Blutrot

von Thory
GeschichteMystery / P16
24.01.2019
30.06.2020
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30.06.2020 2.328
 
Am nächsten Morgen holte mich das Klingeln des Weckers unsanft aus dem Schlaf. Mein Kopf dröhnte und meine Beine fühlten sich an, als hätte ich einen fiesen Muskelkater. Das musste vom Zittern kommen. Gut geschlafen hatte ich nicht, aber das war auch logisch. Den gestrigen Abend würde ich so schnell nicht vergessen. Wenn ich an diesen Typen dachte, begann ich beinahe wieder zu zittern. Wenn ich an Ichijo dachte, wurde ich traurig, da ich mich in ihm getäuscht hatte. Wenn ich an Kaname dachte, bekam ich Angst. Wenn ich an den heutigen Tag dachte, wollte ich am liebsten gar nicht mehr aufstehen.
Midori gähnte und rief ein verschlafenes „Guten Morgen“ in meine Richtung. Nein, es war kein guter Morgen. Es würde auch mit Sicherheit kein guter Tag werden. Wie konnte ich mit diesem Wissen die Zeit hier genießen?
Midori sah dies anscheinend anders, sie saß schon auf ihrer Bettkannte. „Ayumi? Bist du wach?“, fragte sie.
Als Antwort bekam sie nur ein Grummeln. Ja, leider war ich wach. Leider dachte ich wieder über alles nach, sah diese Szene vor mir.
„Du hast schon fest geschlafen, als ich ins Zimmer kam. Sayuri und ich haben überlegt, dass wir heute in die Stadt gehen“, erzählte sie.
„Viel Spaß“, murmelte ich.
„Du sollst doch mitkommen!“, rief Midori lachend und stand auf. „Oder geht es dir nicht gut?“
„Weiß nicht“, sagte ich nur.
„Möchtest du lieber hier bleiben?“ Besorgt kam sie näher.
Am liebsten würde ich ja und nein zugleich schreien. Ja, ich will in meinem Bett bleiben und nicht aufstehen! Nein, ich will diese Schule verlassen und wenn möglich gar nicht mehr herkommen! Ich hatte keine Ahnung, wie es weitergehen sollte.
„Ich habe Kopfschmerzen“, erwiderte ich und schaute zu meiner Freundin auf.
„Das ist nicht gut“, meinte diese. „Wenn du dich nicht fühlst, dann darfst du natürlich hierbleiben. Aber wir würden dich niemals ausschließen.“
„Das weiß ich“, entgegnete ich. Konnte ich meine Freunde hier alleine lassen? Sie waren ebenso in Gefahr. Alle Schüler waren in Gefahr. Langsam verstand ich die Aufgabe der Vertrauensschüler. Ebenfalls konnte ich mir nun vorstellen, warum nur die beiden nachts nach den Schülern der Day Class suchten. Sie waren eingeweiht. Und das bedeutete, dass auch der Rektor wusste, was sich auf dem Campus abspielte. Trotz allem ließ er zu, dass die Schüler auf das Internat gingen. Dabei gab es so viele Bedrohungen, von denen sie nichts zu ahnen schienen. Selbst ich würde das nicht, wenn ich nicht neugierig gewesen wäre. Wenn ich nicht die Angewohnheit hätte, Gefahren magisch anzuziehen.
„Ich gehe erst einmal duschen, du kannst dir das ja noch überlegen“, sagte Midori und verließ das Zimmer. Ich war wieder allein.
Was brachte es, wenn ich mich in meinem Bett verkroch, während die Sonne die Stadt erhellte? Ich konnte nichts an meiner Situation ändern. Es gab nur eins: Ich musste stark sein und durfte nicht aufgeben. Natürlich würde ich mich nun von allem fernhalten, was mit der Night Class zu tun hatte. Was mit Aido war, würde ich am Mittwoch entscheiden, wenn wir uns wieder sahen. Ansonsten musste ich mein Leben weiterleben. An dieser Schule, an der ich zwei so gute Freunde gefunden hatte. Die meine Mutter mir aus unerfindlichen Gründen ausgesucht hatte. In der Stadt, in der mein Vater Arbeit gefunden und Chancen auf eine Beförderung hatte. Es gab keinen anderen Weg. Jeder, der Schlimmes erlebt hat, musste nach vorne schauen. Also auch ich.
Vorsichtig stand ich auf und bemerkte, dass auch der Schwindel wieder da war. Schwindel und Kopfschmerzen. Langsam war ich diese beiden Dinge extrem leid. Immerhin war heute kein Unterricht.
Seufzend riss ich das Fenster auf und ließ frische Luft hinein. Es wehte eine kühle Brise. Eine Weile blieb ich stehen und genoss den sanften Wind. Es würde mir gut tun, mit meinen Freundinnen in die Stadt zu gehen. Das würde mich ablenken. Selbst wenn ich an dieser Schule immer wieder an die Night Class und alles, was mit ihr zusammen hing, erinnert wurde, war es einen Versuch wert. Später konnte ich mich immer noch abmelden und mir eine andere Schule suchen. Obwohl der Weg dorthin ziemlich lang sein würde.
Als Midori wieder ins Zimmer kam, ging ich mit ihr zum Frühstück. Dort trafen wir auf Sayuri, die aufgeregt erzählte, wie sehr sie sich auf den Stadtbummel freute. Als Midori meinte, dass ich vielleicht nicht mitkam, erlosch ihr Lächeln. „Warum denn?“
„Mir geht es nicht so gut“, antwortete ich wahrheitsgemäß.
„Oh, das ist aber schade.“
„Vielleicht hilft mir aber auch die frische Luft“, erwiderte ich, obwohl mir wirklich der Kopf dröhnte.
„Wenn es nicht geht, dann kehren wir einfach um“, beschloss Midori. „Wir haben ja genug Zeit, um das nachzuholen.“
„Na gut“, sagte ich und schlürfte meinen Kakao. Hoffentlich war es die richtige Entscheidung.

„Das will ich haben!“, rief Sayuri und hielt ein Kleid in die Höhe.
Wir waren wieder im Kleidungsgeschäft gelandet und meine Freundin hatte natürlich sofort etwas gefunden. Midori und ich schauten uns nur an und grinsten. Sofort lief Sayuri zur Kabine und kam freudestrahlend wieder heraus. „Es passt!“
„Das ist hübsch“, musste ich zugeben. Ich würde mir heute nichts Neues kaufen und auch Midori schien nichts zu finden. So verließ nur Sayuri mit einer Tüte in der Hand den Laden.
Wir bummelten weiter durch die Stadt, stockten unseren Süßigkeitenvorrat auf und setzten uns schließlich eine Weile auf eine Bank unter einem großen Baum. Während wir uns unterhielten, beobachteten wir die Menschen, die an uns vorbei gingen.
„Sieh mal, das kleine Mädchen dort“, sagte Midori.
Wir folgten ihrem Blick und entdeckten ein Kind mit langem, braunem Haar, das mit seiner Mutter unterwegs war. In der Hand hielt sie ein großes Eis, welches immer wieder kleckste und an ihrer Hand hinunter lief. Traurig betrachtete sie das Malheur und sagte etwas zu ihrer Mutter, die zu lachen begann. Dann holte sie ein Tuch aus der Tasche und wischte die Hand ihrer Tochter ab. Schnell leckte sie weiter an ihrem Eis. Nach kurzer Zeit waren sie aus unserem Sichtfeld verschwunden.
„Als Kind ist das Leben noch so unbeschwert“, seufzte ich und musste wieder an all meine Probleme denken.
„Man sieht die Welt mit anderen Augen“, erwiderte Midori verträumt.
„Ja, nochmal Kind sein wäre schön.“ Selbst Sayuri beteiligte sich an diesem Thema.
„Man hat kaum Sorgen und Probleme und freut sich über die kleinsten Dinge.“ Daran musste auch ich mich jetzt halten. Über kleine Dinge freuen.
Midori blickte nachdenklich zu mir. „Ist alles in Ordnung?“
„Wieso?“, fragte ich.
„Du wirkst ein wenig niedergeschlagen. Bedrückt dich etwas?“ Midori hatte natürlich wieder einen Volltreffer gelandet. Nur leider konnte ich mich ihr nicht anvertrauen.
„Ich habe noch immer ein wenig Kopfschmerzen“, redete ich mich raus. Ich konnte an Midoris Blick erkennen, dass sie mir nicht glaubte. Jedoch sagte sie nichts. Bestimmt wollte sie warten, bis ich von mir aus auf sie zu kam.
„Oh, sollen wir zurück?“, fragte Sayuri.
„Nein, es geht schon. Die frische Luft tut mir gut.“ Was meine Schmerzen anbelangte, sie waren schon seitdem ich draußen war besser geworden. Auch der Schwindel wurde weniger. Es hatte mich unheimlich irritiert, dass die Erinnerungen so schnell und plötzlich zurückgekommen waren. Ob es daran lag, dass es in letzter Zeit so oft passiert war? Aber die Ablenkung konnte ich wirklich gebrauchen. Keine Gedanken über die Night Class! Es würde nur die gute Stimmung zerstören.
„Wisst ihr was?“, begann Sayuri. „Nachdem ich das Mädchen eben gesehen habe, bekomme ich Hunger auf…“
„…ein Eis“, unterbrach Midori sie lachend.
„Ich bin auch dafür“, sagte ich. Was war eine bessere Ablenkung als ein leckerer Eisbecher im kleinen Café? Sofort machten wir uns auf den Weg dorthin.

Als wir auf dem Rückweg zum Campus waren, hatte ich mein Lächeln wieder im Gesicht. Wir hatten entschieden, das Mittag im Internat ausfallen zu lassen und hatten in der Stadt gegessen. Daraus folgte, dass wir die meiste Zeit des Tages außerhalb des Campusgeländes verbracht hatten. Je näher wir dem Tor kamen, desto nervöser wurde ich. Das passierte ganz automatisch. Zumindest waren meine Gedanken kaum mehr um die Night Class gekreist. Oder um diesen gruseligen Typen.
„Sollen wir uns bis zum Wechsel noch an den See setzen?“, fragte Midori.
„Auf welcher Seite?“, fragte ich sofort.
„An unseren Lieblingsplatz“, grinste Sayuri.
Der lag auf der Campusseite. Aber der Wechsel war noch lange hin, sodass ich zögernd zustimmte. Jetzt sollte nichts passieren. Wir waren nicht allein. Ich versuchte mich zu beruhigen, da wieder Angst in mir aufstieg. Doch meine Freunde lenkten mich schnell ab und am Ende waren wir schon wieder in unserem Wohnheim, als der Wechsel stattfand.
Gegen Abend wurden meine Schmerzen wieder stärker und nach einem von Midoris Tees legte ich mich ins Bett. Da ich sowieso den ganzen Tag ziemlich müde gewesen war, würde mir der Schlaf gut tun.
Als ich am nächsten Morgen aufstand, ging es mir deutlich besser. Für heute hatte ich mir vorgenommen, wieder reiten zu gehen. Meine Freunde hatten keine Lust, sodass ich allein zum Reitstall ging. Jedoch war ich schneller unterwegs als sonst, der Wald machte mir nun auch tagsüber ein wenig Angst. Die Lehrerin begrüßte mich erfreut, sie war gerade selbst dabei, ein Pferd zu satteln. Selbstverständlich durfte ich mit Thunder reiten.
Nachdem dieser fertig war, führte ich ihn zu den Reitplätzen. In dem ersten ritt die Lehrerin, in dem zweiten einige andere Mädchen und im dritten war niemand. Auf diesen steuerte ich zu. Nach kurzer Zeit stieß noch eine weitere Reiterin dazu, die mich fröhlich grüßte. Zum Glück keine, die mich aufgrund meiner öffentlichen Erlebnisse mit der Night Class nicht mochte. Keine Gedanken an die Night Class! Nicht jetzt, ermahnte ich mich.
Mir fiel wieder einmal auf, wie sehr ich das Reiten vermisst hatte. Natürlich erinnerte es mich an meine Mutter, aber auf positive Weise. Und es ließ mich meine Probleme für einen gewissen Zeitraum vergessen. Es war eine gute Entscheidung gewesen, diesen Kurs zu wählen.
Nachdem ich Thunder nach dem Reiten versorgt hatte, überlegte ich, wie es nun weitergehen sollte. Ich konnte mir nur immer wieder sagen, dass ich stark sein musste. Natürlich würde ich nicht vergessen, aber ich musste lernen, damit zu leben. Ich würde nicht weglaufen. Auch, wenn ich die Gefahr auf diesem Gelände spürte.
Thunder schüttelte den Kopf, als ich ihm durch die Mähne fuhr. Als wollte er sagen, ich solle da raus gehen, und es allen zeigen! Ich lächelte und strich ihm über die Stirn, bevor ich die Boxentür schloss. Das würde ich tun. Und wenn ich es immer und immer wieder von vorn versuchen musste.
Den Rest des Sonntags verbrachte ich mit Midori und Sayuri. Nachmittags setzten wir uns noch eine Stunde zum Lernen zusammen. Dann kam auch schon der Montag. Die Schule ging wieder los und die Routine begann. Ich schlug mich gut. Die Gespräche über die Night Class ignorierte ich und ließ mich auf alle Ablenkungen ein, die es gab. So verging der Tag, wie auch der nächste. Erst am Mittwoch wurde ich wieder nervös. Heute Nacht würde ich Aido treffen. Der mit der ganzen Sache zu tun hatte. Vielleicht mehr, als mir lieb war. Wie sollte ich nur reagieren?
„Ayumi?“
„Oh, Entschuldigung“, erwiderte ich. „Ich war gerade in Gedanken.“
Midori schüttelte grinsend den Kopf. „Das habe ich gemerkt.“
„Was hast du denn gesagt?“
„Ob wir die Hausaufgaben in Mathe heute gleich machen sollen und mit dem Lernen verbinden“, wiederholte sie.
„Nein, kein Mathe-Tag“, stöhnte Sayuri neben uns. „Mir hat der Unterricht gerade schon gereicht.“
„Aber wir brauchen dich“, sagte ich.
„Ja, schon okay. Ich komme allerdings nur, wenn es Kekse gibt“, grinste sie.
„Die kannst du haben“, lachte Midori.
Schließlich saßen wir nach dem Unterricht zusammen in unserem Zimmer, aßen Kekse und rechneten Matheaufgaben. Doch immer wieder schweiften meine Gedanken ab und am Abend lag ich unruhig in meinem Bett. Midori war sofort eingeschlafen und ahnte nichts davon, dass ich noch einmal das Wohnheim verlassen würde. Sollte ich das überhaupt tun? Oder mit allem abschließen, auch mit Aido? Nein, in meinem Innern wusste ich, dass ich das nicht konnte. Ich hatte mich ihm anvertraut. Irgendwie bestand eine Verbindung. Wie auch immer diese genau aussah. Ich konnte ihn jetzt nicht versetzen. Ob ich ehrlich mit ihm über das reden konnte, was passiert war? Mit diesem gruseligen Typen? Mit Ichijo? Der Gedanke an ihn versetzte mir einen Stoß. Nach wie vor wollte ich diese Enttäuschung nicht wahrhaben. Ich sah noch immer sein Lächeln vor mir, als ich ihn das erste Mal in der Schule getroffen hatte. Es war so ehrlich. Das hatte ich gedacht. Diese freundlichen, grünen Augen, mit denen er mich angesehen hatte. Ich seufzte leise. Alles war Fassade gewesen.
Mein Blick fiel auf meinen Nachttisch, auf dem meine Kette lag. Er hatte sie in der Hand gehabt. Moment. Wann hatte er sie mir denn gegeben? Ich wusste noch, wie Kaname meine Gedanken gelöscht hat. Mein Kopf pochte wieder ein wenig. Nein, ich musste kurz ohnmächtig gewesen sein. Denn ich hatte auf dem Boden gehockt, mit der Kette in der Hand und war anschließend zum Wohnheim zurückgekehrt. Und doch…
Ich hatte diesen kleinen Teil tatsächlich vergessen gehabt. Aber nun sickerte etwas durch. Keine Bilder, aber ich fühlte, wie mir die Kette in die Hand gedrückt wurde. Und ganz leise Ichijos Stimme. Es tut mir leid. Hatte er das wirklich gesagt oder bildete ich es mir nur ein? Diese ganze Gedankenmanipulation machte mich noch irre. Mein Blick wanderte von der Kette zu meinem Wecker. Es war Zeit, aufzubrechen.
Ich schlich mich aus dem Wohnheim und kroch am schnarchenden Wächter vorbei. Dann ging ich langsam die Brücke entlang. Über mir schimmerten die Sterne. Noch konnte ich niemanden sehen, aber Aido versteckte sich bestimmt wieder bis ich kam. Es gab kein Zurück. Kaum hatte ich die Brücke verlassen, trat er hinter dem Busch hervor und lächelte. Ich musste ihn darauf ansprechen. Er konnte mir bestimmt helfen, damit umzugehen. Denn da er zu der Gruppe gehörte, wusste er sicherlich Bescheid. Und seine Augen waren ebenfalls rot geworden, wenn auch nicht so glühend und intensiv. Ich machte einen letzten Schritt und stand vor ihm.
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