Die Erinnerung an Grün

KurzgeschichteSci-Fi / P12
25.01.2019
25.01.2019
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(Nebensächliche Anmerkung:
*Schmaterie: Frei von mir erfundenes Wort und erfundene Bedeutung. Futuristisch verwendet für eine Metaebene des Seins in der virtuellen Welt.)

Ich hatte ein erfülltes Leben. Mit meinen 93 Jahren habe ich so einiges gesehen. Die Ereignisse meines langen Lebens sind weitreichend: Ich erlebte eine Jahrtausendwende, viele Jahrzehnte unterschiedlicher Musikrichtungen, Stile und Jugendbewegungen, bezahlte mit unterschiedlichen Währungen, beweinte geliebte Menschen, hörte von globalen Katastrophen, überstand die eine oder andere Krankheit, lachte, hasste, zürnte, erfreute mich und beklagte dieses und jenes Leid. Die technischen sowie medizinischen Fortschritte hätte man sich in meinem Geburtsjahrzehnt nur in Science-Fiction Serien vorstellen können. Viel altes ging. Kassetten, CDs, Bücher, Kopfhörer mit Kabeln, Handys, Papier, Brillen usw. wurden von neueren Technologien ersetzt. Manches jedoch blieb die zehn Jahrzehnte, in denen ich lebte. Denn trotz der vorangeschrittenen Zivilisation, dem Zugang zu Bildung für den Großteil der Weltbevölkerung und des Weltabkommens aus dem Jahre 2052, dass alle Menschen gleichwertig unabhängig ihres Geschlechtes, der Hautfarbe, der Religion, der sexuellen Orientierung und der Schmaterie* seien, gab es weiterhin einsame Selen, die im stillen Kämmerlein mit dem Blicke gen Nachthimmel Tränen der Einsamkeit, der Enttäuschung oder der Verletztheit weinten. Eine dieser Selen war hin und wieder ich.

Eines Abends saß ich an meinem Fenster, hatte den hoffnungslosen Blick in die Ferne schweifen lassen und ließ meinen Tränen freien Lauf. Leidgeplagt saß ich wie ein Häufchen Elend zusammengesackt in meinem Schaukelstuhl und war auf der Suche nach einer Sinnhaftigkeit für das Sein. Ich stellte mir die Frage, wozu wir Menschen ein Leben voller Hürden durchleben müssten, wenn uns am Ende eh der Tod erwarte. Gleich, wie glücklich man in den wenigen Momenten des Lebens auch gewesen sein mag, wartet in der nächsten Sekunde eine Nachricht des Grauens auf einen, die einem ein weiteres Stück des mürben Herzens entreißt, sodass dieses von Mal zu Mal gebrechlicher wird. Jegliche Zuversicht, jeglicher Frohsinn, jegliche Hoffnung erstickte dank der Schwade aus in meinem Kopf herumschwirrenden Gedanken, derer ich mich an diesem Abend nicht erwehren konnte. Selbst die Kraft zum Erwehren dieser Gedanken war unauffindbar, wurde gar nicht erst gesucht. Alles schien vergebens und nichtig.

Damals wusste ich noch nicht, dass ich 93 Jahre alt werden und irgendwie doch alles überstehen würde, was noch auf mich zugekommen ist. Selbstverständlich hätte ich gerne auf manches verzichtet, aber ein Ereignis, das sich an jenem Abend ereignete, ist keines davon. Für mich ist die Erinnerung an jenes Ereignis unverzichtbar. Sie ist ein Stück Gold in der Schatzkammer meiner Erinnerungen.

Ich saß an dem geschlossenen Fenster meiner bescheidenen Behausung, das eisige Lüftchen durchließ, und weinte, bis mir selbst die Tränen treulos wurden. Ich weinte tränenlos und still, während ich für eine gefühlte Ewigkeit die Sterne des Nachthimmels beschaute, als sich unerwarteterweise ein klares grünes Licht durch die Wolkendecke bohrte. Die Art der Fortbewegung des grünen Lichtes war so akkurat, beinahe perfekt, dass man sie als Vollkommenheit hätte beschreiben wollen. Der Umstand, dass der grüne Lichtpunkt rasant größer wurde, beängstigte mich unbedeutend wenig, da mich die für ihn aufgekommene Faszination bereits vollends ergriffen hatte. Erst, als es für eine Flucht merklich zu spät gewesen wäre, regte ich mich. Doch anstatt davon zu rennen, rutschte ich näher an das Fenster. Das Licht war von einer Intensität unbeschreiblichen Ausmaßes. Die simple Bezeichnung für das Licht „Grün“ schien mir die treffendste zu sein. Im nächsten Moment zweifelte ich an meinem Verstand, denn das, was ich erblickte, war traumhaft und wundersam zugleich. In der Mitte des Lichtkegels schwebte ein futuristisch-uniformierter Mann, der eine grüne Maske und robust wirkende Stiefel trug, die Reiterstiefeln am ähnlichsten kämen. Seine Augen machten mich stutzig und für kurze Zeit verliebt zugleich: Sie waren von völligem Weiß ohne Pupillen und Iriden. Mir stockte der Atem, als sein fester Blick den meinen traf. Meinen Schock bemerkend schwebte der Mann getragen von dem grünen Lichte näher an mein Fenster -während ich nun leicht panisch endlich zurückwich-, kniff die Augen minimal zusammen und öffnete das veriegelte Glas wie von Zauberhand. Ich schrie auf und stürzte zu Boden. Meine Beine hatten versagt. Rasch schwebte der Mann auf mich zu. Sein Grün umhüllte mich und ich schrie abermals auf. Dieses Mal regelrecht schrill. Der Fremde sagte beinahe beiläufig, ich solle keine Angst haben. Er täte mir nichts. Starr vor Schreck befand ich mich inmitten seiner grünen Nebel, die mich umwaberten. Geraden Rückens stand er vor mir und beäugte meine auf dem Boden kauernde Gestalt, die einen merklichen Kontrast zu seinem Auftreten darstellte. Obwohl alles an ihm und insbesondere seinem Erscheinen fremdartig, unbekannt und eigentümlich war, schwieg ich. Ich schaute ihn einfach nur wortlos an. Ich wartete auf eine Reaktion. Es vergingen mehrere Dekaden an Sekunden, bis er das Verharren beendete und Worte seinen Mund verließen.

,,Hi, ich sagte eben, dass ich dir nichts tue. Und das meine ich auch so. Ich werde dir nichts tun.“

Seine Stimme war tief und ruhig. Seiner Stimme Klang schaffte es mein Inneres zu beruhigen. Zurückblickend völlig irrsinnig sollte man denken, dass diese wenigen Worte eines Fremden in Form eines flugfähigen Soldaten eine junge Frau schlagartig beruhigten, ungeachtet dessen, dass ebenjener in ihre Wohnung eingebrochen war und nun unverschämt vor ihr stand und ihr beteuerte, er habe nichts Böses mit ihr vor. Allerdings war genau das geschehen. Ich war dank der Art, wie er die Worte aussprach, weniger ängstlich, sodass ich ihm zaghaft eine Frage stellte.

,,W-wer…oder was…sind Sie?“, brachte ich mit trockenem Mund mühselig hervor.

,,Meinen Namen werde ich dir nicht verraten. Und eine Antwort auf diese Frage werde ich dir nicht geben.“, antwortete der maskierte Mann.

Wie vor den Kopf gestoßen, betrachtete ich ihn nochmals und musste feststellen, dass es ein attraktiver Mann von stattlicher Statur war, der im Zentrum der Lichtkugel aus grünen Waben stand. Hoch gewachsen war er. Die Grelligkeit des Grüns, das von ihm auszugehen schien, überschattete seine Gestalt, sodass Details nur zu erahnen waren. Seine Rüstung oder Uniform war verschieden gefärbt und doch von diesem Grün umgeben, das wie ein schwebendes Puder über ihm verteilt war. Die Kleidung war an Bereichen der Beine und des Rumpfes und der Oberarme schwarz, während die Füße, der Brustkorb und der obere Rücken grün waren. Die Enden der Armbekleidung erinnerten an weiße Handschuhe, die feine Damen im 19. Jahrhundert trugen. Ebenso weiß war ein Kreis auf seiner Brust, das von einem vor ihm her fliegenden grünen Zeichen teilweise überdeckt wurde. Sein gesamtes Erscheinungsbild war imposant. Ich verfiel in einen Bann. Als ich mir sein Gesicht genauer anguckte, sah ich, dass die Gesichtszüge eine Härte besaßen, die keine Strenge ausdrückten. Die gerade Nase wurde von der grünen Maske bedeckt, die über den Augen, den Brauen, Teilen der Wangen und der Stirn lag. Braunes kurzes Haar trug er, von dem eine Stirnlocke in seine Augen fiel, die ihn keck wirken ließ. Ich konnte nicht verleugnen, dass dieser Fremde ein Bild von einem Mann war.

,,Bist du fertig mit dem Gucken?“, fragte der Fremde salopp.

Ich legte meine Stirn in Falten und schaute ihn verdattert an. Endlich fand ich meine Sprache wieder.

,,Ich werde ja wohl das Recht haben, den Fremden in meiner Wohnung, der unerlaubterweise durch mein Fenster stieg, anzugucken.“, schleuderte ich ihm nun weniger zaghaft entgegen. Meine Antwort klang schroff, da ich mich ihm gegenüber rechtfertigen wollte. Dabei gab es keinen Grund zur Rechtfertigung meinerseits!

,,Ich muss mich wohl wiederholen. Wer oder was sind Sie?! Und was machen Sie in meiner Wohnung?“, fuhr ich fort.

,,Wie ich bereits sagte, werde ich dir meinen Namen nicht verraten. Ich denke aber, dass du das gute Recht haben wirst, zu erfahren, wieso ich aus - Achtung, Wortwitz- heiterem Himmel zu dir komme…Nun….Äh….Naja. Wie soll ich sagen?.“

Dieser Moment verwirrte mich. Sein Antworten war plötzlich holprig. Als sei er sich seiner unerhörten Tat bewusst. Als wüsste er selber nicht so recht, was er hier bei mir suchte.

,,Nun. Ich habe dich bei meinen Streifzügen vom Himmel aus weinen sehen. Oft. Heute Abend hast du jedoch nicht wie sonst die gesamte Nacht durchgeweint. Warum nicht?“, fragte der Fremde jetzt wieder genau so selbstbewusst und ohne jegliches Schamgefühl wie zuvor.

Getroffen, peinlich berührt und überfordert wusste ich mit seiner Aussage nicht umzugehen. Skepsis und Zweifel stiegen in mir auf. Wie konnte es sein, dass dieser Unbekannte die bodenlose Dreistheit besaß, mich das zu fragen, mich so zu beschämen, nachdem er in meine Wohnung eingebrochen ist. Das wurde mir allmählich zu bunt. Ich verlor die Geduld. Jegliche Ruhe von vorhin war fort.

,,Mir reicht es nun.“, äußerte ich. ,,Verlassen Sie auf der Stelle meine Wohnung oder ich rufe die Polizei!“, warnte ich ihn. ,,Wie können Sie es…“

,,Halt, nein!“, unterbrach er mich. ,,Du missverstehst mich. Ich will dir nichts Böses.“

,,Hören Sie auf mich auf den Arm zu nehmen. Gehen Sie! Was wollen Sie von mir?! Hauen Sie ab!“, keifte ich. Und als ich mich aus seiner grünen Blase befreite, um auf das Telefon an der Wand zuzugehen, blockierte ein grünes Stoppschild mein Wandtelefon. Es war das selbe Grün, das von diesem Mann ausging. Ich drehte mich um. Ich traute meinen Augen kaum. Die Situation wurde immer absurder. Das grüne Stoppschild entsprang seiner Faust, an der sich am Mittelfinger ein grüner Ring befand.

,,Was….?“

Und bevor ich die Frage zu Ende stellen konnte, antwortete er: ,,Ich habe dir schon gesagt, dass ich nichts böses von dir will. Ich habe dich einfach nur gesehen. Bitte. Höre mir einfach zu.“ Und als er zu Ende gesprochen hatte, kam aus diesem Ring eine kleine grüne Rose aus dem selben grünen „Material“, aus dem das Stoppschild gewesen ist, das mich am Telefonieren hinderte. Ich verlor wohl den Verstand.

,,Das klingt für dich wahrscheinlich dubios, aber ich habe einen Auftrag, eine Pflicht, die ich bewältigen muss. Ich wurde vor langer Zeit dazu auserkoren.“

Still hörte ich zu.

,,Jedenfalls ist einer meiner „Arbeitsplätze“ in diesem Auftrag diese Erde. Und während meiner Streifzüge für diesen Auftrag habe ich dich des Öfteren weinend am Fenster gesehen.“

Mich schauderte bei dem Gedanken, dass ich beobachtet wurde.

,,Heute Abend war etwas anders als sonst. Es gibt Abende, an denen weinst du. Wiederrum gibt es Abende, an denen weinst du nicht. Es gibt Abende, an denen lachst du, nachdem du geweint hattest. Aber heute Abend hattest du nach wenigen Tränen aufgehört zu weinen, doch gelacht hattest du dann nicht. Und ebenso wirktest du danach nicht fröhlich oder zuversichtlich. Du hattest einfach aufgehört zu weinen, doch dein Gesicht blieb kalt. Ich will einfach nur wissen….warum?“

Erneut entstand zwischen uns ein Schweigen. Nur unsere Blicke sprachen. Obwohl seine Augen vollständig weiß und von dieser grünen Maske ringsum umhüllt waren, bildete ich mir ein, seine Gedanken hinter diesen Augen als ungefährlich einstufen zu können. Mir schien, als habe er tatsächlich nichts Böses mit mir vor und wollte schlicht diese Frage beantwortet bekommen. Wenn er mich hätte entführen, vergewaltigen oder ermorden wollen, hatte er bereits die Gelegenheit dazu gehabt. Mir fiel wieder ein, dass er mir eine Frage gestellt hatte. Ich dachte über seine Frage nach. Ich wurde an meine vor seinem Auftreten vorherrschenden Gedanken erinnert. Augenblicklich empfand ich das Gleiche, das ich beim ersten Mal Darandenken empfand. Und ich dachte an das Ergebnis meiner Gedanken von vorhin. Ich war zu keinem Ergebnis gekommen. Letztendlich dachte ich an nichts.

,,Da! Du tust es wieder!“, rief der Fremde aus. ,,Woran denkst du? Es kann nichts Gutes bedeuten, wenn du so guckst. Oder ist es was Gutes? Nein. Das ka…“

,,Ich denke an nichts.“, unterbrach ich den Mann. ,,…Ich denke an nichts.“

Nach dem Aussprechen dieses Satzes fand in seinem Gesicht eine Regung statt, die ich schwer deuten konnte. Er machte einen Schritt auf mich zu, um ungefragt meinen Arm zu ergreifen. Meine Augen folgten seinem Tun, doch mein Blick schien ausdruckslos gewesen zu sein.

,,Du spürst Leere. Ist es das?“

Er traf ins Schwarze. Ich fühlte eine Leere in mir. So konnte man meinen Zustand beschreiben.

Um ein Ja zu äußern, guckte ich ihn an, doch schlug gleich die Augen nieder, als es gesagt worden war, nur, um ihn dann erneut anzugucken. Durch seine Berührung meines Armes wogen grüne Wölkchen um ebenjenen.

,,Das ist also der Grund. Du fühlst Leere.“, wiederholte er. Ich hatte ihm wohl die Antwort gegeben, nach der er gesucht hatte.

Darauf antwortete ich nicht. Ich hatte dem Fremden kundgetan, was in mir vorging. Einem völlig fremden Mann, der fliegen konnte, von einem mysteriösen Grün umgeben war, zauberte. Angesichts meiner zurückgeholten Gedanken und der Leere war es mir absolut gleich geworden, was dieser Mann von mir wusste oder dachte.

Er stellte keine weiteren Fragen. Er packte mich fester am Arm, setzte ein ernstes Gesicht auf, zog mich näher an sich und sagte etwas, das ich nicht verstand, als wir uns in die Lüfte erhoben. Nur das Geräusch des Abhebens klingt selbst heute noch in meinen Ohren nach, wenn ich versuche, mich dieses Momentes zu erinnern. Er nahm mich fort. Ohne eine Erklärung. Ohne mir das Ziel genannt zu haben.
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