Verliebt in einen Dichter

von Eosphora
GeschichteRomanze, Angst / P12
24.01.2019
14.05.2019
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„Lass uns wieder nach unten gehen“, wiederholte Josua. „Wirklich. Dieses Gespräch führt zu nichts. Ich wollte … dir eine Freude machen, indem ich dir das Zimmer hier zeige. Weil es wirklich niemand vorher betreten durfte, aber … vermutlich war das für mich eine größere Geste als für dich. Dafür kannst du nichts, das sehe ich ein. Wir sind … einfach zu verschieden. In unseren Denkweisen. Unseren Gefühlen.“ Er stockte. „Deswegen hatte ich unsere Bekanntschaft im Sande verlaufen lassen. Weil sie nicht funktioniert, es gar nicht kann, wenn du dich nicht auf mich einlassen kannst. Mir bleibt leider nur das, denn … nun, ich bin in meinen Tätigkeiten eingeschränkt. Also … steh bitte auf und lass uns gehen. Es ist besser, wenn du nicht mehr hier bist.“
Ich stand auf, seine Worte hatten mich getroffen und ich konnte nicht einschätzen, ob er sie wirklich so gemeint hatte. Ich hatte den Verdacht, dass es hierbei um etwas Anderes ging, aber ich kam nicht darauf, was. Und was sollte dieser Zusatz mit „es kann nicht funktionieren“? Wollte er mich schon wieder abservieren? Ganz abgesehen von dem Vorwurf, dass ich mich nicht genug auf ihn einlassen würde. Wir waren immer noch zwei Personen und, Einschränkung hin oder her, er hatte ebenso eine Bringschuld wie ich. Ich hatte mich schließlich nicht an seine Fersen geheftet, ich hatte ihm nur ein halbwegs freundliches Willkommen bereiten wollen. Dass er mich gleich als „Blindenhund“ haben wollte, hatte er sich selbst zuzuschreiben.
Ich ging an ihm vorbei nach unten, doch nicht ins Esszimmer. Mum und Gerald redeten immer noch miteinander und da wollte ich erstens nicht stören und zweitens … wollte ich mir von Josua nicht die Regeln diktieren lassen. Dieses Mal wollte ich mich nicht so leicht abwimmeln lassen. Entweder sprach er mit mir oder ich war weg. Seit ich ihn kannte, hatte ich genug Probleme, da brauchte ich nicht noch mehr.
Ich setzte mich auf sein Bett und wartete, doch er ließ sich Zeit. Vielleicht lief er auch zuerst ins Erdgeschoss, nur, um dann festzustellen, dass ich nicht dort war.
Etwa fünf Minuten später betrat er sein Zimmer.
„Sascha?“, fragte er.
„Was ist?“, erwiderte ich. „Willst du noch mehr Schaden anrichten?“
Was Gerald konnte, konnte ich schon lange und meine Stimmung war gerade dabei, zu kippen.
Mein genähter Arm meldete sich zurück und erinnerte mich daran, dass da Fäden drin waren, die irgendwann gezogen werden wollten. Etwas, das ich ohne Josua nicht über mich ergehen lassen müsste.
Josua ließ sich nicht viel anmerken, aber er ballte seine Hände zu Fäusten – eine der unkontrolliertesten Gesten, die ich jemals bei ihm wahrgenommen hatte. Für gewöhnlich war er, egal in welcher Situation, beherrscht und ruhig. Ich rechnete eigentlich mit einer bösen Antwort oder wenigstens der Aussage, dass ich es nicht so meinen würde, aber er sagte nichts dergleichen.
Stattdessen sah er so aus, als ob er nicht wüsste, was er mit sich anfangen sollte.
Ach, verdammt.
„Komm schon her“, sagte ich. „Ich kann es ja nicht mit ansehen, wie du da wie bestellt und nicht abgeholt in der Gegend rumstehst.“
Ich wartete ab und irgendwann schien er mit sich übereinzukommen, dass es egal war, ob er sich jetzt zu mir setzte oder vor der Tür stehen blieb.
Ich würde mich so oder so kein Stück bewegen.
Er ging zuerst auf seinen Schreibtisch zu, doch dann überlegte er es sich anders und setzte sich zu mir auf sein Bett.
Ich war etwas überrascht, aber ich blieb, wo ich war.
Josua holte tief Luft.
„Es tut mir leid“, sagte er.
„Was genau?“, fragte ich.
„Was ich … da oben gesagt habe. Ich war verletzt und wollte dich das spüren lassen. Das ist nicht okay von mir und ich kann es nicht zurücknehmen, aber … du sollst wissen, dass es mir leid tut.“
„Erklärst du mir auch, was genau dich so verletzt hat?“, fragte ich. „Denn das wollte ich nicht. Ich habe nur wirklich nicht verstanden, was du von mir wolltest. Es hat seinen Grund, wieso ich bei Gedichten so schlecht bin, weißt du? Ich kann sie schön finden, aber ich verstehe nicht mehr als das, was da auf dem Papier steht.“
„Ich weiß“, murmelte er. „Und deswegen hatte ich auch kein Recht, so zu fühlen … ich dachte einfach, dass … du mich vielleicht ein wenig mehr verstehen würdest. Obwohl ich das eigentlich nicht verlangen kann, nachdem ich mich so von dir abgeschottet hatte.“
Ob ich noch mal nachfragen sollte, was er mir hatte sagen wollen? Besser nicht.
„Ich wollte dir nicht wehtun“, sagte ich. „Und es tut mir leid, dass ich es getan habe. Aber weißt du … mich dann einfach auszusperren, das hilft dir vielleicht für eine kurze Zeit, aber ich kann damit nichts anfangen. Ich weiß dann nicht, was ich falsch gemacht haben soll. Du kannst mit mir reden, weißt du? Ich bin dein Blindenhund, ich belle nur, allerhöchstens. Aber beißen werde ich dich ganz bestimmt nicht.“
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