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Hexenwinter

GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P16 / Mix
28.01.2019
10.10.2020
17
29.114
6
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Dieses Kapitel
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28.01.2019 681
 
Es war einmal ein König von einem großen Land. Traurig war der König, doch lag sein Land in Reichtum und Frieden und er führte es aus der Asche zurück in das Licht. Er hinterließ keine Kinder und keine Erben und als er starb, starb seine Linie mit ihm.
Doch ich greife der Geschichte vor. Der Geschichte vom Hexenwinter. Von Beginn an also, lass mich dir berichten. Lass mich dir von einem Märchen erzählen. Wie jedes Märchen handelt es von einem Prinzen. Ein Märchen braucht doch einen Prinzen, nicht wahr? In diesem Falle waren es ihrer drei. Drei Brüder, von königlichem Blute, schön und stark und von gar königlicher Persönlichkeit, wie sie einem Prinzen nur allzu gut ansteht, ist er doch hoch geboren, über das gemeine Volk und ihm fern, um über sie zu herrschen und zu richten. Sie lebten auf dem väterlichen Schlosse, das an der Küste auf einem hohen Felsen, einer majestätischen Klippe thronte, darunter das Dorf, dem einfachen Volk zu eigen, der wilde Wald, in dem sich die Bäume Geheimnisse zuflüsterten und dahinter nichts als die Unendlichkeit der Möglichkeiten. Wie jedes Märchen soll dieses von Magie berichten. Von Magie, Abenteuer, Liebe und Verrat. Wie sonst könnte man die dunkle Zeit des Jahres, wenn die Flocken fallen, auch besser einläuten? Der Leser sei gewarnt an dieser Stelle, dass zwischen diesen Zeilen rotes Blut lauert, nur einen Stich entfernt davon über die Buchstaben zu rinnen, wenn der Leser sie mit seinen Augen berührt. Schmerz und Tod und schwarze Formeln aus der Unterwelt. Denn wie schon die Alten lehren, so hat jede Magie ihren Preis. Die Welt ist eine Waage. Und wer von ihr fordert, der muss ihr geben, bevor sie selbst ihr Anrecht einfordert. Höre nun, was sich in einer Winternacht ereignete. Welch Pakt geschlossen wurde, zwischen Unterwelt und Sterblichen. Und welche Folgen daraus erwuchsen.


*



Dies ist Nerys. Sie ist die Erste, der wir begegnen. Die Herren der Stadt werden mir zürnen, dass ich die Frau dem Manne in der Chronik vorziehe, doch ist Nerys der Schlüssel und sie ist Beginn und Anfang dieser Erzählung. Schon immer hatte Nerys gewusst, dass sie jung sterben würde. Schon vor den Gesetzen, vor der Jagd, bevor die einst Großen und Mächtigen leblos im sachten Winterwind schwangen, die nackten Zehen nach unten gerichtet, als würden sie nicht hängen, sondern tanzen, gerade so über dem Boden, wie eine Schneeflocke, die durch den Himmel schwebt. Vor alle dem war es ein Bewusstsein, das Nerys stets begleitete. Sie würde sterben. Bald. In naher Zukunft. Auf die eine oder andere Weise. Wer mit dem Feuer spielte und in die Flammen griff, der musste damit rechnen, dass er brannte. Viel hatte Nerys nicht über ihren Tod gegrübelt, über die Art und Weise, wie er ihr wohl begegnen würde. Wenn ihr der Gedanke doch einmal kam, so hatte sich ihre Vorstellung wenig von dieser unterschieden. Vielleicht nicht exakt diese, nicht in diesen Details. In ihrem Kopf fand ihr Tod in dem großen Raum statt, den sie sich beide teilten, vor dem Kamin oder draußen zwischen ihren Beeten. Irgendwo im Wald, wo sie ihn nicht kommen hörte, wo sie seinen heißen Atem im Nacken spürte, mit dem Wissen, dass es nun zu spät war. Vielleicht sogar am Fluss, wo die Nebelbänke am anderen Ufer auf sie warteten und wo die Tautropfen im schwachen Morgenlicht glitzerten wie kleine Feen, unwirklich, fremd und doch so wunderschön. Sie hatte es kommen sehen, dass es so enden würde. Wer mit dem Feuer spielte und in die Flammen griff...
In ihren Träumen war Nerys nie gerannt. Und vielleicht war das immer ihr Fehler gewesen. Das kalte Eisen in ihrem Rücken, erinnerte sie mit einem bitteren Beigeschmack der Angst daran, dass sie nicht würde fliehen können. Nicht, dass es einen Unterschied gemacht hätte. Ob Traum oder Realität, Nerys hätte niemals von ihm laufen können. Bis zum Schluss würde es sie in seine Arme treiben.
„Es ist gut“, flüsterte sie und hob beruhigend eine Hand, sich völlig bewusst, wie sinnlos diese Geste war. „Es ist gut“, versprach sie ihm. „Es ist gut, es ist gut. Ich verzeihe dir.“
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