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Mehr als wir wollten

von -Lumi-
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
FC Bayern München
27.01.2019
22.07.2021
25
112.260
77
Alle Kapitel
244 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
 
22.07.2021 5.208
 
Lumis Note
Hallo ihr Lieben und Überraschung, :)
es ist schon heftig und ich möchte mich entschuldigen, dass ich jetzt erst nach über einem halben Jahr wieder mit einem neuen Kapitel um die Ecke komme, aber es war einfach nicht eher möglich, so gerne ich auch gewollt hätte. Eigentlich stand an dieser Stelle ein etwas längerer Text, der das Ganze erklärt, aber kurz gesagt: Ich habe zwei kleine Kitakinder. Einen Mann. Einen Haushalt. Ich arbeite gerne und viel. Wir haben eine Pandemie. Ich bin und war zwischenzeitlich erschöpft. Richtig erschöpft. Und ich musste Prioritäten setzen.
Danke euch für all eure Unterstützung, auch während der letzten Monate, in Form von Reviews, Sternchen und Favoriteneinträge. Ich habe mich über alles extrem gefreut.
Ich wünsche euch nun, und ich hoffe, dass noch ein paar von euch da sind, ganz viel Spaß beim Lesen.
Zum Schluss möchte ich gerne noch ein Zitat vom genialen, leider viel zu früh verstorbenen Robin Williams mit euch teilen, auf das ich gestern gestoßen bin und dass sowohl zu meiner Situation als auch zu der Situation der beiden Kimetzka-Jungs in dieser Fanfiktion passt:
„Jeder, den du kennst, kämpft in einer Schlacht, von der du nichts weißt. Sie nett. Immer.“
In diesem Sinne: Liebe Grüße, bleibt gesund, und passt auf euch und eure Mitmenschen auf,
eure Lumi
P.S.: Nächstes Mal geht es dann mit Joshuas Sicht weiter, die, wie ihr am Ende merken werdet, sehr nötig sein wird. :)
Ich schätze nach diesem Kapitel hier noch ca. zwei Kapitel, dann bin ich mit der Fanfiktion durch. :-)
Ich hoffe, ich muss euch nicht schon wieder so lange warten lassen, aber ich kann es leider nicht versprechen.



Kapitel 24



Allianz Arena. Rot. Weiß. Heiß.
Endlich Spieltag. Grelles Flutlicht im Halbdunklen. Minus Ein Grad. Es stand Eins zu Eins. Die Uhr tickte herunter. Noch zehn Minuten.
Leons Ball flog knapp über den Pfosten des gegnerischen Tores hinweg. Der Torwart landete wegen der notwendigen Parade unsanft auf dem matschigen Boden. Thomas, der den Ball Sekunden zuvor im Strafraum zu Leon förmlich zurück gestolpert hatte, flog stattdessen ins Netz. Die Fans tobten. Brüllten. Pfiffen. Applaudierten.
Fuck! Leon klatschte sich die schweißigen Hände ins Gesicht. Sämtliches Adrenalin rauschte in seinem Körper hoch und wieder runter. Kein Tor. Es war kein Tor. Fuck! Das Ding hätte er machen müssen! Lewy machte solche Dinger sonst stockbesoffen im Schlaf. Himmel noch mal!
Joshua war der Erste, der bei ihm war. Er brüllte ihm etwas entgegen, schob seine Hand in Leons Nacken und drückte seinen Kopf zu ihm herunter. Joshuas blaue Augen funkelten ihn an. Sie brannten. Sämtliche Schneeflöckchen auf den Allianz-Arena-Rängen waren spätestens jetzt Geschichte.
Leon sah Joshuas Atem in der eisigen Winterluft, der seinen förmlich auffraß. Er roch ihn. Er spürte ihn. Seinen Wahnsinn.
Er wollte gewinnen. Immer. Er wollte das Ding hier unbedingt gewinnen.
Er war heiß. Unglaublich heiß.
Leon liebte Joshuas Gier. Seine Leidenschaft. Seinen nie endenden Hunger. Das Feuer in ihm, das jeden und alles um ihn herum in Brand steckte. Er war auf dem Spielfeld wie eine Bombe mit tausenden Zündschnüren.
Dabei konnte er kaum noch. Er war auf seiner rechten Abwehrseite schon wie ein Irrer gerannt und hatte das erste Tor vorbereitet. Aber er konnte nicht aufhören. Sie konnten nicht aufhören.
Sie liebten dieses Spiel. Und sie teilten all diese Emotionen.

Ehe sich Joshua von ihm anwandte, klopfte er Leon noch einmal mit beiden Händen gegen die Brust. Kräftig. Anerkennend. Auffordernd. Gut gemacht. Weiter. Ein kleiner Herzstillstand, gefolgt von Herzrasen. Leons Hand fuhr Joshua durch die Haare, über die Wangen, über das Schlüsselbein. Dann ließ er ihn los. Es hörte nicht auf zu kribbeln. Das tat es nie.
Acht Minuten noch.

„Komm jetzt, Leon!“

Joshua riss ihn mit.  
Wie ein Orkan im Loch eines Vulkans.
Er zerriss ihn. Es zerriss ihn.
Wie ein Tier seine Beute. Fetzenlos. Komplett.
Ja. Verdammt noch mal, ja!
Weiter. Immer weiter. Komm jetzt. Komm jetzt!

Er rannte weiter. Kämpfte. Zweikampf gewonnen. Zweikampf verloren. Ballannahme versemmelt. Abhaken. Geile Aktion. Die nächste noch geiler. Pass. Vor. Zurück. Box-to-box. Er konnte das. Er wollte das. Genauso sehr wie er. Wie sie alle. Seine Beine schmerzten. Seine Waden zwickten. Es war egal. Wenn sich dieser geniale Rausch dafür steigerte.
Leons nächster Ball schlug ins Netz ein. Ein Pfiff. Drin. Kein Abseits. Kein Foul. Regulär.
Tor. Fuck. Es war ein Tor!
Gefühlt waren es tausende, als Joshua, verdeckt durch die sich auf Leon stürzenden Teamkameraden, seine Lippen und Zähne in Leons Hals rammte und all seine Emotionen an ihm explodieren ließ. Ein kussloser Kuss.
Das Flutlicht zischte vor Leons Augen. Er hörte sie. Er hörte sie alle. Aber vor allem ihn. Wie er an seinen Hals und tief in sein Herz schrie:

„LEON…!“
Es zuckte gewaltig über ihn hinweg und durch ihn hindurch.
„…GORETZKA!“
Dieser schwanzlose Orgasmus.

Für dieses Gefühl.
Lohnte sich jeglicher Schmerz.



Nach dem Abpfiff war ein großer Teil der Anspannung von ihm abgefallen. Der Schweiß, die innerliche Hitze und äußere Kälte, wurden gleichermaßen vom halbwarmen Duschwasser weggeschwemmt. Es war so wie immer nach einem Sieg. Ausgelassene Stimmung. Gelächter. Abklatschen. Schulterklopfen. Flachsige Sprüche. Lobende Worte. Und doch war es dieses Mal anders, denn dieser Sieg, sein Tor, war quasi nur die Kirsche auf der Sahnetorte gewesen. Die Sahnetorte wartete noch auf ihn, und man sah Leon an, dass er hippelig und glücksbetrunken war, doch ein jeder dachte, es wäre wegen der „Kirsche“ und nicht wegen…
Joshua hatte ihn schon die ganze Zeit seit dem Abpfiff still und unverschämt angegrinst, und hatte sich mit den Beglückwünschungen zurückgehalten. Schneller als Leon seine schmutzigen Stutzen ausgezogen hatte, war er bereits fertig mit dem Duschen gewesen und saß nun bereits vollständig angezogen mit dem Handy in der Hand auf seinem Platz.
Dass er sein Smartphone in der Hand hielt, war ungewöhnlich, denn Joshua gehörte nicht zu den Jungs, die ihre Nasen bei jeder Gelegenheit und auch nach dem Spiel schnell in die Welt der Social Media steckten, oder erstmal sämtlichen Familienmitgliedern und Freunden Nachrichten schickten. Anders als Leon, der auch jetzt, nachdem er geduscht und halbangezogen war, sein Handy aus der Tasche fischte, um... sofort zu wissen, weshalb Joshua da mit dem Handy in der Hand saß und ihn angrinste.

‚Ist dir bewusst, wie unglaublich heiß und sexy du bist, wenn du das entscheidende Tor machst?‘, hatte ihm Joshua via WhatsApp geschrieben, und:
‚Mir würde da eine Belohnung einfallen, aber die Dusche ist leider voll.‘

Leons Herz war just in diesem Moment vom Brustkorb in den Bauchraum gefallen und seine Augen hatten sich auf ein Maximum geweitet und sofort Joshuas Augen gesucht.
Dieser Mistkerl. Wie konnte er ihm sowas jetzt schreiben? Und ihm damit bewusst das Bild eines übergeilen Joshuas ins Hirn pflanzen, der ihn wie damals nach dem Training hart gegen die Duschwand vögelte, während der von anderen Dingen vergnügte Thomas, der seinen Kabinenplatz neben Leons hatte, ihm gerade anfing das Ohr abzukauen, und schon verdächtig neugierig auf das Smartphone spähte, das offensichtlich dafür verantwortlich war, dass Leon vom rechten bis zum linken Ohr glühte und mit seinen Augen Joshua förmlich auffraß.
Fuck! Er wollte seine „Sahnetorte“ haben. Sofort. Doch das ging nicht. Warum, verdammt noch mal, ging das jetzt nicht?!  
Er knurrte unbefriedigt und doch erheitert in Joshuas Richtung, der mit dem Handy in der Hand immer noch frech grinste, Leons Blick auffing und sich fast schon provokant über die Lippen leckte.

‚Fuck you, Kimmich!‘ , tippte Leon in sein Handy.
Die Antwort kam gleich:
‚Ich mich? Oder du mich?‘
‚Ich dich natürlich!‘
‚Details?‘
‚So, dass du mich morgen bei jedem Schritt in deinen Arsch spürst.‘
‚Geil. Nehm ich.‘
‚Ich weiß.‘
‚Dann mach‘ jetzt mal hinne mit deinem Schönheitsprogramm und zieh dich an.‘
‚:-P‘


Oh Gott!
Er musste damit aufhören. Und kalt duschen. Ganz kalt duschen. Nein. In die Eistonne. Zu blöd, dass er bereits geduscht war und der Bus pünktlich abfahren wollte. So blieb ihm nichts anderes übrig als sich von Joshua und dem Handy abzuwenden und sich mit dem Handtuch wild und fest durch die feuchten Locken zu wuscheln, in der Hoffnung, dass er so die Hitze etwas aus seinem Kopf herausbekam. Das funktionierte nur mäßig.
Ob Thomas, der wusste, dass Leon schwul war, gemerkt hatte, dass sie sich gegenseitig geschrieben und geistig ausgezogen hatten?
Hoffentlich nicht. Aber die Blicke schienen ihm nicht entgangen zu sein und auch nicht, dass Leon ihm nicht mehr zugehört hatte. Thomas hatte mitten im Satz aufgehört mit Leon zu reden, ihm kumpelhaft eine Hand auf die Schulter gelegt, was Leon gar nicht wirklich bemerkt hatte, breit gegrinst, von ihm abgelassen und sich dann ein neues Gesprächsopfer gesucht.
Es schien alles in Ordnung zu sein.

Die neu aufgeflammte Hitze war jedoch auch Minuten später im Bus noch fies. Die Beule in Leons Hose, die mit Hilfe des Wintermantels gut versteckt werden konnte, war noch fieser. Doch Münchens kalte Winternacht versprach eine natürliche Abkühlung. Und die Zeit, die die Busfahrt zurück zur Säbener Straße schluckte, trug einen weiteren Teil dazu bei, dass auch noch der letzte Rest Spieltags-Anspannung aus seinen Muskeln und Knochen gekrochen war, und langsam durch wohlige Müdigkeit ersetzt wurde.
Auch der adrenalinverdrehte und von heißen Nachrichten verzauberte Kopf war wieder nüchtern geworden. Und doch war er voll mit den Gedanken, denn Leon wusste…
Sie konnte jetzt nicht einfach, wie via WhatsApp-Nachricht wild beschlossen, die Tür aufreißen und wie zwei triebgesteuerte Tiere übereinander herfallen und die ganze Nacht Sex haben und somit in das alte, geile, bescheuerte Muster fallen. Sie konnten schon. Und Leon würde nichts lieber als das tun. Aber er wusste, dass es sie zwar für viele Minuten körperlich und geistig in den Himmel katapultieren konnte und die Spielfeldemotionen dagegen ein Scheißdreck waren, doch irgendwann würde der Boden ihrer Realität wieder da sein. Und dieser Boden tat weh, war löchrig und hart. Erst recht, wenn man auf ihn aus den Wolken fiel. Und das Risiko hindurch in die knapp darunterliegende Hölle zu brechen, war für Leon einfach noch zu unkalkulierbar.

Diese Nacht durfte kein egoistischer, schwanzgesteuerter Himmelstrip werden, sondern eine weitere Stabilisierung ihrer gemeinsamen Grundlage.
Leon wollte Joshua als festen Freund. Als Partner. Mit jeglicher Konsequenz. Er wollte ihn nicht nur ficken, er wollte ihn auch lieben dürfen.
Nur Joshua…
…dessen Gesichtszüge hatte sich ebenfalls entspannt und sein spitzbübisches Grinsen war verschwunden, als er die Tür zu seinem Zuhause für sie beide öffnete. Sie waren zuvor wie verabredet separat, um nicht bei den Teamkollegen für Aufsehen oder Rückfragen zu sorgen, jeweils mit ihren Autos zu Joshuas Adresse gefahren. Nur Serge wusste, dass sie die Nacht miteinander verbringen würden.

„Fühl dich bitte wie zuhause“, sagte Joshua, nachdem er die Tür hinter ihnen verschlossen hatte. Und Leon dachte, dass er sich nicht wie zuhause fühlen wollte, sondern dass er wollte, dass es sein Zuhause war. Irgendwann. Wenn Joshua endlich die letzte, alte Beziehungsscherbe aus diesen vier Wänden herausgekehrt hatte und es nicht mehr so kalt hier drinnen war.
Joshua hatte einiges weggeräumt, was an Emma erinnerte und damit auch vieles, was dieser Wohnung zuvor Wärme verliehen hatte. Einige ihrer Jacken und Handtaschen hingen noch an der Garderobe. Ein paar Schuhe standen noch da und ihre schneeweiße Mütze lag dort auf einem Paar Damen-Winterstiefel. Leon erschauderte. Er konnte sich noch gut an den letzten Winter erinnern, als Emma diese Mütze getragen hatte. Er war wegen ein paar Vertragsformalitäten kurz in München gewesen und hatte bei dieser Gelegenheit Joshua besucht. Emma hatte Leon sofort mit offenen Armen empfangen. Sie waren zu dritt über den Weihnachtsmarkt geschlendert, hatten Glühwein getrunken und eine Kleinigkeit gegessen. Es war schön und sehr nett gewesen. Leon mochte sie. Ihre sympathische Art. Ihr Lächeln. Für eine Frau war sie wirklich süß. Leon konnte verstehen, warum sich Joshua in sie verliebt hatte. Es tat ihm leid.

„Ich mach‘ uns mal was zu trinken. Lust auf Tee? Oder trinkst du so spät noch Kaffee?“, holte ihn Joshua aus seiner geistigen Zeitreise ab und beendete das unangenehme Herzzwicken in seiner Brust.  
Leon schüttelte den Kopf.

„Nein, danke. Tee ist gut.“

Während Joshua den Wasserkocher in der Küche anmachte und ihren Tee vorbereitete, ging Leon ins Wohnzimmer und blieb vor der weißen Kommode stehen. Einige Fotos von Joshua standen darauf. Teilweise allein. Teilweise mit Freunden und Familie. Aber keines von Emma. Oder von Joshua zusammen mit Emma. Nicht mehr. Das war ein gutes Zeichen. Besser ging es im Grunde nicht.
Leon sollte sich freuen, doch stattdessen zwickte es erneut schmerzhaft in seiner Brust, als ihn Schuldgefühle plagten. Es war lächerlich, dass es ihm leidtat, denn er hatte es so gewollt und er wollte es auch jetzt, dass sie hier fehlte. Sie sollte und musste in Joshuas Leben Geschichte sein. Irgendwann würde er sie um Verzeihung bitten.
Leon schüttelte und blinzelte die queren Gedanken weg und lächelte stattdessen wieder, als ihm ein Foto auffiel, das in einem hölzernen Bilderrahmen eingerahmt etwas versteckt hinter den anderen Fotos stand. Er nahm es in die Hand und zuckte, als er Joshuas Atem an seinem Oberarm spürte, der sich von hinten leicht seitlich an ihn angelehnt hatte und die dampfenden Teetassen zwischen all den Fotos auf der Kommode abgestellt hatte.

„Das ist echt verdammt lange her…“, murmelte Joshua und sah sich blinzelnd das Foto an, das Leon offenbar so interessierte. Das Foto zeigte Joshua mit zwölf, vielleicht dreizehn Jahren, im Trikot des VfB Stuttgart. Er lächelte glückselig in die Kamera und hatte einen Fußball unter seinem Arm geklemmt.
Leon seufzte wohlig, schloss kurz die Augen, genoss still Joshuas Nähe, die hier im Privaten nun wieder uneingeschränkt möglich war, sah sich das Foto erneut an und schmunzelte dann hörbar.
„Warum lachst du?“, fragte Joshua interessiert.

„Ich musste gerade daran denken, wie wir uns kennen gelernt haben. Da dürftest du ungefähr so alt wie auf diesem Bild gewesen sein. Auf diesen einen DFB-Junioren-Lehrgang. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich mal in diesen neunmalklugen, frechen Zwerg von damals verlieben würde. Du warst…“ Leon grinste keck und strich mit dem Zeigefinger über das bubenhafte Fotogesicht.
„…echt ziemlich nervig und bissig wie ein Hund.“

„Wow“, verzog Joshua beleidigt das Gesicht. „Danke für die netten Blumen“, schob er ein Schmunzeln hinterher.
Er wusste, dass Leon Recht hatte. Er war als Teenie und gerade in diesem Alter ziemlich anstrengend für seine Umwelt gewesen. Und noch anstrengender, wenn man ihm einen Grund dazu gegeben hatte, etwa, wenn man ihm gesagt hatte, dass er als Profifußballer höchstwahrscheinlich nicht taugte und er sich seine Träume abschminken sollte.

„Man hat mir auf diesem scheiß Lehrgang gesagt, dass ich zu schmächtig bin und meine Technik nicht gut genug ist, und dass sie sich nicht sicher sind, ob das mit mir und der Profikarriere je was werden wird. Ich durfte nicht mal zum Freundschaftsspiel mit euch mit. Das war richtig mies. Am liebsten hätte ich alle gefressen.“

Leon konnte sich erinnern...
Joshua war wütend und enttäuscht und beleidigt gewesen, als herausgekommen war, dass er nicht mitfahren durfte, und hatte deshalb etwas bockig um sich geschlagen, bevor er eingesehen hatte, dass das nichts gebracht, sondern ihn nur lächerlich gemacht hatte. Der Vergleich mit dem Hund war nicht verkehrt gewesen. Er hatte sich tatsächlich an etwas festgebissen. An der Idee, es all seinen Skeptikern ordentlich zu beweisen.
Ab diesem Zeitpunkt hatte er mit Ruhe und Ausdauer und einem unglaublichen Ehrgeiz an sich gearbeitet und all die Schwachpunkte, die man ihm unter die Nase gehalten hatte, nach und nach ausgemerzt. Von Lehrgang zu Lehrgang war er besser geworden. Und reifer. Und durfte mitfahren und mitspielen. Er hatte es allen gezeigt. Sie alle beeindruckt. Die meisten überholt. Und er tat es auch heute noch.

„Und sonst war ich wohl eher meinem Alter entsprechend gewesen. Kann nicht jeder wie du mit dreizehn, wenn einem nicht mal die Sackhaare so richtig wachsen, im Kopf schon wie achtzehn sein“, stichelte Joshua vergnügt zurück.
„Zum Glück hat man an deinen Pickeln gemerkt, dass du in Wirklichkeit auch nur ein Teenie warst.“

„Pf. Das ist dir in Erinnerung geblieben? Ich hatte kaum Probleme damit“, protestierte Leon prompt beleidigt, was grundlos war, denn er hatte durchaus regelmäßig die eine oder andere Flasche „Clearasil“ von seinen Schwestern geklaut.

„Hattest du überhaupt Probleme?“
Joshua biss sich auf die Lippen und senkte seinen Kopf, weil er sofort gemerkt hatte, dass seine Frage und die augenverdrehende Art und Weise, wie er sie gestellte hatte, unangebracht gewesen war. Auch wenn sie eine Zeit betraf, in der Leon vermutlich noch nicht bewusst gewesen war, dass seine restliche Jugend ein versteckter Kampf gegen seine Sexualität sein würde. Niemand hatte wohl größere Probleme mit dem Erwachsenwerden gehabt wie Leon. Leon löste sich augenblicklich aus Joshuas leichter Umarmung und sah stumm zur Seite. Er wirkte traurig.
„Entschuldige, Leon. Das war nicht so gemeint gewesen. Es ist nur… du hast damals schon so komplett gewirkt. Wie ein richtiger Profi. Du warst verdammt gut. Bodenständig. Sympathisch. Selbstbewusst. Wir wussten alle, dass du es von uns auf jeden Fall zu den Großen schaffen würdest.“
Die Gänsehaut, die eben noch unangenehm gewesen war, prickelte nun wieder leicht wohlig auf Leons Haut. Er mochte Joshuas sanfte Berührungen und er dachte im Grunde auch gerne an die Zeit zurück. An die Zeit vor einer gewissen Zeit. Als die Welt für ihn noch nichts Grausames gehabt hatte.
„Die Jungs haben dich bewundert. Jeder mochte dich. Jeder war gerne mit dir im Team. Serge. Niki. Förmlich hinterhergesabbert haben sie dir.“

„Du auch?“

„Natürlich.“ Joshua lächelte ehrlich, dann schmissig. „Ich hab‘ heimlich in Goretzka-Trikots geschlafen und hatte Poster von dir im Zimmer hängen.“

„Ha. Ha. Sowas gab es da nicht mal.“

„Im Ernst, Leon. Ich habe dich bewundert. Und ich tue es heute mehr denn je.“

„Ich weiß ja nicht. Du stinkst, seit du die Ein-Meter-Siebzig-Körpergröße überwunden hast, nur so vor Selbsteinbildung.“

„Kann schon sein“, zuckte Joshua mit den Schultern. „Die wurde mir aber auch nicht geschenkt. Und das hat nichts damit zu tun, wie ich dich gesehen habe und sehe. Du musstest auch für alles kämpfen. Vermutlich noch viel härter als ich. Und deshalb bist du für mich mit Abstand der stärkste Mensch, den ich kenne, und das sage ich dir so oft, bis du es in deinen hübschen Schädel reinkriegst.“  

Die Worte waren schön. Vor allem da sie von Joshua kamen. Aber Leon konnte gerade den letzten Teil nicht ganz annehmen. Er fühlte sich nicht stark. Zu oft fühlte er sich eher schwach und angreifbar. Zu oft war er schwach und angreifbar und zerbrach fast im stillen Kämmerchen. Er war nur gut darin es zu verbergen und stets den Selbstbewussten zu geben, der er einmal ausnahmslos mit Leichtigkeit gewesen war. Er hatte sich über all die Jahre ein gesundes Selbstbewusstsein aufgebaut. Eine Stärke. Manchmal auch eine Abgestumpftheit. Vieles, oder sogar das meiste seiner Mentalität war nicht geschauspielert. Doch es hatte seinen Preis gehabt und er zahlte ihn jeden Tag.
Sie war damals kaputt gegangen. Die Leichtigkeit. Das Happy-Go-Lucky in seinem Herzen.

„Ich wäre vielleicht noch stärker, wenn ich nicht schwul wäre. Es frisst so unglaublich viel Energie, Jo. So viel Kopf“, murmelte Leon ehrlich bedrückt und dachte noch einmal an die Zeit zurück, in der er sich selbst für unzerstörbar gehalten hatte.  
„Ich frage mich, wo ich jetzt wäre, wenn ich nicht so wäre. Mit dreizehn wusste ich noch nichts davon. Damals habe ich auf dem Rasen gelebt, nicht auch noch überlebt. Du hattest Recht. Ich hatte tatsächlich keine Probleme. Und dann…habe ich geheult, als ich das Junioren-Kapitänamt abgegeben habe. Es war deswegen gewesen. Ich konnte kein Team führen, wenn ich mich selbst nicht einmal führen konnte. Und ich konnte mir nicht vorstellen, dass irgendjemand noch von mir geführt werden wollte. Ich war damals so kaputt...“  

„…aber du hast es angenommen und bist aufgestanden, Leon! Du hast dich uns anvertraut. Jeder wäre gerne von dir geführt worden. Da bin ich mir sicher. Und jeder wird gerne von dir geführt werden. Besonders ich. Und wenn du trotz deiner Homosexualität hier oben bist, dann… ich weiß nicht? Vielleicht wärst du als Hetero Messi geworden, oder Ronaldo“, bremste Joshua Leons geistige Talfahrt schnell mit einem sanften Lächeln, drückte fest und kurz seine Hände und schob seinen Körper zwischen Leons Körper und der Kommode. Joshua sah ihm tief in die Augen, als wollte er ihm seine Worte tief in die Seele brennen, und ein wenig zitterten seine Lippen, als er weitersprach:
„Im Gegensatz zu dir bin ich oft noch wie damals. Ich schlage immer noch um mich, wenn es nicht so läuft wie ich es mir ausmale, wenn ich nicht kriege oder bin, was ich will. Ich bin ein sehr schlechter Verlierer. Ich hasse es, zu verlieren. Das ist es, was wirklich schwach ist. Ich verletze Menschen um mich herum, die mir wichtig sind, nur weil ich mit mir selbst nicht klarkomme, und ein Teil von mir nimmt es hin, weil ich ein egoistischer Scheißkerl bin, der mit vierzehn gelernt hat…“ Er sah kurz zur Seite hinab auf das Bild. „…dass er gewisse Dinge nur erreichen kann, wenn er ein harter Hund ist. Und so warst du nie.“

„Joshua…“ Leon wollte ihm auf der Stelle widersprechen. Er konnte es nicht leiden, wenn Joshua so überzogen hart zu sich selbst war. Das war er immer. Mehr als es oft gut war.

„Ich verdiene dich nicht, aber unsere Handy-Unterhaltung vorhin...“ Joshua biss sich einmal fest auf die Lippen und senkte seinen Blick, ehe er Leon wieder ansah. „…war nicht nur scherzhaft gemeint gewesen. Ich will dich, Leon. So sehr, dass ich das Gefühl habe, dass es mich auffrisst, wenn ich dich nicht habe. Du hast keine Ahnung wie hart es ist, dich nicht anfassen zu können. Besonders wenn du so spielst wie vorhin. Schwul hin oder her. Du bist ein genialer Fußballer. Einfach… mit dieser Wucht. Mit dieser Leidenschaft. Mit diesem glücklichen Lächeln. Ich will, dass sie, nein, dass du mir gehörst.“

Leon blieb die Spucke bei all diesen gewaltigen Worten im Hals stecken und sein Herz setzte zig Mal aus und pumpte doppelt so schnell weiter. Das war gerade nicht nur eine schöne, heftige Liebeserklärung gewesen, sondern auch eine Forderung.
Joshua wollte mit ihm schlafen.
Das war verdammt gut. Das war absolut nicht gut. Was sollte er jetzt tun?

„Eifersüchtig...auf den…Ball?“, schmunzelte Leon und versuchte mit Coolness seine Nervosität und Überforderung zu übertünchen und die Tatsache, dass die Verstand-Zentrale seines Kopfes gerade richtig Alarm schlug und drohte zu überhitzen. Es funktionierte nicht so gut, denn er hatte etwas gestottert und mittlerweile musste Joshua, so nah wie er an ihm war, spüren, wie wild und unkontrolliert sein Herz in seinem Brustkorb schlug und dass er im Grunde nur zugreifen musste, um ihn zu bekommen.

„Sehr! Immerhin hast du den heute schon ordentlich weggeknallt“, war Joshua abgeklärt mit sich und seinem Vorhaben und drückte sich etwas näher an Leon heran, und brachte ihn so ganz bewusst weiter in die Bredouille. Es erinnerte Leon etwas daran, als es das erste Mal zwischen ihnen eskaliert war. Als Joshua ihn ähnlich heiß und entschlossen angesehen hatte. Als er Leons geistiges Wanken schamlos ausgenutzt und ihn aufgeknackt hatte wie eine weiche Nuss. Er konnte das. Er wollte das. Und er wusste ganz genau, dass Leon es auch wollte.

„Im Ernst jetzt, Leon…“ Joshuas hauchte gegen Leons Hals und küsste feucht die Haut dort. Oh Gott, zog Leon scharf die Luft ein, und erschauderte. Er wollte ihn so sehr.
Joshua war hart. Und heiß. Und direkt. Und Geduld war nicht seine Stärke.
„…wenn du nicht sofort damit anfängst, mir die Klamotten vom Leib zu reißen, drehe ich durch. Ich will dich wieder richtig spüren. Ich kann nicht mehr warten. Und ich weiß, dass du mich genauso willst.“

„Jo…ich…“, sagte Leon und wusste absolut nicht, was er sagen sollte.
Er wollte im Grunde auch nichts sagen.

„Vertraust du mir?“, waren Joshuas Lippen direkt vor Leons und verlangten offenkundig nach Liebkosung.

„Dem egoistischen Scheißkerl, der mir ständig wehtut?“, zitterten Leons Lippen und verwehrten dem anderen Lippenpaar noch die direkte Berührung.
Fuck! Er hielt das Knistern zwischen ihnen kaum noch aus. Es tat extrem gut. So begehrt zu werden. So gewollt zu werden. So angesehen zu werden.
So geliebt zu werden.

„Nein“, raunte Joshua heiser. „Dem verknallten Idioten, der total verrückt nach dir ist.“

Verknallt. Er war verknallt.
Verrückt. Miteinander schlafen. Nicht nur ficken.
Liebe.

„Küss mich, Leon. Bitte.“

Ja. Verdammt, ja!
Das Katapult in den Himmel war angesprungen.
Und damit der Wahnsinn zurück auf die Erde gekrochen.
Endlich. Wieder.

Und der Tee, der unberührt auf der Kommode stand, verlor mit jeder Minute seine Wärme.
Es interessierte sie nicht.





Es waren unbeschreibliche, intensive Gefühle gewesen.
Die scheinbar unlöschbare Hitze in seinem Kopf, die ihm den Verstand verdreht und ihm die Wolken ins Oberstübchen gepflanzt hatte.
Die Gänsehaut, das Kribbeln und das Pochen überall in und auf seinem Körper, als Joshua ihn geküsst hatte, und er zurückgeküsst hatte, wie ein Ertrinkender auf der Suche nach Luft. Zunächst sanft und zärtlich und langsam, dann hart und verlangend und schnell.
Das Beben und Stoppen und Stolpern und Krawallen seines Herzens, als Joshua mit seinen feuchten Lippen an seinem Ohrläppchen gezupft und etwas Schmutziges hineingeflüstert hatte.
Das Anschwellen seines Schwanzes, als Joshua ihn auf die Matratze gedrückt hatte, über ihn gerutscht war und jede Körperstelle mit Lippen und Fingern liebkost hatte, die er zuvor von den Klamotten befreit hatte.
Das Zittern seiner eigenen Fingerspitzen und Lippen, als er Joshua berührt hatte, all seine Haut, seine Muskeln, seine Haare und Härchen gespürt hatte.
Joshua war unglaublich gewesen.
Er hatte ihn an diesem späten Abend mit Geduld und Gefühl und viel Sinnlichkeit regelrecht in den Wahnsinn getrieben, als hatte er ihm auf diese Art und Weise ganz bewusst zeigen und beweisen wollen, wie ernst es ihm war und wie stark er für ihn fühlte. Er hatte Leon fast schon beim oralen Verwöhnen seines Schwanzes den Orgasmus des Jahrhunderts beschert, ehe er zur Reiterstellung übergegangen war.  

Das Bild von Joshua, wie er sich reitend über und auf ihn bewegt hatte, wie er dabei gestöhnt und gelächelt und jeden Stoß von Leons Schwanz in seinen Arsch genossen hatte, hatte sich tief in Leons Kopf und Herz eingebrannt. Ihr Liebesspiel war perfekt gewesen. Ihr Rhythmus. Ihre Intensität. Ihr Fühlen.
Das erste Mal seit Ewigkeiten hatte Leon beim Sex mit einem Mann, beim Kommen, laut dessen Namen gerufen: „Joshua!“. Und Joshua hatte es ihm gleichgetan, als auch er nur wenige Sekunden später heftig gekommen war und sein Sperma über Leons Brust verteilt hatte.
Leon hatte es gespürt. Dass Joshua ihn liebte. Dass alles an ihm ihn wollte. Dass er ihn brauchte. Auch sein Herz.  
Auch wenn er es nicht direkt gesagt hatte.
Es konnte nicht anders sein. Leon kannte den Unterschied. Leon wusste, wie man fickte. Ohne Gefühle. Er hatte oft die Blicke der Männer unter ihm gesehen. Heiß. Geil. Aber leer. Und ganz schnell wieder kalt. Sie waren namenlos gewesen. Unbedeutend.
Das hier war so viel mehr gewesen. Joshuas Blick, seine Zärtlichkeit, seine Hingabe, seine Wucht, seine Leidenschaft, seine Wärme, sein Kommen. Für ihn. Nur für ihn. All das war dieses „Mehr“ gewesen.
Es war echt gewesen. Und ehrlich.
Leon konnte ihm vertrauen.

Joshua war nach den Höhepunkten noch lange schwer atmend auf Leon liegen geblieben und hatte Leons Schwanz erst aus seinem Arsch entlassen, als dieser völlig befriedigt bereits auf sein Minimum geschrumpft war.
Sie hatten sich noch lange geküsst und waren dann eng aneinandergeschmiegt und mit einem glücklichen Lächeln auf den Lippen eingeschlafen.
Es war die ganze Nacht warm geblieben.

Als Leon am nächsten Morgen aufwachte, war der Schlafplatz neben ihm leer. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es höchste Zeit war aufzustehen, immerhin stand heute Regeneration auf dem Plan, und auch da sollten sie pünktlich zum Training erscheinen. Joshua war sicherlich schon im Bad, oder trank bereits seinen Kaffee. Leon lächelte bei dem Gedanken daran, dass sich sein Freund schließlich gestern auf ihm ziemlich verausgabt hatte. Oh man, seufzte er und strich sich mit der Hand die Müdigkeit aus den Augen. Was war da nur wieder mit ihnen passiert? So viel zum Thema, sie konnten nicht wie wilde, dumme Tiere übereinander herfallen. Sie hatten es getan. Und es war geil gewesen. Aber was noch viel wichtiger war:
War der endgültige Bruch ihrer Sex-Enthaltung nun der emotionale Durchbruch zwischen ihnen gewesen? Waren sie jetzt zusammen? So richtig? War Joshua mit sich und seiner homosexuellen Seite im Reinem? Akzeptierte er endlich, dass er in Leon verliebt war?
Es hatte sich zumindest so angefühlt und Leon wollte sich dieses Gefühl gerade nicht von seinem Kopf madig machen lassen. Reden würde er trotzdem mit ihm müssen. Am besten sofort.
Er streckte sich entschlossen, schälte sich dann aus dem Bett heraus, zog sich Boxershorts, eine lange Hose und einen leichten Pullover an, und machte sich auf die Suche nach Joshua.

Im Flur angekommen, hörte er Joshua bereits reden. Telefonierte er etwa? Besuch konnte er schlecht haben.
Leon lächelte nichts ahnend, als er um die Ecke bog und Joshua sah.
Sein Lächeln starb.

Alles starb.
Weh.
Es tat so unglaublich weh.


***


Kälte. Unheimliche Kälte.
Der seelische Schmerz zog sich von Leons Bauch über die Brust bis in seinen Kopf hinein. Dort drehte sich alles. Er biss sich auf die Lippen und schmeckte eine Mischung aus Blut und Alkohol.
Himmel und Hölle. Er war sturzbetrunken. Wie viele Wodka und Tequila waren es gewesen, die ihm der schräge Typ an der Bar mit den lackierten Fingernägeln über den Tresen geschoben hatte? Er hatte nicht gezählt. Scheißegal. Das Zeug betäubte und belebte.
Irgendein blonder Typ lag unter ihm. Nicht hässlich. Auch nicht hübsch. Egal. Es war einfach gewesen ihn zu bekommen. Er wollte ihn. Ohne Verliebtheit. Ohne Verbindlichkeit. Ohne Konsequenz. Und er konnte ihn haben. Er konnte alle haben. Nur nicht als Leon. Er war nicht Leon. Und doch war er viel zu sehr Leon.

Der Typ unter ihm keuchte, als Leon ihn berührte. Nicht zärtlich. Nicht warm. Einfach nur scharf. Wie ein Messer. Das mit jedem Atemzug tief in seiner Brust schnitt. Er hörte sich etwas nach Joshua an. Er hörte ihn rufen: „Leon! Leon!“
Dieser Scheißkerl! Wie hatte er ihm das nur antun können?
Er hätte es vielleicht besser wissen müssen. Er war so lächerlich gewesen. So verliebt. So schwach.
Er hasste sich.
Joshua hatte ihm nicht gesagt, dass er ihn liebte. Wieder nicht. Immer noch nicht. Warum? Ja, warum wohl?!
Das Wort „verknallt“ benutzten auch zehnjährige Mädels, wenn ihnen ihr Lieblingspopstar einen Lolli schenkte, oder irgendwelche Fangirls, die ihn aus hundert Meter Entfernung beim öffentlichen Training anschmachteten, und eigentlich einen Scheißdreck über ihn wussten. Was bedeutete es also? So weh. So weh tat das! Fuck!
Leon knurrte und zog das fremde Becken zu sich heran.

Er riss die Kondompackung auf und stülpte sich den Schutz über den Schwanz drüber. Das war gut so. Er liebte diesen Mann nicht. Er wollte überhaupt nicht mehr lieben. Nicht mit jemanden schlafen. Nur ficken. Und das Gummi danach wie seine scheiß schmutzige Wahrheit in der Mülltonne entsorgen. Wie früher. So lange Zeit.
Er war hart.
Alles in ihm war hart.
Joshua hatte unrecht gehabt. Er war ihm viel zu ähnlich. Auch er konnte ein egoistisches Arschloch sein, wenn es nicht so lief, wie er wollte. Auch er verletzte. Auch er hasste es zu verlieren.
Egal was.

Tränen liefen über seine Wangen, als er zustieß.



TBC.
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