den beiden nach, bis sie im Fahrstuhl verschwunden waren, dann ging Roland in sein Büro zurück, setzte sich an seinen Schreibtisch und starrte eine lange Zeit einfach nur vor sich hin.
„Wie soll ich ihr das nur beibringen?“, murmelte Roland nach einer Weile, während er seinen Blick auf die beiden Umschläge lenkte, die vor ihm lagen. Ein geöffneter in DIN A 5 Format, aus dem ein Stück eines handgeschriebenen Briefes rausschaute, und ein verschlossener in DIN 6 Format.
„Verdammte Scheiße“, fluchte er schließlich und fegte mit seinem Arm einen Stapel Akten von seinem Tisch. „So eine verdammte, elende Scheiße!“

Nach diesem, für Roland völlig untypischen, Ausbruch atmete er tief durch, besah sich das Chaos auf dem Fußboden, zuckte gleichgültig mit den Schultern und nahm den verschlossenen Umschlag. Dann schnappte er sich noch seinen Mantel vom Garderobenständer, verließ das Büro und schloss die Tür ab. In dem Moment kam Sarah aus dem Fahrstuhl.
„Halt die Tür für mich auf“, rief Roland, was Sarah automatisch tat.
„Moment, wo willst du hin?“, wollte sie irritiert wissen, als Roland den Fahrstuhl betrat. „Wir haben doch jetzt einen Termin.“
„Ich muss etwas erledigen“, erwiderte Roland, während er den Knopf für den Ausgang drückte. „Dauert nicht lange, denke ich“, fügte er noch hinzu, bevor die Tür sich schloss.
„Na so was“, murmelte Sarah seufzend, bevor sie wieder zu ihrem Büro zurückging. Dann würde sie halt ein paar Telefonate erledigen, die sie eigentlich nach dem Gespräch mit Roland hatte führen wollen.

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Roland hatte nicht lange fahren müssen, um sein Ziel zu erreichen. Nun stand er bereits seit fünf Minuten hier und traute sich nicht, auszusteigen. In seiner Manteltasche spürte er den Brief. Dieses Stückchen Papier schien Tonnen zu wiegen.

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Ich weiß - das ist jetzt irgendwie gemein ;-)  

Habt noch einen schönen Sonntag und morgen einen guten Start in die neue Woche.
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