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Am Ende der Reise 2.0 - 3 Jahre später

von Julirot
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P12 / Gen
G. Callen Henrietta "Hetty" Lange Kensi Blye Marty Deeks Sam Hanna
25.01.2019
18.06.2019
19
23.673
12
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Dieses Kapitel
4 Reviews
 
28.02.2019 1.920
 
Hallo an alle,

ich bin mit dem nächsten Kapitel fertig und hoffe es gefällt euch. Es ist was für Nell/Eric Liebhaber.
Ein besonderer Gruß geht dieses Mal an Christian. Beim Schreiben musste ich an deine Tipps denken. An das, was du über Aktiv und Passiv im Zusammenhang mit Hetty gesagt hast. Ich hoffe, ich habe es dieses Mal etwas besser hingekriegt. ;-)
So und nun viel Spaß beim Lesen und sagt mir wie ihr es findet.
LG
Julirot

**********

Nell – (m)eine perfekte Agentin


Sie betrat die Bühne und stellte sich neben die anderen frischgebackenen Agenten, die heute ihre Ernennungsurkunde erhalten würden. Es waren insgesamt 100 Rekruten, die in diesem Jahr ihren Abschluss gemacht hatten und die der NCIS nun in den aktiven Dienst schicken würde. Sie straffte die Schultern und lief an der langen Reihe entlang bis zum anderen Ende, dort wo das Podium aufgebaut war. Sie war klein, aber sie war stark. Sie hatte alle Lehrgänge mit Bravour gemeistert und konnte nun ihren Erfolg genießen. Sie war als Letzte aufgerufen worden und nun stand sie ganz vorn. Sie nickte dem Redner zu und wartete, was nun weiter passieren würde. Im Publikum konnte sie Eric sitzen sehen, ihren Freund und Kollegen, der stets an Ihrer Seite stand. Er hatte sich schick gemacht, trug sogar eine dunkle Anzughose. Extra für sie. Sie zwinkerte ihm zu und er zwinkerte zurück. Director Vance hatte es sich nicht nehmen lassen, allen Absolventen persönlich die Ernennungsurkunde auszuhändigen und ihnen die Hand zu schütteln. Deswegen hatte die Zeremonie auch so lange gedauert. Als er nun endlich bei ihr angekommen war, nahm er sich ein Mikrofon und drehte sich zum Publikum herum.

„Meine sehr verehrten Damen und Herren, darf ich Ihnen nun die Jahrgangsbeste, Miss Agent Nell Jones vorstellen. Sie hat ihren Abschluss mit Auszeichnung gemacht und hat nun das Privileg, sich ihre Stelle auszusuchen.“ Tosender Applaus brandete durch den Saal und Nell wurde ein klein wenig rot. So sehr sie ihren Erfolg auch genoss, es war ihr dennoch peinlich, so im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses zu stehen. Sie trat einen Schritt nach vorne und nahm einen frischen Strauß Blumen, sowie die Urkunde entgegen. Director Vance küsste sie auf beide Wangen und drückte ihr dann das Mikro in die Hand. Nell räusperte sich und versuchte das Zittern aus ihrer Stimme zu verbannen.

„Vielen Dank, Director. Ich fühle mich geehrt. Ich möchte heute Abend einer ganz bestimmten Person danken, die leider nicht hier sein kann, aber ich glaube, sie weiß, dass ich an sie denke. Ich danke meiner Mentorin und Freundin Henrietta Lange, die mich nie aufgegeben und die mich immer gefördert und gefordert hat, wann immer sie konnte. Danke Hetty. Ich liebe Sie. Und Ihnen Director Vance, vielen Dank für die Blumen.“ Sie lachte leicht und mit ihr lachte der Saal. Vance schaute sich vorsichtig um. Hatte er da eben einen Schatten hinter der Bühne gesehen? Er konnte es nicht mit Sicherheit sagen. Er konnte Hetty nirgends entdecken, aber bei ihr konnte man sich meistens über gar nichts sicher sein. Er wusste, dass es mit Hettys Gesundheit nicht zum Besten bestellt war und es hätte ihn sehr überrascht, wenn sie heute Abend hier gewesen wäre, also kümmerte er sich nicht mehr um sein Gefühl.

„Und Agent Jones, haben Sie sich schon überlegt, wo Sie zukünftig arbeiten wollen?“, wandte sich Vance nun wieder an Nell.

„Das habe ich“, sagte Nell fest und wechselte einen Blick mit Eric in der ersten Reihe.
„Und? Ich hoffe doch stark, dass Sie sich für Washington entschieden haben.“ Vance zwinkerte ihr zu.
„So gern ich auch mit Ihnen und Agent Gibbs arbeiten würde, ich glaube ich habe meine Traumstelle schon längst gefunden. Ich bleibe hier in L.A.“ Sie lächelte wieder und versuchte bei dem Applaus, der nun wieder im Saal emporschwoll, nicht schon wieder zu erröten. Nell versuchte der Lage Herr zu werden und war froh, als nun alle, inklusive ihr, die Bühne verlassen durften und sich zu ihren Familien gesellen konnten. Sie lief durch die Reihen und gelangte zu Eric, der sie umarmte und ihr einen Kuss auf den Mund drückte.

„Agent Jones“, murmelte er. „Jetzt ist es also endlich offiziell und ich werde zukünftig alleine oben in der Kommandozentrale sein.“ Sie drückte ihn ein Stück weg von sich, um ihn ansehen zu können, als sie den Kopf schüttelte.

„Keinesfalls, Mr. Beal. Ich werde so oft wie möglich bei dir oben sein und du wirst dir wünschen, dass ich mehr nach draußen gehe.“

„Darüber reden wir noch. Lass uns erst was essen gehen.“

„Okay, du bezahlst.“ Sie klopfte ihm auf die Schulter und er nahm ihr die Blumen ab. Sie reihten sich in den Pulk von Menschen ein, die nun in Richtung Ausgang strebten und warteten geduldig, bis sie endlich an der Reihe waren.
Draußen angekommen, mussten sie blinzeln, denn die Sonne strahlte vom Himmel herab. Eric trat an den Straßenrand, um für sie beide ein Taxi zu organisieren, als plötzlich eine schwarze Limousine neben dem Bordstein hielt. Das Fenster wurde herunter gelassen und Nell hätte beinahe ihre Tasche fallen lassen, als sie nun angesprochen wurde.

„Steigen Sie ein, Miss Jones.“ Nell trat einen Schritt näher und dann erschien ein Lächeln auf ihrem Gesicht, als sie nun sah, wer da in dem Wagen saß.

„Hetty“, rief sie voller Freude.

„Nun machen Sie schon. Sie auch Mr. Beal.“ Die kleine Frau winkte kurz und Eric und Nell stiegen schnell auf der anderen Seite in den Wagen ein. Das Fenster wurde wieder nach oben gefahren und Nell und Eric setzten sich Hetty gegenüber in die weichen Polster.

„Was machen Sie denn hier?“, fragte Nell und musterte die Frau die ihr gegenüber saß. „Ich dachte, Sie sind krank.“ Hetty schnaubte und Nell schaute sie besorgt an. Sie war alt geworden und wirkte noch kleiner als sonst. Sie versank beinahe in den Sitzen und ihre Haare hatten einen deutlichen Grauschimmer angenommen. Dabei hatten sie sich erst letzten Monat gesehen. Sie verbrachten eigentlich jeden Dienstagabend miteinander, aber in den letzten vier Wochen war Nell mit ihren Prüfungen so stark beschäftigt gewesen, dass sie einfach keine Zeit gehabt hatte, sich um ihre Freundin zu kümmern.

„Ich konnte doch Ihren großen Auftritt nicht verpassen, meine Liebe.“ Hetty lächelte, beugte sich dann nach vorne und tätschelte Nells Hand.

„Sie waren drin?“, fragte Nell ungläubig.

„Natürlich“, rief Hetty und klopfte dann gegen ihre Beine. „Solange mich diese alten Dinger noch tragen, solange werde ich solche Events besuchen. Vor allem wenn meine bislang beste Agentin ausgezeichnet wird. Ich freue mich sehr, dass Sie in L.A. bleiben.“

„Danke Hetty.“ Nell errötete zum zweiten Mal an diesem Abend und schaute sich hilfesuchend nach Eric um, der ihr aufmunternd zulächelte.

„Und nun lassen Sie uns feiern“, sagte Hetty und hob ihren Gehstock, den sie seit einigen Monaten benutzen musste, klopfte damit an die Scheibe, die den hinteren Teil der Limousine vom Fahrer trennte und das Auto fuhr kurz darauf los.

„Wohin fahren wir?“, erkundigte sich Eric.

„Lassen Sie sich einfach überraschen, Mr. Beal“, lachte Hetty. Doch dann wurde sie wieder ernst und griff in ihre Handtasche, die sie, wie immer, quer über ihrer Schulter hängen hatte und die nun in ihrem Schoß lag. Sie entnahm dieser einen Brief und reichte ihn zu Nell herüber.

„Was ist das?“, fragte Nell erstaunt und nahm den Brief entgegen. Auf dem Umschlag stand in geschwungenen Lettern ihr Name.

„Lesen Sie Ihn Miss Jones. Heute Abend, wenn Sie nach Hause kommen.“ Nell nickte und steckte den Brief ein.


                                                                                                                   ***

Sie saß am Küchenfenster und starrte auf das Blatt Papier in ihrer Hand. Hetty hatte nicht viel geschrieben, aber was sie geschrieben hatte, ging ihr durch und durch. Sie sah Hetty als Freundin und Mentorin, vielleicht sogar ein wenig als ihre Mutter an und sie wusste, sie konnte sich immer auf ihre Chefin verlassen. Eine einzelne Träne rollte Nell die Wange hinab, als sie nun schniefte und noch einmal die wenigen Zeilen las:

„Meine liebe Miss Jones, liebe Nell,

ich bin so stolz auf Sie. Ich wusste, Sie erreichen genau das, was Sie immer gewollt haben. Sie wollten Agentin werden und Sie haben sich durch alle Höhen und Tiefen gekämpft. Ich habe Sie beobachtet und ich habe gesehen, was passiert, wenn Sie sich etwas in den Kopf setzen. Sie sind klein, so wie ich und doch groß und Sie erinnern mich ein wenig an mich selbst. Ich kann mich immer auf Sie verlassen. Sie haben schon so viel für mich getan. Ich brauchte immer nur ein paar Worte zu sagen und Sie haben meine Wünsche erfüllt. Das ist nicht selbstverständlich, aber das ist das, was eine gute Freundin tut. Ich danke Ihnen, Miss Jones, (m)eine perfekte Agentin. Sie sind immer diejenige, der ich alles erzähle, die ich einweihe und die ganz bestimmt darüber schweigt, bis es notwendig wird, es zu offenbaren. Das ist eine Tugend und bedeutet mir viel.
Ich möchte Sie um einen letzten Gefallen bitten. Kommen Sie mich besuchen, nicht erst am Sonntag, so wie alle anderen, denen ich Briefe geschickt habe, sondern morgen schon. Ich möchte, dass Sie mir bei einer letzten Sache helfen.
Hetty. PS. Und Nell, ich bitte Sie auch dieses Mal um Ihre Diskretion.“



Nell wischte sich über die Augen und fragte sich, was Hetty wohl dieses Mal von ihr verlangen würde. Ihr Herz war schwer und sie überlegte, was sie tun konnte, um sich aufzumuntern, bis sie am nächsten Tag zu Hetty ging. Ihr fiel eigentlich nur eine Sache ein, die immer geholfen hatte, wenn sie in den letzten Jahren Trost gebraucht hatte. Sie stand auf und verstaute den Brief sorgfältig in ihre Tasche. Dann ging sie ins Wohnzimmer und setzte sich auf die Couch. Eric, der vor dem Fernseher eingenickt war, erhob sich ruckartig und rieb sich die Augen. Seine Brille hing ihm schief auf der Nase und er wirkte sehr zerknittert.

„Was?“, fragte er und gähnte, versuchte die Brille gerade zu rücken, aber Nell hielt seine Hände fest, so dass er sie anschauen musste.

„Lass mal, Beal. So gefällst du mir sowieso am besten. Dann kann ich deine Augen sehen.“

„Hast du geweint?“, erkundigte er sich besorgt und strich ihr die Haare aus der Stirn.

„Nein. Ich hab nur was ins Auge gekriegt“, antwortete Nell und lächelte schwach. Eric nickte, fragte aber nicht weiter nach. Er wusste, sie würde mit ihm reden, wenn sie soweit war.

„Willst du, dass wir eine Runde zocken?“, fragte er daher und akzeptierte ohne ein Widerwort, dass sie im Moment nicht reden wollte oder konnte.

„Deswegen bin ich hier, Beal“, sagte sie und griff nach der Spielekonsole, die auf dem Couchtisch lag.

„Okay, Jones. Du weißt, was dir blüht.“ Er setzte seine Brille auf, machte es sich auf der Couch bequem und zog seinen eigenen Controller heran. Dann schaltete er den Fernseher ein und startete das Spiel.

„Echt jetzt, Eric?“, fragte Nell erstaunt, als sie sah, was er da hochgeladen hatte.

„Wenn du was anderes spielen willst, dann …“, stotterte er und wollte schon umschalten, aber sie hielt ihn auf und drückte ihm einen Kuss auf den Mund.

„Super Mario ist voll okay, Beal“, flüsterte sie und grinste. Und als sie die ersten Münzen und Sterne eingesammelt hatten, fühlte sich Nell schon nicht mehr ganz so traurig.
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