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Vampire Academy-Die silberne Hand

von Alvadas
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Dimitri Belikov Rosemarie "Rose" Hathaway Vasilisa "Lissa" Dragomir
27.01.2019
24.03.2019
9
180.450
19
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Dieses Kapitel
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10.02.2019 15.095
 
Kapitel 7

Antalya

Endlich war die Nacht herein gebrochen. Ich saß in meinem Wagen, dieses Mal ein Ford Fiesta, der aber genauso klapprig wie der Polo war, und schaute die Straße hinunter. Ich hatte Antalya in den frühen Morgenstunden erreicht. Hier wollte ich Jemanden dafür bezahlen, dass er mich durch die Ägäis schiffte. Doch um Jemanden bezahlen zu können, brauchte man Geld und dass hatte ich nicht. Es waren nun zwei Tage vergangen seit dem ich Dimitri begegnet war und ich hatte mich mühsam durchgeschlagen. Ich hatte fast die ganze Zeit auf den Straßen verbracht und das Nötigste gestohlen. Bis Carnakkale war ich gefahren und hatte dort die Fähre genommen, um die Meerenge zu überqueren, die das Mamarameer von der Ägäis trennte. Von dort war es dann weiter südlich nach Antalya gegangen. Nun war ich hier und mir knurrte der Magen, ich hatte seit einiger Zeit weder gegessen, noch geschlafen. Beides war pures Gift für meine geistige Stabilität und nur dank der Drogen war ich überhaupt in der Lage einen klaren Gedanken zu fassen. Es hatte mich in eines der Viertel verschlagen, die allgemein als Partymeile unter den Touristen galt und ich war einige Nebenstraßen abgefahren, bis ich das gefunden hatte, was ich gesucht hatte. Da ich dringend Bares brauchte und ich nicht ohne weiteres an meine Schwarzgeldkonten kam, blieb mir nur eine wirkliche Möglichkeit liquide zu werden. Ich musste es stehlen. Natürlich hätte ich die Clubs abklappern und ahnungslose Touristen beklauen können, doch ich war eine miserable Taschendiebin. Nicht das ich nicht wusste wie es ging, dass hatte man mir schon beigebracht! Einfach das Opfer ablenken und mit der anderen Hand die Tasche leeren, das war an sich ein Kinderspiel, aber mir mangelte es leider am nötigen Fingerspitzengefühl, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich blickte auf meine rechte Hand, die wie immer in einem Handschuh steckte. Nein, das hier waren keine Langfinger, gestand ich mir ein. Am Anfang war es noch viel schwerer gewesen, ich hatte reihenweise Gläser und andere filigrane Dinge zerbrochen oder sie fallen gelassen, weil ich ein ganz anderes Gefühl in meiner silbernen Hand hatte. Vor allem da ich Rechtshänderin war, war mir die Umgewöhnung schwer gefallen, doch ich hatte keine große Alternative gehabt und ich war froh, dass ich überhaupt wieder einen Arm hatte. Da mir das Geschick meiner Finger fehlte, musste ich es wohl oder übel mit der Härte meiner Faust ausgleichen. Eines meiner leichtesten Übungen! An der gegenüberliegenden Straßenseite hielten immer wieder einzelne Wagen und kurbelten das Fenster herunter, dann kam auch schon ein kleiner Junge angelaufen, der Geld und Bestellung entgegen nahm und dann in einem Hauseingang verschwand, woraus er dann nach einiger Zeit wieder mit der entsprechenden Ware ankam. Das war eine gängige Vorgehensweise, um Drogen zu verkaufen. Nur dieses Mal hatte ich es nicht auf die Drogen abgesehen, sondern auf das Bargeld, dass im Haus verschwand. Dort saßen die eigentlichen Dealer. Natürlich war die Aktion riskant, ich hatte keine Ahnung wie viele Gangster dort drin saßen, aber sie waren sicherlich bewaffnet. Deshalb musste ich schnell und entschlossen vorgehen, niemanden eine Chance auf Gegenwehr geben und schnell wieder verschwinden. Hatte ich erst mal das Geld, konnte ich endlich weiter. Nachdem ich ordentlich gegessen hatte und vielleicht mal neue Klamotten gekauft hatte, denn ich war mir sicher, dass ich gewaltig am stinken war. Ich wartete bis der nächste Kunde kam und stieg aus. Ich überquerte die Straße und umrundete das Haus der Dealer, um mich ihm von hinten zu nähern, dort würde es sicherlich auch einen bewachten Eingang geben. Als ich das Ziel sah, es war dank des massigen Türken, der davor stand, nicht zu übersehen, zog ich meine Kapuze über und band mir das Halstuch, welches ich am frühen Tag von einer Wäscheleine geklaut hatte vor meine Nase. Kurz sah ich mich am Boden um und fand schließlich einen schönen großen Stein, den ich in meiner Hand wog. Der würde mehr als ausreichen, befand ich. Ich nahm Maß und warf den Stein gekonnt dem Türsteher gegen den Kopf. Es klatschte einmal und der Türke wankte benommen zurück. Ich würde keine große Taschendiebin sein, auch keine Karriere als professionelle Harfenspielerin haben, aber als Werferin bei den "Red Socks" würde ich mich gut machen! Ich hatte sozusagen ein "goldenes" Händchen beim Werfen! Schnell rannte ich zu dem Kerl hin, bevor der sich wieder fangen konnte und verpasste ihn einen harten Schlag, sodass er benommen zu Boden ging. Ich wollte hier niemanden umbringen, denn einerseits wurde ich dafür nicht bezahlt und andererseits erregte dass nur unnötige Aufmerksamkeit. Kein Drogendealer würde zur Polizei rennen und Anzeige erstatten, wenn jemand ihn beklaute, genau deshalb machte ich meine Raubzug ja auch bei den bösen Jungs und nicht in einem Spirituosenladen. Ich zog meine Pistole und öffnete vorsichtig die Hintertür, sofort schallte mir der laute Klang vom türkischen Hip-Hop entgegen, der definitiv nicht meinen Musikgeschmack entsprach. Ich schlich durch einen Flur und spähte vorsichtig in einen Raum, der wohl ein Wohnzimmer sein sollte, doch außer dem Sofa und dem Fernseher erinnerte daran nicht viel, da überall Sachen rumlagen. Hier und dort waren Kisten mit irgendwelchen Päckchen, dort ein Pizzakarton, dreckige Kleidung und noch viel mehr, wo ich lieber nicht allzu genau hinsah. Auch stank es hier gewaltig nach alten Socken und Zigarettenqualm. Vom Wohnzimmer konnte ich in die Küche schauen, dort saßen zwei Typen mit selbstgedrehten Zigaretten im Mund und spielten Karten. Anscheinend waren dass die Kerle, die die Bestellung von dem Jungen entgegen nahmen und die Drogen weitergaben, denn neben einem der Typen, ein dicker Türke in einem weiten Hoodie, stand auf einer Anrichte eine Kiste mit fertig gepackten Pillen und eine Metallbox, in der ich das Geld vermutete. Genau diese Metallbox wollte ich haben!... Also das Geld darin, die Box war mir natürlich Schnuppe. Gegenüber dem Tisch war eine Frau dabei Essen zu kochen. Es waren als drei Ziele, obwohl ich im oberen Stockwerk weitere vermutete. Einen Fuß vor den anderen setzend, näherte ich mich der Küche bis ich in den Flur einsehen konnte, in dem auch eine Treppe nach oben führte, doch hier sah ich niemanden. Jetzt oder nie! Ich stürmte vor und fuchtelte mit meiner Waffe herum. >> Hey, ihr Pisser, haltet die Schnauze und runter auf den Boden! << brüllte ich. Erst starrten die drei mich nur blöd an, doch als ich dem nächsten die Pistole durch das Gesicht zog, bewegten sie sich doch. >>Auf den Boden hab ich gesagt, wirds bald oder soll ich euch alle abknallen? Ich schwör, ich machs, wenn ihr eure Fettärsche nicht auf den Fußboden drückt! << Ich verzog absichtlich etwas meine Stimme, um zu klingen, als wäre ich irgendein anderer Gangster. Die Frau fing an zu wimmern, aber ich schupste sie nur zu Boden und bedrohte die beiden Männer mit meiner Pistole. >>Wer auch immer du bist, du machst einen großen Fehler! << sagte der Dicke nur, als er sich hinlegte. >>Schnauze, ihr wisst nicht, mit wem ihr es zu tun habt! << Und dass würde ich ihnen natürlich auch nicht erzählen, aber Kraftausdrücke und ein paar Drohungen gehörten hier nun einmal zum guten Umgangston. Ich ließ die Männer nicht aus den Augen, als ich zu der Anrichte ging und Metallbox öffnete. Bingo! Sie war randvoll mit Scheinen. Schnell stopfte ich sie alle in meine Jacke und zog mich wieder zurück. >>Und dass ihr mir ja schön auf dem scheiß Boden bleibt! Ich blass jedem, der seinen Kopf aus diesem scheiß Haus steckt die Birne weg! << verabschiedete ich mich höfflich und verließ das Haus wieder durch den Hinterausgang, bei dem der Türsteher noch immer bewusstlos lag. Ich sprintete zu meinem Wagen und startete ihn. Oder ich versuchte es zu mindestens, aber natürlich weigerte er sich genau in diesem Moment anzuspringen. Tja, es hatte doch seine Nachteile, wenn man nur alte Karren knackte, die konnten in einem heiklen Moment einen schon einmal im Stich lassen. >>Jetzt spring schon an! << fluchte ich. Lautes Rufen ließ mich aus dem Fenster blicken, dort versammelte sich eine ziemlich große Gruppe von ziemlich angepissten Drogendealern. Bestimmt sechs von diesem Typen hatten nun das Haus verlassen und sahen sich nach dem Typen um, der so dämlich gewesen war sie auszurauben. Es würde nicht lange dauern, bis sie mich und meine Schrottkarre entdeckten.>>Bitte, gehe schon an! << flehte ich nun. >>Hey, da ist sie! << schrie einer der Gangster und zeigte auf mich. Langsam wurde es brenzlig! Schon knallten die ersten Schüsse und schlugen in die Karosserie des Fords ein. Schnell schnappte ich mir meine Pistole und schoss mit links blind in die Richtung der Gangster. Ich wollte nicht wirklich Jemanden treffen, sondern sie nur etwas aufhalten, bis ich das Auto endlich gestartet kriegte. Doch als wären die Schüsse genug Motivation gewesen, sprang endlich der Motor an und ich drückte das Gaspedal durch. Natürlich war bei dieser Kiste die Beschleunigung nicht beeindruckend, dennoch schoss ich förmlich nach vorne und überfuhr die nächste Kreuzung ohne darauf zu achten, ob die Ampel grün war oder nicht. Einige Zeit fuhr ich im halsbrecherischen Tempo durch die Stadt, bis ich glaubte, genug Abstand zwischen mich und die Kerle gebracht zu haben. Ich parkte den Wagen irgendwo im absoluten Halteverbot. Das war eine der besten Methoden einen Wagen verschwinden zu lassen, denn während man mit einem brennenden Auto nur die Aufmerksamkeit auf sich zog, schleppte man ein falschgeparktes Auto einfach ab ohne lange zu fackeln oder Fragen zu stellen. Danach kümmerte es die Leute vom Abschleppdienst kein bisschen, wem der Wagen gehörte, solange niemand bei ihnen vorbei kam und ihn auslöste. Da ich sowieso über Wasser weiter wollte, brauchte ich den Wagen nicht mehr. Auf dem Weg zu einem Laden, in
dem ich was passendes zum Anziehen finden konnte, zählte ich meine Beute. Es waren etwas mehr als dreihundert türkische Lira, also umgerechnet etwas weniger als 1500 US-Dollar, damit würde ich erst einmal klar kommen. Ich fand einen Laden, der auch zu dieser späten Stunde noch offen hatte und kaufte mir neue Klamotten und als ich einen schwarzen Rucksack fand, nahm ich auch den mit. Dann machte ich mich auf dem Weg zu einem Motel, wo ich die Nacht verbringen wollte, am nächsten Morgen dann, würde ich mich auf die Suche nach einer Überfahrt machen. Aber erst einmal sollte ich dringend duschen, dachte ich. Und etwas zu Essen wäre auch nicht verkehrt.

Wieder hockte ich in dem dunklen, muffigen Keller, in dem ich schon so viele Nächte gehockt hatte. Meine linke Hand hing über mir, mit Ketten an die Decke gefesselt. Ich war so erschöpft, wusste nicht mehr wie lange ich hier schon hing. Wochen? Monate? Jahre? Ich wusste es nicht, das einzige, das ich wusste, war, das es nicht enden würde. Auf einmal hörte ich das Knarzen der Tür hinter mir, die vorsichtig geöffnet wurde. Durch die schmalen Schlitze meiner geschwollenen Augen sah ich eine Gestalt, die sich vor mir schob. Der vertraute Geruch eines Rasierwassers erreichte mich. Ich fing an zu weinen und mein ganzer Körper zitterte. Endlich war er gekommen! Dimitri stand vor mir und sah mich an. >> Ich wusste du würdest kommen und mich retten! << nuschelte ich durch meine trockene Kehle, die schon lange kein Wasser mehr geschmeckt hatte. Erleichterung machte sich in mir breit, ich war so dankbar, dass es nun vorbei war. Gleich würde er meine Fessel lösen und mich hier raustragen, zurück zu Lissa, die sicher auch hier in der Nähe war. Sie hatte bestimmt darauf bestanden irgendwo draußen auf mich zu warten, in relativer Sicherheit, um mir zu helfen, wenn ich es nötig hätte. Und das hatte ich! Aber Lissa würde mit ihrer Geistmagie meinen Arm sicher wieder heilen können! Sie hatte mich von den Toten zurück geholt, da konnte sie auch einen Arm nachwachsen lassen, da war ich mir sicher! Ich sah zu Dimitri, der noch immer vor mir stand und mich ansah. Er bewegte sich kein bisschen. >>Dimitri? Worauf wartest du? Hilf mir, bitte! << flehte ich ihn an, doch noch immer rührte er sich nicht. Was war los? Er liebte mich doch, so wie ich ihn liebte! Oder etwa nicht? Aber warum sollte er nicht hier sein, wenn nicht wegen mir? Wieder wurde ich von einem Heulkrampf geschüttelt und ich hustete. Blutige Klumpen kamen mir über die spröden Lippen. Ich wusste, dass es mir nicht gut ging, aber ich würde mich erholen, sobald ich von hier weg war. Wenn doch Dimitri mich endlich befreien und nicht nur mich auf hinab starren würde! >>Dimitri, bitte, hilf mir! << schrie ich ihn an, oder versuchte es zu mindestens, denn nur ein schwaches Krächzen entfuhr mir. >>Ach, Rose. << sagte die charismatische Stimme hinter mir. Ich versuchte meinen Kopf zu drehen, doch ich sah nur Schatten. >> Was soll ich nur mit dir anstellen, damit du es endlich begreifst? << Eine Gestalt löste sich aus den Schatten und trat vor mir, genau an die Stelle, wo vorher noch Dimitri gestanden hatte, doch dieser war verschwunden. Wo war er hin? Hatte er sich versteckt? Er musste noch in der Nähe sein, dachte ich mir, er würde mich nicht im Stich lassen! Eine Hand erfasste mein Kinn und hob es an, sodass ich gezwungen war dem Strigoi direkt in seine brennend roten Augen zu sehen. Obwohl der Strigoi das Gesicht eines Jünglings hatte, sah man ihm an, dass er schon sehr alt sein musste. Seine Mimik hatte diesen gewissen Ausdruck, als hätte er schon alles auf dieser Welt gesehen. Jede seiner Bewegungen war wohlüberlegt und genau dosiert. Er verschwendete keine Energie und war doch so voller Eleganz, die mich immer wieder zum Staunen brachte. Oder war es der Zwang, der mich das denken ließ? Gleich als ich das dachte, schoss ein greller Schmerz durch meinen Kopf, der mich die Augen zusammen kneifen ließ. >>Ich hatte dir verboten so zu denken! << sagte der Strigoi scharf. Ich wusste, dass er niemand war, der Widerstand duldete, dafür war ich schon zu lange hier unten. >>Öffne deine Augen, Schatz, und sieh mich an ! << befahl er mir, nun war seine Stimme wieder sanft und schmeichelnd. Wie flüssiger Zucker glitt sie meine Ohren hinab in meinen Verstand. Wer war ich, so einer Stimme nicht zu gehrochen, dachte ich mir plötzlich. Sofort öffnete ich die Augen und sah ihn an. Der Strigoi lächelte zufrieden, während er mich sanft unter dem Kinn kraulte. >>Es geht doch, meine Liebe. << Er ließ mich los und drehte sich um. >>Nun müssen wir dir nur noch diese Flausen aus dem Kopf holen, nicht wahr? Oder hattest du ernsthaft gedacht dein geliebter Wächter wäre wirklich gekommen? << Ich zitterte. Natürlich war er das, ich hatte ihn schließlich gesehen! Doch es war besser, nichts dazu zu sagen. Widerspruch wurde nicht toleriert. Als ich nichts sagte, lachte der Strigoi und drehte sich wieder zu mir. >> Natürlich hast du es gedacht, oder? << Er wirkte sehr amüsiert. >> Rose, wie oft muss ich es dir noch sagen? Er wird nicht kommen, niemals! << Er ging um mich herum, als er hinter mir war, strich er mir über den Nacken, bevor er sich hinab beugte, mir meine filzigen Haare zur Seite strich und mir fast schon zärtlich den Hals küsste. Zwischen den Küssen sagte er leise. >>Er wird nicht kommen, das weißt du doch. Ich habe ihm sogar gesagt, wo er dich finden kann. Ich habe ihm deinen Arm Stück für Stück geschickt und bei jedem Teil von dir lag eine Karte mit der Adresse, wo er dich finden kann. Und dennoch ist er nicht gekommen. << Ich schluckte, als mich die Wucht dieser Worte traf. Stimmte es? Wusste Dimitri wo ich war und war dennoch nicht gekommen? Liebte er mich etwa nicht mehr? War ich ihm so egal, dass er mich hier verrotten lassen wollte? Nein! Dachte ich mir. Nicht mein Dimitri, er würde mich nicht hier lassen! Sicherlich war er auf den Weg zu mir. >>Ach, Rose, es imponiert mir, wie sehr du dich gegen die Wahrheit auflehnst. Aber du musst endlich akzeptieren, dass ich das hier tun muss, solange du nicht begreifst, dass du ganz allein mein bist! << Seine Finger glitten über meinen leicht gewölbten Bauch. >> Denk darüber nach, schließlich trägst du nicht nur allein für dich die Verantwortung! << Mit diesen Worten schlug er seine Zähne in meinen Hals. Der Schmerz, der mich darauf durchzuckte, ließ mich schreien. Dunkelheit umfing mich und ich fuhr schreiend aus dem Bett. Es dauerte etwas, bis ich mich soweit beruhigt hatte, dass ich realisieren konnte, dass ich nicht in diesem Keller, sondern in einem Motel war. Kalter Schweiß bedeckte mich und ich hatte Probleme Luft zu kriegen. Immer wieder versuchte ich zu atmen, doch meine Lungen wollten sich nicht füllen. Schnell sprang ich aus dem Bett und rannte ins Bad. Dort angekommen, stieg ich unter die Dusche und stellte das Wasser auf eiskalt. Der Schock, der meinen Körper erfasste, als das kalte Wasser über mich rann, holte mich aus meiner Atemnot. Weinend rutschte ich an der Duschwand hinab. Kopfschmerzen hämmerten in meinem Schädel und mir war schlecht. Das war mit Abstand der heftigste Albtraum seit langem Gewesen. Als langsam mein Körper taub wurde, griff ich nach dem Temperaturregler und stellte das Wasser wärmer, bis das ganze Badezimmer voller Dampf war. So gut es ging versuchte ich mich zu beruhigen, ich redete mir selbst ein, dass alles gut war. >>Du bist frei, du bist frei! << sagte ich. Doch ich wusste, dass es nur zum Teil stimmte. Mein Körper mochte frei sein, doch mein Geist war immer noch in diesem Keller gefangen. Ich schrieb es der Aufregung und dem mangelnden Schlaf der letzten Tage zu, dass es mich nun so schwer erwischt hatte, obwohl ich mich jede Nacht betäubte. Ich musste dringen wieder zur Ruhe kommen! Ich verfluchte Dimitri dafür, dass er mich so hetzte. Aber ich sollte es besser wissen, warum sollte er nun Rücksicht auf mich nehmen, wenn er mir damals schon nicht geholfen hatte? Er war nicht gekommen, um mich zu retten. Er nicht, Lissa nicht, meine Mom nicht. Niemand aus meinem alten Leben war gekommen. Ich war ihnen allen egal gewesen. Nur zwei Leute hatten nach mir gesucht und mich schließlich gefunden, so hatten sie es mir zu mindestens erzählt, denn ich war bei meiner Rettung bereits gebrochen und hatte keinerlei Erinnerungen daran oder an das halbe Jahr danach. Ich schloss die Augen und atmete tief durch. Reiß dich zusammen, Rose! Wenn du aus dieser Situation raus willst, musst du auf dich selbst vertrauen und nicht hoffen, dass dir wieder Jemand zur Hilfe eilt! Ich stellte das Wasser ab und ging zurück ins Schlafzimmer. Dort schaute ich auf den Wecker, der auf dem Nachttisch stand. Es war kurz nach drei Uhr morgens. Ich hatte noch etwas Zeit bis ich runter zum Hafen wollte, um jemanden zu finden, der mich übersetzte. Ich hatte mir schon einige vielversprechende Schiffe angesehen, die in Frage kamen und ich war zuversichtlich, dass sich die Besitzer überzeugen ließen, zur Not mit Gewalt. Aber so fertig wie ich jetzt war, würde ich nicht einmal einen Sack Reis zum Umfallen überzeugen können. Ich brauchte Schlaf und zwar welchen, der mich nicht zurück in diesen Keller führte! Ich sah mich nach den violetten Pillen um. Ich fand den Beutel am Boden vor dem Bett. Schnell hon ich ihn auf und nahm gleich zwei der Pillen raus. Das sollte für ein paar Stunden reichen, hoffte ich und schluckte die Tabletten, bevor ich mich wieder ins Bett legte.  

Stöhnend wachte ich wieder auf. Mein Kopf war wie in Watte gesteckt und ich schaffte es nur unter größter mentaler Anstrengung ein Auge zu öffnen. Mein Blick war verschwommen und es brauchte ein paar Sekunden des Blinzelns bis ich einigermaßen etwas erkennen konnte. Ich war immer noch im Motel, soviel stand fest. Verschlafen hob ich den Kopf und gähnte ausgiebig. Für den schlechten Start in die Nacht, hatte ich doch noch gut schlafen können. Das hatte ich auch bitter nötig gehabt, befand ich und schaute auf den Wecker, nur um wie vom Blitz getroffen hoch zu fahren. Alle Müdigkeit war von mir gewichen. Es war schon nach Mittag! Verdammt, ich hatte verschlafen! Schnell sprang ich aus dem Bett und gönnte mir eine kalte Dusche, das zweite Mal an diesem Tag. Einerseits erweckte das eiskalte Wasser meine Lebensgeister, andererseits war es eine verdiente Strafe dafür, dass ich verpennt hatte. Wie hatte mir das nur passieren können? Fragte ich mich unter der Dusche. Die Antwort lag auf der Hand: ich hatte mich mit zu vielen Pillen weggeschossen und meinem Körper so die Chance gegeben, den Schlaf nachzuholen, den er gebraucht hatte. Am liebsten hätte ich mich selbst geohrfeigt für meine Dummheit, denn ich hatte wertvolle Zeit verschwendet, wenn nicht sogar die Chance heute aus der Türkei zu kommen. Mein eigentlicher Plan hatte vorgesehen früh im Morgengrauen aufzustehen und am Hafen nach einer Überführung zu suchen. Aber das würde nun schwer werden, denn die Schiffe, die ich mir gestern bereits ausgesucht hatte, waren alle samt Fischer gewesen, die sicherlich nicht erst nach Mittag in See stechen würden. Nein, die waren schon seit Stunden unterwegs, während ich noch friedlich geschlummert hatte, wie Dornrösschen. Wütend auf mich selbst zog ich mich hastig an und packte meine Sachen in den Rucksack, den ich gekauft hatte und verließ das Motel. Ich musste jetzt ganz besonders vorsichtig sein und am besten ständig in Bewegung bleiben, denn ich hatte das Gefühl, dass meine Verfolger die Zeit genutzt und mir nahe gekommen waren. Zum Glück war mein Motel nur wenige Kilometer vom Hafen in Antalya entfernt, sodass ich ihn locker zu Fuß erreichen konnte. Die Sonne brannte mörderisch auf mich hinab. Es war zwar immer noch nicht Sommer, doch man merkte, dass die Sonne jeden Tag an Kraft gewann. Ich eilte durch die Straßen und kam an den großen Marktplatz, der von weiteren Markthallen gesäumt war. Hier drängelten sich die Menschen nur so zusammen und da ich nicht erpicht auf dieses Gewusel war und sowieso schon viel zu spät, beschloss ich, lieber den Markt zu umgehen. Also bog ich links ab und suchte mir einen Weg außen rum. Die Bewegung tat mir gut, nachdem ich die letzten Tage meist im Auto verbracht hatte. Ich genoss die Anstrengung meiner Muskeln und wäre ich nicht auf der Flucht, hätte ich einfach weiterlaufen können, ohne auf den Weg zu achten. Ich lief durch die Straßen und Gassen, an Menschen vorbei, die ihrem alltäglichen Leben nachgingen. Manchmal beneidete ich sie darum. In meinem Leben hatte es sich selten um banale Dinge gedreht. Meistens war es um Lissa und ihre Sicherheit gegangen. Nur als wir beide damals von St. Vlad abgehaut waren und uns einige Monate in Oregon versteckt hatten, war mein Leben so etwas wie normal gewesen. Doch das war schnell wieder vergangen und die Realität hatte uns beide eingeholt. Oft fragte ich mich, wie mein Leben ausgesehen hätte, wäre ich nicht als Dhampir geboren und von klein auf als Wächterin herangezogen worden. Hätte ich jemanden kennen gelernt, den ich lieben konnte? Die Highschool bestanden, ein College besucht und vielleicht sogar eine Familie gegründet? Es war müßig über solche Dinge nachzudenken, das wusste ich, aber wenn man schon so viel Scheiß wie ich erlebt hatte, war es unausweichlich zurück zu blicken und sich zu fragen, was man anders hätte tun können. Ich war 25 Jahre alt und mein Leben war gesäumt von Trauer und Tod. So in Gedanken vertieft bemerkte ich erst nicht, dass auf einmal um mich herum keine Menschen mehr waren. Ja, die Gegend in der ich war, schien wie ausgestorben. Dabei war in so einer Touristenhochburg wie Antalya doch immer irgendwo was los. Bald schon erfuhr ich den Grund meiner Einsamkeit, als rechts von mir auf einmal ein Knurren ertönte und aus dem Schatten der Gasse mir zwei hell leuchtende blaue Augen entgegen blickten. Ach.du.Scheiße. Dachte ich und bewegte mich langsam rückwärts. Damit hatte ich ganz sicher nicht gerechnet. Aus der Gasse heraus trottete ein riesiger schwarzer Hund auf mich zu und bleckte dabei die Zähne. Ein Psi-Hund. Diese Tiere hatten wenig mit dem gemeinen Hund zu tun. Sie waren etwa so groß wie eine Dogge und so massig wie ein Pony. Ihre Vorder- und Hinterläufe waren muskulös und daraus ausgerichtet ihren Träger über weite Strecken zu tragen und die Beute mit einem mächtigen Sprung anzufallen. Das schlimmste waren aber ihre Augen. Sie zeigten einen Grad an Intelligenz und Verstand, der einem einen kalten Schauer über den Rücken jagte. Das waren keine gewöhnlichen Tiere, das wusste ich, denn ich hatte schon zweimal die Bekanntschaft mit ihnen gemacht und beide Male war ich nur knapp entkommen und dass auch einmal nur, weil Christian die Viecher in Brand gesteckt hatte. Das würde mir heute wohl nicht den Hintern retten, gestand ich mir ein und überlegte fieberhaft, was ich nun machen sollte. Mir war klar, dass der Psi-Hund es auf mich abgesehen hatte und dass Dimitri in geschickt haben musste. Sie waren überragende Jäger und solange ich nicht versuchte zu fliehen, würde er mir nichts tun. er war nur hier, um mich zu stellen. Aber hier gemütlich zu warten, dass man mich festnahm, lag nicht in meiner Absicht. Als schlich ich ganz langsam rückwärts. >>Braver Hund! << sagte ich betont freundlich zu dem Kerl. >>Wie heißt du denn, mein Kleiner? << Fragte ich ihn, er würde mir nicht antworten, doch ich wollte ihn nur soweit ablenken, dass ich eine bessere Position komme konnte. Der Hund bellte einmal. Es war eine Warnung, mich nicht zu bewegen. >>Schon gut, ich mach doch gar nichts! << schwor ich und schritt weiter rückwärts. Wieder bellte der Psi-Hund und dieses Mal war es bedrohlicher. Zum Glück war es nur ein Psi-Hund dachte ich, als ich spürte, wie sich eine Wand in meinen Rücken drückte. Ich hätte es besser wissen sollen, denn schon hörte ich das Knurren eines zweiten Psi-Hundes links von mir. Ich verdrehte die Augen. Ich hatte es ja herausfordern müssen! Langsam drehte ich den Kopf und spähte aus den Augenwinkeln erst zu dem zweiten Hund, der sich mir nun auch näherte und dann zu der Wand hinter mir. Sie gehörte zu einem Mauervorsprung, der an einem Gebäude entlang lief und in einem Tor mündete. Leider war die Wand etwas zu hoch, als dass ich mich an ihr hätte hoch ziehen können, doch nicht weit von mir stand ein kleiner Schuppen, der an der Wand endete und niedrig genug war, um erst auf ihn und dann auf die Mauer zu klettern. Schwer schluckend und die Hunde nicht aus den Augen lassend, drückte ich mich an die Wand und glitt langsam auf den Schuppen zu. Doch das blieb den Psi-Hunden nicht unbemerkt, denn sie beide knurrten bedrohlich und machten einige Schritte auf mich zu. Als ich das Gefühl hatte, die Toleranzgrenze der beiden Tiere erreicht zu haben, drehte ich mich blitzschnell um und rannte zum Schuppen. Sofort machten die Hunde einen Satz nach vorne und schnappten nach meinen Beinen. Gerade rechtzeitig schaffte ich es mich am Schuppen hoch zuziehen und meine Beine über dessen Kante zu schwingen, bevor auch schon der mächtige Kiefer eines der Psi-Hunde um Haaresbreite vor ihnen zu schnappte. Erneut schluckte ich, dass hätte locker einen Fuß von mir abtrennen können, dachte ich mir. Aber es blieb mir zum Glück nicht viel Zeit, mir darüber Gedanken zu machen, denn schon machten die beiden Hunde Anstalten ebenfalls auf den Schuppen zu klettern. Ich wollte nicht wissen, ob sie es schafften, sondern drehte mich zur Mauer und erklomm sie. Dann rannte ich auf ihr entlang zum Haus, dessen Dach ich mit einem beherzten Sprung erreichte. Das Knurren und Schaben hinter mir sagte, dass die Hunde ebenfalls klettern konnten. Verdammte Mistviecher! Ich hetzte über das Dach und sprang von dort auf ein parkendes Auto und dann hinab auf eine Straße. Von dort ging es dann weiter, ich sprang eine Treppe hinunter, rollte mich geschickt ab und lief auf einen Maschendrahtzaun zu, der eine Baustelle abgrenzte. Ich sprang am Zaun hoch, erwischte die Kante und schwang mich rüber, nur um dann von einem der Hunde umgeschmissen zu werden, der voll in den Zaun rein gerannt war. Die Wucht des Tieres hatte den Zaun fast einknicken lassen und es sah nicht so aus, als würde er noch lange halten. deshalb rannte ich auf das Gebäude zu, dass hier gebaut wurde und dessen Rohbau bereits stand. Schnell erklomm ich dessen Fassade und blickte mich um. Die Schaufel eines abgestellten Baggers ragte in der Nähe auf und ich nutzte das, um schnell auf den Bagger zu springen und von dort auf den Boden zu gelangen. Ich eilte auf den Ausgang der Baustelle zu, dicht verfolgt von den Hunden. Ewig würde ich das nicht durchhalten, das war mir klar. Nur weil ich immer wieder Sachen erklomm, konnte ich meinen Vorsprung überhaut halten, denn am Boden, waren diese Viecher deutlich schnell als ich! In diesem Moment war ich dankbar, dass ich Parkour gelernt hatte. Immer weiter floh ich vor den Hunden, doch langsam gingen mir die Ideen aus. Komm schon, Rose! Dir muss doch etwas einfallen, wie du die Köter los werden kannst! Dachte ich mir. Dann sah ich, dass ich wieder in der Nähe des Markts war. Das war die Gelegenheit die Psi-Hunde los zu werden, denn ich war mir sicher, dass sie mir nicht in die Menschenmenge folgen würden. Schnell rannte ich auf den Markt zu und drängelte mich durch die Masse an Leibern. Erleichtert stellte ich fest, dass mir die Psi-Hunde nicht
folgten. Ich verlangsamte mein Tempo etwas und bog in eine Gasse ab, in der vor allem Tuchhändler ihre Stände hatten. Überall hingen ihre Waren quer über der Straße gespannt und waren in den buntesten Farben gefärbt. Ich duckte mich unter den Stoffen weg und versuchte mich zu orientieren. Wohin ging es zum Hafen? Fragte ich mich. Gerade als ich einen nett aussehenden Verkäufer nach dem Weg fragen wollte, sah ich, wie am Ende des Ganges, in dem ich mich befand, zwei Gestalten in schwarzen Anzügen hervor traten. Wächter. Ich fluchte stumm und bog in eine schmale Seitengasse ab. Schnell kämpfte ich mir meinen Weg durch die Leute, als ich auf einmal von der Seite gepackt und in einen Hinterhof gezerrt wurde. Der Wächter, der mich gefasst hatte, zögerte nicht und versuchte sofort mir Handschellen anzulegen. Gerade als er meinen linken Arm gepackt hatte und die Fessel einschnappen wollte, packte ich seinen Arm mit rechts und zog ihn an mich heran, rammte ihm meine Schulter in den Bauch, kniete ab und griff mit links unter seine Beine, sodass er nun auf meinen Schultern lag. Wie ein Gewichtheber stand ich wieder auf und schmiss ihn mir von den Schultern. Er schlug schwer auf den Rücken auf, was mir genug Zeit verschaffte das Weite zu suchen. Wirklich weit kam ich nicht, denn die beiden Wächter von eben tauchten vor mir auf. Ohne langsamer zu werden rannte ich auf den Vordersten der beiden zu und sprang ihn an. Ich hielt mich mit den Händen an seinem Oberkörper fest und stieß meine Beine nach vorne und traf den hinteren Wächter an der Brust. Die Wucht meines Tritts, verstärkt durch den Sprung, katapultierte diesen rückwärts, während ich mich um den Wächter hangelte, an dem ich mich festgekrallt hatte, ließ mich zu Boden fallen und zog mein Opfer über mich hinüber. In einem schönen Bogen flog der Typ über mich rüber und knallte hart auf den Boden. Mit einer Drehung meiner Beine erhob ich mich wieder und schickte den Wächter, der sich gerade von meinem Tritt erholt hatte mit einem Drehkick wieder zu Boden. In fließender Bewegung hockte ich mich hin und zog meine Pistole. Aus den Augenwinkeln hatte ich gesehen, wie Dimitri von der Seite auf mich zu geschlichen war. Ich zielte auf ihn und drückte ab. Ein leises Klacken ertönte, aber kein Schuss löste sich. Verdammter Mist! warum musste meine Waffe ausgerechnet jetzt eine Ladehemmung haben? Zum Glück hatte sich Dimitri in Erwartung eines Schusses zur Seite geschmissen, sodass ich mich erheben und weglaufen konnte. Unterwegs zog ich den Schlitten meiner Pistole ungeachtet der Leute, die mich nun anstarrten und sich bemühten mir Platz zu machen, nach hinten. Ich entließ das Magazin, betätigte den Abzug, sodass der Schlitten mit einem Trockenschuss wieder nach vorne schnellte, zog ihn abermals nach hinten und belud meine Waffe wieder mit dem Magazin. Dieses Mal vergewisserte ich mich, dass eine Patrone in der Kammer war, bevor ich die Pistole wieder hinten in meinen Hosenbund verstaute. Während dieser Aktion hatte ich einen weiten Platz erreicht, der von Gebäuden umringt war. Unzählige Stände waren willkürlich auf dem Platz verteilt und die Menschen drängten sich dazwischen, während sie lautstark mit den Verkäufern feilschten. Ich wuselte zwischen den Leuten hindurch und suchte einen Ausgang. Als ich diesen endlich fand, musste ich jedoch feststellen, dass dort bereits zwei Wächter auf mich warteten, ich bog rechts ab und suchte nach einen anderen Ausgang. Doch egal wo ich auch hinsah, überall standen bereits Wächter und starrten mich an. Gleichzeitig näherten sich weitere Wächter von zwei Seiten. Eine der Gruppen wurde von Dimitri angeführt, der mich keine Sekunde aus den Augen ließ und mir mit einem Blick eine deutliche Warnung zuwarf. Ich konnte mir denken, was er mir sagen wollte. Da wir uns mitten unter Menschen befanden, wollten sie kein großes Aufsehen erregen, doch sollte ich ihnen eine Szene machen, würde sie das nicht daran hindern, mich zu ergreifen, wenn nötig mit Gewalt. Ich saß in der Falle und das Schlimmste daran war, dass ich selbst Schuld hatte. Die einzige Wahl die mir nun noch blieb, war die, ob ich mich fügen oder wehren wollte. In beiden Fällen stand der Ausgang unumstößlich fest, sie würden mich kriegen. Bei aller Sturheit, musste selbst ich mir das eingestehen. Innerlich verfluchte ich mich dafür, dass ich verschlafen hatte, das war alles andere als professionell von mir gewesen! Wieder schaute ich mich um, während Dimitri gemütlich weiter auf mich zu kam. In einer Ecke des Platzes entdeckte ich ein paar örtliche Polizisten, die wohl gerade auf Streife waren und ich musste unwillkürlich grinsen, als mir eine Idee kam. Diese würde mich zwar auf langer Sicht nicht vor den Wächtern schützen, doch es würde meine Überführung in die USA etwas verzögern und Dimitri und seine Kumpanen hoffentlich so richtig ärgern. Bevor sie mich erreicht hatten, zog ich meine Pistole und schoss zweimal in die Luft. Sofort entstand eine Massenpanik, als die Leute schreiend versuchten von dem Marktplatz zu fliehen. Schnell entlud und sicherte ich meine Pistole und schmiss sie zu Boden, auf den ich mich ebenfalls flach mit dem Bauch legte und meine Hände hinter meinem Kopf verschränkte. Es dauerte nur Augenblicke und die türkischen Polizisten hatten mich umringt und brüllten mich mit gezogenen Waffen an, ja keine falsche Bewegung zu machen. Das hatte ich auch nicht vor. Regungslos lag ich da und schaute zu Dimitri, der mit seinen Leuten wieder auf Abstand gegangen war und mich nur kopfschüttelnd ansah. Natürlich wusste er genauso gut wie ich, dass er mich früher oder später kriegen würde, dafür würden die Alchemisten schon sorgen. Doch wie schnell das ging, würde von dem Druck abhängen, der auf den Alchemisten lastete und mit etwas Glück, reichten meine Waffen und die Drogen aus, um meine Abreise den einen oder anderen Tag nach hinten zu verschieben. Es wäre schon ironisch, wenn ausgerechnet die türkische Bürokratie Dimitri daran hindern würde, seinen Auftrag zu erfüllen und mich vor die Königin zu zerren. Nur mühsam konnte ich dem Drang widerstehen, Dimitri die Zunge rauszustrecken, während mir von den Beamten Handschellen angelegt wurden. Es dauerte nicht lange, da ertasteten sie meinen Pflock, den sie mir entrissen und durchsuchten ebenfalls meinen Rucksack und fanden die dort verstauten Drogen. Fast schon triumphierend regte einer der Beamten die beschlagnahmte Beute in die Höhe. Ich konnte mir vorstellen, dass so ein Fall sicher Karriere fördernd war, auch wenn ich nicht wirklich glaubte, dass man meinen Fall zu einem positiven Abschluss bringen konnte. Irgendwann dann wurde ich gepackt und in einen Streifenwagen verfrachtet, der mich nach einigen Minuten zu einem Polizeipräsidium brachte. Ein Beamter in zivil, ich nahm an, er war so eine Art Detective, führte mich hinein, die Brust vor Stolz geschwellt. Er tat mir fast schon etwas leid, denn er hatte nicht ganz die Türschwelle überschritten, da wurde er auch schon von einem alten Mann in dessen Büro zitiert und ich wurde auf eine Bank verfrachtet. Ich reckte den Kopf und beobachtete das Theater, dass sich mir in dem Büro offenbarte. Für mich war es eine spitzen Komödie, für den Detective aber eher eine Tragödie, denn so wie er zeterte und mit den Händen wild gestikulierte und dabei immer wieder in meine Richtung deutete, gab er alles, um den Fall behalten zu können. Dass es ihm nicht gelang, mutmaßte ich aus der Tatsache, dass er wutentbrannt aus dem Büro stürmte und einem Polizisten in Uniform förmlich ins Gesicht schrie, dass er mich in eine Zelle stecken solle. Tja, damit hatte ich nicht gerechnet. Innerlich hatte ich mich schon auf lange Verhöre, auf Profilfotos und das Abnehmen von Fingerabdrücken eingestellt, dass jetzt nichts davon passierte, verblüffte mich sehr. Da musste jemand den Alchemisten ordentlich Feuer unter dem Hintern gemacht haben, denn aus eigener Erfahrung wusste ich, dass sie selten so bereitwillig waren uns "Blutsaugern" zu helfen. Ich konnte mir vorstellen, wer genau das Feuer entfacht und mir so den Spaß verdorben hatte. Lissa war schon immer eine Spaßbremse gewesen!

Der Polizist brachte mich in eine Zelle, kurz ließ er mich meine Kontaktlinsen entnehmen, die mir langsam in den Augen brannten und schloss mich dann ein. Ich war fast etwas beleidigt, wie man mich hier abgefrühstückt hatte. >>Tja, Rose, home sweet home! << sagte ich und sah mich in meiner bescheidenen Behausung. Leider war mir das Leben in einer Gefängnis nicht unbekannt, damals als man mich verdächtigt hatte Königin Tatjana gepfählt zu haben, hatte ich einige Wochen in so einen Etablissement verbracht. Die Wangen auf blasend, sah ich mich um, ich hatte keine Ahnung, wie ich aus dieser Sache rauskommen sollte, ohne vorher Dimitri in die Hände zufallen. Wohl oder übel musste ich der Tatsache ins Auge sehen, dass ich demnächst längere Zeit in seiner Nähe verbringen musste. Schon allein bei dem Gedanken wurde mir schwindelig. Doch alles Jammern nutzte nichts, es würde so kommen und ich würde es überleben und auf meine Gelegenheit zur Flucht warten. Ich setzte mich auf die Metallpritsche, die an der Wand befestigt war, zog meine Beine an und machte es mir so bequem wie möglich.

Überraschender Weise verbrachte ich doch die Nacht in der Zelle, aber gleich am frühen Morgen stand ein Duo aus zwei Beamten in Zivil vor meiner Zelle. Es stellte sich heraus, dass die Frau und der Mann zur Geheimpolizei gehörten. Sie unterschrieben irgendeinen Wisch, nahmen meine Sachen, die in durchsichtige Plastikbeutel lagen und schlossen meine Zelle auf. Nachdem ich mit Handschellen gefesselt war, führten sich mich in die Garage und stießen mich in einen schwarzen SUV mit getönten Scheiben. Ohne ein Wort zu sagen fuhren sie los. Etwa eine Viertelstunde fuhren wir durch Antalya bis sie in ein Parkhaus abbogen und dort auf einem kaum besuchten Deck hielten, in einigem Abstand stand ein anderer Wagen. Vor dem Wagen warteten drei Menschen. Die beiden Frauen und der Mann waren eindeutig keine Türken und auch ohne ihre goldene Lilie auf der Wange zu sehen, wusste ich, dass sie Alchemisten waren. Dieser Verein pflegte seine Leute überall hin zu schicken, nur nicht dort, wo sie geboren waren. Das sollte angeblich Korruption vorbeugen. Aus Erfahrung wusste ich, dass es nicht half. Allein mein Vater hatte die Hälfte der Alchemisten in der Tasche, die andere Hälfte wahrscheinlich die Königin. Sicherlich geriet ich an die falschen fünfzig Prozent. So war es leider immer, mein Glück war mir in solchen Situation leider selten holt! Vielleicht sollte ich zum nächsten Thanksgiving irgendwo Obdachlose verköstigen oder ehrenamtlich Katzen von Bäumen retten, um mein Karma etwas aufzufrischen? Die Beamten zerrten mich aus dem Wagen und gingen mit mir im Schlepptau zu den Alchemisten. >>Hier ist die Frau, die sie wollten! << sagte die Frau auf Englisch. Der Alchemist, ich schätzte ihn auf Anfang dreißig, mit kurzem blonden Haar und einer gewaltigen Hakennase, antwortete ihr. >>Danke, ich weiß Ihre Kooperation sehr zu schätzen, wir werden dafür sorgen, dass die Person schnellstmöglich außer Landes gebracht wird. Richten sie dem Polizeichef bitte meine Grüße aus, seine Lieferung wird nächste Woche wie geplant eintreffen! << Aha, also Erpressung war hier im Spiel gewesen! Die Frau nickte nur, stieg mit ihrem Partner wieder ins Auto und fuhr weg. In der Zelle hatte ich mir noch ausgemalt, dass die Übergabe an die Alchemisten noch meine beste Chance wäre abzuhauen, doch als der Mann eine Pistole zog und mich mit vorgehaltender Waffe zwang in das Auto einzusteigen, verblassten meine Träume je. Anscheinend waren sie vorgewarnt, denn der Alchemist setzte sich zu mir auf die Rückbank und behielt mich die ganze Fahrt über im Auge. Dieses Mal fuhren wir eine halbe Stunde und fuhren sogar auf dem Highway aus Antalya raus, bis wir einen kleinen Rastplatz erreichten. Dort wartete natürlich schon Dimitri und seine Gang aus tapferen Wächtern auf mich. Insgesamt waren es drei Wächter, Dimitri, ein großer Kerl mit Glatze und ein kleiner drahtiger Dhampir, der das Gesicht eines Wiesels hatte. Was für ein dynamisches Trio! Als der Wagen hielt, stiegen die beiden Frauen vorne aus, doch der Alchemist und ich blieben im Auto sitzen, so konnte ich auch leider nicht verstehen, was die Alchemisten zu den Wächtern sagten. Sie wechselten einige Worte und dann kam eine der Frauen und öffnete meine Tür. >>Aussteigen! << befahl sie mir barsch, ich konnte hören, dass sie mich wohl am liebsten über den Haufen geschossen hätte, als mich auszuliefern. Zum Glück hielt nicht sie die Waffe! Etwas ungelenk, aufgrund der Handschellen, stieg ich aus und wurde sofort von Dimitri gepackt und zu dessen Auto geschleift. Dort angekommen warteten wir, bis die Alchemisten wegfuhren, bis er mich auf die Motorhaube des Wagens lehnte und anfing mich abzutasten. >>Das mit den Schüssen auf dem Markt hättest du dir echt sparen können, Rose. << sagte er währenddessen. >>Du wusstest, dass du verloren hattest, daran hast du mit dem Theater hier nichts geändert! << Doch, dachte ich mir, ich hatte euch Unannehmlichkeiten bereitet. Das war es allemal wert gewesen, auch wenn ich mir ehrlich mehr erhofft hatte. Doch lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf den Dach...nicht wahr? Dimitris Hände glitten über meine Oberarme und ich zuckte zusammen. Mir war seine Berührung unangenehm. Das schien auch er zu spüren, denn kurz hielt er inne, doch es war nur ein Augenblick, dann tastete er mich weiter ab. Schließlich kam er zu meinen Händen. >>Willst du die nicht ausziehen?<< fragte er. Sicherlich meinte er meine Handschuhe, doch ich blieb stumm, er würde es sowieso erfahren. Als ich nichts sagte, zog er sie mir aus. Beim linken tat sich nichts, doch als er den rechten abzog, hörte ich, wie er scharf die Luft einzog. Einer seiner Kumpel fragte ihn auf Russisch was los sei, als Antwort hob er nur meine gefesselten Hände an, sodass man meine silberne rechte Hand sah. Schweigen erfüllte den Rastplatz, schließlich hielt es Dimitri wohl nicht länger aus. >>Was ist mit deiner Hand passiert? << fragte er mich leise. >>Bin mit der Nagelschere abgerutscht! << antwortete ich schlicht.  Meine Antwort schien ihn nicht zufrieden zu stellen. >>Warum bist du nicht zurückgekehrt? Lissa oder Adrian hätte das heilen können! << warf er mir strafend vor. Nah, wenn dass die ganze Zeit so ging, hätte ich mich doch lieber wünschen sollen, die Alchemistin hätte mich erschossen. >>Das muss ich wohl vergessen haben! << äffte ich seinen Tonfall nach. Darauf erwiderte er nichts, sondern zog an dem Ärmel meines Oberteils, sodass auch der Rest meines Arms zum Vorschein kam. >>Oh mein Gott...<< stammelte einer der Wächter. Mir war das ganze unangenehm. So mussten sich also Tiere in einem Zoo fühlen, die von irgendwelchen Idioten begafft wurden. Dann wurde ich von der Motorhaube gehoben und zum Wagen gebracht. Während das Wieselgesicht die Beutel mit meinen Sachen, die sie ebenfalls von den Alchemisten erhalten hatten, in dem Kofferraum verstaute, schob der Glatzkopf mich unsanft auf die Rückbank des Wagens, an dessen Steuer bereits ein weiterer Wächter auf uns wartete. Damit erhöhte sich die Anzahl meiner Begleiter auf vier und gleichzeitig sank die Chance hier noch irgendwie raus zukommen. Kurz bevor ich saß, öffnete der Glatzkopf meine Handschellen, die meine Hände bisher auf den Rücken gefesselt hatten, und schnallte sie vorne wieder fest. Schade, dachte ich, auf dem Rücken hätte ich sie in aller Ruhe öffnen können. So würde das leider nichts werden. Dimitri steig vorne auf der Beifahrerseite ein, während ich hinten zwischen den beiden übrigen Wächtern eingequetscht wurde. Das konnte ja eine lustige Fahrt werden! >>Fahren wir zum Flugplatz! << sagte Dimitri auf Russisch zu dem Fahrer, anscheinend dachte er, dass ich ihn nicht verstehen würde, doch das tat ich bestens. Ich erhaschte einen kurzen Blick aufs Navi und sah, dass unser Ziel einige Stunden Fahrzeit entfernt war. Zwar verstand ich, warum wir einen privaten Flugplatz anfuhren, denn sie konnten ja schlecht mit mir als Geisel über einen öffentlichen Flughafen spazieren, aber warum wir so weit fahren mussten, war mir dann doch schleierhaft. Aber sicherlich gab es einen tiefsinnigen Grund dafür....Aber vielleicht wollten sie auch nur etwas von der Landschaft sehen, wer wusste das schon? Ich wusste nur, dass ich mich auf eine lange und aufregende Fahrt mit den vier Schnarchnasen hier freuen konnte und mir wohl oder übel nichts anderes übrig blieb, als das zu tun, was eine Vielzahl von Lehrern und Ausbildern mir mit viel Geduld versucht hatten einzubläuen: Ich musste warten. Viele Menschen glaubten, dass Angehörige von Spezialeinheiten, Geheimagenten und Profikiller stets einen ausgeklügelten Plan verfolgten, doch das war selten der Fall. Klar, man konnte sich gut vorbereiten, doch alles vorausplanen war dann doch ein Ding der Unmöglichkeit und nahm viel zu viel Zeit und Hirnschmalz in Anspruch. Wollte man in solchen Berufen erfolgreich sein, musste man lernen die Gelegenheiten zu nutzen, die sich einen auftaten.  Nichts anderes würde ich jetzt tun, ich würde auf eine Gelegenheit warten und diese nutzen! Aber das hieß nicht, dass ich nicht die Fahrt genießen konnte, beziehungsweise die anderen diese Fahrt genießen mussten! Also überlegte ich mir, warum die angespannte Stimmung hier nicht etwas auflockern? Die anderen besser kennenlernen? Das Eis brechen und Gräben überwinden? Ich fand diese Idee fabelhaft und schon bald bot sich mir die Chance, sie auch in die Tat umzusetzen. Denn wie so oft fing Dimitri irgendwann an das Radio auf einen Sender einzustellen, der seine geliebte Musik aus den Achtzigern und Neunzigern spielte. Ich musste zwar ein paar Songs abwarten, bis ich endlich einen gut genug kannte, doch als "What is Love" aus den Lautsprechern klang, sang ich aus vollem Halse mit. Ja, vielleicht mangelte es mir heute etwas an Talent, doch ich fand, dass ich diesen Mangel mit meiner Hingabe und meiner Lautstärke mehr als wett machte! Ich zog den Rhythmus direkt aus der Luft und schüttelte ihn durch meinen Körper direkt in meine Sitznachbarn hinein. Meine gefesselten Hände unterstrichen meine Performance mit den passenden Gesten. Leider sprang der Funke nicht sofort über, denn der Glatzkopf rechts von mir schnauzte mich mit starkem russischen Akzent an. >>Sei still! <<. Es war offensichtlich, dass er ein Musikbanause war, anders konnte ich mir seine Ablehnung nicht erklären. Da bekanntermaßen jeder ein Kritiker war, dachte ich nicht daran seinen Rat zu befolgen und sang weiter, bis Dimitri den Sender wechselte. Nun spielte ein lokaler Radiosender einen bekannten türkischen Song. Zum Glück hatte ich in meiner Zeit in Istanbul intensiv die nationalen Charts verfolgt und war so in der Lage auch zu diesem Lied meine eigene Interpretation darzubieten. nach wenigen Sekunden wurde das Radio dann ganz ausgeschaltet und nur noch das monotone Brummen des Motors durchbrach die Stille im Wagen. Aber wer wäre ich schon, wenn ich jetzt schon aufgeben würde?
Vielleicht lag ihnen Smalltalk ja besser? Ich wandte mich nach rechts zum Wächter mit der Glatze. >>Also, Olga...ich darf dich doch Olga nennen, oder? Du siehst auf jeden Fall wie eine Olga aus! << fing ich an, während ich sah, wie sich die Kiefermuskulatur meines Gesprächspartners anspannte. Anscheinend hatte er einige Mühe ruhig zu bleiben, denn er starrte angerstrengt auf die Kopflehne seiner Vordermanns, als wollte er sie allein Kraft seiner Gedanken pink einfärben. Er war der Jackpot, bemerkte ich. Ihn würde ich sicherlich bis aufs Blut reizen können. Also fuhr ich fort. >>Wie lange sind Wächter Belikov und du denn schon ein Paar? << fragte ich neugierig. >>Halt die Klappe! << war das einzige, was er zwischen seinen Zähnen hervor presste. >>Oh, ich hoffe ich habe hier nichts verraten! Es wissen doch alle hier im Auto über euch beide Bescheid, oder? << Ich drehte mich nach links zum Wieselgesicht. >>Du musste wissen, junge Liebe ist so zart und verletzlich wie eine Knospe, man muss ihr Zeit und Raum zum Erblühen geben! << Durch den Rückspiegel konnte ich sehen, wie der Fahrer grinste, zu mindestens ihn schien ich zu amüsieren. >>Diese Göre soll den Mund halten, sag ihr das, Dimka, oder ich werde es mit meinen eigenen Worten sagen! << schnauzte der Glatzkopf auf Russisch nach vorne. >>Beruhig dich, Ivan, sie will dich doch nur provozieren, weil sie weiß, dass sie sonst nichts in dieser Situation machen kann. Sie ist einfach eine schlechte Verliererin! << antwortete Dimitri besänftigend in der selben Spräche. Ich tat weiter so, als würde ich sie nicht verstehen und blickte verwirrt von einem zum anderen. >>Ich hoffe doch, es gibt meinetwegen keinen Ärger im Paradies, das würde mir sehr leidtun! << gab ich zu. Der Fahrer lachte, was Glatzkopf dazu verleitete, ihm von hinten gegen die Lehne zu schlagen. >> Schnauze, alle beide! << brüllte er. Dimitri neigte etwas den Kopf, sodass er mich aus den Augenwinkeln ansehen konnte. >>Rose, es reicht! Ich hätte nicht gedacht, dass du nach all der Zeit immer noch so unreif und kindisch bist. In der Hinsicht hast du dich kein bisschen geändert! << sagte er streng zu mir, doch ich lächelte nur. >> Das hatte dich aber nicht gestört, als du mit mir geschlafen hast. << erwiderte ich und sah, wie er mit den Mundwinkeln zuckte. Ein sicheres Zeichen, dass meine Antwort ihn getroffen hatte. Gut so! Er drehte sich wieder nach vorne und gab mir so einen Moment meinen Triumph über ihn auszukosten. Langsam fing die Fahrt an mir Spaß zu machen und ich überlegte, was ich als nächstes tun konnte. Das schien auch Dimitri bemerkt zu haben, denn irgendwann wies er den Fahrer an, einen Rastplatz anzusteuern. Als der Wagen hielt, zeigte er auf mich. >>Bring sie raus, Ivan, und sag ihr, was du von ihrem Ton dir gegenüber hältst. << Seine Stimme war sachlich und neutral, doch ich fand, dass es sich alles andere als gut für mich anhörte. Schon wurde ich aus dem Auto gezerrt. Mit links hielt mich Ivan fest während er mir mit rechts einen Schlag in die Magenkuhle versetzte., kaum dass wir aus dem Wagen raus waren. Man, das tat höllisch weh! Ich klappte zusammen und musste erst mal nach Luft ringen, dennoch lächelte ich, als ich mich wieder schwankend aufrichtete. >>Du schlägst sogar wie eine Frau, Olga! << verhöhnte ich ihn. Abermals holte Ivan aus und wollte zuschlagen, doch dieses Mal wurde er von Dimitri abgefangen. >> Das reicht! << befahl er zischend auf Russisch. Ivan sah das offensichtlich anders, denn er schäumte regelrecht vor Wut und war schon rot angelaufen. Doch er fing sich wieder und senkte seine Hand. >>Das Miststück soll einfach die Klappe halten und mich in Ruhe lassen! << schnaufte er auf Russisch. Ich sah ihn trotzig an und erwiderte, ebenfalls im perfekten Russisch. >> Nimm mir die Handschellen ab und ich zeige dir, wer von uns beiden das Miststück ist, Bitch! Oder traust du dich nur gegen Frauen in Fesseln zu kämpfen? << Sowohl Ivan als auch Dimitri sahen mich verblüfft an, sie hatten wohl nicht gedacht, dass ich ihre Muttersprache beherrschte. Tja, ich war immer für eine Überraschung gut! Ich sah wie Dmitri etwas sagen wollte, doch er stockte. Dann wandte er sich an die Wächter. >>Haltet sie fest, ich bin gleich wieder da. << Er ging zum Kofferraum, warf die Plastikbeutel mit meine Sachen, die dort lagen, auf die Rückbank und kam dann mit einer Rolle Gewebeband in der Hand zurück. Zwar zappelte ich und wehrte mich so gut es ging, doch es war nutzlos. Ich wurde mit dem Gewebeband geknebelt und gefesselt. Dann warf Dimitri mich über seine Schulter und bugsierte mich in den nun freien Kofferraum. Er sah mich an. >>Ich will, dass du weißt, Rose, dass du selbst für deine jetzige Situation verantwortlich bist! Du hättest es dir so viel leichter machen können, wenn du nicht so ein sturer Dickschädel wärst! Willst du wirklich so weiter machen und ständig vor deinen Problemen weglaufen? Denk mal darüber nach! Zeit hast du dafür jetzt genug. Genieß die Fahrt! << Mit diesen Worten schloss er den Kofferraum und ließ mich hier alleine. Seine Worte ärgerten mich, beziehungsweise die Tatsache, dass ich ihnen nicht widersprechen konnte. Eingeschnappt schlug ich einige Minuten mit meinen Füßen aus und zappelte herum, doch niemand schien davon Notiz zu nehmen und so beruhigte ich mich wieder. Tja, es sah so aus, als hätte ich es etwas mit meine Sticheleien übertrieben, aber okay. Noch war das letzte Wort nicht gesprochen, dachte ich und schloss die Augen. Ich konnte die Zeit genauso gut nutzen, um mich etwas auszuruhen. Langsam aber sicher merkte ich, wie ich weg döste.                  

Kapitel 8

Ich wusste nicht, wie lange wir letztendlich gefahren waren, denn ich bekam nicht viel von der Fahrt mit. Das lag zum einen an der Tatsache, dass ich im Kofferraum die Fahrt verbracht hatte, zum anderen, das es mir gelang, etwas zu schlafen. So konnte ich nur die Augen zusammen kneifen, als der Kofferraum wieder geöffnet wurde, und mir die Sonne in die Augen stach. Es musste weit nach Mittag sein! Ich blickte Dimitri an, der vor mir stand und auf mich hinab sah. Eine Weile tat er nichts, außer mich zu betrachten, schließlich griff er nach mir und hob mich nach draußen. Dort stellte er mich auf meine Füße und hielt mich fest, sodass sich unsere Nasen fast berührten. Wieder sah er mich mit einem Blick an, den ich nicht wirklich deuten konnte. Erwartete er etwas von mir? Ich wusste es nicht. Nach einer Zeit fing er dann doch noch an zu sprechen. >> Also, Rose, du weißt selbst wie lange ein Flug von der Türkei in die USA dauert. << Ja, ich wusste, dass das ein langer Flug werden würde. >>Es liegt an dir, wie du ihn verbringst. <<Er schaute kurz an mir vorbei zum Flugzeug dass ich noch nicht in Augenschein nehmen konnte, aber es war sicher ein Privatjet der Königin. >> Mir macht es nichts aus, dich so verpackt, wie du es jetzt bist, einfach in den Laderaum zu stecken, dich dort festzuzurren und erst nach der Landung wieder da raus zu holen aber mir wäre es lieber, wenn ich das nicht tun müsste, verstehst du? << Er sah mich fragend an. Ja, ich verstand, was er andeuten wollte: Versprach ich brav zu sein, würde ich die Annehmlichkeiten eines luxuriös ausgestatteten Flugzeugs genießen können, andernfalls blieb der Gepäckraum übrig. Ich musste nicht lange überlegen, ich hatte keine Lust fast einen ganzen Tag im Gepäckraum gefesselt zu liegen, da konnte ich meinen Stolz lieber herunterschlucken und einen temporären Waffenstillstand akzeptieren. >> Wie entscheidest du dich, Rose? Wirst du mir Schwierigkeiten machen? << Ich schüttelte den Kopf. >>Du wirst also ein braves Mädchen sein und deine Sticheleien unterlassen? << Ich nickte. Dimitri nickte zufrieden. Er fasste nach dem Streifen Gewebeband, den er mir über den Mund geklebt hatte, dabei fuhr seine Hand über mein Kinn, was mich erschauern ließ. Ich wusste nicht, ob es ein gutes oder ein schlechtes Erschauern war, jedenfalls war mir seine Berührung bei weitem nicht so unangenehm wie sie es zu anfangs noch gewesen war. Dimitri hielt inne und drehte meinen Kopf etwas, sodass er meine Rosen-Tätowierung sah. Sanft strich er mit seinem Daumen darüber. >>Mir gefällt dein Tattoo, Rosa. << Der Klang meines Spitznamens löste eine Welle von leichten Stromschlägen in meinem Körper aus. Schon lange hatte ich diesen Namen nicht mehr gehört, selbst in meiner Gefangenschaft hatte niemand mich so genannt. Immer noch blickte Dimitri faszinierend auf meine Wange, er schien die Zeit total vergessen zu haben. Ich räusperte mich merklich. Konnte er nicht einfach den Streifen abziehen? >>Entschuldige, ich hatte nur vergessen wie schön du bist! << schleimte er. Ich verdrehte die Augen, was ihn zu einem kleinen Lacher animierte. Auch dieses Lachen weckte gemischte Gefühle in mir. Früher hatte ich immer versucht ihn zum Lachen zu bringen, weil es mir gefiel und er es so selten getan hatte. Schließlich zog er dann doch den Streifen ab. >>Aua! << beschwerte ich mich, er hatte ihn mit einem schnellen Ruck entfernt. Danach zog er sein Messer und trennte auch das Gewebeband an meinen Händen und Füßen auf, sodass ich wieder einmal nur mit Handschellen gefesselt da stand. Nun drehte ich mich um. Es war wirklich ein Privatjet, der dort stand und auf uns wartete. In seiner Nähe stand ein weiteres Auto, unserem nicht unähnlich, aus dem einige, mir unbekannte, Wächter schwarze Taschen und Koffer auspackten und sie im Flieger verstauten. Das war also der Rest von Dimitris Leuten. Er musste ja so einige Freunde rekrutiert haben, dachte ich. Langsam ging ich zum Flieger und steig die schmale Treppe hinauf. Natürlich war der Jet erstklassig ausgestattet. Überall standen gemütliche Ledersessel in Vierergruppen um einen Tisch aus Mahagoniholz herum. Diese Sessel waren echt der Hammer, was ich aus früheren Flügen schon wusste. Man konnte sie problemlos nach hinten kippen, sodass man in ihnen liegen konnte, sie hatten einen eingebauten Bildschirm an der Seite um Filme zu sehen oder Musik zu hören und waren echt gemütlich. Ich ließ mich in einen der Sessel gleiten, der an einem Fenster stand. Natürlich setzten sich sofort zwei Wächter zu mir. Vor mir war eine Wächterin mit kurzem schwarzen Haaren und braungebrannter Haut. Sie musste ungefähr Dimitris Alter sein und als sie meinen Blick bemerkte, lächelte sie mir schwach zu. Ich erwiderte das Lächeln, konnte ja nicht schaden, wenn mir hier nicht alle feindlich gesinnt waren. Neben mir nahm Ivan, der Glatzkopf, Platz. Am liebsten hätte ich ihm sofort einen Spruch ins Gesicht gedrückt, doch solange der Flieger noch stand, wollte ich nicht riskieren, doch noch in den Laderaum gesperrt zu werden. Als alle Platz genommen hatten, fing der Jet auch schon an zu rollen und beschleunigte dann, um abzuheben. Während des Starts, sah ich wie Dimitri sein Smartphone zückte und mit Jemanden telefonierte. Man brauchte nicht viel Fantasie, um zu erraten, mit wem er da gerade sprach. Ich war mir sicher, dass er der Königin berichtete, dass er mit mir unterwegs war. Auf ein Treffen mit Lissa war ich nicht wirklich scharf, denn ich konnte mir denken, dass sie ziemlich hartnäckig sein würde, mir gegenüber. Und da sie nun einmal die Königin war, hatte sie auch genug fiese Mittel um mir zuzusetzen, wenn ich nicht so wollte wie sie. Aber alles zu seiner Zeit! Noch musste ich mich nicht mit diesem Problem rum schlagen! Nach einer halben Stunde machte ich mich bemerkbar, denn ich wollte endlich meine Zwillingsarmreifen los werden. >>Könnte mir jemand bitte dieses Handschellen abnehmen? << fragte ich höflich in den Raum hinein. Die Wächterin vor mir wandte sich zu Dimitri um, der eine unentschlossene Miene machte. Anscheinend wusste er noch nicht, ob er dem Frieden mit mir so recht trauen sollte. Schlauer Kerl, doch ich lächelte und sagte in seine Richtung. >>Kommt schon, ich muss mal aufs Klo und was soll denn schon passieren? Habt ihr etwa Angst, ich könnte euch alle überwältigen und das Flugzeug kapern? << Einen kurzen Moment überlegte Dimitri und schien dieses Szenario gedanklich durchzuspielen. Als er zu einem zufriedenen Ergebnis kam, nickte er nur. Daraufhin beugte sich die Wächterin zu mir hinüber. >> Hey, ich heiße, Daphne. << sagte sie mit einer rauen Stimme, die nicht wirklich zu ihrem süßen Äußeren passte. Sie schloss die Handschellen auf. >> Ist mir ein Vergnügen. << sagte ich. >>Meinen Namen kennst du ja sicher bereits! << Daphne lachte auf. >>Oh ja, denn kenne ich in der Tat! <<  Sie nickte den Gang herab. >>Das Klo ist gleich da vorne. Etwas da hinter ist auch das Bordbistro, bedien dich ruhig. << Dankbar lächelte ich ihr zu. Daphne schien ganz okay zu sein. Ich quetschte mich an Ivan vorbei und rieb mir dabei mein linkes Handgelenk. Es war ziemlich wund von dem ganzen gefesselt sein. Erst machte ich mich etwas frisch, bändigte meine Frisur, die in der ganzen Aufregung etwas gelitten hatte zu einem schnellen Dutt und ging dann zum Bistro, was im Grunde nicht mehr als eine kleine Nische mit Essen und Getränken war und suchte mir was aus. Am Ende entschied ich mich für ein paar Sandwiches und einen O-Saft. Dazu steckte ich mir noch ein paar kleine Schnapsflaschen ein und kehrte dann zurück zu meinem Platz. Hungrig fiel ich über die Sandwiches her. Ich hatte gar nicht bemerkt, wie ausgehungert ich doch war! Als ich satt und zufrieden war, stöpselte ich die Kopfhörer ein und schaute nach, was für Filme es hier gab. Die Auswahl war groß und ich startete einen Actionfilm, vielleicht gab es dort etwas Inspiration, wie doch noch hier raus kam? Aufgeben würde ich nämlich noch lange nicht, doch solange wir über dem Ozean waren, war jeder Fluchtversuch zwecklos. Eine ganze Weile ließ man mich in Ruhe und auch ich machte nicht viel mehr, als mir den Film anzugucken. Zwischenzeitlich holte ich mir immer wieder etwas zu Essen oder noch ein bisschen Alkohol. Zwar runzelte Daphne die Stirn, als sie sah, wie ich meine Drinks aus O-Saft und Wodka wegzischte, doch sie sagte nichts und so trank ich beherzt weiter. Schließlich wollte ich nachher keine Albträume kriegen, dass würde nur unliebsame Fragen aufwerfen, von denen ich sicher noch genug gestellt bekommen würde, sobald wir angekommen waren. Immer wieder sah ich, wie Dimitri mich heimlich beobachtete, doch immer wenn ich es bemerkte, sah er weg. Wahrscheinlich wollte er mich im Auge behalten...oder seine Hormone spielten verrückt. Ich für meinen Teil war froh, dass ich hier sein konnte, in seiner Nähe, ohne groß Kopfschmerzen oder Schwindelanfälle zu kriegen. Zwar pochte mein Schädel etwas, aber das konnte auch am Alkohol liegen.  

Als dann die Sonne anfing unterzugehen und mit ihren letzten Strahlen die Wolken, durch die wir gerade flogen, in rot und orange einfärbte, als wäre es eigentlich ein Meer aus Flammen, das wir gerade überquerten, trat Dimitri an mich heran und bedeutete mir mit einer Geste mich für die Nacht fertig zu machen. Die zwei Paar Handschellen sagten mir, dass es besser wäre seinen Rat zu befolgen und so besuchte ich noch einmal die Toilette. Nachdem ich mich erleichtert hatte, wurden meine Hände abermals gefesselt und dieses Mal sogar an einem Griff neben meinem Sessel fixiert. >>Eine Vorsichtsmaßnahme, damit wir alle beruhigt die Augen zu machen konnten! << erklärte Dimitri schlicht. Wegen mir musste er sich keine Sorgen machen, aber ich sagte nichts, denn ich konnte es verstehen. Die Art der Zusammenstöße zwischen den Wächtern und mir hatte dafür gesorgt, dass diese mich besonders im Auge behielten. Es war okay, noch hatte ich keinen Fluchtversuch vorgesehen, sodass ich sie machen ließ und meinen Sessel in die Liegeposition brachte. Ich legte mich auf die Seite Richtung Fenster und sah dem herrlichen Sonnenaufgang zu. Behutsam deckte mich Dimitri mit einer Decke zu. >>Danke. << hauchte ich ihm zu, ohne den Blick vom Fenster zu wenden. >>Keine Ursache. << entgegnete er. >> Schlaf schön, Rosa. << Wieder ließ der Klang meines Spitznamens aus seinem Mund mich erzittern. Es weckte eine Wärme in mir, von der ich gedacht hatte, sie lange verloren zu haben. Diese Gefühle verwirrten mich total, ich war es gewohnt, schon beim kleinsten romantischen oder glücklichen Gedanken an Dimitri von heftigen Kopfschmerzen und Schwindelanfällen attackiert zu werden. Dass dies nun nicht so war, überraschte mich. Gab es in mir noch Raum, der nicht diesen Hass und Enttäuschung auf die Personen beinhaltete, die ich in Vergangenheit über alles geliebt hatte? Nur verschwommen konnte ich mich an ein paar glückliche Momente aus dieser Vergangenheit mit Lissa und Dimitri erinnern. Es war, als wären es nicht meine Erinnerungen, sondern die einer anderen Person, so fremd fühlten sie sich für mich an. Verzweifelt versuchte ich einen Sinn in diesem Gefühlschaos zu finden, doch ich scheiterte. Anscheinend benötigte ich noch etwas Zeit, um das zu verstehen. Meine Augenlieder wurden immer schwerer und ich glitt dankbar in die bodenlose Schwärze einer traumlosen Nacht.

Ich hatte Glück. Diese Nacht gehörte eindeutig zu den besseren Nächten in meinem Leben, denn ich schaffte es in einem Stück durchzuschlafen und wurde erst geweckt, als Daphne mich unsanft wachrüttelte. >>Wach auf, Dornrösschen! << Verschlafen öffnete ich erst ein Auge und dann das andere. Daphne war bereits dabei meine Fesseln zu lösen. >>Wir landen in zwei Stunden und ich glaube du solltest dich vorher noch einmal frisch machen und ordentlich frühstücken, dafür wird nämlich später kaum noch Zeit sein! << Ich dankte ihr und setzte mich auf. Sie hatte Recht, es würde nachher einiges an Trubel geben, wenn wir angekommen waren. Ob ich jedoch dabei sein würde, würde sich erst noch herausstellen müssen! Gähnend streckte ich mich, dabei sah ich, wie Dimitri mich intensiv musterte. Kurz nickte ich ihm zur Begrüßung zu, was er erwiderte, dann stand ich auf, um Daphnes Rat zu beherzigen. Auf dem Weg zurück schaute ich mich unauffällig um und prägte mir die Position der Wächter ein. Es waren insgesamt acht und schon diese schiere Anzahl machte die meisten Fluchtversuche zunichte. Doch wenn mein Plan aufging, dann würde diese Zahl kaum eine Rolle spielen. Zufrieden setzte ich mich mit meinem Tablett hin und betrachtete mein Frühstück. Es gab Rührei mit Speck und Bratkartoffeln und dazu einen Becher dampfenden Kaffees, von dem ich gleich einen großen Schluck nahm. Ja, der würde gehen! Befand ich. Zwar war ich mehr der Teetrinker, doch für das, was ich vorhatte, tat es auch jede andere Art von Heißgetränk. Hastig schaufelte ich mir mein Essen in den Mund, lief alles wie geplant, könnte es dauern, bis ich wieder was zu beißen kriegen würde. Mein Plan gehörte zu dieser Sorte Idee, bei der die einen bleich im Gesicht wurden und einen für verrückt erklärten und die anderen erstaunt aus der Wäsche guckten und, naja, einen auch für verrückt erklärten. Diese Art von Verrücktheit, war aber eher mit Genialität verwandt, als die andere. Er hatte die richtige Mischung aus Waghalsigkeit, Überraschung und Einfallsreichtum, die mit einer Prise Glück ausreichte, um am Ende nicht doch noch dabei drauf zu gehen. Das wichtigste Utensil meines Plans war bereits hier an Bord und war unteranderem einer der Gründe, warum ich froh war, in einem Privatjet der Königin zu sitzen. Klar, die Flugzeuge der Akademien oder der anderen königlichen Familien waren alle genauso pompös, doch dieser Flieger hier hatte etwas, was die anderen nicht hatten: Fallschirme! Im Grunde war das mein Plan, ich würde mit einem Fallschirm abspringen. Das hörte sich im ersten Moment zwar nicht so spektakulär an, wie man vielleicht meinen wollte, doch wann man die Tatsache hinzunahm, dass ein Absprung aus einem Flugzeug auf Reisehöhe ohne passende Ausrüstung blanker Selbstmord war, sah das ganze schon anders aus. Die Luft so weit oben war zu kalt und zu dünn, sodass man ohne Sauerstoffmaske besinnungslos wurde und nur noch einen bleibenden Eindruck auf der Erdoberfläche hinterlassen konnte. Auf solch einen aufschlagenden Moment konnte ich getrost verzichten, also musste ich irgendwie das Flugzeug dazu bringen, tiefer zu fliegen. Nichts leichter als das! Ich streckte mich erneut und nahm Becher und Tablett in die Hand. Showtime! >>Daphne, du warst sehr nett zu mir und deshalb möchte ich dir sagen, dass es mir schrecklich leid tut! << sagte ich zu der Wächterin mit gegenüber. Diese runzelte fragend die Stirn. >>Was tut dir...<< KLATSCH! Das Tablett, welches ich ihr mit Schmackes ins Gesicht gepfeffert hatte, war Antwort genug. Gleichzeitig kippte ich Ivan rechts von mit den Kaffee ins Gesicht, welcher ihn schreiend aufspringen ließ. Der Kaffee war also noch heiß genug gewesen, stellte ich zufrieden fest, bevor ich ebenfalls aufsprang und den Wächter zu mir ran zog. Mit links griff ich nach der Pistole in seinem Schulterholster, bevor ich ihm mit rechts einen heftigen Schlag in den Bauch verpasste. Jetzt sind wir Quitt! Der Schlag katapultierte Ivan in die gegenüberliegende Sitzgruppe und verschaffte mir so etwas Platz. Mit der Pistole in der linken Hand drehte ich mich zu dem Platz um, auf dem vor einigen Sekunden noch Dimitri gesessen hatte, doch der war schon auf halbem Wege zu mir unterwegs. Dem wutverzerrten Gesicht nach zu urteilen, war er alles andere als begeistert von mir. Vielleicht war er ja wütend genug, dass er mich aus dem Flugzeug warf? Allerdings bezweifelte ich, dass wenn es so kommen würde, er mich vorher einen Fallschirm mitnehmen ließ. Konzentriere dich Rose! Ermahnte ich mich selbst, in so einem Moment durfte ich nicht abschweifen! Ich schoss. Ein Mündungsknall nach dem anderen ertönte, bis ich das gesamte Magazin auf die kleinen runden Fenster abgefeuert hatte. Sofort bildeten sich Risse in dem Glas und mit einem gewaltigen Krachen zerbarsten die Fenster und im Flugzeug brach das Chaos aus. Der plötzliche Druckabfall in der Kabine, als alle Luft aus dem Flugzeug gesogen wurde, riss mich und alle anderen von den Füßen. Erst jetzt fiel mir siedend heiß ein, dass vielleicht sogar die gesamte Bordwand wegreißen könnte, was alle Insassen in den sicheren Tod hätte stürzen können. Doch noch hielt die Wand, aber wer weiß wie lange sie das noch tat. Der Pilot, dessen Cockpit sich dank der blinkenden Lichter und piepsenden Warnsignale, in eine Disko verwandelt haben musste, reagierte sofort und jagte den Jet im Sturzflug Richtung Boden, um den Druckausgleich zu beschleunigen und einen Platz zum Notlanden zu finden. Obwohl ich mich verzweifelt in die Lehne eines Sessels gekrallt hatte, konnte ich es nicht verhindern, dass ich wie eine Flocke in einer Schneekugel hin und her schlug, die von einem kleinen Kind wie wild geschüttelt wurde. Die Sauerstoffmasken waren herunter geklappt und schlugen mir unablässig ins Gesicht. Angestrengt hangelte ich mich die Sitze hinauf in Richtung des Schranks, in dem ich die Fallschirme vermutete. Dabei kämpfte ich gegen den Sog, der alle Kleinteile aus dem Flugzeug schleuderte und der Beschleunigung des Sinkflugs. Mittlerweile gefiel mir mein Plan dann doch nicht mehr so gut, wie er es noch am Anfang getan hatte. Allen anderen in diesem Flieger ging es wohl ebenso. Das flaue Gefühl im Magen, verursacht durch den Sturzflug, raubte mir schier den Atem...nicht dass noch genug sauerstoffhaltige Luft im Inneren da war. Ich musste mir sogar kurzzeitig eine der Masken aufsetzten, damit ich nicht das Bewusstsein verlor. Endlich erreichte ich den Schrank und öffnete die Tür vorsichtig, damit sie mir nicht ins Gesicht knallte. Innen sah ich vier Rucksäcke, die alle einen Fallschirm enthielten. Ich griff hinein und wollte gerade einen dieser Rucksäcke zu mir holen, da zog mich ein Ruck an meinem Fuß nach unten und der Rucksack entglitt meinen Fingern und wurde sogleich von dem Sog erfasst und durch ein Fenster nach draußen gefegt. Na toll, da hätte ich jetzt dran hängen sollen! Ich sah nach unten, um heraus zu finden, was mich abgelenkt hatte und sah Dimitri, der unter mir an einem Sitz hing und mein Bein gepackt hielt. Das war doch jetzt nicht sein verdammter Ernst! Konnte er mich denn nicht einmal eine Sekunde in Ruhe lassen? Langsam ging mir dieser Typ echt auf die Nerven! Immer wieder trat ich nach ihm, um seinen Griff zu lösen, doch er ignorierte meine Befreiungsversuche mit einem grimmigen Gesichtsausdruck und zog sich immer näher an mich ran. Fluchend versuchte ich ihn abzuschütteln, da ich mich aber mit rechts festhalten musste, gelang mir das nur schlecht. Verbissen rangen wir mit einander, doch irgendwann musste ich einsehen, dass ich diesen Kampf verlieren würde. Dimitri schob seinen massiven Körper auf mich drauf und umklammerte mich. Selbst als ich ihm in den Arm biss, ließ er nicht los, sondern holte mit der anderen Hand einen schmalen Gegenstand aus seinem Mantel hervor. Zu spät erkannte ich, dass es eine Injektionsnadel war.  Er rahmte mir die Spritze in meinen Oberarm, leider meinen linken, und sofort merkte ich, wie mein Körper erschlaffte. Hatte Dimitri mir gerade wirklich ein Betäubungsmittel verabreicht? Das war doch nicht fair! Immer enger wurde mein Blickfeld, bis ich nur noch seine strahlenden Augen sah, die unverwandt in meine blickten. Dann verlor ich das Bewusstsein.

>>Ja, ich melde mich wieder, wenn wir da sind!<< Erschöpft legte Dimitri auf und nahm den Kopfhörer seiner Freisprecheinrichtung aus dem Ohr. Nur ungern telefonierte er während der Fahrt und wenn es dann auch noch so ein unangenehmes Gespräch war, hellte es seine Laune nicht unbedingt auf. Doch er hatte Lissa nun einmal anrufen und ihr erklären müssen, warum er einige Stunden später als geplant und dann noch mit einem Auto ankommen würde. Von der Sache mit ihrem Flugzeug ganz zu schweigen! Als Lissa erfahren hatte, dass ihr Privatjet notlanden musste und in der nächsten Zeit nicht zu gebrauchen war, wäre sie fast ausgerastet. Dimitri war sich sicher, dass er beim Telefonat nur so gut weg gekommen war, weil Lissa ihn als Teil ihrer Familie betrachtete. Lissa war sonst der reinste Engel. Sie war geduldig, aufmerksam und immer nett, doch wenn sie wütend wurde, schlotterten selbst dem Teufel persönlich die behaarten Hufe, da war sich Dimitri sicher. So aber hatte sie sich im letzten Moment zusammengerissen und nur kühl behauptet, dass sie sich auf seinen ausführlichen Bericht zu dieser Situation freue. Davor graute es Dimitri schon, denn er hatte keine große Lust, diesen Höllenflug noch einmal Review passieren so lassen. Er war schon immer ein gottesfürchtiger Menschen gewesen, vor allem nachdem Lissa ihn von den Strigoi zurück geholt und ihm seine Seele wiedergegeben hatte, war er oft andächtig in der Kirche anzutreffen. Doch bei diesem Flug war es das erste Mal in seinem Leben vorgekommen, dass er lautstark zu Gott gebeten hatte, seine schützende Hand über ihn zu legen. Nach dem er Rose betäubt hatte, hatte er sie zwischen sich und einen Sitz eingeklemmt und sich krampfhaft festgehalten, während das Flugzeug wie ein Stein an Höhe verloren hatte. Das Tosen, mit dem die Luft aus den kaputten Fenstern ins Freie gezogen worden war, würde er so schnell nicht mehr vergessen! Kurz warf er einen Blick zu Rose, die immer noch schlafend auf dem Beifahrersitz lag. Vorsichtshalber hatte Dimitri ihr Hände und Füße gefesselt und im Wagen fixiert. Auch die übrigen Wächter hatte er zurück gelassen. Es reichte, wenn er für das Chaos, das Rose angerichtet hatte, zur Verantwortung gezogen wurde. Außerdem wurde so keiner seiner alten Freunde weiter verletzt. Ivan zum Beispiel war mit Verbrühungen im Gesicht und massiven Prellungen im Bauchbereich ins Krankenhaus gebracht worden. Seine Knöchel traten weiß hervor, so fest klammerte sich Dimitri an das Lenkrad. Er hätte es wissen müssen, er hätte Rose nicht ungefesselt lassen dürfen! Er war sich im klaren, dass dieses Desaster allein seine Schuld war. Er war seinen romantischen Gefühlen erlegen und hatte Rose abermals unterschätzt. Das durfte ihn nicht noch einmal passieren, schwor er sich. Von Anfang an war ihm ihr plötzlich so freundliches Verhalten komisch vorgekommen. Hatte sie auf der Fahrt zum Flugplatz noch jede Gelegenheit genutzt, sie zu nerven und Unruhe zu verbreiten, was sogar so weit gegangen war, dass er sie lieber in den Kofferraum gesteckt hatte, weil er nicht gewusst hatte, ob er sich sonst noch beherrschen gekonnt hätte, so ausgewechselt war sie im Flieger gewesen. Vollkommen ruhig und lieb hatte sie auf ihrem Platz gesessen, Filme geguckt und hatte sich sogar etwas mit Daphne unterhalten. Sie hatte wie früher ausgesehen, so unschuldig. Wieder glitt sein Blick von der Straße zu ihr. Auch jetzt sah sie so friedlich aus, dass er für einen Moment wieder nicht glauben konnte, dass sie eine Auftragsmörderin sein sollte. Dimitri schüttelte den Kopf und konzentrierte sich wieder auf die Straße. Doch es dauerte nicht lange und seine Gedanken drifteten wieder zu Rose. Was hatte sie nur erlebt, dass sie sich so sehr verändert hatte? Nicht nur ihr Verhalten war anders, auch ihr Körper hatte sich verändert. Die silberne Rose, die sie sich hatte tätowieren lassen und ihr rechter Arm, der komplett aus diesem matten Metall war....Alles das war für Dimitri ein Zeichen, dass Rose etwas heftiges zu gestoßen sein muss. Der Schmerz, der in ihren Augen lag, hatte ihn fast zur Verzweiflung gebracht. Am liebsten wäre er zu ihr hingegangen und hätte diesen Schmerz von ihr genommen, doch das konnte er nicht, schon gar nicht, wenn Rose ihn nicht an sich ran ließ. Mit einer Hand fuhr sich Dmitri durch seine langen Haare. Es war egal, was ihr passiert war, was sie verletzt hatte, letztendlich war er nicht bei ihr gewesen. Er hatte sie nicht beschützt und das würde er sich nie verzeihen! Er verlagerte sein Gewicht in dem Sitz etwas und verzog schmerzerfüllt das Gesicht. Als er mit der linken Hand kurz über den Verband an seiner Seite fuhr, färbten sich seine Finger leicht rot. Die Naht war bei dem Flug, oder vielmehr dem kontrollierten Absturz, wieder aufgegangen, als er im Flieger hin und her geschleudert worden war. Doch es waren nur noch etwa anderthalb Stunden bis sie am Königshof waren. So lange würde er es aushalten können, befand Dimitri. Fieberhaft überlegte er, was er mit Rose anstellen sollte, wie er sich ihr gegenüber verhalten sollte. Er liebte sie immer noch, wie wahnsinnig. Dessen war er sich immer bewusst gewesen, doch als er sie nach so langer Zeit wiedergesehen hatte, da war es, als hätten ihn seine Gefühle wie einen Zug erfasst und mitgeschleift. Es würde nicht einfach werden, sie zurück zu gewinnen, doch bei Rose war es noch nie einfach gewesen! Ein leises Stöhnen ließ Dimitri aus seinen Gedanken hochfahren. Rose war dabei aufzuwachen. Schwach hob diese den Kopf, schaute nach vorne durch die Windschutzscheibe und drehte sich dann langsam zu ihm um. Als sie ihn sah, seufzte sie genervt und ließ den Kopf wieder sinken. Sie bewegte sich ein wenig, was ihre Fesseln zum Klirren brachte. >>Mal ganz ehrlich, stehst du auf Fesselspiele? << fragte sie ihn und drehte sich wieder zu ihm um. Dimitri warf ihr einen kurzen Blick zu, bevor er wieder nach vorne schaute. >>Die wären nicht nötig, wenn du dich an dein Versprechen halten würdest. << gab er vorwurfsvoll zurück. Er hatte ihr wirklich geglaubt, dass sie sich benehmen würde! Rose lachte leise. >>Du hast mir das echt abgenommen? Dass ich brav warte, bis ihr mich vor die Königin gezerrt habt? Du hättest es besser wissen sollen! << Ja, das hätte er wohl. Dimitri war stolz darauf, dass er sich unter Kontrolle hatte und in jeder Situation mit gottesgleicher Ruhe wusste, was er zu tun hatte. Doch bei dieser Frau gab es keine Kontrolle, keine Ruhe. So war es schon immer gewesen. Es war, als würde sie alle seine unterdrückten Begierden und Emotionen anfachen, bis diese aus ihm herausbrachen und ihn durchdrehen ließen. Seine Mutter hatte ihm einst gesagt, dass man das Liebe nannte. >>Bist du okay? << erkundigte sich Dimitri bei ihr, er hatte Sorgen, dass sie das Mittel, das er ihr zur Betäubung gegeben hatte, nicht gut verkraftet hatte. Gleichwohl hatte er eine zweite Dosis bei sich, für alle Fälle. >>Kopfschmerzen, aber nur leicht. Etwas Schwindel, nichts was ich nicht gewohnt bin! Erst hatte ich etwas Panik, doch als ich dann die Handschellen gesehen habe, hat mich das wieder beruhigt! Ich dachte schon ich wäre wieder Herrin über mich und mein Schicksal, das wäre ja fatal gewesen! << sagte sie sarkastisch. Dimitri schmunzelte. Ja, das wäre in der Tat sehr fatal gewesen. Er hörte, wie sich Rose aufsetzte und ihren Sitz in eine aufrechte Position brachte. >>Was war das für ein Zeug, dass du mir gespritzt hast? Da kommt man sicher nicht so leicht dran, oder? << Er zuckte mit den Schultern. Er wusste nicht was für ein "Zeug" das war. Ivan hatte es ihm, nach dem ersten Aufeinandertreffen mit Rose gegeben und der kam an fast alles ran. >>Ich habe keine Ahnung. << erwiderte er zu Rose. >>Schade!<< Sie klang wirklich etwas geknickt. Was interessierte sie den dieses Mittel so sehr? Ihr Interesse konnte er nicht nachvollziehen, sie hatte schließlich dringendere Dinge, übe die sie nachdenken sollte! Dimitri ordnete diese Frage in der Kategorie: "Versteht man nur wenn man Rosemarie Hathaway heißt" ein und verwarf die Sache. Eine Zeit lang saßen sie nur still neben einander. >>Du kannst gerne das Radio anmachen! << brach Rose irgendwann das Schweigen. Er sah sie an, sie erwiderte seinen Blick mit einer Unschuldsmiene. >>Danke, aber von Musik habe ich erst einmal genug. << Er würde ihr doch nicht schon wieder eine Gelegenheit geben, ihn wahnsinnig zu machen. >> Schade, ich hätte gern noch etwas zum besten gegeben! << sagte sie frech. >>Ich habe noch Klebeband im Kofferraum! << Das war das einzige, was Dimitri darauf erwiderte. Schweigen. >>Ich muss mal! << brach es irgendwann aus ihr hinaus. Dimitri schloss kurz die Augen und versuchte sich zu sammeln, doch wie immer, wenn Rose in seiner Nähe war, war sein innerer Rückzugsort nicht aufzufinden. Er atmete einmal tief ein und wieder aus, bevor er, so ruhig wie möglich, sagte. >>Rose, könnest du das bitte lassen? Es ist schon anstrengend genug hier zu sitzen und zu fahren, auch ohne deine Sticheleien oder deine Versuche abzuhauen. Bitte, wenn du nicht an einem ernsthaften Gespräch interessiert bist, ist das okay, aber sei dann bitte so nett und sei still, ja? << Für einen Moment blieb sie wirklich still. Gerne hätte Dimitri jetzt ihr Gesicht gesehen, doch er guckte lieber starr geradeaus. Er wollte nicht, dass sie sah, wie schwer es ihm fiel, ruhig zu bleiben. Am liebsten hätte er sie mit Fragen gelöchert, sie in den Arm genommen und stürmisch geküsst, aber ersteres musste warten, bis sie bei Lissa waren und letzteres würde sie wohl nicht zulassen. >>Na gut, dann unterhalten wir uns eben ernsthaft! << schoss es wütend aus ihr heraus. >>Warum zum Teufel lasst ihr mich nicht in Ruhe? << Diese Frage überraschte Dimitri. >> Das soll eine ernsthafte Frage sein, Rose? Wie wäre es damit, dass du Leute umbringst? Reicht dir das als Grund? Oder die Tatsache, dass du wieder einmal einfach abgehauen
bist und Lissa und mich zurück gelassen hast! << Rose lachte auf. >>Pah, seit wann schert es euch, was draußen, in der realen Welt, vor sich geht? Ihr sitzt doch alle in eurem Elfenbeinturm und heult euch darüber aus, wie gefährlich die Welt doch ist, während ihr es vermeidet überhaupt einen Fuß in sie zu setzen. Und ich habe euch nicht zurück gelassen! << Jetzt merkte auch Dimitri, wie er langsam aber sicher zornig wurde. Das war doch nicht seine Rose, die da sprach. >>Ich weiß sehr wohl, wie es in der Welt aussieht, Rose! Und Lissa ist es nicht egal, was da draußen passiert und schon gar nicht ist es ihr egal, wenn ihre beste Freundin verschwindet, nur um für Geld Leute zu töten! Und du bist gegangen, nicht ich oder Lissa, also rede dir selbst nicht ein, dass du uns nicht zurück gelassen hast, das hast du nämlich! Du nennst uns Egoisten und denkst dabei nur an dich selbst! << Er sah aus dem Augenwinkel, wie Rose ihren Mund schon geöffnet hatte, um etwas zu antworten, ihn dann doch aber unverrichteter Dinge schloss. Sie schüttelte nur den Kopf. Auch das war etwas Neues. Nie hätte Dimitri geglaubt, das Rose nicht das letzte Wort zu einem Streitthema hatte. Die Zeit musste sie sehr verändert haben! Erneut herrschte Stille zwischen den beiden und es dauerte nicht lange, da bog Dimitri in die Einfahrt zum Gelände des Königshofs ab. Er aktivierte die Wahlwiederholung mit einem Druck auf den entsprechenden Knopf an seinem Lenkrad und steckte sich den Kopfhörer ins Ohr. >>Ja? << vernahm er Lissa glockenhelle Stimme. >>Wir sind gleich da! << Informierte Dimitri sie. >>Na endlich, ich werde die Wachen am Tor in Kenntnis setzen und alles Weitere in die Wege leiten! Gab es Komplikationen? << Wollte sie wissen. Dimitri verneinte und verabschiedete sich dann von Lissa. Rose hatte das Telefonat nur stumm verfolgt und äußerte sich auch jetzt nicht, wo er aufgelegt hatte. Sie schien zu wissen, was sie erwartete. Kurze Zeit später hielt er vor dem Tor, das der Eingang in eine eigene kleine Welt war. Die Wächter dort hatten ihn bereits erwartet und winkten ihn durch das geöffnete Tor hindurch, ohne sich groß über seine Fracht zu scheren. Er fuhr die Einfahrt hinauf und bog an der Kreuzung rechts ab, in Richtung des Hauptquartiers der Wächter. Dort fuhr er die Rampe zur Tiefgarage hinab und hielt in einer Parklücke. Sechs Wächter standen dort bereits und näherten sich dem Wagen, als dieser angehalten war. Dimitri zog den Schlüssel ab und wandte sich an Rose. >>Es tut mir leid, dass dein Besuch hier unter solchen Umständen von Statten geht, aber um deinetwillen, bitte, benimm dich anständig! << Rose zuckte mit der Augenbraue. >>Nichts anderes hatte ich vor! << gab sie verächtlich zurück. Dimitri stieg seufzend aus. Er glaubte ihr keine Sekunde, dass sie sich benehmen würde, was sie wie immer in Schwierigkeiten bringen würde. Mit dieser Frau war es doch immer das Gleiche! Er warf den Schlüssel für die Handschellen einer Wächterin zu, die an der Beifahrertür stand und nun die Schellen löste, die Rose am Wagen festgebunden hatten. Ein anderer Wächter stand bereits mit weiteren Fesseln bereit. Rose wurde ein breiter Ledergurt um die Hüfte gelegt, der vorne einen metallenen Ring hatte, durch den eine Kette verlief, der ihre Hand- und Fußfesseln mit einander verband. So konnte sie nur kleine Schritte machen und während des Gehens nicht die Arme anheben. Nach Dimitris Geschmack etwas zu viel des Guten, doch er würde nicht einschreiten, Rose war selbst schuld daran, wie man sie behandelte. Umringt von Wächtern wurde sie nun durch die Katakomben zu dem Gebäude geführt, in dem die Residenz der Königin lag. Zwar hätten sie auch an der Oberfläche gehen können, doch so sah zu mindestens außer den Wächtern niemand anderes Rose und das war erst einmal das Beste, fand Dimitri. Lissa wollte nicht, dass zu früh bekannt wurde, das Rose hier war und unter welchen Umständen ihr Besuch hier stattfand. Schließlich hatte sie zugesagt, den Mörder von Natalia Voda mit aller Härte zu bestrafen, ein Vorsatz, der nun ins Wanken geraten war, nun da Lissa wusste, dass ihre ehemals beste Freundin dieser Mörder zu sein schien. Ihre Schritte hallten von den Wänden des Ganges wieder, sonst gab es keine Geräusche während ihres Marschs. Irgendwann erreichten sie den Aufstieg und fanden sich in der Nähe der königlichen Gemächer wieder. Einige Flure später standen sie vor der großen Doppeltür, vor der zwei Wächter der Königsgarde standen und sie interessiert musterten. >>Ihre Majestät erwartet Sie schon! << sagte der Linke von den Beiden und öffnete die Tür hinter ihm. Dimitri packte Rose leicht an der Schulter und schob sie sanft durch die Tür. Rose schien nicht wirklich erpicht darauf zu sein, die Türschwelle zu überschreiten, denn sie leistete etwas Widertand. So gefesselt wie sie jedoch war, fiel dieser eher gering aus, sodass Dimitri sie dann doch noch vorwärts schieben konnte. Die anderen Wächter blieben draußen. Die Tür schloss sich hinter ihnen und Dimitri schaute über Rose hinweg in den Salon. Dort auf einer langen Coach saß bereits Lissa, zusammen mit Christian. Janine stand hinter ihnen, ihr Gesicht eine ausdruckslose Maske. Adrian Ivashkov stand an einem kleinen Tisch an der Seite des Raums und goss sich anscheinend einen Drink ein. >>Hallo, Rose. << begrüßte Lissa sie und es war so, als könnte Dimitri einen leicht nervösen Ton aus der Stimme seiner Königin heraushören. Er konnte es nachvollziehen, auch sein Herz pochte wie wild in seiner Brust. Rose war wieder zu Hause, wieder bei ihm und nun würden sie hoffentlich eine Menge Antworten erhalten. >>Setz dich, bitte! << sagte Lissa und wies auf den Sessel, der der Coach gegenüberstand. Da Rose keinerlei Anstalten machte, sich zu bewegen, war es wieder an Dimitri sie dort hin zu verfrachten und in den Sessel zu drücken. Er ließ seine linke Hand auf ihrer Schulter ruhen, als er sich hinter ihr positionierte. Jetzt konnte das Verhör beginnen!
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