Nimmersatt

von Lia Roger
KurzgeschichteSchmerz/Trost / P16
27.01.2019
27.01.2019
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Nimmersatt



Oktober


Aggies Erdbeermische ist das widerlichste, was ich je getrunken habe. Jedes Mal, wenn ich meinen Becher beim Einatmen zu nah an meine Nase halte, habe ich das Gefühl, dass der scharfe Geruch meine Schleimhäute verätzt. Ich meine, billigen Korn herauszuschmecken, vor allem aber brennt die quietschrote Flüssigkeit in meiner Kehle, betäubt meine Geschmacksknospen und hinterlässt ein klebriges Gefühl in meinem Mund. Das Einzige, was darin gänzlich fehlt, ist das Aroma von Erdbeeren.

„Man schmeckt den Alkohol kaum raus“, hat Aggie gesagt. „Und wenn man zu viel davon trinkt, färbt‘s einem die Kotze rot.“

Für Aggie ist das ein klares Argument für ihre Erdbeermische. Aggie ist außerdem die einzige aus unserem Freundeskreis, die sich noch nie auf einer Party übergeben musste, und das obwohl sie gefühlt mehr trinkt als wir alle zusammen. Etwas ist an dem Klischee, dass Dorfmenschen mehr vertragen, wohl doch dran.

Ich mochte Aggie, die eigentlich Agathe heißt, schon, als ich sie im zweiten Semester kennenlernte. Sie war ganz anders als die meisten meiner Kommilitonen, die sich nach nicht einmal einem Jahr schon aufführten wie kleine Chefärzte, über Patienten und ihre zukünftigen Gehälter schimpften und einen kleinen Zusammenbruch hatten, wenn sie mal keine Eins schafften. Statt das Wochenende mit Büffeln oder Tennis spielen zu verbringen, malträtiert Aggie ihre wertvollen Hirnzellen mit (wahrscheinlich nicht nur) Alkohol und macht keinen Hehl daraus, dass sie selten vollkommen nüchtern anzutreffen ist. Sie pusht sich mit Medikamenten, die sie weiß der Teufel woher bekommt, trinkt sich in den Schlaf und bekämpft den Kater kurz vor den Vorlesungen mit weiteren Medikamenten.

„Ich muss im Lotto gewinnen“, hat sie im dritten Semester gescherzt, „um mich durchs Physikum koksen zu können.“ Letztendlich hat sie in der Lernzeit bis auf Koffein sämtliche psychotropen Substanzen aus ihrem Leben verbannt, sich zusammengerissen und eine gute Zwei geschafft.

Ich bin die Einzige, die die erste ärztliche Prüfung wiederholen musste. Das hier ist meine Party, weil ich es ein Jahr später nun auch endlich geschafft habe.

Meine Freunde waren überrascht, als ich ihnen offenbarte, dass ich knapp an der Bestehensgrenze vorbeigerauscht war. Von mir hatten sie das nicht erwartet. Ich war zwar weder ein Genie noch eines der blonden dauerbüffelnden Tennismädchen, aber bisher hatte ich es immer irgendwie geschafft, durchzukommen. Doch ausgerechnet kurz vor den Physikumsprüfungen hatte ich beschlossen, mit meiner alten Schulfreundin Deborah zusammenzuziehen, nachdem meine Miete erhöht worden war. Ich rede mir gern ein, dass ich durch den Umzug einfach nur zu viel um die Ohren hatte, tatsächlich war dieser jedoch schnell geschafft. Es war eher die Gesellschaft, die mich am Lernen hinderte, auch wenn ich das meiner Mitbewohnerin gegenüber nie zugeben würde. Immerhin hat sie mich in der Zeit vor der Wiederholungsprüfung unterstützt wo sie nur konnte und den gesamten Haushalt allein geschmissen.

Debbie ist auch diejenige, die die Feier für mich organisiert hat. Obwohl sie eher introvertiert ist und niemanden aus meinem Studiengang sonderlich gut kennt, hat sie meine Freunde kontaktiert und mit ihnen zusammen eine Überraschungsparty organisiert, und das macht mich so glücklich, dass es auch das an mir nagende Gefühl verteibt, langsamer und dümmer zu sein als die anderen.

~~~


Als ich am nächsten Tag gegen Mittag die Küche betrete, sitzt Debbie schon am Tisch. Sie ist noch blasser als sonst, unter ihren Augen zeichnen sich dunkle Ringe ab und anstelle von Kaffee hat sie zwei Gläser und eine Wasserflasche vor sich stehen. Zur Begrüßung schiebt sie mir ein Glas und eine Packung Kopfschmerztabletten zu, welche ich mit einem dankbaren Lächeln annehme. Es geht mir eigentlich sogar vergleichsweise gut, auch wenn der Schwindel mich die halbe Nacht wach gehalten hat. Irgendwie habe ich es jedoch geschafft, einzuschlafen, und jetzt fühle ich mich bedeutend besser. Wahrscheinlich hat das Wasser, das Debbie mir den ganzen Abend über immer wieder zu trinken gegeben hat, die schlimmsten Katersymptome verhindert. „Trink aus, Sam“, hat sie jedes Mal gesagt und mir das Glas neu gefüllt, sobald ich es geleert hatte. „Du wirst mir noch dankbar sein.“ Sie hat Recht behalten.

„Du siehst furchtbar aus“, kommentiere ich das Offensichtliche. „Hast du schon eine Tablette genommen?“

Debbie verzieht das Gesicht.

„Zwei“, sagt sie. „Hab immer noch Kopfschmerzen.“

„Ach du scheiße. Aggies Erdbeermische?“

„Aggies Erdbeermische.“

Ich muss lachen und Debbie schließt gequält die Augen. Ich bin ihr zu laut. Ich schenke ihr ein entschuldigendes Lächeln und fülle schweigend mein Glas. Das Wasser hinterlässt ein flaues Gefühl in meinem Magen, aber das macht mir nichts aus. Es gibt schlimmeres, als gemeinsam verkatert in der Küche zu sitzen. Immerhin habe ich Gesellschaft.


November


„Samantha.“

Wenn sie mich bei meinem vollen Namen nennt, weiß ich, dass es Debbie ernst ist. Die in die Hüften gestemmten Hände lassen ihre zierliche Gestalt größer wirken, auch wenn sie in den letzten Wochen eigentlich schlanker geworden ist. Die Ärmel ihres T-Shirts sind viel zu weit und hängen lose über ihre Schultern. Ich hätte sie auch gerne, diese schmalen Arme. Mein Körper hat sich in alle Richtungen ausgedehnt von der Pizza und den vielen Schokokeksen, die ich beim Lernen futtere. Jeden Tag verschlinge ich etwas mehr, wie die kleine Raupe Nimmersatt. Debbie eigentlich auch, aber sie scheint einen besseren Stoffwechsel zu haben als ich.

„Was ist?“, frage ich und stopfe mir noch einen Keks in den Mund.

„Leg das Zeug weg.“

„Mein Essen?“„Den Lernkram. Leg das weg und mach dich fertig. Sonst kommen wir zu spät zu Aggie.“

„Achso, ja. Ich dachte, ich gehe nicht hin. Hab noch so viel zu tun.“

Aggie hat uns zu einer stinknormalen Hausparty eingeladen, wie sie fast jedes Wochenende stattfindet und ich kann es mir nicht leisten, so oft zu feiern. Ich hinke mit dem Lernstoff schon jetzt hinterher.

„Nichts da. Du unternimmst auch so schon kaum etwas, seit du diese Prüfung wiederholen musstest. Es wird Zeit, dass du mal wieder aus dem Haus kommst.“

Früher war ich immer diejenige, die Debbie zu Partys überreden musste, aber seit sie sich mit meinen Kommilitonen angefreundet hat, geht sie häufiger aus.

„Ich weiß nicht, ich krieg diese verdammten Bilder einfach nicht in meinen Kopf.“ Radiologie war schon immer mein schlechtestes Fach. Egal ob Röntgen, MRT oder CT, für mich sehen die Bilder alle gleich aus.

„Und ich hab Statistik aufgegeben. Ich weiß nicht mal, wozu ich das als Psychologin überhaupt brauchen werde.“

Aggie scheint sie mit ihrer Einstellung zum Lernen angesteckt zu haben, aber ich weiß, dass Debbie nicht so sorglos ist, wie sie tut, und auch nicht so extrovertiert. Ich frage mich, ob sie meinetwegen so viel offener geworden ist und ständig über ihren eigenen Schatten springt. Damit ich nicht in meinem Zimmer eingehe. Ich bin unglaublich egozentrisch, aber der Gedanke gefällt mir irgendwie.

„Und außerdem will ich nicht allein gehen. Nun komm schon, komm doch einmal mit.“

Das sieht ihr schon eher ähnlich und ich kann sie gut verstehen. So gut kennt sie meinen Freundeskreis nun auch nicht. Seufzend schiebe ich meinen Lernordner beiseite.

„Na gut, dieses eine Mal.“

~~~


„Sag mal, deine Mitbewohnerin …“

„Debbie? Was ist mit ihr?“

„Macht die irgendeinen Sport?“

Verwirrt blicke ich den jungen Mann an, der sich neben mir niedergelassen hat. Henrik heißt er und ist zwei Semester über mir. Seit einiger Zeit ist er eng mit Aggie befreundet, weshalb diese ständig darüber ausgefragt wird, ob da noch mehr läuft.

„Weiß nicht … wieso fragst du?“

„Sie ist so fit geworden … sieht echt heiß aus.“

„Wage es ja nicht!“, erwidere ich und boxe ihm in die Seite. Zu meiner Überraschung muss ich feststellen, dass ich gar nicht so genau weiß, warum ich verärgert bin. Weil er sich auf so eine schmierige Art an eine gute Freundin von mir heranmachen will? Vielleicht sogar meine beste Freundin. Oder bin ich so egoistisch, dass ich Debbie um ihren Körper beneide, oder gar eifersüchtig, weil ein Mann, von dem ich nichts will, mich nicht attraktiv findet? Ich verdränge diesen Gedanken schnell mit einem weiteren Schluck von Aggies Erdbeermische.

„Entspann dich“, lacht Henrik. „Mensch, du bist ja wirklich overprotective.“

Vielleicht hat er Recht. So wie Debbie dasteht und mit beiden Händen ihren übergroßen Plastikbecher umklammert, sieht sie tatsächlich ein Bisschen schutzbedürftig aus. Natürlich weiß ich, dass das Unsinn ist; sie ist ebenso wie ich erwachsen und kommt gut allein zurecht. Dennoch stehe ich auf und gehe zu ihr und der kleinen Gruppe, mit der sie sich gerade unterhält. Angenehmere Gesellschaft als Henrik sind sie allemal.

~~~


„Sam, da bis‘ du ja.“

Debbie spricht etwas langsamer als sonst, wahrscheinlich durch den Alkohol. Oder es kommt mir so vor, weil ich selbst betrunken bin.

„Ich war die ganze Zeit hier.“

„Hab dich gar nich‘ gesehen“, erwidert sie und lässt sich neben mich auf die Couch fallen. Sie wirkt müde, aber es ist mittlerweile nun auch schon nach drei.

„Dann bist du eben unaufmerksam.“

Kurz darauf liegt ihr Kopf auf meiner Schulter und der Geruch von billigem Wein steigt mir in die Nase.

„Du, ich dachte mir, wir können bald heimgehen? Hab schon wieder Kopfschmerzen … zu viel Vino.“

Ich muss lachen, nicke jedoch und erhebe mich. Für einen Moment wirkt Debbie verwirrt, ehe sie ebenfalls aufsteht und sich an mir abstützt. Heute bin ich dran, mich um sie zu kümmern.

~~~


„Du hast zu viel Stress.“

„Du auch.“

Damit hat Debbie Unrecht. Es hat mir gut getan, mal wieder aus dem Haus zu kommen und seit Aggies Party fühle ich mich ruhiger und gehe das Semester wieder entspannter an. Meine Mitbewohnerin hingegen stresst sich mit Statistik. Sie hat einen späteren Prüfungstermin gewählt, der nun immer näher rückt und sie einspannt, während ich es wieder genieße, am Anfang des Semesters mehr ausgehen zu können.

Ich habe versucht, ihr beim Lernen zu helfen, mit ihr Karteikarten geschrieben und sie abgefragt, doch sie hat sich kaum etwas merken können. Irgendwann hat sie es dann aufgegeben und sich bäuchlings auf die Couch fallen lassen.

„Ich schaff das nicht. Ich bin einfach zu blöd.“

„Du brauchst einfach eine Pause. Ist doch klar, dass nichts mehr in deinen Kopf geht, wenn du dir so einen Druck machst.“

Ich lege ihr eine Hand auf die Schulter, woraufhin sie sich umdreht und mich aus glasigen Augen anschaut. Kurz erschrecke ich, als ich ihr Gesicht aus der Nähe sehe. Vermutlich liegt es am Winter und daran, dass sie sowieso schon blass ist, aber ihr Anblick ähnelt einem Gespenst. Der Prüfungsstress muss sie noch mehr mitnehmen, als ich dachte. Sie sieht richtig zerbrechlich aus.

„Ich mache doch schon ständig Pausen. Und mein Kopf dröhnt … heute pack ich gar nichts mehr.“

„Trink erstmal was und ruh dich aus, und dann sehen wir weiter.“ Ich stelle den Kaffee beiseite und reiche ihr stattdessen eine Flasche Wasser, aus der sie nur einen kleinen Schluck nimmt. „Vielleicht wirst du ja krank.“

„Mhm, vielleicht.“


Dezember


Debbie ist inzwischen ein fester Bestandteil meines Freundeskreises geworden. Unsere Mietwohnung ist nur noch selten leer. Ständig haben wir Besuch von Aggie, Henrik oder anderen Freunden. Ich mag Henrik immer noch nicht sonderlich gern, auch wenn Aggie mir immer wieder versichert, dass er kein übler Kerl ist und sich nur einen Spaß erlaubt hat. Er ist mir dennoch suspekt.

Als ich von der Uni nach Hause komme, sitzt er mal wieder mit einem Bier in der Hand auf unserer Couch. Den einen Arm hat er lässig auf der Lehne abgelegt, verdächtig nah an Debbies Schultern. Das reinste Filmklischee.

„Also ich bin jetzt einfach mal ganz direkt“, sagt er. Er sieht nicht, dass ich im Türrahmen stehe und ihn beobachte, und ich bleibe still.

„Du hast’s bestimmt schon längst gemerkt, so als Psycho-Expertin und so. Aber ich mag dich. Ich würd mich gern mal mit dir treffen, auf ‘nen Kaffee oder so?“

Debbie sitzt wie versteinert da. Sie antwortet nicht sofort, sondern scheint ein paar Sekunden zu brauchen, um das Gesagte zu verdauen.

„Mir geht’s nicht so gut“, erwidert sie dann. „Ich geh mich mal hinlegen.“ Und mit diesen Worten steht sie auf, verschwindet in ihr Zimmer und lässt den verdutzten Henrik allein zurück. Dieser sieht mich nun endlich und seine Miene verfinstert sich.

„Musstest du gerade jetzt reinplatzen? Wie lang stehst du da überhaupt schon? Ich wette, sie hat mich wegen dir abblitzen lassen.“

„Ich wohne hier, schon vergessen? Ich kann hier ein- und ausgehen wie ich will“, erwidere ich kühl. „Und sie hat mich nicht einmal gesehen.“

„Du warst genau in ihrem Blickfeld. Ich wette, sie will nur nicht mit mir ausgehen, weil sie weiß, dass du mich nicht leiden kannst und ihr dann das Leben schwer machst.“

„Vielleicht will sie auch nur nicht mit dir ausgehen, weil du ein schmieriges Arschloch bist und sie dich nicht mag.“

Insgeheim weiß ich, dass wir uns beide irren. Debbie würde sich nie von mir vorschreiben lassen, mit wem sie sich treffen kann, und ich würde das auch nie versuchen – hoffe ich zumindest – aber sie hat keinen Grund, Henrik zu verabscheuen. Sie hat immerhin nichts von seinem Verhalten bei der Party mitbekommen und er hat sich ihr gegenüber nie schlecht verhalten. Viel wahrscheinlicher ist, dass sie nicht gelogen hat und sich wirklich nicht gut fühlt. Aber der Korb, den sie Henrik gegeben hat, bereitet mir so viel Genugtuung, dass ich diese eigentlich offensichtliche Tatsache in den hintersten Winkel meines Bewusstseins verbanne. Sie hat so gleichgültig und abweisend gewirkt, dass ich mir das selbstgefällige Lächeln nur schwer verkneifen kann.

Ich bin egoistisch und garstig, das ist mir selbst bewusst.

~~~


„Du, Sam?“

Aggie hat die Stimme gesenkt, obwohl uns hier niemand zuhört. Der Weihnachtsmarkt, über den sie, Debbie und ich schlendern, ist zwar ziemlich voll, jedoch sind die anderen Besucher in ihre eigenen Gespräche vertieft und können sich bei der lauten Weihnachtsmusik wahrscheinlich auch auf die nur schwer konzentrieren.

„Hm? Was ist?“, frage ich und schiele in die Richtung, in die Aggie verstohlen zeigt. Dort steht Debbie, etwas weiter entfernt, weil sie sich unbedingt einen Schmuckstand anschauen wollte. Mir ist alles, was dort ausgestellt ist, viel zu auffällig, aber Debbie hat einige Stücke im Zwanzigerjahre-Stil entdeckt und musste diese natürlich näher begutachten.

„Geht’s ihr … geht’s ihr gut? Kommt sie klar?“, raunt Aggie mir zu.

„Wie meinst du das?“

„Ich meine, isst sie genug?“

Ich kann verstehen, warum sie sich sorgt. In den letzten Wochen ist Debbie noch schmaler geworden. Die einst eng sitzende Jeans, die sie trägt, schlackert um ihre Beine und in ihren Wintermantel hätte sie dreimal gepasst.

„Ich denke schon. Sie hat auch nie davon geredet, abnehmen zu wollen, denk ich.“ Ich kann sehen, dass Aggie mir nicht glaubt. „Ich glaub, das Semester macht ihr einfach zu schaffen.“

Seit Debbie in Statistik durchgefallen ist, wirkt sie zunehmend erschöpfter. An manchen Tagen bekomme ich sie kaum zu Gesicht, weil sie stundenlang in ihrem Zimmer liegt. Vor einer Woche wurde ihr eine Migräne diagnostiziert und das Ibuprofen, das sie seitdem in höherer Dosis nimmt, hilft nur bedingt gegen die Attacken und die oft damit einhergehende Übelkeit.

„Hm. Na gut“, gibt Aggie sich mit der Erklärung zufrieden, oder lässt das Thema zumindest vorerst fallen, da Debbie nun zu uns zurückkommt. Aggies besorgter Blick weicht einem Lächeln und sie hält meiner Mitbewohnerin eine Tüte mit gebrannten Mandeln hin. Debbies dünne Finger greifen nach einer einzigen Nuss, die sie sich in den Mund schiebt, und rühren die Tüte für den Rest des Tages kein einziges Mal an.


Januar


„Ich will deinen Nachnamen.“

„Du willst was?“

„Ich will deinen Nachnamen.“

Wir sitzen in mehrere Decken gehüllt auf dem Dach und starren den Himmel an. Inzwischen sind nur noch vereinzelt Feuerwerke zu sehen und der Horizont färbt sich bereits rot. Der Geruch von Rauch und ausgebrannten Böllern, den ich als Kind geliebt habe, wird vom Geruch des hässlichsten Joints der Weltgeschichte überdeckt. Debbie kann vieles, aber Joints bauen gehört nicht dazu. Ich habe bei jedem Zug Angst, dass er auseinanderfallen könnte.

„Warum willst du meinen Nachnamen?“, fragt Debbie und nimmt mir träge den Joint ab. Ich muss mir die Worte erst zurechtlegen, bevor ich ihr antworte. Meine Gedanken sind zäh und ich muss aufpassen, dass sie sich nicht verflüchtigen, sobald ich versuche, mich auf sie zu konzentrieren. Ich weiß nicht, ob ich high, noch betrunken, oder einfach nur übermüdet bin, aber es ist ein angenehmer, entspannter Zustand.

„Weiß nich‘ … er passt einfach besser zu meinem Vornamen. Samantha Carter … klingt doch viel besser als Samantha Jensen.“ Andererseits passt es auch, dass ich einen englischen Vornamen habe und sie einen englischen Nachnamen. So haben wir etwas gemeinsam.

„Wenn du meinst.“

Ich strecke die Hand wieder nach dem Joint aus, lasse ihn jedoch auf den feuchten Boden fallen. Statt mich zu ärgern oder zu entschuldigen, verfalle ich in dümmliches Kichern, in das Debbie einstimmt.

„Ich hab Hunger“, meint sie dann. „Lass uns reingehen. Vielleicht ist ja noch Pizza da.“ Für einen kurzen Moment denke ich, ihre Beine könnten einfach zerbrechen wie Streichhölzer, als sie aufsteht, doch natürlich passiert nichts dergleichen und im nächsten Moment ist der Gedanke auch schon wieder verflogen.

Aggies Wohnung ist von einem süßlich-karamelligen Geruch erfüllt, den ich nicht ganz einordnen kann, aber ich bin auch nicht wirklich in der Lage dazu, klare Gedanken zu fassen. Auf dem Weg in die Küche sehe ich Aggie in einer Ecke liegen. Am Rande registriere ich meine Erleichterung darüber, dass sie auf der Seite liegt, denke im nächsten Moment jedoch nicht weiter darüber nach und stolpere stattdessen Debbie hinterher. Sie hat tatsächlich einen Pizzakarton entdeckt, in dem noch einige Stücke liegen.

Und Aggie dachte, sie hätte eine Essstörung, denke ich beruhigt, während ich ihr dabei zusehe, wie die Pizza in ihrem knochigen Körper verschwindet. Mit Käserand und extra Käse, und sie wirkt dabei sichtlich zufrieden. Ihr kann nichts fehlen.

~~~


„Hey, Sam.“

Ich bleibe widerwillig stehen, sage jedoch nichts. Mich mit Henrik zu unterhalten ist schon an guten Tagen das letzte, was ich will, und heute habe ich es besonders eilig, nach Hause zu kommen.

„Hast du Zeit?“, fragt Henrik etwas unbeholfen, fast schon unsicher. Plötzlich tut es mir leid, dass ich so lange einen Groll gegen ihn gehegt und ihn angegiftet habe. Er hat mir nie etwas getan.

„Eigentlich nicht. Was gibt’s denn?“

„Du bist doch mit Aggie befreundet. Glaubst du … glaubst du, du könntest sie mal besuchen? Bisschen mit ihr reden?“

„So? Was hat sie denn? Ist sie krank?“

„Nein … ich weiß nicht. Bitte schau doch mal nach ihr, ich hab mich grad mit ihr gestritten und ich glaub, sie will mich nicht sehen.“

Seit die Uni uns wieder in ihren Fängen hat, habe ich Aggie kaum noch zu Gesicht bekommen. Sie ist auch früher schon nur selten zu den Vorlesungen gekommen, aber jetzt sehe ich sie auch in den Seminaren kaum noch und wenn doch, dann redet sie nicht viel. Ich mache mir Sorgen, doch in Gedanken bin ich noch immer bei der Nachricht, die Debbie mir geschickt hat. Sie hat schon wieder einen Migräneanfall, trotz der Betablocker, die sie zur Prophylaxe verschrieben bekommen hat.

„Ich kann heute nicht, tut mir leid.“ Tut es wirklich, vor allem als ich Henriks Gesichtsausdruck sehe. „Aber ich schau die Tage mal, ob ich Zeit finde.“


Februar


Die Vorhänge sind zugezogen, als ich nach Hause komme, und aus dem Bad kann ich Würgen und Husten vernehmen. Debbie kauert dort vor der Toilette, während der klägliche Inhalt ihres Magens ihren Körper verlässt. Ich knie mich neben sie und halte mit der einen Hand ihre Haare, während ich mit der anderen ihre Stirn stütze. Bei ihren Migräneanfällen ist sie sehr berührungsempfindlich, aber das hilft ihr gegen den Schwindel, der sie in letzter Zeit oft überkommt. Nach einigen Versuchen habe ich gelernt, wie ich ihr am besten beistehen kann, und fühle mich dennoch hilflos.

„Magst du nicht doch noch einmal zum Arzt gehen? Vielleicht verträgst du die Medikamente nicht gut oder sie sind zu niedrig dosiert.“

Zur Antwort erbricht Debbie Galle und ich lasse das Thema fallen. Jetzt wird sie garantiert kein vernünftiges Gespräch führen können. Als das Würgen endlich nachlässt, ziehe ich sie vorsichtig hoch und bringe sie in ihr Zimmer. Ich stelle ihr frisches Wasser auf den Nachttisch und einen Eimer neben das Bett, falls sie sich noch einmal übergeben muss.

Zu meiner Überraschung greift Debbie nach meinem Arm, als ich wieder gehen will. Normalerweise kann sie keine Gesellschaft ab, wenn es ihr so schlecht geht, aber heute scheint sie nicht allein sein zu wollen und irgendwie ist das ein gutes Gefühl. Ich mag es, gebraucht zu werden, selbst wenn ich nicht mehr tun kann, als schweigend neben ihrem Bett zu sitzen. Ich rede mir ein, dass es ihr davon etwas besser geht, ich den Anfall vielleicht etwas abmildern kann, indem ich einfach da bin. Es ist ein hässlicher, egozentrischer Gedanke, aber ich komme nicht davon los, während ich die nächsten Stunden schweigend und nahezu regungslos im finsteren Zimmer verbringe.

~~~


„Und? Wie ist’s so im MRT?“

Henrik hängt mittlerweile fast täglich bei uns herum. Außer wenn Debbie gerade schlecht ist. Dann wimmle ich ihn mit irgendeiner Ausrede ab. Inzwischen bin ich über meinen Groll hinweg und habe mich sogar bei ihm entschuldigt. Ich weiß noch immer nicht, warum er mir anfangs so zuwider war, immerhin war er sowohl zu Debbie als auch zu mir immer freundlich. Auch jetzt ist mir seine Anwesenheit manchmal noch unangenehm, doch das liegt eher an den Blicken, die er mir zuwirft. Als würde er etwas von mir erwarten.

„Eng. Vor allem sehr eng“, erwidert Debbie. Nach außen hin geht es ihr besser. Sie isst wieder mehr, seit sie gegen die Übelkeit MCP verschrieben bekommen hat, und die stärkeren Schmerzmittel mildern ihre Migräneanfälle etwas ab, sodass sie nicht den ganzen Tag über ans Bett gefesselt ist. Immerhin kündigen sich die Schmerzen vorher schon durch Kribbeln, Taubheit und Flimmern vor ihren Augen an; eine typische, wenn auch etwas starke Aura, bei der sie schon weiß, dass sie ihre Tabletten nehmen muss.

Nach außen hin geht es ihr gut.

„Und wann kriegst du deine Ergebnisse?“, fragt Henrik.

„Nächste Woche irgendwann. Muss ja alles noch verarbeitet werden und dann muss noch ein Radiologe draufschauen.“

„Igitt, fang mir nicht von Radiologie an. Das raubt mir noch den letzten Nerv.“ Ich verziehe das Gesicht.

„Du musst es ja nicht auswerten. Ist angeblich eh schwer zu sehen, ob man wirklich so eine Kiara-Irgendwas-“

„Chiari-Malformation“, berichtigt Henrik. „Das ist, wenn ein Teil vom Kleinhirn in den Wirbelkanal reinragt. Könnte schon das Kribbeln und die Übelkeit erklären.“

Ich schaue ihn verdutzt an. Woher weiß er von Debbies Symptomen?

„Genau, dieses Chiari-Ding. Und wegen Hirndruck wollen sie auch schauen. Liegt ja irgendwie auch in der Familie.“

~~~


„Du, Sam?“

„Debbie schläft grad.“

„Ja, das ist mir bewusst, mir geht’s auch nicht um Debbie. Sag mal, kannst du dich daran erinnern, worüber wir mal geredet haben?“

„So? Worüber denn?“

„Wegen Aggie? Warst du in der Zwischenzeit mal bei ihr?“

„Oh. Nein, noch nicht, bin so eingespannt mit Radiologie. Ich schau mal ob ich Zeit finde, muss jetzt erstmal zur Apotheke.“

„Hm, okay. Dann bis bald.“

„Bis bald.“


März


„Prüfungsfrage. Was ist das?“

Debbie hält mir ein A4-Blatt unter die Nase, auf dem ein Gehirn abgebildet ist. Es ist vom typischen Streifenmuster überzogen, das unser Billigdrucker immer produziert, aber der Fleck auf der linken Seite, die eigentlich die rechte Hirnhälfte darstellt, ist trotzdem unübersehbar. Eine schwarze Masse mit einem weißen Randsaum, die alles ein wenig zur Seite zu drücken scheint.

Ich habe das Gefühl zu implodieren.

So sehr ich es auch versuche, ich schaffe es nicht, zu atmen. Vielleicht fühlt sich so ein anaphylaktischer Schock an. Oder ein Pneumothorax. Meine Kehle ist völlig zugeschnürt und meine Lungen, diese elenden Verräter, weigern sich, auch nur das kleinste Bisschen Luft aufzunehmen. Wenn ich das Bild zu lange anstarre, werden sie immer weiter schrumpfen und als verkümmerte kleine Klumpen in meinem Brustkorb liegen und dann werde ich mich zusammenziehen, bis auch das letzte Bisschen Luft aus mir entwichen ist und nur eine zerknitterte Hülle von mir übrig ist.

„Das ist ein Glioblastom“, bringe ich krächzend heraus.

„Fast“, sagt Debbie. „Das ist mein Glioblastom.“


April


Das Glioblastoma multiforme ist nach Metastasen der häufigste maligne Tumor des Gehirns. Es ähnelt den Gliazellen, die neben Neuronen dort zu finden sind, wächst diffus-infiltrierend und geht mit einer sehr schlechten Prognose einher, weshalb es in der WHO-Klassifikation als Grad IV eingestuft wird.

Laut der WHO ist Debbie am Arsch.

~~~


„Ich nenne ihn Nimmersatt.“

„Was?“

„Meinen Tumor. Ich nenne ihn Nimmersatt. Wie die kleine Raupe.“

Ich verkneife mir einen Kommentar dazu, dass Debbies Tumor alles andere als klein ist. Trotz OP und anschließender Chemo ist er in den letzten Wochen stetig gewachsen und hat immer mehr von ihrem Hirngewebe verdrängt. Und während das Glioblastom größer wird, scheint Debbie immer mehr zu schrumpfen. Sie ist noch dünner geworden, seit sie dank Chemo kaum noch etwas bei sich behalten kann, und es scheint immer mehr blasse Kopfhaut durch, nicht nur im Bereich der OP-Narbe. Nimmersatt frisst sie von innen heraus auf. Der Name passt erschreckend gut.

„Weißt du was mir echt leidtut?“, fragt Debbie mich, während sie sich ein paar Haare herausreißt. Ich denke, dass das furchtbar wehtun muss, aber Debbie ist schon längst schlimmere Schmerzen gewöhnt.

„Ich wollte mir immer schon so ‘nen Bubikopf schneiden lassen. Wie die Frauen in den Zwanzigern. Jetzt hab ich nicht mehr genug Haare dafür.“

„Wirklich? Darüber machst du dir Gedanken?“

„Ja, schon. Weißt du wie schön die aussehen?“

„Du immer mit deinen Zwanzigern.“

Jedoch muss ich ihr im Stillen zustimmen. Ein Kurzhaarschnitt hätte ihrem Gesicht geschmeichelt und sie hätte sich damit bestimmt wohlgefühlt.

„Na, jetzt hast du eben ultrakurze Haare. Die lässt du nach der Chemo dann einfach nicht so lang wachsen wie vorher.“

„Hmm. Ja, so mach ich das wohl.“

~~~


Dr. Marek ist ein fantastischer Arzt. Seine Visite dauert immer etwas länger, weil er sich für jeden Patienten so viel Zeit nimmt, wie dieser braucht, und meist fühlt man sich schon nach einem Gespräch mit ihm etwas besser. Der melodische Klang seiner Stimme hat etwas Beruhigendes und ich kann mir gut vorstellen, dass er in seiner Freizeit Musik aufnimmt. Überhaupt bringt er einen gewissen Rhythmus in alles herein, was er tut, sogar das Trommeln seiner Finger auf dem Tisch – der einzigen Geste, die verrät, dass er nicht ganz so entspannt ist, wie er sich gibt.

Dr. Marek ist ein fantastischer Arzt. Wenn ich mit dem Studium fertig bin, wäre ich gern so wie er. Das ändert nur leider nichts an den Neuigkeiten, die er für uns hat.

~~~


„Ich hasse dieses Scheiß-Aprilwetter.“

Ich sitze rechts neben Debbie, den Blick aus dem Fenster gerichtet. Was auf ihrer linken Seite passiert, bekommt sie oftmals nicht mit.

„Wieso? Es ist doch wirklich schön draußen.“

„Ja, eben. Diese Scheißsonne, kann die nicht endlich aufhören zu scheinen?“

Debbie lacht leise auf und legt mir ihren Glatzkopf auf die Schulter.

„Es kann doch nicht überall Weltuntergangstimmung herrschen, nur weil ein Mensch sterben wird.“

Doch, kann es, denke ich. Von mir aus kann es stürmen und regnen bis die gesamte verschissene Welt darin untergeht und die verschissene Sonne kann sich immer weiter ausdehnen, bis sie die verschissene Erde in ihren verschissenen Flammen verschlungen hat.

Ich will gar keine Welt, in der es Glioblastome gibt.

Ich will keine Welt, in der Debbie sterben muss und die Sonne scheint, als wäre nichts.

„Also ich mag die Sonne“, fügt Debbie hinzu. „Dann ist mir nicht so kalt.“

Mein Ärger verfliegt und ich habe das Bedürfnis, mich bei der Sonne zu entschuldigen. Sie wollte doch nur helfen.


Mai


Ich muss den Spiegel austauschen, bevor Debbie aus dem Krankenhaus wiederkommt.

Ich habe ihn zu lange angestarrt, bis ich erst die Welt und dann mein Spiegelbild gehasst habe, und dann habe ich ihn zerschlagen. Die Scherben habe ich nicht angerührt und obwohl ich nicht abergläubisch bin, machen mich die sieben Stunden nervös. Die Angst vor einem Anruf aus dem Krankenhaus lässt mich jedes Mal zusammenzucken, wenn mein Handy vibriert.

Auch während ich mir zur Ablenkung bei IKEA Spiegel anschaue, kann ich den Gedanken nicht ganz vertreiben. Die Angst hat sich fest in mir verankert und wird mich vermutlich bis in den Tod begleiten. Oder in Debbies Tod.

„Hey, Sam.“

Plötzlich ist da Henrik. Ich habe ihn nicht mehr gesehen, seit Debbie im Krankenhaus ist, aber jetzt steht kaum zwei Meter von mir entfernt an einen besonders teuren Spiegel gelehnt. Wenn der kaputtgeht hat er auch Pech, schießt es mir durch den Kopf, und wenn ich ganz großes Pech habe, dann besteht sein Pech auch aus einem Anruf aus dem Krankenhaus.

„Bist du mir etwa gefolgt?“, frage ich. Er soll von dem Spiegel weggehen. Er könnte ihn nicht mal bezahlen.

„Nein, ich hab dich hier nur zufällig gesehen und dachte, du brauchst vielleicht Hilfe beim Tragen. Bin hier weil Aggie mich um ein paar Kerzen für ihr Zimmer gebeten hat. Nur Kleinkram, da kann ich mit anpacken.“

Ich zucke innerlich zusammen, als er Aggies Namen erwähnt. Ich bin seit Wochen kaum noch in der Uni, habe sämtliche Prüfungen auf das nächste Semester verschoben und sehe meine Unifreunde nicht mehr. An Aggie habe ich gar nicht mehr gedacht und auch völlig vergessen, dass ich nach ihr sehen sollte.

„Wie … wie geht’s ihr eigentlich so?“, frage ich.

„Naja, so gut es eben geht.“ Sein anklagender Blick schnürt mir die Kehle zu. „Sie ist seit gestern in einer Entzugsklinik, weißt du. Ist irgendwie an die falschen Leute und den falschen Stoff geraten.“

Ich glaube, der Raum ist gerade um mehrere Grad abgekühlt. Ich will etwas sagen, mich entschuldigen, aber ich bringe kein Wort heraus. Es gibt nichts, was ich sagen kann, denn nichts würde etwas an der Tatsache ändern, dass Aggie in einer Klinik ist, während ich Möbel shoppen gehe. Nichts würde etwas an der Tatsache ändern, dass ich sie kein einziges Mal besucht habe.

„Egal jetzt. Lass uns einen Spiegel aussuchen. Debbie mag die Zwanziger, oder?“

~~~


Für einen Moment glaube ich, Debbie muss sich wieder übergeben, als ich nach Hause komme. Doch das Geräusch, das ich aus dem Bad vernehme, ist kein Würgen. Es ist Schluchzen.

Sie steht in einen viel zu großen Pullover gehüllt vor dem Spiegel und starrt ihn weinend an.

„Der ist so hübsch“, murmelt sie, als ich sie in eine Umarmung ziehe. „Er ist so hübsch und ich bin so …“

Sie bricht ab und ich sage nichts. Meine Finger streichen über ihre pergamentartige Kopfhaut. Alles an ihr ist dünn und fragil geworden und habe bei jeder Berührung Angst, ihren Körper noch mehr kaputtzumachen, wenn ich nicht aufpasse. Als könnte jede noch so vorsichtige Berührung eine Delle hinterlassen oder ihr die Knochen brechen.

„Scheiße. Ich will nicht sterben.“

Während sie von erneuten Schluchzern geschüttelt wird, bringe ich sie in ihr Zimmer, hülle sie in eine Decke und ziehe sie in meine Arme. Den Kloß in meinem Hals ignoriere ich einfach; bisher hat Debbie immer mich getröstet und abgelenkt und nun ist es an der Zeit, dass ich endlich für sie da bin. Auch wenn ich das Gefühl habe, dass etwas in mir immer mehr zerbricht, je realer ihr nahender Tod für mich wird.

Ich hasse mich dafür, aber ein kleiner Teil von mir genießt es, dass sie sich bei mir ausweint. Dass sie mir ihre Angst und Verzweiflung anvertraut und nicht Henrik. Sie ist meine beste Freundin.

~~~


Drei Tage war Debbie zu Hause. Dann habe ich sie am Abend krampfend auf dem Badezimmerboden aufgefunden. Wie eine Besessene wand sie sich auf den Fliesen, den fragilen Kopf viel zu nah an der Waschmaschine an der sie sich hätte stoßen können. Danach musste sie wieder stationär aufgenommen werden. Viel zu früh, viel zu unerwartet, obwohl wir beide wussten, dass sie irgendwann wieder ins Krankenhaus gehen müsste, spätestens für die nächste Ladung Gift.

Palliativchemo.

Weil es ihr ohne Chemo noch beschissener gehen würde als mit den ganzen Nebenwirkungen. Ich will gar nicht wissen, wie schlimm es dann wäre. Oder ob sie dann überhaupt noch leben würde.

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„Wow. Deine Haare.“

Gestern habe ich mir meine langen Wellen zu einem kurzen Bob schneiden lassen. Durch das geringere Gewicht sind sie locker geworden und kräuseln sie sich nun um meine Ohren. Die Friseurin hat gesagt, dass sie mein Gesicht schön umrahmen und schmaler wirken lassen, doch das macht die Pfunde, die ich in letzter Zeit zugelegt habe, nicht unsichtbar. Immer wenn ich allein zu Hause bin, betäube ich mich mit dem Essen, das Debbie nicht mehr genießen kann. Ich bin nimmersatt, wie ihr Tumor.

„Steht dir richtig gut.“

Debbies glückliches Lächeln vertreibt jegliche Nervosität, die ich vor dem Besuch verspürt habe. Ich hatte Angst, dass sie die Geste falsch versteht. Ich habe mit dem Gedanken gespielt, mir die Haare aus Solidarität abrasieren zu lassen, doch Debbie liebt die Zwanzigerjahre und hat sich geweigert, eine Perücke zu tragen. Ich wollte etwas, was sie mag. Es lag nicht in meiner Absicht, ihr nicht unter die Nase reiben, was sie nicht haben kann und ich bin froh, dass sie es auch nicht so aufgefasst hat.

„Danke“, erwidere ich lächelnd und für einen kurzen Moment ist alles in Ordnung. Debbie ist glücklich und die Sonne scheint durch das Fenster und macht ausnahmsweise mal alles besser.


Juni


Wenn ich Aggie ansehe, zieht sich mein Magen zu einem Klumpen zusammen, der immer schwerer wird, je länger ich den Blick auf sie gerichtet habe. Wenn ich nicht aufpasse, reißt er vielleicht ab. Vielleicht verschwinden die Süßigkeiten, die ich in mich hineinstopfe, dann ja im Nichts und ich werde nicht noch breiter.

Kurz bevor sie entlassen wird habe ich mich endlich dazu durchgerungen, sie zu besuchen. Aggie sieht aus wie Debbie vor ein paar Monaten. Während ich mich verdoppelt habe, ist auch sie schmal und blass geworden und ich muss immer wieder zu den Narben an ihren Armen schauen, um mich zu vergewissern, dass für ihren Anblick die Drogen und der Entzug verantwortlich sind und nicht etwa ein nimmersatter Tumor.

Ich frage mich, ob ich es überhaupt gemerkt hätte, wenn sie in den letzten Monaten an einer Überdosis gestorben wäre. Wie viele Menschen aus meinem Umfeld dem Tod nähergekommen sind ohne dass es mir aufgefallen ist. Vielleicht habe ich ja ihre Lebenszeit gefressen.

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Der Hörsaal wird von Charlestonette von Paul Whiteman and His Orchestra erfüllt. Blechern und ohrenbetäubend laut dringt das Stück aus meinem Smartphone und hallt an den Wänden des Hörsaals wieder. Der Dozent und einige Studenten wippen im Takt mit und ich spüre erwartungsvolle Blicke im Nacken. Ich sollte ans Handy gehen oder es abschalten, doch ich kann mich nicht von der Stelle rühren. Meine Adern sind vereist und meine Hände sind auf meinem Schoß festgefroren. Bis auf ein leichtes Kribbeln und das Rasen meines Herzens spüre ich meinen Körper nicht mehr und weiß auch nicht, ob ich das will. Von mir aus kann er in tausend kleine Teile zerspringen wie mein Herz, wenn ich mir dieses Stück zu lange anhören muss.

Charlestonette ist der Anruferklingelton, den ich für Dr. Marek eingestellt habe.

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Fentanyl ist ein Wirkstoff aus der Gruppe der Opioide, welche im zentralen Nervensystem an den Opiatrezeptoren binden und eine schmerzstillende, euphorisierende und atemdepressive Wirkung haben. Es ist unglaublich stark – etwa hundertmal so stark wie der Bezugsstoff Morphin – sodass schon kleine Mengen ausreichen, um die schlimmsten Schmerzen zu betäuben. In Krankenhäusern wird es meist in Form von Pflastern verabreicht, aus es denen nur winzige Mengen des Wirkstoffs es durch die Haut schaffen. Gerade genug, damit man die Schmerzen einer OP oder eines Tumors nicht mehr spürt.

Ganz anders sieht es aus, wenn man so ein Pflaster lutscht oder gar isst. Vor allem, wenn man noch keine allzu hohe Dosis gewöhnt ist. Natürlich würde kaum jemand auf diese Idee kommen und in den meisten Krankenhäusern sind die Pflegekräfte so überarbeitet, dass sie nicht immer auf ein unscheinbares Pflaster achten können. Es kann schon mal vorkommen, dass die volle Dosis Fentanyl irgendwo liegenbleibt oder aufgehoben wird.

Die Sonne scheint durch mein Fenster und ich wünschte, sie würde die Erde verschlingen. Ich will keine Welt, in der es Glioblastome und Fentanylpflaster gibt.

Ich will keine Welt, in der Debbie tot ist. Auch wenn ich weiß, dass sie einfach nur als Mensch sterben wollte und nicht als Krebsleiche.

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Mit Debbie und ihrem Tumor ist auch mein Hunger gestorben. Die letzten Tage habe ich kaum etwas gegessen und bei der Beerdigung wird mir vom langen Stehen immer wieder schwarz vor Augen. Die Musik und die Reden ihrer Verwandten dringen nur gedämpft an meine Ohren und obwohl ich die Worte verstehen sollte, schaffe ich es nicht, den Inhalt der Reden zu erfassen. Es sind nur Laute, die ich kurz vernehme und dann gleich wieder vergesse.

Vielleicht löse ich mich gerade auf und niemand merkt, wie ich langsam an meinem Platz verschwinde.

Nur wenn ich Debbies Mutter sehe, erschrecke ich mich und werde für einen Moment in die Realität zurückgerissen. Sie sieht aus wie ein toter, gefühlloser Geist. Als wäre sie schon längst weit fort, während ihr Körper im Diesseits verweilt und seine Pflichten erfüllt.

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Aggies Auberginenauflauf ist nicht halb so schlimm wie ihre Erdbeermische. Nicht, dass es einen Unterschied machen würde. So überwältigt ich auch davon bin, dass sie mich überhaupt besucht, nach ein paar Bissen fühle ich mich unangenehm voll und aufgebläht und kann beim besten Willen nichts mehr essen. Vielleicht habe ich so viel Lebenszeit gefressen, dass ich bis in den Tod gesättigt bin.

Aggie geht es besser und ich verstehe nicht, warum sie noch etwas von mir wissen will. Warum sie mich besucht, mir sogar selbstgemachtes Essen mitbringt und mir nicht übel nimmt, dass ich es kaum anrühre. Wenn ich sie wäre, würde ich mich hassen, aber in ihrem Blick liegt nur Mitgefühl, das ich nicht verdient habe. Dieser verstehende Blick macht mich ganz verrückt und ich frage mich, ob das ihre Rache ist. Aber Aggie ist kein schlechter Mensch wie ich. Sie sieht das Schlechte in mir gar nicht und verbringt den Tag mit mir wie mit einer guten Freundin. Wenn ich weinen würde, würde sie mich auch in den Arm nehmen wie eine gute Freundin, doch ich habe nicht das Bedürfnis, zu weinen. Meine Augen sind so trocken, dass es mich wundert, dass meine Lider nicht an ihnen festkleben. Wenn ich im Bad bin, wünsche ich mir fast, sie würden es tun, damit ich mich nicht mehr im Zwanzigerjahrespiegel sehen muss.

Vielleicht wäre es dann leichter, zu verschwinden.


Juli


In Liebe

Deborah Carter

17.7.1994-23.6.2017

Das Sichtbare vergeht, doch das Unsichtbare bleibt ewig.


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Am Ende bleibt das, was wir nicht getan haben, am meisten in Erinnerung. Es gibt vieles, was ich gern anders gemacht hätte. Ich hätte früher erkennen können, dass Debbies Symptome nicht durch eine einfache Migräne erklärt werden konnte. Oder dass Aggie in eine Sucht gerutscht ist. Ich hätte auf Henrik hören können statt ihm jedes Wort übel zu nehmen. Vielleicht hätte ich den Menschen in meinem Umfeld helfen können, wenn ich weniger mit mir selbst beschäftigt gewesen wäre. Jetzt kann ich nichts mehr ungeschehen machen und muss mit meiner Schuld klarkommen. Ich lebe stumm vor mich hin, gieße regelmäßig die Vergissmeinnicht auf Debbies Grab und versuche, niemanden mehr zu verletzen.

Das Semester kam und ging und ich habe keine einzige Prüfung besucht. Ohne ärztliches Attest wird dadurch jede einzelne als Fehlversuch gewertet und das sollte mir vermutlich etwas ausmachen, aber ich habe es noch gleichgültiger hingenommen als Henriks Versuche damals, mich auf Aggies Probleme aufmerksam zu machen.

Aggie und ich lernen nun gemeinsam für die Nachholprüfungen im September. Sie ist in Debbies Zimmer gezogen, weil ich mir die Miete allein nicht leisten könnte und obwohl es sich falsch anfühlt, dass nun jemand Anderes darin wohnt, bin ich froh, dass es zumindest eine Freundin ist und niemand Fremdes. Manchmal hilft Henrik uns beim Lernen und ich verstehe nicht, warum er mich nicht hasst. Ich kann mich trotz meiner Entschuldigung vor einigen Monaten nicht daran erinnern, ihn je gut behandelt zu haben. Jedoch hat er mir alles verziehen, was ich mir selbst nicht verzeihen kann.

Meist sind Aggie und ich dennoch allein. Wir reden nicht viel, sondern lesen stumm unsere Lehrbücher und hören dabei Paul Whiteman. Die Musik habe ich ausgesucht und Aggie hat nichts dagegen gesagt. Selbst dafür hat sie Verständnis, obwohl ich weiß, dass Zwanzigerjahre-Jazz nicht ihrem Musikgeschmack entspricht.

Irgendwann merke ich, dass ich mich schon längst nicht mehr auf mein Lehrbuch konzentriere. Die MRT-Aufnahmen, die ich auswendig lernen sollte, sehe ich nur noch verschwommen und die Seiten sind schon ganz aufgeweicht von meinen Tränen. Es ist keine filmreife Szene mit Gehirnaufnahmen und Debbies Lieblingslied oder gar Charlestonette. Genaugenommen habe ich das Stück, das gerade läuft, noch nie gehört und ich glaube, ich lese gerade irgendetwas Widerliches über Darmerkrankungen. Aber ich weine und kann gar nicht mehr aufhören, auch nicht, als Aggie mich in den Arm nimmt. Es fühlt sich nicht befreiend an, doch zumindest bin ich weniger betäubt. Ich merke, dass mein Kopf schwer ist, meine Schultern verspannt und meine blauen Flecken schmerzen. Die meisten sind mir nicht mal aufgefallen, aber es überrascht mich nicht, dass sie da sind. In den letzten Wochen habe ich mich oft gestoßen, weil ich meinen Körper kaum gespürt habe.

Ich weiß nicht, wie lange ich in Aggies Armen weine. Als meine Tränen endlich versiegen, fühle ich mich ausgelaugt und schwer. Ich bin zu real. Der Kloß in meinem Hals macht es mir unmöglich, etwas zu sagen, doch Aggie scheint mich auch so zu verstehen. Trotz der Schuldgefühle tut es gut, dass sie hier ist. Als ich mich aus der Umarmung löse, nehme ich mir fest vor, jetzt endlich für sie da zu sein und die letzten Monate wiedergutzumachen. Ich weiß nicht, ob ich dieses unausgesprochene Versprechen halten kann, aber ich will es zumindest versuchen.

Debbie ist fort und ich bin noch da und es wird dauern, bis ich mich daran gewöhnt habe.

Die Julisonne erwärmt unser Wohnzimmer und ich denke an alles, was ich gern gesagt hätte. Zum ersten Mal seit langer Zeit habe ich nicht das Gefühl, dass sie irgendeine Absicht damit verfolgt. Sie lacht mir weder ins Gesicht noch versucht sie, mir zu helfen, sie ist einfach nur einer von vielen heißen Gasbällen, die im Weltraum vor sich hinbrennen.

Die Welt dreht sich nicht um uns und bleibt auch nicht stehen, wenn wir nicht mehr können. Die Erkenntnis schmeckt bitter, und ist gleichzeitig merkwürdig befreiend. Debbie ist fort und wir sind hier und es ist in Ordnung, dass ich mich verzweifelt und schuldig fühle und nicht weiß, wie viel davon gerechtfertigt ist. Es ist in Ordnung, wenn ich mich trotzdem auf mein Studium konzentriere und darauf, die Freundschaft mit Aggie aufrechtzuerhalten. Auf die Menschen, die noch da sind, und vielleicht auch ein Bisschen auf mich.

Wenn ich nicht verschwinden will, habe ich gar keine andere Wahl.
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