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Vampire Academy-Die silberne Hand

von Alvadas
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Dimitri Belikov Rosemarie "Rose" Hathaway Vasilisa "Lissa" Dragomir
27.01.2019
24.03.2019
9
180.450
18
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Dieses Kapitel
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02.02.2019 10.020
 
Kapitel 5

Istanbul, zwei Wochen später

Die letzten Tage waren vergangen wie im Flug. Ich hatte meine Drohung wahrgemacht und hatte mir einen kurzen Urlaub gegönnt. Dabei war ich für ein paar Tage zu meinem Dad gefahren und hatte auf seinem Anwesen etwas relaxt. Im Nachhinein stellte sich diese Idee als einer meiner berüchtigten Geistesblitze heraus, denn selten war ich so entspannt gewesen wie in dieser Zeit. Fast schon wehmütig dachte ich an meinen Urlaub, auch wenn er erst eine Woche her war. Ich hatte beschlossen so etwas öfters zu machen, was ganz im Sinne meines Dads gewesen war. Er hatte kaum eine Gelegenheit ausgelassen, sich darüber zu beschweren, dass er mich so selten sah. Ich hatte fast ein schlechtes Gewissen bekommen...Naja, nun war mein Urlaub erst einmal Vergangenheit und ich wieder zurück in Istanbul, wo ich meinen Alltag aufgenommen hatte. Mit Sport und Uni und so. Ich hatte auch etwas Zeit gefunden meinem offiziellen Beruf nachzugehen. Offiziell war Maryam Mazur, so nannte ich mich momentan, freiberufliche Datenanalystin. Natürlich war ich auf diesem Job nicht angewiesen, mit meinen Aufträgen als Killer verdiente ich mehr als genug Geld, doch auch ich musste Steuern zahlen und da sich "Profikiller" in keiner Steuererklärung so wirklich hervortat, spielte ich dem Finanzamt und dem Rest der Welt eben ein Schnippchen. Im Grunde tat ich in meinem Beruf nichts anderes als Daten auszuwerten, die mir irgendjemand schickte. Meistens waren es langweilige Marketingumfragen und so ein Kram. Da ich freiberuflich war, konnte ich mir meine Aufträge selbst aussuchen und konnte darüber hinaus von zu Hause aus arbeiten! Ich nahm nicht mehr als ein oder zwei echte Aufträge im Monat an, um bei einer Überprüfung auch echte Reverenzen und Kontakte nachweisen zu können. Den Rest meiner Kapazität belegte eine Scheinfirma von Bülent, über die er mir einen Teil meines Geldes jeden Monat überwies, sodass ich meine Miete und alles bezahlen konnte, während der größte Teil des Geldes auf diverse Schwarzgeldkonten wanderte. Da ich erst einen Job für Bülent über die Bühne gebracht hatte, hatte ich dem alten Moroi berichtet, dass ich erst mal eine kleine Pause einlegen wolle. Deshalb saß ich nun in meiner Küche vor meinem Laptop und analysierte die Daten einer Werbeagentur, während ich zu dem Klang von Lady Gagas "Bad Romance" aus meinen Kopfhörern sang. Wäre neben mir noch jemand anwesend, hätte dieser meinen Gesang vielleicht schief und verstörend nennen können, da ich aber alleine war, war er natürlich engelsgleich und betörend. Ich fühlte mich gut. Ich hatte Geld, ich hatte Pillen und keine Muße mein Leben zu riskieren, um ein anderes zu nehmen. Was brauchte es mehr? Ich hätte wissen müssen, dass das Universum mein Maß an Harmonie nun als voll betrachtete und zu seinem sonstigen chaotischen Zustand zurückstrebte. Denn als ich gerade aus vollem Halse den Refrain trällerte, ploppte eine Nachricht auf meinem Display über eine neuen Eingang in meinem Email-Postfach auf. >>Nein, Bülent! << schrie ich. Ich war mir sicher, dass es seine Nachricht war, denn mein Dad hatte seine regelmäßige Dosis Rose schon erhalten und würde sich erst in einigen Tagen entrüstet  melden, dass ich ihn wieder einmal vergessen hatte. Nein, es musste Bülent sein! Erst wollte ich die Email gar nicht öffnen, doch dann siegte wie immer meine Neugier. Ich konnte ja immer noch absagen, nachdem ich die Nachricht gelesen hatte. Ich speicherte meine Arbeit vorsorglich, ein Gefühl sagte mir, dass ich sie nicht sobald fortsetzen würde. Ich wechselte zu meinem Email-Postfach und siehe da: Eine Nachricht von Bülent. Wie immer kurz gefasst und ohne einen einzigen vollständigen Satz schrieb er: >>G. Dringende Anfrage. möglicher Exklusiv-Auftrag. Persönliches Treffen gefordert. Interesse?. B. << Ich ärgerte mich einen Moment über mich selbst. Ich wusste doch, dass ich, wenn ich erst mal eine Email meines Vermittlers geöffnet hatte, viel zu neugierig war, um nicht zu antworten. Sicher baute Bülent darauf und lachte sich in diesem Moment ins Fäustchen, als ich ihm antwortete. >>B. Persönliches Treffen? Üblich? Mögliches Interesse. G <<. Exklusive Aufträge, in denen der Auftraggeber einen bestimmten Mann, oder in diesem Fall Frau, wollte, waren nicht selten, auch wenn meine Kollegen und ich in der Regel versuchten, nicht allzu auffällig zu sein. Dennoch blieb es nicht aus, dass sich Geschichten und Gerüchte bildeten. Da waren Killer leider keine Ausnahme, sie waren genauso große Klatschtanten wie Seemänner und Nachbarinnen. Ich hatte jedoch noch nie gehört, dass ein Auftraggeber denjenigen vorher persönlich kennenlernen wollte, der seinen Job übernehmen sollte. Die meisten wollten mit uns nichts zu tun haben, ihnen reichte es, wenn der Job erledigt wurde. Wahrscheinlich kamen diese Kerle sogar zu der Beerdigung des Opfers und sprachen dessen Angehörigen ihr tiefstes Beileid aus. Seele und Gewissen rein wie Pulverschnee. Ich wusste nicht, ob ich meine Auftraggeber kennenlernen wollte. Meine Anonymität gefiel mir ganz gut, genauso wie es mir gefiel, wie der Vorgang meiner Aufträge ablief. Es war leicht, wenn man einfach nur einen Namen bekam und hinterher sein Geld kriegte, ohne allzu viele menschliche Komponenten dazwischen. Dass ruinierte die Professionalität. Aber irgendwie reizte es mich auch wieder, die kalte seriöse Profikillerin zu mimen. Und mal ehrlich? Wenn schmeichelte es nicht, wenn man persönlich von jemanden mit Geld und Macht angefordert wurde? Es war ein bisschen wie einen Superstar zur Geburtstagsfeier einzuladen. Eine Verschwendung, klar, aber cool. SOOO COOOOL.  Endlich bekam ich eine Antwort von Bülent. >>G. Persönliches Treffen selten, aber akzeptabel. Halbes Gehalt bereits erhalten. Interesse bestätigt? B. << Kurz liefen die Dollarzeichen in meinen Augen auf und ab wie bei einem einarmigen Banditen. Der Kerl überwies mir die Hälfte meines stattlichen Gehalts im Voraus, nur um mich zu sehen? Der Typ musste echt Asche haben, dachte ich mir. >> B. Interesse bestätigt. G. << schrieb ich. Ja, ich wollte diesen Auftraggeber treffen! Auch wenn ich mir nicht sicher war, ob ich schon wieder einen Job annehmen wollte, so schuldete ich ihm dennoch wenigstens ihm zuzuhören, wenn er schon dafür zahlte. Ich konnte schließlich immer noch ablehnen und das Geld trotzdem behalten. So etwas war in meiner Branche üblich, da gab es keine Rückerstattung oder einen Umtausch. Mit einem weiteren "Plopp" erhielt ich die genauen Daten des Treffens. Ich hatte schon vorher gewusst, dass es hier in Istanbul stattfinden würde. So hatte ich den Heimvorteil und Bülent würde ebenfalls ein Auge auf mich haben, da war ich mir sicher. Noch hatte ich einige Tage Zeit, um mich vorzubereiten. Hatte ich was passendes zum Anziehen? Überlegte ich. Bestimmt würde ich etwas schickes in einen meiner Lieblingsläden finden! Schließlich wollte ich einen guten Eindruck hinterlassen! Nun war ich aufgeregt. Eigentlich hätte ich jetzt meine Analyse fortsetzen können, doch als ich auf die Ansammlung von Tabellen und Statistiken sah, die mich erwartete, klappte ich den Laptop zu. >> Ihr lauft mir ja nicht weg! << sagte ich zu ihnen und drehte die Musik auf.  



Am Freitag war es dann soweit. Mein erstes Treffen mit einen meiner Auftragsgeber war heute. Komischer Weise war ich etwas nervös, schließlich war ich es nicht gewohnt, mich verkaufen zu müssen. Ich hatte dennoch beschlossen, optimistisch an das Treffen ran zu gehen. Ich hatte Kleidung angezogen, die ich auch bei einem Job tragen würde und hatte mir mein Haar hochgesteckt, sodass man meine Molnija-Zeichen sehen konnte, die meinen gesamten Nacken bedeckten. Ich zog meine Handschuhe an, stopfte mein Kopftuch in meine Jackentasche und schnappte mir meinen Pflock. Erst wollte ich schon gehen, doch dann zögerte ich. Schließlich ging ich noch einmal zurück und holte meine Pistole und ein Reservemagazin. Ich wollte optimistisch an die Sache ran gehen, nicht naiv. Das Treffen war kein Date oder ein Vorstellungsgespräch, es ging um einen Auftragsmord, da sollte ich nicht zu unbesorgt vorgehen. Der Typ, der mich treffen wollte, wollte ein Leben beendet sehen, warum sollte er also auch vor Gewalt mir gegenüber zurückschrecken? Ich verließ meine Wohnung und fuhr mit der Fähre in den Teil Istanbuls, der auf dem europäischen Kontinent saß. Ein kleines Cafe war für das Treffen am frühen Abend vorgesehen. Ich fand es ohne Probleme und setzte mich an den vereinbarten Tisch. Er stand günstig genug, sodass ich den Eingang und den gesamten Raum überblicken konnte ohne selbst sofort aufzufallen. Ich bestellte mir einen Tee und blätterte in einem Modemagazin, dass irgendjemand hier hatte liegen lassen. Immer wieder kamen und gingen Gäste in dem Cafe, doch niemand von denen schien sich groß für mich zu interessieren und auch ich stufte die Personen alle durchweg als harmlos ein. >> Jetzt hör doch auf zu jucken!<< beschwerte ich mich bei mir selbst gereizt. Meine Rosen-Tätowierung brannte wie Feuer und ich konnte nur schwer dem Drang wiederstehen, sie mit der Serviette abzuscheuern. Ich hatte sie vorsorglich übergeschminkt, denn sie war doch etwas zu auffällig und ein klares Identifikationsmerkmal. Natürlich könnte man jetzt aufführen, dass ein silbernes Tattoo im Gesicht nicht gerade dem Job einer unauffälligen Attentäterin zur Gute kam, doch ich trug die Rose nicht zum Spaß auf meiner Wange. Schon allein die Tatsache, dass es eine Rose war, sagte ja schon alles! Hätte ich mir das Motiv aussuchen können, dann wäre es definitiv keine Blume geworden! Ich hätte irgendetwas Cooles gewählt, wie einen Wolf, einen Totenkopf oder ein asiatisches Schriftzeichen. Da ich aber bei der Entscheidung in einem Stadium gewesen war, den Mediziner allgemein hin als Hirntod bezeichneten, war es an meinem Dad gewesen, sich etwas auszusuchen. Das Resultat musste ich nun jeden Morgen im Spiegel sehen. Danke, Dad! Gleich als ich wieder in der Lage war mich zu artikulieren ohne dabei großzügig einen Liter Sabber in meiner Umgebung zu verteilen, hatte ich mich lautstark bei ihm über diese...Verunstaltung beschwert. Er hatte daraufhin nur mit den Schultern gezuckt und trocken bemerkt, dass er sie mir auch alternativ auf die Stirn hätte kleben können, wenn ich wollte, dass der Zauber wirkte. Da war mir die Wange doch etwas lieber gewesen, schließlich wollte ich nicht wie ein Zyklop aussehen oder der Typ aus Dragonball mit den drei Augen...

Der Zauber in dem Tattoo war es auch, der nun wie Hölle juckte und so auch verhinderte, dass ich das Tattoo generell immer abdeckte. Ich hatte es mal versucht und hatte mir fast die Wange aufgekratzt, als ich die Schminke mit bloßen Händen wieder abgewischt hatte, weil mich das Brennen nach vier Stunden einfach wahnsinnig gemacht hatte. Mein Vater hatte irgendeinen mystischen Quatsch abgelassen,  von der Zauber müsse wahrgenommen werden um richtig zu wirken. Bla....Ich liebte meinen Dad, doch immer wenn er über Magie, insbesondere über die magischen Tätowierungen der Alchemisten, sprach, könnte ich ihn links und rechts saftig ohrfeigen. Er hatte dann immer so ein Glitzern in seinen Augen und redete, als würde es um eine zarte Jungfrau gehen und nicht um diesen Hokuspokus. Zwar steckte mittlerweile eine ganze Menge Magie in meinem Körper, aber lieben musste ich sie deshalb noch lange nicht, oder? Mir waren die handfesten Dinge des Lebens lieber, wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Trotzdem war ich dankbar für den Zauber der Tätowierung. Reines Silber und das Blut zweier mächtiger Moroi, von denen einer mein Dad war, hatte es bedurft, um diese Magie zu erschaffen, die mich nicht nur vor jeglicher geistiger Einflussnahme, wie Traumsicht, Gedankenlesen und Zwang, schützte, sondern auch meinen Verstand zusammenhielt. Im Grunde konnte man es sich wie eine Vase vorstellen. Mein Verstand war einer dieser teuren, alten Ming-Vasen aus China, auf der man oft und beherzt mit dem Hammer geschlagen hatte. Nun konnte man die Bruchstücke wiederzusammen setzen, doch wollte man wieder eine einigermaßen feste Vase, so benötigte man einen Kleber. Dieser Kleber war der Zauber der Rose auf meiner Wange! Er hielt die Stücke meines Geistes zusammen, da nahm ich das Bildnis der Rose gern im Kauf. Ich blätterte weiter in meiner Zeitung und guckte mir die neusten Trends in der Modewelt an. Irgendwann beschlich mich dann ein komisches Gefühl und ich lugte vorsichtig über den Rand meines Magazins vor mir zum Eingang. Ein Typ betrat das Cafe, schaute flüchtig zu mir und setzte sich dann an einen Tisch beim Eingang. Irgendetwas an diesem Typ ließ bei mir sämtliche Alarmglocken auf schrillen. Der Typ war ein junger Türke mit einem gepflegten Äußeren. Er trug lässige Kleidung, die dem momentan Modestyle hier in Istanbul entsprach und der ihn aussehen ließ, als wäre er gleich auf den Weg in den nächsten Club, um die Nacht durch zu machen. Doch irgendwie wirkte er falsch auf mich, ohne dass ich genaueres dazu benennen konnte. Es war einfach so ein Gefühl in meiner Magengegend und ich hatte gelernt auf dieses Bauchgefühl zu hören. Als einige Minuten ein zweiter Mann das Cafe betrat, der bei mir das gleiche Gefühl auslöste, geriet ich ein wenig in Panik, denn nun wusste ich, was mit diesen beiden los war. Sie waren Dhampire. Daran war natürlich erst mal nichts auszusetzen. Doch die beiden erinnerten mich an diese Cops aus den Filmen, die bei irgendeiner Übergabe undercover an der Zielperson vorbeijoggten. Sie versuchten zwanghaft so normal und unauffällig zu wirken, dass sie sofort herausstachen. Normalerweise hielt ich mich nicht für das Zentrum der Welt, doch mein Job hatte mich gelehrt vorsichtig und paranoid zu sein und wenn ich schon ein Treffen mit einem Auftraggeber in einem Cafe hatte, welches daraufhin von solchen Typen besucht wurde, dann nahm ich das doch persönlich. Ich war mir ziemlich sicher, dass diese Typen Wächter waren und sie waren wegen mir hier. Unauffällig sah ich mich nach einem Fluchtweg um. Im gleichen Moment kam ein türkischer Moroi in das Cafe. Er trug einen schicken Drei-Tage-Bart und hoch gegelte, dunkle Haare. Er knüpfte seinen Anzug auf, der ihm wie angegossen passte. Sicherlich, weil er maßgefertigt war. Er hatte eine große Sonnenbrille getragen, die er nun im Cafe abnahm. Lässig, als wäre es ein ganz normaler Besuch in einem Cafe, schlenderte er zu mir hinüber. >>Ich hörte ja, dass Sie gut wären, aber dass Sie allein mit ihrer Schönheit das Herz eines Mannes zum explodieren bringen können, das hat mir niemand gesagt! << sagte er mit einem gewinnenden Lächeln auf den Lippen. >>Setzen Sie doch Ihre Brille wieder auf, wenn ich Sie zu sehr blende!<< erwiderte ich. Er lachte gekünstelt. >>Darf ich mich setzen? << Ohne eine Antwort abzuwarten, schob er den freien Stuhl zurück und setzte sich. Mein Blick schweifte kurz zu den beiden Wächtern hinüber. Die beiden sahen so angestrengt überallhin nur nicht zu meinen Tisch, dass ich sofort wusste, dass diese beiden zu meinem Besuch gehörten. Sei auf der Hut, Rose! Ermahnte ich mich selbst. Irgendetwas stimmt hier nicht. Der Sunnyboy mir gegenüber war viel zu sehr bemüht mich hinzuhalten, als dass er mir einen Auftrag anbieten wollte. >>Also Sie sind die berühmte Ghost. << stellte er fest und lächelte mich an. >> Wer behauptet das? << fragte ich ihn, während ich fieberhaft überlegte, wie ich am besten aus dieser Nummer wieder raus kam. Klar, ich war bewaffnet und konnte es sicherlich mit den Wächtern aufnehmen, doch sollte ich anfangen hier herum zuschießen, würde das eine Menge Aufmerksamkeit auf mich ziehen, was ich mir nicht leisten konnte. Der Moroi indes spielte mit er Bestellkarte herum. >>Oh, ich höre so einiges, vor allem wenn es um schöne Frauen geht. Ich hörte von Ihrem Job in Bukarest vor einigen Wochen. Das war gute Arbeit! << lobte er mich. >>Danke, aber wenn es Ihnen nichts ausmacht, dann würde ich jetzt gerne zum geschäftlichen Teil dieses Treffens kommen. << verlangte ich. Vielleicht irrte ich mich und dieser Kerl war einfach ein notorischer Charmbolzen und seine beiden Wächter waren einfach nur seine Absicherung, schließlich saß er mit einer Killerin an einem Tisch, doch ich wollte hier einfach nur wieder weg. >>Ich hoffe doch, ich langweile Sie nicht. << sprach der Moroi. >>Denn ich für meinen Teil, fange an Ihre Gesellschaft zu genießen. Vielleicht wollen sie noch einen Kaffee oder ähnliches? Oder haben Sie Hunger? Ich kenne ein überragendes Restaurant hier ganz in der Nähe! Danach können wir gerne über Ihren Auftrag sprechen. << Wollte der Typ mich gerade wirklich zum Essen einladen? War das hier doch ein Date oder verwechselte er mich mit einer Escortdame? Ich fand, dass es an der Zeit war zu gehen, deshalb erhob ich mich von meinem Platz. >> Wenn Sie mich doch noch für einen Job engagieren wollen, dann wissen Sie ja, wie Sie mit meinem Vermittler in Verbindung treten können. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend! << sagte ich zu Ihm und wollte an ihm vorbei zum Ausgang gehen, doch er hielt meinen Arm fest. >> Bitte, Rose, setzen Sie sich wieder, es wäre schade, wenn meine beiden Wächter eingreifen müssten. << sagte er, seine Stimme war ernst geworden und hatte alles Schmeichelhafte verloren. >>Wie haben Sie mich gerade genannt? << wollte ich leise wissen. Hätte der Moroi nur für einen Augenblick auf meine Tonlage oder meine Mimik geachtet, dann hätte er festgestellt, dass das Eis, auf das er sich gerade gewagt hatte, hauch dünn war. Doch er ignorierte die deutlichen Warnsignale, die ich ihm sandte. Wahrscheinlich hätte mein Kopf in einem orangen Blinklicht leuchten und eine Sirene ertönen können, er hätte es wahrscheinlich auch nicht verstanden. So hielt er mich weiter fest und redete auf mich ein. >>Rose, so heißen Sie doch in Wirklichkeit nicht wahr? Ich bin hier, um Sie im Namen von Königin Vasilisa unter Arrest zu stellen und Sie in die USA zu überführen. Wir warten hier nur noch auf ein paar Leute, die Ihnen das etwas genauer erklären können. Es wäre schön, wenn Sie sich solange setzen und ruhig verhalten könnten. Ich hege keinerlei Ambitionen einer wunderschönen Frau, wie Sie es sind, Gewalt antun zu müssen. Das wäre mir sehr unangenehm! << Kurz ließ ich das Gesagte sacken. Die Königin? Ich saß wirklich tief in der Tinte, dachte ich mir. Ich wusste nicht, wie ich so hatte auffliegen können, dass es ausgerechnet die Königin mitbekommen hatte. Im Geiste notierte ich mir für später, dass ich unbedingt herausfinden musste, wie das geschehen konnte, doch erst musste ich hier weg. Da ich sowieso schon aufgeflogen war, musste ich auch niemanden mit Samthandschuhen anpacken, denn wie es aussah würde ich die Türkei für die nächste Zeit verlassen. Ich packte seine Hand mit der er mich festhielt, streckte sie und verdrehte sie so, dass er sich nach vorne beugen musste, damit sein Arm nicht brach. Gleichzeitig trat ich ihm gezielt in den Bauch. Beides, Tritt und Hebel, hatten die Folge, dass er mit seiner Nase voll auf den Tisch krachte. Ein trockenes Knacken sagte mir, dass sie gebrochen war. >>Und ich will Ihnen natürlich keine Unannehmlichkeiten bereiten! << versicherte ich ihm. Sofort standen die beiden Wächter auf und stürzten sich auf mich. Sie teilten sich auf und kamen von beiden Seiten auf mich zu. Ich wartete, bis sie nah genug waren, bevor ich dem linken den Stuhl entgegen trat, der noch zwischen uns stand. Der rechte wollte mich packen, doch ich fegte seine Hand zur Seite und konterte mit einem geraden Fauststoß gegen seinen Solarplexus, was ihm die Luft aus die Lungen presste. Ich drehte mich wieder nach links, gerade rechtzeitig, um den Schwinger des Wächters an mir vorbei ziehen zu lassen. Ich drehte mich in den Schlag hinein, packte mit links seine Hand, die an mir vorbeigeschnellt war, während ich mit der rechten unter seinen Arm griff. Ich ging unter seinen Schwerpunkt und warf ihn gekonnt über meine Schulter. Direkt in einen anderen Tisch hinein, der laut zusammenbrach. Währenddessen, hatte sich der zweite Wächter von meinem Schlag erholt und hatte scheinbar aus dem kurzen Gefecht noch keine Lehre ziehen können. So schickte ich ihn, als er wieder auf mich zukam, mit einer Folge schneller Schläge zu Boden. Ich rollte mit den Schultern und sah mich um. Moroi und Wächter lagen stöhnend am Boden und
schienen erst einmal genug zu haben, während die anderen Gäste nur schockiert zu uns sahen. Zeit für mich zu gehen, dachte ich. Ich ging zu dem Verkäufer und warf ihm das Geld für meinen Tee zu. >>Was kriegen Sie für den Tisch? << fragte ich und zeigte mit dem Daumen über meine Schulter auf die Trümmer. Doch der Kerl winkte nur ab. >> Der Typ << er zeigte auf den Moroi, der seine blutende Nase hielt. >> Er hätte Sie nicht festhalten sollen, da ist er selber schuld. Ich werde das Geld von ihm fordern! << Ich bedankte mich mit einem Lächeln und schritt aus dem Cafe. Sofort wand ich mich in die nächste Gasse und wollte so schnell wie möglich von hier verschwinden. Doch schon nach einigen Schritten stellten sich mir zwei Wächter in den Weg. Dieses Mal trugen sie ihre übliche Dienstkleidung. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie zwei Weitere mir den Rückweg versperrten. Ich seufzte. Musste das jetzt sein? Ich sah die Wächter an, sie alle schienen hier aus der Türkei zu kommen, vielleicht ließen sie ja mit sich reden. >>Also, Jungs, ich weiß ihr tut nur euren Job und so, aber ich habe jetzt echt keine Zeit für das hier. Ich bin nämlich quasi auf dem Sprung, müsst ihr wissen und naja, der Platz in meinem Koffer ist begrenzt und ich hab so viele Klamotten. Da will es gut überlegt sein, was man mitnimmt und was nicht. Stellt euch vor ich fliege irgendwo hin und muss feststellen, dass meine Handtasche nicht farblich zu meinen Schuhen passt und dass nur weil ihr mich hier aufgehalten habt...<< Ich war schon überrascht, dass sie mich soweit hatten kommen lassen in meiner Rede, doch dann schien es ihnen doch zu viel gewesen zu sein und einer der beiden Wächter vor mir trat nach vorne. >>Rosemarie Hathaway, im Namen Ihrer Majestät, Königin Vasilisa, sind Sie hier mit festgenommen! << rief er mir entgegen. Ich sah ihn nur verdattert an. WAS zum Teufel hatte ich ihm denn getan, dass er mich Rosemarie nennen musste? Hatte es vorher vielleicht noch den Hauch einer Chance gegeben, dass das hier friedlich enden konnte, so war dieser Hauch bei der Erwähnung meines vollen Namens verflogen. >>Bringen wir es hinter uns. << Sagte ich grimmig und ging in Kampfstellung. Schon als sie den ersten Schritt gemacht hatten, hatten sie verloren. Wie Wasser floss ich um ihre Angriffe, ich umlief ihre Abwehr und nutzte jede Lücke um einen Schlag anzusetzen. Nach zwanzig Sekunden war der Kampf vorbei und ich schwitzte nicht einmal. Ich beeilte mich von hier weg zu kommen. Sicherlich waren sie nicht die einzigen Wächter hier gewesen und der Moroi hatte noch von Leuten gesprochen, die hierher unterwegs waren. Ich eilte durch die Gassen und Straßen ohne wirklich zu rennen, das war viel zu auffällig. Beim Gehen holte ich mein Kopftuch hervor und band es mir um. Ein Blinzeln und meine braunen Augen wurden blau. Ich bemühte mich so auszusehen, als wäre ich unterwegs um Besorgungen zu machen und nicht auf der Flucht. In Gedanken ging ich meine nächsten Schritte durch. Ich musste aus Istanbul raus und dann raus aus der Türkei, doch wo hin? Vielleicht irgendwo nach Asien. Wenn ich über das Schwarze Meer floh, konnte ich vielleicht in Georgien oder so einen Flug nehmen. Ich musste irgendwie an einen Pass und etwas Geld kommen. Zum Glück hatte ich in einem Schließfach für solche Fälle einen Notfallrucksack hinterlassen, denn ich würde nicht zurück in meine Wohnung können. Als mir dieser Gedanken kam, blieb ich fluchend stehen und verwünschte den Moroi aus dem Cafe, die Königin und jeden anderen, der hinter mir her war. Meine Pillen lagen noch in der Wohnung! Kurz dachte ich daran, doch erst nach Hause zu gehen, ich könnte schnell rein, ein paar Sachen suchen und dann wieder los. Doch so sehr ich diese Pillen brauchte, so sehr wusste ich, dass es zu gefährlich war in meine Wohnung zu gehen. Wohl oder übel würde ich sie zurücklassen und von irgendwo anders Ersatz besorgen müssen. Vielleicht konnte ich Bülent irgendwie erreichen, denn ich war sicher, dass er nichts mit der Sache zu tun hatte, dafür war es viel zu schlecht geplant und durchgeführt worden. Und er hätte nicht so einen Quatsch wie das persönliche Treffen erfinden müssen, sondern hätte mich einfach zu unserem üblichen Treffpunkt beordert. Erst mal sollte ich zusehen, dass ich an einen sicheren Ort kam, bevor ich mir Gedanken über Bülent oder meine Pillen machte. Ich würde solange ohne auskommen! Hoffte ich jedenfalls...

Ich ging weiter und überlegte mir meine nächsten Schritte. Immer wieder horchte ich auf Schritte hinter mir, doch es schien, als hätten  meine Verfolger fürs erste meine Spur verloren.



>>Mist! << fluchte Dimitri auf Russisch und schlug gegen das Armaturenbrett des Wagens, auf dessen Beifahrersitz er saß. Er sah auf die Schlange an Autos, die vor ihm stand. Er hätte nicht gedacht, dass der Verkehr hier in Istanbul so schrecklich sein konnte wie in Amerika. Das sie auch unbedingt in die Rushhour kommen mussten! >>Was ist los? << fragte Ivan, der neben ihm am Steuer saß. Er war ein Freund aus seiner Schulzeit und hatte sofort zugesagt, als Dimitri ihn vor drei Tagen angerufen und gebeten hatte ihn die Türkei zu kommen. >> Der Moroi, der den Auftraggeber spielen sollte, hat es vergeigt! << berichtete Dimitri seinem Freund, was er gerade durch den Funk gehört hatte. Anscheinend war Rose entwischt. >>Hatte der denn keine Verstärkung? << fragte Ivan. Doch dass hatte er, dachte Dimitri, nickte aber nur. Der Moroi war ihnen als Kontaktmann zur Verfügung gestellt worden, als ein Ortskundiger. Zusammen mit sechs Wächtern, die alle hier aus Istanbul kamen. Dimitri hatte keine Ahnung, wie sieben Männer es nicht schaffen konnten eine Frau festzuhalten. Klar, Rose war schon immer mehr als gut gewesen, aber gegen sieben Männer! Kurz schloss Dimitri seine Augen und ging in sich, versuchte seinen Raum der Stille zu finden und ihn auszufüllen. Er merkte wie er sich langsam wieder beruhigte. Es brachte niemanden, wenn er jetzt die Beherrschung verlor. Was passiert war, war passiert, jetzt mussten sie das Beste daraus machen. Langsam löste sich der Stau vor ihnen auf und sie kamen wieder vorwärts. Dimitri überlegte, was er jetzt machen sollte. Mit ihm waren es acht Wächter, die ihn begleiteten, aufgeteilt auf zwei Wagen. Er schaltete die Sprechfunktion seines Funkgeräts ein. >>Daphne, nimm die nächste Abfahrt und fahr in das Industriegebiet, wenn Rose versucht in den Hafen ein Schiff zu bekommen, könnt ihr sie vielleicht abfangen. Auf jeden Fall decken wir so ein größeres Gebiet ab! << befahl er der Fahrerin des Wagens hinter ihm. Er würde zum Cafe fahren und von dort die Verfolgung aufnehmen. Tatsächlich war es den Alchemisten gelungen einen Kontakt zu einem sogenannten Vermittler aufzunehmen, der wohl mit Rose zusammen arbeitete. Es hatte sie viel Geld gekostet, um ein persönliches Treffen mit Ghost zu vereinbaren. Ihm war nicht viel Zeit geblieben, um einen vernünftigen Plan auszuarbeiten, da das Treffen sehr kurzfristig war und dann auch noch hier in der Türkei... Dimitri war noch nie hier gewesen und deshalb kannte er sich hier auch nicht aus und kannte leider auch keinen Wächter, der hier arbeitete. Deshalb hatte er einige seiner Bekannten angerufen, von denen er wusste, dass sie in der Nähe waren und auf die er sich verlassen konnte. Wenn sie doch nur schneller gewesen wären! Denn, und da war er sich sicher, wenn er in diesem Cafe gewesen wäre, wäre Rose jetzt bei ihm. Diese ganze Aktion gefiel Dimitri nicht, noch immer wollte er nicht glauben, dass Rose eine Profikillerin sei. Das war doch Unsinn! Endlich blieb der Wagen stehen und Dimitri stieg aus und ging die letzten Meter zu dem Cafe, vor dem eine große Unruhe herrschte. Als Dimitri durch die Fenster sah, wusste er auch warum. Das Mobiliar hatte einiges abbekommen und zwischen den Trümmern sah er den Moroi und die beiden Wächter. Sie sahen übel mitgenommen aus. Ohne in das Cafe zu treten, drehte er sich einmal um sich selbst. Einer seiner Begleiter deutete auf eine Seitenstraße, aus der er einen Wächter auf ihn zu humpeln sah. >>Sie hat uns überrumpelt! << sagte dieser unter Schmerzen. Anscheinend hatte er Probleme richtig zu atmen. Ein sicheres Zeichen von gebrochenen Rippen. >>Sicher, hat sie das. << sagte Dimitri schlicht. >>Euch alle sieben zu gleich. << Er bedeutete dem angeschlagenen Wächter sich um seine Wunden zu kümmern, während er die Seitenstraße betrat. Wortlos teilte seine Gruppe sich auf und durchsuchte die Umgebung. Sie wussten, was sie zu tun hatten. Einer Ahnung folgend lief Dimitri los. Er folgte keiner sichtbaren Spur, nichts, was man fassen konnte. Es war mehr ein Gefühl, dass ihn durch die Straßen leitete. Er wusste, dass er und Rose eine Verbindung hatten, die ihn jetzt zu ihr führen würde. Das war etwas, was man nicht laut sagen konnte, man konnte es nur fühlen.



Nach einer Zeit kam Dimitri an einer Weggabelung an. Links führte eine Treppe rauf auf die Dächer der Häuser um ihn herum. Rechts von ihm war eine schmale Passage zwischen zwei Häuserreihen. Als er nach rechts den Gang hinab sah, setzte sein Herzschlag für einen Moment aus. Da stand sie! Keine zehn Meter von ihm war Rose und blickte zu ihm hoch. Zwar trug sie ein Kopftuch, das ihre wunderschönen, seidigen Haare bedeckte, und aus irgendeinem Grund, Dimitri vermutete Kontaktlinsen, waren ihre Augen blau statt braun, doch es war eindeutig seine Rose! Es war, als würde eine Bleiweste von seinen Schultern fallen, so erleichtert fühlte er sich. Glück und Freude schossen durch seine Zellen und bescherten ihm die Ruhe, die er seit Rose´s Verschwinden vermisste hatte. Jetzt würde alles wieder gut werden, dachte er und genoss den Anblick seiner wiedergefundenen Liebe. Wie ein Verdurstender sog er sich an ihr satt. Sein Herz flammte auf, als er sah, wie sie ihren berüchtigten grimmigen Gesichtsausdruck aufsetzte. Es war dieser Blick, den sie damals in Oregon hatte, als sie sich schützend vor Lissa und ihm in den Weg gestellt hatte, um zu verhindern, dass er sie beide zurück zur Akademie brachte. Sie machte diesen Blick immer, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte und hatte sie dies erst mal getan, gab es fast nichts auf dieser Welt, was sie davon abbringen konnte. Oft hatte sie ihn so bei ihrem Training angesehen und schon damals als ihr Mentor hatte er sich nicht entscheiden können, ob er sie lieber packen und küssen wollte oder sie solange schütteln sollte, bis sie von ihrer Sturheit abgelassen hatte. Denn oft waren es diese Dinge, die sie so entschlossen verfolgt hatte, die sie immer wieder in Schwierigkeiten, manchmal sogar in ernsthafte Gefahr gebracht hatten. Dimitri machte einige Schritte auf sie zu und rief ihren Namen. Nun würde alles gut werden!



Kapitel 6



Grelles Licht stach mir in den Augen. Mein Kopf hämmerte wie wild und mir war so übel, dass ich mich auf der Stelle hätte übergeben können. Nur das Adrenalin hielt mich davon zurück. Ich blickte die Gasse hinauf zu dem Grund meiner Beschwerden. Er konnte nicht echt sein, sagte ich mir selbst. Er war eine Illusion, ein Trugbild, eine Einbildung, wie er es schon so oft gewesen war. Ich wusste nicht, was ich machen sollte, ich war froh, dass ich noch aufrecht stand. Hätte ich meine Pillen oder ein anderes Zeug dabei gehabt, ich hätte mich sofort, hier und jetzt, weggeschossen, um diesem Schmerz zu entgehen, der mich erfüllte. Er nagte an mir, schlug seine Zähne in jeder meiner Zellen und ließ mich erstarren. Ich fühlte mich wieder so hilflos und ausgeliefert. Ein Gefühl, von dem ich hoffte, es nie wieder verspüren zu müssen. Mein Geist spannte sich wie ein Gummiband, nur dass mein Gummiband schon einige Risse hatte! Verzweifelt versuchte ich mich gegen den Schmerz und die schrecklichen Erinnerungen zu stemmen, die in mir hochkamen. Ich musste hier weg! Weg von IHM! Gerade als ich dachte, ich hätte mich wieder einigermaßen gefangen, kam er auf mich zu und sagte das eine, was ich am wenigsten jetzt hören wollte: Meinen Namen. Es gab mir den Rest und zugleich die schmerzhafte Gewissheit, dass er real war. Dimitri war hier und er kam auf mich zu. Ich spürte wie mir die Tränen über das Gesicht liefen und sich an meinem Kinn sammelten. Der Moment drohte mich zu zerbrechen, wenn ich nicht endlich etwas unternahm. Es gab nur eines, was ich noch machen konnte und dass war die Flucht nach vorne. Ich würde diese Sache nun beenden, schwor ich mir und ging auf Dimitri los.

Ich versuchte meine ganze Wut und meinen ganzen Schmerz in die Angriffe zu stecken. Tatsächlich schaffte ich es am Anfang ihn einige Male zu treffen und spürte dabei, wie sein Körper unter der Wucht meiner Schläge erzitterte. Doch dann überwand Dimitri seine Überraschung und konnte meine Angriffe größtenteils abwehren. >>Rose, bitte! Hör auf! Ich will nicht mit dir kämpfen, ich will dir nicht wehtun. << sagte er mit einem Tonfall, der wieder diese beruhigende Lage erreicht hatte, mit der es bei mir schon so oft versuchte hatte. Wäre ich nicht so zornig gewesen, ich hätte laut aufgelacht. Er wollte mir nicht wehtun? Er hatte mich gebrochen! Meinen Körper und meinen Geist! Er hatte mir so sehr wehgetan, dass ich daran zu Grunde gegangen war! Seine plötzliche Zurückhaltung machte mich nur noch rasender. Er versuchte erst gar nicht einen Treffer zu landen! Ich machte einen weiten Ausfallschritt nach links und zielte mit einem Lowkick auf sein rechtes Bein, dem er aber mit einer leichten Drehung und einem Schritt nach hinten entging. Doch ich hatte mit diesem Manöver gerechnet und schlug mit rechts nach seinem Kehlkopf. Hätte ich getroffen, wäre es um ihn geschehen gewesen. Hätte ich getroffen...Ich tat es nicht. Dimitri blockte meinen Schlag mit fast schon übernatürlicher Geschwindigkeit und hielt mich fest. Ich versuchte mich aus seinem Griff zu lösen und schlug ihm wie wild  in die Seite. Ich hätte genauso gut gegen Beton schlagen können, so wenig beeindruckte es ihn. Immer wieder versuchte er mich auch mit der anderen Hand zufassen zu kriegen, doch ich schaffte es irgendwie mich dem zu erziehen. Nur einmal zog er mich an sich ran, sodass ich für einen Augenblick das Gleichgewicht verlor und er bekam mein Kopftuch zu fassen. Ich warf mich nach hinten und riss meinen Kopf herum, was dazu führte, dass sich das Tuch löste und ich wieder frei war. Dimitri warf das Kopftuch zur Seite, er merkte, dass er so nicht weiterkam, also änderte er seine Taktik. Anstatt mich zu ihm zu ziehen, rammte er mich auf einmal gegen die Häuserwand. Ich stieß heftig mit dem Rücken gegen die Fassade und in diesem Moment der Unachtsamkeit schaffte er es mich an meinen Oberarmen zu packen. >>Es reicht, Rose! << knurrte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch. Ich konnte ihm gerade noch rechtzeitig gegen das Schienbein treten, um zu verhindern, dass er mich zwischen der Wand und seinem massiven Körper einklemmte. Wäre das geschehen, hätte ich eher die Wand bezwingen können, als ihn, das war mir klar. So machte er einen weiten Schritt nach hinten. Einen derben russischen Fluch auf den Lippen, schwang er mich wie einen Sack auf die gegenüber liegende Mauer zu. Er dachte wohl, was einmal gegen mich geholfen hatte, würde auch ein zweites Mal helfen und er könne nach meinem Aufprall mit der Wand mich unter Kontrolle bekommen. NICHT.MIT.MIR! Ich nutzte seinen Schwung aus und streckte meine Beine nachhinten, um die Wucht abzufedern. Einen Moment hockte ich mit angezogenen Beinen senkrecht an der Wand, dann stieß ich mich ab und schnellte ihm entgegen. Wieder rettete ihn seine unglaubliche Schnelligkeit, sodass mein Kniestoß ihn nur streifte. Sofort setzte er mir nach und wollte mich abermals ergreifen, doch ich hatte die Schnauze gestrichen voll. Das hier dauerte mir definitiv zu lange, um noch gut für mich auszugehen und ich wusste, je länger ich hier kämpfte, desto größer wurde die Wahrscheinlichkeit, dass Dimitri Verstärkung bekam. Er war sicherlich nicht allein unterwegs gewesen und auf die Bekanntschaft seiner Freunde konnte ich getrost verzichten! Mit links fegte ich seine Hand weg, die auf mich zu schoss, während ich mit rechts meinen Pflock zog. Ich hatte ihn so gehalten, dass er ihn nicht hatte sehen können, als ich ihn mit rechts attackierte. Erst im letzten Moment ließ ich die Klinge ausfahren und arretieren. Das Ergebnis war ein tiefer Schnitt in seiner rechten Seite. Ich sah wie die stoische Gelassenheit aus seinem Blick wich und durch blankes Entsetzen ersetzt wurde. Nun schien er zu verstehen, was das hier zwischen uns war. Es war kein Kampf zwischen einer Schülerin und ihrem Mentor, auch kein Duell zweier sich liebender Menschen. Im Hintergrund wurde keine schmalzige Ballade gespielt und wir würden uns auch nicht am Ende hemmungslos küssend in den Armen liegen. Das hier war ein Kampf auf Leben und Tod. Kreischend glitt meine Klinge an seinem Pflock ab, den er nun ebenfalls gezückt hatte, um sich besser verteidigen zu können. Wir tauschten noch ein paar Schläge aus, doch da wir mittlerweile die Plätze getauscht hatten und ich näher an der Treppe stand und er mit dem Rücken zur Gasse, aus der ich gekommen war, konnte ich die Gestalten in eben jener Gasse sehen, die auf uns zu eilten. Verdammt, ich hatte es geahnt! Dass musste die Verstärkung sein! Ich würde es erst gar nicht versuchen, es auch mit ihnen aufzunehmen, ich schaffte ja nicht einmal diesen russischen Trottel vor mir. Ich löste mich aus dem Kampf, drehte mich um und rannte was das Zeug hielt. Klar, ich hatte noch meine Pistole, doch so nahe, wie Dimitri und ich uns eben gewesen waren, zog man keine Pistole in der Hoffnung noch schießen zu können, bevor der Gegner einen erreicht hatte. Ich hoffte nur, dass die Wunden, die ich ihm zugefügt hatte, ihn wenigstens soweit verlangsamten, dass ich entkommen konnte. Ich lief die Treppe hinauf und bog gleich auf die Dächer ab, die sich nun vor mir erstreckten. Zwar war es nicht ungefährlich auf dem schmalen Steg zu rennen, der den Dächern als Dachfirst diente, doch ich konnte es mir nicht leisten vorsichtig zu sein und gab Vollgas. Es war nun schon dunkel und ich tat mein bestes nicht den halt zu verlieren, denn wenn ich abrutschte, würde ich an den Tonziegeln unter mir kaum Halt finden und abstürzen! Dass stetige Tapsen hinter mir, sagte mir, dass meine Verfolger viel zu nahe waren. Plötzlich endete der Steg, denn eine Straße durchbrach die Häuserreihe und trennte mich von dem nächsten rettenden Dach vor mir. Es war mindestens sechs Meter von mir entfernt und dennoch überlegte ich zu springen. Hinter mir verklangen die Schritte, auch meine Verfolger waren stehen geblieben. Ich wagte einen schnellen Blick über die Schulter nach hinten. Dort standen Dimitri und drei weitere Wächter und sahen zu mir herüber. Sie hielten etwas Abstand, vielleicht weil sie Angst hatten, ich würde etwas dummes tun, wenn sie mich zu sehr bedrängten. Wann hatte ich denn je etwas dummes getan? Mein Blick schnellte zurück zur Straße und ich kaute unsicher auf meiner Lippe herum. Konnte ich das schaffen, mit dem Anlauf, der mir noch übrig blieb? Dimitri schien meine Gedanken erraten zu haben, denn ich hörte, wie er einen Schritt auf mich zu machte. Alarmiert drehte ich mich zu ihm um und ging in Kampfstellung. Sofort blieb er stehen, wo er war und hob beschwichtigend die Hände. >> Bitte, Rose. Wir wollen dir nichts tun, du sollst doch nur mit uns mitkommen, okay?  Wir bringen dich nach Hause, zu Lissa und deiner Mom! << redete er mit mir, als wäre ich ein Tier oder so etwas, was sich in seiner Transportbox versteckt hatte und nicht hinaus zum Onkel Doktor wollte. Ich sagte nichts, sah ihn nur an, so erschöpft wie ich war, war ich kaum in der Verfassung eine schlagfertige Erwiderung zu geben. Ich spürte wie mein Herz hämmerte. Ich wusste, dass ich nicht mit ihnen mitgehen wollte, ich wollte nicht zu Lissa und meiner Mom. Ich wollte nicht zu ihm. Die Vorstellung, dass er mich wieder packen und wegzerren würde, ließ mir schwarze Punkte vor die Augen treiben. Alles war besser, als zu denen zurück zu kehren, die mich verlassen und weggeworfen hatten wie Müll. Eine Ruhe durchströmte mich, die ich auch oft bei meinen Aufträgen spürte. Es war die Ruhe der gefallenen Entscheidung, das Wissen, dass man nichts an dem ändern konnte was kam. Entweder man schaffte es oder man schaffte es nicht. >>Nein, Rose! Tu das nicht, das schaffst du nicht! << schrie Dimitri panisch, als ich Anlauf nahm und auf die Kante vor mir zu rannte. Ich sprang. Stunden schien ich in der Luft zu hängen, so sehr dehnte sich die Zeit in diesem Augenblick. Ich ruderte heftig mit den Armen und Beinen und doch war die Kante des Dachs vor mir nicht einmal ansatzweise in greifbarer Nähe. Man gut, ich habe nicht auf das Dach gezielt, dachte ich mir, als ich immer weiter fiel und die Hauswand näher rückte. Dann machte ich mich so klein wie möglich und hielt schützend meinen rechten Arm über meinen Kopf. Mit einem Krachen durchschlug ich die Scheibe des obersten Fensters des Hauses, was mein eigentliches Ziel gewesen war. Es war ein schönes Fenster gewesen, mit einem Kreuzträger, ging es mir durch den Kopf. Obwohl mein Silberarm mich vor den meisten Splittern und Scherben schützte, merkte ich einige Stiche, als sich das Glas in meine Haut bohrte. Um meinen Fall abzufangen, rollte ich mich über die Schulter ab, dennoch hatte ich so viel Schwung, dass ich mit Wucht gegen die Wand lief, die dem Fenster gegenüber lag. >>Autsch! << stöhnte ich nur. Das würde ich auf jeden Fall morgen spüren, dachte ich und löste mich von der Tapete. Plötzlich öffnete sich neben mir eine Tür und eine kleine Frau mit einem Besen in der Hand trat ein. >>AHHH!<< Sie schrie als sie mich sah, dann schaute sie zum kaputten Fenster und schrie erneut >>AHHH!<<. Schnell entschuldigte ich mich und sah zu, dass ich aus dem Haus raus kam, bevor die Dame noch die Polizei rief oder mir gleich mit dem Besen den Prozess machte. Ich hätte ihr beides nicht verübeln können, ich wäre auch angepisst gewesen, wenn mitten in der Nacht eine Irre durch mein Fenster gesprungen wäre. Ich verließ das Haus und fing sofort an zu laufen. Ich lief so lange, bis das Adrenalin nachließ und mein Körper anfing zu zittern. Es war kalt geworden und ich spürte nun das volle Ausmaß meiner Erschöpfung. Körperlich wie geistig war ich am
Ende und doch musste ich weiter machen und von hier verschwinden. Wieder gab mir das Schicksal einen kleinen Schupser, als ich eine Straßenecke vor mir einen Pickup sah, auf dessen Ladefläche Holz lag und unter einer Plane hervor lugte. Schnell schlich ich zum Wagen und kletterte hinauf. Gerade rechtzeitig konnte ich noch die Plane über mich werfen, als ich auch schon Schritte vernahm, die sich dem Auto näherten. Jemand riss die Tür auf, setzte sich rein, schmiss die Tür wieder zu und startete den Wagen. Gemächlich kroch der Wagen davon und ich lugte durch einen Spalt nach draußen. Es schien als wäre der Besitzer auf den Weg nach Hause, welches sich hoffentlich weit von hier entfernt befand.



Tatsächlich brachte mich der Wagen aus Istanbul raus und hielt schließlich an einer Tankstelle in dem Bezirkszentrum Silivri. Ich nutzte die Chance und kletterte heimlich von der Ladefläche, wartete bis der Wagen weiterfuhr und betrat meinerseits die Tankstelle. Dort deckte ich mich erst einmal mit dem nötigsten ein. Zahnbürste und -pasta, eine Flasche Whisky, eine Packung Aspirin, ein KFZ-Verbandskasten und ein Fertig-Dürum fanden eine neue Besitzerin und ich marschierte mit meinen Einkäufen, verstaut in einer braunen Papiertüte, zum nächsten Motel. Umgerechnet hundert Dollar zahlte ich dem jungen Mann am Empfang dafür, dass ich heute Nacht hier schlafen konnte und er weder einen Ausweis von mir sehen wollte, noch einen Namen. In meinem Zimmer angekommen, öffnete ich erst einmal den Alkohol und gönnte mir ein paar Schlucke zur Beruhigung, dann nahm ich zwei Aspirin und spülte sie mit noch mehr Alkohol runter. Ich hoffte, dass Whiskey und Schmerzmittel Hand in Hand den Kopfschmerz besiegten und mich ein bisschen schlafen ließen, denn das hatte ich bitter nötig. Ich verdrückte den Dürum und putzte mir die Zähne. Schnell holte ich mein Smartphone raus und schrieb meinem Dad eine kurze Nachricht, in der ich ihm mittteilte, was passiert war und dass er sich keine Sorgen machen musste. Was er sicher trotzdem tun würde. Natürlich hätte ich ihn um Hilfe bitten können, die Familie Mazur waren sehr einflussreich hier in der Türkei, doch ich wusste, dass mein Dad anderes zu tun hatte und ich war sicher, es auch ohne ihn zu schaffen. Es würde schwer werden, ich hatte kaum noch Geld und ich würde meinen Notfallrucksack nicht mehr holen können, denn ich glaubte nicht, dass ich mich auf einen Flughafen, Hafen, Bahn-oder Busbahnhof schleichen konnte. Wenn es stimmte, dass die Königin hinter mir her war, was die Anwesenheit Dimitris nahe legte, dann würden überall schon Wächter auf mich warten. Es war sogar wahrscheinlich, dass sie mich auch zur Fahndung bei der Polizei ausgeschrieben hatten. Das würde mir das Leben echt schwer machen, doch das war etwas., worüber ich mir auch morgen Gedanken machen konnte. Ich entnahm die SIM-Karte aus dem Smartphone, brach sie entzwei und zerdrückte mein Handy mit der rechten Hand wie eine leere Cola-Dose. Mit der Pistole auf dem Nachttisch fühlte ich mich sicher genug, um etwas zu schlafen. Ich legte mich aufs Bett und schlief sofort ein.

Am nächsten Morgen wachte ich auf und fühlte mich wie gerädert. Mein ganzer Körper schrie auf, als ich mich bewegte. Jede Prellung von gestern begrüßte mich und die Tatsache, dass ich in der Nacht mehrmals schweißgebadet aus einem Albtraum erwacht war, machte meine Situation nicht besser. Ich schleppte mich ins Bad, schaffte es irgendwie mich auszuziehen und stellte mich unter den heißen Strahl der Dusche. Dort wusch ich mir erst mal den ganzen Schmutz ab und sah nach den Schnitten, die ich mir durch den Sprung durch das Fenster eingehandelt hatte. Gestern Abend hatte ich sie noch schnell versorgt und nun sahen sie ganz in Ordnung aus. Zu mindestens wenn man auf blaue und violette Töne stand. Als ich mich wieder einigermaßen geschmeidig bewegen konnte, zog ich mich wieder an, trank den Rest Whiskey mit zwei weiteren Aspirin und verließ das Motel. Kurz schrie ich auf, als mir die Sonne in die Augen stach. Das noch einen Kater zu nennen, war untertrieben! Es musste ein ausgewachsener sibirischer Tiger sein, der in meinem Kopf auf und ab lief. Mir war übel, und ich hätte am liebsten den ganzen Tag im Bett verbracht, doch diese Zeit würde mir Dimitri sicher nicht geben. Zu Fuß machte ich mich auf, um nach den nächsten Bahnhof zu suchen. Zwar wollte ich nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln reisen, doch in deren Nähe gab es gleich zwei Sachen, die ich suchte. Ich fand den Bahnhof ohne Probleme und auch das Gesindel, das dort immer abhing. Bei einem jungen Mann mit Kapuzenpulli schien ich richtig zu sein. Ohne Umschweife sprach ich ihn an. >>Hey, weißt du wo ich hier in der Nähe etwas gegen meine Kopfschmerzen kriegen kann? << fragte ich ihn. Natürlich wusste er worum es ging. >>Klar, um die Ecke ist ein Drugstore, doch die verkaufen dort nur Scheiß! << Er sah sich um und kam dann näher. >>Du siehst aus, als ob du wirklich starke Schmerzen hättest, da könnte ich dir vielleicht aushelfen. << Das hörte sich doch gut an, fand ich und als er mir eine Tüte mit violetten Pillen darin gab, war ich fast schon glücklich. Das war zwar nicht das Zeug, dass ich sonst bevorzugte, aber in der Not musste man nehmen, was man kriegen konnte und ich konnte nicht jeden Abend mich betrinken. Die Pillen kosteten mich mein letztes Geld und doch war es mir das wert. Es gab kaum etwas schlimmeres, als müde zu sein und sich dennoch vor dem Schlafen zu fürchten, weil man Angst hatte, was einem dort im Traum begegnete. Ich umrundete den Bahnhof und fand auf einer seiner Seiten einen großen Parkplatz. Dort stellten Pendler ihre Autos ab und fuhren entweder mit der Bahn oder mit einer Fahrgemeinschaft weiter. Ich suchte mir einen alten grünen VW Polo aus. Er sah sehr mitgenommen aus, überall blätterte der Lack ab und die eine oder andere Rostblume blühte schon auf. Die Fahrt mit so einem Gefährt würde sicherlich nicht angenehm werden, aber so ein Auto hatte seine Vorteile. Ich bog den Draht-Kleiderbügel zurecht, den ich aus dem Motel mitgenommen hatte und machte mich daran den Polo aufzuknacken. Ich brauchte etwas, ein klares Zeichen, dass ich aus der Übung war, doch irgendwann stellte der Wagen seinen Widertand ein und belohnte mich mit dem typischen "Klick" einer entriegelten Tür. Mich umsehend stieg ich ein, bückte mich unter das Lenkrad und riss dort die Verkleidung auf. Ich schnitt die Drähte, die ich brauchte, mit meinem Pflock durch und schloss das Auto kurz. Es röhrte gewaltig und kurz befürchtete ich, dass es seinen letzten Atemzug tat, aber dann sprang der Motor an und ich fuhr von dem Parkplatz. Ein kurzer Blick auf die Tankanzeige zeigte mir, dass ich noch etwa halben Tank zur Verfügung hatte. Es würde für einige Zeit reichen, doch dann müsste ich mir ein anderen fahrbaren Untersatz suchen. Modernes Carsharing, dachte ich grinsend. Vielleicht würde ich mir doch ein neueres Modell suchen und direkt vor Ort den Polo stehen lassen. Das Gesicht des Besitzers, der dann feststellte, dass seine geile Karre gegen einen rostigen Polo ausgetauscht worden war fiel sicher unter die Kategorie: unbezahlbar. Ich bog auf die Fernstraße ab und gab Gas. Meine Möglichkeiten waren begrenzt. Vor mir lagen in weiter Entfernung Bulgarien und dahinter Rumänien, in beiden Ländern wollte ich nicht, denn dort waren so viele Moroi, dass diese eine ganze Horde an Wächtern zur Verfügung hatten, die es alle auf mich abgesehen hatten. Nein, das war keine Option! Ich wollte die Küste entlang fahren, Richtung Mittelmeer und von dort nach Afrika übersetzen. Dort würde ich dann weitersehen. Je nachdem wie dicht mir Dimitri an meinem Heck klebte, würde ich dort etwas Zeit verbringen oder weiterflüchten. Hoffentlich sehe ich den Typ nie wieder, dachte ich, auf eine weitere Begegnung dieser Art könnte ich wirklich verzichten!



Dimitri verzog das Gesicht, als er über den Verband an seiner rechten Seite tastete. Daphne hatte ihm die Wunde mit sechs Stichen genäht und dann einen Verband angebracht. Er hatte Rose unterschätzt! Er hätte nicht gedacht, dass sie so sauer auf ihn sein konnte, dass sie versuchen würde ihn zu verletzen, aber genau das war geschehen. Nach dem Kampf waren wieder seine Zweifel zurück gekehrt, die sich wie ein Schatten an jeden seiner Gedanken ran hingen. War es seine Schuld, dass Rose damals gegangen war? Hasste sie ihn so sehr, dass sie ihn töten wollte? Alle diese Fragen schossen ihm unablässig durch den Kopf. Dimitri hatte immer gedacht, dass sie beide glücklich zusammen waren. Klar, es hatte immer mal eine kleine Auseinandersetzung gegeben, aber das war bei Roses Temperament nicht anders zu erwarten gewesen. Sie hatten sich immer schnell wieder versöhnt, so hatte er wenigstens immer gedacht. Kurz schloss Dimitri die Augen und gönnte sich einen Moment der Ruhe in der Hektik um ihn herum. Er isolierte seine Zweifel und drängte sie in den Käfig am Rande seines Bewusstseins zurück. Sich an Zweifel zu klammern, brachte nie etwas, sie behinderten einen nur. Er öffnete die Augen, als er merkte, wie jemand vor ihm stand. Er hätte sich denken können, dass der Moroi, der ihnen als Kontaktmann gedient hatte, ein Ivashkov war. Die pure Arroganz und Selbstverliebtheit hatte ihn sofort an einen anderen, berüchtigten Vertreter dieser königlichen Familie erinnert. Die Familie Ivashkov war einer der größten königlichen Familien und war über den ganzen Globus verstreut und auch wenn der Arm der Familie hier in der Türkei klein war, so hatte er doch einen gewissen Einfluss. Asim Ivashkov lächelte ihn an, was aufgrund der Nasenschiene jedoch gewaltig an Kraft verlor. Dimitri musste sich ein Schmunzeln verkneifen, die gebrochene Nase war ein guter Ausgleich dafür, dass der Moroi Rose nicht hatte aufhalten können. Wahrscheinlich hatte er sie hemmungslos angebaggert, wofür er eigentlich gleich noch einen Schlag ins Gesicht verdient hätte, befand Dimitri, doch das waren Sorgen für später. >> Die Sucher haben etwas gefunden. << berichtete Asim dem Wächter leicht nasal. Nachdem Rose entkommen war, hatte Dimitri sofort Lissa angerufen, die ihm jegliche Hilfe zugesagt hatte. Er hatte das Smartphone an Asim Ivashkov weitergereicht und an der Bleiche seines Gesichts, die nicht nur von der gebrochenen Nase gerührt hatte, hatte man gut erkennen können, wie sehr die Königin mit ihm unzufrieden war. Es war bestimmt das erste Mal im Leben dieses Morois, dass er so von einer Frau zusammengefaltet wurde. Dimitri fand, dass er noch Glück gehabt hatte, wäre Lissa anwesend gewesen, hätte der Ausbruch des Vesuvs gegen ihren Wutanfall wie ein nasser Knallfrosch gewirkt. Auf jeden Fall war Asim danach so motiviert gewesen, ihm zu helfen, dass er dabei fast über seine eigenen Füße gestolpert wäre. >>Was genau? << fragte Dimitri. >>Sie haben eine Wohnung in der Altstadt von Istanbul gefunden. Eine der beiden Spuren führte direkt dorthin und die Sucher sind sich einig, dass sie Ms. Hathaway gehört oder sie zu mindestens dort länger Zeit verbracht hat. << Dimitri nickte. Sie hatten die Suche nach Rose ausgeweitet und darüber hinaus ungewohnt große Geschütze aufgefahren, um sie zu finden. Nicht nur, dass sie auch bei der menschlichen Polizei nun zur Fahndung ausgeschrieben war, was für sich allein schon ein großer Schritt war, sie hatten auch Wächter überall an den Flughäfen und Bahnhöfen in der Nähe postiert. Aber Dimitri glaubt nicht, dass Rose dort auftauchen würde. Im Grunde hatte sie nur zwei Möglichkeiten, wenn man die Ausgangslage ihrer Flucht betrachtete: Sie konnte entweder in den Norden oder Westen fliehen, da dort aber mit Bulgarien und Rumänien zwei der stärksten von Moroi besiedelten Länder lagen, würde sie dort nicht hin gehen, oder sie konnte in südliche Richtung die Küste entlang und versuchen über das Mittelmeer zu entkommen. Dem entsprechend hatte Dimitri seine Leute aufgeteilt. >>Gut, ich werde mir die Wohnung mal ansehen! << sagte er und machte sich auf den Weg zu einem Wagen. Asim Ivashkov begleitete ihn. Es war seine Idee gewesen, die Suche etwas unkonventionell weiter zu führen. Der Moroi kannte einige Halter von Psi-Hunden. Diese magisch verstärkten Hunde waren intelligente, aber auch gnadenlose Jäger, die eine Spur über Meilen verfolgen konnten. Allein jedoch war die Jagd mit ihnen aussichtslos, schließlich konnte man sie nicht einfach von der Leine lassen, aber in Verbindung mit einem oder mehreren Luftmagie-Anwendern, sah das schon ganz anders aus. Die Magier konnten mit Hilfe ihrer Kräfte eine Art Gespür für die Fährte einer Beute entwickeln und dieser folgen. Es war ein bisschen so wie ein innerer Kompass: Man musste in welche Richtung man musste und in etwa wie weit man entfernt war. So hatte Asim es jedenfalls behauptet. Zwar war Dimitri kein großer Fan von Magie, doch wenn sie ihm half Rose zu finden, warum dann nicht? Mit diesen Magiern, den sogenannten Suchern, hatte Dimitri einige Wächter losgeschickt, die von dem Cafe aus Roses Spur hatten aufnehmen sollen. Natürlich hatte es zwei Fährten gegeben, was ja auch logisch war, eine hin- und eine wegführende Spur. Dimitri hatte sie beide verfolgen lassen, es war schließlich nie verkehrt, etwas näheres über Rose zu erfahren, dass ihnen vielleicht helfen würde sie zu finden oder erklären konnte, warum sie sich so stark verändert hatte. Als Dimitri auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte und sich von Asim zu der Wohnung fahren ließ, spielte er mit dem Tuch, dass er sich um den linken Arm gebunden hatte. Es war einer von drei Streifen aus dem Kopftuch, welches er Rose entrissen hatte, die anderen beiden Streifen waren bei den Suchtrupps. Zum Glück dauerte die Fahrt nicht lange, denn Asim war keiner der Menschen, die schweigen konnten, ständig redete er über Rose und dass sie sie finden würden und wie Leid ihm das ganze doch täte. Es war eine Geduldsprobe für Dimitri. Der Wagen stand noch nicht ganz, da öffnete er schon die Tür und stieg aus. Vor der Wohnung wartete Ivan schon auf ihn. >>Es ist die Wohnung auf der linken Seite im zweiten Stockwerk. >>Verriet er ihm und wies ihm den Weg. Dimitri stieg die Treppe hinauf und betrat die Wohnung. Sie war klein, aber hübsch eingerichtet. Ihm hätte es hier auch gefallen, auch wenn er sich vorstellen konnte, dass die Nähe zum Minarett bei Rose für morgendlichen Unmut gesorgt hatte. An sich war in der Wohnung nichts ungewöhnliches, nichts ließ auf den ersten Blick vermuteten, dass hier eine Profikillerin wohnte, doch dann zeigte Ivan ihm einen altmodischen Schrank in einem Raum, der Rose wohl als Trainingsraum diente. Hier fanden sich neben einem Boxsack auch ein "Wooden Dummy", ein Trainingsgerät, dass im Wing Tsun benutzt wurde. Dimitri öffnete den Schrank und war verblüfft. Die alte Holztür war nur eine Fassade, denn darunter war eine massive Stahltür. Dahinter waren die Beweise, die er gesucht hatte, dass das hier die Wohnung von Ghost war. Eine ordentliche Reihe an Sturm- und Präzisionsgewehren hing dort und als er eine der Schubladen öffnete, fand er dort Pistolen und Messer. Anscheinend hatte Rose genug Waffen und Munition in dieser Wohnung gelagert, um einen kleinen Krieg beginnen und wahrscheinlich auch gewinnen zu können. Rose, was hast du nur gemacht? Fragte sich Dimitri. Er konnte immer noch nicht verstehen, wie aus der jungen Frau, deren Lebensinhalt es gewesen war, ihre beste Freundin zu beschützen, jemand hatte werden können, der nun anderen das Leben nahm. Du hast einiges zu erklären, Rose! sagte er sich und drehte sich zu Ivan um. >>Unter welchem Namen wurde die Wohnung gemietet? << fragte er seinen Freund. >>Auf dem Schild steht "Maryam Mazur", aber wir versuchen gerade den Vermieter ausfindig zu machen! << antwortete dieser. Maryam Mazur. So nannte sich Rose hier also. Dieser Name war eine wichtige Spur. Sofort zückte Dimitri sein Smartphone und übermittelte Lissa diesen Namen, sie würde weiteres in die Wege leiten. jetzt wo sie einen Namen hatten, konnten sie nach etwas suchen! >>Ich will, dass ihr das Konto ausfindig macht, welches diese Wohnung bezahlt und jedes weitere Konto, welches unter den Namen Maryam Mazur existiert. Findet diese Konten und sperrt sie! << befahl er. Ivan nickte und ging weg. Dimitri nutze den Moment der Einsamkeit und roch an dem Tuch. Wenn er die Augen schloss, dann konnte er sich vorstellen, wie er seine Nase in ihr Haar vergrub. Er hatte schon immer ihre Haare geliebt! Er wollte sie unbedingt wiedersehen, auch wenn er sich sicher war, dass es erneut zu einer Auseinandersetzung kommen würde, doch das war ihm egal! Damals, als Lissa ihn von de Strigoi zurückverwandelt hatte, hatte er Rose von sich gestoßen, so groß war seine Scham gewesen über das, was er ihr angetan hatte, als er dieses Monster gewesen war. Doch Rose hatte ihn nicht aufgegeben und immer wieder provoziert, bis er seine Gefühle nicht mehr hatte unterdrücken können. Das Gleiche würde er auch jetzt mit ihr tun! Entschlossen verließ Dimitri die Wohnung, er würde nun zum zweiten Suchtrupp stoßen und die Verfolgung von Rose aufnehmen. Ein Gefühl sagte ihm, dass er sie schneller finden würde, als es ihr lieb war und dieses Gefühl ließ ihn lächeln. Anscheinend war es nun an ihm, seinen Sturkopf durchzusetzen!
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