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Vampire Academy-Die silberne Hand

von Alvadas
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Dimitri Belikov Rosemarie "Rose" Hathaway Vasilisa "Lissa" Dragomir
27.01.2019
24.03.2019
9
180.450
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Vampire Academy-Die silberne Hand


Prolog

Zeit... angeblich soll sie alle Wunden heilen....

Ich glaube nur Träumer und Idioten, die nie auch nur eine Wunde erlitten haben, behaupten so eine Quatsch. Ich habe genug Wunden in meinem Leben erlitten, ja, ich war sogar schon einmal tot! Und ein Träumer bin ich auch nicht, nicht mehr.... Davon hat mich die Zeit wahrlich geheilt...

Mal ehrlich, Zeit kann einen Blinden nicht wieder sehen lassen, kann keine Gliedmaßen nachwachsen lassen und ein gebrochenes Herz kann es auch nicht wieder zusammenfügen. Das einzige was Zeit tut, ist es dir die Möglichkeit zu geben, damit zu leben oder daran zu verrecken. Doch mehr tut sie nicht. Ich für meinen Teil habe noch immer nicht ganz entschieden, ob es jeden Tag wert ist, aufzustehen oder ob ich nicht doch lieber für immer schlafen möchte. Manch einer, der mich in der jetzigen Zeit kennt, würde behaupten, dass mein Leben ein Ritt auf der Messerklinge des Todes ist, doch ich sage, dass es der Versuch ist einen Weg zu finden mit meinen Wunden zu leben. Mit dem Wissen, dass sie niemals heilen werden.

Zeit...davon habe ich noch genug, hoffe ich, und den Schmerz, den sie hinterlässt. Doch um meinen Schmerz besser erklären zu können, ist es wohl besser ich fange von vorne an. Naja, nicht von ganz von vorne, aber von da an, wo ich noch naiv war und glaubte mein Leben wäre endlich perfekt geworden oder könnte es zu mindestens werden...

Kapitel 1

Königshof, einige Monate nach der Krönung Vasilisa Dragomirs

Wutentbrannt marschierte ich durch die Flure des Königshofs auf dem Weg zur Tiefgarage. Jeden Wächter, der es wagte mich auf meinem Weg anzusprechen oder nur komisch anzugucken, knurrte ich nur an. Ich stapfte die letzten Treppen herunter und hielt auf den Konvoi aus schwarzglänzenden Edel-SUV´s zu, bei denen sich schon eine Gruppe von Wächtern versammelt hatte. Es war acht Uhr morgens, Menschenzeit, und wir waren kurz davor zur Uni zu fahren, die Lissa nun besuchte. Zwar war diese Uni einige Stunden Fahrzeit entfernt und vor kurzem noch nicht auf der Liste der Moroi-tauglichen Schulen gewesen, doch nun, da Lissa Königin war und hier das Sagen hatte, gab es keinen Grund mehr, warum sie und einige andere Ausgewählte nicht auf diese bessere Uni gehen sollten. Begleitet von einer Armee aus Wächtern natürlich. Nach einer nicht unerheblichen Spende an das Institut, hatte der Direktor sich fast dabei überschlagen, die Sicherheitsanforderungen anzuheben und den "privaten" Sicherheitsdienst, die Wächter, einzustellen, die diese verwöhnten Sprösslinge reicher rumänischer Adliger beschützten, die die Moroi-Studenten für ihn waren. Königin zu sein, dachte ich, hatte seinen Vorteil, es machte Unmögliches möglich. Ich ging zu einem der Tische, die neben den Fahrzeugen standen und nahm eine der Pistolen, die dort lagen und prüfte, ob sie geladen war, bevor ich sie mit Schwung in mein Hüftholster schmiss und mir noch ein paar Reservemagazine nahm, während ich überlegte, ob ich wohl davon kommen würde, wenn ich diese Magazine in eine gewisse sibirische Person abfeuern würde. Schließlich musste es auch für mich als beste Freundin und Wächterin der Königin einige wenige Vorteile geben, oder?

>>Wir fahren zur Universität, nicht in den Krieg!<< ermahnte mich eine Stimme hinter mir. Ich seufzte genervt, bevor ich mich zu meiner Mom umdrehte. Wie immer war sie Wächter-schick gekleidet. Mit maßgefertigter weißer Bluse und schwarzem Anzug stand sie vor mir und guckte mich an, als hätte ich irgendwo einen riesigen Fleck Müsli auf mir, sie wüsste nur noch nicht wo. >>Sagst du nicht immer, dass man gut vorbereitet sein soll, wenn man in ein unsicheres Gebiet vorstößt?<< fragte ich sie pampig. Meine Mom schnalzte nur mit der Zunge. >>Diesen Ton kannst du dir sparen, Fräulein. Wenn du schlechte Laune hast, lass sie nicht an mir oder der anderen aus. Ich dachte du wärst Profi genug, dass zu wissen und Ruhe zu bewahren!<< >>Kommt der Anschiss deiner Rolle als meiner Mom oder als meiner Vorgesetzten zur Gute?<< hakte ich nach. >>Das eine schließt das andere nicht aus.<< antwortete sie nur. Zum Glück tauchte nun endlich Lissa mit ihren Kommilitonen auf, sodass ich mich von meiner Mom abwenden konnte und zum mittleren der fünf Wage ging, die hintere linke Tür öffnete und einstieg, was Lissa auf der anderen Seite ebenfalls tat. Auch die anderen verteilten sich auf die übrigen Fahrzeuge und ohne ein spezielles Kommando setzte sich der Konvoi in Bewegung und verließ die Tiefgarage in die morgendliche Luft. Ich saß neben Lissa, die sich bereits in irgendein Memo vertieft hatte. Eine Zeit lang sah ich ihr nur zu und schwieg. Irgendwann wurde es mir dann doch zu bunt und ich packte das Tablet, welches sie so verbissen anstarrte, als würde dessen Inhalt über die weitere Existenz des Universums entscheiden, und pfefferte es ungeachtet der lautstarken Proteste Lissa´s in den Fußraum des Autos. >>Was soll das, Rose? ich muss das noch lesen!<< beschwerte sie sich bei mir und sah mich wütend an. so, ohne jeglichen Stücks Technik oder Papiers zwischen uns, sah ich erst, wie erschöpft sie war. Zwar sah sie immer noch aus, wie ein lebendiger Engel mit ihren blonden Locken und den leuchtenden grünen Augen, doch ich konnte die müden Augenringe sehen, die sie plagten. >>Auch dir einen guten Morgen, beste Freundin! Ich? Ich habe ganz ausgezeichnet geschlafen, du, wie ich sehe auch. << sagte ich nur zu ihr. Ein entschuldigendes Lächeln bildete sich auf ihrem Gesicht und sie beugte sich zu mir rüber um mich kurz zu drücken. >> Entschuldige bitte, Rose. Die Arbeit frisst mich auf und dann noch das frühe Aufstehen um zur Uni zu kommen...da übersehe ich manchmal die dir gebührende Höflichkeit.<< Ich winkte nur ab. >>Schon gut, Bambi, ich kann Ihrer durchlauchten Hoheit ja sowieso nicht lange böse sein.<< Lissa lachte. >>Durchlauchte Hoheit? Seit wann machst du dir etwas aus meinen Titeln?<< >> Ach, ich dachte, ich arbeite ein bisschen an meinen höfischen Umgangsformen und es ist ja auch nicht so, als wären es viele Titel. Zwölf Titel sind doch ein Klacks!<< >> Und du bist sicher, dass deine Mom nichts mit deinem neuen Interesse der Etikette zu tun hat?<< >>Ganz sicher!<< erwiderte ich lachend, wohl wissend dass uns beiden klar war, dass es gelogen war. Lissa beugte sich vor und hob ihr Tablet auf. >> Sei nicht so hart zu ihr, Rose, sie versucht doch nur eure Beziehung zu verbessern, deshalb ist sie ja zum Königshof gewechselt. << >>Ja, weil eine gewisse Person in diesem gepanzerten Fahrzeug ihr die Stelle als Leiterin der Königsgarde angeboten hat. Das hat wenig mit mir zu tun.<< hielt ich dagegen. >>Ich meine, ich finde es ja schön, dass sie hier ist und wir so viel Zeit nachholen können, aber muss sie das den unbedingt als meine Vorgesetzte tun? Ich wäre auch eine tolle Chefin und so könnte ich unsere Beziehung viel weiter voran..Aua!<< Ich rieb mir meinen schmerzenden Arm. Lissa hatte mich geboxt und so aus dem Konzept gebracht. >> Ich glaube diese Macht würde dir nur zu Kopf steigen. << meinte sie. Klar, als es war ja nicht so, als würde sie nicht auch jeden Vorteil aus ihrer Position ziehen. Doch ich sagte nichts dazu. Ich wusste, wie hart sie arbeitete, um eine gute Königin zu sein, von dem Wirtschafts- und Politikstudium mal abgesehen. >> Vielleicht solltest du dir eine Assistentin zu legen oder besser gleich zwei. << schlug ich vor. Lissa´s Blick klebte schon wieder auf dem Display. >>Klar, wenn du mir sagst, welche Person in Frage kommt, um diese Stelle kompetent auszuführen ohne eigene Hintergedanken, dann schieß los.<< Da hatte sie leider recht, es war schon drei Monate seit ihrer Krönung und Amtsübernahme her und noch immer wateten wir in einem Sumpf aus politischen Intrigen und versuchten einen Dschungel aus Winkelzügen und leeren Versprechungen zu roden, bisher mit mäßigem Ergebnis, was die Anschläge auf Lissa´s kleiner Schwester Jill bewiesen. Noch immer war nicht klar, welcher Moroi auf welcher Seite stand, auf wen wir uns verlassen konnten und wer unsere Gegner waren. Wir verfielen wieder ins Schweigen und ich nutzte die Zeit, um etwas zu dösen und aus den getönten Scheiben zu gucken.

>> Ankunft in 15 Minuten!<< tönte die Stimme meiner Mutter aus dem Knopf des Funkgeräts in meinem Ohr. >>Wir sind gleich da. << gab ich an Lissa weiter, was diese aber nur mit einem Nicken quittierte. >> Warum warst du eigentlich heute Morgen so schlecht gelaunt?<< fragte sie mich überraschend. Tja, wieder einmal zeigte sich, dass ich die spitzen Lauscher einer neugierigen Moroi unterschätzt hatte. >>Ach, es war nichts.<< versuchte ich sie abzuwimmeln. ich war nicht wirklich in Stimmung darüber zu reden. Vor allem, weil ich mich mittlerweile für meinen Ausbruch schämte, schließlich war es nichts ernsthaftes, noch nicht, aber... >>Roooooose<< fing Lissa an. >> Dir ist schon klar, dass ich deine Königin bin, oder? Ich kann dir durchaus befehlen mit mir zu reden!<< Ja, und mir würde die Macht zu Kopfe steigen, klar. >>Das wäre klarer Amtsmissbrauch, Majestät.<< Wagte ich den Versuch >>Lenk nicht ab! Spuck aus was dich bedrückt!<< Ich seufzte nur, was Lissa genauso gekonnt erwiderte. Wr konnten beide ziemliche Dickköpfe sein. Dann drückte sie einen Knopf auf ihrer Seite des Wagens und sprach in das Mikrofon zum Fahrer. >>Bitte fahren Sie rechts ran und halten kurz an.<< Ohne Verzögerung fuhren alle fünf Wagen rechts ran und blieben stehen. Nicht eine Frage des Warums wurde gestellt, das hier war schließlich die Elite der Wächter. Man fragte nicht nach einem Warum, man tat wie geheißen.>>Man zum Glück waren wir nicht mehr auf dem Highway. << scherzte ich, doch als ich Lissa´s fordernden Blick sah, wusste ich, dass ich verloren hatte. >>Nun gut, wenn du es unbedingt wissen musst...<< >>Ja, muss ich!<< sagte Lissa bestimmt. >> Wie gesagt, es war eigentlich nichts, ich hatte nur so etwas wie eine Streit mit Dimitri.<< >> Was bedeutet "so etwas wie einen " genau?<< hakte sie nach. Ich richtete den Blick auf meine Tür und strich über die edle Mahagoni-Armatur. Wow, war die glatt und angenehm!>> Rose?<< >>Naja, es war nicht wirklich ein Streit. Ich hab ihn was gefragt und er hat geantwortet und dann hab ich ihn stehen lassen und bin wütend aus unserer Wohnung gestapft.<< gestand ich. >>Also warst du mit seiner Antwort nicht zufrieden?<< fragte sie vorsichtig nach. Nein, das war ich wirklich nicht gewesen. Ich verneinte mit einem Kopfschütteln. >>Aber es war eine blöde Frage, deshalb darf es mich nicht wundern, dass er nicht die richtige Antwort gab.<< Sagte ich. Lissa beugte sich zu mir rüber und strich mir sanft über den Rücken. >> Ist schon okay, Rose, ihr seid erst seit kurzer Zeit ein richtiges Paar und wohnt schon zusammen, da ist es normal, dass es mal zu so etwas kommt. Du wirst sehen, dass wird sich wieder geben!<< versuchte sie mich auf zu muntern. >>Ja, bestimmt.<<<< sagte ich nicht ganz so überzeugt. Lissa lächelte nur und umarmte mich noch einmal kurz, bevor sie dem Fahrer sagte, dass es weiter gehen konnte. Kurze Zeit später erreichten wir den Campus der Uni und der Wagen hielt vor der Tür des Gebäudes in dem Lissa´s erste Vorlesen sein würde. Wir stiegen aus, darauf bedacht, dass Lissa nicht allzu viel Sonne abbekam und gingen zusammen zum Hörsaal. Ich neben ihr, zwei Wächter hinter uns. >>Nur aus Neugier, was hattest du denn Dimitri gefragt?<< fragte Lissa bevor wir uns auf einen Platz in den Rängen suchten. >>Ach, nicht wichtig!<< gab ich zurück. Zum Glück kam in diesem Moment der Professor herein, sodass Lissa ihre Aufmerksamkeit nach vorne zur Tafel richtete und mich nicht weiter löchern konnte, aber der Blick, den sie mir vorher zuwarf, sagte aus, dass dieses Thema noch nicht beendet war. Das konnte ja eine Heimfahrt werden, dachte ich mir im Stillen und überlegte mir schon eine passende Antwort, die Lissa zufrieden stellen würde. Schließlich hatte ich Dimitri nur gefragt, ob er sich vorstellen könne, mit mir eine Familie zu gründen. Nichts wichtiges halt!



Im Gegensatz zu Lissa war der Alltag an der Uni für mich die reinste Entspannung. Ich war in keinem einzigen Kurs eingeschrieben und musste so auch nicht auf den Stoff achten oder lernen. Ich war nur hier um auf Lissa aufzupassen, was sich recht einfach gestaltete, da uns die Tagessonne zuverlässig vor Strigoi schützte und die sonstigen Gefahren an der Uni gering waren. So stürmte ich nur mit Lissa von Kurs zu Kurs und achtete auf ihre nähere Umgebung, während meine Wächterkollegen den Rest taten. Das Studium mit der Regentschaft unter einen Hut zu bringen, hatte am Anfang für einige Schwierigkeiten gesorgt, doch nach einer kurzen Umstellung diverser Kurszeiten, war es möglich gewesen, einen guten Tagesablauf für Lissa zu finden. So befand sie sich an einem Montag wie heute, den ganzen menschlichen Tag in der Uni, während sie dienstags bis donnerstags Abendkurse besuchte und am Wochenende nur Königin war und sich um Staatsangelegenheiten kümmerte. Dieser straffe Plan führte jedoch dazu, dass sie kaum Zeit für sich, geschweige für ihren Freund Christian hatte, der dazu auch eine andere, kleinere Universität besuchte, begleitet von Dimitri. Gedankenverloren spielte ich mit den silbernen Anhängern meines Armbandes, welches ein Geschenk von Lissa war und neben dem Amulett meiner Mutter, der einzig Schmuck war, den ich trug. Mir behagte es nicht, wie immer wieder meine Gedanken zu Dimitri glitten. Mittlerweile hatte ich ein schlechtes Gewissen, ihn einfach so stehen gelassen zu haben und nahm mir vor, gleich nach meiner Rückkehr an den Königshof mich bei ihm zu entschuldigen. Wie aufs Stichwort brummte mein Smartphone in meiner Hosentasche. Früher hatte ich solche Dinger nicht wirklich gebraucht, dass Band zu Lissa damals hatte solche Kommunikationswege überflüssig gemacht, während das Leben an der St. Vlad diese schlichtweg verboten hatte. Doch nun war es unabdingbar, erreichbar zu sein, weshalb ich nicht einmal zwei Tage später das Smartphone auf meinem Bett gefunden hatte mit einer Notiz von Lissa es doch auch bitte zu benutzen. Als ich an diesen Moment dachte musste ich lächeln, denn nicht nur ich hatte an diesem Tag ein technisches Upgrade über mich ergehen lassen müssen. Auch Dimitri hatte ein Smartphone bekommen und der Anblick eines mit allen Wassern gewaschen Wächters des Formats eines Dimitri Belikov´s, der in seiner Freizeit Westernromane las und Musik aus der Steinzeit hörte, mit einem dünnen Stück Plastik in der Hand hantieren sah, als wäre es ein rohes Ei, war etwas, was ich in meinem Leben nicht mehr vergessen würde. Dieser Moment würde mich sicherlich noch einige Male aufheitern. Ich schaute auf das Display. Ich hatte eine Nachricht von Dimitri erhalten. >>Ich vermisse dich, meine Rosa<< Mein schlechtes Gewissen verwandelte sich in ein bohrendes Gefühl, das sich unaufhaltsam durch meine Magengegend fraß. Was konnte ich nur so dumm sein, auf diesen Traummann sauer zu sein, wegen einer Nichtigkeit? Am liebsten hätte ich meinen Kopf auf das Lesepult vor mir geschlagen. Oft und heftig. Doch das hätte einige Fragen seitens Lissa und sicherlich etliche böse Blicke der anderen Studierenden auf mich gezogen. Letzteres hätte ich ignorieren können, ersteres nicht. So begnügte ich mich damit, mich selbst in Gedanken eine Idioten zu schimpfen und mir aus zu malen, was ich nachher zu Dimitri sagen würde. Oder vielleicht ließ ich die Worte auch gleich weg und ließ Taten sprechen? Ja! Das klang nach einem guten Plan! Schnell antwortete ich ihm, dass ich ihn auch vermisste und steckte mein Smartphone wieder weg. Den Rest des Tages steigerte sich meine Laune wieder, was auch meiner besten Freundin nicht unbemerkt blieb. Kurz vor Ende der letzten Vorlesung hielt ich es kaum noch auf meinem Platz aus. Als der Professor endlich zum Schluss kam, schmiss ich Lissa´s Sachen in ihre Tasche, hängte mir diese über die Schulter und packte meine Freundin an der Hand und zerrte sie quasi aus dem Saal. >>Was ist denn los?<< fragte sie lachend. >>Ach, nichts!<< sagte ich schnell über die Schulter zu ihr. >> Ich will nur, dass du schnell ins Bett kommst. Königinnen brauchen auch ihren Schönheitsschlaf.<< >>Willst du etwa behaupten ich bin momentan nicht schön?<< fragte sie belustigt. >>Äh, ja, also, ich wollte es ja nicht so direkt ansprechen, aber wenn du mich so fragst: Du könntest mal eine Stunde Schlaf mehr gebrauchen, Lissa. Du hast schon Augenringe wie eine achtzig jährige Oma auf einem Festival. << >>Danke, Rose!<< patzte sie zurück. Ich lächelte nur verlegen und beeilte mich weiterhin zum Wagen zu kommen. >>Fracht ist auf dem Weg zum Lieferwagen.<< sprach ich in mein Mikro, sodass die anderen Wächter wussten, dass wir gleich da waren, auch wenn ich mich anhörte wie ein Pizzalieferant. Tatsächlich warteten die Autos schon mit laufenden Motoren auf uns und meine Mom hielt mir die Hintertür auf. >>Alles okay?<< fragte sie nur. Ich hatte keine Ahnung, ob sie meine emotionale Situation oder Lissa´s Sicherheit meinte, deshalb gab ich eine allgemeine Antwort darauf. >>Jepp!<< sagte ich und stieg ein.

 Die Heimfahrt gestaltete sich doch ruhiger als von mir befürchtet. Sobald wir angeschnallt waren, stellte Lissa ihre Lehne zurück und döste ein. Aus Ermangelung einer Alternative tat ich es ihr achselzuckend nach. >>Achtung!<< knarzte es in meinem Ohr und ich brauchte einige Momente bis ich aus dem Schlaf hochschreckte und realisierte, dass die Stimme aus meinem Mikro kam. >>Achtung! Abweichung der Fahrtroute aufgrund eines Unfalls auf der vorgesehenen Strecke. Alle Wächter in höchster Bereitschaft!<< Oha, dachte ich. Wir änderten nur selten und ungern unseren Weg, schließlich war es nun dunkel draußen und wir wussten nie, was uns alles da draußen erwartete. Ich sah zu Lissa, die noch immer friedlich schlief. Da es keinen Grund gab, sie zu wecken, tat ich dies auch nicht, sondern setzte mich auf, überprüfte meine Ausrüstung und richtete meine Aufmerksamkeit auf die Dunkelheit jenseits der Fensterscheibe. >>Ankunft in 30 Minuten!<< sprach meine Mom ins Mikro. Ich kam nicht umhin eine gewisse Anspannung in ihrer Stimme wahr zu nehmen. Auch ihr schmeckte dieser Umweg nicht besonders.

Plötzlich ertönte ein lauter Knall, der Wagen in dem ich mit Lissa saß, bremste abrupt und fuhr trotzdem noch auf den Vordermann auf. Der plötzliche Stillstand ließ mich nach vorne rucken und nur der Sicherheitsgurt verhinderte, dass mein Kopf die Bekanntschaft mit der Zwischenscheibe zwischen Fahrer und Fahrgastkabine machte. Auch Lissa wurde nach vornegeschleudert und ebenfalls vom Gurt aufgefangen, was sie jedoch aufweckte. >>Was ist los?<< fragte sie panisch. Wenn ich das wüsste! >>Alles in Ordnung, Lissa. Mach dir keine Sorgen, ich passe auf dich auf!<< Sagte ich stattdessen. Wie um meine Worte Lügen zu strafen, erklangen Schreie von draußen und irgendein Wächter brüllte >>Strigoi!<< ins Mikro. Scheiße! Die hatten mir noch gefehlt! Ich versuchte etwas draußen zu erkennen, konnte aber im Scheinwerferlicht nur erkennen, dass wir uns auf einer Art Straße durch einen Wald befanden. Ich schnallte mich ab und zock meinen Silberpflock, dann kroch ich erst zu Lissa rüber, um zu gucken, ob sie unverletzt war. Das war eigentlich unnötig, selbst wenn sie sich bei dem Auffahrunfall verletzt hätte, was nicht der Fall war, hätte sie sich als Geistmagie-Nutzerin locker selbst heilen können. >>Mir geht´s gut, Rose!<< versicherte sie mir. Ich sah sie an, fand aber keine offensichtlichen Verletzungen und wand mich daraufhin der Zwischenscheibe zu und klopfte gegen das getönte Glas. >>Hey, ist bei euch alles in Ordnung?<< fragte ich laut den Fahrer, schließlich mussten wir Lissa schnellst möglich von hier weg bekommen. Ich erhielt keine Antwort. Durch die Tönung der Scheibe konnte ich nichts erkennen und da ich keine Zeit hatte den passenden Knopf zu finden mit dem ich diese Scheibe hätte verschwinden lassen können, stanzte ich mit dem Pflock ein kleines Loch in die Scheibe und spähte hindurch. Die beiden Wächter die vorne saßen, hingen beide im Airback des Fahrzeugs, doch zu mindestens der Fahrer, Alexaj, ein älterer Dhampir mit kurzen braunen Haaren, stöhnte auf und hob wieder den Kopf. Der hatte sicherlich eine ordentliche Beule abbekommen und würde morgen höllische Kopfschmerzen haben, schien aber weiterfahren zu können. Bevor ich jedoch etwas sagen konnte, erschütterten heftige Schläge die Fahrertür und ich sah, wie die Tür sich nach innen wölbte. Lange würde sie nicht mehr halten, da war ich sicher. Ich musste handeln, denn war erst mal der Fahrer ausgeschaltet, wäre es schwer Lissa hier weg zu bekommen, ohne sie aus der relativen Sicherheit des Wagen zu führen. Etwas was ich vermeiden wollte. Es musste! Ich sah zu Lissa.>>Ich gehe jetzt da raus und helfe den anderen.>> Erklärte ich ihr.>>Du bleibst hier drinnen und verriegelst die Türen, verstanden?<< >>Aber was wird dann aus dir?<< Fragte sie ängstlich. >>Ich kann auf mich aufpassen, aber was wirklich zählt, ist, dass du in Sicherheit bist, deshalb: Bleib im Wagen und verriegle die Türen!<< Ich sah sie nur noch schwach nicken, bevor ich meine Tür erst kurz öffnete und sie dann mit einem gewaltigen Schwung aufstieß, sodass sie nach vorne schwenkte und den Strigoi traf, der immer noch wie besessen auf die Fahrertür eingehämmert hatte. Ich glitt aus dem Wageninneren, schlug die Tür wieder zu und wandte mich meinem Gegner zu. Der blonde Strigoi schüttelte den Kopf, wie ein Hund als er wieder hoch kam. Er war ein Moroi gewesen, das sah man ihm an. Jung und sicher gutaussehend, bevor ihn die kalkweiße Haut, die roten Augen und die Gier nach Blut in ein Monster verwandelt hatten. Ich zögerte nicht und rannte auf ihn zu. Ich schmiss mich nach vorne, als er wieder stand und erwischte ihn mit der Schulter kurz oberhalb seiner Hüfte. Ich brachte ihn so zu Boden und hatte eine perfekte Ausgangslage, ihm liegend einen linken Kinnhaken zu verpassen. Ich richtete mich halb auf, stieß mit der rechten Hand hinab und versenkte den Pflock mitten in sein Herz. Ich sah wie das, was er noch Leben genannt hatte, aus seinen Auge wich. Keuchend erhob ich mich. Jetzt erst sah ich was um mich herum passierte: Das vordere Auto war von einem stürzenden Baum erwischt worden. Mit Sicherheit hatten die Strigoi hier auf uns gewartet und den Baum in dem Moment gefällt, als das Auto passieren wollte. Nun lag der Stamm auf der zerdrückten und rauchenden Motorhaube des SUV´s. Es war das Auto gewesen in dem meine Mom gesessen hatte. Sorge und Angst erfüllten mich. Erst wollte ich losrennen und laut nach meiner Mom rufen, doch dann riss ich mich zusammen. Ich hatte einen Job zu tun! Erinnerte ich mich. Ich klopfte gegen die zerbeulte Fahrertür meines Wagens.>> Alexaj, fahr rückwärts und bring die Königin hier weg!<< Erst dachte ich, er hätte mich nicht gehört oder konnte dies vielleicht nicht mehr. Doch dann setzte der SUV mit quietschenden Reifen zurück, schob den hintersten Wagen ein Stück weg, ranggierte dann gekonnt um ihn herum und fuhr mit Vollgas von hier weg. Ich sah nur noch die demolierten Rücklichter und hoffte, dass er Lissa in Sicherheit brachte. Jetzt erst wand ich mich dem Auto meiner Mom zu und bemühte mich dahin zu kommen, was nicht ganz so einfach war, denn es tobte ein heftiger Kampf zwischen den verbliebenen Wächtern und Strigoi. Zweimal kam ich einem Kollegen zur Hilfe, der in Bedrängnis geraten war und pfählte die Strigoi mit einem beherzten Stoß von hinten. Schon immer wusste ich, dass die Königsgarde die Elite der Wächter war, doch jetzt erst sah ich, was das überhaupt bedeutete. Überall standen Wächter und wehrten sich verbissen gegen die Angreifer, obwohl sie teilweise verletzt durch den Autounfall waren. Sie deckten sich gegenseitig, unterstützten sich dort, wo ein oder mehrere Strigoi zur ernsthaften Bedrohung wurden und setzten ihnen ordentlich zu. Dennoch blieb es nicht aus, das ich auf dem Weg nach vorne über den einen oder anderen leblosen Körper steigen musste. Ich hoffte nur, dass es meiner Mom gut ging oder sie zu mindestens noch am Leben war. Als ich endlich den Wagen erreicht hatte, machte mein Herz einen Hüpfer. Da stand meine Mom an der Seite des Autos. Mit ihrem 1,50m großen Körper und ihren feuerroten Locken stand sie über einem am Boden liegenden Dhampir und bot gleich zwei Strigoi die Stirn. Sie war erschöpft und blutete aus mehreren Wunden, doch sie lebte! Doch dann durchbrach einer der Strigoi ihre Abwehr und warf sie gegen den Wagen. Meine Mom schrie schmerzerfüllt auf und rutschte zu Boden. Ich dachte nicht nach, sondern warf meinen Pflock nach dem Strigoi, der sich anschickte meiner Mom den Rest zu geben. Nicht mit mir! Der Pflock traf ihn im Rücken. Diese Verletzung war nicht tödlich, aber schmerzhaft. Der Strigoi verfehlte meine Mom und krümmte sich zusammen, während ich seinen Partner anschrie. >>Hey, Blödmann, schon mal von einer Frau fertiggemacht worden?<< versuchte ich ihn zu provozieren und von den beiden verwundeten Wächtern abzulenken. Mit Erfolg. Er drehte sich knurrend um und fixierte mich mit seine roten Augen. Dann stürmte er auf mich zu. Tja, soweit so gut, dachte ich mir, als ich mich unter einem wuchtigen Schwinger duckte. Das Problem war, dass ich ohne meinen Pflock keine Möglichkeit hatte, ihn zu töten, weshalb der Kampf sich etwas unausgeglichen gestaltete. der Strigoi wusste offensichtlich, dass ich keine ernsthafte Bedrohung war, denn er bemühte sich eifrig mich in die Finger zukriegen ohne auf seine Deckung zu achten. Er wusste, dass ich ihn nicht pfählen konnte. Immer wieder wich ich seine Angriffen aus und schaffte es kaum einen Schlag bei ihm anzubringen. >>Genick!<< ertönte eine mir bekannte weibliche Stimme hinter dem Strigoi. Es brauchte nur einen Augenblick bevor ich wusste was gemeint war. Ich mochte den Strigoi nicht töten, doch kampfunfähig konnte ich ihn auch mit bloßen Händen machen. Bei seinem nächsten Schwinger senkte ich meine Körper so sehr ab, dass ich ihm mit einen gezielten Ellenbogenschlag das Knie zertrümmern konnte. Heulend knickte der Strigoi ein. Es würde nicht lange dauern, bis diese Verletzung heilen würde, deshalb kam ich hinter ihm hoch, packte mit der einen Hand seine Unterkiefer, mit der anderen krallte ich mich in sein Gesicht. Ein Ruck, ein Knacken und mein Gegner ging schlaff zu Boden. >>Pass auf!<< schrie meine Mom, doch bevor ich reagieren konnte, traf mich ein Schlag von der Seite. Scheiße! Da war ja noch einer von denen gewesen! Der Strigoi, den mein Pflock im Rücken getroffen hatte, hatte sich erhoben und wieder in den Kampf eingemischt, indem er mir ein Hieb verpasst hatte, der mich zurückriss. Der Pflock steckte immer noch seinem Rücken, als er auf mich zukam, um mir den Rest zu geben. Mir klingelten die Ohren von dem Schlag und ich hatte Probleme klar zu sehen. Er packte mich an der Kehle und hob mich hoch, als wäre ich eine Puppe. >>Blöde Schlampe, jetzt bist du dran!<< schrie er mich an und seine Reißzähne kamen meinem Gesicht gefährlich nahe. Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Langsam aber sicher wurde meine Luft knapp! Da sah ich eine Bewegung hinter ihm. Da ich in der Luft hing, fiel es mir nicht schwer, mein Bein anzuziehen und den Strigoi zwischen die Beine zu treffen, was ihn etwas zusammenkrümmen ließ und den Griff um meinen Hals etwas lockerte. Ich packte die Arme des Strigoi´s und fixierte ihn, bevor meine Mom da war und dem Mistkerl von hinten ihren Pflock in den Rücken rammte, dieses Mal jedoch mitten ins Herz. >>Niemand nennt meine Kleine, eine Schlampe!<< zischte sie dem sterbenden Strigoi ins Ohr. Ich hustete und zog mit gierigen Zügen die Luft ein. >>Alles in Ordnung, Rosemarie?<< fragte meine Mom besorgt und beugte sich zu mir herab. >>Du...hah....sollst mich...hah...doch nicht..hah...Rosemarie nennen!<< erwiderte ich japsend. Einen Moment verfinsterte sich der Blick meiner Mom und ich dachte, ich müsste eine weitere Gardinenpredigt über mich ergehen lassen, in der mir meine Mom haargenau erklärte, was sie als meine Mom alles durfte und was
nicht. Doch auch sie schien zu merken, dass der jetzige Zeitpunkt dafür recht ungünstig war. Stattdessen half sie mir hoch, zog meinen Pflock aus der Leiche zu unseren Füßen und reichte ihn mir. >>Wir haben noch etwas zu tun. Was ist mit Königin Vasilisa? << fragte sie. >>Alexaj ist mir ihr geflohen.<< antwortete ich. Meine Mom quittierte dies mit einem knappen anerkennenden Nicken. Ich wand mich wieder dem Geschehen um uns herum zu und bemerkte, dass die meistens Strigoi entweder tot oder auf der Flucht waren, es schien als wäre die Gefahr vorüber. Dann fiel mein Blick auf den Strigoi, dem ich das Genick gebrochen hatte und der sich jetzt mit einigen fiesen Kopfverrenkungen erhob. Ich hatte nicht vor ihn entkommen zu lassen! >>Ich nickte zu dem Strigoi hin. >>Den schnappe ich mir!<< sagte ich zu meiner Mom und rannte los. >>Rose, warte!<< versuchte meine Mom mich noch aufzuhalten. Mit ihren Verletzungen konnte sie offenbar nicht mit mir mithalten, denn sie viel schnell zurück. Doch ich war zuversichtlich, dass ich diesen Strigoi auch alleine erledigen konnte. Fluchend hetzte ich ihm durch das Dickicht des Waldes hinterher. Immer wieder stieß ich gegen etwas, da es zu dunkel war, um meine  Umgebung genau zu sehen. Meine Nachtsicht reichte gerade so aus, um mein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Ein Handycap, dass meine Beute nicht hatte. Der Typ war schnell! Ich befürchtete schon, dass er mir entkommen würde, doch dann schien das Glück mir mal holt zu sein und der Strigoi verfing sich an einer herausstehenden Wurzel und stolperte. Jetzt oder nie, dachte ich und bemühte mich den Abstand zu verkürzen, was mir auch gelang. Kurz dachte ich, dass ich nie wieder das lstige Lauftraining mit Dimitri verfluchen würde. Der Strigoi entschied, dass es wohl keine Sinn mehr machte, zu fliehen und stellte sich mir. Sein Ende kam schnell und endgültig. Keuchend stand ich über ihm und schaute mich um. Mist! Ich hatte keine Ahnung wo ich war. Ich holte mein Smartphone raus, welches den Kampf glücklicherweise unbeschadet überstanden hatte. Natürlich hatte ich keinen Empfang, aber ich nutzte die Taschenlampen-App um etwas Licht ins Dunkle zu bekommen. Aus welcher Richtung war ich gleich noch gekommen? Ich drehte mich im Kreis und versuchte etwas zu erhaschen, dass mir bekannt vorkam. Einzelner Applaus ließ mich aus meinen Gedanken hochschrecken. >>Wirklich beeindruckende Vorstellung!<< sagte eine charismatische Männerstimme aus der Dunkelheit. >>Eigentlich wollte ich ja die junge Königin, doch wenn ich dich so ansehe, Dhampir, dann bin ich mir sicher, dass auch wir beide exquisiten Spaß zusammen haben werden! << Eine Gestalt löste sich aus den Schatten, ich versuchte noch nach meinem Pflock zu greifen, doch als meine Fingerspitzen das kühle Silber berührten, wurde ich gepackt und ihn die Höhe gerissen. >> Na, na, dass brauchst du jetzt nicht mehr! << sagte die Stimme. Dann explodierte mein Verstand in einem grellen Licht....  

 

Kapitel 2

Istanbul, etwas mehr als sechs Jahre später

Wieder einmal wurde ich von der kratzigen Stimme aus dem Lautsprecher geweckt, die in einem Singsang zum Morgengebet aufrief. Ein natürlicher Wecker, den ich, wenn ich es gekonnte hätte, mit Schwung gegen die nächste Wand gepfeffert hätte. Alles Stöhnen und Wunschdenken half jedoch nichts: Ich war wach und so konnte ich auch aufstehen. Das Gejammer am frühen Morgen war so etwas wie ein Ritual bei mir, stand ich doch jeden Tag so früh auf, den ich hier in meiner kleinen Wohnung in der Altstadt von Istanbul verbrachte. Verschlafen kämpfte ich mich aus meinem Lacken, in das ich mich in einem Anfall eines erneuten nächtlichen Albtraums verfangen hatte und begab mich ins Bad, um mich fürs Laufen fertig zu machen. Ich zog meine Laufsachen an, steckte Smartphone und Geldbörse in die Bauchtasche meines Sweatshirts und verließ meine Wohnung im ersten Stock eines kleinen Wohnblocks. Auch meine geliebten schwarzen Handschuhe vergaß ich nicht. Es gab kaum einen Ort oder eine Gelegenheit, bei denen ich nicht diese Handschuhe trug! Ich lief die Flurtreppe hinab und trat aus der Haustür hinaus in die morgendliche Sonne. Es war erst Frühling und doch versprachen die warmen Sonnenstrahlen auf meiner Haut einen noch wärmeren Tag. Ich steckte meine Kopfhörer ein und bog rechts in eine kleine Gasse ab, während ich meine Playlist startete. Wie immer lief ich ohne besondere Route oder Ziel. Mal bog ich ab, mal lief ich ein Stück wieder zurück und am Schluss zog ich mich gekonnt eine Hauswand hinauf und setzte meinen Lauf in gekonnter Parkour-Manier fort. Ich genoss das Wetter und die gewohnte körperliche Anstrengung und für einen Moment vergaß ich mein elendiges Leben. Ein kleiner, schrumpeliger Baum lud mich irgendwann ein, anzuhalten und mein weiteres Sportprogramm durchzuführen: Erst einige komische Verrenkungen und Figuren, die entfernt an so etwas wie Yoga erinnerten, dann einige Liegestütze, Situps und andere Übungen, die sicher alle einen tollen englischen Namen hatten, der die eigentliche Plackerei verharmloste. Als ich nach geschlagenen zwei Stunden befand, dass es erst mal genug der Ertüchtigung war, machte ich mich joggend auf den Heimweg, wobei ich bei einem kleinen Bäcker auf dem Weg einige Brötchen und eine kleine Flasche Wasser kaufte. Zuhause angekommen, setzte ich erst mal Wasser für einen Tee auf, schaltete meinen Laptop an und prüfte meine E-mails. Nichts interessantes. Dann wechselte ich auf eine der internationalen Nachrichtenseiten und begutachte, was in meiner Schlafphase Weltbewegendes passiert war. Ebenfalls nichts, Naja, wenigstens nichts was mich betraf oder interessierte. Ich reckte und streckte mich, bevor ich ins Bad ging und eine heiße und lange Dusche nahm. Das war immer einer meiner morgendlichen Highlights, wenn ich mir heißes Wasser auf den Kopf und Nacken rieseln lassen konnte. Oft vergaß ich die Zeit und kam erst Krebsrot wieder aus der Dusche. Heute jedoch schaffte ich rechtzeitig den Absprung und trat, nur von einem Handtuch umschlungen vor den beschlagenen Spiegel und holte tief Luft, um mich dem Anblick meines eigenen Spiegelbilds zu stellen. >>Okay, Rose, du schaffst das, wie jeden Tag! << machte ich mir selbst Mut. Ich hob meine rechte Hand und strich über die Spiegelfläche, um das Kondenswasser weg zu wischen und einen ersten Blick auf mich zu erhaschen. Doch anstatt das Wasser beiseite zu wischen, zog meine Hand nur Schlieren. Ich seufzte. Da war ja was! Ich nahm die linke Hand und versuchte es erneut und diesmal gelang es mir auch. Nun blickte ich in die braunen Augen einer jungen, 25 Jahre alten Dhampirin mit gebräunter Haut und schwarzem seidigen Haar. Man konnte sie durchaus als schön bezeichnen, läge nicht dieser tiefe Schmerz in ihren Augen. Ein Schmerz, der mir zu oft bewusst war. Ich drehte meinen Kopf etwas, sodass ich die silberne Rose sehen konnte, die auf meiner unteren linken Wange tätowiert war. Gedanken verloren strich ich mit meiner rechten Hand über das Werk und sah zu, wie mein Spiegelbild ebenfalls ihre silberne Hand hob und über ihre Wange strich. Ich schaute auf meinen rechten Arm. Er war neben den nächtlichen Albträumen das größte Mahnmal meines Schmerzes, meines Versagens. Von den Fingerspitzen bis hoch zum Schultergelenk war mein Arm ein mattes dunkles Etwas, vollständig aus Silber bestehend, was mich zugleich faszinierte und doch auch abschreckte. Ich wand meinen Blick ab und begann mich anzuziehen, bevor weitere unangenehme Erinnerungen hochkamen, denen ich mich nicht stellen wollte. Fertig angezogen ging ich zurück in meine Küche und frühstückte erst mal ausgiebig mit Brötchen, Tee, Joghurt, Obstsalat und allem was zu einem ausgewogenen und gesunden Frühstück dazu gehörte. Als ich fertig war, wusch ich das Geschirr ab und schnappte mir meinen Laptop mitsamt Tasche und machte mich auf den Weg zur Uni in Istanbul, welche ich gut mit dem Bus erreichen konnte. Bevor ich jedoch das Haus erneut verließ band ich mir noch mein Kopftuch um. Ich war nicht religiös, der einzige Glauben, den ich hatte, war, dass die Welt, und das Leben im besonderen, scheiße war und das, welcher Gott es auch geben mochte, mich dieser abgrundtief hassen musste. Jedoch hatte es einige Vorteile mit einem Kopftuch bekleidet das Haus zu verlassen: Man fiel etwas weniger auf und es schützte etwas vor der Sonne. Der Unibesuch war weniger eine Möglichkeit meine berufliche Karriere aufzupeppen oder mit Leuten meines Alters abzuhängen, was ich tunlichst vermied, sondern mehr eine Art Tarnung und Ablenkung und, naja, irgendwie der Versuch ein normales Leben zu führen. Ich hörte mir einige Stunden irgendwelche Vorlesungen über Genetik und Evolution an, machte meine Laborarbeiten zu Ende und verließ dann wieder die Uni mit dem guten Gewissen, nichts Aufregendes vollbracht zu haben. Ich blieb nicht lange in meiner Wohnung, sondern tauschte nur meine Uni-Tasche gegen meine Sporttasche  und machte mich auf den Weg zum Dojo. Eigentlich war es eine Beleidigung jeden wahren Dojo´s, diese Bruchbude mit ihnen auf einen Nenner zu stellen, jedoch verkündete das alte wacklige Schild über der Sporthalle genau diesen Titel und der Leiter dieser Einrichtung bestand darauf , dass es auch genau so ein Dojo, wie man es in so manchem asiatischen Actionfilm sah, war. Wie gesagt, eigentlich war es nur eine Bruchbude mit einigen Tatami-Matten in der Mitte, einigen gepolsterten Säulen, hängenden Boxsäcken und einer Umkleide. Ich betrat das "Dojo" und warf das zerknüllte Papier meines Dürums in den Mülleimer um die Ecke und wollte gerade in die Umkleide gehen, als sich einer kleiner drahtiger Türke sich mir in den Weg stellte. Hamit, der Leiter des "Dojo´s" stand vor mir und kreuzte seine behaarten Arme vor seiner Brust. Er war älter als fünfzig und seine Frisur ähnelte derer einiger europäischer Mönche. Dafür thronte ein gewaltiger Schnauzbart unter seiner Nase, die er nun geräuschvoll hochzog um dann gekonnt in den Mülleimer zu spucken. >>Wie oft habe ich dir gesagt, dass du nicht diesen Fastfood-Scheiß in mein Dojo schleppen sollst, Maryam?<< Bei dem Klang seiner schaurigen Stimme, die meinen Namen aussprach, stellten sich bei mir immer erst einmal die Nackenhaare auf. Hamit mochte nicht so wirken, doch er war ein ernst zu nehmender Gegner. Er war bei der Antiterroreinheit des türkischen Militärs gewesen und Träger mehrerer Meistergrade verschiedener Kampfsportarten. Er war ein Mann den man nie unterschätzen sollte, auch wenn er meistens nur so hart tat und eigentlich einen weichen Kern hatte. So hatte er mich ohne großes Gezeter hier aufgenommen und nie irgendwelche Fragen darüber gestellt, wer ich war, woher ich kam, was ich machte oder warum ich immer dünne Handschuhe trug. Es war ihm egal. Ich bezahlte meine Beiträge immer regelmäßig, war respektvoll und seiner Meinung nach, die beste Schülerin, die er je hatte. Das war das einzige was zählte. Mit diesem Wissen und dem Wissen, das er manchmal auch etwas eitel war, verbeugte ich mich in traditioneller japanischer Art vor ihm. >>Entschuldigt, Sensei, es wird nicht wieder vorkommen!<< Entschuldigte ich mich bei ihm. Bei dem Klang des Wortes "Sensei" schwoll seine Brust geradezu an. Er mochte es, wenn man ihn wie einen dieser asiatischen Großmeister bezeichnete. >>Nun gut, das werde ich dir jetzt einmal glauben.<< Wir wussten beide, dass es nicht das letzte Mal sein würde. Er betrachtete mich einige Sekunden schweigend, bevor er brummend zur Seite trat. >>Was stehst du noch hier rum? Sie zu, dass du dich umziehst!<< blaffte er mich dann an. Ein Grinsen unterdrückend verdrückte ich mich demütig in die Umkleide und zog mich um. Hamit war ein exzellenter Lehrer, auch wenn es eigentlich nichts gab, was er mir noch beibringen konnte, was er sehr wohl wusste. Dennoch genoss ich das Training mit ihm, weil er es immer verstand mich zu fordern und neu anzutreiben, mein Bestes zu geben. Andersherum genoss auch er es immer wieder mit jemanden zu trainieren, der auf seinem Niveau war. Zum Ende des Trainings hin übten wir uns beide im Messerkampf und gingen immer wieder einige Angriffskombinationen durch, bei denen er mich an mancher Stelle korrigierte. Manchmal erinnerte es mich an das Training mit Dimi...BAMM. Grelles Licht flutete meinen Verstand und ein stechender Kopfschmerz setzte ein, der mich meine Augen zusammen kneifen ließ. >>Ah!<< schrie ich und wich zurück. Sofort war Hamit bei mir. >>Alles in Ordnung Maryam?<< fragte er mich besorgt. Ich öffnete vorsichtig meine Augen und blinzelte die Tränen darin weg. >>Ja...ja, es geht wieder.<< versicherte ich ihm und wollte wieder in die Angriffsposition gehen, doch Hamit schüttelte nur mit dem Kopf und bedeutete mir mit einer Handbewegung mich hinzusetzen, während er nach hinten ging und mit zwei kleinen Wasserflaschen zurück kam. Eine davon reichte er mir, als er sich neben mir auf den Boden setzte. Kurz erfüllte das
Zischen der beiden Flaschen den Raum, dann tranken wir schweigend einige Schlucke. Nach einer Weile brach Hamit das Schweigen. >> Oft halten sie mich wach, die Erinnerungen.<< sagte er unbestimmt in den Raum hinein. >>Man kann nicht ändern wer man war oder was man getan und erlebt hat, Maryam, aber man kann einen Weg finden damit zu leben. << Er sah mich von der Seite an, während ich interessiert meine Wasserflasche musterte. Diese Art von Gesprächen fiel mir schwer. >>Hamit, Sensei..<< versuchte ich anzufangen, doch Hamit wischte es einfach weg. >>Spar das Geschleime, Maryam, es ist schon in Ordnung, wenn du nicht darüber reden willst. Doch halte mich bitte nicht für dumm! Die Art wie du dich bewegst, wie du kämpfst, dein ganzes Verhalten. Wie du dich in Räumen umsiehst, nach Fluchtwegen suchst, wie du die Leute ansiehst und beurteilst ob sie eine Gefahr sind und wie du sie am besten ausschalten kannst ...Ich weiß zwar nicht wo du herkommst und was du so machst, aber du bist unverkennbar das Werk einer Spezialausbildung. << fachsimpelte er. Ich sagte nichts dazu und ich war froh, als Hamit nicht weiter nachhakte. >> Wir machen Fehler und schlimme Dinge, aber so ist die Welt nun einmal und ich spüre, dass du kein schlechter Mensch bist, Maryam, also hör auf dir selbst im Weg zu stehen und stelle dich deinen Dämonen, denn anders wirst du den Kampf gegen sie nicht gewinnen.<< Mit diesen Worten klopfte er mir auf die Schulter, stand auf und ließ mich hier auf dem Boden alleine zurück. Vielleicht hatte er recht und ich musste mich meinen Dämonen stellen, aber er wusste nicht was für Dämonen mir zusetzten und hätte er es gewusst, so war ich mir sicher, hätte auch er sich ihnen nicht gestellt. Etwas gefrustet zog ich mich um und machte mich auf den Weg nach Hause. Die Kopfschmerzen hatten sich nun in ein beständiges dumpfes Pochen verwandelt. Zu Hause angekommen wollte ich mich gleich ins Bett legen, schließlich würde der morgige Tag wieder früh anfangen. Doch als ich einen Blick auf meinen Laptop warf, blinkte das Icon einer neuen Mail auf. ich ging zum Rechner hin und öffnete die Nachricht. Ich konnte mir schon denken von wem sie war. >> G. Dringende Anfrage, Doppelter Lohn plus Extra, morgen, selber Ort, selbe Zeit. B.<< Dringende Anfrage, doppelter Lohn plus Extra? Diese Aussage ließ mich aufhorchen. Wie es aussah, hatte mein Vermittler, ein türkischer Moroi namens Bülent, Arbeit für mich und wollte mich morgen treffen. Das hieß wohl, dass ich morgen die Uni würde sausen lassen müssen. Mit dieser Neuigkeit ging in mein Schlafzimmer und nahm die kleine Metalldose auf, die auf meinem Nachttischschrank lag. Ich öffnete sie und sah auf ihren kläglichen Inhalt. Vier kleine weiße Pillen schauten mir entgegen. Ich fluchte innerlich. Mein Vorrat war fast zu Ende und es war schwer an diese kleinen Dinger ranzukommen! Dann musste ich Bülent also morgen nach Nachschub fragen! Ich nahm einer der Tabletten und schluckte sie bevor ich mich ins Bett legte. Die Wirkung der Pille ließ nicht lange auf sich warten. Als würde ich mit dem Kopf unter Wasser tauchen verschwamm meine Sicht und mein Gehör bevor mein ganzer Verstand davon schwamm, um mich in eine hoffentlich traumlose Nacht zu bringen.



Der nächste Tag fing an wie der vorige: Frühes Aufstehen, Laufen und ein gutes Frühstück. Dann schnappte ich mir meine Sachen und verließ die Wohnung. Jedoch ging ich heute nicht zur Uni, sondern machte mich auf den Weg in einen anderen Stadtteil von Istanbul um meinen Vermittler Bülent zu treffen. Es dauerte eine Weile bis ich nach mehreren verwinkelten Gassen vor einem kleinen Imbiss stand. Ich betrat das Lokal, nickte dem Wirt hinter seinem Tresen kurz und machte mich auf ins Hinterzimmer. Niemand hielt mich auf, da dies unser bevorzugter Treffpunkt war und der Imbissbesitzer sicher eine ungefähre Ahnung hatte mit welcher Art von Arbeit ich meinen Lebensunterhalt bestritt. Ich strich den Perlenvorhang zur Seite und fand mich in einem kleinen Raum wieder, in dem nur ein kleiner runder Tisch mit zwei Stühlen stand. Auf einem dieser Stühle saß Bülent. Er war ein kleiner alter Mann, der ein Musterbeispiel eines kleinen alten Türkens war: Er trug einen Kaftan mit einer Weste, eine Gebetsmütze auf den Kopf und hatte einen langen zotteligen weißen Bart. Auf seiner Hakennase thronte eine kleine Brille, die er immer weit zur Nasenspitze geneigt hatte, wenn er sich, so wie jetzt, in den Koran vertieft hatte, den er in den Händen hielt. Der erste Eindruck von ihm täuschte. Er war zwar alt, aber er war immer noch sehr gefährlich, wenn auch nicht im körperlichen Sinne. Er war Imam der lokalen Gemeinde und sein Wort hatte viel Macht in diesem Teil von Istanbul. Auch so sollte man es sich zweimal überlegen, ob man sich mit ihm anlegen wollte. Ich für meinen Teil wollte das nicht, denn mit einem Mann, der dutzende Nummern von Söldnern und Killern in seinem Adressbuch hatte, war nicht zu scherzen. Obwohl er gehört haben musste, wie ich das Zimmer betreten hatte, machte Bülent keine Anstalten aufzublicken oder mich zu begrüßen. Ich kannte dieses Verhalten schon und stellte mich neben den freien Stuhl, darauf bedacht möglichst keinen Lärm zu machen. Der alte Moroi mochte es nicht, wenn man ihn beim Lesen störte. Nach einer Weile klappte er den Koran zusammen und legte ihn fast liebevoll an die Seite, bevor er mich ansah und mich auf Türkisch bat Platz zu nehmen. Ich erwiderte die Begrüßung, was ihn wie immer sein Gesicht zusammenziehen ließ. Ich sprach natürlich fließend Türkisch, aber seiner Meinung nach hatte ich einen schrecklichen Akzent, den aber bisher nur er gehört hatte. Deshalb wechselten wir sofort ins Englische. >>Schön, dass du meiner Einladung gefolgt bist, Ghost.<< sagte er mit kratziger, fast heiserer, Stimme. Ghost. Das war der Name, den er mir gegeben hatte, als ich anfing für ihn Aufträge zu erledigen. Obwohl er meinen richtigen Namen, naja, den Namen, der hier in Istanbul als richtig galt, kannte, nannte er mich immer so. >>Du hast es ja auch schmackhaft verpackt. << scherzte ich über seine Nachricht, die wie sonst auch nur das Nötigste enthalten hatte. Bülent verzog keine Miene, sondern genehmigte sich eine Schluck seines Tees. >>Kommen wir zur Sache!<< sagte er. Er griff in seine Ledertasche, die unter dem Tisch stand und holte eine dünne Mappe hervor, die er mir reichte. >> Es ist ein Eilauftrag. Das Ziel ist ein Geschäftsmann, der in den Kreisen der königlichen Familien der Moroi arbeitet. Name und Lebenslauf findest du natürlich in der Mappe. Dem Kerl ist vor kurzem ein Koffer anvertraut worden, dessen Inhalt hier keine Rolle spielt!<< Er sah mich scharf über den Rand seiner Brille. Eine Stille Ermahnung meine Neugierde zu zügeln. Koffer nicht öffnen! Macht ich mir im Geiste eine Notiz. Ich nickte nur, um zu signalisieren, dass ich verstand hatte und er fortfahren könne. >> Das Ziel hat es vorgezogen den Koffer zum Verkauf anzubieten, anstatt ihn sicher zu verwahren, wie er es eigentlich sollte. Nun soll er ausgeschaltet und der Koffer zurück geholt werden. << So weit so gut, dachte ich mir, bisher hörte ich noch keinen Haken heraus, der ein doppeltes Gehalt rechtfertigen würde. Bülent schien meinen Gedanken erraten zu haben, den er lächelte oder machte eine Mimik, die bei ihm wohl einem Lächeln am nächsten kam. >>Keine Sorge, Ghost! Es wird schon noch anspruchsvoll!<< versicherte er mir. >> Das Problem ist, dass der Koffer innerhalb der nächsten 48 Stunden verkauft werden soll und da das Ziel untergetaucht ist, wissen wir weder an wen, noch wo und wann genau. Das einzige was wir wissen, ist, dass sich das Ziel wohl in Bukarest versteckt hat und wahrscheinlich auch dort die Übergabe plant. << Ich lehnte mich zurück und dachte kurz nach. Es war nicht ungewöhnlich, dass man das Ziel erst mal finden musste, was kein Problem mit genügend Zeit war, doch innerhalb 48 Stunden eine bestimmte Person in Bukarest zu finden, die nicht gefunden werden wollte, war schon eine Herausforderung. Zum Glück liebte ich Herausforderungen. >>Okay<< sagte ich. >>Bin interessiert. Wie sieht der weitere Ablauf aus?<< fragte ich meinen Vermittler. Als ich vor einigen Jahren in den privaten Sektor des Auftragsmordes gewechselt war, hatte sich schnell herausgestellt, dass es nicht einfach war, gute Jobs zu finden. Durch einen Zufall war ich auf Bülent gestoßen, dessen Job es war, die Aufträge entgegen zu nehmen und an die richtigen Leute dafür weiter zu reichen. Gegen einen kleinen Aufschlag, versteht sich! Man konnte es sich wie eine normale Vermittlung beim Arbeitsamt vorstellen. Leute wie ich, die einen Job suchten, gingen zu ihm hin, sagten, welche Talente sie besaßen und welche Aufgaben sie übernehmen wollten und konnten. Auf der anderen Seite wandten sich diejenigen, die eine Job hatten an ihn und Bülent gab den Auftrag an uns weiter. Dieses Verfahren hatte einige immense Vorteile für beide Seiten. Viele Leute, die zum Beispiel jemanden beseitigen wollten ohne sich dabei selbst die Hände schmutzig zu machen(Moroi), wussten nicht, an wen man sich wenden konnte, schließlich standen Auftragskiller nicht in den Gelben Seiten und ein Auftragskiller machte nur ungern Werbung für sich. Sachen wie "Hey, soll ich für dich jemanden umlegen?" kamen in der Öffentlichkeit selten gut an. So verheirateten Leute wie Bülent suchende Arbeitgeber und Arbeitnehmer und gewährleisteten das Höchstmaß an Diskretion und Sicherheit. Darüber hinaus kümmerte er sich um alle Kleinigkeiten, die bei so einem Unternehmen anfielen, wie Hintergrundinformationen, Hin- und Rückreise, Hotelübernachtungen und so weiter. Manchmal nannte ihn scherzhaft meine kleine Sekretärin.... Also in Gedanken meine ich! >> Dachte mir schon, dass du zusagst. << sprach Bülent. >>Dein Flug geht in drei Stunden vom International Airport hier in Istanbul, Business Class, was bedeutet, du kannst nur deine Standardausrüstung mitnehmen. << Na toll! >> Ich habe dir schon eine Wagen am Flughafen in Bukarest und ein Hotelzimmer reservieren lassen. Den Rückflug buche ich, sobald du mir Bescheid gibst, dass du in Aktion trittst. << Das war die gewohnte Bülent-Leistung, quasi, das Rund-um-Sorglos-Attentäter-Paket. Ich grinste. >>Schmier dir dein dämliches Grinsen aus dem Gesicht, Mädchen. Ich kann mir denken, was in deinem Kopf vorgeht und es gefällt mir nicht!<< sagte er böse. >>Du wirst den Kerl immer noch finden müssen und dass wird eine harte Nuss! Der Auftraggeber hat es zuerst selbst versucht und ist kläglich gescheitert, aber alle Informationen dazu findest du ebenfalls in der Mappe. << Er reichte mir den Packen Papier über den Tisch und ich steckte ihn in meine Tasche. >>Tja, dann bleibt mir nur noch dir viel Erfolg zu wünschen, Ghost. << Bülent machte bereits Anstalten sich zu erheben und zu verschwinden, er war nicht der Typ für überflüssige Konversation und anderer Höflichkeiten. >>Ähh, Bülent? << fragte ich scheu. >>Ich hätte da noch eine Bitte...<< fing ich an. Der Alte blieb stehen, aber drehte sich nicht wieder zu mir um. >>Nein!<< sagte er hart. >>Vergiss es sofort wieder!<< >>Bitte!<< bettelte ich an. Ich spürte, wie mein Gesicht heiß wurde. Natürlich wusste er sofort um was es ging. >>Du weißt wie dringend ich es brauche! Ohne die Pillen kann ich so eine Job nicht durchziehen! << versicherte ich ihm. Ein hartes Lachen entfuhr dem Moroi. >> Das behaupten alle Süchtigen von sich, nur um sich dann voll zu dröhnen und nutzlos zu sein! << >>Du weißt ganz genau, dass ich nicht nutzlos bin! << knurrte ich. Ja, die Drogen waren nicht mein Lieblingsthema, schon gar nicht, wenn ich jemanden anbetteln musste, doch für mich war es schwer an diese Tabletten ran zu kommen und ich brauchte sie, um meine Dämonen so weit zu bändigen, dass ich funktionsfähig war. Ich zitterte vor Wut und vor Angst. Ohne die Pillen, war ich aufgeschmissen, dass wusste ich selbst und ich schämte mich dafür, aber es gab auch andere Wege meinen Schmerz zu betäuben. Wortlos stand ich auf, ging an Bülent vorbei, der noch immer vor dem Durchgang stand und wollte schon den Imbiss verlassen, als mich Bülent´s Stimme zurückrief. >>Warte!<< Mit langsamen Schritten kam er auf mich zu und drückte mir einen kleinen Plastikbeutel in die Hand. Ich sah hinauf und entdeckte eine kleinen Vorrat an meinen geliebten Pillen. >>Danke!<< hauchte ich nur ohne Bülent anzusehen, dazu war ich nicht in der Lage. Ich fragte ihn nicht, was seine Meinung geändert hatte, ich wollte es gar nicht wissen, was zählte, waren die weißen ovalen Dinger in meiner Hand! Ich drehte mich wieder zum Ausgang und ging. Mein Herz klopfte. Ich wusste nicht, ob es vor Erleichterung war, kein härteres Zeug zu mir nehmen zu müssen, oder vor Abscheu, weil ich wusste, dass ich es sofort getan hätte.



Zuhause machte ich mich sofort ans Packen und zog mir einen schicken Hosenanzug an, der mich in eine junge Business-Frau verwandelte. Dann rief ich mir ein Taxi und ließ mich zum türkischen International Airport fahren. Auf der Fahrt blätterte ich schon einmal die Mappe durch, die Bülent mir gegeben hatte. Das Ziel war ein Moroi in den Dreißigern. Sein Name war Anghel Moldovan, ein angesehener Geschäftsmann, der mit vielen königlichen Familien der Moroi gearbeitet hatte. Er war ledig, hatte keine Kinder, von denen er wusste. Er hatte einiges Aufsehen erregt, als man ihm vorwarf einige Aktienanleger betrogen zu haben, aber komischer Weise hatte sich dieser Vorwurf nicht lange halten können. Für mich waren Börsenmakler und die anderen Finanz-Idioten nicht weniger Verbrecher, als ich es war, nur mit dem feinen Unterschied, dass ich meinen Opfern einen schnellen Tod gönnte und ihnen nicht über einen langen Zeitraum alles Aussaugte, was sie besaßen. Ich fand ein Protokoll seines Telefons, in dem sogar seine GPS-Daten vermerkt waren. Ich war beeindruckt. Solche Informationen waren in der Regel schwer zu kriegen und dann sehr kostspielig. Wenn auch immer Moldovan ans Bein gepinkelt haben musste, der Typ besaß Geld und Macht.  Aus der Liste entnahm ich, dass Mr. Moldovan seinen letzten Anruf in Bukarest getätigt hatte. Sicherlich hatte er es abgeschaltet oder sogar ganz entsorgt, sodass ich ihn darüber nicht würde aufspüren können. Auch die Benutzung seiner Kreditkarten endete zum selben Zeitpunkt. Ich sah mir sein Foto an, was in der Mappe beilag. Für mich sah er aus wie jeder andere, der sein Geld an der Börse verdiente. Feiner Anzug, modische Frisur und ein 10.000$ Lächeln, mit dem er sicherlich nicht nur zögerliche Kunden für sich gewinnen konnte. Auf mich machte er nicht den Eindruck, als wäre er besonders erfahren in der Welt des Verbrechens. Sicher, er hatte bestimmt nicht auf rein legalen Wegen Geld verdient, dennoch gab es einen Unterschied, arme dumme Leute auszunehmen oder einen Koffer mit brisantem Inhalt auf dem Schwarzmarkt zu verticken, den man nebenbei von jemanden gestohlen hatte. Ich stellte meine Recherchen erst mal ein, als das Taxi vor dem Flughafen hielt und macht mich auf den Weg zum Check-in. Ich überlegte, wie ich Moldovan finden konnte. Wäre ich in seiner Lage, würde ich das sicherlich nicht alleine durchziehen wollen. Das wäre viel zu riskant! Vor allem wenn man keine Ahnung hatte, wie man in der realen Welt überlebte. Ich hätte mir wenigstens jemanden zu meinem Schutz angeheuert, jemanden, der gewisse Kontakte in der Unterwelt hatte und so ein Ding durchziehen konnte. Nur wen? Das war hier eine der Fragen. Ich gab meinen Rollkoffer als Gepäck auf und durchlief die allgemeine Sicherheitsroutine ohne Probleme, nach dem ich dem Herrn der Flughafensicherheit meinen  Pass zeigte, in dem vermerkt war, dass ich stolze Besitzerin einer Hightech-Prothese war, die der Grund für das Auslösen des Metalldetektors war. Danach hatte ich noch ein bisschen Zeit, die ich damit verbrachte, mir einen Tee zu gönnen und einem mir bekannten russischen Hacker schrieb und ihn bat, jegliche dreckige Wäsche Moldovan´s an die Oberfläche zu graben. Als ich ihm das Doppelte der sonst übliche Bezahlung anbot, erklärte er sich bereit mir bis morgen etwas Nützliches zu bringen. Dann ertönte auch schon die Lautsprecheraufforderung zum Boarding und ich nahm meinen Platz in der Business Class ein, wo ich gleich geschäftstüchtig meinen Laptop startete und mir mit einem doppelten Scotch in der Hand die Flugzeit damit vertrieb, weiter die Informationen über mein Ziel zu sichten.



Kapitel 3

Bukarest



Endlich in Bukarest gelandet, begab ich mich gleich zum Leihwagenstand und holte mir meinen reservierten Wagen ab. Als ich sah, dass Bülent mir einen neuen Audi gebucht hatte, hellte sich meine Miene auf. Ich gab die Adresse meines Hotels ins Navi ein und brauste los. Es war nun schon später Abend, dies hieß ich hatte nicht mehr viel Zeit Mr. Moldovan zu finden. Am Bukarester Flughafen hatte ich mir noch einige Kleinigkeiten gekauft, unter anderem eine Karte von Bukarest. Ich erreichte mein Hotel und schleppte mich zum Empfang, wo mir eine junge Rumänin mit einem strahlenden Lächeln meine Schlüsselkarte überreichte und mir gleich die schönsten Ziele in Bukarest auf einer kleinen Karte zeigte, unabhängig davon, dass ich nicht im Mindesten daran interessiert war. Schließlich verließ ich sie dankend und machte es mir auf meinem Zimmer gemütlich. Man konnte über Bülent sagen, was man wollte, doch er wusste ein gutes Hotel zu schätzen und so überraschte es mich nicht wirklich, dass mein Zimmer zwar klein, jedoch schön eingerichtet war und einen fantastischen Blick auf die Bukarester Innenstadt bot. Ich war müde und am liebsten hätte ich mich sofort auf das einladende Bett geschmissen, doch ich musste die lockende Stimme in meinem Hinterkopf ignorieren und machte mich stattdessen daran, die Karte auf dem Teppich auszubreiten. Also? Was nun? Ich versuchte mich in die Lage von Anghel Moldovan zu versetzen. Würde ich Bukarest verlassen, eine Stadt, die ich kannte und in der ich auf Hilfe hoffen konnte? Sicher nicht! Ich würde mich hier in einem Hotelzimmer verstecken, den Verkauf des Koffers samt Inhalt durchziehen und dann das Weite suchen. Ich googelte eine Liste der Hotels in Bukarest und machte mich daran die Suche weiter einzugrenzen. Es gab drei Hotels in Bukarest, die bei Moroi beliebt waren und Annehmlichkeiten, wie den Schutz durch Wächter und abrufbare Blutspender boten. Doch dort würde man ihn vielleicht erkennen, auf jeden Fall würde man dort als erstes nach ihm suchen. Also fielen diese raus. Doch es gab noch über zwei Dutzend edlere Hotels in Bukarest und Umgebung, die meiner Meinung nach für ein Versteck in Frage gaben. Einige von denen schloss ich durch ihre Lage aus, denn ich war sicher, dass Moldovan nach dem Verkauf das Land verlassen wollen würde und deshalb ein Hotel genommen hatte, dass eine gute internationale Verkehrsanbindung hatte, wie einen Flughafen oder einen Bahnhof. Leider traf das auf eine ganze Menge an Hotels zu. Meines inklusive. Kurz spielte ich mit dem Gedanken, bei meinen Zimmernachbarn anzuklopfen und zu schauen, ob nicht vielleicht mein Ziel direkt vor meiner Nase lag. Doch ich verwarf den Gedanken schnell wieder. So edel war mein Hotel dann doch nicht! Hier schien meine Spur erst mal zu erkalten. Ich gähnte ausgiebig und schaute auf mein Smartphone. Bestürzt stellte ich fest, dass ich in meiner Grübelei einen Anruf meines Dads verpasst hatte. Ich kaute auf meiner Lippe herum. Mich plagte ein bisschen das schlechte Gewissen, da ich mich schon seit einigen Wochen nicht bei ihm gemeldet hatte. Doch anrufen wollte ich nun auch nicht unbedingt. Ich schrieb ihm eine kurze Nachricht, dass ich dienstlich unterwegs war und ich mich anschließend sofort bei ihm telefonisch melden würde. Versprochen! Mein Dad, Ibrahim "Abe" Mazur, war wahrscheinlich die einzige Person aus meiner Vergangenheit, die wusste, was mit mir passiert war und die ungefähre Ahnung hatte, was ich zur Zeit beruflich machte. Zwar war er nicht wirklich begeistert gewesen, als er herausfand, dass ich für Geld Leute umbrachte, doch er hatte mich nicht abgebracht, sondern stattdessen sogar die Nummer von Bülent, meinem Vermittler, gegeben, weil er der Meinung war, dass dieses Vorgehen sicherer für mich sei. Tja, selbst ein Vater, der nicht ganz legale Geschäfte tätigte, wie Abe, war immer noch ein Vater der sich sorgte. Ich arbeitete noch etwas weiter, musste dann jedoch einsehen, dass ich hier nicht weiter kam und beschloss meiner Erschöpfung und Müdigkeit ihren Tribut zu zahlen, nahm einer meiner Tabletten und schlief sofort ein.



Nach dem Frühstück im Hotelresteraunt ging ich wieder auf mein Zimmer und sah, dass ich in Abwesenheit zwei Nachrichten erhalten hatte. Die eine war von Dad. Er wünschte mir viel Erfolg und erwarte freudig meinen Anruf. Die andere war von dem Hacker, Cyber, der mir einen Link geschickt hatte. Als ich diesen auf meinen Laptop anklickte, öffneten sich erst einige schwarze Kommandofenster bis ich zum Schluss auf irgendeiner Seite im Darkweb landete, auf der mir Cyber die Informationen geladen hatte, die er über Moldovan herausgefunden hatte. >>Na, na, Anghel, du kleiner Schlingel! << sagte ich mit einem zufriedenen Grinsen. >> Du hast ja eine recht hübsche Ansammlung an Schwarzgeldkonten hier! << Tatsächlich hatte Cyber etwas mehr als vier Millionen US-Dollar auf diversen Auslandskonten gefunden. Eine Summe, die durchaus für ein gutes Leben reichen konnte! Still wunderte ich mich über Leute wie Moldovan. Wie zum Teufel konnte man so gierig sein, dass, wenn man schon fast vier Millionen Dollar auf der hohen Kante hatte, immer noch jede Gelegenheit nutzte, noch mehr Geld anzuhäufen? Hatten sie es so nötig oder brauchten sie etwa nur die Bestätigung, dass sie tolle Hengste waren, wenn sie so einen riskanten Coup wie diesen Kofferverkauf durchzogen? Kurz überlegte ich mir, Moldovan zu fragen, ob es das wert gewesen war, bevor ich ihn schlussendlich umlegte, doch dann meldete sich der Profi in mir und ich erkannte, dass mir die Meinung eines raffgieren Individuums wie Moldovan herzlich egal war. In den Unterlagen von Cyber fanden sich auch mehrere Fotos von Moldovan. Er mit einigen Anzugtypen auf irgendeiner Tagung, Er mit einigen Freund in einer Bar und so weiter. Zum Schluss kamen noch seine gesamten Kontobewegungen. Damit konnte man etwas anfangen! Ich dankte Cyber schnell für seine Hilfe und überwies den vereinbarten Betrag in Bitcoins an ihn. Dann machte ich mich auf die Suche nach verräterischen Hinweisen in Moldovans Geldbewegungen. Es dauerte einige Zeit bis ich etwas Interessantes fand. Wie es aussah hatte Moldovan regelmäßig Geld an ein Unternehmen mit dem Namen "Badaslan Security and Innovations" überwiesen. Eine kurze Internetrecherche offenbarte, dass es sich um eine private Sicherheitsfirma handelte mit dem Sitz in Bukarest. Ich vermutete, dass es eine Fassade war, unter der man Wächter anheuern konnte. Moroi wie Moldovan besaßen häufig keine eigenen Wächter, dafür gab es zu wenige von ihnen und dafür waren auch Neureiche wie Moldovan auch einfach zu unbedeutend. Deshalb mieteten sie sich oft für einen gewissen Zeitraum Wächter, wenn sie zum Beispiel irgendwo auf Geschäftsreise mussten und Angst hatten von Strigoi überfallen zu werden. Wahrscheinlich konnte Moldovan noch einiges von diesen Blutsaugern lernen, überlegte ich grinsend. Diese Firma war eine gute Adresse, wenn man Hilfe für ein solches Unternehmen suchte, wie es Moldovan vor hatte. Ich fand heraus, dass die Sicherheitsfirma auch ein Unternehmen beherbergte, dass "Sunshine´s Sight" hieß. Bestimmt war das eine Firma, die menschliche Spender beschäftigte, um hungrigen Moroi ihr Blut zu geben. Damit bot "Badaslan Security and Innovations" nicht nur die Sicherheit, sondern auch den Zugang zu Blut, das Moldovan zum Überleben nötig hatte. An Blut heranzukommen war hier in der wirklichen Welt, weitab der königlichen Familien oder der Akademien, nicht so einfach wie man vielleicht denken konnte, schon gar nicht, wenn man auf er Flucht vor einer dieser Familien war. Ich schätzte, dass Moldovan mindestens alle zwei Tage Blut brauchte. Es gab selten Moroi, die es länger aushielten. Mein Rekord lag bei einem Moroi, der fünf Tage ohne Blut ausgekommen war, eine Sache der Gewöhnung und der inneren Stärke, wie mir betreffender Moroi versichert hatte. Doch auch bei ihm hatte ich starke Anzeichen von Entzugserscheinungen bemerkt. Ich hielt es nicht für wahrscheinlich, dass Moldovan versuchte diesen Rekord zu brechen. Ich hackte mich in die Seite von "Badaslan Security and Innovations", was mir aufgrund der laschen Sicherheitseinrichtungen mühelos gelang. >>Hmm, Hier scheint nichts Auffälliges zu sein. << brummte ich vor mir hin und tatsächlich fand ich keine Spur, die mich zu Moldovan führte. Ich fing an in meinem Hotelzimmer auf und ab zu laufen, während ich nachdachte. Ich war mir sicher, dass Moldovan einige Wächter angeheuert hatte und auch Spender bezogen hatte. Ich war mir auch sicher, dass ich die richtige Firma dafür gefunden hatte, doch noch hatte ich keine Spur gefunden, dass Moldovan dies auch wirklich getan hatte. Wie würde ich diese Sache angehen, wenn ich ein kleiner angsterfüllter Bastard mit einem gutgefülltem Schwarzgeldkonto wäre? Würde ich wirklich direkt eine Firma anheuern und so eine verfolgbare Spur hinterlassen? Nein, bestimmt nicht und immerhin war Moldovan ein cleverer Geschäftsmann gewesen, der sicherlich jeden Trick kannte, um seine digitalen Spuren in der Finanzwelt zu vertuschen. Anders hätte er keine vier Millionen Dollar zur Seite legen können. Ich öffnete Moldovan´s Kontobewegungen und die Geldeingänge der Firma "Badaslan Security and Innovations" und durchsuchte beide nach Gemeinsamkeiten. >>Tada!<< rief ich, als ich endlich einen Beweis für meine Theorie hatte. Moldovan hatte erst vor kurzem eine große Summe von einem seiner Konten an ein spezielles Unternehmen gezahlt, welches wiederherum einen ähnlich großen Betrag an "Badaslan Security and Innovations" gezahlt hatte. Bestimmt war das Unternehmen eine Briefkastenfirma mit deren Hilfe Moldovan seine Transaktion verschleierte! Ich erlaubte mir einen kurzen Triumphtanz bevor ich wieder ernst wurde. Nach einem kurzen Anruf bei der Telefonhotline der Sicherheitsfirma, bei dem ich mich als eine Sekretärin der Briefkastenfirma ausgab, erfuhr ich, dass meine "Firma" drei Personenschützer und regelmäßige Verpflegung gebucht hatte. Leider konnte mir die Dame am anderen Ende der Leitung nicht sagen, wo diese Wächter waren oder die "Verpflegungen" hingingen, jedoch, dass diese sicherlich noch in Bukarest seien. Schon allein die Tatsache, dass eine Sicherheitsfirma eine Telefonhotline besaß, zeigte mir, dass es sich vornehmlich um ein Unternehmen für Moroi handelte und nicht für normale Menschen. Die riefen sicherlich nicht spontan mal durch. Ich legte auf und googelte den Standort des Spenderlieferanten "Sunshine´s Sight". Ich verließ das Hotel und fuhr eine knappe Stunde, bevor ich vor dem Geschäftsgebäude auf der anderen Straßenseite hielt, auf dessen Wand unauffällig und in kleiner Schrift "Sunshine´s Sight" stand. Erst wunderte es mich, wie jemand diesen Schuppen finden sollte mit der Art von schlechten Werbung, doch dann fiel mir ein, dass sie sicherlich genug Werbung in den entsprechenden Kreisen hatten und nicht unbedingt auf Laufkundschaft angewiesen waren. Ich machte es mir in dem Wagen gemütlich, etwas was in einen neuen Audi nicht sehr schwer fiel, und bereitete mich auf eine lange Zeit des Wartens vor, in der ich das Gebäude observierte. Zwar war ich mir fast sicher, dass hier die Action erst in der Nacht anfing, denn sie würden dem Tages-Nacht-Rhythmus der Moroi folgen, doch ich konnte es mir zeitlich nicht leisten falsch zu liegen. Ich musste die Spender jetzt verfolgen, um den Standort von Moldovan herausfinden!

Ich musste bis weit nach Mitternacht warten, bis sich endlich was am Tor tat. Schnell holte ich mein kleines Etui mit meinen besonderen Kontaktlinsen heraus und setzte diese ein. Diese Sorte von Kontaktlinsen bekam man nicht überall zu kaufen und waren ein Vermögen wert. Sie waren nichts weiter als ein Stück Plastik, auf das eine dünne Schicht Silber gedampft worden war. Jedoch war ein Zauber mit dem Blut des Zauberers und des späteren Anwenders, in diesem Fall mir, in das Silber gebunden worden. Dadurch ermöglichten mir die Linsen einige nette Anwendungen: Ich konnte meine Augenfarbe beliebig wechseln, hatte eine kleine Zoom-Funktion und konnte im Dunklen sehen, sowie, und dass war das schönste an der ganzen Sache, auch die Auren der Lebewesen wahrnehmen. Wie gesagt, diese Linsen waren sagenhaft teuer, doch sie hatten sich schon mehr als einmal bezahlt gemacht, denn nun konnte ich die Bewegungen am Tor nachvollziehen ohne das Licht meines Wagens anschalten zu müssen, was mich verraten hätte. Ein kleiner Bus hielt nun auf die Straße zu, wartete dort einen kurzen Moment, bis jemand, der verdächtig nach einem Dhampir aussah, das Tor öffnete und setzte sich dann in Bewegung. Ich wartete kurz, dann ließ ich den Wagen an und nahm die Verfolgung auf. Wie es aussah war der Lieferservice unterwegs. Geschlagene fünf Stunden fuhr ich dem Bus hinterher und konnte beobachten, wie er gleich an vier der Hotels hielt, die ich als mögliche Standorte von Moldovan gekennzeichnet hatte, und dort jeweils ein Mensch in Begleitung eines Moroi´s reingebracht worden war. Das waren also die Spender, dachte ich mir. Einer davon war sicherlich für meinen Anghel gedacht. Als der Bus nach seiner Tour wieder auf dem Platz der Firma hielt, machte ich mich auf den Rückweg zum Hotel. Ich war mir ziemlich sicher, dass ich nun wusste, wo ich Moldovan finden konnte! Von den vier möglichen Hotels, hatte ich schon eins wegen seiner Lage ausgeschlossen, blieben nur noch drei. Auf meinem Zimmer öffnete ich erneut die Dateien, die mir Cyber geschickt hatte und sah mir noch einmal die Bilder an. Hatte ich also Recht gemacht! Triumphierte ich. Auf einem der Bilder, auf denen Moldovan mit einen Finanzkollegen auf einer Tagung war, sah ich im Hintergrund das Logo eines der Hotels, an denen ich gerade vorbei gekommen war. Es war das "Grant Bukarest Hotel", ein nobler Schuppen, der jedoch kaum Beachtung bei den Moroi gefunden hatte, warum auch immer. Ich überlegte mir meine weitere Vorgehensweise. Im Prinzip blieben mir zwei Möglichkeiten. Möglichkeit Nummer eins: Ich fuhr zum Hotel und erledigte Moldovan oder Möglichkeit Nummer zwei: ich wartete vor dem Hotel darauf, dass der potenzielle Käufer eintraf und erledigte diesen gleich mit. Jede dieser Möglichkeiten hatte ihre Vor- und Nachteile und schlussendlich endschied ich mich für die zweite Möglichkeit, auch wenn diese mit einem größeren Risiko für mich behaftet war, denn nun würde ich es mit mindestens zwei weiteren Zielen zu tun bekommen. Doch für diese Möglichkeit sprach, dass ich erstens dem Käufer zu Moldovan folgen konnte, sodass ich nicht das ganze Hotel absuchen musste und der Verkauf lenkte alle Beteiligten hoffentlich genug ab, sodass ich es einfacher hatte, sie alle umzulegen. Ich gähnte herzhaft und sah auf die Uhr meines Smartphones. Es war kurz nach acht Uhr. Jetzt würde nichts mehr geschehen, geschweige im nahenden Tageslicht. Also hatte ich fast den ganzen nächsten Tag noch Zeit, da konnte ich beruhigt ein wenig schlafen! Ich stellte mir einen Wecker, bevor ich eine weitere meiner Pillen nahm und in eine weitere traumlose Nacht glitt.



 Angespannt saß ich in meinem Wagen und beobachtete die Leute, die auf das "Grant Bukarest Hotel" zuhielten. Es war schon spät, die Sonne war vor einer Stunde untergegangen und ich hatte mir eine gute Position zum Beobachten gesucht und wartete nun auf den potenziellen Kunden. Ich hatte mein Businessoutfit gegen eine bequeme Jeans mit einem langärmligen schwarzen Oberteil getauscht. Darüber trug ich meine schwarze Softshelljacke und natürlich meine schwarzen Lederhandschuhe, ohne die ich nie rausging. Ich hatte schon früh aus den Hotel ausgescheckt und mich auf meinen Auftrag vorbereitet. Mit einem kurzen Tasten prüfte ich, ob meine Ausrüstung dort saß, wo sie es sollte. Zufrieden befand ich, dass ich meinen Pflock und meine Pistole schnell genug erreichen konnte und dass auch meine Wurfsterne am richtigen Ort waren. Mehr an Ausrüstung hatte ich leider nicht durch die Flughafenkontrolle schmuggeln können. Eine Frau erregte meine Aufmerksamkeit. Sie war zweifelsohne eine Moroi. Ich zoomte mit meinen Linsen heran. Die Frau war um die fünfzig, schätzte ich. Ihre blonden Harre trug sie zu einem modischen Bob. Ihr Kleid und der Mantel darüber waren teuer gewesen und wenn ich noch Zweifel gehabt hätte, hier den Käufer zu sehen, dann hätten mich die beiden Wächter überzeugt, die die Moroi begleiteten. Schnell ließ ich mich aus dem Wagen gleiten und schlenderte hinter den Dreien ins Hotel hinein. Ich begutachtete interessiert die Touristeninformationen in der Lobby und achtete unauffällig auf die Frau. Diese war an den Tresen herangetreten und hatte sich bei der Rezeptionistin vorgestellt, diese griff gerade zum Telefon. Wahrscheinlich würde sie Moldovan die Ankunft des Käufers mitteilen. Ich näherte mich dem Tresen noch rechtzeitig, um mit zubekommen wie die Angestellte die Moroi hoch bat. >> Suit Nummer 614. Nehmen sie den Aufzug bis in den sechsten Stock und dann den Flur rechts, sie werden bereits erwartet! << beschrieb sie den Weg. Ich entfernte mich wieder schnell und verließ das Hotel. Ab hier musste ich mir einen anderen Weg suchen, denn die beiden Wächter würden mich sofort als einen Dhampir entlarven, wenn sie mich sahen. So war das nun einmal bei uns Dhampiren, wir erkannten uns immer gegenseitig. Auf der Suche nach einem anderen Einstieg umrundete ich das Hotel. Es dauerte nicht lange bis ich den Liefereingang fand, bei dem sich allerlei Leute rumtrieben und verschiedenste Sachen, wie Wäsche und Essen, ein- und wieder ausluden. Dieser Bereich  war sicher Video überwacht, doch mit etwas Glück könnte ich diese vielleicht umgehen. Ich musste nicht lange auf meine Gelegenheit warten, als ein weiterer Lieferwagen vor dem Eingang hielt und Angestellte diesen entluden. Schnell lief ich hinter den Lieferwagen und kletterte auf sein Dach. Nun befand ich mich auf der Höhe des kleinen Vordachs, welches die Lieferzone überspannte. Ich sprang rüber und schaute durch die Fenster. Bei dem letzten der vier wurde ich fündig. Es sah aus, als würde dahinter eine kleine Abstellkammer oder etwas ähnlich liegen. Auf jeden Fall war es ein geschlossener Raum. Ich wartete bis der startende Lieferwagen meine Geräusche überdeckte und schlug schnell mit meiner rechten Hand durch die Scheibe und öffnete das Fenster von innen. Ein Arm aus Silber hatte so seine Vorteile, dachte ich und kletterte hinein. Ich hatte recht mit der Abstellkammer. Hier lagerte eine Menge Zeug, welches die Zimmermädchen auf den Zimmern verteilten wie Seifen, Bettlaken und so weiter. Als ich an einem offenen Karton mit kleinen Schokopralinen vorbei kam, hielt ich kurz an. Eigentlich musste ich weiter, doch wenn einem das Schicksal schon so eine Gelegenheit gab....Wer war ich, diese nicht zu nutzen? Ich steckte mir zwei Pralinen in den Mund und zwei weitere in die Jackentasche, für nachher! Dann öffnete ich vorsichtig die Tür und lugte durch den Spalt in den dahinterliegenden Flur. Die Luft war rein und ich schlüpfte aus der Abstellkammer. Ich befand mich im zweiten Stockwerk und so ging ich zur Treppe und dann hinauf ins sechste Stockwerk. Da es nur zwei Suits auf diesem Stockwerk gab, war die Nummer 614 nicht schwer zu finden. Ich horchte kurz durch die Tür ins Innere, konnte jedoch nichts vernehmen. Ich zog meine Glock mit der rechten Hand und schraubte mit der linken den Schalldämpfer an. Ich hatte nur ein Magazin mit, das hieß ich hatte 17 Schuss zur Verfügung. Eine sportliche Herausforderung für die sieben Ziele, die ich in dem Raum vermutete. Ich fuhr mit der linken Hand über den Türrahmen. Bestimmt hatten sie die Türkette vorgezogen, so etwas tat man, wenn man bei einem illegalen Geschäft nicht gestört werden wollte. Meine Hand hielt auf der Höhe an, wo die Kette wahrscheinlich saß. Ich würde sie schnell durchtrennen und den Raum stürmen müssen, überlegte ich. Ohne meinen Blick von der Tür zu wenden zog ich mit links meinen Pflock. Er hatte nur noch wenig Ähnlichkeit mit dem Modell, welches von anderen Wächtern benutzt wurde. Im Grunde war es ein silberner Handgriff aus dem, mit einem kurzen Druck auf die richtige Stelle, eine mehr als Handlange Klinge glitt. Im Gegensatz zum runden Pflock, war diese Klinge nicht rund, sondern flach und rasiermesserscharf. Eine leichte Riffelung in der Schneide ermöglichte mir nicht nur meine Gegner zu pfählen, sondern ihnen auch mit etwas Geschick Gliedmaßen wie den Kopf abzutrennen. Damit erfüllte dieser Pflock zwei der drei Kriterien zur Tötung von Strigoi und machte darüber hinaus das Tragen eines Messers überflüssig. Ich setzte die Spitze oberhalb der vermuteten Kette an die Tür, dann klopfte ich zweimal an und sprach im perfektem Rumänisch. >>Zimmerservice! Eine kleine Aufmerksamkeit des Hauses für Sie! << Es dauerte nicht lange, da hörte ich Schritte auf der anderen Seite. Niemand konnte etwas widerstehen, das gratis war! Ich spannte meinen Körper an und hielt meine Pistole vor meinem Körper. Die Tür öffnete sich einen Spalt. Ich nutzte mein Gewicht, um sie, soweit es die Kette zuließ, zu öffnen und fuhr mit meinem Pflock hinab. Mit einem "Pling" durchtrennte ich diese und ich schmiss mich mit aller Kraft gegen die Tür und schaffte es tatsächlich sie aufzustoßen. Der Wächter, der die Tür geöffnet hatte, taumelte einen Schritt zurück, doch da war ich schon heran und stieß ihm meinen Pflock in den Hals. Blutend ging er zu Boden. Ich schaute mich um. Ich war in einem kleinen Flur, der in eine Art Salon führte. Dort saßen sich Moldovan und die unbekannte Moroi auf Sesseln gegenüber, der Koffer auf dem Couchtisch zwischen ihnen. >>Hey!<< schrie ein Wächter, der mich erblickte und zu seiner Waffe greifen wollte. Ich war schneller und verpasste ihm einen Kopfschuss. Wenn nicht schon alle nach seinem Ruf alarmiert waren, dann wussten sie spätestens nach meinem Schuss, dass etwas nicht stimmte. Die Wächter, die hinter den Moroi standen wandten sich sofort zur mir um, doch auch diese waren zu langsam. Beide gingen mit gezielten Kopfschüssen zu Boden, als ich den Salon betrat. Ein Schrei ertönte, als sich Moldovan panisch zu Boden warf. Diesem spitzen Schrei schrieb ich es auch zu, dass ich den Wächter erst hörte, als er seitlich in mich rein krachte. Ich verlor meine beiden Waffen, als ich mit ihm zu Boden ging. Nun war ich echt stinkig. Was machte das den für einen Eindruck vor meinen Zielen, wenn ich mich hier so balgte wie ein Köter? Ich rollte mich nach hinten ab und kam wieder auf die Beine. Auch mein Kontrahent stand wieder und griff mich sofort an. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie sich die Frau erhoben hatte und mit ihrer Hand auf mich deutete. Dank meiner Linsen sah ich, wie sich ihre Aura veränderte. Ein untrügerisches Zeichen, dass sie kurz davor stand Magie anzuwenden. Hätte ich die Zeit gehabt, hätte ich an ihrer Aura die Art der benutzten Magie feststellen können, doch ein Schwinger des Wächter zwang mich zurück in den Kampf. Geschickt duckte ich mich darunter hinweg. Eine schnelle Kombination von drei leichten Schlägen gegen seinen Körper gaben mir etwas Spielraum, um mich halb zur Moroi zu drehen. Eine kurze Handdrehung und zwei Wurfsterne flogen auf sie zu. Ich schaute nicht, ob sie trafen, sondern nutzte meine Schwung aus, um mich weiter zu drehen. Ich kam an der rechten Seite des Wächters wieder hoch. Ich blockte seinen Rückhandhieb mit beiden Unterarmen und ließ sein Ellenbogengelenk um schnappen. Sein Schmerzensschrei endete in einem Röcheln, als ich ihm gegen den Kehlkopf schlug. Dann trat ich ihm von der Seite gegen das Knie und umklammerte seinen Kopf. Mit einem Ruck brach ich ihm das Genick und ließ seinen toten Körper zu Boden gleiten. Ich sah mich um. Es schienen alle Gefahren beseitigt, den wimmernden Moldovan, der am Boden kauerte, nahm ich nicht als solche war. ein ersticktes Röcheln ließ mich zur Moroi schauen. Die Wurfsterne hatten sie beide in der Brust getroffen. Zwar lebte sie noch, doch sie lag in einer Lache ihres eigenen Bluts am Boden. Ich hob meine Waffen auf und schoss ihr in den Kopf. Ich umging den Tisch und hielt auf Moldovan zu, der versuchte vor mir weg zu kriechen. >>Bitte! Bitte nicht! << flehte er mich. >>Ne..Nehmen sie den Koffer und das Geld. E..Es....Es gehört alles Ihnen! << Ich sah zum Tisch. Tatsächlich stand neben dem Koffer eine Tasche randvoll mit Geld. >>Ja! << ereiferte sich Moldovan, der meinem Blick gefolgt war. >>Es gehört Ihnen, nehmen sie es ruhig. Ich werde auch nichts ...<<Peng! Mein Schuss beendete sein Gejammer. Zur Sicherheit schoss ich noch zweimal auf ihn und noch einmal auf jeden anderen, der hier lag. Dann durchsuchte ich die anderen Zimmer der Suit gründlich, konnte aber sonst niemanden finden. Ich nahm meine Wurfsterne auf, schraubte den Schalldämpfer ab und steckte ihn in meine Jacke. Ich wischte meinen blutverschmierten Pflock an Moldovans Anzug ab und verstaute auch ihn. Zu Letzt sicherte ich die Glock und holsterte sie,
bevor ich nach dem Koffer griff. Ich hatte eine Art Aktenkoffer erwartet, in dem vielleicht brisante Dokumente lagen, doch dieser Koffer war viel zu groß und schwer für einen Aktenkoffer. Er war bestimmt dreimal so hoch und sah aus, als würde er einen großen Gegenstand enthalten. Ich ließ meine Finger über den Verschluss gleiten, entschied mich dann jedoch dagegen ihn zu öffnen. Bülent hatte angedeutet, dass der Inhalt mich nichts anzugehen hatte und so groß war meine Neugier nicht, dass ich es riskieren wollte, die nächste auf einer Abschussliste zu sein. Ich packte den Koffer und verließ das Apartment, die Tasche mit dem Geld ließ ich zurück. Sie war nicht Teil meines Auftrags gewesen und war mir zu unsicher. Ich wusste nicht, von wem es kam oder ob vielleicht ein Sender drin steckte. Ich wollte kein Risiko eingehen, jemanden auf meine Spur zu bringen. Ich machte mich auf den Weg zur Treppe und stieg hinab. auf der Hälfte öffnete sich plötzlich vor mir die Tür zum Stockwerk und ein blonder Dhampir betrat das Treppenhaus. Seine Augen weiteten sich, als er den Koffer in meiner Hand wiedererkannte. Doch bevor er reagieren konnte, hatte ich ihn schon gegen die Wand gepresst, mit dem Pflock an seiner Kehle. Blöde Telefonhotline! Diesen Wächter hatte sie mir gegenüber wohl vergessen zu erwähnen! Fluchte ich und betrachtete mein Opfer. Er war noch jung, jünger als ich, und trug die Kleidung eines Wächters. Wahrscheinlich gehörte er zu Moldovan´s Truppe und hatte seine Runde im Hotel gezogen. Ich sah ihm lange in die Augen. Pure Angst spiegelte sich dort wieder. Auch in seiner Aura sah nichts anderes als nackte Angst. Dieser Junge war kein Held, wahrscheinlich war das hier einer seiner ersten richtigen Einsätze gewesen. Genau in diesem Moment musste sich der klägliche Rest meines Gewissens in meinen Hirnwendungen melden. Ich hätte keine Skrupel diesen Jungen hier mit durchschnittener Kehle liegen zu lassen, wenn er eine Gefahr bedeutet hätte, doch ich hatte meinen Zweifel, das er mir ernsthaft gefährlich werden konnte oder es überhaupt wollte. Aber ihn laufen zu lassen war ein Risiko, schließlich hatte er mein Gesicht gesehen. Ach Scheiß drauf! Der ganze Job war ein einziges Risiko gewesen, da kam es auf eines mehr auch nicht an und auch wenn mir das Töten auch sonst nichts ausmachte, hatte ich das Gefühl, dass mich der Tod des jungen Dhampirs hier mich noch lange verfolgen würde. Ich hatte schon genug Scheiß, der mir meinen Schlaf raubte und schwer auf meiner Seele lastete, da brauchte ich nicht noch mehr. >>Wie heißt du? << fragte ich ihn leise. Er hatte die ganze Zeit keinen Mucks von sich gegeben. Er räusperte sich und sagte dann mit erstaunlich klarer Stimme. >> Timeo, Ma´am. << Der Junge gefiel mir von Sekunde zu Sekunde mehr. >>Also, Timeo, sag, lebt deine Mom noch? << Er nickte. >>Hast du ein gutes Verhältnis zu ihr?<< fragte ich. Auch hier nickte er >>Ich besuche sie regelmäßig.<< antwortete er. >>Gut, Timeo. Ich glaube du bist ein schlauer Bursche, oder? Also wenn man dich fragt, was hier passiert ist, dann sagst du...?<< ich ließ den Satz so stehen und bedeutete ihm mit einer Geste ihn fortzusetzen. Einige Zeit überlegte Timeo angestrengt, was er sagen sollte, dann leckte er sich über die Lippen und sprach. >>Dann sage ich, dass ich heute früh einen Anruf von meiner Mom gekriegt habe, dass es ihr nicht gut geht. Daraufhin bin ich sofort zu ihr gefahren und war den ganzen Tag unterwegs. << Diese Antwort reichte mir. Timeo schien verstanden zu haben, was ich von ihm wollte. >> Und wenn man dich fragte, ob du mich schon mal gesehen hast? << setzte ich nach um sicher zu gehen. >>Ich habe Sie nie gesehen, Ma´am! << bekräftigte er. Ich nahm meine Klinge von seinem Hals und ließ ihn los. >>Schöne Grüße an deine Mom, Timeo. << Mit diesen Worten hob ich den Koffer auf und ging weiter die Treppe hinab, während ich sah, wie Timeo die Wand hinab glitt. Hoffentlich sammelte sich der Junge schnell genug, damit er abhauen konnte, dachte ich noch. Dieses Mal verließ ich das Hotel durch den Vordereingang, als wäre ich hier zu Gast gewesen. Ich stieg in den Audi, legte den Koffer auf den Beifahrersitz und schrieb Bülent eine kurze Nachricht, dass der Job erledigt war und ich den Koffer hatte. Dann startete ich den Wagen und fuhr zum Flughafen, aber nicht ohne mir zuvor meine verdienten Schokopralinen zu gönnen. Dort angekommen verstaute ich den Koffer in einem Schließfach mit Zahlencode und übermittelte diesen zusammen mit den Standort des Koffers an Bülent. Der Alte würde sich darum kümmern, dass mein Auftraggeber diese Daten erhielt und den Koffer abholen konnte. Dann machte ich mich auf den Weg zum Terminal und fieberte meinem Heimflug entgegen. Ich überlegte ob ich nicht ein paar Wochen Urlaub von meinem Job als Auftragskiller nehmen sollte und stattdessen lieber etwas entspannen sollte. Vielleicht sogar verreisen? Das hörte sich nicht schlecht an, fand ich. Etwas Erholung würde nicht schaden. Mit einem Fluch auf den Lippen erinnerte ich mich an mein Versprechen, dass ich meinen Dad anrufen wollte. Ich holte mein Smartphone hervor und wählte die Nummer meines Dads, der nach kurzem Klingeln abnahm. >>Hey, Dad, ich bin´s!<< meldete ich mich. >> Ahh, mein kleine Pusteblume! << begrüßte er mich. Da ich nicht wollte, dass er meinen richtigen Namen am Telefon benutzte, hatte er eine Vorliebe dafür entwickelt mich mit den blumigsten Spitznamen zu versehen, wohlwissend dass mich das sehr nervte. >>Wie läuft die Arbeit? << fragte er mich. >>Ich bin gerade zu einem erfolgreichen Abschluss gekommen, Dad und fliege gleich wieder nach Hause.<< erwiderte ich. >> Das hört man doch gerne! Wie geht es dir so, Blümchen? Ist bei dir alles in Ordnung? << erkundigte sich mein Dad. >>Ja, bei mir ist alles in Ordnung. Du, Dad, sag mal ich hatte eben überlegt, ob ich vielleicht etwas Urlaub machen sollte. << >>Das ist eine gute Idee, warum kommst du nicht für ein paar Tage zu mir? Ich hab dich schon so lange nicht mehr gesehen und ich bin mir sicher, dass sich einige hier freuen würden, dich wiederzusehen. << sagte er erfreut. Warum denn nicht? dachte ich mir. Ich war wirklich schon zu lange nicht mehr bei meinem Dad gewesen und das Anwesen der Familie Mazur war gar nicht so weit von Istanbul entfernt. Ich sagte zu und wünschte meinem Dad noch einen guten Tag, bevor ich auflegte, um meinen Flug zu erwischen. Im Flieger lehnte ich mich seufzend zurück. Es schien als würde mir eine ruhige Zeit bevorstehen!





Kapitel 4



Königshof, einige Tage später

Wie so oft saß Vasilisa auch diesen Abend in ihrem privaten Arbeitszimmer und ging den nie enden wollenden Stapel an Papieren durch, der sich auf ihrem Schreibtisch türmte. Von den Bitten nach weiteren Wächtern, den Listen der neuen Spendern, über Einladungen zu irgendwelchen Bällen bis hin zu Statistiken über Gott und die Welt. Alles kam ihr auf den Tisch und wurde von ihr gesichtet. Nicht dass sie ihre Zeit auch anders hätte verbringen können, doch sie war nun einmal verantwortlich und gab nur ungerne Tätigkeiten ab. Ein Punkt, der schon einige Male Grund heftigster Diskussionen mit ihrem Verlobten Christian war. Vasilisa unterdrückte ein Gähnen und sah auf ihre Uhr. Es war schon nach Sonnenaufgang. Noch eine, vielleicht auch zwei Stunden noch, dann würde sie die Arbeit ruhen lassen und in ihre Wohnung gehen, befand sie. Sie dachte an Christian. Vielleicht würde er ihr noch was kochen, wenn sie jetzt Schluss machte? Sie hatten schon lange keinen Abend mehr zu zweit verbracht. Seufzend sah sie wieder zu ihren Unterlagen. Die Entscheidung fiel ihr schwer. Es war fast unmöglich gleichzeitig eine gute Regentin und Freundin zu sein. Gerade als sie beschlossen hatte, doch lieber diesen Abend mit ihrem Verlobten zu verbringen und gerade ihm eine Nachricht schreiben wollte, klopfte es an ihrer Tür. Ohne eine "Herein" abzuwarten, öffnete sich die Tür. Vasilisa wusste, dass es nur eine Person gab, die es wagte einfach so hier einzutreten. Janine Hathaway, die Leiterin ihrer Königsgarde stand vor ihrem Tisch und machte einen leichten Knicks. >>Entschuldigt die Störung, Eure Majestät, doch ein dringendes Anliegen bedarf Eurer Aufmerksamkeit.<< Lissa lächelte schwach. Sie wusste nicht, wie oft sie Janine schon gesagt hatte, dass sie sie nicht so offiziell anreden musste, wenn sie unter sich waren. Nicht einmal ein Wächter hielt sich hier auf. Wenn Lissa alleine in ihren Privaträumen war, duldete sie die ständige Begleitung nicht. Sie wusste, dass es nur zu ihrem Schutz war, dennoch hatte auch sie ein Recht auf etwas Privatsphäre und Einsamkeit, fand sie. >>Ich wollte eigentlich gerade Schluss für heute machen, Janine. Hat das nicht Zeit bis morgen? << wollte sie wissen. Janines Gesicht war wie eine Maske, was Lissa etwas beunruhigte. Dass Ihre oberste Wächterin zögerte, kam nicht oft vor und meistens verhieß es nichts Gutes. >> Ich fürchte du solltest dir das sofort ansehen, Lissa. << antwortete sie leise. Na dann, dachte Lissa und stand auf. Sie bedeutete Janine voran zu gehen. Die Wächterin führte sie in das Hauptquartier der Königsgarde, ein Raum voller Bildschirme, in dem immer große Hektik herrschte. Auch jetzt war das nicht anders. Überall wuselten Wächter herum und gingen ihren Aufgaben nach. An einem Tisch in der Mitte des Raumes wartete schon Dimitri auf sie. Er nickte Lissa nur kurz zu und wendete sich dann Janine zu. Diese deutete auf eine Karte, auf der Rumänien und die benachbarten Staaten abgebildet waren. >>Wir haben erfahren, dass es vor etwas mehr als 24 Stunden einen Mehrfachmord gegeben hat. << begann sie ohne Umschweife. Sie deutete mit dem Finger auf Bukarest, die Hauptstadt Rumäniens. >> Hier, in einem Hotel, wurden die Leichen zweier Moroi und fünf ihrer Wächter gefunden. Bisher deutet alles auf einen gezielten Anschlag hin. Man fand sogar noch eine Tasche voller Geld, die zurückgelassen wurde. << Lissa verzog das Gesicht. Das war keine gute Nachricht. Seit einiger Zeit nahmen die Angriffe auf Moroi zu und es steckten nicht nur die immer stärker werdenden Strigoi dahinter. Auch einige Gruppierungen von Moroi und Dhampiren griffen zu immer extremeren Mitteln, um ihre Ansichten durchzusetzen. "Strigoi? Oder waren es Inferni? << wollte sie wissen. Die Inferni waren eine dieser Gruppen, die auch vor Mord nicht zurückschreckten. Offiziell kämpften sie für die Gleichheit aller Moroi und Dhampire. Ein großes Ziel, doch Lissa´s Meinung nach, hatten sie schon längst den rechten Pfad verlassen und waren nur noch verblendete Fanatiker, die gar nicht wahrnahmen, was für einen Schaden sie anrichteten. Janine schüttelte den Kopf. >>Strigoi können ausgeschlossen werden. Alle Opfer weißen entweder Schuss- oder Stichverletzungen auf. Ob es sich um einen weiteren Angriff der Inferni handelt, wissen wir nicht, doch wir vermuten nicht. Das ganze sieht nach der Tat eines Einzelnen aus. << Dimitri räusperte sich und er griff das Wort. >> Unter den Opfern befindet sich Natalia Voda. << Leise fluchend lehnte Lissa sich auf den Tisch. Natalia Voda war die jüngere Schwester von Ben Voda, Oberhaupt der Voda-Familie und Ratsmitglied. Das war ein schwerer Verlust und würde einigen Unmut erzeugen. Schon jetzt sah sie, wie einige Ratsmitglieder sie zu einem härteren Vorgehen gegen die Terroristen aufforderten. Zwar war Lissa keine Anhängerin von Gewalt, doch langsam wusste sie nicht, was sie noch alternativ tun sollte. Die Inferni schienen nicht zu Verhandlungen bereit. >> Ich werde Ben mein Beileid ausrichten! << sagte sie. >>Gibt es schon Hinweise auf den Täter? << Janine nickte und schob Lissa eine Akte herüber. >>Es scheint, dass einer der Wächter des anderen toten Moroi´s fehlt. Ein Mister Moldovan, ein Geschäftsmann, hat nach diesen Unterlagen einige Tage zuvor drei Wächter angeheuert und einen Tag danach einen weiteren. Drei von denen liegen ebenfalls tot im Hotelzimmer. Der vierte, Timeo Bajec, war nicht aufzufinden. Die Suche nach ihm läuft. << Lissa nickte. Es schien, als hätte Janine alles im Griff. Sie streckte sich unmerklich. Nach dieser Neuigkeit war ihr die Lust auf einen romantischen Abend zu zweit vergangen, dennoch würde sich Christian freuen, wenn sie jetzt schon nach Hause kommen würde. >>Haltet mich auf den Laufenden! << befahl sie. >>Wenn sonst nichts weiter ist, würde ich jetzt gerne nach Hause gehen! << Dimitri und Janine warfen sich einen unsicheren Blick zu. Es schien doch noch nicht alles gewesen zu sein, dachte Lissa. Irgendetwas lag den beiden schwer auf dem Gemüt. Sie kannte ihre beiden Wächter so nicht. In den letzten Jahren waren sie Teil ihrer Familie gewesen. Vor allem nach dem Rose verschwunden war, waren die drei sich näher gekommen. Lissa zog fragend eine Augenbraue hoch, doch die beiden machten keine Anstalten zu reden. Langsam wurde Lissa wütend. Sie hatte nicht die Zeit für so ein Theater! Entweder einer von den beiden sagte jetzt etwas oder sie sollten sie nach Hause gehen lassen! >>Was ist los? << fragte sie die beiden gefährlich leise. Da die beiden Wächter diesen Ton ihrer Königin nur zu gut kannten, warfen sie sich erneut einen Blick zu. Auf ein Nicken von Janine, räusperte sich Dimitri erneut. >>Es...es gibt im Zusammenhang mit den Morden eine Neuigkeit, die etwas sensibel ist. << fing er an. >>Was bedeutet sensibel? Mensch, Dimitri, lass dir nicht alles aus der Nase ziehen! Was ist hier los? << >>Vielleicht solltest du dich setzen. << schlug Janine vor. Lissa´s ungläubiger Gesichtsausdruck war wohl Antwort genug, denn Dimitri reichte ihr ein Foto, ohne dass sie sich hingesetzt hatte. >>Dieses Foto wurde von einer versteckten Kamera im Hotel aufgenommen. Der Besitzer hatte wohl einige der Zimmermädchen in Verdacht, dass sie sich an der Einrichtung vergriffen. << erklärte er. Lissa nahm das Foto. Es war eine leicht verpixelte Schwarz-Weiß-Aufnahme, dennoch hätte sie die junge Dhampirin darauf überall wiedererkannt. OH.MEIN.GOTT. Nun hielt Lissa es doch für besser sich zu setzen. Sie wusste nicht was sie sagen sollte! Sprachlos sah sie erst zu Janine, dann zu Dimitri, beide hatten diesen leidvollen Ausdruck im Gesicht. >>Ist das wahr? << fragte Lissa nur. Dimitri nickte. >>Wir haben sie auch wiedererkannt. << sagte er. >>Ja, es ist Rose.<< flüsterte Janine. Lisa wurde von ihren Gefühlen überrannt. Trauer, Wut, Enttäuschung, doch auch Erleichterung und Freude brandeten in ihr auf. Immer wieder hatte sie sich gefragt, warum Rose einfach gegangen war. Damals, bei dem Angriff der Strigoi auf ihren Konvoi, hatte man nach einiger Zeit nur noch ihre Sachen im Wald gefunden. Ihr Smartphone, ihren Silberpflock, das Amulett ihrer Mutter und das Armband, dass sie, Lissa, ihr zu Weihnachten geschenkt hatte. Alle diese Dinge hatte man auf einem Haufen gefunden, gleichneben der Leiche des Strigois, denn sie verfolgt hatte. Lissa hatte Wochen nach ihrer besten Freundin suchen lassen, ohne Ergebnis. Selbst Dimitri war nach nicht einmal drei Wochen der Suche zerschlagen zurückgekehrt. Von Rose Hathaway hatte jede Spur gefehlt. Noch immer machte sie sich Vorwürfe, eine schlechte Freundin gewesen zu sein. Irgendetwas übersehen zu haben, Etwas falsches gemacht oder gesagt zu haben. Dimitri war es noch schlimmer ergangen. Nur sein Schwur, Lissa bis an sein Lebensende zu beschützen, hatte ihn vor einer Dummheit bewahrt, da war sich Lissa sicher. Und nun gab es plötzlich einen Lebenszeichen von ihre Freundin! Doch was hatte Rose in diesem Hotel in Rumänien zu suchen gehabt? Und warum war sie nie zurückgekehrt? War sie dort eine Wächterin gewesen? Hatte sie etwa etwas mit den Morden zu tun? War sie vielleicht eine Zeugin der Tat gewesen und schwebte nun in Gefahr? Panik machte sich in Lissa breit, sie wollte Rose nicht noch einmal verlieren! Kurz schloss sie die Augen und atmete durch, dann blickte sie entschlossen auf. Was zählte, war, dass Rose lebte und sie eine Spur von ihr hatten. Alles andere würde sich klären, wenn sie wieder hier bei ihr wäre, da war sich Lissa sicher. Sie reichte das Bild zurück an Dimitri. Dann erhob sie sich von dem Stuhl und verkündete mit lauter Stimme, sodass sie jeder im Raum hören konnte. >>Aufgepasst! Egal was Sie gerade tun, lassen Sie es liegen! << sprach sie zu den Wächtern. >>Ab sofort hat dieser Fall hier.<< sie wies auf den Tisch vor sich. >> Oberste Priorität. Ich will, dass ein Team der Königsgarde nach Rumänien geschickt wird, um dieser Sache nachzugehen. Ich
will, dass dieser verschwundene Wächter gefunden und zu mir gebracht wird. Ich will, dass jeder Wächter in Rumänien das Foto dieser Frau erhält. Sie ist eine wichtige Zeugin und muss gefunden werden. Ich will, dass die Alchemisten eingeschaltet werden. Nicht über die herkömmlichen Kanäle, sondern direkt. Ich verlange vollste Unterstützung von ihnen in diesem Fall. Und wenn ich vollste Unterstützung sage, dann meine ich das auch so! Die Regionale Polizei, die nationale Polizei, jede internationale Ermittlungseinheit, verdammt sogar die rumänischen Pfadfinderinnen sollen nach dieser Frau suchen, wenn es sein muss! << Sie sah zu Dimitri. Das Feuer, das sie verspürte brannte auch in seinen Augen. Stumm schwuren sie sich, dass sie alles geben würden, um Rose zu finden. >> Bringt mir Rose Hathaway! << befahl Lissa.



Noch immer nichts Neues! Frustriert schaute Lissa auf den Display ihres Smartphones. Sie hatte immer noch keine Nachricht von Dimitri erhalten. Er war kurz nach ihrer Ankündigung mit einem Team aus Wächtern nach Rumänien aufgebrochen, um nach Spuren des verschollenen Wächters und nach Rose zu suchen. Das war nun fast zwei Tage her. Sie legte ihr Smartphone zur Seite und widmete sich wieder ihrem Aussehen. Gedankenverloren klippte Lissa sich ihren zweiten Ohrring an. Sie hätte jetzt vieles lieber getan, aber als Königin erwartete man von ihr, dass sie sich auf gewissen Veranstaltungen blicken ließ. Eine dieser Veranstaltungen war der Grund, warum sie nun in ihrem schwarzen Cocktailkleid vor dem Spiegel stand und sich fertig machte. Im Spiegel sah sie, wie Christian  das Bad betrat und sich gegen die Wand lehnte. Verstohlen musterte sie ihn. Er sah verboten gut in seinem Anzug aus! Er sah sie mit seinen eisblauen Augen an und lächelte. Dann kam er zu ihr, legte ihr seine Hände auf die Schultern und massierte diese leicht. >>Also ich bin ja nicht immer auf dem Laufenden, was Mode angeht<< hauchte er ihr ins Ohr. >>Aber seit wann trägt man zwei verschiedene Ohrringe? << fragte er sie belustigt. Lissa schaute zum Spiegel. Mist! Sie trug wirklich zwei verschiedene Ohrringe. Schnell nahm sie den Stecker mit dem kleinen Smaragd ab und hängte stattdessen den zweiten Goldring an. >>Sind wir heute etwas durch den Wind? << fragte Christian. Lissa drehte sich zu ihm um und lehnte sich an seine Brust. Christian stand einer Gruppe von Moroi vor, die der Ansicht waren, dass sich die Moroi am Kampf gegen die Strigoi beteiligten mussten. Deshalb trainierte er täglich nicht nur seine magischen Kräfte, sondern übte sich auch im bewaffneten Kampf. Das Resultat war ein äußerst geformte Körper, an den sie sich gerne schmiegte. Und ein leicht übersteigertes Selbstwertgefühl seinerseits. Aber das war nichts Neues für sie. >>Ich will nicht zu der Feier! << nörgelte sie. Sanft strich Christian ihr über den Kopf. >>Ich weiß, Lissa. Aber wir wissen beide, dass das keinen Unterschied macht. Lass uns dahin gehen, ein bisschen Smalltalk halten und dann wieder verschwinden. So wie es die ganzen coolen Superstars bei den Menschen machen. Da gehört es zum guten Image, dass man drei Stunden zu spät kommt und nach 15 Minuten wieder verschwindet. << Lissa lachte gequält. >> Wie gern wäre ich jetzt keine Königin! << sagte sie. Sie löste sich von Christian und gab ihm einen flüchtigen Kuss. Dann hakte sie sich bei ihm ein und verließen zusammen das Bad. Im Salon warteten schon zwei Wächter auf sie, die ihnen beim Näherkommen erst ihren Mantel darboten und dann die Tür aufhielten. Draußen wartete der Rest ihrer Eskorte. Janine war heute Abend nicht dabei. Sie kümmerte sich um den Fall. Zusammen machten sie sich auf den Weg zur der Feier in einer der Villen irgendeiner königlichen Familie. Immer wieder spannte sich Lissa an, als sie an Rose dachte. Hoffentlich fand Dimitri sie bald. >>Ähm, Schatz? << fing Christian an. >>Ich weiß du bist etwas aufgeregt, aber würde es dir was ausmachen, meinen Arm nicht zu zerdrücken? << Erschrocken ließ sie Christians Arm los, in dem sie sich gekrallt hatte. >>Entschuldige bitte! << bat sie ihn, doch er winkte nur ab. Er verstand ihre Zerstreutheit. Endlich erreichten sie das Gebäude. Als sie es betraten, kündigte ein Moroi am Eingang sie beide an. >>Meine verehrten Gäste! Es betritt nun den Raum: Ihre Majestät Königin Vasilisa Dragomir die Erste, Herrscherin der Moroi und der Dhampire, Vorsitzende des königlichen Rats, Oberhaupt der Familie Dragomir, Protektor des Blutschwurs und Erzbischöfin der heiligen slavisch-orthodoxen Kirche!<< >>Rechtmäßige Herrscherin der ersten Menschen und der Andalen, Khalissi der weiten Steppe und Mutter der Drachen! << zitierte Christian leise Game of Thrones. Unauffällig verpasste sie ihm einen Stoß mit dem Ellenbogen, der ihn aber nur leise lachen ließ. Christian sah eindeutig zu viel Fernsehen wenn er alleine war. Ein Umstand, so wusste Lissa selbst, an dem sie nicht ganz unschuldig war. Währenddessen fuhr der Moroi weiter. >> Begleitet wird sie von Ihrem Verlobten, Lord Christian Ozera!<< vollendete er seine Ankündigung. Die Gäste wandten sich ihnen zu und verneigten sich. Mit einem Kopfnicken bedeutete Lissa fortzufahren, während sie der Traube an Moroi begegnete, die sich nun um sie scharrte, wie die Motten um das Licht. Für jeden von ihnen hatte sie ein Lächeln und einige nette Worte übrig, auch wenn sie gedanklich ganz woanders war. In solchen Momenten war sie dankbar, dass sie von gleich sechs Wächtern begleitet wurde, die sie vor den ärgsten Ansturm abschirmten. Auch Christian, der selten solchen Veranstaltungen beiwohnte, gab sich heute Mühe, sie etwas zu entlasten und redete ungewohnt viel mit den Gästen. Nach einer Stunde war sie immer noch nicht durch die Schar der Bittsteller und Bewunderer durch und langsam verlor sie die Geduld dafür. Außerdem hatte sie Hunger und Durst, doch der Tisch mit dem kalten Büfett war in unerreichbarer Entfernung, musste sie sich doch bei jedem Schritt mit irgendwelchem Geschwätz abgeben und so tun, als würde sie interessieren was der oder diejenige Person zu ihr sagte. Sie hörte kaum zu und versuchte nur durch die schiere Maße an Leibern zu dringen. Irgendwann wurde es ihr dann doch zu bunt und bevor sie die Beherrschung verlor, gab sie ihrer Garde ein Zeichen. Sofort bildeten ihre Wächter ein undurchlässigen Ring um sie und geleiteten sie zum Büfett. Dort angekommen genehmigte sie sich ein paar Happen der Köstlichkeiten und winkte einen Kellner herbei, der ein Tablett mit Champagnergläsern trug. Zufrieden nahm sie einen tiefen Schluck und versuchte so gut es ging zu entspannen. >>Wünscht Ihr zu gehen, Majestät? << fragte eine ihrer Wächterinnen nach. Ihre Garde merkte oft, wie es ihr gerade ging. Am liebsten hätte sie das bejahrt, doch stattdessen schüttelte sie nur mit dem Kopf. >>Haltet mir nur kurz die Leute vom Leib!<< bat sie. Die Wächterin nickte grimmig und ihre Garde weitete ihren Ring etwas aus. Jeder der es wagte, auch nur zwei Schritte an die Wächter zu treten, um die Königin zu sprechen wurde von den Dhampiren niedergestarrt. Das hatte zur Folge, dass Lissa das Büfett einen Augenblick für sich hatte. Ging das Tatjana auch immer so? Fragte sich Lissa. Ihre Vorgängerin hatte immer so souverän gewirkt. So lässig. Lissa wünschte sich, sie wüsste das Geheimnis um diese Ruhe, das jedoch von Tatjana mit ins Grab genommen worden war. Nach dem sie ihre dringendsten Bedürfnisse befriedigt hatte, mische sich Lissa wieder unter die Gäste. Dieses Mal konzentrierte sie sich mehr auf die Gespräche und ehe sie sich versah zogen die Stunden an ihr vorbei. >>Wir müssen diesen Terroristen das Handwerk legen! << ereiferte sich Ben Voda bei ihr. Lissa hatte ihm ihr aufrichtiges Beileid geäußert und hatte ihm ihre Unterstützung zu gesagt. Der Moroi war tief getroffen von dem Mord an seiner kleinen Schwester und auch gestern im Rat hatte er schon mit fast hasserfüllter Stimme lautstark ein hartes Durchgreifen gefordert. Es war Lissa nicht leicht gefallen, die Gemüter der Adligen zu besänftigen. Waren sich die königlichen Familien auch in vielen Angelegenheiten uneinig, so einig waren sie sich, wenn es um die Bestrafung derer ging, die an ihrem Thronbein sägten. >>Ich versichere ihnen, Lord Voda. Dieser Fall hat meine volle Aufmerksamkeit und die der Wächter. Der oder die Täter werden nicht ungestraft davon kommen und die volle Härte des Gesetzes zu spüren bekommen! << beruhigte sie ihn. Ben Voda nickte nur. Tiefe Trauer lag in seinen Augen und er wirkte nicht ganz so galant, wie er es sonst tat. Lissa konnte diesen Schmerz nachvollziehen, auch sie hatte der Tod ihrer Eltern und ihres Bruders damals schwer getroffen. Sie berührte den Moroi leicht an der Schulter. >>Sie sind nicht allein mit Ihrem Schmerz, Lord Voda. Natalia war eine unvergleichliche Person und eine gute Seele. Sie wird in unserem Herzen und unseren Erinnerungen weiterleben. << Sie bemerkte, wie sich ihre Wächterin an ihrer Seite positionierte und unauffällig ihre Aufmerksamkeit forderte. Lissa ließ sich bei ihrem Gesprächspartner entschuldigen und wand sich zu der Frau. >>Was gibt es?<< fragte sie. Die Dhampirin beugte sich zu ihr vor. >>Euer Majestät, ich habe soeben die Meldung erhalten, dass Wächter Belikov vor wenigen Minuten gelandet ist. Er ließ ausrichten, dass er den gesuchten Wächter gefunden und mitgebracht habe, wie ihr es befohlen hattet. Ich soll euch sagen, dass sie in einem der Vernehmungsräume auf Euch warten. << Aufregung erfasste Lissa. Durch diesen ganzen Trubel hatte sie für einen kurzen Moment nicht mehr an Dimitri und Rose gedacht. Es überraschte sie nicht, dass Dimitri hier war, ohne sich bei ihr zu melden. Er hatte noch nie viel Zeit mit solchen Dingen verschwendet und war lieber ein Mann der schnellen Tat. Dass er schon so schnell Erfolge zu verzeichnen hatte, schrieb sie seinem unerbittlichen Drang zu, Rose zu finden. >>Danke. Richten Sie ihm bitte aus, dass ich unterwegs bin! << Sie wandte sich zum Gehen und schaute sich kurz im Raum um. Christian hatte sich vor einiger Zeit von ihr gelöst und befand sich gerade in einem angeregten Gespräch mit einer jungen gutaussehenden Moroi. Lissa´s Miene verdüsterte sich. Nicht nur ihr gefiel sein gestähltes Äußeres. Viele Frauen warfen ihm immer wieder begierige Blicke zu und machten ihm Avancen. Etwas, was sie verständlicher Weise nicht gerne sah. Erhobenen Hauptes marschierte sie zu ihrem Verlobten. Ungeachtet seiner weiblichen Gesprächspartnerin küsste sie ihn. Überrascht erwiderte er den Kuss. Öffentliche Liebesbekundungen war er normalerweise nicht von ihr gewohnt. >>Wenn sie entschuldigen. << sagte sie zu der Moroi ohne sie eines Blickes zu würdigen. >>Doch MEIN Verlobter wird
anderen Orts gebraucht. << Mit diesen Worten packte sie Christian und zog ihn aus den Raum. Sie machten sich auf den Weg zum Hauptquertier der Wächter, wo die Vernehmungsräume lagen. >>Wer war denn das gerade? << fragte sie möglichst beiläufig. Christian grinste sie an. >> Das werde ich dir nicht auf die Nase binden! << erwiderte er. >>Ach? Wirst du nicht? << Lissa´s Stimme war kälter als frostig. Christian jedoch schien sich blendet zu amüsieren. >> Warum sollte ich dir ihren Namen sagen? Damit sie morgen zur königlichen Botschafterin erklärt wird? In der Antarktis? << scherzte er. So gut würde mir dieses Miststück nicht weg kommen, dachte Lissa. Ihre Wege, ihren Unmut kund zu tun, waren hier am Königshof schon legendär und so mancher, der meinte, sich mir anlegen zu müssen, fand sich kurze Zeit später in einem wichtigen Amt am Ende der Welt wieder. Christian umfasste ihr Gesicht und küsste sie lang und so leidenschaftlich, dass Lissa am Ende nach Atem rang. >> Du musst dir keine Sorgen machen. Du bist die einzige in meinem Leben! << Sie sah ihm in seine Augen. Zwei eiskalte Seen, in denen sie jedes Mal dahin schmolz. >>Und das sagst du nicht nur, weil ich auch deine Königin bin? << wollte sie unsicher wissen. Christian schüttelte den Kopf. >>Und wenn du nur ein Zimmermädchen bist, würde ich dich nicht weniger lieben, als ich es jetzt tue! << versicherte er ihr. Sie küssten sich erneut. >>Auch wenn ich gestehen muss, dass ich dich total sexy finde, wenn du eifersüchtig bist! << gestand er ihr. Das zweite Mal an diesem Abend fing er sich einen Ellenbogenstoß ein und dieses Mal, da war sich Lissa sicher, hatte er ihn deutlich gespürt.    



>>Ich habe Ihnen schon alles gesagt, was ich weiß! Ich habe keine Ahnung, was in diesem Zimmer passiert ist! << Die Stimme des jungen Timeo klang schon fast panisch, fand Lissa. Sie stand im Nebenraum des Vernehmungszimmers und sah der Befragung durch dem Spionagespiegel zu. Neben ihr waren nur noch Christian und Dimitri anwesend. Janine führte die Befragung durch, auch wenn Timeo darauf bestand, von gar nichts zu wissen. Angeblich war er schon früh am Tag abgereist, zurück zu seiner Mutter. Wer´s glaubt...Lissa musste nicht erst seine Aura prüfen, um zu wissen, dass der Junge etwas verheimlichte. Timeo standen die Schweißperlen auf der Stirn und er wirkte mehr als fahrig und dabei hatte Janine ihn noch nicht einmal hart rangenommen. >>Er lügt. << sprach Dimitri ihren Gedanken aus. Die ganze Befragung über hatte er nicht einen Blick in den Raum geworfen. Von irgendwoher hatte er sich eine Vergrößerung des Fotos besorgt, auf dem Rose zu sehen war. Seit geraumer Zeit blickte er nun auf dieses verschwommene Bild und zog stetig Kreise um ihr Gesicht. >>Er sieht nicht wie ein eiskalter Killer aus. << befand Christian und Lissa musste ihm recht geben. Der Junge brach schon fast bei einer simplen Befragung zusammen, da konnte sie sich schlecht vorstellen, wie er sieben Menschen töten sollte. Dimitri hatte ihr vorhin einige Bilder vom Tatort gezeigt. Der Täter hatte jeden der Leichen nochmals in den Kopf geschossen, bevor er gegangen war. Sie hatten es mit einem Profi zutun, nicht mit....so was! Sie sah zu Timeo. >>Mag sein. << sagte Dimitri. >>Doch er weiß etwas. Ich frage mich nur, warum er es uns nicht sagen will. << Diese Frage war berechtigt. Lissa seufzte. Sie wollte hier nicht ihre Zeit verschwenden. Davon hatten sie schon zu viel verloren, wenn sie diesen Fall noch aufklären und, wichtiger, Rose finden wollten. Dieser Timeo war im Moment ihre einzige Spur und sie kannte eine Möglichkeit ihn zum Reden zu bringen, auch wenn sie diese nur widerstrebend benutzen wollte. Hilfesuchend sah sie zu Christian. Ohne das sie etwas sagen musste, schien er sie zu verstehen. >>Vielleicht sollten wir kurz eine Pause machen und die Ton- und Videoaufzeichnung stoppen? << fragte er in den Raum hinein und gab ihr somit sein Okay ihre Methode anzuwenden. Lissa ging zu der einzigen Tür, die in den Vernehmungsraum führte. Sie holte einmal tief Luft, bevor sie entschlossen die Tür öffnete. Fragend drehte sich Janine zu ihr um, als sie die Aufzeichnungen pausierte. >>Ich..ich...<< wollte Timeo anfangen, doch er kam nicht weiter, als ihn die ganze Macht von Lissas Zwang traf. Der Dhampir hatte keine Chance, schon nach einem Blinzeln hatte Lissa ihn in ihrer Kontrolle. >>Vasilisa, was tut Ihr da? << verlangte Janine zu wissen, doch Lissa ignorierte sie. Sie war die Königin, sie hatte sich vor niemanden zu rechtfertigen. Außerdem tat sie das hier für Rose! Mit leiser klarer Stimme forderte sie den Wächter auf ihr alles zu erzählen, was er wusste. Timeo redete und wie er redete. Er berichtete davon, wie er und seine Kollegen angeheuert wurden von diesem Mr. Moldovan, um ihn zu beschützen und bei diesem Geschäft zu unterstützen. Diese Moldovan wollte wohl einen gestohlen Koffer verkaufen und einer seiner Wächter hatte den Kontakt zu Lady Voda hergestellt, von der er wusste, dass sie interessiert wäre. Timeo erzählte, wie er sich kurz nach dem Eintreffen von Lady Voda aufgemacht hatte, um seine Runde im Hotel zu machen und wie er auf dem Rückweg von dieser Dhampirin überwältigt worden war, die den Koffer bei sich hatte, den Moldovan eigentlich verkaufen wollte. Ein Gefühl in ihrem Bauch ließ Lissa unruhig werden. Sie sträubte sich gegen dass, was der Wächter ihr gleich sagen würde, auch wenn sie wusste, dass er unter Zwang nicht lügen konnte. Timeo hatte gedacht, dass diese Frau ihn töten würde und war umso erleichterter und überraschter gewesen, als sie ihn dann doch hatte am Leben gelassen. Wegen ihr hatte er ihnen nichts erzählen wollen und auch wenn es stimmte, dass er nicht wusste, was in diesem Zimmer passiert war, so war er sich doch hundertprozentig sicher, dass diese Frau die Leute getötet hatte. Lissa verließ kurz das Zimmer und kehrte dann mit dem Bild aus Dimitris Händen wieder. Sie zeigte es dem Jungen. >>War es diese Frau? << Lissas Herz schlug ihr bis zum Hals und die Sekunden zogen sich zu Stunden. Sie hatte Angst vor der Antwort des Wächters, auch wenn sie tief in ihrem Inneren sie bereits kannte. >>Ja, das ist die Frau!>> bestätigte er Lissas Verdacht und steigerte ihre Panik auf ein neues Höchstmaß. Was war nur in Rose gefahren, dass sie zu so einer schrecklichen Tat im Stande war? Schwer stützte sie sich auf den Tisch. Was sollte sie jetzt nur tun? Wie sollte sie ihre Rose wiederbekommen und gleichzeitig den Mörder dieser Leute bestrafen, wenn ausgerechnet Rose dieser Mörder war? Verzweiflung machte sich in Lissa breit und für eine Sekunde dachte sie daran, Rose nicht weiter zu suchen, sondern sie gehen zu lassen. Wie so oft. Nein! Dachte sich Lissa dann. Sie würde Rose nicht aufgeben! Sie würde sie finden und dann würde sie entscheiden, was sie mit ihr anstellen sollte. Sie sah zu Timeo, der noch immer in ihrem Bann stand. >>Was weißt du über diese Frau? << fragte sie ihn. Timeo schluckte. Nie hätte Lissa gedacht, dass man unter Zwang noch so eine Angst empfinden konnte, wie Timeo es bei ihrer Frage nun tat. Sie befürchtete, dass der Junge ihr entglitt, doch dann antwortete er doch noch. >>Ich glaube sie ist Ghost. << sagte er nur noch, bevor er ohnmächtig wurde vor Angst. Janine, die die ganze Zeit geschwiegen hatte, ging zu dem Wächter und fühlte seinen Puls. >>Er lebt noch, falls es Euch interessiert, Majestät. << sagte sie eisig. Lissa konnte sie gut verstehen. Zwang einzusetzen war abscheulich und es war verboten. Aber der Junge hatte ihr keine andere Wahl gelassen. >>Kümmere dich um ihn, dann komm in den Besprechungsraum. << befahl Lissa der Wächterin leise, bevor sie aus dem Raum stürmte. >>Lissa? << Christian wartete bereits vor der Tür auf sie, doch sie schüttelte nur den Kopf und hastete an ihm vorbei zur Damentoilette. Sie schaffte es noch rechtzeitig zum Klo, bevor sie sich übergab. Sie hasste sich selbst für das, was sie gerade getan hatte. Stumm rannten ihr Tränen über die Wangen. Oh, Rose, was hast du nur getan? Leise klopfte es gegen die Tür der Toilette. >>Lissa? Ist alles in Ordnung? << wollte Christian wissen. Lissa erhob sich, betätigte die Spülung und öffnete die Tür. Als Christian ihre Tränen sah, nahm er sie sofort in die Arme. Dort konnte Lissa ihre Gefühle nicht mehr unterdrücken und fing an zu weinen. Christian streichelte ihren Kopf und versuchte sie mit einigen liebevollen Worten zu beruhigen. Als Lissa das Gefühl hatte, sich wieder unter Kontrolle zu haben, hob sie den Kopf und sah Christian an. >>Danke! << sagte sie nur und löste sich sanft von ihm, um in einem Spiegel ihr verheultes Aussehen zu richten und sich den widerlichen Geschmack aus dem Mund zu spülen. Soweit dieses möglich war...>>Schon gut, meine Kleine.  Ich bin immer für dich da! << versicherte er ihr. >>Wir finden Rose und dann wird sie uns Rede und Antwort stehen und dann sehen wir weiter. << >>Ja. << antwortete Lissa schwach, während sie ihre Frisur richtete. >> Dafür müssen wir sie erst mal finden! << Im Spiegel sah sie, wie sich Christian neugierig umsah. >>Was ist? << fragte sie nur. >> Ach. << sagte er. >>Ich hätte immer gedacht, auf eurem Klo wäre viel mehr Rosa zu finden. Die Erkenntnis, dass es nicht so ist, erschüttert mich schwer. << Unwillkürlich musste Lissa auflachen. >>Du bist ein Spinner, Christian! << >>Ich weiß und du stehst drauf!<< Zusammen verließen sie das Damenklo und machten sich zusammen mit Dimitri auf den Weg zum Besprechungszimmer. Auf dem ganzen Weg über telefonierte Lissa mit dem Vorsitzenden der Alchemisten, der es anscheinend nicht sehr lustig fand, zu so einer frühen Zeit angerufen zu werden. Ein Befinden auf das Lissa keine Rücksicht nahm. Mit harschen Worten sagte sie ihm, was sie von ihm und seinen Leuten erwartete. >>Ich will binnen zwei Stunden hier einen ihrer Leute sehen, der mich genauestens darüber informiert was Sie und alle weltlichen Dienste über eine Person namens "Ghost" wissen. Ja, ich weiß wie spät es ist und dass die meisten Menschen um diese Uhrzeit schlafen. Aber hören Sie mir zu: Es ist mir egal! Und wenn Sie persönlich alle Geheimdienste, Polizeieinheiten und Sonderkommandos abtelefonieren müssen. Es interessiert mich nicht! Hören Sie auf zu maulen und sehen Sie zu, dass sie Ergebnisse liefern oder mangelnder Schlaf wird ihr geringste Sorge sein! << Mit diesen Worte legte sie zornig auf. Was bildete sich dieser Typ nur ein? Wusste er nicht, wer sie war? >>Schatz? << >>Was?<< blaffte sie Christian an. >> Ich wollte nur sagen, dass ich dich über alles liebe und sollte ich je in irgendeiner Art und Weise deinen Zorn auf dich ziehen, wie dieser böse Mann es tat, dann möchte ich, dass du weißt, dass es ganz allein meine Schuld ist und du mich ruhig fressen...<< >>Halt die Klappe, Christian! << unterbrach sie ihn gereizt. So sehr sie ihn auch liebte, seine stetige Ironie ging ihr manchmal gehörig auf die Nerven. Christian schloss seinen Mund und schaute sie nur entschuldigend an. Er wusste, wann er lieber still sein sollte.

Nach Ablauf der Frist stand tatsächlich ein etwas übermüdet wirkender Alchemist vor ihr im Besprechungsraum und startete mit einem Mausklick seine Präsentation. Wie er diese in der knappen Zeit hatte fertigstellen können, war Lissa ein Rätsel und zeigte ihr, wie motiviert Menschen mit dem nötigen Druck doch sein konnten. Der Alchemist, ein kleiner dicker Mann Mitte vierzig, mit braunen schütten Haar und der obligatorischen goldenen Lilie auf der Wange, räusperte sich und begann seinen Vortrag. >>Ghost. Unsere Recherchen ergaben, dass dies wahrscheinlich ein Deckname ist. Die Person, die hinter diesem Namen steckt, ist das, was wir in Fachkreisen einen "Freelancer" nennen. Das ist eine Art Söldner, die für Geld jede Art von Auftrag annehmen. Bei Ghost im Speziellen handelt es sich vor allem um Auftragsmord. Das ist auch schon alles, was wir mit Gewissheit sagen können, alle weiteren Informationen fußen auf Gerüchten und Hörensagen. << Er sah fragend zu Lissa, die mit einer Geste ihm bedeutete fortzufahren. >>Nun. Es scheint wohl niemanden zu geben, der eine Begegnung mit ihr überlebt hat, um sie zu beschreiben, denn darüber sind sich alle Gerüchte einig, handelt es sich bei Ghost um eine junge Frau. Eine Dhampirin. Sie ist etwa seit zwei Jahren aktiv und scheint vor allem im Gebiet rund ums Schwarze Meer und im asiatischen Raum tätig zu sein.<< Eine Karte des Schwarzen Meers und der umgebenden Länder erschien auf der Leinwand. Der Alchemist klickte weiter, worauf einige kleine Fähnchen auf der Karte gewisse Orte markierten. >> Bei diesen Markierungen geschahen Morde, für die man Ghost verantwortlich macht. Beweise gibt es keine und das einzige, was diese Fälle verbindet ist die Professionalität und die kalte Brutalität mit der sie ausgeführt wurden. << Kurz überblickte Lissa die Karte. >>Aber das müssen ja dutzende Fälle sein! << brachte sie aufgeregt hervor. >> Einundvierzig, um genau zu sein...<< korrigierte sie der Alchemist. Lissa konnte nicht glauben, dass Rose das alles getan hatte und noch weniger, dass sie bisher nichts von dieser Ghost gehört hatte, schließlich sollte es sich den Gerüchten nach um einen Dhampir handeln. Sie nahm sich vor, dieses gegenüber ihren Wächtern anzusprechen. Es konnte nicht sein, dass hier ihre Untertanen wie wildgewordene Tiere mordeten, ohne dass man sie informierte! Ungeachtet ihrer Gedanken war der Alchemist mit seinem Vortrag fortgefahren. >> Es gibt eine unbestätigte Quelle, die, man könnte es fast schon prahlen nennen, behauptet, Ghost angeheuert zu haben oder zu mindestens wissen, wie man dieses tun könne. Anscheinend arbeitet Ghost mit einer Art Vermittler für Verbrecher zusammen. Genaueres versuchen wir im Augenblick noch herauszufinden. Aber allen Informationen und Gerüchten nach, handelt sich bei Ghost um eine gefährliche Person, die zu den besten ihres Fachs gehört. << schloss er ab. Gedankenverloren saß Lissa auf ihrem Stuhl. Nur am Rande bekam sie mit, wie Janine dem Alchemisten dankte und ihn hinaus geleitete. >>Es ist nicht bewiesen, dass Rose diese Ghost ist. << versuchte Dimitri sie zu beruhigen. Vielleicht will er sich auch nur selbst beruhigen, dachte Lissa. Sie sah ihm an, dass diese Neuigkeiten ihn schockiert hatten. >>Und wenn sie es doch ist? << fragte Lissa leise. >>Sie war schon immer gut im Kämpfen, warum sollte sie dann nicht auch gut im Töten sein? Sie war erst siebzehn, als sie zum ersten Mal tötete. << Dimitri schüttelte mit dem Kopf. >> Ja, sie war überragend. Niemand weiß das besser als ich. Ich habe sie ausgebildet! Aber deshalb weiß ich auch, dass sie das << er deutete auf die Tatortbilder. << Nicht sein kann. Sie wurde an der Pistole ausgebildet, aber so gut hat sie nie geschossen. Und es waren Strigoi, die sie mit siebzehn getötet hat und keine Moroi! << er beugte sich zu ihr hinüber. >>Ihr ganzes Leben hat man ihr eingetrichtert, Moroi zu beschützen, wenn es sein muss sogar mit ihrem Leben. Ich weigere mich zu glauben, dass sie diese Werte, ihre Überzeugungen über Bord geworfen hat und zu einer Killerin mutiert ist! << sagte er mit Überzeugung in der Stimme. Lissa sah ihren Wächter nur mitleidig an. Auch sie hoffte, dass sie sich irrten, auch wenn sie wusste, dass es nicht so war. >>Es ändert nichts an unserem Vorgehen. << beschloss sie. >>Wir werden sie weiter suchen und wir werden sie finden! << In diesem Moment kam Janine zurück. >>Der Alchemist wird sich bei uns melden, wenn er weitere Informationen für uns hat. Bis dahin heißt es wohl warten. << Das ist kein Problem, dachte Lissa. Sie würde warten und bereit sein...
 
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