Mehr als wir wollten

von -Lumi-
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18 Slash
27.01.2019
15.03.2019
7
22234
20
Alle
47 Reviews
Dieses Kapitel
6 Reviews
 
 
 
Lumis Note:
Hallo ihr Lieben, :)
da bin ich wieder und habe euch ein neues Kapitel mitgebracht. Ursprünglich war es sogar etwas länger, ich habe dann aber den Cut doch etwas früher gesetzt (sind immerhin auch so schon über 3.000 Wörter geworden und der fehlende Absatz ist noch nicht überarbeitet :)), damit ich, weil ich am Wochenende keine Zeit habe, heute schon anstatt irgendwann nächster Woche uploaden kann.
Ich danke euch (summer2011, swizzley, Stefan29K, MeAndTheVampires, Anyone-Anonyme, NDRich, Clara04 und Germanygirl) soooo sehr für eure lieben Reviews zum letzten Kapitel. *-* Ihr seid mit eurem Feedback die treibende, motivierende und guttuende Kraft hinter mir. DANKE. *euch knuddel*.
Ich sage auch ein liebes „Hallo“ zu den neuen Favorisierern (ich glaub… das Wort gibt’s nicht, na ja egal, ihr versteht mich hoffentlich <3), den stillen Mitlesern und danke allen, die dieser FF eine Empfehlung ausgesprochen haben.
Ich würde mich sehr freuen von euch am Ende des Kapitels zu hören/lesen. <3
Erstmal aber ganz viel Spaß mit Leon und seinem bunten Liebeschaos und bleibt gesund
eure Lumi
P.S.: Hatte ich schon mal erwähnt, dass es auch Kapitel aus Joshuas Sicht geben soll? Die rücken immer näher und das macht mich dezent nervös O.o xD


***

Kapitel 6



„Ich habe mich in dich verliebt“ , hörte er sein achtzehnjähriges Ich nervös und glückselig murmeln. Sein Herz hatte offen gelegen als er das gesagt hatte. Ungeschützt. Ein Fehler. Ein verdammter Fehler. Es floss unendliches Glück und noch größerer Schmerz hinein. Und danach wurde es von einer dunklen, dreckigen Schicht überzogen.
Sein Herz war seit jeher wie mit Schießpulver infiziert, das drohte seinen Wirt bei dem kleinsten Funken zu zerfetzen. Joshua war kein kleiner Funken. Er war vielmehr ein großes Feuer. Schön. Warm. Heiß. Und er war abartig nah. Weil er ihn ließ. Weil etwas in ihm darauf vertraute, dass das Schießpulver schon nicht hochging. Woher… nahm er dieses Vertrauen?
Weil er ihn kannte? Schon lange. Er hatte seinem Schwanz förmlich beim Wachsen zusehen können. Seinen Stimmbruch. Seine ersten Bartstoppel. All die lästigen Pickel.
Weil er nicht so war? Schwul. Untreu. Aggressiv. Verzweifelt.
Weil sie Freunde waren? Über alles redeten. Immer. Sich halfen. Immer.
Weil er vergessen hatte. Schmerz. Ganz viel Schmerz.

Was stimmte davon eigentlich noch?

Sie redeten nicht. Sie küssten. Sie fickten. Sie sprengten alles in die Luft. Ständig.
Er vergaß. Aber er hatte nicht vergessen.

„Was denn, Leon?“, ächzte eine Stimme aus seiner Erinnerung hart. Der blonde, große Mann mit den schönen blauen Augen, dem die Stimme gehörte, grinste hässlich. „Hast du wirklich gedacht ich würde etwas für dich empfinden, was über Freundschaft hinaus geht? Nur weil ich…mit dir geschlafen habe?“

Leon strich sich die Tränen aus den Augen, klatschte sich fließendes, kaltes Wasser ins Gesicht und unterdrückte den Würgereiz beim Anblick seines Spiegelbildes.
Er hatte Joshua so sehr gewollt. Er hatte nicht überlegt. Es war berauschend und extrem gut gewesen. Jeder vorsichtige und harte Stoß von ihm. Ihn zu fühlen. Anders als zuvor. Es zuzulassen. Er hatte sich vollkommen fallen lassen. Wie bereits zig Mal zuvor. Und doch anders. Nähe. Vertrauen. Liebe. Sie waren danach zu Boden gerutscht. Hatten geschnauft. Sich geküsst. Sich zärtlich berührt. Kaum geredet. Alles in Ordnung. Wie zwei Besoffene vor Glück.
Wie schon einmal. Damals.
Trunkenheit war vergänglich.

„Ich war neugierig. Ob du dich tatsächlich flachlegen lässt. Wie ein Weib. Nein… wie eine Schwuchtel. Hast mir ja schön brav deinen Arsch hingehalten. Ach ja, du bist ja auch in mich verknallt“, metzelte die vergangene Stimme weiter wie ein scharfes Messer.  „Den Gefallen musste ich dir dann ja schon tun, ich hatte ja auch meinen Spaß. Denn eines muss man dir ja echt lassen… du hast mich ganz schön scharf gemacht, aber am Ende… bin ich halt nicht so wie du.“

In Leons Brustkorb zuckte es und wurde es klamm als die Bilder verschwammen. Er schnappte nach Luft, konzentrierte sich aufs Atmen und versuchte den Nebel in seiner Birne zu lichten. Er war wütend. Und verzweifelt. Entweder… er würde sich jetzt gleich eine Schlaftablette reinpfeifen, damit es in seinem Oberstübchen schön schwarz und neutral wurde, es war ja zum Glück noch früh genug am Abend wegen der Halbwertzeit, oder er würde…

Die vergangenen Bilder kamen unerwünscht in seinem Kopf zurück.
„Du Wichser! “, polterte nun ein anderer junger Mann dort und schmiss die Sporttasche mit dem Schalke-Vereinslogo zur Seite. Er war deutlich kleiner als der große, blonde Mann, dennoch bretterte er seine Handflächen kräftig und selbstbewusst gegen dessen Brust und schubste ihn nach hinten. Er fauchte und spuckte angewidert zur Seite.
„Neidisch? Dass Leon jetzt bei Schalke spielt und du immer noch beim Zweitligisten hockst?! Lässt du deshalb deine mickrigen Eier raushängen?“

„Wer bist du denn?“, kam es vom Großen gehässig zurück. Keine Antwort. „Ist mir auch egal. Schickt er jetzt schon halbe Portionen wie dich, weil er selbst keine Eier in der Hose hat? Kannst deinen süßen Freund ja mit deinem Schwanz trösten. Ich geb‘ dir auch einen guten Tipp: Er mag es gerne von hinten…“ In Sekundenschnelle wurde eine Faust geballt und in die Luft geworfen.

„Halt gefälligst deine Fresse, oder ich sorge dafür, dass du seinen Namen nie mehr buchstabieren kannst! Ich warne dich, wenn du ihn noch einmal…“

„Ich hab nichts getan, was er nicht auch wollte, klar! Werdet endlich erwachsen!“
Der Kleinere spuckte seinem Gegenüber nach diesem Spott ins Gesicht, radierte damit dessen Grinsen weg und wollte ihm die Spucke aus dem Gesicht schlagen, da wurde er von zwei Armen aufgehalten, die ihn von hinten umklammerten.

„Max! Lass es!“ Leon war es selbst. Seine Schalke-Sporttasche rutschte ihm von den Schultern. „Bitte…“ Ein gepresstes Flüstern. „Du machst es… nur schlimmer…“ Panik. Tränen. Schmerz.  
Der größere Mann schlug verbal um sich, wischte sich angewidert den Rotz aus dem Gesicht. Jedes Wort. Ein brutaler Schlag in Leons Magengrube. Versagen. Niederlage. Schwäche. In jedem Winkel. Ein mitleidiger Blick von seinem kleineren, starken Freund, der sich gerade wegen ihm hatte mit einem körperlich überlegen Typen prügeln wollen, der seinen harten Griff aushielt, sein verstecktes Zittern. Der Blick tat nicht gut. Er sagte, dass all das stimmte. Leon hätte ihm ins Gesicht treten müssen. Aber er hatte es nicht getan. Nicht gekonnt.
„Leon…“ Schwuchtel. Schlappschwanz. Keine Eier. Weil verliebt. Scheiße verliebt. Er hatte nichts mit ihm getan, was Leon nicht auch gewollt hätte. Das stimmte. Sein Herz war sein Problem.
Der Rest hatte dann gut getan. Max hatte sie von dort weggezogen. Und was unerträglich laut gewesen war, war leise geworden. Er war abgestürzt und irgendwie wieder aufgestanden.
Es durfte nie wieder passieren. Nie wieder.

Leon warf zurück in der Gegenwart sich erneut Wasser ins Gesicht, schüttelte seinen Kopf, schlug mit seiner Handfläche gegen seine Stirn, bis der vergangene Schatten endlich weg war.
Dann griff er zum Smartphone und wählte Max‘ Nummer.

„Ah! Ich wusste, dass du heute anrufst“, flötete dieser positiv aufgeregt, Leon zog es deshalb sämtliche Innereien zusammen, und ohne großartige Begrüßung in den Hörer. Im Hintergrund lief Musik und das Brummen einer Dunstabzugshaube. Anscheinend stand Max gerade am Herd.
„Moment. Ich mach nur kurz…“ Es klapperte. Das Brummen verstummte. „…so jetzt. Erzähl schon. Wie ist es gelaufen mit Jo?“

„Wie’s gelaufen ist? Max. Ich habe…“, sagte Leon gepresst und hielt kurz inne.
Es brachte eh nichts großartig drum herum zu reden und es war ihm gerade das kleinere Übel derartig intime Informationen über den Sex zwischen ihm und Joshua preiszugeben. Es musste weg da! Sofort!
„…ich habe mich von ihm ficken lassen.“

Es wurde kurz still am anderen Ende der Leitung. Sowohl Max. Als auch die Musik im Hintergrund. Dann war nur ein Klacken zu hören. Von einer Tür vermutlich. Max hatten den Raum gewechselt. Leons Herz hatte dadurch genug Zeit gehabt so richtig ins Poltern zu kommen. Schnell. Erbarmungslos. Er schnaufte.
„Ähm. Wow. Hallo, Kopfkino. Also…“, unterbrach Max endlich die Stille. „…so detailliert hätte ich das jetzt nicht ge…“

„Du verstehst nicht, Max! Er hat mich…“ Er hasste es. Wenn er sich so anhörte wie eine verheulte Hausfrau, der gerade der teure, liebevoll eingelegte Braten im Ofen angekokelt war. Wenn sich die Schwäche durch seinen ganzen Horizont zog.
„Ich tue das normalerweise nicht!“

„Was? Dich…ficken lassen?“

„Ja.“

„Okay“, versuchte Max die Information sachlich zu bewerten. „Ist jetzt nicht das erste Mal, dass du mit Jo Dinge tust, die du sonst nicht tust und unten zu liegen ist doch jetzt auch kein Drama, also was genau ist dein Problem? War’s scheiße? Du klingst so als hätte er dir den Arsch aufgerissen.“

„Nein. Es war… gut. Viel zu gut. Deshalb.“ Leon drückte die Augen zu und massierte seine Stirn, die hässliche Falten warf. „Ich habe das…nur einmal zugelassen. Mit ihm. Damals. Ich wollte das nicht mehr tun. Nie wieder. Und jetzt… es ging von mir aus. Ich hab’s einfach so getan.“
Und es auch noch genossen. Und für gut befunden.

Mehr brauchte Leon nicht zu sagen.
„Leon…!“, erwiderte Max hastig und mit ernstem Nachdruck in der Stimme. Scheinbar war endlich der richtige Hebel bei ihm in Bewegung gesetzt worden.
„Stopp! Du darfst das nicht…“ Er holte scharf Luft. „Jo ist nicht er. Er ist auch nicht wie er. Und alles ist nicht so wie damals. Vergiss das. Ganz schnell.“

Leon biss sich auf die Lippe und Wut und Härte vermischte sich in seinen flauen Bauch.
„Stimmt. Er ist nicht er. Vielleicht ist er sogar noch schlimmer“, ließ Leon genau das Max hören.
Mit ihm war er damals nicht schon seit Ewigkeiten befreundet mit weit aufgebautem Vertrauensverhältnis gewesen. Mit ihm waren damals Wochen in Schutt und Asche gelegt worden und keine Jahre. Mit ihm war er damals dumm, naiv und jung und scheiße verknallt gewesen und mit Joshua…
„Vor ein paar Tagen hast du ihn noch als Arschloch bezeichnet. Und er ist eines“, schob Leon hilflos hinterher.  

„Warte mal kurz. Lass mal… lass mal überlegen“, versuchte Max die heftige Geschwindigkeit aus dem Gespräch zu nehmen, die unterschwellig ein jedes Mal da war, wenn diese unschöne Sache in Leon hochkochte.
„Wie kam es überhaupt jetzt dazu, dass er dich…? Sag mir jetzt bitte, dass ihr davor wenigstens geredet habt.“

„Nicht lange. Es ist irgendwie… gleich eskaliert. Nach dem Training. Unter der Dusche.“

„Dusche?! Was zum…? Euch ist echt nicht zu helfen…“, seufzte Max. „Kam da wenigstens irgendetwas bei rum bevor ihr gevögelt habt?“

Leon zuckte mit den Schultern, was Max nicht sah.
„Es geht ihm beschissen. Wie… mir damals, als ich gemerkt habe, dass ich auf Kerle stehe.“

„Na dann würd ich dir auch gleich als Trost meinen Arsch anbieten“, spottete Max. „Was hast du dir dabei gedacht?“

„Gedacht? Nichts. Es hat sich einfach… richtig angefühlt. In dem Moment. Da war so ein Drang.“
Eine Sehnsucht. Ein Kribbeln. Etwas Berauschendes. Ein unheimlich gutes Gefühl. In dem Moment als er Joshua gesehen hatte. Verzweifelt. Heiß. Und er ihn in seine Arme gezogen hatte, mit seinem heftigen Herzschlag, mit der Hitze auf seiner Stirn, war da einfach nicht mehr so viel anderes in seinem Kopf gewesen.

„Alter. Du bist so was von in ihn verknallt.“

„Ich bin nicht verknallt.“

„Was wäre denn so schlimm daran?“

Leon sagte zunächst nichts, verzog erzürnt das Gesicht und spannte seine Muskeln unnötig an.
Die Wut und Härte in ihm hatten sich mittlerweile zu einer drückenden Platte in seinem Oberkörper zusammengezogen, die wie ein Tumor wuchs. Sein Kopf schmerzte. Max kannte ihn. Er wusste ganz genau was er damals durchgemacht hatte. Er war es gewesen, der sein Wrack da herausgezogen und die Einzelteile wieder zusammengeflickt hatte.
Er wusste, was so schlimm daran wäre. Er wusste wie das im Profifußball lief. Wie zur Hölle konnte er dann so tun als wäre alles nur halb so wild?

„Ist die Frage dein Ernst?“, bellte Leon dementsprechend.  

„Ist der ganze restliche Scheiß dein Ernst?!“, fauchte Max wie eine Katze, die ihn am Genick beißen und ordentlich durchschütteln wollte.
„Leon…“ Er klang abrupt ruhiger. Einfühlsamer. Leon lief es eisig den Rücken hinab. „...hör zu. Du darfst nicht zulassen, dass dich die Sache von damals ein Leben lang verfolgt und davon abhält glücklich zu werden. Sei doch kein alter, verbitterter Waschlappen! Es gibt zig andere Leute, denen auch das Herz gebrochen wurde und die heulen auch nicht Jahre später noch herum.“

„Danke. Jetzt fühle ich mich echt großartig.“
Schuldgefühle und sein Versagen aufgedrückt zu bekommen war genau das, was er jetzt nötig hatte. Leon verdrehte die Augen.

„Vielleicht ist das mit Jo ja eine Chance? Weißt du wie lange ich dir wünsche, dass du irgendjemanden findest, mit dem du glücklich sein kannst?“

„Wie zur Hölle kommst du auf den Gedanken, dass ich glücklich werden könnte? Mit ihm? Max! Selbst wenn ich verliebt wäre. Wir sind schwule Fußballer! Da steht ‚glücklich sein‘ und ‚normale Beziehung‘ nun mal nicht in der Stellenbeschreibung. Wie soll so eine Beziehung denn überhaupt funktionieren?“

„Weiß nicht. Wie funktioniert sie denn bis jetzt?“, warf Max zurück. „Scheiße. Ich weiß. Meinst du Hetero-Beziehungen sind immer ein Spaziergang? Schau dir mal mich an… Keine Sau hat gesagt, dass es einfach ist oder wird und dass man nicht den Arsch zusammennehmen und kämpfen muss! Außerdem… hast du schon mal daran gedacht, dass es Jo auch so gehen könnte? Dass er sich in dich verliebt hat? Dass er deshalb mit dir schläft?“ Max machte eine Pause. „Und du signalisierst ihm, dass er bloß dein Betthäschen ist, da kann er einem ja fast schon leidtun.“

Pah! Als ob Joshua ihm je irgendetwas anderes signalisiert hätte. Das ließ er sich jetzt garantiert nicht vorwerfen.

„Er ist nicht verliebt. Er hat es seiner Freundin nicht gesagt. Und er wird es ihr nicht sagen. Vermutlich legt er sie gerade flach. Und jetzt?“, trotzte Leon den Schmerz weg, der dieser Gedanke gleichzeitig in ihm auslöste. Und all den anderen Schmerz. Es hielt nur für ein paar Sekunden. Dann kroch er zurück. Generell drehte sich ihr Gespräch mal wieder im Kreis.
Er hätte vielleicht doch die Schlaftablette nehmen sollen. Dann würde sich der feuchte, salzige Dreck jetzt nicht schon wieder in seinen Augenwinkeln sammeln.

„Und du meinst, dass das damit was zu tun hat? Der Kerl landet ständig in der Kiste mit dir. Ich kenne Jo. Er ist eigentlich so gar nicht der Typ, der irgendetwas ohne Herz tut. Ich wette, er hat so was von Gefühle für dich. Er ist nur mindestens genauso eine Katastrophe gerade wie du im Moment. Oder wie du einmal warst. Was erwartest du denn? Hilf ihm die Dinge zu klären. Und tu ihm nicht weh falls er Gefühle für dich hat.“

„Ich...“ Leons Stimme brach. „…will ihm nicht wehtun.“
Er hatte… er hatte ihm doch noch nicht wehgetan, oder? Er war doch nicht verliebt…oder?
Es war grausam, dass das Fass mit dem Schmerz gerade überschwappte und dass dessen Inhalt eine hässliche, feuchte Spur auf seinen Wangen brannte.
„Ich möchte ihm ja auch helfen. Aber…ich weiß nicht, wie ich… ob ich das…“

„…ob du das kannst. Ja. Weil du verliebt bist. Und es nicht erträgst. Wärst du nur sein Freund oder nur sein Fick-Kumpan… dann würdest du es können. So einfach ist das.“

Leon schrie lautlos. Dann legte er auf.

Auch das war bei Max okay. Nur bei ihm. Vermutlich war es von ihm so gewollt gewesen. Eine verbale Schelte. Mitten ins Gesicht.
Dieser blöde, direkte Scheißkerl, der ihn kannte. Viel zu gut.
Er fühlte sich von ihm umarmt. Und dennoch mutterseelenallein.

Wie musste sich Joshua fühlen?


***


Die Schlaftablette hatte ihn irgendwann weg von all dem Dilemma in den Schlaf gezwungen. Leider viel zu spät, sodass die Pille am nächsten Morgen noch schrecklich nachwirkte und ihm das Gefühl eines heftigen Katers suggerierte. Er fühlte sich erschöpft und schwer, aber es war mit Sicherheit besser als die ganze Nacht in der Scheiße gebadet zu haben und er hoffte, dass man ihm das nicht zu sehr ansehen würde. Schon gar nicht Joshua. Mit dem er reden wollte. Sich entschuldigen wollte. Für ihn da sein wollte. Unbedingt. Diesmal richtig. Angezogen. Mit Hirn. Und keinem Schwanz. Nur mit Eiern. Weil Joshua Recht gehabt hatte. Gestern. Und Leon aufhören wollte vor lauter Eigendummheit und Hass zu kotzen.

„Hätte nicht gedacht, dass du so ein scheiß Freund bist…“

Die schlagfertigen Worte waren voller Trotz und Ärger gewesen und Leon hatte nur den Unterton verstanden, nicht die Aussage. Wie einen Witz hatte er es weggesteckt. Er hatte viel zu viel an ihn gedacht und doch zu wenig. Im Grunde war er nur mit sich selbst beschäftigt gewesen. Mit seinem Dilemma. Mit seiner Wut. Mit seinem Versagen.
Er hätte nicht mit ihm schlafen dürfen. Joshua hatte ihn in diesem Moment als Freund gebraucht. Nicht als egoistischen Schwanz. Und auch danach hatte Leon wieder nur daran gedacht, was es mit ihm gemacht hatte, was er sich selbst angetan hatte, nicht ihm. War er… war er selbst überhaupt besser als dieser Scheißkerl aus der Vergangenheit? Er hatte Joshua, der offensichtlich überfordert und gekränkt und verloren in sich gewesen war, gelockt wie die alte Hexe Hänsel und Gretel ins leckere Pfefferkuchenhaus, um ihn zu mästen und anschließend wieder zurück in die Hölle zu stoßen. Und Joshua hatte sich nicht gewehrt. Weil…

„Du müsstest doch wissen, wie kacke es mir geht. Wie kacke es ist.“

…er hatte sich damals auch nicht gescheit wehren können. Gegen diese schwule Wucht. Aber er hatte Freunde gehabt, die diese Wucht auseinandergezerrt hatten, sortiert hatten, die ihm wenn es nötig gewesen war in den Arsch getreten hatten, die den Ofen zugemacht hatten, nicht auf, solange bis er seinen Schrecken verloren hatte. Joshua war einer von ihnen gewesen.
Er konnte sich noch daran erinnern, wie er ihm die Hand gereicht hatte, wie er seine Kapitänsbinde berührt hatte, wie seine Augen und sein Lächeln ihm gesagt hatten, dass er in Ordnung war. So wie er war. Er hatte ihm Zeit gegeben. Raum gegeben. Die Geschwindigkeit und die Heftigkeit aus seinem Herzen genommen. Das hätte er tun müssen. Das hätte er ihm sagen müssen. Dass seine Gefühle okay waren. Dass er okay war. Und dass sich der Rest schon regelte.
Er war so verbissen darin gewesen, dass das zwischen ihnen nur Sex sein musste und durfte, dass er gar nicht daran gedacht hatte, dass Joshua irgendetwas anderes empfinden könnte. Weil er es nicht erlaubt hatte. Gefühle, die über Freundschaft hinausgingen. Und er konnte sie auch jetzt nicht erlauben. Zumindest nicht sich selbst.
Was war denn, wenn Joshua sich tatsächlich in ihn verliebt hatte? Was würde er ihm sagen?

Er wollte ihm nicht wehtun. Nie wehtun. Nicht ihm.

Wenigstens etwas Richtiges hatte Leon ihm gestern unter der Dusche gesagt. Dass er ein Arschloch war. Und dass er rein gar nichts im Griff hatte. Er hatte immer noch keinen Plan. Aber er konnte auch nicht tatenlos herumsitzen.

Er bekam Joshua am Trainingsvormittag nicht zum Greifen. Zu voll war es in der Kabine. Zu sehr schwatzten die anderen auf ihn ein. Zu sehr musste er immer noch von sich selbst ablenken. Joshua sah nicht wirklich besser aus als gestern und verhielt sich genauso, nur mit dem Unterschied, dass er jeglichen Körper- und Blickkontakt mit ihm vermied. Erst nach der Trainingseinheit in der Kabine schob sich Leon, in dem es wahnsinnig drückte, zwischen dem dorthin zurückkehrenden, trinkenden Joshua und dessen Kabinenplatz und zwang ihn so ihn zu beachten. Endlich.

„Jo…ich…“

Es war ungünstig, dass haufenweise Kollegen um sie herum waren, deshalb konnte Leon nicht wirklich privat werden, nicht wirklich das sagen und tun, was er tun wollte, dennoch war der unangenehme Druck in ihm zu groß, sodass er einfach nicht nichts tun konnte. Joshua nahm die Wasserflasche von seinem Mund, schluckte hart, öffnete die Lippen und zuckte als Leons Handfläche seine Wange berührte, sein Daumen seine Oberlippe und die Barthärchen darüber, sanft und von einem flauen Gefühl begleitet, von Herzklopfen und Kopfdrehen. Leon fiel ein Bläschen an Joshuas Lippen auf, die Haut war warm und bleich, seine Augen feucht und hart. Er wirkte erschöpft. Leon biss sich auf die Lippen, wollten ihn küssen, so gerne, aber sie hatten viel zu viele Zuhörer und Zuschauer, wenngleich niemand wirklich interessiert zu ihnen sah.

„…sorry. Ich dachte nur, du hättest…da…was…“, brach Leon deshalb ab. Es war gleich schon wieder viel zu wenig und doch viel zu viel gewesen.  

Joshua packte sein Handgelenk und zerrte es von ihm weg. Entgegen Leons Erwartung, denn alles in Joshuas Blick hatte ihm signalisiert, dass er das eben nicht gut gefunden hatte, wurden Joshuas Hand und Augen kurz sanft, als er Leons Handgelenk losließ. Joshuas Finger glitten wie ein feines Streicheln über Leons Handrücken, zupften an seinen Fingerspitzen, ehe er seine Hand gänzlich umschloss und sie drückte. Fest. Richtig fest. Er sah ihm in die Augen. Ein paar Sekunden lang. Dann war es vorbei.

„Denken ist nicht wissen“, sagte Joshua schlicht, wendete sich ab und Leon hatte verstanden, dass er seine Ruhe haben wollte, zumindest während sie nicht alleine waren. Auch wenn der Großteil der Mannschaft wusste, dass er schwul war, ihr gemeinsames Techtelmechtel musste unbedingt ein Geheimnis bleiben.



TBC.
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