Verliebt in einen Dichter

von Eosphora
GeschichteRomanze, Angst / P12
24.01.2019
23.02.2019
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„Hey“, sagte ich, nachdem er sich gemeldet hatte. „Ich bin's, Sascha. Ich wollte nur sagen … es geht mir soweit wieder gut und ich würde morgen wieder zur Schule kommen. Nur, dass du bescheid weißt. Oder warst du die letzten Tage schon da?“
Vorstellen konnte ich es mir, wieso sollte er auch auf fünf Tage Unterricht verzichten, nur, weil ich krank im Bett lag? Irgendjemand hätte ihm bestimmt auch helfen können.
„Okay“, sagte er nur. „Wir holen dich dann wie gehabt gegen zwanzig nach sieben ab. Bis morgen.“
Bevor ich widersprechen konnte, hatte er schon aufgelegt. Auch gut.
„Josua holt mich morgen früh ab“, informierte ich meine Eltern, Mama nickte und mein Vater ließ ein „Hm“ hören.
Ich verkrümelte mich wieder in mein Zimmer und nahm mir ein Buch. Das Lesen hatte mir in der Woche unglaublich gefehlt und ich genoss es, mich endlich wieder schmerzfrei auf die Buchstaben konzentrieren zu können.
Gleichzeitig bereitete mir der Gedanke an den kommenden Tag allerdings Kopfschmerzen und ich konnte mich nicht wirklich auf die Geschichte einlassen.
Wie Lars wohl reagieren würde? Meine Mutter hatte mit der Anzeige Ernst gemacht, ob er wohl schon Wind davon bekommen hatte? Und wie würden sich meine anderen Mitschüler verhalten?
Seufzend legte ich das Buch zur Seite, es hatte keinen Wert, wenn ich mich nicht fallen lassen konnte. Vielleicht sollte ich einfach früh ins Bett gehen und nicht zu viel nachdenken. Das hatte ich in der vergangenen Woche genug getan, etwas Anderes hatte ich ja auch nicht zu tun gehabt. Irgendwann hatten meine Gedanken sich nur noch im Kreis gedreht, so sehr, dass ich das Gefühl gehabt hatte, der ganze Raum um mich würde sich bewegen. Wahrscheinlich hatte ich einfach nur mein Gehirn zu sehr angestrengt, aber mir gefiel das andere Bild besser.
Offensichtlich begann Josua bereits, einen gewissen Einfluss auf mich zu haben.
Weil mir nichts Besseres einfiel, ging ich tatsächlich ins Bett. Mein Körper hatte sich an den vielen Schlaf gewöhnt, sodass ich rasch einschlief und bis zum nächsten Morgen nicht mehr aufwachte.
Ich wünschte meinen Eltern einen guten Morgen, ging unter die Dusche und trank meinen Kaffee, bemüht, nicht an den bevorstehenden Tag zu denken.
Um viertel nach sieben verabschiedete ich mich, ich wollte Josua und seinen Vater nicht warten lassen.
Wie sich herausstellte, war ich gerade pünktlich.
„Guten Morgen“, sagte ich, als ich einstieg. Josuas Vater lächelte mir zu, während Josua selbst nur ein knappen „Morgen“ für mich übrig hatte. Hatte ich ihm irgendwas getan? Oder nahm er es mir einfach nur übel, dass er eine Woche nicht in der Schule gewesen war? Falls ja, würde er was von mir zu hören bekommen, so viel war sicher. Immerhin hatte ich nicht darum gebeten, niedergeschlagen zu werden.
Die Fahrt verlief schweigend, aber wenigstens dauerte sie nicht lange.
„Danke, dass Sie mich abgeholt haben“, sagte ich. „Ich hoffe, dass es nicht mehr so lange notwendig sein wird, Josua findet sich bestimmt bald alleine zurecht.“
„Bis heute Nachmittag“, sagte Josua zu seinem Vater, bevor dieser etwas sagen konnte, und stieg aus. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich zu verabschieden und ihm zu folgen.
Als ich neben ihm stand, legte ich Josua wie zuvor eine Hand auf den Rücken und ging mit ihm gemeinsam zum Schulgebäude.
Vor unserem Klassenraum grüßte ich meine Mitschüler knapp, aber freundlich, Josua sagte gar nichts. Lars war noch nicht da, worüber ich sehr froh war. Oder war er vielleicht sogar der Schule verwiesen worden? Obwohl … das glaubte ich nicht. Seine Eltern hatten zu viel Geld und zu viel Einfluss, die Schule würde sich nicht auf einen Prozess einlassen wollen, da war ich ziemlich sicher.
Niemand erwähnte das, was vor einer Woche passiert war, auch die Lehrer nicht, denen ich mein Attest vorlegte.
Meine Hoffnung, Lars nie wiedersehen zu müssen, zerschlug sich in der zweiten Stunde. Keine Ahnung, wieso er die erste verpasst hatte, aber es gab nicht mal einen Eintrag ins Klassenbuch. Mich sah er nur kurz an, doch ich konnte seinen Blick nicht deuten. Nur eine leise Stimme in mir riet mir, mich von ihm fernzuhalten und ihm möglichst nicht alleine unter die Augen zu treten. Wobei alleine ohnehin relativ war, denn ich hatte mir schließlich Josua ans Bein gebunden. Und der hatte schon unter Beweis gestellt, dass er seinen Blindenhund verteidigte, wenn es nötig wurde. Und darauf vertraute ich tatsächlich weiterhin, obwohl er im Laufe des Schultages nicht ein einziges Wort mit mir wechselte.
Sollte ich ihn fragen, was los war? Oder es einfach so hinnehmen? Immerhin ging er mir nicht mehr auf die Nerven, das war ein Fortschritt, aber dieses unterkühlte Schweigen würde auf die Dauer auch sehr anstrengend werden.
Ich beschloss, ihm noch bis morgen Zeit zu geben. Wenn er dann immer noch nicht mit mir sprach, konnte ich ihn immer noch zur Rede stellen.
Während wir auf seinen Vater warteten, überlegte ich, ob ich nicht einfach wieder laufen sollte, immerhin hatte ich Bewegungsmangel, aber ich befürchtete tatsächlich, dass Lars mir irgendwo auflauern würde. Zutrauen würde ich es ihm. Es würde mich schon Überwindung kosten, später in den Stall zu gehen, weil ich dort möglicherweise Lars' Schwester über den Weg laufen würde, die ebenso furchtbar war wie ihr Bruder und jetzt einen Grund mehr hatte, mich fertig zu machen.
„Was hast du die Woche über eigentlich so gemacht?“, fragte ich Josua, einfach, um mich von meinen Gedanken abzulenken. „So langweilig wie meine war sie bestimmt nicht, oder?“
Er zuckte nur mit den Schultern.
„Ich habe bei den Lehrern angerufen und sie gebeten, mir die Inhalte zu nennen, die durchgenommen wurden. Und dann habe ich den Stoff aufgearbeitet. Ob das jetzt langweilig war oder nicht, kann ich nicht sagen. Es war auf jeden Fall sinnvoll.“
„Dann kannst du mir doch sicher helfen, oder?“, fragte ich. „Oder mir zumindest auf die Sprünge helfen, was ich mir anschauen sollte. Ehrlich gesagt, ich war heute etwas überfordert nach sieben Tagen Bettruhe.“
„Nachvollziehbar“, war seine einzige Antwort. Gut, von mir aus. Dann schwieg ich eben auch wieder.
Zum Glück hielt kurz darauf Josuas Vater auf dem Parkplatz, ich würde also bald erlöst sein.
„Habe ich mich übrigens schon vorgestellt?“, fragte er anstelle einer Begrüßung, während Josua sich schon mal in den Wagen setzte. „Ich bin Gerald. Du kannst mich gerne duzen, ich sehe das nicht so eng.“
„Freut mich“, sagte ich. „Sascha, aber das wissen … weißt du ja schon.“
„Können wir dann?“, fragte Josua ungehalten. „Ich würde gerne nach Hause.“
Gerald lächelte und zwinkerte mir zu.
„Er ist etwas schwierig im Moment“, flüsterte er. „Die Woche Zwangspause hat ihm gar nicht gefallen und unter uns, ich glaube, er hat dich vermisst.“
War das sein Ernst? Sein Sohn und ich kannten und zeitlich gesehen drei Tage! Warum glaubten Eltern eigentlich bei ihren Kindern immer an Liebe auf den ersten Blick? Wir waren doch keine Figuren in einer Jugendschmonzette!
Ich zog es vor, nur mit den Schultern zu zucken und mich jeglicher weiteren Antwort zu enthalten.
Gerald ließ es auf sich beruhen und ich stieg auf den Rücksitz.
Allerdings konnte ich nicht verhindern, dass der Gedanke sich in meinem Kopf festsetzte. Andererseits, hatte ich Josua vermisst? Eigentlich nicht. Wieso hätte er dann mich vermissen sollen?
„Deine Mutter ist übrigens sehr nett“, plauderte Gerald, sobald wir fuhren. „Sie ist nicht zufällig Single, oder?“
„Gerald!“
Huch? Sprach Josua seinen Vater immer Vornamen an oder wollte er vor mir nur nicht „Papa“ oder etwas in der Richtung sagen? Mir zumindest war das immer unangenehm und ich versuchte, mich irgendwie davor zu drücken. Manchmal endete das in wunderlichen Satzkonstruktionen, aber immerhin war ich so um „Mama“ oder „Papa“ drumherum gekommen.
„Was denn?“, fragte Gerald. „Man wird ja wohl noch fragen dürfen. Also, Sascha? Ist sie Single?“
„Nein“, antwortete ich schlicht. „Glücklich verheiratet. Aber ich bin sicher, sie wird trotzdem mal eine Einladung aussprechen oder sich zu einem Besuch überreden lassen.“
Er seufzte.
„Schade. Aber gut, da kann man nichts machen, ich gönne deinen Eltern ja ihr Glück. Bin schließlich kein Unmensch.“
Ich hoffte, dass das Thema damit erledigt war, denn Josua schien nicht sonderlich begeistert zu sein. Ob ich morgen fragen sollte, was mit seiner Mutter war? Oder würde Gerald ohnehin noch aus dem Nähkästchen plaudern?
Um Josuas willen betete ich, dass er sich zurückhielt, denn Josua schien nicht sonderlich erbaut über dieses Gesprächsthema zu sein.
Gerald hatte ein Einsehen, verlor nur noch ein paar Worte über das Wetter und sagte, dass er mich morgen wieder abholen würde.
Ich war unglaublich froh, als ich endlich aussteigen konnte.
„Danke, dass du mich wieder gebracht hast“, sagte ich. „Bis morgen, Josua.“
Ich winkte noch kurz und lief dann schnell ins Haus. Bloß weg.
Gerald und meine Mutter … das war etwas, das ich mir nicht mal im Traum ausmalen wollte, alleine konnten sie ja schon unglaublich peinlich sein, aber zusammen … bitte nicht. Wären sie ein Paar, könnte man sich mit ihnen nicht mehr draußen blicken lassen.
„Bin wieder da!“, rief ich, als ich die Wohnung betrat. „Was gibt’s zu essen?“
„Nudeln“, sagte Mama und kam aus der Küche. „Wie war die Schule? Ist Lars noch da?“
„Ja“, antwortete ich. „Keine Ahnung, was in seinem Kopf vorgeht, aber jetzt möchte ich ihm noch weniger alleine über den Weg laufen“, sagte ich. „Ehrlich gesagt, irgendwas an ihm macht mir Angst, und das liegt nicht daran, dass er mich geschlagen hat.“
„Das legt sich bestimmt wieder“, sagte sie, strich mir über die Haare und küsste mich auf die Stirn. „Mach dir keine Sorgen. Mit etwas Glück nehmen ihn seine Eltern nach der Anzeige auch von der Schule, wer weiß das schon? Hat Josua sich gefreut, dich wiederzusehen?“
„Nein“, antwortete ich wahrheitsgemäß. „Aber sein Vater steht auf dich, er hat gefragt, ob du Single seist.“
Mama lachte.
„Nett“, lächelte sie. „In meinem Alter hat man es ja selten, dass einem jemand schöne Augen macht, vielleicht sollte ich ihn mir warmhalten. Dein Vater ist schließlich faul, was Komplimente und Flirts angeht. In der Hinsicht seid ihr beiden euch wirklich sehr ähnlich. Kein Sinn für Romantik.“
„Ich habe gesagt, dass du glücklich verheiratet bist, ihn aber bestimmt mal einlädst“, sagte ich und zuckte mit den Schultern. „Dass er Gerald heißt, weißt du sicher, oder?“
„Ja, er hat sich vorgestellt“, sagte sie. „Aber lenk nicht ab. Josua hat sich nicht gefreut? Wieso denn das?“
„Mama, er ist blind. Er kann sich nicht freuen, mich wiederzusehen, weil er gar nicht sehen kann.“
Immerhin war das nicht gelogen und ich dankte ihr im Stillen für diese Steilvorlage. Ich wollte nicht unbedingt über Josua diskutieren, wenn es sich vermeiden ließ.
„Du bist wirklich die Tochter deines Vaters“, stöhnte meine Mutter. „Du weißt ganz genau, was ich meinte. Muss ich wirklich meine Sprache an seine Einschränkung anpassen, damit ich eine Antwort von dir bekomme?“
„Scheint so“, erwiderte ich. „Aber es ist trotzdem, wie ich sage: Nein, er hat sich nicht gefreut. Können wir es dabei bewenden lassen? Ich hab Hunger.“
„Hm.“ Sie war nicht zufrieden, das sah ich ihr an der Nasenspitze an. Aber sie respektierte, dass ich nicht darüber reden wollte, obwohl ich es ihr durchaus zutraute, bei Gerald anzurufen und ihn zu fragen, was seinem Sohn denn einfiele, nachdem ich seinetwegen schon eine Woche Schule verpasst hatte.
Immerhin hatten die beiden ein unerschöpfliches Gesprächsthema. Mit meinem Vater ließ sich eben nicht so gut tratschen, wie meine Mutter nicht müde wurde zu betonen.
„Hast du eigentlich viel verpasst?“, fragte sie, während ich zu Mittag aß. Oder hält es sich in Grenzen?“
Ich zuckte mit den Schultern.
„Keine Ahnung, heute war es ziemlich viel, aber vermutlich bin ich einfach noch nicht so ganz auf der Höhe.“
„Gehst du heute trotzdem zu Napoleon?“, fragte sie. „Der Arme hat dich bestimmt vermisst, als du ohne Ankündigung weggeblieben bist.“
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