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Ein Abschied aus Askr

von Bluebirds
OneshotSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Alfonse Kiran
28.01.2019
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3.655
 
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Die Zeit des Abschieds war gekommen. Der Orden der Helden war letztendlich siegreich gewesen und der Krieg war somit beendet. Die letzten Vorkehrungen, um all jene Helden zurück in ihre Heimatwelten zu schicken, waren vollendet. Endlich herrschte wieder Frieden in den Reichen Askr, Embla, Nifl und auch in Muspell.
Schweren Herzens hatte Kiran, die Beschwörerin, die Helden in ihre Heimaten geschickt. Dabei war sie im vollen Bewusstsein, dass auch ihre Zeit langsam aber stetig näher rückte. Sie konnte endlich wieder nach Hause. Nach Hause in ihre eigene, moderne Welt. In eine Welt, die für sie mit Frieden gesegnet war und in der sie sich keine Sorgen um Strategien oder Schlachtpläne machen musste. Das war doch das, was sich die junge Beschwörerin seit Tag 1 in Askr von ganzen Herzen gewünscht hatte, oder? Warum freute sie sich also nicht auf ihre zivilisiertere Welt? Der Grund lag wohl darin, dass Kiran hier nicht nur Freunde sondern auch Familie gefunden hatte. In den Königskindern sah sie schon lange mehr, als nur Kampfpartner oder Begleiter. Ein Leben ohne sie war bereits unvorstellbar.
Und doch blieb Kiran nichts anderes übrig, als zu gehen. Immerhin musste das Gleichgewicht der Welten wiederhergestellt werden. Auch wenn das ihrem Herzen einen harten Schlag gab.
Bis zu ihrem eigenen Abschied hatte die junge Heldin noch etwas Zeit, weshalb sie beschloss, durch das riesige Schloss zu wandern, um hinterher im Schlossgarten ihren Gedanken freien Lauf zu lassen. Es war so leer ohne all jene Helden, die nur durch Kirans Hilfe überhaupt erst hier erscheinen und helfen konnten. Leise kicherte sie vor sich hin. Das alles lag schon so weit in der Vergangenheit, dass das Leben im Schloss bereits zum Alltag wurde. Jeden Morgen wurde sie von allen lebhaft begrüßt, in Gespräche verwickelt und zum Teil der Gruppe. Die Gänge des Schlosses waren mit Licht und Leben erfüllt. Doch jetzt, so schien es der jungen Frau, war alles ein wenig dunkler und leer. Als hätten die Helden sämtliche Freude mitgenommen.
Mittlerweile war es Abend geworden. Der Moment des Abschieds rückte immer näher, doch Kiran wollte nicht Lebewohl sagen. Ein Lebewohl würde einen endgültigen Abschied bedeuten und auch wenn dies im ersten Augenblick so schien, hoffte sie darauf, eines Tages, wieder in diese Welt kommen zu können. In diese Welt, die sie nicht nur wegen ihrer atemberaubenden Landschaften zu lieben gelernt hatte.
So machte sich die Beschwörerin also auf den Weg in die Kammer, die seit all der Zeit ihr zweites Zuhause geworden war. Dort, um den heiligen Beschwörerschrein versammelt, standen all die Personen, die Kiran immer ein Gefühl von Geborgenheit und Wärme geschenkt hatten. Hrid, der Kronprinz Nifls, war gemeinsam mit seinen Schwester Ylgr und Fjorm erschienen. In dem letzten Jahr waren diese drei Geschwister zu mehr als nur Verbündeten geworden. Sie waren Freunde, die man nicht mehr missen wollte. Vor allem Prinzessin Fjorm hatte immer ein offenes Ohr für die Sorgen der Beschwörerin und stand ihr stets mit Rat und Tat zu Seite. Ylgr war für Kiran wie eine kleine Schwester, die sie selbst nie hatte und Hrid? Mit ihm war Kiran einfach auf einer Wellenlänge. Sie waren wirklich gute Freunde geworden.
Auf der anderen Seite warteten nicht nur Sharena, Anna und Alfonse, sondern auch der Prinz und die Prinzessin, Bruno und Veronica, von Embla. Sie alle waren gekommen, um Kiran ein letztes Mal zu danken und sich zu verabschieden. Besagter Person wurde mehr als nur schwer ums Herz. Immerhin hatte sie geplant, heimlich und allein zu gehen, um sich herzzerreißende Abschiede ersparen zu können.
„Was…“, stammelte sie nur, „Was macht ihr alle hier?“
„Kiran…“, begann Askrs Prinz zaghaft und machte einen Schritt auf Kiran zu.
Diese stand wie angewurzelt auf der Stelle und dachte: „Wieso nur? Wieso können sie mich nicht einfach gehen lassen? Das ist doch alles schon schwer genug, für uns alle.“
Auch Sharena kam nun auf die erstarrte Kiran zu: „Wir können dich doch nicht einfach gehen lassen, ohne dass wir uns standesgemäß bei dir bedanken, oder?“
Es war fast nicht auszuhalten, weshalb sich die Beschwörerin so positionierte, dass ja niemand erkennen konnte, wie sich schon kleine Tränen in ihren Augen bildeten. Sie war ja nie gut gewesen, wenn es um Abschiede ging, aber das hier war ein völlig neues Level. All ihre Kraft konzentrierte sich nun darauf, nicht in Tränen auszubrechen.
Ylgr war die erste, die sich Verabschieden wollte. So stark sie konnte, umarmte das kleine Mädchen ihre große Freundin und sagte dabei ganz leise: „Ich komm dich in deinen Träumen besuchen… Warte da auf mich, jaa?“
Danach schaute sie zu der älteren Frau hoch, ihre Augen waren schon ganz rot und geschwollen. Sie musste schon lange vor dieser Scene geweint haben. Ohne zu zögern, nahm Kiran das Mädchen fest in die Arme. Sie hockte nun gemeinsam mit Ylgr auf den Steinen der Beschwörungshalle.
„Natürlich warte ich auf dich. Ich werde immer auf dich warten, ok?“, antwortete sie ruhig aber mit großer Mühe. Für einige Minuten verharrten beide so, die kleine Ylgr konnte ihre Tränen mittlerweile nicht mehr zurückhalten und weinte bitterlich in Kirans Umarmung. Jedes Schluchzen war wie ein Dolchstoß in Kirans Herz. Nur mit Mühe konnte sie ihre eigenen Tränen verstecken.
Schließlich gelang es Hrid, seine kleine Schwester von der Beschwörerin zu lösen. Er selbst drückte Kiran kurz und sagte dabei leise: „Danke, für alles was du für uns getan hast. Du wirst auf ewig ein Teil von Nifls Geschichte sein und auch ich werde dich nicht vergessen. Die einzige Person, die sich traut, mir gegenüber sarkastisch zu werden.“
Nun sah er sie noch einmal direkt an: „Ich werde es wirklich vermissen, deine scharfsinnigen Bemerkungen und deine Präsenz im Allgemeinen.“
Leise kichernd antwortete Kiran: „Dann wird dein Alltag wohl wieder wirklich eintönig, wo ich dir nicht mehr auf die Nerven gehen kann.“
Mit einem letzten, traurigen Lachen verabschiedete er sich ein letztes Mal und führte seine kleine Schwester heraus aus der Kammer.
Tief durchatmend sagte Kiran, nachdem für einen Moment Ruhe herrschte:
„Ihr macht mir das wirklich nicht einfach! Doch wenigstens erfahre ich nun endlich, was ihr alle an mir schätzt.“ Diese Bemerkung, so frech sie auch zu sein schien, war nur ein kläglicher Versuch die eigene Enge in ihrem Herzen zu lockern.
„Ich könnte dir ein ganzes Buch darüber schreiben, warum du so wichtig für uns bist, Kiran“, platzte Fjorm schließlich heraus. Die Prinzessin stand die ganze Zeit über ruhig hinter ihren Geschwistern, als hatte sie die Situation erst beobachten wollen.
„Du bist uns in größter Not zur Hilfe geeilt und hast einen Krieg geführt, den du nicht hättest führen müssen. Nur durch dich, waren wir in der Lage, Sutr zu stürzen und Frieden zwischen Nifl und Muspell zu schließen.“  Fjorm hielt nun die Hand der Beschwörerin und führ fort:
„Doch nicht nur das! Du warst da, als wir dich, als Menschen, als Freundin brauchten. Und obwohl wir uns erst seit kurzer Zeit kennen, kommt es mir doch vor, als kenne ich dich bereits seit einer Ewigkeit. Du hast mir, obwohl ich eine Prinzessin und Kriegerin bin, das Gefühl gegeben, ein ganz normales Mädchen zu sein. Dafür danke ich dir unendlich.“ Auch Fjorms Lächeln hatte einen Hauch Melancholie. Und dass, obwohl diese Frau so gut, wie nie ihre Gefühle zeigte.
Nun war es aber Kiran, die eine völlig überraschte Fjorm in die Arme schloss.
„Ich kann das alles nur zurückgeben, Fjorm. Wir sind gekommen, weil wir helfen wollten und wir konnten es. Das macht mich noch immer mehr als nur glücklich! Ich bin froh, dass wir uns kennenlernen konnten. Du bist für mich zu einer unglaublich wichtigen Freundin geworden und ich verspreche dir, dass wir uns eines Tages wiedersehen. Bis dahin wünsche ich dir alles, was man sich vorstellen kann. Und bitte vergiss mich nicht, ja?“
„Niemals…“
Beide Frauen verharrten für eine Weile in ihrer Position, ganz egal was auch um sie herum geschah. Beide wussten, dass es ein Abschied für eine sehr lange Zeit war.
„Ich möchte ja nicht unhöflich sein, aber…“ hörte man nun eine Stimme aus den hinteren Reihen. Und natürlich erkannten sowohl Kiran als auch Fjorm diese Stimme auf Anhieb: es war Veronica, das Mädchen, welches der eigentliche Grund war, dass Kiran überhaupt erst nach Askr gekommen war.
Die beiden schauten sich für einen Moment an und mussten prompt anfangen ein wenig zu lachen.
„Das ist typisch für Euch, Veronica“, lachte Kiran sichtlich erleichtert, nachdem sie ihrer Freundin eine letzte sachten Umarmung gegeben hatte.
„Also, Beschwörerin. Ich wollte auch Danke sagen, auch wenn es nicht so rührend wird, wie bei den anderen“, sagte Veronica schließlich und konnte ein leichtes Augenrollen bei ihrer letzten Bemerkung nicht unterdrücken.
„Danke, dass Ihr mir meinen Bruder zurückgebracht habt.“
Sie schaute dabei nicht in die Augen der Person, die dieses Danke erhalten sollte. Stattdessen starrte sie den Boden mit einer ziemlich hohen Intensität an, fast so als hatte sie sich für das, was sie gesagt hatte geschämt.
Kiran, hingegen, ging auf Veronica zu und legte ihr eine Hand auf die Schulter und schaute sie nur lächelnd an.
„Wie könnt Ihr nur so leicht vergeben? Ich hab versucht Euch zu töten, habe Euch immer wieder angegriffen und Euch das Leben nicht wirklich leicht gemacht!“, brach es schließlich aus Emblas Prinzessin heraus. „Warum schaut Ihr mich also so an?“
„Ganz einfach. Ich kenne den Grund“, antwortete Kiran ruhig und bekam einen verständnisvollen Blick von Bruno.
„Wisst Ihr, Veronica? Vergeben ist zwar schwer, doch es erleichtert die Seele. Es ist ein Zeugnis von Stärke“, fuhr die Beschwörerin fort, „Manchmal lohnt es sich, den schwierigeren Pfad zu wählen. Nur dann erkennt man, ob man persönlich wachsen kann oder nicht. Und Ihr habt den Schritt gewagt, Veronica. Ihr habt um Vergebung gebeten und sie erhalten. Also macht es Euch nicht so schwer. Ihr müsst Euren eigenen Weg finden, denn Ihr seid nicht nur irgendwer. Nein, Ihr seid stark und könnt alles erreichen, was Ihr Euch vorgenommen habt.“
Kurz schaute die Prinzessin hoch, der Schock war ihr ins Gesicht geschrieben. Zwar öffnete sie ihren Mund, um etwas zu sagen, stürmte stattdessen aber aus der Kammer heraus.
Ihr Bruder, hingegen, blieb. Auch sie hatten schon vieles durchgemacht. Von der erschöpfenden Suche nach Zacharias, bis hin zur Enthüllung seines wahren Selbst, immer und immer wieder sind sie sich über den Weg gelaufen. Noch bevor Kiran sich wieder umdrehen konnte, begann eben dieser Zacharias, alias Bruno, auch schon zu sprechen:
„Nehmt Euch das nicht zu Herzen, Kiran. Sie ist nicht gut darin, Gefühle auszudrücken. Verzeiht es ihr bitte.“
Nickend drehte die junge Frau sich nun wieder um und schaute hoch zum Prinzen von Embla. Dieser fuhr fort und erklärte: „Ich muss Euch dafür danken, dass Ihr an meiner statt auf Alfonse und Sharena aufgepasst habt. Es tut mir leid, dass ich Euch immer und immer wieder im Weg stand und versucht habe, schlimmeres zu tun. Doch wisset, ich bin überglücklich, dass Ihr meinen Platz an Alfone’s Seite eingenommen habt.“
„Keine Ursache, wirklich. Das habe ich mehr als gern getan“, entgegnete sie leicht errötend.
Plötzlich beugte sich der Prinz ein wenig herunter und flüsterte, noch bevor Kiran überhaupt reagieren konnte, einige Worte, die nur für sie bestimmt waren, in ihr Ohr:
„Ihr solltet es ihm sagen, bevor Ihr geht.“ Daraufhin sah er kurz herüber zu einem erschrockenen Alfonse und lies eine hochrote Kiran allein mit dem Trio aus Askr in der Beschwörungshalle.
Die erste, die ihre Stimme erhob war natürlich Kommandantin Anna.
„Na sowas, hast du dir etwa Zacharias geangelt?“, lachte sie herzhaft und sorgte dafür, dass Kirans Gesicht nur noch roter wurde, wenn das überhaupt möglich war. Daraufhin musste auch Sharena herzlich lachen, als sie die Beschwörerin mit ihrem eigenen Ellbogen anstupste.
„Sieh an, sieh an. Kiran, das hast du mir ja noch gar nicht erzählt. Wie lange läuft das denn schon mit euch?“, fragte sie gespielt unschuldig und handelte sich prompt eine Antwort ein.
„Da ist doch gar nichts!“, posaunte die tiefverlegene Heldin schließlich heraus, „Er hat mir nur etwas geraten, mehr nicht!“ Unwillkürlich musste sie dabei Alfonse anschauen. Man konnte ihm auf der einen Seite Verwirrtheit zuschreiben, auf der anderen Seite schien er aber auch erleichtert zu sein.
„Warum schaut er denn so erleichtert?“, dachte sich Kiran nur unsicher, bevor Anna und Sharena weitere Witze machten. Das ging eine gewisse Zeit so weiter. Kiran, allerdings, missfiel das auf keinen Fall. So konnte sie wenigstens ein letztes Mal noch die fröhliche Natur der beiden genießen, bevor sie dann alle Auf Wiedersehen sagen mussten. Bei dem Gedanken wurde sie wieder völlig von der Realität der ganzen Situation übermannt. Diese Drei waren in den letzten Jahren ihre ständigen Begleiter, ihre Familie. Eine Familie in einer Welt, die für die damals unwissende Beschwörerin mehr als nur befremdlich war. Als die albernden Damen Kirans traurigen Blick sahen, wussten sie beide sofort Bescheid. Ihre Scherze konnten die Trauer in dem Herzen ihrer Freundin nicht lösen.
Ohne Aufforderung schloss, überraschenderweise, zuerst Kommandantin Anna ihre Beschwörerin in die Arme. Eine wirklich seltene Geste, wie Kiran dachte.
„Kiran, ohne dich wären wir aufgeschmissen gewesen. Also danke dafür, dass du uns alle gerettet hast. Doch ich muss mich auch entschuldigen. Es war meine Idee das Breidablik zu nutzen, um jemanden zu rufen. Wir haben dich einfach so aus deiner Heimat gerissen und von dir verlangt, einen Krieg zu leiten, ihn zu führen und zu planen, der mit dir rein gar nichts zu tun hatte. Ich weiß, dass wir dich damit überfordert haben. Hoffentlich kannst du uns verzeihen.“
Als Antwort wurde die Umarmung ein wenig enger. Anna lächelte sacht, auch in ihrem Blick war nun tiefe Trauer zu lesen.
„Aber wer hätte gedacht, dass du es schaffen würdest gleich drei Kriege zu entscheiden. Du bist wirklich einmalig, oh Beschwörerin.“
Kirans Atmung wurde ungleichmäßig, doch konnte sie ein leises Schnauben vor Freude nicht unterdrücken. Wenn sie nun anfangen würde zu sprechen, könnte sie ihre Tränen keinesfalls mehr zurückhalten und würde in tiefes Schluchzen ausbrechen.
Zum Glück gelang es ihr, ganz im Gegenteil zu Sharena. Die arme Prinzessin war bereits völlig aufgelöst und musste sich an ihren Bruder lehnen, der ihr beruhigend über die Haare strich.
Auch ihm war die Schwere dieser Situation ins Gesicht geschrieben.
Ohne zu zögern eilte Kiran hinüber zur weinenden Sharena und hielt sie so fest sie konnte in ihren Armen. Sofort schlang die Prinzessin ihre Arme um den Hals der Beschwörerin und vergrub ihr Gesicht in Kirans Haar. Zwischen bitterlichen Schluchzern versuchte sie immer wieder etwas zu sagen:
„Es… Es tut mir leid… Aber… Aber ich kann einfach nicht… aufhören zu weinen“
Nun liefen auch die ersten Tränen über Kirans Wangen. Es schmerzte so sehr, die Personen leiden zu sehen, die für sie das wichtigste waren. Und dass nur, weil sie sich entschieden hatte, zu gehen! Aber es gab keinen anderen Weg. Schon bei ihrer ersten Begegnung damals, hatte Alfonse Kiran versichert, sie eines Tages wieder zurück nach Hause zu bringen. Dieser Tag war nun einfach gekommen. Wie hart es auch für alle Beteiligten war. Das war die Realität und das Los, das der legendäre Beschwörer tragen musste. Noch immer weinte die Blondine an Kirans Schulter. Allerdings konnte sie sich nun soweit fasse, dass sie sprechen konnte:
„Kiran, bitte komm eines Tages wieder! Ich werde eine Ewigkeit warten, wenn’s nötig sein muss! Und vergiss uns nicht, niemals. Für mich wirst du immer ein Teil meines Herzens sein.“
Für eine kleine Weile noch blieben beide engumschlungen in ihrer Umarmung, bis Alfonse sich auf seine Schwester zubewegte, ihr eine Hand auf den Rücken legte und dabei Anna sagte, dass es für Sharena besser sei, wenn sie ein wenig Luft schnappen würde. Sharena ließ daraufhin von Kiran ab, nicht ohne ihr vorher noch etwas zu flüstern und sie abermals zu drücken. Kurze Zeit später war der Raum leer. Es befanden sich nur noch Alfonse und seine treue Partnerin in der Halle. Letztere stand wie angewurzelt vor dem Schrein, der sie in Kürze nach Hause bringen würde. Der Prinz konnte sehen, wie immer mehr und immer mehr Tränen über Kirans Gesicht liefen. Sie machte keinerlei Anstalten, diese wegzuwischen oder zu verstecken. Sie stand einfach da und weinte leise in sich hinein. Dieser Anblick brach ihm das Herz. Sacht drahte er die junge Frau, bis er sie ansehen konnte. Diese wich seinem Blick allerdings aus und lies stattdessen ihren Kopf an Alfonse’s Schulter sinken. Instinktiv schlangen sich seine Arme um den kleinen Körper.
„Ich… ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich in meine Welt zurückkehren möchte“, gestand sie nach geraumer Zeit, in der der Prinz einfach sacht über ihren Rücken strich.
Ohne damit aufzuhören antwortete dieser: „Was meinst du damit? Vermisst du sie den gar nicht?“
Ein Schniefen, ein Schluchzen, dann Stille. Alles, was sich bis jetzt an Emotionen in Kiran angestaut hatte, entlud sich mit einer Heftigkeit, die sie selbst überraschte. Je mehr sie es zu unterdrücken versuchte, desto schlimmer wurde es.
„Doch… nur… Euch… Dich…“, jammerte Kiran an Alfonse’s Schulter.
Beide wussten nicht richtig, mit der Situation umzugehen, weshalb sie für den Moment einfach still blieben. Man hörte nur vereinzelte, unterdrückte Schluchzer. Und doch war es gerade diese Innigkeit zwischen ihnen, die Kiran half, sich etwas zu fassen. Als sie endlich ihren Blick erhob, konnte sie auch auf den Wangen des Prinzen Spuren von Tränen ausmachen.
Sanft wischte sie diese weg und verlor sich im tiefen Blau seiner Augen.
Leise und kaum hörbar begann Alfonse etwas zu sagen:
„Ich werde dich holen, eines Tages. Und dann verspreche ich dir, dass du bleiben kannst. Ich werde dafür sorgen.“
„Und wenn es Jahrzehnte dauert, ich warte auf dich. Ich werde immer warten“, entgegnete Kiran sacht.
„Weißt du, Kiran, anfangs wollte ich mich von dir distanzieren, um Situationen wie diese vermeiden zu können. Ich weiß wie es ist, wenn ein enger Freund plötzlich spurlos verschwunden ist. Doch, zum Glück muss ich sagen, hast du nicht lockergelassen und hast immer wieder versucht, mich in Gespräche zu verwickeln oder gemeinsam mit mir zu patrouillieren. Ich muss wirklich ein Idiot gewesen sein, um zu denken, dass man sich dir entziehen könnte“, lachte er sanft.
Doch dieses Lachen verflog so schnell, wie es gekommen war.
„Ich habe dir das nie erzählt, aber damals, als Veronica dich in der Welt von Radiance festgehalten hatte, bin ich fast umgekommen vor Sorge. Ich hatte die Befürchtung, dich nie wieder lebendig zu Gesicht zu bekommen. Ich war überglücklich, als ich dich unversehrt aus dem Portal habe kommen sehen. Ich hätte dir da am liebsten schon gesagt, dass…“, brach er schlagartig ab.
„, Dass was?“, hakte eine nun neugierige Kiran nach.
Mit nun hochrotem Kopf stand der Prinz da, ohne Worte und vollkommen hilflos.
„Nichts weiter… Ist nicht wichtig, wirklich.“
Die Beschwörerin konnte gar nicht anders, als ein wenig zu kichern. Vielleicht sollte sie Brunos Rat verfolgen und all ihren Mut zusammennehmen.
Nach weiteren Hin und Her schlug Alfonse wieder einen ernsteren Ton an:
„Kiran, es ist Zeit. Ich muss das Portal jetzt öffnen.“
Gesagt, getan. Nach kurzer Zeit war der gesamte Raum von einem kühlen, blauen Licht erfüllt.
Vor den Beiden hatte sich ein riesiges Portal geöffnet, durch welches gedämpft die Geräusche aus Kirans moderneren Welt zu hören waren. Für kurze Zeit vergaß sie die Bedeutung dieses Portals, es war einfach zu faszinierend zu sehen, wie sich so etwas aus dem nichts ausbreitet und dann den ganzen Raum füllen konnte. Auch mischte sich ein kleiner Funke Vorfreude in Kirans Wehmut. Auch wenn sie Askr nicht verlassen wollte, diese Welt hinter dem Licht war nun mal die Welt, in der sie geboren und aufgewachsen war. Instinktiv machte sie einige Schritte auf das Tor zu, wurde allerdings abrupt durch eine Hand an ihrem Handgelenk gestoppt.
„Kiran, ich…“, begann der Prinz voller Trauer, da der Moment des Abschieds nun unmittelbar bevorstand. „Ich wollte dir noch dafür danken, dass… dass du mir gezeigt hast, dass man auch bereit dafür sein muss verletzt zu werden, um etwas neues, etwas so wunderbares finden zu können. Also, danke, dass du hier warst, bei mir…“
Ohne groß vorher darüber nachzudenken, was als Nächstes passieren konnte, platzierte sie sanft ihre beiden Hände auf die Wangen des Mannes vor ihr. Liebevoll sah sie an, sagte aber nichts weiter. Sie fand einfach nicht die richtigen Worte. Dabei waren es nur drei kleine Worte, die doch so große Bedeutung für beide tragen würden. Stattdessen bewegte sie ihre Lippen langsam auf die seinen zu und schloss ihre Augen.
Wenig später spürten sie beide das unbeschreibliche Gefühl eines Kusses. Ihres ersten Kusses. Kiran durchfuhr ein Gefühl wie von Elektrizität, ihre Hände wanderten an den Hals und ins Haar ihres Geliebten, während Alsonse’s Arme Kirans Hüfte umschlangen. Es schien fast so, als wollte er seine Kiran nie mehr gehen lassen. Doch das hier, das war kein Kuss, der etwas anfangen lies. Ganz im Gegenteil, dieser Kuss besiegelte ihren Abschied.
Nach einer gefühlten Ewigkeit lösten sich beide wiederwillig, um nach Luft zu schnappen. Dabei ließ Alfonse seine Stirn, auf der von Kiran ruhen und sah ihr tief in ihre wunderschönen, karamellbraunen Augen. Sie war die erste, die ihre Stimme wiederfand: „Ich kann doch nicht einfach gehen, ohne dir das hier zu sagen, oder?“
Alfonse, hingegen, lachte sanft und platzierte einen sanften Kuss auf ihre Stirn:
„Jetzt will ich dich noch weniger gehen lassen. Und doch bin ich dazu gezwungen…“
Nach einer weiteren süßen Ewigkeit ließen beide voneinander ab und standen sich Hand-in-Hand gegenüber.
„Das war mein Versprechen, wiederzukommen. Ich werde mir diesen Kuss zurückholen, stell dich schonmal drauf ein“, verkündete Kiran schließlich, als sie die letzten Schritte Richtung Portal schritt.
Voller Trauer sah der Prinz seiner Partnerin entgegen, konnte aber nichts mehr entgegnen.
Bevor sie nun den letzten Schritt Richtung Heimat antrat, dreht sie sich noch einmal um und legte ihr strahlendstes Lächeln auf und rief:
„Ich liebe dich, Alfonse! Ich liebe dich mehr als alles andere! Auf dass wir uns schon bald wiedersehen können.“
Und mit diesem Geständnis trat sie ein und war umgeben von Licht, Alfonse’s Lächeln gemischt mit seinen Tränen waren das letzte, was Kiran in ihrem geliebten Askr sehen konnte.
 
 
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