Die Reise geht weiter ...

von Sharann
GeschichteDrama, Freundschaft / P16
Cletus Goal OC (Own Character) Rufus
25.01.2019
04.01.2020
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Oha, wohin hast du dich denn verirrt, lieber Leser? Hast du dir das wirklich gut überlegt?
Naja, hier erstmal ein kleines Vorwort. Ich besitze keinerlei Rechte an den Charakteren, die im Zusammenhang mit den Deponia Spielen stehen, sonst gäbe es mittlerweile auch Cletus-Aufklebesticker. Die Rechte liegen bei Daedalic Entertainment und Jan Müller-Michaelis (Poki). Des Weiteren habe ich nicht vor irgendwelche finanziellen Vorteile aus dieser Geschichte zu schlagen. Ich bin immer offen für konstruktive Kritik und Reviews (auch anonyme) sind gerne gesehen, schreibt mir ruhig alles, was euch so beim Lesen durch den Kopf schwirrt. Und was ich an dieser Stelle auch noch gerne anmerken möchte: Die liebe ZMistress hat sich als meine Betaleserin angeboten, also hier nochmal ein großes Dankeschön an dich.
Tja, jetzt möchte ich aber auch nicht mehr lange mit meinem Geschwafel aufhalten - also viel Spaß beim Lesen.



Kapitel 1 - Portal-Tohuwabohu


Dunkelheit, hier gab es nichts als Dunkelheit.    

W...wo bin ... ich?

Es war fürchterlich eng und sein gesamter Körper schmerzte unerträglich.    

Bin ich ... tot?

Nein der Tod konnte nicht so schmerzhaft sein, er - Rufus musste es wissen. Immerhin konnte keiner bei seinem Rekord an Toden mithalten.    

Wieso ... kann ich mich nicht bewegen?

Als er um sich herumtastete, fühlte es sich so an, als sei er in einer Art Kiste eingeklemmt. Dumpf vernahm er ein gleichmäßiges Summen, das ihn umgab.  

Was ... ist das für ein Geräusch?

Sein Geist war seltsam träge und angestrengt versuchte er sich die jüngsten Ereignisse ins Gedächtnis zu rufen, aber er schaffte es kaum einen sinnvollen Gedanken zu fassen.  

Warum ... bin ich ... hier?

Jede Faser seines Körpers brannte als er versuchte sich zu bewegen, also ließ er es lieber bleiben.

Warum sollte er sich auch so abkämpfen?
Er war so ... müde ...

Wenn es hier nichts Wichtiges für ihn zu tun gab, warum schlief er dann nicht einfach weiter?  Je mehr er darüber nachdachte, desto sinnvoller erschien ihm diese Option. Er konnte sich doch immer noch um alles andere kümmern, wenn er das nächste Mal aufwachte. Er schloss die Augen wieder, doch bevor er sich der wohltuenden Dunkelheit hingeben konnte, blitzte vor seinem inneren Auge ein Bild auf. Es war das Antlitz einer wunderschönen, jungen Frau mit orangegoldenen Haaren. Ein trauriger Ausdruck lag in ihren klaren, hellgrünen Augen. Das Gesicht kam ihm so vertraut vor und automatisch hallte ein Name durch seine Gedanken.  

Goal ...

Goal?    

Goal!

Mit einem Schlag waren Müdigkeit und Trägheit verschwunden und einer unbändigen Panik gewichen.    

Ich muss zu Goal und sie warnen!

Jetzt fiel ihm auch wieder ein, wo er sich befinden musste.
Als die Elefanten auf Elysium versuchten ihm den Garaus zu machen, schaffte er es durch ein Zeitportal zu fliehen. Er landete auf einer Schrottlawine und ihm gelang das Kunststück, auf ihr zu surfen und die Angriffe der Elefanten abzuwehren, bis er irgendwann mit ihr in die sich entwickelnden Anfänge von Paradox-City stürzte. Obwohl er sich bei dem Aufprall wohl sämtliche Knochen gebrochen hatte, hatte er es dennoch irgendwie noch geschafft in die Zeitmaschine der Elefanten zu kriechen und sich in der Gerümpelkiste auf dem Rücksitz zu verstecken. Doch die Anstrengungen und Schmerzen haben ihn dann wohl doch noch ohnmächtig werden lassen.  

Verdammt - ich habe schon zu viel Zeit verloren - wir müssen endlich dieses Zeitknäuel entwirren!

Feurige Entschlossenheit fegte durch seine Adern und mit einem gewaltigen Kraftaufwand schaffte er es sich zu bewegen und den Deckel über sich ein wenig anzuheben. Viel zu grelles Licht begrüßte ihn und vor allem eines - Pink, so viel Pink.    

Urgh ... diese Utopianer brauchen dringend einen neuen Innenausstatter...

Doch etwas störte ihn an der Szenerie, mal abgesehen von der Farbe. Er war nicht allein in dem Gefährt. Vor ihm saßen die beiden Elefanten, einer schien das Timepod zu steuern, der Andere tippte etwas auf dem Monitor zwischen den Beiden ein. Der Beifahrer sagte gerade etwas zu seinem Kumpan.  
"... du dich nicht auf Zuhause? Wir haben es endlich geschafft!"    

Geschafft?

Soll das etwa heißen, sie sind bereits wieder auf dem Weg nach Utopia?

Aber dann musste er ja erfolgreich gewesen sein, mit seinem Plan, Goal davon abzuhalten sein Vergangenheits-Ich zu retten. Aber wie konnte das sein - er war doch die ganze Zeit hier in dieser Kiste ... oder gab es noch mehr Zeitlinien? Gab es vielleicht mehrere Versionen von ihm selbst, die sich in verschiedenen Versionen des Timepods auf der Rückbank versteckt hatten - alle mit dem gleichen Ziel?    

Phuh...

Rufus schwirrte der Schädel von dem ganzen Zeitreisegewurschtel - das war aber auch verwirrend. Er lauschte weiter - vielleicht konnte er noch etwas herausfinden.
"Ja schon.", antwortete der Steuerelefant mit bedrückter Stimme. "Trotzdem fühlt es sich irgendwie nicht richtig an, wie wir dieses Mädchen zurückgelassen haben."  

Was?

Was haben sie getan?!

"Du weißt, dass es notwendig war. Sie wird schon allein zurechtkommen müssen, trotz zerstörter Heimat. Wir hätten sie ihren Freund nicht retten lassen können, das hätte unser Volk das Leben gekostet."    

Tsk ... Versager. Jemand von meinem Schlag hätte sicher eine Möglichkeit gefunden.

Trotzdem - sie lebt. Besser als nichts.

"Ja ... aber ... vielleicht haben wir einfach eine Möglichkeit übersehen, eine bei der wir niemanden hätten opfern müssen. Hätten wir sie nicht zum Beispiel einfach mitnehmen können - alle Beide? Sie hätten uns womöglich sogar helfen können. Immerhin war das doch von Anfang an das Ziel unserer Reise."  

Also steckt doch mehr dahinter!

Geschichtsluft rüsseln ... von wegen ...

Rufus erhob sich jetzt noch ein wenig mehr, um besser verstehen zu können, doch leider verrutschte etwas in der Kiste, etwa auf Hüfthöhe und das leider sehr geräuschvoll. Schnell duckte er sich zurück in sein Versteck und ließ den Deckel zurückfallen - doch zu spät. Gleißendes Licht blendete ihn, als der Deckel verschwand und zwei Hände griffen nach seinen Schultern und zerrten ihn aus der Kiste.  
"Das gibt's doch nicht, was machst ​du denn schon wieder hier?!!", rief der Elefant mit den orangenen Haaren fassungslos.  
"Ich ... lasst mich erklären!", sagte Rufus und versuchte sich aufzurichten. Dabei griff er mit einer Hand über sich und versuchte sich an einer der Gerätschaften hochzuziehen.  
"Nein - doch nicht da! Was tust du denn?", rief der Elefant in Panik aus und erst jetzt bemerkte Rufus, woran er sich eigentlich festhielt. Es war der Monitor für die Navigationseingabe. Ein Ruck ging durch die Maschine, als der Kurs geändert wurde und schon verlor Rufus das Gleichgewicht. Er fiel nach vorne und konnte sich gerade noch so an einem Armaturenbrett, das aus der Decke ragte, festhalten. Doch auch hier blinkten ihn nun etliche vielfarbige Lichter an, die ihn unter normalen Umständen magisch angezogen hätten. Jetzt aber bemerkte er entsetzt, dass zu viele seiner Finger bereits zu viele dieser Knöpfe heruntergedrückt hatten.  

"Phuphnex! Geh da weg - sofort​!"

Er stolperte zurück, da ging noch ein Ruck durch das Timepod und ließ ihn gegen die Tür fallen. Nur, dass da keine Tür mehr war, zumindest keine geschlossene.  Ein erschrockener Schrei entfuhr ihm.    

Nein, nein, nein, nein - nicht gut!

Seine rotbraunen Opale weiteten sich schockiert, als die Elefanten und das Timepod immer kleiner wurden. Das allumfassende Türkisgrün der Zwischenzeit umgab ihn, nur unterbrochen durch etliche pinkfarbene, rotierende Zeitportale. Verwundert fragte er sich noch, warum sich die ganzen Portale wieder geöffnet hatten, da machte es hinter ihm ein seltsames Geräusch und die gesamte Szenerie verschwand.  


*   *   *  


Unsanft landete er mit dem Gesicht auf hartem Untergrund.  

Aah - das hat wehgetan ...

Als er mühsam versuchte sich zu erheben, schoss ihm ein schmerzhaftes Stechen durch die rechte Seite und der unvergleichlich metallische Geschmack von Blut schoss in seinen Mund. Zitternd hielt er seine linke Hand auf die gebrochenen Rippen und stemmte sich mit dem rechten Arm hoch. Doch als er seine Beine belasten wollte, knickten sie unter tosenden Schmerz sofort wieder ein und er landete beinahe wieder auf seiner Nase.  
Gebrochen. Alle beide.  

Verdammter Schrott!

Ausgerechnet jetzt musste sein Körper in den Streik treten, das war aber auch ungünstig. Er nahm sich zusammen - jammern würde ihm schließlich auch nicht helfen. Vielleicht fand sich hier etwas, das ihm behilflich sein konnte, eine Metallstange, ein funkgesteuerter, fliegender Stuhl, oder ein zahmer, feuerspeiender Raptor.
Mit zusammengebissenen Zähnen ignorierte er den Schmerz und scannte seine Umgebung ab. Keine besonders leichte Sache, die Luft war schwer von Rauchschwaden und sein Sichtfeld war merkwürdig rötlich verschwommen. Rechts über ihm befand sich ein rauchendes, unscharfes ... Irgendwas. Als er die Augen zusammenkniff veränderten sich die Konturen und formten einen beinahe zerstörten Stahlträger, der nur noch von einem Gewirr aus kaputten Kabeln gehalten wurde.
Nach und nach konnte er mehr erkennen.
Er befand sich auf einer Art metallenen Plattform, welche wohl mal eine Halle oder ähnliches gewesen sein musste und die sich bereits bedrohlich in die Tiefe neigte. Überall erkannte er große Löcher im Untergrund, durch die er einen guten Blick auf das schäumende, rostrote Meer unter sich hatte. An verschiedenen Ecken ragten kaputte Stahlträger in die Höhe und etliche unförmige Gerätschaften, deren Funktionen in diesem Zustand nur schwer zu erschließen waren, hatten Feuer gefangen.    

Heiliger Wombat - was ist denn hier passiert?!

Was hatte diese Zerstörung verursacht? Und warum war er schon wieder auf Deponia?!
Er war doch schon auf halben Wege nach Utopia und jetzt war er trotz allem wieder hier gelandet?
War das sein Schicksal?
Auf ewig dazu verdammt auf dieser elendigen Müllhalde zu wandeln - ​niemals ​irgendwo anzukommen?  

Nein!

Das würde er einfach nicht akzeptieren, nein!  

Er hatte schon genug Ärger durchgemacht - jetzt war endgültig Schluss!
Er würde Goal suchen und dann einen Weg nach Utopia finden, damit er diesen beiden rotzfrechen Dickhäutern endlich einen Knoten in ihre faltigen Rüssel machen konnte.  

Mit Doppelschleife!!

Er blinzelte die Tränen weg, die ihm der brennende Rauch in die Augen trieb und versuchte angestrengt mehr zu erkennen. Rauch, Trümmerteile, Feuer, pinkfarbene Schemen, Funken sprühende Elektronik ... halt was?
Überrascht stellte er fest, dass sich überall in der Luft etliche Portale befanden, die meisten außer Reichweite, doch einige schwebten am Rande der Plattform. Wie merkwürdig, warum hatten sich die Portale auch hier geöffnet, er kam doch aus der Zwischenzeit. Hatte er so einen weitreichenden Schaden im Timepod angerichtet? Naja, kein Wunder, wenn diese Elefanten ihre Steuereinheiten so ungünstig in ihrem Gefährt anbrachten.    

Nicht meine Schuld.

Überfordert blickte er sich um.  

Herrje - welches der Portale ist denn jetzt das Richtige?

Er konnte auf gut Glück versuchen in eines hineinzuspringen und hoffen, dass es ihn in Goals Nähe brachte, doch da glaubte nicht mal er dran. Auf der anderen Seite waren seine Lebenserwartungen wohl nicht mehr besonders hoch, wenn er noch länger in diesem Trümmerfeld blieb. Nicht mehr lange und die Plattform würde in die Tiefe stürzen. Wo auch immer die Portale hinführten, die Chance in einer zivilisierten Zeit zu landen, wo ihm möglicherweise auch medizinische Versorgung zur Verfügung stand, war da schon größer. Wenn es wieder Deponia sein sollte, konnte er sich immer noch auf den Weg zu McChronicle nach Porta Rustica machen und nach Goals Zeitlinie suchen.
Mit diesem Vorsatz visierte er das Portal an, welches ihm am nächsten lag und fing an sich ungeachtet der Schmerzen wieder hochzustemmen.    

Aaaahhhrg, verdammt ...  ​ Komm schon!!

Doch egal wie sehr er es versuchte, sein Körper war zu geschwächt für derartige Aktionen und nach etlichen vergeblichen Versuchen gab er es auf. Glücklicherweise war der Boden übersäht mit Rissen, somit griff er nun in eine dieser praktischen Unebenheiten und zog sich mit den Armen dorthin. Er kam nur kläglich langsam voran und seine Arme brannten durch die Anstrengung wie Feuer. Trotzdem kämpfte er sich weiter - Aufgeben war einfach nicht drin.  

Wer weiß, wie lange die Portale noch offen sind. Ich muss mich beeilen.

Mit diesem Gedanken zog er sich verbissen weiter - Zentimeter um Zentimeter, ohne das Portal aus den Augen zu lassen, da vernahm er links von sich einen röchelnden Laut. Verwundert drehte Rufus sich nach dem Geräusch um, welches nicht so ganz in die ausgestorbene Szene zu passen schien. Es dauerte einen Moment, bis er etwas Konkretes erkennen konnte. Zwischen den rauchenden Trümmern saß eine menschliche Gestalt. Das Gerät hinter ihr, oder vielmehr ihm, schien ein Computerterminal zu sein und war wohl das letzte nichtbeschädigte Gerät auf der gesamten Plattform. Der Mann trug eine zerrissene schwarze Hose, sowie ein zerfetztes dunkelgrünes Unterhemd, unter dem ein blutiger Verband hervorblitzte. Sein blasses Gesicht war übersäht von Verletzungen und wurde von einem dunklen Spitzbart vollendet. Auf seiner Stirn befand sich ein langer Schnitt, aus dem Blut über seine Augen lief und eine hellrote Brandwunde verunzierte die linke Seite seines Gesichtes. Einige Strähnen seines dunkelbraunen Haares waren ihm unordentlich über die Stirn gefallen, der Rest wurde von einem blassgrünen Haarband zurückgehalten. Seine Augen waren geschlossen, jedoch zierte ein leichtes Lächeln die gleichmäßigen Gesichtszüge des jungen Mannes.  
Verwirrt blickte Rufus den Mann an - irgendwie kam dieser ihm bekannt vor, doch wollte es ihm bei dem sinneraubenden Schmerz und dem vielen Rauch nicht einfallen. Allerdings war dies ein denkbar schlechter Ort für ein Nickerchen und mit heiserer Stimme versuchte er, den Fremden darauf aufmerksam zu machen. Tatsächlich öffnete dieser sogar die Lider einen Spalt breit und blickte ihn müde aus malachitfarbenen Augen an. Kurz darauf weitete er sie jedoch überrascht, als würde er Rufus erkennen und schien etwas sagen zu wollen. Doch selbst wenn Rufus das Geflüstere des Kerles hätte verstehen können, das Quietschen und Knarren ihrer Umgebung ließ kaum einen Laut an seine Ohren heran, mal abgesehen von diesem beunruhigendem Knurren über ihnen.

Moment ... Knurren?!

Erschrocken blickte er zur Ursache des Geräusches und auch der Fremde richtete seine Aufmerksamkeit nun nach oben. Aus einem der Portale über dem schwarzen Rauch fiel ein großer, unförmiger Schatten, dann noch einer und noch einer.  

Oh nein, das sind doch nicht etwa ...

Nicht weit von ihnen richteten sich die Kreaturen auf. Ihre langen Krallen schabten über den Metallboden und verursachten ein Gänsehaut erregendes Geräusch. Die gelbe Haut schien durch den Rauch zu leuchten und ihre eindrucksvoll geschwungenen Hörner auf dem Haupt glänzten angriffslustig.    

Fewlocks ... Verdammte Kiste!

Das vordere Ungetüm bleckte die Zähne was ihm ein teuflisches Grinsen verlieh. Erstarrt blickte Rufus in sechs reptilienartige, gelbe Augen, darauf bedacht ja keine unvorsichtigen Bewegungen zu machen. Doch die Monster hatten längst das Blut der Verletzten gewittert, unkontrolliert tropfte Speichel ihre Fänge herunter und sie kamen unaufhaltsam auf die beiden zu. Fieberhaft schaute Rufus sich um, in der Hoffnung etwas zu finden, was ihm in dieser misslichen Lage noch helfen könnte. Sein Blick fiel auf den kaputten Stahlträger, der zwischen ihm und den Fewlocks in einigen funkensprühenden Kabeln hing.
Das brachte ihn auf eine Idee.  
Suchend schweifte sein Blick nun über den Boden und kurz darauf fand er zufrieden ein flaches, scharfes Stück Metall. Er griff danach und schleuderte es mit zielsicherer Präzision nach den Kabeln, die den Träger hielten. Ein leises, reißendes Geräusch ertönte als das provisorische Wurfgeschoss einige der Kabel durchtrennte. Mehr passierte vorerst nicht und Rufus fragte sich bereits ob er zu viel erwartet hatte, da ertönte ein leises Knirschen. Kabel zerrissen mit einem peitschenden Geräusch und der Stahlträger begann sich langsam zu senken. Die Fewlocks machten einen erschrockenen Satz zurück als sie das laute Knarren über sich hörten. Als sie die Köpfe hoben, konnten sie gerade noch einen verschwommenen Schemen erkennen, der in mörderischer Geschwindigkeit auf sie zuraste.    

Ha!

Ein ohrenbetäubendes Krachen und Kreischen ertönte als der Stahlträger die Plattform halbierte. Hilflos mit den Pranken rudernd wurden die Fewlocks mitgerissen. Ein Ruck ging durch den Rest der Plattform, die sich nun zur anderen Richtung neigte. Fluchend versuchte Rufus, sich an irgendwas festzuhalten, doch da war nichts mehr in seiner Nähe. Er rutschte die mittlerweile senkrecht liegende Plattform herunter und stürzte haltlos in die Tiefe.  

Das war's.

Mit halsbrecherischer Geschwindigkeit raste die tonnenschwere Metallplattform auf ihn zu, da hörte er wieder dieses seltsame, schlurpsende Geräusch und die Umgebung verschwand erneut.  


*   *   *  


Diesmal landete er mit einem harten Aufschlag auf dem Rücken, der ihm sämtliche Luft aus dem Körper presste und er brauchte einen kurzen Moment, um sich zu fangen. Außerdem war er sich sicher, dass ihm dieser Aufprall noch mehr Knochen gebrochen haben musste, wenn das überhaupt noch ging. Nach Atem ringend blinzelte er, bis die Konturen sich wieder verschärften. Über ihm erstreckte sich ein tiefblauer Himmel. Einige weiße Wölkchen zogen an einer strahlenden Sonne vorbei. Bei näherem Hinsehen erkannte er jetzt an den Rändern seines Blickfeldes Blätter, Äste - Baumkronen. Er hatte gar nicht gewusst, dass es Bäume gab, die so üppig wachsen konnten und so groß wurden. Als er mit den Augen einem der braunschwarzen Baumstämme zu Boden folgte, bemerkte er hinter sich einen ungenauen Fleck. Nach mehrmaligem Blinzeln stellte sich heraus, dass es der verletzte Mann von der Plattform war. Offenbar war er mit durch das Portal gefallen. Er bewegte sich nicht mehr, Rufus war sich nicht mal sicher ob er überhaupt noch atmete.
"H... Hey ...", krächzte er mit schwacher Stimme. "N... nicht schlapp...machen..."  
Keine Reaktion.    

Na toll ...

Obwohl er das Gefühl hatte gleich ohnmächtig zu werden, drehte er sich mühsam auf den Bauch und stemmte sich mit beiden Armen hoch. Dann versuchte er, sich in eine aufrechte Position zu bringen, um besser sehen zu können. Trotz der Anstrengung und dem erneuten metallenen Geschmack in seinem Mund, schaffte er es irgendwie sich halb aufzusetzen und stützte seine Hände im Gras ab.    

Moment - Gras?

Verdutzt bewegte er seine Finger durch die sattroten Halme, spürte wie sie auf seiner Haut kitzelten, fühlte weiche Erde an seinen Fingerspitzen ...
Was war das für ein Ort, war er am Ende doch auf Utopia gelandet?  
Er beschloss, sich später darüber Gedanken zu machen und kroch langsam auf den Verletzten zu. Der Sturz schien diesem nicht gut getan zu haben, kein Lebenszeichen war mehr in dem Gesicht des jungen Mannes zu erkennen. Mit schwachen Händen griff Rufus nach seiner Schulter und rüttelte sie.  
"Auf...wachen ... g... ge...nug ... ge...schlafen..."  
Nichts.  

Nachdenklich betrachtete er die Gesichtszüge des jungen Mannes.    

Woher kenne ich ihn?

Während er fieberhaft überlegte schob sich eine andere Version des Gesichtes vor sein inneres Auge und ein überraschter Laut entfuhr ihm.  
Konnte es sein, dass ... Nein.  
Oder?  

Schrott steh mir bei.

Von allen Leuten musste es ausgerechnet er sein ...  

Und wer oder was hatte ihn so zugerichtet, warum war er auf dieser Plattform - was war da passiert?    
Etwas knackte hinter ihm und er drehte sich nach dem Geräusch um. Zunächst dachte er, sein Gehör müsse ihm einen Streich gespielt haben, doch dann erkannte er ein ... ein ...    

Was ist das?

Eine dürre, großgewachsene Gestalt trat zwischen den dunklen Baumstämmen hervor. Die Haut, wenn es denn eine Haut war, es sah eher aus wie Baumrinde, war von schwarzbrauner Farbe, wie das Holz der Bäume in diesem Wald. Die skelettartigen Gliedmaßen endeten in etwas, das entfernt an Hände und Füße erinnerte, letztere hatten mehr Ähnlichkeiten mit dem Fuße eines Baumes. Die wurzelartigen Finger waren abnorm lang, gebogen und spitz zulaufend. Es trug einen zerlumpten, braunen Lendenschurz, welcher mit einem Stück Seil an der Hüfte gehalten wurde. Auf dem knorrigen Oberkörper wuchs vereinzelt weinrotes Moos und aus seinen Schultern sprossen Äste empor. Sein Kopf schmückte den knochigen Schädel eines gehörnten Tieres und aus den finsteren Augenhöhlen leuchtete es ihm giftgrün entgegen.
Rufus war sich sicher, solch ein seltsames Ungetüm noch nie in seinem Leben gesehen zu haben.  Es hob den Kopf und stieß ein weitschallendes Grollen aus. Von allen Seiten schienen die Bäume zu wachsen, ihre Baumkronen begannen sich zu ihnen herabzuneigen. Die Äste wurden länger und krallenartiger, aus dem Boden wuchsen dornenbesetzte Ranken, reckten sich empor und schossen auf die beiden Verletzten zu.    

Ach du ...

Rufus sah sich schon von einer der Ranken durchbohrt, als ein schneidendes Geräusch die Luft durchdrang.  
Das Erste, das er sah, war ein rötliches Blitzen. Die Ranken zerrissen, nur wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt. Für einen kurzen Moment nahm er alles wie in Zeitlupe wahr. Hinter den Ranken kam eine menschliche Gestalt zum Vorschein, die in der Luft zu schweben schien. Es war ein junger Mann, mit tiefroten Haaren, die ihm so weit ins Gesicht fielen, dass sie teilweise seine Augen verdeckten. Er trug ein weißes Hemd, darüber eine dunkelrote, ledrige Weste. Die Beine steckten in einer gräulichen Stoffhose, die in dunkelbraunen Stiefeln endeten. Was aber am Meisten ins Auge sprang, waren die weißen Verbände, die bis auf den schmalen Bereich über seiner Nasenwurzel, jede freie Hautstelle an ihm verbarg. Die rechte Hand führte ein Schwert mit weißem Griff und blutroter Klinge.
Das alles erfasste Rufus in einem kurzen Moment, dann verschwand die Gestalt wieder. Als er sich suchend umblickte, sah er gerade noch wie der mysteriöse Kämpfer eine Ranke, die sich von hinten genähert hatte, durchschnitt. Noch im Sprung schnippte er mit den Fingern und der Verband an seiner rechten Hand löste sich, wurde länger und schoss auf die Kreatur zu. Diese wurde für den Bruchteil einer Sekunde durchscheinend und der Stoff raste durch sie hindurch. Sie hob nun ihrerseits ihre "Hand" und nun wuchsen Baumwurzeln aus dem Boden und jagten auf den jungen Mann zu. Dieser jedoch schien damit gerechnet zu haben, denn das Stoffende war gar nicht für das Ungetüm vorgesehen, sondern für einen Baum hinter ihm. Der Verband wickelte sich um einen Ast und alles was nun noch von dem Kämpfer zu sehen war, war ein verschwommener Schemen und das Wirbeln seiner roten Klinge, die auf das Monster zuraste. Es stieß ein tiefes Grollen aus und verschwand in einer funkenstiebenden, schwarzen Rauchwolke.    

Whoa - das war echt cool.

Wo ist er?

Verwirrt blickte Rufus sich nach dem Kämpfer um, doch da begann seine Umgebung sich alarmierend zu verzerren, der Boden kam näher und auf einen Schlag wurde alles schwarz.    


*   *   *  

 
Als er wieder erwachte fühlt er sich schwummrig und die Atmosphäre erschien ihm seltsam unwirklich. Langsam gewöhnten seine Augen sich an die Umgebung. Er lag in einem Bett, in einem spärlich beleuchteten Raum. Die Wände und die Decken bestanden aus dunklem Holz. Die einzige Lichtquelle war eine flackernde Kerze unter einer Glashaube, die auf einem Tisch neben seinem Bett aufgestellt wurde. Auf dem Tisch verteilt standen einige Glasphiolen mit merkwürdigen Flüssigkeiten, alle in verschiedenen, lustigen Farben, Verbände, eine Schale mit einer klaren Flüssigkeit, sowie ein Krug, der offenbar dieselbe Flüssigkeit enthielt. Augenblicklich meldete sich ein stechender Durst aus seiner trockenen, rauen Kehle und rasch setzte er sich auf. Etwas rutschte dabei von seiner Stirn und fiel auf die Decke. Leider war er wohl ein bisschen zu voreilig, denn während er nach dem Krug greifen wollte überkam ihn ein Schwindelgefühl und er stieß das Behältnis mit den Fingerspitzen vom Tisch. Ein lautes Klirren verursachend fiel dieser zu Boden und sehnsüchtig blickte Rufus der Flüssigkeit hinterher, die sich nun über den hölzernen Boden verteilte.
Im nächsten Moment vernahm er schnelle Schritte und die Tür zu seinem Raum öffnete sich. Rufus sah auf und erblickte einen seltsam vermummten Mann mit roten Haaren. Irgendwo hatte er ihn schonmal gesehen und fieberhaft versuchte er sich zu erinnern wo.  
"Du bist wach.", stellte der Fremde mit einer rauen, aber dennoch sanften Stimme fest und blickte dann auf die Scherben. Er verließ den Raum und kam kurz darauf mit einem neuen Krug und einem Lappen wieder. Er drückte Rufus den Krug in die Hand, welcher so durstig war, dass er sofort begann diesen zu leeren. Es schien Wasser zu sein und es schmeckte köstlich, wenngleich auch die Stückchen fehlten und der säuerlich, rostige Geschmack ausblieb. Es schien sogar eher süßlich zu sein. Rufus war sich sicher so ein Wasser noch nie in seinem ganzen Leben getrunken zu haben.
Als er den Krug geleert hatte, bemerkte er mit kratziger Stimme: "Was ist das für ein Wasser, es schmeckt ganz anders, als ich es von zu Hause kenne."  
Der Fremde sah von seiner Wischaktion auf. Mit einem Mal stutzte Rufus und fragte alarmiert: "Du hast mir doch nichts da rein gemischt, oder?"
Der Mann wickelte nun die Scherben in den Lappen und blickte ihn dann aus smaragdgrünen Augen an. Irgendetwas an ihnen löste in ihm ein Gefühl von Sicherheit aus, auch wenn er nicht sagen konnte woher dieses kam.
"Wenn ich dich hätte umbringen wollen, hätte ich das den Sýl erledigen lassen. Viel hätte bei deinen Verletzungen ohnehin nicht gefehlt. Du kannst wahrlich von Glück sprechen, dass ich gerade in der Gegend auf der Jagd war."
Er legte das Scherbentuch auf dem Tisch ab und griff nach dem Tuch, welches von Rufus Stirn heruntergerutscht war und tunkte es in die Wasserschale.
"Ich habe deine Wunden versorgt, doch einige brauchen einen längeren Zeitraum um gänzlich zu heilen. Deine Beine, sowie ein großer Teil deiner Rippen waren gebrochen, und du hast etliche innere Blutungen. Ich habe die Knochenbrüche geheilt, doch um vollends zu genesen, muss dein Körper sich einige Tage ausruhen."  

So viel Zeit habe ich nicht!

"Das ist mir egal! Ich kann hier nicht rumliegen und verrosten, ich muss so schnell wie möglich zu Goal!", rief der Deponianer energisch und versuchte sich aufzurichten.
"He - immer langsam! Ich sagte doch gerade, dass dein Körper sich erholen muss - du kannst so nicht herumlaufen!", rief der Rothaarige irritiert aus.  
"Aber ich muss ...!"
Der Rothaarige schüttelte den Kopf. "Was glaubst du, was wohl passieren wird, wenn du in deinem Zustand durch den Wald läufst? Du wärst ein gefundenes Fressen für alle Raubtiere und Monster da draußen. Dein Körper braucht Ruhe. Wer auch immer diese Person ist, muss warten."
Damit begab er sich zum Bett und drückte Rufus bestimmt wieder in die Kissen zurück. Dieser bemerkte schnell, dass sein Körper nicht die gewünschte Kraft aufbrachte, um dagegen anzukommen.  Missmutig blickte er den Mann an, dann fragte er: "Wer bist du überhaupt?" Der Rothaarige legte ihm das Tuch wieder auf die Stirn.
"Man nennt mich Gimán", antwortete er knapp. Eine kurze Pause entstand.
"Was denn, was denn? War das etwa schon alles?", platzte es aus Rufus heraus und er richtete sich erneut im Bett auf.
"Keine dramatische Lebensgeschichte, keine ausführliche Beschreibung, gar nichts?"
Gimán blickte ihn an und seine Augen funkelten amüsiert.
"Es ist fürwahr eine interessante Lebensgeschichte, doch wir kennen uns wahrlich noch nicht lange genug, dass ich sie dir erzählen möchte. Außerdem würden diese ganzen spannenden Abenteuergeschichten deinen Körper nur zu sehr aufregen", antwortete er vergnügt. "Schlaf jetzt, wenn du dich erholt hast, werde ich deine Fragen beantworten."
Mit diesen Worten drückte Gimán ihn erneut mit sanfter Bestimmtheit in die Kissen zurück. Eine ungeheure Welle der Müdigkeit überkam Rufus auf einmal.  
"Was... warum ... bin ich ... plötz...lich ... so ... mü...de...?". Mühsam versuchte er die Augen offen zu halten während er gegen die anrollende Müdigkeit ankämpfte.  
"Das muss ​ein Signal deines Körpers sein, der nach Ruhe und Erholung schreit. Schlaf gut", sagte Gimán und verließ den Raum, nachdem er die Kerze und das Scherbentuch vom Nachttisch genommen hatte.
Und kaum war die Tür zugefallen, war Rufus auch schon wieder eingeschlafen.    


*    *    *    


Rufus erwachte mit einem klaren Kopf und schmerzfreien Gliedern. Er wusste nicht wie viel Zeit vergangen war, doch als er die Augen aufschlug, war es hell draußen. Jemand hatte das Fenster in seinem Raum geöffnet und helles Sonnenlicht flutete herein. Ein lautes Zwitschern verriet ihm, dass sich draußen einige Vögel versammelt hatten und fasziniert lauschte er dem fremdartigen und dennoch angenehmen Geräusch, während er noch ein wenig liegen blieb. Nach und nach ließ er die Erinnerungen an das Geschehene Revue passieren.  
Ob er wirklich auf Utopia gelandet war?  
Vielleicht zu einer anderen, altertümlichen Zeit?  
Und wie sollte er jemals Goal finden?

Diese und weitere Fragen rasten in seinem Kopf umher bis er es nicht mehr aushielt und bestimmt die Bettdecke zurückschlug.
Eines war sicher. Keine dieser Fragen würde er beantwortet bekommen, wenn er weiter im Bett verrostete. Seine Wunden schien der Rotschopf zumindest ordentlich versorgt zu haben. Um seinen Oberkörper schlang sich ein Verband und ein leichter Druck auf die Rippen darunter zeigte ihm, dass der Heilungsprozess abgeschlossen schien.    

'Ich habe die Knochenbrüche geheilt.'

Moment mal geheilt?

Wie denn das?

Hier gingen schon wieder die skurrilsten Dinge von sich, seltsamerweise schien sowas immer nur in seiner Nähe zu passieren. Oder Leuten in seiner Nähe.    

Hm ... ich sollte ihn danach fragen.

Vorsichtig versuchte er jetzt seine Beine zu bewegen. Es funktionierte schmerzfrei, sie waren lediglich ein wenig steif geworden durch das lange Liegen.    

Perfektiberto.

Erleichtert hielt er nun nach seiner Kleidung Ausschau. Unter dem Tisch stand ein hölzerner Hocker, den er beim letzten Mal gar nicht gesehen hatte. Auf ihm lagen, ordentlich zusammengelegt, seine Hose, seine orangesilberne Warnweste, seine gestreiften Strümpfe, das charakteristische rote Halstuch und seine geliebte Abenteurerkappe. Sein Mantel hing an der Tür und darunter standen auch seine dunkelbraunen Stiefel. Schnell kleidete er sich an und versuchte dann ein paar wackelige Schritte im Raum zu machen. Nach einigen Startschwierigkeiten hatte er den Dreh wieder raus. Sein Magen meldete sich just in diesem Moment mit einem Knurren und er fragte sich, wann er das letzte Mal etwas gegessen hatte.    

Muss ziemlich lange her sein.

Hätte ich mal in Goals Habitat nach der Küche gesucht ...

Er begab sich zur Tür und öffnete diese mit einem leisen Knarren. Vor ihm lag ein kurzer Flur, in dem mehrere Türen in verschiedene Zimmer führten. Der erste Raum war leer und enthielt lediglich ein ordentlich gemachtes Bett, eine Kommode und eine große Truhe. Hier war ebenfalls das Fenster geöffnet worden und frische, klare Luft wehte ihm entgegen. Er ertappte sich dabei, wie er nach dem typischen Verwesungsgeruch schnupperte, der ihn sonst immer am frühen Morgen begrüßt hatte. Der Raum daneben schien eine Art Badezimmer zu sein. An der Wand hing ein runder Spiegel. Interessiert trat er näher. Auch wenn seine Wunden gut verheilt waren, war dennoch eine feine Narbe über seinem linken Auge zurückgeblieben. So schlimm konnte er das aber nicht finden.    

Sieht lässig aus.

Draufgängermäßig.

Nachdenklich betrachtete er sein Gesicht.
Oberflächlich hatte sich kaum etwas verändert, gesund und attraktiv wie eh und je. Doch wenn er genau hinsah, konnte er eine leichte Spur von Bitterkeit in seinen Gesichtszügen ausmachen. Um ehrlich zu sein, waren die Erkenntnisse, die er die letzten Tage erlangt hatte, schon ziemlich schwer zu verdauen. Immerhin hatte er erfahren, dass er die Welt gerettet hatte ... retten würde, die Frau seiner Träume für sich gewinnen würde und dennoch - kurz bevor sich sein Lebenstraum erfüllte, alles aufgeben würde, für das größere Wohl und um sie zu beschützen. Und dann dieses ganze Zeitgereise, die Hoffnung, sein Schicksal doch noch abzuwenden, nur um mit einem heftigen Tiefschlag daran erinnert zu werden, dass man seine Geschichte nicht umschreiben konnte. Sowas zehrte schon ganz schön an den Nerven.
Aber - irgendwie hatte er es am Ende doch geschafft zu überleben und er würde es auch schaffen Goal zu finden. Und dann würde nichts mehr ihrem wohlverdienten Happy End im Wege stehen, so wahr er Rufus hieß. Sein Spiegelbild schenkte ihm ein selbstsicheres Grinsen und ein entschlossener Ausdruck blitzte in seinen Augen auf.    

Ja.

Diesmal werde ich es schaffen!

Er hätte sich gerne noch weiter bewundert, aber er hatte dringendere Sorgen und somit wendete er sich ab und widmete sich dem Raum gegenüber. Er griff gerade nach der Türklinke als sich eine Hand auf seine Schulter legte. Rufus erstarrte in der Bewegung.  
"Schon wieder auf den Beinen?", hörte er eine amüsiert klingende Stimme hinter sich. Er lachte nervös und drehte sich um.
"Ich hab nur die Toilette gesucht...", versuchte er sich herauszureden, doch der Rothaarige winkte ab.  
"Mach dir keinen Kopf, Junge. Ich war nur erstaunt über deinen Heilprozess."  
Rufus verschränkte die Arme vor der Brust und grinste lässig.
"Tja ... ich bin eben immer für eine Überraschung gut", sagte er zufrieden. Gimán legte den Kopf schief und blickte ihn prüfend an.
"Du wirst hungrig sein. Komm mit, ich war erst neulich jagen", sagte er. Erneut knurrte Rufus' Magen und er antwortete: "Ich hab‘ tatsächlich Hunger. Aber - ich hätte da eine Frage ..."
"Lass uns das in die Küche verlegen. Diese Thematik dauert vermutlich etwas länger und ich möchte nicht die ganze Zeit hier draußen im Flur stehen."
Er bedeutete Rufus ihm zu folgen und öffnete die letzte Tür im Flur. Ein kleiner, aber freundlich heller Raum begrüßte den Deponianer. Die Küche beherbergte eine kleine Kochnische, einen Tisch mit drei Stühlen und einen kleinen Vorratsschrank. Am anderen Ende des Raumes befand sich eine größere Tür, von der Rufus vermutete, dass sie nach draußen führte.  
"Setz dich, ich bring dir was zu essen.", wies Gimán ihn an, öffnete den Vorratsschrank und holte etwas Geschirr heraus.  Sich neugierig umblickend ging Rufus auf den Tisch in der Mitte zu und setzte sich auf einen hölzernen Stuhl. Interessiert inspizierte er eine rote Blume, die auf dem Tisch in einem Glas stand. Die einzigen Pflanzen, die auf Deponia noch wuchsen waren Kakteen, Pilze und diverse Kuriositäten, die aus biologischem Abfall sprossen. Gimán schnitt einige Streifen Fleisch von einer Keule ab und legte sie zu etwas dunklen Brot und Käse auf eine hölzerne Platte. Dann kam er zu ihm an den Tisch und stellte den Teller ab.  
"Das ist alles?", beschwerte sich Rufus, als er auf den Teller blickte.
"Und wo ist der Nachtisch?"
Leise seufzend setzte sich Gimán ihm gegenüber. "Iss erstmal, wenn du danach immer noch Hunger hast, ist reichlich da. Falls du etwas Süßes zur Nachspeise möchtest kann ich dir frisches Obst anbieten."  
"Nee lass mal, passt schon…", erwiderte Rufus schnell und biss in das Stück Käse. Ein herzhaft würziges Aroma breitete sich in seinem Mund aus. Gimán griff sich eine rote Frucht aus einem Korb, der ebenfalls auf dem Tisch stand und biss ein Stück davon ab. Verwundert stellte Rufus fest, dass ihm das Kunststück zu speisen auch mit den Bandagen im Gesicht gelang.  

"Nun gut.", sagte der Rothaarige. "Ich nehme an, du hast einige Fragen. Was möchtest du wissen?"
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